Sehnsucht (Oktober 2013)

Ich sitze fast wie erstarrt und still in meinem Zimmer. Es ist Abend und ich bin allein. Das einzige Geräusch ist der Regen, der gegen das Fenster schlägt. Mein Blick fällt auf einen großen Stapel Zeitungen, die in meinem Schrank ungeordnet aufeinander liegen. Wenn ich auf das Datum schaue, überkommen mich Wehmut und Sehnsucht. Die Zeitungen sind alt, aber wenn ich darin blättere, könnten sie von heute sein. Jedes Bild ist mir bekannt, kein Text ungelesen.

Das Zimmer ist auf einmal gefüllt mit Melancholie und gemischten Gefühlen. Gefühle von heutigem Zweifel und früherer Vorfreude, sowie Glück. Es gab Zeiten, in denen alles perfekt schien. Diese Zeiten liegen heute in Scherben in der Vergangenheit und existieren nur noch in dunkler Erinnerung.

Wird es diese Zeiten je wieder geben – zwar in anderer Form, aber vielleicht ähnlich? Ich werde nachdenklich. Schwer, diesen Gedanken zu Ende zu denken. Nichts wird wieder so, wie es mal war. Veränderungen kommen, bleiben und gehen. Nie wieder wird Vorfreude so sein, wie sie einst war, die Enttäuschungen der Zeit hat sie vertrieben.

Und wo ist die Unbeschwertheit, die mich stets begleitet hat? Auch sie hat sich im Laufe der Erfahrungen schleichend verabschiedet.

Draußen ist es nass, kalt und bunt. Der Herbst steht vor der Tür. Die Jahreszeit, die trüben Gefühlen die Tür öffnet und sie traurig begrüßt. Ich bin gerne allein und genieße es, mich in meiner Sehnsucht nach dem Vergangenen zu suhlen und alte Jahre wieder aufleben zu lassen.

Eine einzige Kerze brennt nur noch, die anderen sind bereits abgebrannt. Um mich herum ist es halbdunkel, aber warm.

Meine Gedanken wechseln zwischen gestern, heute und morgen. Alles ist möglich. Nur ich entscheide in welcher Realität ich leben möchte und was ich will.

Meine Entscheidung ist: Loslassen und mit einem Lächeln durch den Regen und durch die Pfützen zu springen. Durch das Herbstlaub zu rascheln und mit dem Moment eins zu sein.

Die Kerze erlischt mit einem Hauch, das Zimmer wird dunkel. In mir kehrt Frieden ein, Zweifel verschwinden in der Dunkelheit und verstecken sich. Es liegt an mir, ob ich sie morgen suchen möchte, um sie dann erneut in mein Leben zu holen.

Ich werde müde und schaue im silbernen Mondlicht an die runde verzierte Deckenlampe meiner Oma. Draußen bellt ein Hund in der Nacht, während ich in dem alten Gäste-Bett liege und auf meine Eltern warte, die noch spät in der Küche sitzen und sich mit meinen Großeltern über alte Zeiten unterhalten.

Ich wünschte, die Zeit würde stillstehen oder wiederkommen. Oder wird es eine andere, neue Zeit geben, die dieser ähnelt? Läuft das Leben nicht in einer Endlosschleife, in der sich alles nach einer Weile ähnlich wiederholt?

Der Gedanke lässt mich hoffen und ich werde müde.

Herzengel

Die erste Woche des Jahres gut überstanden. Und: jeder Mensch hat einen Engel.

2017

Ich wünsche euch ein frohes neues Jahr, obwohl ich diese ganzen Sprüche selber nicht mehr hören kann und vor allem: nicht hören will. Weil…es nervt mich langsam. Die letzte Woche eines Jahres ist immer der Horror für mich. Plötzlich melden sich Leute, von denen man ewig nichts gehört hat und wünschen einen alles Gute. Was soll das? Diese gespielte Freundlichkeit..furchtbar. Und andererseits geht es im Dezember immer nur ums Kaufen. Kaufen, kaufen, kaufen,…kochen. Am Ende wundern sich die Leute, warum sie so fett geworden sind. Und prompt taucht im TV Werbung von Weight Watchers auf…

Es ist doch immer der gleiche Wahnsinn 🙄 Zum Glück mache ich da nicht mit.

Manche Hunde…

…so wie dieser. Er sitzt treu neben dir, beobachtet dich interessiert während du isst. All das mit einer Zunge, die viel zu lang ist für sein Maul. Er liebt es, wenn man sein Fell + Speckröllchen im Nacken grob rubbelt und japst nach Luft. Leider.

Ich war sofort verliebt ❤️ Ohne mich gerade an seinen Namen zu erinnern. That’s love. 

Flucht ins Kino 


Welch seltsamer, emotional belastender Tag, der nun endlich zu Ende ist.
Wobei ich mich vor einem Jahr noch auf dem Rückweg nach Hause befand, mit Anflügen von Übelkeit im Zug. Ich erinnere mich gerade genau, wie der Apfelsaft-Gin mir dort fast zum Verhängnis wurde, ich mich jedoch beherrschen konnte, indem ich mich auf die Musik aus meinen Ohrstöpseln konzentrierte. Danach machte ich mitten in der Nacht einen Spaziergang vom Bahnhof nach Hause, da keine Straßenbahn mehr fuhr. Somit hatte ich auch gleich genug frische Luft. War ein gutes Mittel gegen die Übelkeit, die zu Hause ihren Ausbruch im Klo fand. Schönes Treffen, schöne Nacht. Herrlich. Da war noch alles in Ordnung.

