Drei Stunden 

 
Die Hummeln in meinem Bauch haben sich schlagartig vermehrt. Genau wie die aufgerauchten Zigaretten in meinem Aschenbecher, die sich nach und nach optisch zu schwarz-weiß gepunkteten Raupen aus Tabakstaub ansammeln. Eine ganze Schachtel goldener Light-Zigaretten hat sich in Asche aufgelöst, die genauso stinkt, wie mein Atem gerade. Ich möchte gar nicht wissen, wie ich momentan rieche oder ob andere Leute meinen Geruch als Gestank wahrnehmen. Auf jeden Fall rieche ich anders als sonst. Vielleicht etwas verbraucht und modrig vom Wochenende und zwei Tage davor. Oder wie ein parfümierter Schornstein, der vom Dach bricht und auf den Rasen knallt. Meine Nervosität der letzten Stunden wurde vom Qualm der Zigaretten halbwegs davongetragen. Zusammen mit ein paar anderen Substanzen, die am Ende doch nichts brachten, als Benommenheit, die viel später heimlich in Übelkeit ausartete. Aber erst zu Hause, als mich niemand mehr sah, bis auf meine vertrauensvolle Toilette, die gerne meinen ausgespuckten Alkohol trank.

Heute ist ein Tag, an dem meine Hummeln durchdrehen und gar nicht wissen, in welche Richtung sie fliegen sollen. Eigentlich fühlen sie sich zum Fliegen viel zu schwer und sollten lieber auf dem Boden der Tatsachen kriechen. Aber das können sie nicht. Sie sind ziellos, naiv und ein wenig verwirrt, war der letzte Tag doch ein sehr schwerer. 
Ja, der letzte Tag war hart. Für mich, meine Hummeln und ihn. 

Dabei fing alles sehr einfach an. Mit einer Lieblings-TV-Sendung in fünfstündiger Wiederholung, zwei Tassen Kaffee und Zigaretten, die mehr auf Backe geraucht wurden, als auf Lunge. Das alles bei geschlossenen Türen und bei Sonnenschein im Wohnzimmer. Mein Rauchmelder durfte schließlich nicht noch einmal schrill lospfeifen und besorgte Nachbarn anlocken. Ich wollte nur meine Ruhe haben und mich in allen möglichen Gefühlen der Vorfreude suhlen. Dabei war es eher Angst, gemischt mit Vorfreude und Selbstkritik, die eventuell nicht einmal angebracht war. Aber ohne Panik wäre die Freude an diesem wichtigen Tag auch zu langweilig gewesen. Ich genoss dieses chaotische Potpourri der Gefühle. Alle Gedanken wirbelten wie ein schimmeliger Apfelstrudel durch meinen Kopf und sorgten somit für innerliche Aufregung, die ich nicht verstecken konnte. In diesem seltsamen Zustand zerfloss die Zeit unheimlich schnell.
Und ich musste zum Zug.

Zusammen mit all den anderen Substanzen, die ich kurz vorher im Mischmasch konsumierte und keine Ahnung hatte, was das Zeug noch mit mir anrichten wird. Ich ließ mich überraschen und beschloss, dass mich ein paar kleine bunte Dinger nicht umhauen können. Was gegen Schmerzen gut ist, ist auch gut gegen Gefühle, dachte ich. Sie waren vorerst meine unscheinbaren Helfer, die versuchen sollten, mein negatives Kopfkino zu stoppen. Der Film, der seit einigen Tagen in meinem Kopf lief, hieß ‚Horror-Date der hässlichsten Enttäuschungen‘. Natürlich war der Titel nur auf meine zerbrechliche Persönlichkeit bezogen, die manchmal sehr sensibel und emotional sein kann. Und Angst hat, fallen gelassen zu werden, von jemanden, der gefühlsmäßig etwas in mir bewegt, was sonst starr und eisern ist. Meine unsichtbare Stahlwand, die männliche Fremdkörper von mir abprallen lässt, die nicht zu mir gehören und mich nicht belästigen sollen. 

