Katerli Bondewor

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Heute Morgen stand ich auf, nachdem ich in meinem Katzenkorb aus gold-lackiertem Korbgeflecht aufwachte. Das Kissen, auf dem ich schlief, war rosa. Diese Farbe liebte ich, denn sie hatte viel mit meinem Charakter gemeinsam. Ich würde mich als vorsichtig und wagemutig bezeichnen. Je nachdem. Natürlich war ich auch verträumt und kostete mein Leben, während ich schlief, genüsslich in meinen Träumen aus. Es gab immer viel zu fressen und schnurrende Miezen. Außerdem war ich der König der Löwen.
Auch mein echtes Leben war toll. Jede Katze hat sieben Leben, ich lebte bereits mein sechstes und es wurde mit jedem Jahr besser. Viele prekäre Unfälle hatte ich schon überlebt. Einmal war ich vom fünften Balkon gestürzt und hatte mir das Genick gebrochen. Ein lautes Krachen erfüllte meine Umgebung, als ich mit voller Wucht auf den harten Betonboden landete, der auch im Sonnenlicht nicht glitzerte.
Es hatte einige Momente gedauert, bis ich wieder zu mir kam. In einem weißen Raum unter einer grellen OP-Lampe, die mich fast erblinden ließ. Eine Horde von Lebewesen umgab meinen zerbrechlichen Körper und schaute prüfend auf mich herab. Aber alles halb so wild, ich lebte noch, denn ich war Katerli Bondewor, Frauchen Hildegard’s Liebling. Ich würde sie niemals nie im Stich lassen.
Als ich noch ganz klein war, adoptierte sie mich und ich schloss sie sofort tief in mein Herz.
Sie gehörte mir.

Vor meiner Adoption wuchs ich auf einem wunderschönen Bauernhof auf, wo es noch viele andere verschiedene Tiere gab, die ich alle sehr mochte. Kurz nach meiner Geburt hat mir der kleine Hund Bello ins Ohr gebissen, das tat weh. Das Ohr wuchs zum Glück wieder nach. Ich mag meine Ohren, sie sind oben spitz und innen flauschig. Viele Haare schmücken meinen Kopf und ich sehe aus wie ein süßer Tiger in Mini-Format. Meine Nase ist scharf, mein Maul ist gierig und meine Augen haben Hunger nach Abenteuer. Ja, ich bin Katerli Bondewor. Und mein Fell ist rebellisch rot, gespickt mit weißen Streifen, die sich nicht ablecken lassen.
Auf dem Bauernhof erlebte ich viele spannende Abenteuer und alle Tiere spielten mit mir auf einer großen Wiese mit bunten Pusteblumen im hellen Sonnenlicht. An solchen Tagen gab es keine Zuckerwatte am Himmel, sondern nur Schmetterlinge und Libellen. Ich liebte diese fliegenden Tiere, die ich mit meinen zarten Krallen zum Stillstand brachte und die Luft wieder frei war.
Manchmal fragte mich Bello, warum ich eine Katze bin? Ich konnte es ihm nicht sagen. Ich und Bello waren trotzdem die besten Freunde, die man sich nur vorstellen konnte, auf der ganzen weiten Welt. Unzertrennlich.
Bello war ein graziler Jagdhund und darum war es sein Schicksal, bei der Jagd angeschossen zu werden. Er kam nochmal mit einem Streifschuss und einem blauem Auge davon, das eigentlich braun war. Bello war tapfer und tollpatschig. Genau wie ich, wenn ich auf dem Tisch beim Tierarzt lag.