Ich zelebrierte diesen gestrigen besonderen Samstag tatsächlich melancholisch im Bett, mit einer Duftkerze und im abgedunkelten Zimmer. Die Sonne schien sowieso nicht. Umso dunkler war es mit heruntergelassenem Rollo. Ich schwelgte in Gedanken und Erinnerungen. Viel zu viel. Und zugleich spürte ich diese gewisse Leere, die mich permanent erfüllt. Widersprüche gehören zu meinem Leben eben dazu, das ist meine Normalität. Ich wünschte, meine Gefühle wären insgesamt nicht so extrem, sondern auch normaler. Aber dann wäre ich vielleicht eine Langweilerin, was ich auch sehr ätzend fände. Langweilig mag ich nicht, war nie mein Ding.
Zwischendurch ging ich kurz shoppen, las drei kleine Kapitel eines spannenden Buches und zappte durch meinen iPod. Auch Lieblingssongs übersprang ich. Innerlich völlig unruhig und aufgewühlt. Ich fand in keiner Tätigkeit Ruhe, nicht einmal beim Mandala ausmalen. Nichts konnte mich gedanklich ablenken und nichts machte richtig Spaß, sondern endete in Zerfahrenheit. Schaute nur auf die Uhr und sah die Szenen des vergangenen Jahres. Wie krank sich das anhört,..oder? Ich klinge wie eine ewig verheiratete Witwe. Oder nach einer Frau, die nach zehn Jahren Beziehung wieder Single ist. Dabei handelt es sich in meinem Fall nur um ein dreistündiges Treffen. Kein Anlass für all diese dramatische Trauer. Und dennoch geht es mir so bescheuert. Vielleicht bin ich jetzt auch durch mit dem Thema, da ich schon dabei bin, mein unsinniges Verknalltsein hier in der Öffentlichkeit ins Lächerliche zu ziehen und es mir dadurch umso bewusster wird, wie dämlich es eigentlich ist. Aber es hat mich leider erwischt. Man erlebt ja auch mal krankhafte Episoden im Leben. Eigentlich eher auf Depressionen bezogen, aber bei mir nennt sich das anders. Emotional instabil…
Abends ging ich ins Kino. Alleine. Ich wusste, dass das die beste Idee ist, um anderen Input zu bekommen. Alleine in Gesellschaft fremder Mensche, zusammen in einem gemütlichen Kino ist immer eine gute Wahl. Kino ist mein zweites Wohnzimmer. Neben mir saß niemand und ich fühlte mich, bis auf das vereinzelte Popcorngeraschel, gut und ungestört. Der Gruselfilm lenkte mich komplett ab, obwohl er gar nicht so toll war. Aber es reichte und es war besser für mich, den Abend nicht alleine zu Hause zu verbringen. Sonst hätte ich diesen nur stumm im Bett verbracht und hätte wieder teilnahmslos die Decke angestarrt. Ich musste unbedingt herauskommen aus diesem Stumpfsinn. Gegen 23 Uhr kam ich nach Hause und war froh, als dieser schräge Tag fast vorbei war. Die letzte Stunde verbrachte ich mit Nachrichten schreiben..an Freunde, bei denen ich mich lange nicht mehr gemeldet habe. Mal wieder mit der Hoffnung auf Ablenkung. Mir war egal, was sie schrieben. Hauptsache, ich fühlte mich in dieser Stunde nicht so einsam. Was tut man nicht alles aus Verzweiflung. Shit. 
Ich hoffe, dass es mir bald besser geht und ich mich privat emotional wieder positiv verändere. Immer wieder rede ich mir ein, dass es keinen Grund gibt, traurig zu sein und dass alles gut so ist, wie es ist und dass andere tolle Männer auf mich warten. Es muss nur einfach mal richtig in meinem Hirn ankommen. Und in meinem Herzen. 

August, 1 Jahr später


Diese Seite verstummt, ich weiß. Eigentlich gibt es viel zu sagen, würde ich mich nicht so verdammt gelähmt fühlen. Innerlich. Alles ist lahm geworden, dabei passiert in meinem Leben so viel. So viel Aufregendes. Neuer Job, neue Figur, neues Aussehen – all sowas. Dinge, über die man sich freuen kann und die für viele Menschen erstrebenswert sind. Ich habe so vieles erreicht. Und dennoch: Richtig gut geht es mir seit einem Jahr nicht mehr. 
Eigentlich gibt es für diese starke Melancholie, die ich spüre, gar keinen Grund, weil eigentlich alles nahezu perfekt ist. Ich müsste also glücklich und fröhlich sein, den ganzen Tag lächeln…
Der Knackpunkt ist eigentlich. Eigentlich, eigentlich, eigentlich. Wie soll ich etwas erklären, für das es eigentlich keine vernünftige Erklärung gibt. Unvernünftig ist der passendste Ausdruck für mein Verhalten. Naiv, gar kindisch. Irgendwie. Etwas stimmt einfach nicht und dieser ewige Kreislauf nimmt kein Ende, weil das Erlebnis vom vergangenen Sommer so sehr an mir haftet. Es klebt an mir und ich kann mich nicht davon befreien. Dabei ist es so schädlich, an der Vergangenheit zu kleben. Weil sie nicht mehr aktuell ist und sich Dinge nicht mehr rückgängig machen lassen. 

Was zurückbleibt ist Zerstreuung. Ich versuche mich jeden Zag zu ordnen, aber bis jetzt habe ich es an keinem Tag geschafft. Zumindest nie so, wie es sein sollte. Ich sollte in der Gegenwart leben und nicht jeden Abend in diese Traurigkeit und Sehnsucht abdriften. So gut ich mich jeden Tag auch ablenke, es funktioniert niemals vollständig. Die Wehmut findet immer zurück zu mir. Dann liege ich im Bett, starre minutenlang Gegenstände an und verschwinde in der Verlorenheit. Das passiert mir immer häufiger, dass ich einfach nur daliege und gar nichts tue. Oder morgens schlecht aus dem Bett komme und immer wieder die Decke über den Kopf ziehe, um im Dunkeln zu liegen. Oder die Rollos den ganzen Tag unten zu lassen, weil mir die Dunkelheit mehr zusagt und mein Innerstes widerspiegelt. Ich fühle mich wohl im Dunkeln. Vor einem Jahr war das noch anders. Da war ich energiegeladener und nicht so komisch drauf, wie jetzt. Mein jetziger Zustand beschreibt eher den Rückzug, der von der völligen Isolation trotzdem noch weit genug entfernt ist, denke ich.

