Irgendwann.

  
Irgendwann hieß der Tag, an dem wir uns zuletzt sahen. Ganz spontan, an einem Tag, an dem wir für ein paar Stunden frei hatten und die nächsten Termine schon brennend, aber wie im Zeitraffer auf uns warteten. Zeit war nie, wenn genug andere Dinge wichtiger waren, als das eigene Privatleben, das oft genug auf der Strecke blieb. Irgendwie gewollt, um vor zu viel Nähe zu flüchten. Aber irgendwie auch ätzend, manchmal, wenn man denkt, man wäre verknallt oder mehr als das.
Ich packte meine Sachen, ohne sicher zu sein, was ich alles als bescheidener Gast brauchte. Schließlich wusste ich nicht, wie lange ich diesmal bleiben durfte und wann es mich zurück auf den Bahnhof zog, um dort Stunden auf den Zug zu warten. 

Vielleicht war die pinke Zahnbürste schon zu viel, wenn unser Abend wieder vor der Nacht enden würde. Ein kurzer Abend braucht keine Zahnbürste und all den anderen Kram, mit dem ich jeden Tag wie ein Ritual beendete. Dennoch, ich hatte keine Ahnung und packte alles ein, was ich für angemessen hielt, um nicht als ungepflegt durchzugehen. Für den Fall falls. Ich konnte nicht wissen, ob ich es dort bis in die Badewanne schaffen würde. Es kam darauf an, wie viele Termine plötzlich unerwartet auftauchten und somit war der nächste Tag wie ein Überraschungspaket mit Stacheldrahtschleife.

Am Ende entschied ich mich gegen die Bodylotion, weil meine Haut mit einem alten Pfirsich nichts gemeinsam hatte und deshalb gut ohne 24-Stunden-Feuchtigkeit auskam. Trotzdem fiel es schwer, auf die Creme mit dem Erdbeerduft zu verzichten. Aber die Flasche war einfach zu groß für die Tasche. 

Nach dem Packen ging ich schlafen, ohne viel nachzudenken, weil es nichts brachte. Der erste Eindruck war schon gewonnen und mir war klar, dass die Sache mit dem großen Erwartungen nicht gut ausgehen würde, wenn ich mich zu sehr darauf versteifte. Trotzdem schweifte ich mit Vorliebe in Illusionen ab, die gar nicht mal besonders traumhaft waren. Mit dem Gedanken, für immer Single zu sein, konnte ich an diesem Abend abgeklärt einschlafen. Denn eigentlich war doch alles gut so, wie es bisher war. Wenn da nicht diese undefinierbare Sehnsucht wäre. 

Deshalb verabredeten wir uns auch nur zum Kaffeetrinken. Nur. 

Wenn aus viel nur wird, sollte man sich eventuell Gedanken machen. Nur ist harmlos, viel ist wild und vielleicht sogar unberechenbar. Ausschweifend. Nur ist scheiße. Langweilig.

Aber egal. Vielleicht war das die Alternative, meine Ansprüche zu ignorieren. Kaffeetrinken passte immer, um ein Treffen nicht mit hohen Anforderungen und Erwartungen zu sprengen. Außerdem hatte so ein gemütliches Café den Vorteil, ein unerotischer und somit völlig neutraler Treffpunkt zu sein. Von daher: Kein Platz für Gefühle und dramatische Austicker meinerseits.

Letztendlich freute ich mich, dass du mich überhaupt noch sehen wolltest, nachdem du andere Versionen meines Charakters erlebt hattest. Ich war glücklich, als ich nochmal die Chance bekam, mich weiter zu verknallen und dich auf deinen Bildern endlich wieder in echt zu erleben. 

Eigentlich wollte ich einen bunt geblümten Jumpsuit anziehen. Aber als ich merkte, wie unpraktisch diese Dinger waren, entschied ich mich dagegen. Ich wollte mich nicht gleich komplett entblößen, wenn ich nur mal kurz zur Toilette musste. Der Gedanke, nackt in BH auf der Toilette zu sitzen, während der Jumpsuit auf dem Boden liegt, gab mir so ein niederschmetterndes Unbehagen. 