Aber es gab nicht nur Bello, sondern auch Mina, das Schaf.
Auch sie war eine meiner besten Freunde und immer hatte sie lockige Haare. Ihr Fell war aus zitronengelber Wolle, so warm und weich. Aber auch fettig, wenn man genauer hinsah. Mina war hübsch. Allerdings nur im Winter, denn im Sommer kam sie nackt und mit ohne Fell nach Hause. Das war bestimmt deswegen, damit sie nicht schwitzt, denn so ein dickes Fell ist wohl wie eine tragbare Heizung auf Hochtouren, mit defektem Drehknopf zum Runterschalten. Wahrscheinlich wollten sie ihr mit dem Kurzhaarschnitt einen Gefallen tun und ihr das Leben retten. Sonst hätte sie bald einen Kurzschluss erlitten und wäre in Flammen aufgegangen. Arme Mina.
Sie stopften ihr zerschnittenes Fell in zwei braune Säcke und trugen sie vor ihrer Nase fort. Mina war großzügig und naiv. Sie kämpfte nicht. Genau wie ich, wenn ich schlief. Was sie mit ihren Haaren taten, wusste ich nicht. Vielleicht machten sie daraus neue Tiere, Tiere ohne Herz und Organe. Leblose Lebewesen aus Mina’s Wolle.
Ich kann mich daran erinnern, dass kleine Lebewesen solche Tiere oft auf ihrem Bett sitzen haben und gerne mit ihnen kuscheln, um besser schlafen zu können. Mina wusste auch nicht, was mit ihren Haaren passierte. Sie wusste nur, dass sie wieder nachwachsen, am liebsten hellblau. Das war ihr allergrößter Wunsch. Mina war eben das schwarze Schaf auf unserem Bauernhof.
Total blau-äugig.

Einen besten Freund auf dem Bauernhof hatte ich noch.
Kevin, die Kuh. Er war bunt, hatte schwarz-weiße Flecken auf seinem Fell und hatte eine große rosa Schnauze, die er immer mit seiner feuchten Zunge abschleckte, wenn Fliegen daran hängen blieben. Er war die perfekte Fliegenfalle.
Kevin fragte mich, warum ich eine Katze bin? Ich konnte es ihm nicht sagen. Ich und Kevin waren trotzdem die besten Freunde. Er war dick, stand den ganzen Tag im Stall herum und hatte eine Absaugpumpe am Euter hängen. Ein abscheulicher Anblick. Nebenbei fraß er das Heu, das andere Lebewesen liebevoll für ihn auf den dreckigen Boden drapiert hatten. Sie wollten, dass er nicht verhungert und glücklich ist. Aber ich konnte nicht verstehen, dass Heu ausreicht, um satt und glücklich zu werden. Kevin meinte, es schmeckt ihm. Vor allem, wenn noch ein paar vertrocknete Butterblumen mit Käfern drin waren und er fraß den ganzen Tag, bis abends. So konnte das Glück den ganzen Tag in seinem Bauch wachsen.
Ich mochte Kevin, er war so schön vertrottelt und gutgläubig. Genau wie ich, wenn ich betrunken war.

Eines Tages stand Kevin nicht mehr im Stall. Ich konnte mir nicht erklären, wo er auf einmal hingegangen war. Schließlich ging er nie alleine zu Fuß irgendwo hin, da er den Weg nicht kannte. Doch dann sah ich, wie die anderen Lebewesen ihn in einen viereckigen Raum auf Rädern wegfuhren und hinter dem Horizont verschwanden.
Kevin gab jämmerliche Laute von sich, obwohl er doch noch gar nicht wusste, wohin die Reise geht. Ich denke, er war einfach zu pessimistisch, denn er sagte schon immer, dass er die anderen Lebewesen nicht mag, obwohl die gut für ihn sorgten und ihm ständig Nahrung gaben.
Mir gaben sie auch Nahrung, Fleischbrocken in einem Napf mit leichter Tomaten-Sauce übergossen und ein Stück Petersilie durfte dazu nicht fehlen. An solchen Tagen fühlte ich mich wie ein Gourmet. Oder es gab feines Resteessen von vor einer Woche. Davon konnten Bello, Mina und Kevin nur träumen.
Später erfuhr ich, dass Kevin selbst zum Resteessen wurde und auf Tellern verteilt wurde, mit Rinder-Sauce übergossen. Dort endete seine Reise also. Kevin wurde zerstückelt und durfte sein Leben als multiple Persönlichkeit weiterführen.

