Gunther Hecht: Aus dem Wasser, in die Pfanne

Leicht und geschmeidig gleite ich durch das trübe Wasser, an einem stillen sonnigen Herbsttag. Mein Magen ist mit Leere gefüllt und das Gefühl der Schwerelosigkeit nimmt zu – ich habe Hunger! Auf der Suche nach etwas Essbarem schaue ich mich nach Freunden und Familie um. Leider ist niemand zu sehen, bis auf ein paar glibberige Quallen, die ziellos im Wasser treiben. Ich habe sie noch nie gemocht, sie schmecken nicht. Hungrig suchend ziehe ich meine Bahnen. In der Ferne erahne ich auf einmal etwas, das mich interessiert. Dort bewegt sich etwas und es weckt meinen Jagdtinstinkt. Sofort schwimme ich näher heran und kann nichts anderes tun, als anzubeißen. Der Biss tut verdammt weh. Etwas Spitzes hat sich in meinem Maul festgefangen. Ich winde mich und versuche zu entkommen. Stattdessen werde ich an einem dünnen Bindfaden schmerzhaft hochgezogen. Ein letztes Mal fällt mein Blick zurück ins Wasser. Aus dem Augenwinkel heraus erkenne ich meine Frau Gertrud, die mir traurig hinterherguckt. Ich hätte ihr gerne noch gesagt, wie sehr ich sie liebe. Es tut mir Leid, dass ich so dumm war und auf diesen glitzernden Gummifisch hereingefallen bin.
Jetzt kommt ein großes Netz zum Einsatz, von dem ich gekonnt eingefangen werde und ich kann mich nicht dagegen wehren. Mir bleibt nicht anderes übrig, als mich meinem Schicksal zu ergeben und für mich wird es nicht gut enden, das spüre ich.
Dann werde ich mit einem Kopfschlag auf’s Boot geschmissen. Ich fühle mich ganz beduselt. Der Wind zieht barsch durch meine Kiemen und ich schnappe eifrig nach Luft. Meine Flossen zucken, aber ich komme nicht von der Stelle. Eine Minute später wird dieser unangenehme Zustand durch einen kurzen Messerstich beendet. Ich bin tot.
Anschließend werde ich in eine durchsichtige Plastiktüte gepackt und in einer kühlen Box verstaut, in der noch viel Platz ist. Neben mir liegt ein Messer, an dem altes Blut klebt. Ist das vielleicht der Ort, wo meine Freunde zuletzt waren? Jedes Mal, wenn die Klappe aufgeht, rechne ich mit toter Gesellschaft. Aber ich werde nur angeguckt und angefasst. Ich höre, wie eine Stimme sagt:“Ist der noch gut, Ali?“
„Jaaa“, schreit jemand.
Mir ist schon lange nicht mehr gut.
Mein Zeitgefühl habe ich zwar verloren, aber nach gefühlten Stunden bin ich immer noch alleine. Ich lausche, was draußen vor sich geht.
„Wir fahren nach Hause. Heute ist einfach kein guter Tag, nichts tut sich. Gar nichts, kein Biss, nichts. Ich bin echt traurig.“
Bin ich froh, dass Gertrud nicht angebissen hat. Ihr hohes Selbstwertgefühl hat ihr das Leben gerettet. Dennoch vermisse ich sie.
Hinter mir rattert der Motor und mein lebloser Körper vibriert rhythmisch in der Box.
Nach einer Weile wird der Deckel geöffnet und ich werde im Mondlicht durch die Gegend getragen. Ich habe keine Ahnung, wohin.
Irgendwer fragt direkt neben mir:“Oh je. Nur ein Hecht? Zeig mal.“ Wahrscheinlich sind sie enttäuscht, dass ich Gertrud nicht mitgebracht habe. Ich muss ständig an sie denken und vergesse alles um mich herum.
„Wir sind da, pack schon mal den Fisch auf den Tisch, bitte!“
Meine Gedanken werden abrupt unterbrochen. Den Fisch? Ich? Was passiert jetzt mit mir?
Wieder werde ich hektisch woanders hingetragen und in einem hellen Raum auf eine Zeitung gelegt. Mein Blick ist leer und mein Maul ist taub. Als ich das metallische Rascheln im Besteckkasten höre, werde ich hellhörig. Es klingt gefährlich!
„Zuerst schneidet man den Kopf und die Flosse ab“, sagt der Typ über mir und tut im gleichen Moment das, was er sagt.
„Und dann schneidet man einfach den Bauch auf und zieht das Messer so durch den Fisch. Das ist alles eigentlich gar nicht so schwer.“
Ich mag gar nicht dabei zusehen, was er mit mir anstellt und komme mir vor, wie in einem Splatterfilm. Konzentriert und geschickt werde ich mit einem großen Messer in Stücke geteilt. Mein Blut wird von der Zeitung aufgesogen und die anderen kleinen Reste werden mit einem nassen Lappen weggewischt. Alles, was von mir nicht gebraucht wird, landet im Müllsack. Mein leerer Magen auch.
Am Ende bleiben von mir vier mittelgroße Filets übrig, die behutsam in Mehl gebadet werden.
In der Nähe höre ich schon das nervöse Knistern in der Bratpfanne, die Butter wartet schon auf mich.
„Mittlerweile habe ich echt Hunger“, sagt Ali und legt mich in die Pfanne.
Ach ja? Den hatte ich auch und musste dafür sterben. Dafür sterben, dass ihr euren Hunger stillt und satt werdet. Wie gemein.
Meine letzte Station ist der Teller, eine Prise Salz hilft mir dabei, endgültig Abschied zu nehmen.
Wenigstens seid ihr nun glücklich, wenn ich euch schmecke.
Auf Wiedersehen, Gertrud.

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