Heute, vor genau einem Jahr hatte ich dieses Treffen, das mich emotional so sehr veränderte, dass ich mich kaum noch mit früher vergleichen kann. Manche Erlebnisse sind einfach einschneidend, auch wenn es übertrieben scheint, zu behaupten, dass man sich sofort in jemanden ‚verlieben‘ kann. Aber irgendwie kann man es. Obwohl es mehr als absurd klingt. Ich weiß…
Dabei ging das Treffen nur knapp drei Stunden und ich wurde danach aus ‚geschäftlichen‘ Gründen nach Hause geschickt. Ich wurde sogar fast vor die Straße gesetzt, ohne zu wissen, ob ich mit dem Zug noch um die Zeit nach Hause komme. Aber er war so nett und fuhr mich dann doch noch zum Bahnhof, nachdem ich mich so hilflos und weinerlich verhielt. Klingt also nicht gerade nach einem Super-Date. Genau das ist eben das Absurde daran. Eigentlich hat nichts weiter stattgefunden als: Abholen/Bahnhof/Spaziergang – Erzählen/Gin/Blickkontakt – Verabschieden/Vespa/Bahnhof. Jeder Part davon dauerte aufgeteilt also jeweils eine Stunde. Und der Blickkontakt hat es mir am meisten angetan. 

Alles so banal, und doch so wahnsinnig gravierend für mich. Weil er mich so verdammt anzog, mit allem. Seiner Persönlichkeit, seinem Aussehen, seinem Charakter.. Und dass, obwohl ich ihn so gut wie gar nicht kannte, sondern nur erahnen konnte, wie er wohl wäre,..mit all meiner Menschenkenntnis war ich der Annahme, mir von vornherein ein exaktes Bild von ihm machen zu können. Welch dummer Gedanke,..eigentlich.
Es klingt alles so schwachsinnig, obwohl ich meine Gefühle und Gedanken damit nicht verleugnen möchte. Weil sie immer noch so präsent sind, wie damals. Meine Gefühle sind immer noch da, trotz all der Umstände. 

Klar fand ich es nicht toll, als ich nach drei Stunden spontan nach Hause geschickt wurde, trotz seines tollen Gästezimmers. Aber es hatte nichts mit mir zu tun, sondern mit einem Meeting, das sich ziemlich rasch via PC aufdrängelte. Wie auch immer..Vielleicht gab es im Nachhinein doch ganz andere Gründe. Wahrscheinlich war er auch zu dem Zeitpunkt schon in einer Beziehung. Ich habe keine Ahnung. Immerhin sagte er später oft genug, er sei vieles nicht wert. Schon gar nicht, dass ich ihn mag und ihn so begehre. Entweder litt er an falscher Bescheidenheit oder weil er wusste, dass er gerne mal Frauen betrügt. Ich wüsste gerne, was damals genau passierte. Eigentlich wüsste ich am liebsten noch viel mehr über ihn. Ich hätte ich so gerne kennengelernt, insgesamt. 
Heute vor einem Jahr war noch alles in Ordnung. Ein gewöhnlicher Samstagvormittag mit meinen Lieblings-TV-Serien und einer gewaltigen Portion Aufregung. Nebenbei texteten wir miteinander und erzählten davon, was wir alles miteinander vorhatten an diesem Abend. 
Alles war super und klang eindeutig nach Happy End. Etwas anderes wäre undenkbar gewesen, da alles zwischen uns perfekt war. 

Heute weiß ich, dass es perfekt nicht mehr gibt. Er war perfekt. Aber seit ungefähr zwei Monaten brach er den Kontakt ab, da er meine seltsamen Liebeserklärungen und mein bettelndes Verhalten nicht mehr länger ertrug. Verständlich. Warum habe ich mich nicht endlich mal zusammen gerissen? Er ist schließlich in einer Beziehung und scheint diese Frau mehr zu mögen, als mich. Denn wäre es anders, hätte er sich für mich entschieden. Dieser Fakt schmerzt. Seit zwei Monaten wohne ich auf seiner Blockierliste, da ich es einfach nicht verstehen wollte, dass er jeglichen Kontakt zu mir ablehnte. Da es nicht gut für ihn war und für mich sowieso nicht. Leider wollte ich nichts davon verstehen. Ich lebte immer noch in der Überzeugung, ihn umstimmen zu können. 

Es schmerzt. Kein Kontakt mehr, keine Möglichkeiten, kein Wiedersehen. Nie mehr. Dabei versprach er mir, dass wir uns im August wiedersehen. Ein Jahr später, ganz unverbindlich. Kaffee trinken, ganz kurz. Hauptsache, wir sehen uns. Aber daraus wurde nichts und meine Traurigkeit wuchs dadurch umso mehr. Wie sehr hatte ich mich auf dieses Treffen gefreut…jeder einzelne Moment hätte für mich gezählt und mich glücklich gemacht. Jede Sekunde ist wertvoll.
Seitdem herrscht in mir Leere, emotionale Leere. Diesen Abbruch verkrafte ich nicht. Ich spüre genau, dass er mir extrem fehlt. Mir fehlt diese eigentlich fremde Person, die immer zu mir sagte, er wäre eine Projektion. So etwas, wie ein Fantasiegebilde. Vielleicht war er das auch, und dennoch kann ich ihm nicht zustimmen. Für mich war er mehr. Manche Männer muss man nicht kennen, um zu wissen, dass sie die richtigen sind. Man weiß es einfach aus dem Herzen. 