Und dann war es soweit. Mit meinem bunten Rucksack und meiner Handtasche, die aussah, wie eine Brotdose aus Plüsch mit Glitzer, machte ich mich auf den Weg zur Straßenbahn. Während ich auf der Bank wartete, fühlte sich mein Kopf an wie Styropor. Irgendwie leer, irgendwie warm, irgendwie weiß und irgendwie trocken. Die bunten Dinger in mir wirkten schon und ich musste aufpassen, dass ich noch genug von meiner Umwelt mitbekam und meine wichtige Brotdose nicht aus den Augen verlor, in der alle organisatorischen Dinge, wie Geld und Handy, untergebracht waren. Alles fühlte sich nur noch dumpf an, an diesem schwül-heißen Sommertag. Meine Jacke war eigentlich nur unnötiger Ballast. Aber ohne konnte ich nicht. Sie gab mir Schutz, ein wenig Halt und ein Versteck für meinen Körper, der es nötig hatte, weil meine Brüste und mein Hintern gerne beobachtet wurden.
Irgendwann kam die Straßenbahn, die ich am Hauptbahnhof taumelig wieder verließ. Etwas wehleidig, weil es jetzt ernst wurde. Der Hauptbahnhof kam mir plötzlich vor, wie das Tor zur Notschlachtung. 
Am Automaten tippte ich mir schnell eine passende Fahrkarte aus, ohne wirklich zu sehen, was mit den Buchstaben und Zahlen auf dem Display los war. Mir war schwindlig und meine Sicht war leicht verschwommen. Irgendwas tat sich in mir. Mein angeknackster Kreislauf war dabei, abzusacken. Aber bevor das geschehen konnte, kam auch schon mein Zug herbeigeeilt, der mich mit einem bequemen Einzelsitzplatz auffing und mir aufgesetzte Geborgenheit vermittelte. Mein Magen knurrte und ich war stolz drauf, auch heute nichts gegessen zu haben. Lass mich in Ruhe, Essen. Ich brauche dich nicht mehr. 

Als ich im Zug saß, spürte ich die Hummeln in meinem Bauch austicken. Sie flogen hin und her. Bald würden sie wissen, ob sie sich vermehren dürfen oder ob sie sterben müssen. Es waren viele Hummeln, von Tag zu Tag wurden es mehr und sie waren alle glücklich. Ein schönes Gefühl, sie so zu spüren, in ihrem Leichtsinn, der durch die Vorfreude enorm angetrieben wurde. Meine Hummeln waren alle so scheiße naiv und das war gut so! Sie freuten sich, ohne zu wissen, was sie in der Wirklichkeit erwartete und sie waren so überzeugt von ihrer Intuition, die immer zu 100% stimmte. Meine Hummeln waren eben genauso, wie ich. Und ich liebte sie. Endlich waren sie wieder da, waren sie doch so lange weg. Ich vermisste sie seit Ewigkeiten. Und nun wollte ich sie nicht mehr fliegen lassen. 
Hummeln, bitte bleibt!

Dann fuhr der Zug los und ich sah, dass ich ein Kinderticket ergattert hatte. Egal. Ich war benommen und es gab sowieso kein Zurück mehr. Ich war gespannt, was der Schaffner mit mir anrichten würde und ob er pädophil war. Er kam und nötigte mich nach der Ausweiskontrolle, ein Erwachsenenticket zu kaufen, das zwei Euro teurer war. Ich diskutierte kurz. Aber als ich merkte, dass meine Zunge immer schwerer wurde und mein Gehirn die Gedanken verlangsamte, machte es keinen Sinn mehr. Außerdem überschwappte mich eine große Welle voller Gleichgültigkeit. Alles war egal. Alles. Außer mein Handy, das war momentan immerhin der wichtigste Ansprechpartner in Sachen Sex. 
Die Zeit verging so wahnsinnig schnell und als ich merkte, dass mir immer schwammiger zu Mute wurde, zog ich noch unbemerkt einen kleinen Helfer aus der Tasche. Mal gucken, ob sich mein gedämpfter Zustand noch steigern konnte. Ich wollte so betäubt wie möglich sein, um meiner Aufregung aus dem Weg zu gehen. Nichts mehr mitzukriegen war mein angestrebter Idealzustand. Irgendwie wollte ich einfach nicht mehr da sein oder mich zumindest nicht mehr spüren. Keine Gefühle haben. Nichts. Ich wollte einfach nichts, außer, das Treffen gut zu überstehen und……..hoffen, dass alles gut wird. #Sternschnuppe #Wunsch #bittebitte

 Aber dieser Rauschzustand zeigte mich wahrscheinlich nicht von meiner besten Seite. Manchmal muss man jedoch Kompromisse machen. Lieber gedämpft und entspannt, als nervös und hysterisch. 

Der Zug fuhr in den zwei Stunden viel zu schnell. Die zwei Stunden waren schnell um, nachdem ich in den Zug stieg und meinen Zweiteklasse-Platz einnahm. Auf einmal war ich da und konnte es kaum fassen. Ich bekam starkes Herzklopfen in Zeitlupe. Der Zug hielt eine ganze Weile in der Warteschlange vorm Bahnhof. Kurz vorm Ziel noch eine angespannte Pause. Meinetwegen hätte der Zug dort ewig warten können, denn ich wollte noch nicht raus. Zu groß war die Angst, dort direkt abgeholt zu werden. Aber das war zum Glück nicht geplant.
Dann fuhr der Zug die letzten Meter und ich stolperte unsicher mit all den anderen Fremden hinaus in die Freiheit.