Eines Tages kam ein neues Lebewesen auf unseren versteckten Bauernhof und ich war inzwischen der, der ich jetzt bin, Katerli Bondewor. Ein hübsches Geschöpf der widerspenstigen Natur. Ich wusste, was ich wollte, denn ich war ein erwachsenes Katzenkind und meine Instinkte trieben mich ins Unermessliche.
Meine besten Freunde wurden unsichtbar und ich sah nur noch das, was ein Kater sehen wollte. Muschis. Hübsche, bereitwillige Katzen mit denen ich andere Spiele spielte, die viel mehr Spaß machten und ordentlich für Nachwuchs sorgten. Dank mir.
Das neue Lebewesen stellte sich in ihrem Rock breitbeinig vor mich und begrüßte mich mit einem herzlichen Handschlag. Sie hieß Frauchen Hildegard. Das war ihre erste Bemerkung, die sie in ihrer lieblichen Stimme ertönen ließ.
Ich reichte ihr freundlich meine Pfote und musterte ihr Gesicht aufmerksam. Mir war gleich klar, dass sie das Potential hatte, meine neue beste Freundin zu werden. Zugleich würde sie in die Position meiner neuen Versorgerin schlüpfen, denn ich hatte bis heute nicht herausgefunden, wie man richtig einkaufen geht. Es scheiterte immer daran, den Kronkorken in den Einkaufswagen zu kriegen. Zudem waren die Regale im Supermarkt zu hoch und ich musste zu meinem Bedauern feststellen, dass Lügen kurze Beine haben.
Ich war also auf die Versorgung anderer höherer Lebewesen angewiesen. Denn bis heute war ich mir zu schade, eine Maus zu fangen, wenn ich Hunger hatte. Ich fand das einfach zu ekelhaft. Mäuse waren zum Spielen da und nicht zum Fressen. Und wenn ich sie kaputt spielte, kamen andere Tiere und nahmen sie freudestrahlend mit. Diese Tiere hatten meiner Meinung nach absolut kein Selbstwertgefühl. Diesen Tieren würde auch Müll schmecken.

Frauchen Hildegard war ein älteres Lebewesen mit dunkel gefärbten Haaren, um das Weiß am Ansatz zu vertuschen, während sich dezente Fältchen durch ihr zierliches Gesicht gruben. Wie viele Katzenjahre sie auf dem Buckel hatte, konnte ich schlecht schätzen. Ihr Buckel war riesig.
Frauchen Hildegard und ich setzten uns auf eine Bank, um uns über meinen und ihren vergangenen Werdegang zu unterhalten. Außerdem versuchte sie, mir mein neues Leben bei ihr schmackhaft zu machen, denn sie wollte, dass ich bei ihr wohnte. Sie lockte mich mit lukrativen Angeboten und erklärte mir meinen bevorstehenden Tagesablauf.
Weg vom Bauernhof und ab in eine schicke Stadtwohnung am Meer mit Vanille-Sandstrand. Tolle Aussichten für mich, Katerli Bondewor.
Ich hatte Lust auf diese neue Welt, die ich hier niemals kennenlernen würde. Also fiel ich Frauchen Hildegard dankbar um den Hals und bedankte mich mit einem nach Katzenfutter duftenden Küsschen auf die Backe. Daran sollte sie sich gewöhnen, denn ich liebte es abgöttisch, mein Revier zu markieren, egal wie und egal womit.

Frauchen Hildegard ging zu den anderen Lebewesen und teilte ihnen entschlossen ihre Entscheidung mit. Danach unterschrieb sie verkrakelt die Adoptionspapiere und packte mich in ihre edle Handtasche, auf der funkelnde Fake-Diamanten draufgeklebt waren. Nobel, nobel. Die Frau wusste, was sie wollte, hatte Stil und überzeugte mit gutem Geschmack. Sicherlich auch eine Frage des Alters. Als ich in der Tasche saß, musste ich kurz wieder an Kevin denken, denn er befand sich ja zuletzt auch in so einer Art Box, nur das Material war anders. Aus Stahlmetall mit Aluminium. Ich hoffte, dass meine Reise lebend endete und dass Frauchen Hildegard so nett war, wie sie aussah.

Sie trug mich mit ihrer Tasche in ihr Auto. Das Gefährt, in dem ich immer zum Tierarzt transportiert wurde. Ihr Auto war nicht viel größer als ein XXL-Schuhkarton mit Glasscheiben. Es roch nach frischem Leder und getrocknetem Nagellack. Wer weiß, welche Schätze sich im Kofferraum befanden. All ihre Einkäufe, um mir ein schönes Leben zu bieten. Ich nahm eine diffuse Note von Katzenfutter wahr. Ui, ein feines Begrüßungsessen wartete im Kofferraum auf mich. Ich konnte es nicht erwarten, es zu fressen.
Meine Reise in der Tasche war entspannt, denn ich durfte mit dem Kopf herausgucken und das Geschehen draußen beobachten. Meine Augen wurden immer größer und ich schaute mir die Landschaft an, die uns umgab und das Auto verschlang.