Diese Story hört sich nach einem einzigen Chaos an. Und ja, es gibt tatsächlich kaum Worte und eine Erklärung dazu. Für mich ist es auch Chaos. Diese Story ist einfach nur Gefühl und beinhaltet diese starke unerfüllte Sehnsucht, die vielleicht niemand mehr stillen kann. Es ist schwer. 
Dieses Treffen spielt sich in meinem Kopf jedes Mal wie ein Film ab. Gerade heute. Ich erinnere mich genau daran, was ich wann getan habe, wann ich wann wo war… Dieser ganze Tag ist komplett in mir abgespeichert, mit all seinen Szenen und Wort- und Gedankenfetzen. Ich habe nur Schnipsel im Kopf. Auch der damalige Chat schläft auf meinem Handy. Alles ist so frisch, obwohl es schon ein Jahr her ist und ich frage mich, ob ich jemals aus dieser Endlosschleife flüchten kann, wenn ich doch so sehr an ihm hänge. Obwohl es überhaupt gar nichts bringt. Aber diesen Gedanken verdränge ich… 

Schlimm…

…wenn man nachts einen Pudding braucht, um einschlafen zu können. Und ich frage mich: warum? 

Silvester

  
 

Von Silvester merke ich nichts. Alles ist beim Alten, nur dass die Stimmung vielleicht ein bisschen angespannt ist und man sich unter Druck setzt, damit nächstes Jahr endlich die große Veränderung eintritt, die man sich jedes Jahr vornimmt. Nur, um dann doch bald zu scheitern, weil alles so verdammt anstrengend ist. Hinter tollen Vorsätzen steckt nun mal viel Arbeit, nichts erfüllt sich von selbst. Es sei denn, man hat Glück.

Ich habe keinen Druck, denn alles passiert so, wie es passieren soll und vorgesehen ist. Der Anfang dieses Jahres war nicht schlecht, die Mitte war aufregend und das Ende sehr deprimierend. Von allem etwas. Und so birgt jedes Jahr neue Überraschungen und Herausforderungen. Auch neue Chancen gibt es immer.

Gegen Mitternacht werde ich wahrscheinlich so eine Art Vorfreude spüren, gemischt mit ein wenig Wehmut, wenn die schönsten Erinnerungen hochkommen, die jedoch vergänglich sind.

Aber im Moment liege ich einfach nur passiv auf der Couch, esse Kekse aus Schottland und bin müde, weil mich die letzten Tage platt gemacht haben, durch mein Versprechen des Schweigens und des Vergessens. 

Eigentlich bin ich froh, dass ich heute Abend und nachts arbeiten muss. Für mich ist das am besinnlichsten und ich gleite ohne Rausch ins neue Jahr hinein. Die Stimmung in solchen Nächten hat etwas Besonderes. Gerade, wenn man alleine arbeitet und das Haus für sich hat. Aus den Fenstern kann ich alles gut sehen, was draußen passiert und irgendwo in der Küche haben sich bestimmt noch ein paar Pfannkuchen und Knabberkram versteckt. Dazu eine große Tasse Kaffee und Silvester ist für mich perfekt.

Ich freue mich, wenn ich mir nachher das Glitzerspray in die Haare sprühe und mit guter Laune zur Arbeit und ins neue Jahr gehe.

Ich texte dich zu.

  
Ich texte dich zu.

Morgens.

Mittags.

Abends.

…eventuell auch nachts.

Je nachdem, wie ich mich gerade fühle und was sich innerlich anbahnt.

Neugier. Frust. Freude. Lust. Sonstige Minderwertigkeitskomplexe. Und andere Arten von Zuständen.

Alles muss raus.

Egal wann, egal wie, egal wo.

Andauernd schreibe ich dir irgendetwas. Irgendetwas!

Dinge, die für dich weniger Sinn ergeben, als für mich. Wahrscheinlich.

Hauptsache, ich fege dir meine Gefühle irgendwie zu.

Mit meiner Schaufel, die sich Tastatur nennt.

Notfalls auch mit der Bitte, mich anzurufen. 

– Bitte!

Mir geht es dann besser und es herrscht eine kurzfristige Erleichterung mit rasch nachlassender Wirkung. Obwohl ich weiß, was du meinst. Ganz genau. Eigentlich.

Danach texte ich dich wieder zu.

Als ob ich dir nie zugehört hätte. 

Aber doch, das habe ich. Es kommt nur nicht permanent durch. Es stockt. Pause. Dann kommt es wieder. Es sickert zu mir.

Ich höre dir zu. Es wirkt. Bis es verschwindet. Bald darauf.

Jedes Mal erinnere ich mich an deine Worte. Aber irgendwie haben sie ihre Wirkung verloren. Weil Worte eine ganz andere Bedeutung kriegen, wenn man länger nachdenkt. Und wenn du nicht da bist.

Ich texte dich zu. Weil ich an allem zweifele, was gerade ist…war…oder sein könnte oder wird. Dabei gibt es keinen Grund. Eigentlich. 

Du sagst, es ist wie in einem Kreis. Und du hast Recht. 

Der Kreis ist rund. Mache ich einen Anfang, ist es auch gleich das Ende. 

Denn: Für jede Frage gab es bereits eine Antwort. Irgendwann vor etlichen Nachrichten. 

Einmal reicht. Normalerweise. 

Die Antworten kenne ich noch. Ich weiß sie. Und ich möchte sie wiederhören. Mit einem süßen Aroma. Nicht so bitter.

