Irgendwann.

  
Irgendwann hieß der Tag, an dem wir uns zuletzt sahen. Ganz spontan, an einem Tag, an dem wir für ein paar Stunden frei hatten und die nächsten Termine schon brennend, aber wie im Zeitraffer auf uns warteten. Zeit war nie, wenn genug andere Dinge wichtiger waren, als das eigene Privatleben, das oft genug auf der Strecke blieb. Irgendwie gewollt, um vor zu viel Nähe zu flüchten. Aber irgendwie auch ätzend, manchmal, wenn man denkt, man wäre verknallt oder mehr als das.
Ich packte meine Sachen, ohne sicher zu sein, was ich alles als bescheidener Gast brauchte. Schließlich wusste ich nicht, wie lange ich diesmal bleiben durfte und wann es mich zurück auf den Bahnhof zog, um dort Stunden auf den Zug zu warten. 

Vielleicht war die pinke Zahnbürste schon zu viel, wenn unser Abend wieder vor der Nacht enden würde. Ein kurzer Abend braucht keine Zahnbürste und all den anderen Kram, mit dem ich jeden Tag wie ein Ritual beendete. Dennoch, ich hatte keine Ahnung und packte alles ein, was ich für angemessen hielt, um nicht als ungepflegt durchzugehen. Für den Fall falls. Ich konnte nicht wissen, ob ich es dort bis in die Badewanne schaffen würde. Es kam darauf an, wie viele Termine plötzlich unerwartet auftauchten und somit war der nächste Tag wie ein Überraschungspaket mit Stacheldrahtschleife.

Am Ende entschied ich mich gegen die Bodylotion, weil meine Haut mit einem alten Pfirsich nichts gemeinsam hatte und deshalb gut ohne 24-Stunden-Feuchtigkeit auskam. Trotzdem fiel es schwer, auf die Creme mit dem Erdbeerduft zu verzichten. Aber die Flasche war einfach zu groß für die Tasche. 

Nach dem Packen ging ich schlafen, ohne viel nachzudenken, weil es nichts brachte. Der erste Eindruck war schon gewonnen und mir war klar, dass die Sache mit dem großen Erwartungen nicht gut ausgehen würde, wenn ich mich zu sehr darauf versteifte. Trotzdem schweifte ich mit Vorliebe in Illusionen ab, die gar nicht mal besonders traumhaft waren. Mit dem Gedanken, für immer Single zu sein, konnte ich an diesem Abend abgeklärt einschlafen. Denn eigentlich war doch alles gut so, wie es bisher war. Wenn da nicht diese undefinierbare Sehnsucht wäre. 

Deshalb verabredeten wir uns auch nur zum Kaffeetrinken. Nur. 

Wenn aus viel nur wird, sollte man sich eventuell Gedanken machen. Nur ist harmlos, viel ist wild und vielleicht sogar unberechenbar. Ausschweifend. Nur ist scheiße. Langweilig.

Aber egal. Vielleicht war das die Alternative, meine Ansprüche zu ignorieren. Kaffeetrinken passte immer, um ein Treffen nicht mit hohen Anforderungen und Erwartungen zu sprengen. Außerdem hatte so ein gemütliches Café den Vorteil, ein unerotischer und somit völlig neutraler Treffpunkt zu sein. Von daher: Kein Platz für Gefühle und dramatische Austicker meinerseits.

Letztendlich freute ich mich, dass du mich überhaupt noch sehen wolltest, nachdem du andere Versionen meines Charakters erlebt hattest. Ich war glücklich, als ich nochmal die Chance bekam, mich weiter zu verknallen und dich auf deinen Bildern endlich wieder in echt zu erleben. 

Eigentlich wollte ich einen bunt geblümten Jumpsuit anziehen. Aber als ich merkte, wie unpraktisch diese Dinger waren, entschied ich mich dagegen. Ich wollte mich nicht gleich komplett entblößen, wenn ich nur mal kurz zur Toilette musste. Der Gedanke, nackt in BH auf der Toilette zu sitzen, während der Jumpsuit auf dem Boden liegt, gab mir so ein niederschmetterndes Unbehagen. 

Ich hatte keine Ahnung, für welche Situation sich dieser Jumpsuit überhaupt einmal in meinem Leben eignen würde. Es würde mich nicht wundern, wenn diese modische Idee ihren Ursprung im Altenheim hätte. Da hießen die Dinger Overalls, deren Aufgabe es war, schlimme Bescherungen zu vermeiden. Dementsprechend sahen sie auch aus. Zerrissen am Reißverschluss, kaputt im Schritt und an den Beinen ausgeleiert. Und das alles in biederen und verwaschenen Farben.