Nach einer Weile erreichten wir die Stadt, eine überdimensional große Stadt. Überall standen Häuser, die größer waren, als der Bauernhof und total anders aussahen. Und überall befanden sich bunte Lichter, die ihre Farbe wechselten, wie ein LED-Schneemann, den ich noch nie gesehen hatte, sondern nur davon träumte.
Überall hörte ich Krach und Lärm. Was die Lebewesen alle für Geräusche verursachten, war unglaublich.
Verschiedene Tiere sah ich hier allerdings nirgendwo. Vielleicht versteckten sie sich in den Häusern unter den Dächern da oben.
Die Stadt steckte voller Abenteuer, eine riesen Spielwiese für mich. Hier würde ich bestimmt viel erleben. Aber nun musste ich erst mal Frauchen Hildegard’s zu Hause über die Lupe nehmen. Hoffentlich waren wir bald da! Ich war schon ganz ungeduldig und außerdem musste ich mal auf Toilette gehen, langsam. Wir fuhren und fuhren. Irgendwie wurde die Tasche auch immer enger und kleiner.
Dauernd hielten uns bunte Lichter auf, die von rot auf gelb auf grün wechselten.
Dann bog Frauchen Hildegard rechts ab und bald darauf kam das Auto zur Pause, dank ihrer Hilfe.

Frauchen Hildegard sagte:“Hier sind wir“, nahm mich in der Tasche mit und machte den vielversprechenden Kofferraum auf. Dort war ganz viel Katzenfutter drin und Thunfisch. Yammi! Alles für mich, Katerli Bondewor. Mein Bauch knurrte aus voller Kehle. Es war Zeit für eine nährende Mahlzeit, zur Steigerung des Wohlbefindens. Sie nahm die ganze Kofferraumkiste mit und lud mich in der Tasche sitzend oben drauf. Herrliche Aussicht. Wie wäre es mit einem rutschigen Unfall? Nein, sie trug mich heil die Treppen rauf bis zu ihrer Wohnung. Frauchen Hildegard war ganz schön agil und sportlich. Schließlich war ich auch nicht gerade die dünnste Katze und hatte ausreichend Hüftgold, damit ich nicht erfror im kältesten Sommer.

Frauchen Hildegard hatte ein feines Stübchen und ich konnte gleich auf Erkundungstour gehen und alles beschnüffeln und auskundschaften. Ihre Wohnung war nicht groß, aber auch nicht klein. Irgend so eine Mischung aus beidem. Auch eine rosa Toilette hatte sie mir bereit gestellt, mit feinkörnigem Sand, damit ich meine teuren Samtpfötchen nicht verletzte. Ich ging hinein und machte mein Geschäft. Ich pinkelte, bis mein Bauch leer war und ich mich behaglich fühlte. Ohhh, war das eine Erleichterung! Die Grundbedürfnisse sind eben doch am wichtigsten.

Kurz, nachdem ich da war, hatte ich den Bauernhof eigentlich auch schon wieder vergessen. Mein Gedächtnis dauert nicht so lange. Frauchen Hildegard kam flott auf mich zugelaufen und ihr Rock kam wippend mit. Sie stellte mir eine Schale hin, worin sich mein Essen befand. Es sah delikat aus, obwohl sie das Essen einfach nur aus einer kleinen 100 Gramm Tüte gedrückt hatte. Ich beobachtete sie aus dem Augenwinkel bei der Nahrungszubereitung. Mein Hunger war so groß, dass es mir trotzdem schmeckte. Fleisch mit Sauce war ja schließlich auch mein Leibgericht, neben dem wöchentlichen Resteessen. Frauchen Hildegard hockte sich neben mich. Gab es da etwa sowas wie Futterneid? Ich schaute sie feindselig an. Sie lächelte und sagte:“Nein, nein, das ist die Sorte, die ich nicht mag. Aber ich sehe, dir schmeckt’s?“
Ja, mir schmeckte es! Ich sagte:“Guck mal da, in deinem Schrank. Da findest du bestimmt auch was Schönes, oder?“
Sie nickte mir wohlwollend zu und suchte sich woanders ihr Essen.

