Jemand und Gin


Manchmal bin ich hochsensibel und emotional.Und dennoch bin ich gefasst.

Manchmal bin ich gelähmt und blockiert.

Und dennoch bin ich gelöst.

Manchmal ist mir übel und schwindelig.

Und dennoch fühle ich mich wohl in meinem Karussell.

Manchmal verbinden sich Hirngespinste und Realität.

Und dennoch liebe ich diffuse Träume, wenn sie wahr werden.

Manchmal ist mir kalt und warm zur selben Zeit.

Und dennoch genieße ich es.

Aber am liebsten bin ich alles gleichzeitig.

Und ich liebe es, ich zu sein.

Gin Toxic hat viele Gesichter und die meisten davon sind interessant, wenn man offen für alles ist.
Jeder Cocktail lässt sich mit dem Inhalt einer Wundertüte vergleichen und jedes weitere Glas bietet die Möglichkeit, alle Gefühle wild miteinander zu kombinieren.

Meine alkoholisierten Gefühle lassen sich jedoch leicht auf’s Wesentliche zusammenfassen.

Ich würde gerne einmal einen Liebesbrief an einen fremden Mann schreiben. Doch momentan sitze ich nur stumm in der Wohnstube und beobachte, wie die Kerze meinen bunt glitzernden Teelichthalter anstrahlt und mich von meinen eigentlichen Gedanken ablenkt, die weitaus ernster sind.
Ich bin unkonzentriert und komme zu der Annahme, dass Gin Toxic und Cola doch nicht immer gut zusammenpassen, wenn man sein Hirn noch zum Denken braucht. Herumliegen und Nichtstun wäre momentan einfacher. Meinen Gedanken freien Lauf lassen und einfach von den Dingen träumen, an die ich gerade denke. Ich merke, wie mich der Alkohol langsam flachlegt und hoffe, dass sich der Zustand gleich in meinen Träumen widerspiegelt.

Schnell gehe ich unter die Dusche, bevor ich die ganze Nacht unsachgemäß auf der Couch hängen bleibe und dort neben meinem nachtaktiven Kater einschlafe.
Ich dusche unter dampfend heißem Wasser, weil mein Wärmeempfinden schon deutlich reduziert ist. Genau wie mein mentaler Allgemeinzustand, in seltenen Situationen.

Mir ist kalt und ich habe Gänsehaut. Ich drehe ungeduldig am Wärmeregulierer herum, um das Wasser noch heißer einzustellen. Aber mehr geht nicht, die Armatur ist bereits voll aufgedreht. Dann fällt mir ein, dass ich es als Kind mochte, von einer Wespe gestochen zu werden. Mit dem Wasser ist es wohl genauso. Es gibt kein heiß.

Fast zwanzig Minuten sitze ich ruhig unter der Dusche und lasse meinen Rausch vom Wasser bereinigen. Alles fühlt sich intensiver an und ich habe das Gefühl, als würde ich jeden einzelnen Tropfen auf der Haut spüren. Das Wasser ist so heiß, das es Nebelwolken bildet und dafür sorgt, dass sich allmählich die Raufasertapete von der Decke über mir löst. Meine Tapeten kommen mit den tropischen Temperaturen im Bad mittlerweile nicht mehr klar.
Aber eigentlich ist mir das alles gerade egal. Ich bin mit den Gedanken überall und nirgendwo. Der typische Zustand, wenn ich müde und voll bin. Alles ist so lahm und sinnlos.

Die Gedanken, die sich anbahnen, kehren in der Mitte wieder um und verschwinden. Ich erinnere mich an Dinge, nur um sie gleich zu vergessen.