Ich texte dich zu.

Mit der Bitte, die Vergangenheit zur Gegenwart zu machen. Bevor es den Kreis gab. 

Mit meinem Versprechen, mich zusammenzureißen. Locker zu bleiben. Frei zu sein. Runter vom Gas. So, wie es sein soll, damit es funktioniert. Endlich.

Es funktioniert. 

Einen Tag.

Zwei Tage.

Drei Tage.

Dann fängt es an zu bröckeln. Zuerst ganz langsam, dann immer schneller.

Zweifel kommen auf.

Und ich frage mich, ob das alles noch stimmt, was du je gesagt hast.

Ich fange an zu weinen und bin sogleich wieder gefangen. Im Kreis.

Aus Sehnsucht und Lust.

Verzweiflung und falschem Ich-Sein.

Frigides tragic ending.

HerbstHerz

… Gedankenmüllhalde 
Manchmal überholt das Ende den Anfang. Und es fühlt sich verdammt beschissen an. Wie ein innerliches Reißen im Herzen. Obwohl ich immer gut darin war, so etwas zu vermeiden. Ich kenne solche Zustände, wie jetzt, nicht. Wenn ich könnte, würde ich ausweichen. Aber ich finde keinen Weg. Es ist zu spät, wenn Gefühle schneller sind, als der Verstand. Besonders, wenn sie selten sind. So wie jetzt. 

Gefühle, die den anderen überfordern, wenn es viel zu früh für solche Ausbrüche ist. Warum muss ausgerechnet ich sie haben. 

Aber ich kann nichts dafür. Mein Herz tickt gerade aus und ich bin hilflos. Stattdessen fließen die Tränen wie ein Wasserfall, unaufhörlich. Wieder einmal. Und das, obwohl es nicht sein sollte. Weil es keinen Grund gibt. Eigentlich.

Ich bin in einer Sackgasse, der ich nicht entkomme.

Mit jedem Wort, das ich schreibe, mache ich nur alles schlimmer. Und mache Druck. Aber was soll ich tun. Ich möchte nur, dass alles so ist, wie vorher. 

Mit Mühe versuche ich, mich abzulenken. Schwer, trotz all der Arbeit. Aber meine Tränen versperren mir die Sicht und machen mich müde.

Vor ein paar Wochen war alles so einfach. Und vor allem anders. Irgendwie ging alles, trotz Zeitmangel und allen anderen Vorwänden, die jetzt aktuell sind. Eigentlich habe ich auch nie Zeit. Und trotzdem habe ich genug davon. Irgendwie. 

Angeflirtet, getroffen und abgeschossen, auf eine Art, die ich nicht verstehe. Oder vielleicht verstehe ich alles falsch. Oder mache alles falsch. Wie jetzt, mit meinen Gedanken. Alles ist falsch gerade. Jeder einzelne Gedanke und auch dieser Text. Alles.

Ich möchte nicht, dass es so bleibt, wie jetzt. 

Ignoranz, statt guten Morgen oder irgendeins dieser Bilder, die es sonst gab.

Keine kurze Nachricht, kein Ton, kein Wort.

Kein Flirt, keine Andeutungen.

Nichts. So, als ob nie jemand da war.

Ich vermisse es.

Das Einzige, was bleibt, ist der Kontakt im Handy. Der nun mehr Schein ist, als Wirklichkeit.

Und ich, mit meiner Naivität, jemanden zu mögen. Und gleichzeitig damit alles kaputt gemacht zu haben.

Erdbeerwoche 

  
Eigentlich hatte ich keinen Hunger, sondern nur Appetit. Wobei Appetit auch kein Synonym für Heißhunger ist. Also: Ich hatte Heißhunger, obwohl ich längst noch vom Frühstück satt war. Und von den drei Tassen Kaffee, die mich inzwischen fast verrückt machten und zum Schwitzen brachten. Irgendwie war ich hyperaktiv und gleichzeitig völlig geschafft. Ich war voller Tatendrang und gleichzeitig zu faul, um paar Schritte weiterzudenken. Ich machte mir sinnlose Gedanken, die es nicht Wert waren, in meinem Kopf zu sein. Schräge Gedanken zwischen hier, früher, später und dazwischen.

Durch den Kaffee flossen die stupiden Gedanken noch schneller durch mein Hirn und versackten dann irgendwo, bevor ich den Stuss vernünftig zu Ende denken konnte. Ich fühlte mich dabei wie ein Freak auf Speed. Manchmal kam es mir vor, als würde Kaffee zu den Amphetaminen gehören. Obwohl Kaffee noch lange nicht so schlimm war, wie 1 Liter Guarana-Tee mit Zucker, der obendrein für verdächtiges Nasenbluten sorgte.

Heute ist der Anfang dieser Tage, die jeden Monat zur gleichen Zeit wiederkehren. Immer dann, wenn meine Pillenpackung leer ist und mein Körper und meine Hormone komplett durchdrehen. Mein Monat hat 21 Tage, danach fühlt sich alles unnormaler an, als gewöhnlich. Die vierte Woche gleicht immer einer manisch-depressiven Episode in Mädelsversion.
Wenn alles zu wenig und alles zu viel ist. Gerade beim Shoppen, beim Essen und beim Sex.

Es sind diese Tage, an denen ich eigentlich alles falsch und alles richtig mache. Je nachdem, wie ich es mir in dem Moment hindrehe. Es wechselt im Stundentakt. Ungefähr. Aber meist schon eher.