Ich hatte keine Ahnung, für welche Situation sich dieser Jumpsuit überhaupt einmal in meinem Leben eignen würde. Es würde mich nicht wundern, wenn diese modische Idee ihren Ursprung im Altenheim hätte. Da hießen die Dinger Overalls, deren Aufgabe es war, schlimme Bescherungen zu vermeiden. Dementsprechend sahen sie auch aus. Zerrissen am Reißverschluss, kaputt im Schritt und an den Beinen ausgeleiert. Und das alles in biederen und verwaschenen Farben.

Ich suchte mir stattdessen ein dezenteres Outfit aus. Schließlich war es nur Kaffeetrinken. Am Ende war es der schwarze Minirock und ein lockerer Kapuzenpullover. Dazu hohe Stiefel, die gleichzeitig bequem genug waren, um damit ein bisschen durch die Stadt zu laufen. Aber hoffentlich nicht zu lange, denn das verursachte böse Flecken an den Füßen.

Im Laufe des Nachmittags machte ich mich langsam auf den Weg zum Café. Ich hatte noch Zeit, aber zu Hause hielt ich es nicht mehr aus. Dieser Herbsttag war zu schön, um die restliche Stunde vor dem Fernseher zu sitzen. Fernsehen stresste mich sowieso.

Der Herbst war meine Lieblingsjahreszeit und ich genoss es, draußen zu sein. Mehr als im Sommer. Die Luft war melancholisch kühl, es roch nach Regen und die bunten Blätter tanzten unter meinen Füßen. Endlich Herbst. Die beste Jahreszeit, um wieder für Motörhead zu schwärmen und sich von ‚Killed By Death‘ wecken zu lassen.

Ich setzte mich auf eine Bank in der Nähe des Cafés und beobachtete andere Leute, wie sie mit vollen Tüten vom Shoppen kamen. Mir fiel es auch jedes Mal schwer, an einem Schmuckladen vorbei zu laufen ohne etwas zu kaufen. Deswegen lief ich auch nie an diesen Läden vorbei, sondern ging hinein. 

Heute war es anders. Ich wollte mich nicht mit Shoppen ablenken, sondern wollte in Ruhe den Herbst einatmen und abwarten, was passiert. Diesmal malte ich keine Tagträume aus, sondern überließ die nächsten Stunden dem Fragezeichen. Ich hielt mich gedanklich lieber in der Realität. Geträumt hatte ich in den letzten Wochen viel zu viel.

Zwischendurch schaute ich zum Café herüber. Dort tat sich nicht viel und draußen saß niemand, weil an den Stühlen Regentropfen hingen. Manche Menschen ließen sich dadurch schon verscheuchen, zu ungemütlich und zu nass. Ich konnte da nur lächeln. Selbst bei Regen brauchte ich nie einen Schirm. 

Dann ging ich zum Café, um nicht zu spät zu kommen und ging hinein, weil ich nicht wusste, was ich dir wettermäßig zumuten konnte. 

Drinnen war es warm und einige Leute waren wohl auch schon tüchtig am Flirten. Vielleicht war das sonntags so üblich, seinen Kater im Café ausklingen zu lassen und den Restalkohol vom Kuchen aufsaugen zu lassen. 

Ich suchte mir einen Platz auf einer gepolsterten Eckbank und hatte immer noch zehn Minuten Zeit, obwohl ich mir Überpünktlichkeit schon lange abgewöhnen wollte. In der Zeit würde ich etwas nervös, da Warten nun meine einzige Beschäftigung war. Während die anderen Leute sich in ihren Gesprächen amüsierten, wusste ich nicht, wie ich vorteilhaft sitzen sollte, ohne angespannt zu wirken. Ich rutschte hin und her und wusste nicht, wohin mit meinen Händen. Dann kam zum Glück jemand, der mich fragte, was ich trinken wollte. Kaffee schwarz. Aber eigentlich war es mir ziemlich egal. Hauptsache ich hatte einen Becher zum Festhalten.