Ich suchte mir stattdessen ein dezenteres Outfit aus. Schließlich war es nur Kaffeetrinken. Am Ende war es der schwarze Minirock und ein lockerer Kapuzenpullover. Dazu hohe Stiefel, die gleichzeitig bequem genug waren, um damit ein bisschen durch die Stadt zu laufen. Aber hoffentlich nicht zu lange, denn das verursachte böse Flecken an den Füßen.

Im Laufe des Nachmittags machte ich mich langsam auf den Weg zum Café. Ich hatte noch Zeit, aber zu Hause hielt ich es nicht mehr aus. Dieser Herbsttag war zu schön, um die restliche Stunde vor dem Fernseher zu sitzen. Fernsehen stresste mich sowieso.

Der Herbst war meine Lieblingsjahreszeit und ich genoss es, draußen zu sein. Mehr als im Sommer. Die Luft war melancholisch kühl, es roch nach Regen und die bunten Blätter tanzten unter meinen Füßen. Endlich Herbst. Die beste Jahreszeit, um wieder für Motörhead zu schwärmen und sich von ‚Killed By Death‘ wecken zu lassen.

Ich setzte mich auf eine Bank in der Nähe des Cafés und beobachtete andere Leute, wie sie mit vollen Tüten vom Shoppen kamen. Mir fiel es auch jedes Mal schwer, an einem Schmuckladen vorbei zu laufen ohne etwas zu kaufen. Deswegen lief ich auch nie an diesen Läden vorbei, sondern ging hinein. 

Heute war es anders. Ich wollte mich nicht mit Shoppen ablenken, sondern wollte in Ruhe den Herbst einatmen und abwarten, was passiert. Diesmal malte ich keine Tagträume aus, sondern überließ die nächsten Stunden dem Fragezeichen. Ich hielt mich gedanklich lieber in der Realität. Geträumt hatte ich in den letzten Wochen viel zu viel.

Zwischendurch schaute ich zum Café herüber. Dort tat sich nicht viel und draußen saß niemand, weil an den Stühlen Regentropfen hingen. Manche Menschen ließen sich dadurch schon verscheuchen, zu ungemütlich und zu nass. Ich konnte da nur lächeln. Selbst bei Regen brauchte ich nie einen Schirm. 

Dann ging ich zum Café, um nicht zu spät zu kommen und ging hinein, weil ich nicht wusste, was ich dir wettermäßig zumuten konnte. 

Drinnen war es warm und einige Leute waren wohl auch schon tüchtig am Flirten. Vielleicht war das sonntags so üblich, seinen Kater im Café ausklingen zu lassen und den Restalkohol vom Kuchen aufsaugen zu lassen. 

Ich suchte mir einen Platz auf einer gepolsterten Eckbank und hatte immer noch zehn Minuten Zeit, obwohl ich mir Überpünktlichkeit schon lange abgewöhnen wollte. In der Zeit würde ich etwas nervös, da Warten nun meine einzige Beschäftigung war. Während die anderen Leute sich in ihren Gesprächen amüsierten, wusste ich nicht, wie ich vorteilhaft sitzen sollte, ohne angespannt zu wirken. Ich rutschte hin und her und wusste nicht, wohin mit meinen Händen. Dann kam zum Glück jemand, der mich fragte, was ich trinken wollte. Kaffee schwarz. Aber eigentlich war es mir ziemlich egal. Hauptsache ich hatte einen Becher zum Festhalten.

Dann kamst du. Ohne mich richtig gesehen zu haben, bist du gleich in die passende Richtung gelaufen. Als ob du geahnt hättest, dass ich lieber unauffällige Eckplätze bevorzuge. 

Als ich dich sah, bekam ich schlimmes Herzklopfen. Stärker, als beim letzten Mal und mir wurde sofort heiß in meinem Pullover. Scheiße, was für ein toller Mann. Mehr konnte ich in dem Moment nicht denken. Ich schaute dich mit einem kurzen Hallo an und das war’s. Dass wir uns gerade nur in einem Café trafen, war längst vergessen, denn die Umgebung verschwamm um mich herum, als du da warst. Jetzt befand ich mich in meinem eigenen Taumel aus Gefühlen von Verknalltsein, Angst und sinnlicher Benommenheit. Du saßt mir genau gegenüber, auf einem Holzstuhl, sodass du mich nicht aus den Augen lassen konntest. Und ich klammerte mich an meinen lauwarmen Becher Kaffee, den ich nur in Mini-Schlucken trank, damit er nicht zu schnell leer war. Du hättest dir inzwischen auch einen bestellt, damit es für den Kellner nicht zu doof aussah. Aber eigentlich war der Kaffee Nebensache, das wussten wir beide. 

