Jemand und Gin 3


[…]

Mein Kopf ist kurzzeitig leer, obwohl das alles kein Vergleich zu dem ist, was ich in den letzten sechs Jahren erlebt habe. Es gibt also keinen Grund für Aufregung. Alles ist gut. Ich muss mich nur öfter daran erinnern.
Er sieht so aus, wie ich ihn in Erinnerung habe. Nur wirkt er etwas überraschter in diesem Moment. Ich bin etwas verlegen, weil ich hier bin. So ganz ohne Erlaubnis.
Auf einmal sagt er: „Gehen wir doch rein.“

Auch mal schön, die Begrüßung zu überfliegen. Manchmal reichen Blicke, um ‚Hallo‘ zu sagen. 

Ich grinse kurz und folge ihm dann in die Wohnung. Vorher noch Schuhe abtreten und dann irgendwo abstellen. Er nimmt mir die Jacke ab, Mütze und Schal stopfe ich in die Handtasche. 

Andere Wohnungen sind interessant, aber heute ist es mir ausnahmsweise mal unwichtig, wie alles aussieht. Keine Zeit für Interpretationen und Fantasien.
Ich suche mir einen Platz und warte ab.

Er bietet mir was zu trinken an, aber ich möchte nichts. Mir ist gerade nicht danach. Stattdessen schwirren mir Fragen im Kopf herum, aber ich denke nicht, dass das der passende Moment dafür ist. Lieber bin ich froh, dass ich hier sein darf.

Eigentlich müssten wir gar nicht viel reden, wenn wir die gleichen Gedanken hätten. Aber haben wir die? 

Wo ist er eigentlich die ganze Zeit? Ich sehe ihn nicht. Seit ich in seiner Wohnung bin, bin ich alleine. Könnte sein, dass er im Bad ist. Oder im Schlafzimmer. Alles ist leise. Ich spiele nervös an meinem Armband herum. In diesem gedimmten Licht glitzert es nicht so schön. Ich sitze eine ganze Weile alleine am Tisch und finde es merkwürdig. Er behandelt mich wie einen unerwünschten Gast. Eine Tatsache.
Als ich ihn frage, wo er ist, fühle ich mich, als würde ich ein Selbstgespräch führen. Keine Antwort. Ich stehe auf, und gucke zaghaft in jedes Zimmer. Im Schlafzimmer finde ich ihn vor seinem Notebook sitzend.

Sieht aus, als würde er arbeiten.

„Soll ich gehen“, frage ich. 

Er scheint die Frage zu überhören, weil er sich in seine Arbeit vertieft hat. Ich sehe nur Namen auf dem Bildschirm und kann mir denken, womit er beschäftigt ist. 

Inzwischen ist es 21 Uhr und ich weiß nicht, was ich tun soll. Ob ich bleiben darf, oder gehen muss. Die Stimmung ist irgendwie angespannt, da er mich auch hier ziemlich ignoriert. 

„Es ist schon spät“, deute ich an. Mit der Hoffnung, dass er versteht, worauf ich hinaus will. 

„Du bleibst heute hier“, sagt er nur. 

Das überrascht mich. Also will er mich doch nicht loswerden. 

„Mach dich schon mal fertig.“

„Wie jetzt?“

„Fertig machen für’s Bett.“ 

Wie gut, dass ich fast überhaupt nichts dabei habe. Ich habe nur meine Handtasche mit und an Dinge, wie Übernachtung dachte ich überhaupt nicht. So weit war ich mit meinem Plan nicht. 

„Ich hab nichts mit.“

„Dann gehst du jetzt baden und schläfst dann nackt. Ganz einfach.“

Ein erotischer Gedanke, der es schafft, mich trotzdem schüchtern zu machen. Wir beide kennen uns doch noch gar nicht so gut. 

Ich gehe ins Bad und gucke nochmals meine Handtasche durch. Vielleicht befinden sich darin noch andere Dinge, die ich gebrauchen könnte. Aber nein, leider nicht. Schlüssel, Portemonnaie, zwei Handys, Taschentuch, Ladekabel, rosa Dior Lippenstift und Pillen. Ansonsten nichts. Okay. 
Baden ist gut, die perfekte Entspannung, wenn ich den Rest des Abends ausblende und nicht weiter denke. Denn wenn ich daran denke, wo ich jetzt bin, macht mich das kribbelig. Und weil ich nicht weiß, was er insgeheim von mir hält. Ob er sich freut? Oder will er mir vielleicht einen Denkzettel verpassen? Ich kann ihn nicht einschätzen, da er abwesend auf mich reagiert. Aber vielleicht hat er einfach nur viel zu tun. Es nützt nichts, weiter darüber nachzudenken. Auf jeden Fall brauche ich für diese Nacht kein Hotel.