Dann kamst du. Ohne mich richtig gesehen zu haben, bist du gleich in die passende Richtung gelaufen. Als ob du geahnt hättest, dass ich lieber unauffällige Eckplätze bevorzuge. 

Als ich dich sah, bekam ich schlimmes Herzklopfen. Stärker, als beim letzten Mal und mir wurde sofort heiß in meinem Pullover. Scheiße, was für ein toller Mann. Mehr konnte ich in dem Moment nicht denken. Ich schaute dich mit einem kurzen Hallo an und das war’s. Dass wir uns gerade nur in einem Café trafen, war längst vergessen, denn die Umgebung verschwamm um mich herum, als du da warst. Jetzt befand ich mich in meinem eigenen Taumel aus Gefühlen von Verknalltsein, Angst und sinnlicher Benommenheit. Du saßt mir genau gegenüber, auf einem Holzstuhl, sodass du mich nicht aus den Augen lassen konntest. Und ich klammerte mich an meinen lauwarmen Becher Kaffee, den ich nur in Mini-Schlucken trank, damit er nicht zu schnell leer war. Du hättest dir inzwischen auch einen bestellt, damit es für den Kellner nicht zu doof aussah. Aber eigentlich war der Kaffee Nebensache, das wussten wir beide. 

Ursprünglich wollten wir beim Kaffeetrinken über unangenehme Themen sprechen, dachte ich. Aber ich fand es unpassend und sagte nichts. Ich nahm unser Treffen so hin, wie es war: extrem reizend. Negative Gespräche hatten keinen Platz. Ich wollte mit dir über gar nichts reden, sondern einfach nur da sein und deine Nähe spüren. Wenn auch nur auf Abstand. Aber ich empfand eine Vorahnung, wie es sein könnte, dir näher zu kommen. Dank dieser Vorahnung hörte mein Herzklopfen gar nicht mehr auf und wurde auch nicht weniger. 

Dir gegenüber zu sitzen war keine leichte Aufgabe. Es war eine grenzwertige Herausforderung, deine Aura zu spüren. Gerade, wenn man so schüchtern werden konnte, wie ich, wenn gewisse seltene Situationen auftauchten. Dein ständiger Blickkontakt machte mich fertig und die offenen Knöpfe deines Hemdes, aus dem einige Brusthaare hervorstachen, die mich weiter in meinen Taumel zogen. Gewisse äußerliche Kleinigkeiten waren – neben bestimmten Charaktereigenschaften – auch ein gutes Mittel, mich schneller gefügig zu machen.
Egal, auf welchen Körperteil ich meine Aufmerksamkeit lenkte, du hattest alles zu bieten, was mich schwach machte. Selbst dein Alter war dafür da, mich kleiner wirken zu lassen, was von deiner Körpergröße noch selbstverständlich unterstützt wurde.

Von daher war ich von deiner Anwesenheit auch im Café vollkommen geliefert. Du hattest aus einem langweiligen Ort etwas ganz anderes gemacht. Plötzlich war das Café so etwas wie eine leidenschaftliche Stromquelle, als du anfingst, zu reden. Über was auch immer, ich sog es auf. Ich hörte dir zu, ohne weitere Zuordnung deiner Worte. Später würde ich mich sowieso daran erinnern. 

Und wieder ging das Verknalltsein weiter. 

Mein Kaffee war längst leer, obwohl ich mir Mühe gab, langsam zu trinken. Ich wusste nicht, ob ich einen zweiten Kaffee haben wollte. In Gedanken wäre ich lieber woanders gewesen und hätte inzwischen vielleicht einen Cocktail gebraucht, um die Situation weiter zu verschärfen. Die Sitzecke im Café war nicht der richtige Ort, um mich viel zu nüchtern auf deinen Schoß zu setzen. Ich wollte den anderen Leuten schließlich auch nicht den Nachmittag mit angedeuteten Softpornos verderben. Aber ich traute mich nicht, dir etwas anderes vorzuschlagen. Entscheidungen überließ ich lieber dir. So, wie es zwischen uns abgemacht war. In Texten, die immer weniger wurden, aber deren Inhalt weiterhin blieb. Wahrscheinlich war es besser so, manche Dinge nicht zu oft zu wiederholen, wenn uns durch unterschiedliche Umstände die Zeit geklaut wurde. Und wahrscheinlich wäre es besser so, wenn ich jeden Tag gute Laune hätte. So, wie vorher, als ich noch nicht verknallt war.