Ursprünglich wollten wir beim Kaffeetrinken über unangenehme Themen sprechen, dachte ich. Aber ich fand es unpassend und sagte nichts. Ich nahm unser Treffen so hin, wie es war: extrem reizend. Negative Gespräche hatten keinen Platz. Ich wollte mit dir über gar nichts reden, sondern einfach nur da sein und deine Nähe spüren. Wenn auch nur auf Abstand. Aber ich empfand eine Vorahnung, wie es sein könnte, dir näher zu kommen. Dank dieser Vorahnung hörte mein Herzklopfen gar nicht mehr auf und wurde auch nicht weniger. 

Dir gegenüber zu sitzen war keine leichte Aufgabe. Es war eine grenzwertige Herausforderung, deine Aura zu spüren. Gerade, wenn man so schüchtern werden konnte, wie ich, wenn gewisse seltene Situationen auftauchten. Dein ständiger Blickkontakt machte mich fertig und die offenen Knöpfe deines Hemdes, aus dem einige Brusthaare hervorstachen, die mich weiter in meinen Taumel zogen. Gewisse äußerliche Kleinigkeiten waren – neben bestimmten Charaktereigenschaften – auch ein gutes Mittel, mich schneller gefügig zu machen.
Egal, auf welchen Körperteil ich meine Aufmerksamkeit lenkte, du hattest alles zu bieten, was mich schwach machte. Selbst dein Alter war dafür da, mich kleiner wirken zu lassen, was von deiner Körpergröße noch selbstverständlich unterstützt wurde.

Von daher war ich von deiner Anwesenheit auch im Café vollkommen geliefert. Du hattest aus einem langweiligen Ort etwas ganz anderes gemacht. Plötzlich war das Café so etwas wie eine leidenschaftliche Stromquelle, als du anfingst, zu reden. Über was auch immer, ich sog es auf. Ich hörte dir zu, ohne weitere Zuordnung deiner Worte. Später würde ich mich sowieso daran erinnern. 

Und wieder ging das Verknalltsein weiter. 

Mein Kaffee war längst leer, obwohl ich mir Mühe gab, langsam zu trinken. Ich wusste nicht, ob ich einen zweiten Kaffee haben wollte. In Gedanken wäre ich lieber woanders gewesen und hätte inzwischen vielleicht einen Cocktail gebraucht, um die Situation weiter zu verschärfen. Die Sitzecke im Café war nicht der richtige Ort, um mich viel zu nüchtern auf deinen Schoß zu setzen. Ich wollte den anderen Leuten schließlich auch nicht den Nachmittag mit angedeuteten Softpornos verderben. Aber ich traute mich nicht, dir etwas anderes vorzuschlagen. Entscheidungen überließ ich lieber dir. So, wie es zwischen uns abgemacht war. In Texten, die immer weniger wurden, aber deren Inhalt weiterhin blieb. Wahrscheinlich war es besser so, manche Dinge nicht zu oft zu wiederholen, wenn uns durch unterschiedliche Umstände die Zeit geklaut wurde. Und wahrscheinlich wäre es besser so, wenn ich jeden Tag gute Laune hätte. So, wie vorher, als ich noch nicht verknallt war.

Ich wühlte ziellos in meiner Handtasche, um kurz etwas anderes zu tun, als dir gegenüber zu sitzen. Es wurde mir einfach zu heftig. Die aufsteigende Hitze kam auf keinem Fall vom Kaffee. Den spontanen Weg zum Klo lehnte ich ab. Die Versuchung war zu groß, mich vor lauter Aufregung mit Schnee zu beschäftigen. 

Also blieb ich und hoffte, dass du bald einen Vorschlag machen würdest. Wobei mein Blick in deine Augen fiel und dort endgültig hängen blieb. Jetzt hattest du mich und du wusstest es.

Endlich kam der Vorschlag, woanders hinzugehen. Am besten zu dir und so kam es auch. Ab jetzt konnte es ungestört weitergehen, in deiner Wohnung, wo es nur phasenweise Nachbarn gab. 