Diese Tage beginnen harmlos. Schon zwei Tage vor Beginn kündigt mein Körper die Umstellung leise an. Mit so einem dumpfen Gefühl im Unterbauch, aber ohne weitere Symptome. So eine Art Auftakt, dass sich etwas Großes anbahnt und es ist warm im Bauch. Irgendwie schön, recht angenehm. 
Paar Stunden danach habe ich meist mehr ‚Appetit‘, als sonst und auf Sachen, die in meiner Küche verboten sind. Ich bekomme Appetit auf Schokolade und Chips – gleichzeitig. Nur gleichzeitig essen funktioniert nicht, da salzig und süß nicht zusammenpasst. Deswegen: Erst die Schokolade (meist 2 Tafeln) und dann die Chips (meist Käse-Tortillas..ohne Dipp…).

Diesmal habe ich vor zwei Tagen allerdings nur eine Tafel Schokolade gegessen. Ich wollte es in diesem Monat nicht übertreiben. Vielleicht konnte ich meinen Appetit diesmal überlisten und meine Begierde auf Ungesundes unterdrücken. Dafür hatte ich Lust auf bodenständige Kartoffeln – ungeschält – mit übertrieben viel Meerrettich, Salz und Pizzagewürz.
Ich will nicht immer das Opfer meines Körpers sein, wenn mein Körper mir mit seinem roten Trotz signalisiert, dass ich schon wieder kein Kind gekriegt habe. Jeden Monat der gleiche Zoff mit meinem Körper. 

Dennoch ist es so besser, als anders. Rot ist sowieso meine Lieblingsfarbe. Aber die Hormonüberdosis, die mein Unterleib an mein Gehirn sendet, nervt mich.

Mein Körper hat sich heute übel gerächt.
Mit einer überraschenden Heißhungerattacke, die aus dem Nichts über mich herfiel, während ich auf der Couch lag und über viel interessanten Unsinn nachdachte, der meinen freien Tag füllte.

Der Schoko-Muffin vom Frühstück war schnell vergessen. Die Brötchen auch. Den Kaffee spürte ich noch lange im Blut fließen. Mein Herz raste, mir war heiß. Alles in mir pochte komisch bis in die Halsschlagader. Ich war aufgedreht ohne Ende und panisch, weil ich merkte, dass ich zu viel unwichtigen Kram im Kopf hatte. Es fühlte sich an, wie ein atypischer Frauenherzinfarkt, nur dass die Übelkeit fehlte. Also gab es keinen Grund zur Sorge. 

Genau in dem Moment bekam ich Heißhunger auf Milchnudeln aus der Tüte. 

Eigentlich eine völlig dumme Idee, nach einem Frühstück, das gerade mal drei Stunden zurücklag. Der Muffin, die Brötchen und das Kaffeewasser brauchten noch keinen Besuch. Die hatten noch genug mit sich zu tun. 

Aber….ich konnte nicht anders. 

Ich konnte nicht verzichten, auf diese ollen Nudeln, die ich damals viel zu oft aß. Mein Körper vermittelte mir, dass er diese blöden Nudeln genau jetzt brauchte. Oder vielleicht war es auch meine Seele, die versüßt werden wollte, bei all den unnützen und bitteren Gedanken, die im Kauderwelsch meiner Gefühle kurz auftauchten.
Danke Körper, dass du dir all den Mist reinholst, vor dem ich mich sonst fast konsequent fernhalte. 

Milchnudeln stehen schon seit ein paar Wochen auf meiner roten No-Go-Liste, auf der all meine Lieblingsgerichte stehen. Auf meiner aktuellen grünen Liste stehen nur noch Sachen, die nicht chemisch hergestellt wurden und nur von mir persönlich zubereitet werden. Das heißt, ich koche selber, wenn ich nicht gerade gar nichts esse oder nur einen Apfel und/oder eine Gurke. Oder eine ganze Packung Bio-Maiswaffeln mit Butter.

Dann stellte ich den Kochtopf auf die Herdplatte und legte los. Ein wenig genervt, ein wenig traurig und ein wenig glücklich. Ich schüttete eine halbe Packung Vanille-Soyamilch hinein und wartete, bis diese beinahe überkochte. Zum Schluss rührte ich die Nudeln in die schaumige Milch und das Fast Food war fertig.
Da mir das süße Gericht so in der Form noch nicht reichte, entschied ich mich für 5 Esslöffel Zucker als Extra. Somit war das Essen eklig süß und genau richtig für meine Bedürfnisse. Normalerweise waren die Nudeln nach dem Kochen länger heiß. Aber diesmal konnte ich gleich mit dem Essen loslegen, da sie lauwarm waren, was mich wunderte, aber nicht weiter störte. Vielleicht war mein Empfinden gerade etwas eingeschränkt oder der Zucker war zu kalt. Endlich mal essen, ohne 10 Minuten zu warten. 

Nach 3 Minuten waren die Nudeln in der Schale verschwunden. Als ob sie nie da gewesen wären. Ich schmeckte mehr Zucker, als Nudeln. Von dem Gericht selber merkte ich nicht viel, außer, dass es matschig warm war. Es war also tatsächlich eine Heißhungerattacke, die danach völlig umsonst war. Der Genuss blieb auch vollkommen auf der Strecke. Aber das Bedürfnis nach etwas Süßem wurde befriedigt. Erstmal. 
Danach stellte ich die Schale ins Waschbecken, füllte sie mit Wasser auf und es war endgültig vergessen.

Nur mein Bauch musste nun damit leben, was er sich angetan hat, mit seinem Willen, unbedingt etwas Süßes drin haben zu wollen.

Ich lag mit dem Bauch auf der Couch. Satt und überfressen. Hemmungslos. Fett. Aber das schlechte Gewissen blieb fern, da ich mir der Ursache bewusst war.
Erdbeerwoche. Da passieren immer Dinge, die sonst nie passieren. Mein Körper holt sich dann all den Dreck zurück, den er für diese schwierige Zeit braucht. Die Zeit der Ausschwemmung und des Neuaufbaus.