Ich wühlte ziellos in meiner Handtasche, um kurz etwas anderes zu tun, als dir gegenüber zu sitzen. Es wurde mir einfach zu heftig. Die aufsteigende Hitze kam auf keinem Fall vom Kaffee. Den spontanen Weg zum Klo lehnte ich ab. Die Versuchung war zu groß, mich vor lauter Aufregung mit Schnee zu beschäftigen. 

Also blieb ich und hoffte, dass du bald einen Vorschlag machen würdest. Wobei mein Blick in deine Augen fiel und dort endgültig hängen blieb. Jetzt hattest du mich und du wusstest es.

Endlich kam der Vorschlag, woanders hinzugehen. Am besten zu dir und so kam es auch. Ab jetzt konnte es ungestört weitergehen, in deiner Wohnung, wo es nur phasenweise Nachbarn gab. 

Alles war genau wie beim letzten Mal, nur dass diesmal nichts dazwischenkam. Der Kaffee wurde nun durch Gin ersetzt und wir fingen dort an, wo wir damals aufhörten. Ich merkte, wie ich lockerer wurde und mich wohlfühlte in deiner Nähe. Nichts war komisch, sondern vertraut. Trotz unserer seltenen Treffen kamst du mir ganz und gar nicht fremd vor. Und dennoch kannte ich dich bis jetzt kaum. Eigentlich konnte ich nur ahnen, wie du bist und vermutete, dass ich damit mehr richtig als falsch lag. Aber wissen konnte ich nichts. 

Ich mochte das Gefühl von Distanz und dass ich dich kaum kannte, obwohl ich jederzeit bereit war, mehr über dich zu erfahren. Aber auch das war deine Entscheidung. Du durftest Forderungen stellen und bestimmen, wie weit das alles mit uns geht. Ich nicht. 

Nach zwei Gläsern Gin merkte ich immer noch keine Veränderung in meinem Zustand. Alles war, wie sonst auch, dachte ich. Außer, dass ich weniger redete und nur noch auf dich fixiert war. Ohne mich zu rühren saß ich da. Innerlich war ich inzwischen beim Küssen angelangt, wobei der Drang immer größer wurde, dich wirklich zu küssen und zwar jetzt. Ich wollte es mir nicht länger vorstellen, weil es mich wahnsinnig machte. Der zweite Gin trieb mich an, den nächsten Schritt zu wagen und war vielleicht auch der Grund, warum es mir immer schwerer fiel, mich völlig zurückzuhalten. Wer mich mit Alkohol abfüllt, muss damit rechnen, dass das Zeug auch bei mir enthemmend wirkt. Ich wollte nicht länger auf den Kuss warten. Lieber stürzte ich mich ins Risiko, dadurch kurzzeitig mal nicht devot zu wirken und für einen winzigen Moment die Führung zu übernehmen, die ich dann sofort wieder an dich abgab, denn nur so fühlte es sich richtig an. 

Ich ging zu dir, setzte mich auf deinen Schoß und küsste dich. Meine Hände strichen über deinen Bart und blieben auf deinen Schultern liegen. Der Kuss war wie eine Erlösung, nach den letzten Wochen voller Chaos. Und dass so ein Kuss noch längst nicht alles war, bekam ich schnell zu spüren in deiner Jeans. Wahrscheinlich war mein kurzer Rock nicht ganz unschuldig und wir waren uns dadurch körperlich gleich viel näher. Meine Hände glitten an deine Kehle und ich wartete auf dem Moment, wo du mich nahmst und stur nach deinen Vorstellungen weitergingst. Mir war klar, dass ich dich mit meinem Verhalten provozierte. Schließlich erwartete ich, dass du den Part übernahmst und endlich die Kontrolle über mich gewannst. So, wie es richtig war.

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