Alles war genau wie beim letzten Mal, nur dass diesmal nichts dazwischenkam. Der Kaffee wurde nun durch Gin ersetzt und wir fingen dort an, wo wir damals aufhörten. Ich merkte, wie ich lockerer wurde und mich wohlfühlte in deiner Nähe. Nichts war komisch, sondern vertraut. Trotz unserer seltenen Treffen kamst du mir ganz und gar nicht fremd vor. Und dennoch kannte ich dich bis jetzt kaum. Eigentlich konnte ich nur ahnen, wie du bist und vermutete, dass ich damit mehr richtig als falsch lag. Aber wissen konnte ich nichts. 

Ich mochte das Gefühl von Distanz und dass ich dich kaum kannte, obwohl ich jederzeit bereit war, mehr über dich zu erfahren. Aber auch das war deine Entscheidung. Du durftest Forderungen stellen und bestimmen, wie weit das alles mit uns geht. Ich nicht. 

Nach zwei Gläsern Gin merkte ich immer noch keine Veränderung in meinem Zustand. Alles war, wie sonst auch, dachte ich. Außer, dass ich weniger redete und nur noch auf dich fixiert war. Ohne mich zu rühren saß ich da. Innerlich war ich inzwischen beim Küssen angelangt, wobei der Drang immer größer wurde, dich wirklich zu küssen und zwar jetzt. Ich wollte es mir nicht länger vorstellen, weil es mich wahnsinnig machte. Der zweite Gin trieb mich an, den nächsten Schritt zu wagen und war vielleicht auch der Grund, warum es mir immer schwerer fiel, mich völlig zurückzuhalten. Wer mich mit Alkohol abfüllt, muss damit rechnen, dass das Zeug auch bei mir enthemmend wirkt. Ich wollte nicht länger auf den Kuss warten. Lieber stürzte ich mich ins Risiko, dadurch kurzzeitig mal nicht devot zu wirken und für einen winzigen Moment die Führung zu übernehmen, die ich dann sofort wieder an dich abgab, denn nur so fühlte es sich richtig an. 

Ich ging zu dir, setzte mich auf deinen Schoß und küsste dich. Meine Hände strichen über deinen Bart und blieben auf deinen Schultern liegen. Der Kuss war wie eine Erlösung, nach den letzten Wochen voller Chaos. Und dass so ein Kuss noch längst nicht alles war, bekam ich schnell zu spüren in deiner Jeans. Wahrscheinlich war mein kurzer Rock nicht ganz unschuldig und wir waren uns dadurch körperlich gleich viel näher. Meine Hände glitten an deine Kehle und ich wartete auf dem Moment, wo du mich nahmst und stur nach deinen Vorstellungen weitergingst. Mir war klar, dass ich dich mit meinem Verhalten provozierte. Schließlich erwartete ich, dass du den Part übernahmst und endlich die Kontrolle über mich gewannst. So, wie es richtig war.

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HerbstHerz

… Gedankenmüllhalde 
Manchmal überholt das Ende den Anfang. Und es fühlt sich verdammt beschissen an. Wie ein innerliches Reißen im Herzen. Obwohl ich immer gut darin war, so etwas zu vermeiden. Ich kenne solche Zustände, wie jetzt, nicht. Wenn ich könnte, würde ich ausweichen. Aber ich finde keinen Weg. Es ist zu spät, wenn Gefühle schneller sind, als der Verstand. Besonders, wenn sie selten sind. So wie jetzt. 

Gefühle, die den anderen überfordern, wenn es viel zu früh für solche Ausbrüche ist. Warum muss ausgerechnet ich sie haben. 

Aber ich kann nichts dafür. Mein Herz tickt gerade aus und ich bin hilflos. Stattdessen fließen die Tränen wie ein Wasserfall, unaufhörlich. Wieder einmal. Und das, obwohl es nicht sein sollte. Weil es keinen Grund gibt. Eigentlich.

Ich bin in einer Sackgasse, der ich nicht entkomme.

Mit jedem Wort, das ich schreibe, mache ich nur alles schlimmer. Und mache Druck. Aber was soll ich tun. Ich möchte nur, dass alles so ist, wie vorher. 

Mit Mühe versuche ich, mich abzulenken. Schwer, trotz all der Arbeit. Aber meine Tränen versperren mir die Sicht und machen mich müde.

Vor ein paar Wochen war alles so einfach. Und vor allem anders. Irgendwie ging alles, trotz Zeitmangel und allen anderen Vorwänden, die jetzt aktuell sind. Eigentlich habe ich auch nie Zeit. Und trotzdem habe ich genug davon. Irgendwie. 

