Letztens an der Ampel – ich sehe rot neben meinem Ex

 

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Es war Anfang Dezember und somit Zeit, dem Weihnachtsmarkt einen Besuch abzustatten. Meine Mädels und ich hatten diesen Termin schon vor einer Woche vereinbart und nun war es soweit. Ich freute mich. Obwohl ich wusste, dass meine Freundinnen erst bisschen später am Treffpunkt ankommen würden, fuhr ich mit meinem Rad los. Überpünktlich wie immer. Aber was sollte ich alleine zu Hause herumsitzen. Warten konnte ich auch draußen in der Gesellschaft fremder Menschen.

Also zog ich mir meine dicke grüne Winterjacke an, schwarze Handschuhe und eine warme lila Wollmütze über den Kopf. Dazu Stiefel, in denen ich jetzt schon kalte Füße hatte.
Und auch meine schwarze Hose bestand nur aus dünnem Stoff, der kühl auf der Haut lag. Aber alles egal. Hauptsache, ich sah gut aus. Man weiß nie, was noch passiert.
Danach holte ich mein Fahrrad aus dem Keller und machte mich langsam auf dem Weg. Schließlich hatte ich ca. eine halbe Stunde Fahrtweg vor mir, dachte ich.
Ich fuhr gelassen mit dem Rad den üblichen Weg. Natürlich waren wieder alle Ampeln auf rot, an denen ich vorbeikam. Die Straßenbahn kam auch überall dazwischen.
Gerade, als ich wieder freie Fahrt hatte, erspähte ich eine Person aus dem linken Augenwinkel heraus. Ich sah zwar nur seine Umrisse von hinten, aber erkannte sofort, dass es mein Ex war. Er trug eine bunte Jacke und eine schwarze Hose, die ich noch von damals kannte.
Er muss gerade aus der Straßenbahn gekommen sein. Damit fuhr er täglich zur Arbeit, so viel ich wusste. Einen kurzen Moment überlegte ich, ob ich weiter geradeaus fahre oder ob ich mich dreist zu ihm an die rote Ampel stelle. Ganz unbemerkt natürlich.
Innerhalb einer Sekunde wusste ich, was zu tun ist. Ich war aufgeregt und mein Herz sprang wie verrückt.
Mein Weg würde nun an ihm vorbeiführen. Aber bevor ich bei ihm war, musste ich noch wieder an einer roten Ampel warten. Ich hoffte, dass das Timing stimmte und seine Ampel nicht eher grün werden würde als meine. Mein Körper schüttete so viel Adrenalin aus, dass ich zitterte. Trotzdem blieb ich brav an der roten Ampel stehen, obwohl keine Gefahr zu sehen war. Als sie auf grün umschaltete, sprang ich sofort wie eine Wilde auf meinen Sattel, wobei sich die Kabel meiner Ohrstöpsel an den Drähten des Fahrradkorbes verhedderten. Das passierte mir öfters mal. Ein Handgriff genügte, um mich wieder zu befreien.
Mein Ex bekam davon nichts mehr mit, als ich auf einmal neben ihm bremste und zum Stehen kam.
Ich wusste, dass er es ist. Aber ich schaute nicht zur Seite, sondern stur geradeaus zur Ampel. Er stand genau links neben mir und vielleicht ein Stückchen dahinter. Jetzt war ich ihm so nah wie schon lange nicht mehr. Und dennoch wollte ich ihm nicht in die Augen schauen. Das hätte mir wohl den Tag verdorben. Hätte er keine Freundin, wäre die Begegnung sicher anders verlaufen. Aber: Er hat eine Freundin, immer noch. Mein Ex und ich haben zwar Kontakt per SMS, aber er hat eine Freundin. Und die ist mir ein Dorn im Auge. Denn zwischen meinem Ex und mir funkt es immer noch, irgendwie. Aber er kapiert nichts.
Wie dem auch sei. Nun stand er neben mir. Ob er mich erkannte und mich beobachtete? Dass ich eine grüne Jacke hatte, wusste er schließlich von dem Foto, welches ich ihm letztens schickte.
Ich stand mit ihm an der Ampel und zitterte mir einen ab. Kalt war mir nicht. Die Ampel war gefühlte Ewigkeiten auf rot. So gerne hatte ich noch nie an einer roten Ampel gewartet. Ich genoss es richtig, diese Nähe ohne Worte und seine heimlichen Blicke. Erst dachte ich noch, ich spreche ihn an. Aber dann dachte ich, das wäre nicht der richtige Moment. Lieber erst abwarten, was in den nächsten Wochen noch so passiert. Es wäre zu plump gewesen, ihn einfach so überraschend anzuquatschen mit all diesen Standardsprüchen. Für ihn müsste mir ein ganz besonderer Spruch einfallen, den ich gerade nicht auf Lager hatte. Also blieb es bei einem sprachlosen Treffen. Hoffentlich hatte ich einen guten Eindruck bei ihm hinterlassen, mit meiner glamourösen Erscheinung, bei all dem Glitzer an meinem Körper (Handschuhe, Mütze, Tasche).
Nach einer Weile ging die Ampel auf grün und ich fuhr mit vollem Elan weiter auf meinem Fahrrad. Ohne mich umzudrehen, ganz lässig mit der linken Hand in meiner Jackentasche. Auf und davon.
Wahrscheinlich war es richtig, viel zu früh losgefahren zu sein. Dieses ungewollte Treffen ließ mir für den Rest des Tages keine Ruhe.
Nach 15 Minuten war ich am vereinbarten Treffpunkt. Alleine.
Als ich auf mein Handy schaute, sah ich eine Nachricht: Bist du eben mit dem Rad an mir vorbeigefahren?
Ich antwortete erst Stunden später.

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