Also hörte ich meinem Bauch zu, was er zu sagen hatte, während ich auf ihm lag. Er gluckerte ungefähr alle 10 Sekunden vor sich hin. Dieses Gluckern musste wohl aus der Bauchspeicheldrüse kommen, die mit all dem Zucker und Fett überfordert war. Wie sollte sie auch so schnell so viel Hormon- und Enzym-Saft produzieren, um den Scheiß zu zerlegen? So viel wie heute hatte sie selten zu tun. Aber nach einer Weile ließ das Gluckern nach und alles beruhigte sich wieder. Nach einer Stunde war alles wieder draußen. Mein Körper wollte nicht mehr, zeigte Protest und Nachsicht. 

Danach war alles leise. Auch meine Gedanken wurden wieder geordneter und ich spürte innerliche Ruhe.
Koffein und Zucker hatten sich neutralisiert. Alles war wieder normal und nicht so psychotisch und krank. 

Alle Vorbereitungen sind getroffen, nun kann die Erdbeerwoche anfangen und bitte schnell wieder aufhören. Damit mein armer Kater nicht allzu sehr unter mir leiden muss. Und mit mir.

  

Frage des Tages

Warum erzählt man einem Fremden eigentlich sein halbes Leben, wenn es nach einem Abend von 3 Stunden doch nicht passt und man ohne herzliche Verabschiedung für immer auseinandergeht? 

 

Klobürstenkauf

Manche Einkäufe sind unangenehm. Vor allem die, bei denen es um die natürlichsten Dinge des Lebens geht. Dazu gehören auch die intimen Grundbedürfnisse hinter verschlossenen Türen, von denen am besten nie einer etwas erfahren sollte: Ausscheidung. Jeder tut es – keiner macht es. Zumindest nicht offiziell und schon gar nicht Frauen, weil es geheime Tatsachen sind. Denn alles, was auf der Toilette geschieht, geht niemandem etwas an. Schon gar nicht fremden Menschen. 

Aber was ist, wenn man auf einmal dazu gezwungen wird, seine Privatsphäre in der Öffentlichkeit bloßzustellen?

Früher als Teenie war es mir peinlich, als ich einmal ein Big-Pack Klopapier und Joghurt kaufte. Mehr nicht. Beim Einkaufen hatte ich mir darüber noch keine Gedanken gemacht, aber als die beiden Teile so verloren auf dem langen Fließband lagen und alle Leute vor mir nur Lebensmittel kauften, war der Anblick schon ein bisschen absurd. Mir wurde plötzlich klar, dass die Kombi aus Klopapier und Joghurt ziemlich doof gewählt war. Besonders, wenn man dabei an die Trenderscheinung Laktoseintoleranz dachte. (Nein, damals kaufte ich noch keinen Soya-Joghurt, so, wie es heute in und die Laktoseintoleranz wieder out ist.)

Ich hoffte einfach, dass den anderen Leuten das nicht auffiel und sie erwachsener dachten, als ich. Insgeheim musste ich mir außerdem sehr das Lachen verkneifen, weil es einfach nur scheiße lustig aussah, wie der Joghurt mitten auf dem Klopapier stand und auf dem Fließband ruckartig geradeaus zum Ziel fuhr.

Nach dieser Erfahrung überlegte ich genauer, wann, wie und womit ich Klopapier kaufte. Bis es mir irgendwann völlig egal wurde. Wenn ich heute andere Leute beobachte, habe ich das Gefühl, dass nie jemand Klopapier kauft. Außer ich. 

Nach Klopapier gibt es noch eine Steigerung: Klobürste. Das nächste Level der äußeren Unannehmlichkeiten. Solche Käufe gehören zu meinen aktuellsten Herausforderungen und das, obwohl ich inzwischen 10 Jahre älter bin und mir nichts mehr peinlich sein müsste.

Und heute war es soweit. Lange genug stand die Klobürste auf meiner Einkaufsliste und lange genug verzögerte ich diesen speziellen Kauf. Es war auch nicht wichtig, ich teile meine Wohnung mit niemandem und die Bürste sah noch gut aus. Sie hatte nur geringfügige Verschleißerscheinungen vom Wasser und hatte sich um eine Nuance verfärbt. Vom Rost, der es irgendwie schaffte, sich in die Kunststoffborsten zu beißen.

Schon vor einem Monat wollte ich die Klobürste kaufen. Aber da hat der Rest der Ware nicht gestimmt. Zwischen Kosmetik-Produkten und Schminke hätte sie nichts zu suchen gehabt. Das hätte nicht zum Image gepasst. Nicht zur Ware und nicht zu mir. 

Alle hätten sich wahrscheinlich gefragt, warum ich eine Klobürste brauche? Geht dieses Püppchen etwa auf Klo? Die ist ja eklig. Bäh.

Also hatte ich einen perfekten Grund, den Kauf zu verschieben und war für gewisse Zeit erleichtert.

Nun stand das beschämende Ding wieder auf meiner Liste. Diesmal wohl überlegt zusammengestellt mit anderen Produkten des Haushaltsbereichs. Ich brauchte Putzmittel gegen Schimmel, Kalk, Rost, Blutflecken, Urinsteine, Dreck, Bakterien und gegen alles, was es sonst noch im gewöhnlichen Haushalt gab. Ich brauchte das alles nur, damit die Klobürste sich optisch den Bedingungen anpasste, denn das war genau die Konstellation, in der die Bürste kaum noch auffiel. Sie wurde dadurch ein normales Mittel zum Zweck, das den Haushalt erträglicher machte. 