Angeflirtet, getroffen und abgeschossen, auf eine Art, die ich nicht verstehe. Oder vielleicht verstehe ich alles falsch. Oder mache alles falsch. Wie jetzt, mit meinen Gedanken. Alles ist falsch gerade. Jeder einzelne Gedanke und auch dieser Text. Alles.

Ich möchte nicht, dass es so bleibt, wie jetzt. 

Ignoranz, statt guten Morgen oder irgendeins dieser Bilder, die es sonst gab.

Keine kurze Nachricht, kein Ton, kein Wort.

Kein Flirt, keine Andeutungen.

Nichts. So, als ob nie jemand da war.

Ich vermisse es.

Das Einzige, was bleibt, ist der Kontakt im Handy. Der nun mehr Schein ist, als Wirklichkeit.

Und ich, mit meiner Naivität, jemanden zu mögen. Und gleichzeitig damit alles kaputt gemacht zu haben.

Erdbeerwoche 

  
Eigentlich hatte ich keinen Hunger, sondern nur Appetit. Wobei Appetit auch kein Synonym für Heißhunger ist. Also: Ich hatte Heißhunger, obwohl ich längst noch vom Frühstück satt war. Und von den drei Tassen Kaffee, die mich inzwischen fast verrückt machten und zum Schwitzen brachten. Irgendwie war ich hyperaktiv und gleichzeitig völlig geschafft. Ich war voller Tatendrang und gleichzeitig zu faul, um paar Schritte weiterzudenken. Ich machte mir sinnlose Gedanken, die es nicht Wert waren, in meinem Kopf zu sein. Schräge Gedanken zwischen hier, früher, später und dazwischen.

Durch den Kaffee flossen die stupiden Gedanken noch schneller durch mein Hirn und versackten dann irgendwo, bevor ich den Stuss vernünftig zu Ende denken konnte. Ich fühlte mich dabei wie ein Freak auf Speed. Manchmal kam es mir vor, als würde Kaffee zu den Amphetaminen gehören. Obwohl Kaffee noch lange nicht so schlimm war, wie 1 Liter Guarana-Tee mit Zucker, der obendrein für verdächtiges Nasenbluten sorgte.

Heute ist der Anfang dieser Tage, die jeden Monat zur gleichen Zeit wiederkehren. Immer dann, wenn meine Pillenpackung leer ist und mein Körper und meine Hormone komplett durchdrehen. Mein Monat hat 21 Tage, danach fühlt sich alles unnormaler an, als gewöhnlich. Die vierte Woche gleicht immer einer manisch-depressiven Episode in Mädelsversion.
Wenn alles zu wenig und alles zu viel ist. Gerade beim Shoppen, beim Essen und beim Sex.

Es sind diese Tage, an denen ich eigentlich alles falsch und alles richtig mache. Je nachdem, wie ich es mir in dem Moment hindrehe. Es wechselt im Stundentakt. Ungefähr. Aber meist schon eher.

Diese Tage beginnen harmlos. Schon zwei Tage vor Beginn kündigt mein Körper die Umstellung leise an. Mit so einem dumpfen Gefühl im Unterbauch, aber ohne weitere Symptome. So eine Art Auftakt, dass sich etwas Großes anbahnt und es ist warm im Bauch. Irgendwie schön, recht angenehm. 
Paar Stunden danach habe ich meist mehr ‚Appetit‘, als sonst und auf Sachen, die in meiner Küche verboten sind. Ich bekomme Appetit auf Schokolade und Chips – gleichzeitig. Nur gleichzeitig essen funktioniert nicht, da salzig und süß nicht zusammenpasst. Deswegen: Erst die Schokolade (meist 2 Tafeln) und dann die Chips (meist Käse-Tortillas..ohne Dipp…).

Diesmal habe ich vor zwei Tagen allerdings nur eine Tafel Schokolade gegessen. Ich wollte es in diesem Monat nicht übertreiben. Vielleicht konnte ich meinen Appetit diesmal überlisten und meine Begierde auf Ungesundes unterdrücken. Dafür hatte ich Lust auf bodenständige Kartoffeln – ungeschält – mit übertrieben viel Meerrettich, Salz und Pizzagewürz.
Ich will nicht immer das Opfer meines Körpers sein, wenn mein Körper mir mit seinem roten Trotz signalisiert, dass ich schon wieder kein Kind gekriegt habe. Jeden Monat der gleiche Zoff mit meinem Körper. 