Nach dem Fressen war ich pudelsatt und wollte meine Sättigkeit überschlafen. Also hielt ich Ausschau nach einem geeigneten warmen Plätzchen. Überall gab es verstreute Schlafmöglichkeiten, ich war nur zu träge, um irgendwo hoch zu kommen. Aber auf dem Fußboden war es mir auch recht. Bis Frauchen Hildegard kam und mir einen Schlafkorb zuwies. Der weiße Schlafkorb mit dem rosa Kissen, in das ich mich verliebte. So eine schöne Farbe hatte ich zuvor noch nie gesehen, denn solche Farben waren auf dem Bauernhof nicht vorhanden. Ups, doch nicht vergessen, den Bauernhof. Ach ja, die guten alten Zeiten. Spätestens morgen hab ich’s vergessen.
Ich ging in den Schlafkorb und versank gleich in dem weichen Kissen. Es war ein tolles Gefühl, wie in süßer Zuckerwatte gebettet. Bald schlief ich seelenruhig ein und Frauchen Hildegard beobachtete mich ganz entzückt. Mit dem Schlafkorb hatte sie mir eine große Freude gemacht. Ich schlief und träumte eine Weile bis die Sonne unterging und es allmählich dunkel wurde in der Stube.

Frauchen Hildegard schrie:“Abendbrot!“ Ich tapste unbeholfen und schlaftrunken in die Küche, wo sie bereits am gedeckten Tisch saß und sich die Brotstulle verzweifelt in den Mund schob, mit Thunfisch drauf. Meine Schale stand auch auf dem Tisch. Jetzt verstand ich. Es handelte sich hier um ein Candlelightdinner. Sehr romantisch, danke. Ich nahm auf dem Holzstuhl platz, nachdem ich mich bemüht hatte, dort rauf zu krabbeln. Bin nicht gerade flexibel.
In meiner Schale gab es Kartoffeln mit Gulasch und ein bisschen Rosmarin. Dazu ein Glas Wein. Frauchen Hildegard wusste, was mir gefällt, sie hatte eine gute Intuition und Ahnung von Psychologie. Ich schaute ihr tief in die Augen und meine Schnurrbarthaare flatterten vor Nervosität. Sie war so ein liebes Lebewesen. Ich konnte ihre Liebe in der Luft spüren. Auch sie schaute mich an und kaute dabei hungrig auf ihrer Stulle herum, diesmal mit Wurst. Ein wirklich glücklicher Moment.
Ich bedankte mich nochmals für alles. Die Adoption war ein Geschenk für uns beide und von nun an würden wir unser Leben teilen.
Bis zum Ende ihres Buckels.

Lebkuchenmann

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Mein lebloser, lieber Lebkuchenmann.
Immer noch muss ich mich mit dir vergnügen, obwohl die Weihnachtszeit längst vorbei ist.
Aber ich habe es nicht geschafft, dich in die Dekokiste zu legen und ein Jahr auf dich zu warten.
Du bist mir sofort ans Herz gewachsen, als ich dich zum ersten Mal auf einem Foto sah.
Nur langsam geht mir dein aufgesetztes Grinsen auf den Keks!
Ich habe mich an dir satt gesehen und habe trotzdem Appetit auf Lebkuchen.
Heute Nacht werde ich dich unsanft von der Bettkante schubsen, wenn du mich noch einmal anknabberst und deine Krümel in meinem Bett verteilst.
Und überall dieser klebrige Zuckerguss.
Jetzt verstehe ich, warum du jeden Tag gute Laune hast.