Überall waren Menschen, hinter denen man sich verstecken konnte und jeder war jedem egal, bei all diesem Gedrängel. Ruppige Ellenbogengesellschaft. 

Der Hauptbahnhof entpuppte sich als Shopping-Center, so wie ich es in meinen Träumen erwartet hatte. Gerne wäre ich Shoppen gegangen, wenigstens eine Stunde. Aber dafür war diesmal keine Zeit, aus gutem Grund.

Ich wusste gar nicht, wo ich zuerst hinlaufen sollte. Nichts sah aus, wie ein geeigneter Treffpunkt und ich wusste überhaupt nicht, wo ich war. Überall liefen nur Menschen, die teilweise doof umher guckten. Das war das einzig Witzige in dieser kranken Situation.

Mein Zeitgefühl war weg und ich wusste nicht, wie lange dieser Moment des Wartens dauerte. Es verschwamm alles ineinander. Zeit, Leben und Gefühl. Mein Bauch war leer und die Beine waren weich. Wie konnte ich überhaupt stehen? Und wie konnte ich nur hier sein? Mein zu Hause war so weit weg und ich kam mir verloren vor.

Auf einmal ging mein Blick zur Seite in eine Richtung, in der ich Niemanden erwartete. Bis ich ihn auf mich zukommen sah und mich sofort wie erschossen fühlte. Mitten in die obere Bauchgegend links, Herznähe. Mist! Ich wurde von einem Blackout verschlungen, als ER vor mir stand. Ich ließ mich einfach nur noch mitziehen, mehr konnte ich nicht tun. Meine kleinen Helfer halfen nicht, sondern machten mich nervös und schwitzig. Alles, was mir helfen sollte, ließ mich im Stich und ich fühlte ganz klein. 

Auf dem Weg nach Hause konnten sich meine Hummeln im Eiltempo vermehren. Alles ging so schnell und ich kam mit meinem Gefühlspegel nicht mehr klar. Meine Intuition flüsterte mir dauernd rosa Herzchen ins Ohr und ich war nur noch geplättet. Obwohl unser Treffen in der Wirklichkeit stattfand, war es in diesem Moment so fern im Surrealismus. Das konnte alles nicht wahrsein. Wie konnte es jemand schaffen, meine Stahlwand binnen weniger Minuten zum Schmelzen zu bringen? Ich spürte, wie die Stahlwand mir gemächlich den Rücken hinunterfloss und mich bei der Hitze noch mehr zum Schwitzen brachte, obwohl ich nun ohne Schutzpanzer herumlief. ER brachte mich mit seiner Ausstrahlung zum Schwitzen, in Kooperation mit der Sonne.

Wie konnte sich ein so surreales Treffen nur so verdammt intensiv anfühlen? Mein Körper nahm alles wie mit einer feinen Antenne wahr.

Meine Ohren sogen seine Worte auf, wie ein Schwamm.

Meine Füße taten weh, als ich versuchte, in hohen Schuhen seinem Schritt zu folgen, der viel zu schnell für mich war. 

Und jeder Blick, der ausgetauscht wurde, sorgte für eine Hummel mehr in meinem Bauch. Und einen Stich irgendwo in der Herzgegend. Er machte mich fertig, ohne mich dabei anfassen zu müssen. 

Es gab noch viele andere Kleinigkeiten, die sich tief in mein Gedächtnis prägten und nicht gelöscht werden möchten. Mittlerweile weiß ich, dass Blicke reichen können. Zusammen mit weiteren Details.

Auf eine Art fühlte ich mich angepisst, weil ich ihn gleich mochte und ihm damit freien Eintritt gewährleistete. Die Tür der Verletzbarkeit wurde weit geöffnet. Er konnte mir leicht wehtun, wenn er wollte. Ich hasste es, wenn ich für jemanden mehr empfand und dieser Jemand eine gewisse Schwäche mit Hang zur Ungewissheit in mir auslöste. Aber was ist heute schon sicher – nichts. Und gleichzeitig fand ich es toll, dass jemand es problemlos schaffte, mich zu knacken. Wenigstens ein bisschen. So weit, dass mich das Gefühl überkam, mich komplett bei ihm fallenlassen zu können. Mit Hingabe und der Tendenz zur Selbstaufgabe.

Für die drei Stunden, die unser Treffen dauerte, gibt es keine passenden Worte, sondern nur Hummeln, die darauf warten, gefüttert zu werden oder zu sterben. 
Vielleicht warten sie auch darauf, in den Tränen des Abschieds zu ertrinken oder im Rauch der Zigaretten zu ersticken. 

Das Einzige, was bleibt ist die flehende Stimme in meinem Herzen, die fast verzweifelt darum bittet, mich nicht gehen zu lassen.

Bitte schreib‘ das Drehbuch weiter.

 

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