Dennoch ist es so besser, als anders. Rot ist sowieso meine Lieblingsfarbe. Aber die Hormonüberdosis, die mein Unterleib an mein Gehirn sendet, nervt mich.

Mein Körper hat sich heute übel gerächt.
Mit einer überraschenden Heißhungerattacke, die aus dem Nichts über mich herfiel, während ich auf der Couch lag und über viel interessanten Unsinn nachdachte, der meinen freien Tag füllte.

Der Schoko-Muffin vom Frühstück war schnell vergessen. Die Brötchen auch. Den Kaffee spürte ich noch lange im Blut fließen. Mein Herz raste, mir war heiß. Alles in mir pochte komisch bis in die Halsschlagader. Ich war aufgedreht ohne Ende und panisch, weil ich merkte, dass ich zu viel unwichtigen Kram im Kopf hatte. Es fühlte sich an, wie ein atypischer Frauenherzinfarkt, nur dass die Übelkeit fehlte. Also gab es keinen Grund zur Sorge. 

Genau in dem Moment bekam ich Heißhunger auf Milchnudeln aus der Tüte. 

Eigentlich eine völlig dumme Idee, nach einem Frühstück, das gerade mal drei Stunden zurücklag. Der Muffin, die Brötchen und das Kaffeewasser brauchten noch keinen Besuch. Die hatten noch genug mit sich zu tun. 

Aber….ich konnte nicht anders. 

Ich konnte nicht verzichten, auf diese ollen Nudeln, die ich damals viel zu oft aß. Mein Körper vermittelte mir, dass er diese blöden Nudeln genau jetzt brauchte. Oder vielleicht war es auch meine Seele, die versüßt werden wollte, bei all den unnützen und bitteren Gedanken, die im Kauderwelsch meiner Gefühle kurz auftauchten.
Danke Körper, dass du dir all den Mist reinholst, vor dem ich mich sonst fast konsequent fernhalte. 

Milchnudeln stehen schon seit ein paar Wochen auf meiner roten No-Go-Liste, auf der all meine Lieblingsgerichte stehen. Auf meiner aktuellen grünen Liste stehen nur noch Sachen, die nicht chemisch hergestellt wurden und nur von mir persönlich zubereitet werden. Das heißt, ich koche selber, wenn ich nicht gerade gar nichts esse oder nur einen Apfel und/oder eine Gurke. Oder eine ganze Packung Bio-Maiswaffeln mit Butter.

Dann stellte ich den Kochtopf auf die Herdplatte und legte los. Ein wenig genervt, ein wenig traurig und ein wenig glücklich. Ich schüttete eine halbe Packung Vanille-Soyamilch hinein und wartete, bis diese beinahe überkochte. Zum Schluss rührte ich die Nudeln in die schaumige Milch und das Fast Food war fertig.
Da mir das süße Gericht so in der Form noch nicht reichte, entschied ich mich für 5 Esslöffel Zucker als Extra. Somit war das Essen eklig süß und genau richtig für meine Bedürfnisse. Normalerweise waren die Nudeln nach dem Kochen länger heiß. Aber diesmal konnte ich gleich mit dem Essen loslegen, da sie lauwarm waren, was mich wunderte, aber nicht weiter störte. Vielleicht war mein Empfinden gerade etwas eingeschränkt oder der Zucker war zu kalt. Endlich mal essen, ohne 10 Minuten zu warten. 

Nach 3 Minuten waren die Nudeln in der Schale verschwunden. Als ob sie nie da gewesen wären. Ich schmeckte mehr Zucker, als Nudeln. Von dem Gericht selber merkte ich nicht viel, außer, dass es matschig warm war. Es war also tatsächlich eine Heißhungerattacke, die danach völlig umsonst war. Der Genuss blieb auch vollkommen auf der Strecke. Aber das Bedürfnis nach etwas Süßem wurde befriedigt. Erstmal. 
Danach stellte ich die Schale ins Waschbecken, füllte sie mit Wasser auf und es war endgültig vergessen.

Nur mein Bauch musste nun damit leben, was er sich angetan hat, mit seinem Willen, unbedingt etwas Süßes drin haben zu wollen.

Ich lag mit dem Bauch auf der Couch. Satt und überfressen. Hemmungslos. Fett. Aber das schlechte Gewissen blieb fern, da ich mir der Ursache bewusst war.
Erdbeerwoche. Da passieren immer Dinge, die sonst nie passieren. Mein Körper holt sich dann all den Dreck zurück, den er für diese schwierige Zeit braucht. Die Zeit der Ausschwemmung und des Neuaufbaus.