Unter blauem Himmel

Manchmal ist das Leben mehr Schein als Sein, genau wie bei Caro: Sie war ein scheinbar lebensfroher Mensch, der gern lachte und unangenehme Situationen mit einem lässigen Achselzucken wegsteckte, und ein Mensch, der Herzenswärme ausstrahlte und jeden damit einhüllte. Sie war eine starke Frau, die selbstbewusst war und ihre kindliche Neugier nie verloren hatte. 
Mit ihren goldblonden Haaren, den frechen grünen Augen und ihren vollen kirschroten Lippen zog sie oft die Blicke auf sich.
Wer würde daran denken, dass sie ein dunkles Geheimnis hatte, welches mit tiefster Traurigkeit gefüllt war?
Als Caro an jenem Morgen aufwachte, weil die Sonne sie weckte, spürte sie die pure Lust aufs Leben. Durch das offene Fenster kam ihr der Geruch von frisch gemähtem Gras entgegen und das Gezwitscher der Vögel, die in den Apfelbäumen saßen. Es war ein erfrischender Frühlingstag im Mai. Caro setzte sich auf die Fensterbank, atmete die Luft ein und sog alle Eindrücke tief in sich auf. Der perfekte Tag für einen Neuanfang, denn Caro wusste, dass nur Veränderungen helfen.
Ihr war bewusst, welch Anblick sich in ihrer Küche bieten würde. Eine mit Geschirr überfüllte Spüle. So viel Geschirr, als hätte sie Freunde zum Essen eingeladen. Caro schaute sich in der Küche um und war entsetzt, als sie das Ausmaß ihres seelischen Hungers sah, denn sie litt an regelrechten Fressanfällen, wenn sie traurig war und sich innerlich leer fühlte. Sie stopfte Lebensmittel maßlos in sich hinein und ließ die leeren Verpackungen danach unbeachtet in der Küche liegen. Auf dem Herd stand noch ein Topf mit geronnenem Pudding, den sie kochte, obwohl sie längst satt war. Aber ihr seelischer Hunger konnte kaum befriedigt werden.
Im Küchenschrank stand der geliebte Schokoaufstrich, auf den sie morgens nie verzichten konnte. Sie nahm ihn, zögerte kurz und schmiss ihn entschlossen in den Müll, als ihr Blick zum letzten Mal auf die Kalorienangaben fiel. Sie hatte alle Zahlen und Zutaten im Kopf und trotzdem kamen die Fressattacken unkontrolliert über sie. Nun war sie bereit, einen Schlussstrich zu ziehen, denn jeder Tag konnte ein Neuanfang sein.
Caro stellte ihre Wohnung völlig auf den Kopf, räumte auf und entfernte alles, was ihr nicht guttat.
Danach ging sie einkaufen und füllte ihre Küche mit Vitaminen. Der erste Schritt war getan. Caro war glücklich und stolz.
Sie machte einen erholsamen Spaziergang in den Park und setzte sich auf eine Bank neben einen Blumenkübel mit weißen Rosen.
Die Rosen lösten Kindheitserinnerungen in ihr aus. Früher war sie mit ihrem Vater oft im Park und sie hatten viel gemeinsam unternommen, wie auch das Bootfahren im Sommer. Sie hatten immer großen Spaß, als sie abends bis zum Sonnenuntergang am See grillten und die Grillen zirpten.
Caro hatte ihren Vater damals sehr geliebt, er war etwas Besonderes für sie und er zeigte ihr, wie schön das Leben war.
Alles änderte sich, als eines Tages dieser Anruf kam. Ein Anruf mit der Nachricht, dass ihr Vater bei einem Autounfall ums Leben gekommen war. Das hatte Caro nie verkraftet. Als Kind konnte sie tagelang nichts essen und zog sich zurück. Als sie sich an die Sprüche ihres Vaters und an seine sprudelnde Lebensfreude erinnerte, rappelte sie sich jedoch bald wieder auf. Ihr Vater hatte immer gesagt: „Niemand soll hungern und frieren“, und Sätze wie: „Essen ist Liebe“. Denn ihr Vater war ein Genussmensch, der alles genoss, vor allem aber das Leben.
Seitdem  versuchte sie, ihr Leben mit Essen zu füllen, denn das gab ihr Wärme und das Gefühl von Liebe, wenn sie sich traurig und allein fühlte. Besonders warme und süße Mahlzeiten vermittelten ihr für kurze Zeit Wohlbefinden. Nach dem Essen kamen meist die nagenden Schuldgefühle, weil sie wusste, dass sie viel zu viel gegessen hatte. Oft fühlte sie sich danach voll und hässlich. Der Magen war gefüllt, aber ihre Seele war es nicht. Irgendetwas fehlte – nur, was genau? Es konnten viele Dinge sein.
Caro rief ihren Arzt an und vereinbarte einen Termin, um mehr Klarheit in ihr Leben zu bringen und den Ursachen auf die Spur zu kommen. Danach  pflückte sie vorsichtig eine Rose ab, stand auf und ging zum See, wo sie sich ein kleines Holzboot vom alten Bootsverleih mietete. Sie paddelte langsam auf den See hinaus und genoss das erlösende Gefühl, frei zu sein. Denn heute begann ein neues Leben, in ihrem Boot auf dem Weg aus der Vergangenheit. Caro nahm die Rose und ließ sie auf dem See sanft davontreiben, denn ihr Vater hatte Rosen geliebt. Caro schaute hinauf in den Himmel und war glücklich. Ihr Vater wird in ihrem Herzen weiterleben und ihre Seele nicht mehr mit Trauer erfüllen.

