Spätzünder

Sarina war immer ein Spätzünder gewesen und langsam machte es sie unglücklich, immer noch Single zu sein. Schließlich war sie schon 18 und hatte vom Küssen keine Ahnung. Deswegen erkundete sie im Internet mit großer Neugier diverse Seiten über Liebe und Partnerschaften. Die Beiträge steigerten ihre Sehnsucht, endlich einen richtigen Freund zu haben, denn für Sarina war das alles Neuland. Früher war ihr die Schule wichtiger, deswegen war die Sache mit den Jungs untergegangen und sie wurden zur Nebensächlichkeit. Aber nun, nach der Schule, hatte sie alle Freiheiten und zudem ein eigenes Leben.
Da Sarina etwas schüchtern und vorurteilsvoll war, hatte sie nie besondere Lust auf Partys gehabt. Das war einfach nicht ihre Sache, all die betrunkenen Leute, die nur Unsinn erzählten und sie sich fehl am Platz fühlte. Nein, das wollte sie sich nicht antun. Somit waren ihre Chancen, jemanden kennenzulernen, leider eingeschränkt. Das dachte sie zumindest.
Ihre Mutti sagte immer: „Du lernst schon jemanden kennen. Manchmal passiert das an ganz komischen Orten wie z.B. in der Kaufhalle.“ Sarina konnte nur augenrollend antworten: „Als ob ich da jemanden ansprechen würde. Das glaube ich eher nicht. So was Blödes!“

Sarina verzichtete auf die nervigen Ratschläge ihrer Mutti. Ihr neuer Ansprechpartner war nun das Internet. Und neben all den Liebesplattformen entdeckte sie auch vielversprechende Datingplattformen. Für Sarina waren sie eine völlig neue Dimension und zugleich Hoffnungsträger für eine schönere Zukunft zu zweit.
Natürlich meldete sie sich sofort an und füllte mit ein paar persönlichen Angaben ihr Profil aus. Zu guter Letzt lud sie einige aktuelle Bilder hoch, die ihr am besten gefielen und ihr Herz fing an zu hüpfen, nachdem ihr Profil freigestellt wurde und für alle sichtbar war.
Jetzt wartete sie ungeduldig, was passierte, und stöberte durch die Profile der Männer, die recht überschaubar waren. Wirkliches Interesse erregte jedoch niemand bei ihr, es kam nur zu oberflächlichen Bekanntschaften und kurzem Nachrichtenverkehr. Die Schmetterlinge blieben stumm.

Einige Monate später lernte sie jemanden kennen. Jemanden, der sie ohne Foto anschrieb. Sarina schaute sich die Daten in seinem Profil skeptisch an und war trotzdem sehr neugierig. Seine trockenen Profilangaben passten zu ihrem Geschmack. Sie verstanden sich super und jeden Tag wartete sie nervös vor dem Bildschirm auf seine Nachrichten, die meist gegen 18 Uhr eintrafen, nachdem er Feierabend hatte.
Sie schrieben sich schon drei Monate lang, als sie beschlossen, sich zu treffen. Sarina fragte nach einem Foto, da sie jetzt wissen wollte, wie er aussehe. Einen Tag vor dem Treffen bekam sie zwei verwaschene Fotos per Mail und sie war geschockt. Sie konnte es nicht fassen, dass sie auf den Bildern ihren absoluten Traumtypen sah. Sie hätte mit jeder Enttäuschung gerechnet, nur nicht mit so einer Überraschung. Er hatte lange dunkle Haare und stechende meeresblaue Augen mit einem verwegenen Blick.
Damit stieg ihre Aufregung vor dem Treffen immens in die Höhe. Toni war der Jackpot für ihre Gefühle.
Sie verabredeten sich für den nächsten Abend im Foyer eines Kinos.

Es war ein lauer Abend im Mai, als sich Sarina auf den Weg in die Stadt machte. Um ihre wachsende Vorfreude noch länger zu spüren, ging sie knapp eine Stunde zu Fuß und genoss das Kribbeln überall in ihrem Körper, das von der Musik aus ihren Ohrstöpseln untermalt wurde.
Das Kino befand sich in einem großen Kaufhaus, in dem viele junge Menschen umherliefen. Sarina dachte andauernd, dass er schon auf sie wartete und sie heimlich beobachten würde. Aber sie sah niemandem. Als sie das letzte Stück auf der Rolltreppe hochfuhr, überschlug sich ihr Herz vor Aufregung. Gleich würde sie ihn sehen.
Sie stellte sich neben ein Geländer, um ein bisschen Halt zu finden. Überall standen Leute, die sich angeregt unterhielten und Sarina beobachtete ihre Umgebung unsicher. Ihre Knie könnten jeden Moment nachgeben, so schwach war sie auf den Beinen.
Inzwischen war Einlass und Toni hätte längst da sein müssen. Er schickte ihr auch keine SMS. Sarina hatte keine Ahnung, was los war. Aber sie spürte intuitiv, dass heute kein Treffen stattfinden würde. Nach einer halben Stunde ging sie gelassen nach Hause, denn trotz der Enttäuschung überkam sie ein Hauch von Erleichterung, weil sie so aufgeregt war, dass sie fast paar Mal dachte, sie müsste sterben. Sarina dachte, dass er nach der anstrengenden Arbeit vielleicht nur eingeschlafen war.

Zu Hause angekommen, piepte ihr Handy. Eine SMS von Toni. Er schrieb: ‚Tut mir Leid, Sarina. Aber ich hab‘ verpennt! Tut mir wirklich sehr Leid! Wir verschieben das! Bis dann!‘
Sarina freute sich, dass er sich doch noch meldete und sie war nicht sauer. Schließlich wusste sie, dass er ihre erste große Liebe sein würde. Sie war sich sicher, denn ihr Bauch hatte bisher immer die Wahrheit gesagt.
Und so war es auch. Nachdem sie beim zweiten Anlauf mit Puddingbeinen die Treppen ihres Hauses herunterging, sah sie in die Augen ihres Traummannes, der in seinem dunkelblauen Kombi unten auf sie wartete und sie mit einem strahlenden Grinsen ansah.
Das war er.

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