Also hörte ich meinem Bauch zu, was er zu sagen hatte, während ich auf ihm lag. Er gluckerte ungefähr alle 10 Sekunden vor sich hin. Dieses Gluckern musste wohl aus der Bauchspeicheldrüse kommen, die mit all dem Zucker und Fett überfordert war. Wie sollte sie auch so schnell so viel Hormon- und Enzym-Saft produzieren, um den Scheiß zu zerlegen? So viel wie heute hatte sie selten zu tun. Aber nach einer Weile ließ das Gluckern nach und alles beruhigte sich wieder. Nach einer Stunde war alles wieder draußen. Mein Körper wollte nicht mehr, zeigte Protest und Nachsicht. 

Danach war alles leise. Auch meine Gedanken wurden wieder geordneter und ich spürte innerliche Ruhe.
Koffein und Zucker hatten sich neutralisiert. Alles war wieder normal und nicht so psychotisch und krank. 

Alle Vorbereitungen sind getroffen, nun kann die Erdbeerwoche anfangen und bitte schnell wieder aufhören. Damit mein armer Kater nicht allzu sehr unter mir leiden muss. Und mit mir.

  

Vergessener Mond

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Wie jeden Abend entspannte Herr Feddersen sich mit einem Glas Rotwein vor dem Fernseher. Der Wein beruhigte ihn und sorgte für wohlige Wärme, die sich in seinem Körper ausbreitete. In dem Zustand konnte er gut einschlafen und machte anschließend den Fernseher aus. Mit diesem Ritual war sein stets routinierter Tag gelaufen und der Stress folgte ihm nicht in seine Träume.

Mitten in der Nacht klingelte plötzlich das Telefon auf dem Nachttisch und Herr Feddersen erschrak sich fürchterlich. Er meldete sich mit einem heiseren ‚Hallo‘, aber am Ende der Leitung ertönte keine Stimme, sondern nur ein diffuses Rauschen. Feddersen lauschte kurz und legte sich mit einem Blick auf den Wecker wieder schlafen. Es war zwei Uhr und es gab keinen Grund, weiter über komische Anrufe nachzudenken, da ihm gleich wieder die Augen vor Müdigkeit zufielen.

Kurze Zeit später wurde Herr Feddersen durch eine Art Bewegung wach, die sich subtil anfühlte. Es war, als hätte etwas seinen Rücken gestreift oder gar berührt. Er drehte sich um, aber was sollte er erwarten? Schließlich schlief seit Jahren keine Frau an seiner Seite. Dennoch lag das Bettlaken seltsam in Falten. So, als ob jemand dort gesessen hätte. Er strich es glatt und zog seine Hand reflexartig wieder weg, als ihm dabei ein Schauer über den Rücken lief.

Was war hier los?

Herr Feddersen schaute sich suchend um. „Quatsch, was soll das. Ich bin doch nicht paranoid. Wer soll hier schon sein“, murmelte er vor sich hin und zog sich die Decke über den Kopf, da ihm kalt wurde. Vielleicht tat ihm der Wein diesmal nicht gut.

Es war drei Uhr, seine Lider waren schwer und wollten Schlaf. Herr Feddersen verfiel ab jetzt in einen unerholsamen Halbschlaf, da sich diese Nacht anders anfühlte, als sonst. Jedes kleine Knacken im Zimmer war wie ein lautes Krachen und erweckte seine ganze Aufmerksamkeit. In ihm machte sich eine gewisse Unruhe breit, er fühlte sich auf einmal beobachtet. Als ob ihn etwas anstarrte. Er spürte Blicke, die unsichtbar waren und sein Herz fing an zu rasen. Sein Körper wurde schweißig und er traute sich kaum, sich zu bewegen.

Auf einmal hörte er aus der Küche ein schepperndes Geräusch. Es konnte nur die Blumenvase vom Tisch sein, die auf dem Boden zerbrach, denn das Geschirr stand längst abgetrocknet im Schrank.

Wie konnte die Vase ohne Weiteres vom Tisch fallen? Herr Feddersens Magen zog sich fast krampfartig zusammen. Er hatte schon als Kind all diese Gruselgeschichten gehasst, da er sehr ängstlich war und er in allem eine Wahrheit sah. Nun wartete er angespannt auf weitere Geräusche oder auf Schritte oder auf irgendetwas anderes. Aber es blieb vorerst still. Kein Rascheln. Nichts. Nur Stille. Er hoffte, dass es dabei blieb.