Ich bade lange, genau wie zu Hause. Eine Stunde und paar Minuten und das ganz ohne Buch. Ich träume vor mich hin. Und nein, es muss nicht der gleiche Badeschaum wie zu Hause sein. Aber dieses pinke Duschbad auf dem Wannenrand stört mich. Es flüstert mir provokant ‚Frau‘ entgegen. Ich nehme das Duschbad in die Hand und sage: „Ich mag dich nicht.“ Das Duschbad bleibt stumm und erzählt mir keine Geheimnisse. 
Aber…was tue ich hier eigentlich? Ich sitze in einer fremden Badewanne und versuche mich mit einem Duschbad zu unterhalten. Niemand sollte mich dabei erwischen, wenn ich gedanklich abdrifte. Das ist zu irre.

Es klopft an der Tür und ich werde sofort aus meinem Wahnsinn herausgerissen, weil ich mich erschrecke. Zurück in der Realität. 
„Möchtest du jetzt vielleicht was trinken?“, fragt er.

„Ähm..ja..“

Die Hitze im Bad macht mich nämlich schon ganz düsig.

„Was möchtest du denn?“

Am liebsten würde ich Gin Toxic sagen. Aber das wäre zu viel verlangt, sonst wird mir schwindlig und ich könnte sehr anzüglich werden. Ich weiß nicht, ob das gut ist.

„….Mineralwasser?“

„Okay.“

Dann geht er wieder und ich fixiere wieder das pinke Duschbad.

„Und was ist mit dir? Vielleicht ein Rosenwasser?“

Paar Minuten später kommt er einfach ins Bad und stellt mir das Glas auf den Wannenrand. Es ist genug Schaum in der Wanne, sodass ich mich wie angezogen darin fühle. Er sieht nichts. 
„Danke.“

Dann bleibt er neben der Wanne stehen, als ob er auf irgendetwas warten würde. 

„Was ist denn“, ich schaue fragend nach oben. 

„Wenn du das Glas ausgetrunken hast, kommst du aus der Wanne.“ 

Er wirkt nicht gerade freundlich, als er das sagt. 

Dann geht er. Anscheinend halte ich mich schon zu lange hier drinnen auf. Gäste müssen sich anpassen. 

Nach fünf Minuten bin ich draußen. 

„Du hast dich ja wieder angezogen. So geht das nicht, du kannst hier nicht machen, was du willst. Das müsstest du doch wissen.“

Mit so einer Bemerkung habe ich nicht gerechnet. Vor allem, weil ich in den letzten Stunden so ignoriert wurde.

„Du kannst dich gleich wieder ausziehen und dich da hin setzen.“

Er zeigt auf einen Stuhl, der mitten im Raum steht, wo vorhin noch keiner stand. In der Wanne war es deutlich wärmer. Und die Stimmung im Raum ist herbstlich. Heute ist nicht mein Tag, das wird mir leider viel zu spät klar. Meine Stimmung schlägt abrupt um und ich fühle mich von ihm angegriffen. Ich sage ihm meine aktuelle Meinung. 

„Ich will heute nichts.“

Er wird aufmerksam und ich spüre, dass ihm der Satz ganz und gar nicht gefällt.

„Wie nichts?“

„Ich will mich jetzt nicht ausziehen. Mir ist kalt und ich glaube, ich krieg meine Tage oder so.“ 

Die beste Drohung, die immer zieht. Ich kann nichts dafür, dass meine Stimmung jetzt umschlägt. Irgendwie passt das alles gerade nicht. Liegt wahrscheinlich daran, dass Winter ist und ich meine Sachen nicht mit habe. Ich bin ohne alles hier und das geht gar nicht. Und die Klamotten sind auch nicht optimal. Die Leggings und der Strickpullover haben mit meiner Persönlichkeit nichts zu tun. Früher zerriss ich immer T-Shirts, die mir nicht gefielen. Das könnte ich jetzt auch tun. Aber weil ich weiß, dass in zehn Minuten wieder alles toll sein wird, verzichte ich darauf.

Er guckt mich kritisch an, ohne was zu sagen. Aber es sieht eher so aus, als würde er immer noch warten. Er lässt sich nicht von dem ablenken, was ich sage. 
Ohne einen wirklichen Auslöser fühle ich mich seit wenigen Minuten überfordert. 

Ich wende mich ab und finde die richtige Tür zum Schlafzimmer wieder. Dort lege ich mich ins Bett und ziehe mir die Decke über den Kopf. 

So, und jetzt wieder vernünftig sein, rede ich mir ein. Sonst…

[…]

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