Zwischendurch bekomme ich das Bedürfnis, per SMS Streit anzufangen, aber meine Vernunft sagt mir, dass es keinen Grund gibt und dass ich mindestens eine Nacht warten soll, bis ich wieder nüchtern bin. Aber was nützt mir eine Nacht, wenn ich trotz Müdigkeit wahrscheinlich sowieso nicht durchschlafen kann und um vier Uhr morgens hellwach bin. Um die Zeit fängt mein Kater gerne an, die Tapeten von der Wand zu kratzen. Inzwischen nur noch selten bis gar nicht.
Während ich unter der Dusche nachdenklich abdrifte, fällt mir ein, dass mir mein französisches Glitzerduschbad dabei helfen könnte, mich wieder ins normale Leben zu holen, bevor mich die aktuellen Umgebungsfaktoren völlig abstumpfen. Das Blöde an dem Glitzerduschbad ist, dass man davon körperlich nichts merkt und ich habe keine Ahnung, wonach dieses orange Zeug riecht, weil ich eine Aversion gegen diese Farbe habe. Mit meinem blauen Duschschwamm versuche ich, die unangenehme Farbe zu neutralisieren, was gut gelingt. Blau und orange wird irgendwie zu lila, wenn ich mir das richtig einbilde. Lila mit Glitzer. Ich fühle mich wie ein lila Wattebausch mit Glitzer.
Weitere zehn Minuten vergehen bis ich mit allem fertig bin. Auch nervlich mit mir selber, denn jetzt merke ich, wie der Gin Toxic für labile Stimmungsschwankungen sorgt, auf die ich gar keinen Bock habe. Mit den Gedanken ‚alles scheiße‘ putze ich mir ein paar Sekunden lang grob die Zähne und freue mich auf das Gefühl, alles ins Waschbecken zu spucken. Danach beschließe ich, dass ich morgen mein Bad sauber machen werde, da morgen der einzige Tag sein wird, an dem ich dafür Zeit habe. Aber eigentlich habe ich überhaupt gar keine Stimmungsschwankungen mehr. Ich kann sie super ignorieren, wenn ich will. Das klappt perfekt, wenn ich Lust dazu habe oder mich mit Absicht zusammenreißen muss. Für ganz bestimmte Leute zum Beispiel. Für Leute, die es wert sind, bin ich gerne vernünftig.
Nachdem ich endlich im Bad fertig bin, obwohl ich längst nicht alle pflegerischen Maßnahmen geschafft habe, gehe ich unrasiert und mit nassen Haaren ins Bett. Es ist schließlich niemand da, der sich dadurch belästigt fühlt.
Unter der Decke ist es auf einmal viel wärmer, als unter der Dusche. Mir ist heiß und meine Wangen glühen. Danke Gin Toxic, dass du heute so unberechenbar wirkst und mir einen kleinen Einblick in die Wechseljahre gewährleistest. Wobei gerade der Wunsch aufkommt, jetzt richtig flachgelegt zu werden. Von jemanden, der natürlich nicht in meiner Nähe, sondern zig Kilometer weit entfernt ist. Gedanken, wie ich sie fast jeden Abend habe, weil es normal ist, in Fantasien und Sehnsüchten zu schwelgen.

Benommen wie ich bin beobachte ich den langsamen Farbwechsel meines Nachtlichts – blau, rot, grün, weißgelb. Es leuchtet mir aus der Steckdose sanft ins Gesicht und umrahmt mein Bett. Ohne dieses kindische Beruhigungsmittel gegen Angst vor Dunkelheit würde ich wohl schlechter einschlafen und das nur wegen einigen beschissenen Büchern in meinem Regal, die sämtliche Horrorfilme übertreffen. Seitdem kann ich auf diese kleine Lampe nicht mehr verzichten, die ich zuvor noch nie im Leben gebraucht habe. Am besten wirkt die Lampe jedoch in Kombination mit Alkohol, Schlaftabletten und offenem Fenster. Der Lärm der Autos gibt mir das Gefühl, dass alles in Ordnung ist und die kalte Luft im Zimmer tut ihr Übriges. Das offene Fenster gibt mir das Gefühl, nicht alleine zu sein, da immer einige Autofahrer in der Nähe sind und die Vögel früh über die Wiese fliegen, um ihr Frühstück zu suchen.
Wenn ich gedanklich schon weit weg genug bin, stelle ich mir vor, dass ich in Berlin bin und nicht alleine im Bett liege. Mit der Hoffnung, dass ich mit dieser Vorstellung meine Träume beeinflussen kann, denn früher gelang mir das sehr häufig. Da konnte ich irgendwie alles.
Ich mag es nicht, jede Nacht alleine im Bett zu liegen. Aber der Gedanke, jede Nacht nicht alleine zu sein, stört mich noch mehr. Somit stecke wieder im Zwiespalt zwischen Wunsch und Abneigung, was aber nicht besonders schlimm ist, wenn man weiß, wie man damit umgeht.

Kurz vor dem Einschlafen drängt sich spontan eine absurde Frage in den Vordergrund, die ich im angetrunkenen Zustand nur inadäquat beantworten kann: Was sind eigentlich Gefühle? Warum spüre ich sie nicht (immer)?
Die anstrengende Frage macht mich müde und führt zu nichts. Die Antwort darauf befindet sich irgendwo in meinem schwammigen Gedankenhaufen im Kopf.