Alte Wege

Heute war ich zu Besuch in meiner alten Heimatstadt.
Eine Stadt, in der ich meine Freiheiten genoss, wie nie zuvor und in der ich vier Jahre emotionale Achterbahn fuhr.
Ein Auf und Ab zwischen Ausbildung, erster großer Liebe, erster Arbeitsstelle, Unabhängigkeit und ersten Liebeskummer. Der normale Teenie-Alltag.
Es war eine Stadt, in der ich erwachsen wurde, mich Herausforderungen stellen musste und alle Entscheidungen alleine traf.

Ich stieg aus dem Zug und schon waren sie da, die alten Gefühle und Eindrücke. Ein Bild nach dem anderen kam mir ins Gedächtnis. Diese kleine Stadt war voll mit Erinnerungen, die an jeder Ecke lauerten und auf mich warteten. Wiedersehen und Abschied geliebter Menschen und der Blick vom Bahnhof auf meine erste Wohnung, die nur paar Meter entfernt lag. Aber ich beschloss, nicht dorthin zu gehen, weil ich wusste, was ich mir damit antue. 
Wehmut an verlorenes Glück und Schmerz, sowie schöne Momente im Sommer und schlechte Laune im Winter, wenn ich mein Fahrrad durch den matschigen Schnee schieben musste.

Der Bahnhof hatte sich kaum verändert, selbst die Baustellen sind geblieben. Die ganze Stadt war eine ewige Baustelle.
Mit jedem Atemzug atmete ich einen Hauch Vergangenheit ein, es roch nach Frühling und nach Veränderung. 
Der Frühling steht für Neuanfang und ich bin froh darüber. 
Die Bäume waren hier schon viel grüner, als zu Hause und ich war überrascht. 
Die Sonne schien und ließ das helle Grün der Bäume in ihrem Licht strahlen. Die Vögel zwitscherten und leiteten mit ihrem Gesang den Frühling ein. Es war schön, alles war so wie früher. 
Die Gerüche, die Luft und die Menschen, die sich um mich herum tummelten, in ihrem Stress, in den Zug zu kommen und sich die besten Plätze zu sichern. 

Ich spazierte durch den nahe liegenden Park, in dem ich mich früher gerne aufhielt und ging die Wege, die ich damals mit meinem Freund ging. Meistens war das abends, als die Frösche aufwachten und lautstark ihr Froschkonzert im dunklen Teich gaben. Tagsüber war von ihnen nichts zu hören, nur das leichte Plätschern des Wassers oder Geräusche aus dem Tierpark.
Heute ging ich diese Wege alleine und jeder Schritt erinnerte mich daran, wie es damals war und welche Gespräche wir führten. An manchen Stellen konnte ich mich sogar noch genau an einige Sätze erinnern, die er sagte. Absurd.

Und all das soll schon fast zehn Jahre her sein? Ich konnte es kaum glauben und war ein bisschen entsetzt. Alles fühlte sich so an, als wäre es erst gestern gewesen. Die Erinnerungen sind im Gedächtnis frisch geblieben und jederzeit abrufbar.
Das machte mich nachdenklich und ich fragte mich, wie es wohl heute wäre? Zu zweit, mit ihm.
Und vor allem: Warum habe ich damals eigentlich Schluss gemacht?