Die Uhr zeigte auf vier und Herr Feddersen war klitschnass vor Angst.

Er beschloss, nachzuschauen, was in der Küche passiert war, getrieben von Angst, Neugierde und eingeredetem Mut. Die Vase war tatsächlich vom Tisch gefallen und lag verstreut in vielen kleinen Teilen auf dem Boden. Er nahm sie erst letzte Woche von zu Hause mit, als Geschenk von seiner Mutter, da er diese Vase sehr liebte. Die Vase war sogar einige Jahre älter als er. Und nun lag sie dort erbärmlich in Scherben, die keinen Sinn mehr ergaben. Herr Feddersen war traurig und es tat ihm im Herzen weh, die Scherben zu entsorgen. Als er zurück ins Bett ging, dauerte die Nacht noch zwei Stunden. Tatsächlich versank er noch einmal in einem tiefen festen Schlaf und nahm in diesem Zustand nichts mehr von dem wahr, was in seiner Wohnung passierte. Von dem schwerfälligen Schlurfen im Flur wurde er nicht wach. Erst, als das Schlurfen direkt in seinem Zimmer endete, ihm schroff die Decke wegzog und ihn mit einem Ruck an den Füßen aus dem Bett schleifte.

Herr Feddersen erwachte völlig gelähmt vom Schock auf dem Fußboden. Um ihn herum war alles dunkel, obwohl sich um diese Zeit schon die Sonne durch die Jalousien ankündigte. Nur heute nicht. So lag er nun da, apathisch und in voller Panik, was als nächstes passiert. Er konnte nicht einmal weglaufen, sein Körper regte sich nicht und kein einziger Schrei entglitt aus seinem Mund.

Um fünf Uhr klingelte das Telefon erneut und sein Körper tat sofort wieder das, was er sollte. Herr Feddersen stand zitterig auf und lauschte. Am anderen Hörer meldete sich mit monotoner Stimme ein Arzt, um ihm mitzuteilen, dass seine Mutter im Laufe der Nacht verstorben war. Danach legte der Arzt den Hörer wortlos auf, ohne weitere Fragen zu beantworten und die Leitung begann zu knistern.

Herr Feddersen strömten die Tränen über das Gesicht und ließen seine Augen brennen, wie ein Feuer. Er konnte sie nur noch schließen. Die Lider wurden so schwer, als würden sie sich nie mehr öffnen.

Ein tiefer Schlaf folgte nach diesem nahezu unwirklichen Moment.

Um sechs Uhr klingelte wie gewöhnlich der Wecker und Herr Feddersen war bereit, für seine alltägliche Routine. Er wusste, die Nacht war nur ein Alptraum. Denn Alpträume hatte er immer bei Vollmond. Er hatte sich nur nicht darauf vorbereitet, weil er den Vollmond jedes Mal vergaß.

Einige Minuten saß er still auf der Bettkante, damit dieses unbehagliche Gefühl verschwand, dass er im Bauch hatte. Irgendetwas war heute anders.

Dann klingelte das Telefon. Herr Feddersen schrak auf. Er war im ersten Moment irritiert und zögerte. Sonst rief niemand so früh an, dann es gab nie einen Grund für frühe Anrufe. Nachdem das Telefon fünf Mal klingelte, nahm er vorsichtig ab.

Hallo“, fragte er mit einem ängstlich gereizten Unterton.

Guten Morgen, hier ist Dr. Clement.“

Herr Feddersen spürte eine Art von Übelkeit in sich hochkommen und er erinnerte sich sofort an den geträumten Anruf von letzter Nacht. Er kannte Doktor Clement. Er war der Hausarzt seiner Mutter.

Guten Morgen, Dr. Clement.“

Herr Feddersen war auf alles gefasst. Er hatte eine Ahnung, was jetzt kommt, denn Hausärzte rufen nie an, bevor nicht alles zu spät ist.

Ich muss Ihnen leider mitteilen, dass Ihre Mutter am Morgen tot in ihrer Wohnung aufgefunden wurde, wobei die Todesursache noch ungeklärt ist. Die Nachbarn haben sie schreien gehört und haben mich dann angerufen. Die Polizei ist auch hier. Ich werde Sie benachrichtigen, wenn wir Genaueres wissen. Es tut mir sehr Leid.“

Herr Feddersen fehlten die Worte und die Sprache. Er legte wie gelähmt den Hörer auf und war nicht einmal mehr in der Lage zu weinen. Er blieb stumm auf seinem Bett sitzen. Und wartete.