Fest steht, dass ich genug Gefühle kriege, wenn ich eine Flasche Sekt ausgetrunken habe. Bei Whiskey klappt das allerdings nicht, denn das Zeug macht zu hart und zu taub.

Irgendwann schlafe ich in meinem Gefühlsdusel ein und wünsche mir, dass ich dieser abendlichen Endlosschleife irgendwann entkomme.

Diese Endlosschleife besteht aus Träumen und Sehnsüchten in Bezug auf den Mann meiner Tagträume, die mich bis spät in die Nacht verfolgen – der Mann aus Berlin, der momentan nur in meiner lebendigen Erinnerung existiert und zu weit weg wohnt, um sich spontan auf einen Gin Toxic mit Apfelsaft zu verabreden.
Dabei besteht die größte Anziehung gerade wegen der kilometerweiten Distanz und der damit verbundenen emotionalen Unnahbarkeit. Ständige Verfügbarkeit ist für mich nichts Spannendes, sondern schreckt mich ab.

Meist ist ein Mann für mich erst dann richtig attraktiv, wenn er mich nicht an sich herankommen lässt und sich mir gegenüber dennoch diplomatisch verhält.

Jemand, der nicht anhänglich ist und jemand, mit dem Küssen nicht selbstverständlich ist.

Ich stecke im Gefühlstaumel, weil ich Sachen und Eigenschaften liebe, die man besser nicht lieben sollte. Aber ich kann nicht anders, so sehr ich mich auch anstrenge, normal zu sein. Kälte kann viel reizvoller sein, als Wärme.

Ehrlich gesagt: Ich will gar nicht normal sein. Mir würde zu viel entgehen.

Morgens um vier Wache ich auf. Schon wieder höre ich, wie mein Kater in der Wohnstube Unsinn macht. Ich gehe hin und schaue nach, was er diesmal angestellt hat. Er ist tatsächlich mit meiner Tapete beschäftigt, die er mit seinen Krallen immer weiter einreißt, um anschließend mit dem Papierschnipsel zu spielen.
Während ich den Schaden mit Kleber beseitige, guckt er mich mit groß aufgerissenen Augen an und beobachtet genau, was ich tue. Dann nehme ich ihn mit auf die Couch und rubbele grob sein Fell durch, was ihm sehr gefällt. Er steht auf rabiate Handgriffe. Nach ein paar Minuten reicht es ihm. Er windet sich aus meinen Armen hervor und schüttelt sein Fell zurecht. Danach kratzt er einige Male meinen Teppich, um seine Wut herauszulassen. Man könnte denken, er hat meinen Charakter kopiert.
Ich gehe wieder ins Bett, obwohl ich gar nicht mehr müde bin. In der Küche steht noch ein angefangenes Glas Gin. Kurz überlege ich, ob ich das noch trinke. Aber dann fällt mir ein, dass ich den Rest vorhin schon in den Abfluss gekippt habe.
Schlafen muss auch ohne Alkohol gehen und schließlich hatte ich am Abend genug davon. Wobei ich davon gerade nichts mehr merke.

Ich schaue auf mein Handy und sehe eine neue Nachricht, die vor zwei Stunden ankam. Sie ist von meinem Lieblingsmann: Wir müssen uns bald treffen.

Bei dem Gedanken wird mir ganz anders, Aufregung macht sich breit und ein kribbeliges Gefühl durchzieht meinen Körper. Er hat recht, wir müssen uns bald treffen. Wir können nicht noch zig Monate auf den richtigen Zeitpunkt warten und können nicht ewig davon träumen, wie alles wäre. Mir steht nichts im Weg, ich bin frei. Also, warum nicht jetzt? Ich habe keine Lust mehr, in Vorstellungen zu schwelgen und mich nur mit den Filmwiederholungen meines Kopfkinos zufrieden zu geben.
Ich checke gleich die Zugverbindungen und sehe, dass es keine Probleme gibt.
Mir müssen uns nur noch auf einen Tag einigen und es kann losgehen.

Ich schreibe: Wann wollen wir uns treffen?

Jetzt kann ich nur abwarten und mich wieder hinlegen. Dauernd muss ich grinsen, weil es nun Schritt für Schritt weiter geht und ich es kaum glauben kann. Mit diesem guten Gefühl schlafe ich wieder ein.

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