Trotzdem hasste ich das Gefühl, dieses Teil JETZT kaufen zu müssen. Nachdem ich mir die Bürste unauffällig in den Korb holte, ignorierte ich sie und wurde erst wieder an sie erinnert, als ich sie forsch auf das vollbepackte Fließband legte. Die Kundin vor mir kaufte Schminke. So, wie es sich für eine anständige Frau gehörte. Eine Frau mit Stil und Sinn für Ästhetik. Mir kam es so vor, als würden alle Leute hinter mir mich misstrauisch anstarren und sich fragen, ob ich pervers wäre.

– Ja, ich bin pervers und diesmal sehen’s alle. Freut euch!

Erst, als ich die neue Bürste endgültig vor den neugierigen Blicken und dem heimlichen Spott der Anderen einstecken konnte, entspannte ich mich. Es war toll, als dieser Kaufprozess endlich abgeschlossen war und ich mich in nächster Zeit nicht mehr darum kümmern musste.

Wenn ich jemanden sehen würde, der eine Klobürste kauft, hätte ich sicher auch Probleme, meine damit verbundenen Gedanken abzuschalten und ich bin froh, dass ich nicht Kassiererin geworden bin. Weil dann würde ich wahrscheinlich nicht mehr hinter der Kasse sitzen, sondern im Knast der traurigen Humorlosigkeit.

…Und wenn ich mich daran erinnere, wie ich früher als Kind von meinem Vater getröstet wurde, ist es nur noch halb so schlimm, eine Klobürste zu kaufen: „Stell‘ dir andere Menschen/Feinde auf der Toilette vor und du hast keine Angst mehr vor ihnen. Die gehen auch nur sch*****.“

Ein Tag Frühling

März

Als ich heute Morgen aufwachte, durchfluteten bereits warme Sonnenstrahlen mein Zimmer und in mir machte sich ein befreiendes Gefühl der Freude breit. Endlich Sonne, die ich seit Ewigkeiten nicht mehr so intensiv gespürt habe, weil sie hinter dicken Wolken schien und ihre Wärme verborgen blieb.

Ich war glücklich, mal keine dunklen Wolken zu sehen, denn das ständige Grau ging mir mittlerweile auf die Nerven und drückte negativ auf meine Stimmung. Jede Jahreszeit ist schön, aber zu viel Winter gefährdet meine Laune und legt mich lahm, vor allem emotional. Dabei habe ich als Kind den Winter geliebt und das nicht nur wegen der Schneeflocken. Eigentlich bin ich ein Winterkind. Allerdings ist davon nicht mehr viel übrig geblieben, bis auf den schlafenden Steinbock in mir, der nur noch als symbolisches Sternzeichen in Erscheinung tritt und nahezu passiv agiert.

Ich schaute aus dem Fenster und sah zum ersten Mal den zarten Frühling in diesem Jahr, obwohl er noch nicht begonnen hatte. Aber heute zeigte er sich für einen Tag in seiner ganzen Schönheit. Die Luft, die leicht durch mein angekipptes Fenster zog, war mild und sanft. Keine Spur von harter Kälte und schroffem Wind. Einige Vögel zwitscherten schon vereinzelt, die sich irgendwo in den Bäumen zwischen den anderen Häusern versteckten. Draußen liefen übermütige Leute im dünnen Pullover herum, als sei es völlig selbstverständlich und man konnte denken, dass es in den nächsten Tagen nicht anders sein würde. Denn heute war Frühling. Außerdem hörte ich kaum ein Auto auf der Straße. Alles war ungewöhnlich ruhig und friedlich, wie es sich für einen anständigen Sonntag gehörte.

Das helle Licht in meiner Wohnung sorgte für Tatendrang und das merkte ich unmittelbar nach dem Aufstehen. Alles ging viel leichter von der Hand und ich musste nicht lange nachdenken, ob ich heute z.B. putze oder nicht. Schließlich wurde der Staub von der Sonne gut erkennbar angestrahlt und zeigte mir die Schwachstellen in den Ecken, ohne meine Augen dabei anstrengen zu müssen. Alles war easy und machte Spaß, nichts kostete Überwindung oder gar Ärger. Ich schmiss den Haushalt mit Euphorie und Enthusiasmus.

Keine einzige Wolke war am Himmel zu sehen. Es gab nichts anderes, als die Farbe Blau, gefüllt mit Wärme und Licht. Wenigstens für einen Tag.

Als ich meine Balkontür öffnete, um Wäsche aufzuhängen, konnte ich es kaum fassen, wie warm es dort war. Durch die aufgestaute Wärme fühlte es sich an, als hätte mir der Hochsommer gerade einen flüchtigen Besuch abgestattet. Ich freute mich über diesen kurzen sommerlichen Vorgeschmack, der hoffentlich nicht mehr allzu lange auf sich warten ließ.

Ich atmete den Duft der frisch gewaschenen Wäsche ein, die angeblich nach Orchideen roch. Ja, es wurde Zeit, dass sich der Frühling blicken ließ, denn so viele Dinge sorgten für Sehnsucht. Wie der falsche Duft von künstlich hergestellten Blumenaromen aus dem Weichspüler.

Nach einer Tasse Kaffee, drängte sich der Aktivitätstrieb noch stärker in mir auf. Koffein und Sonne zeigten ihre energetische Wirkung und ließen mich nicht mehr still sitzen. Mir war jedoch auch ohne Kaffee klar, dass ich heute unbedingt raus musste. Ich als Fahrrad-Junkie hatte nur auf diesen Moment gewartet: Schönes Wetter, ohne viel Wind, der mir fies ins Gesicht pustete und versuchte, mich unlieb vom Fahrrad zu drücken. Ich hasste Wind von einer Stärke ab 21 km/h.

Was nur noch fehlte war witterungsangepasste Frühlings-Kleidung. Also entschied ich mich für Shorts aus Webstoff und blickdichten Leggings. Darüber ein T-Shirt mit Blumen und eine dünne Baumwolljacke in schwarz, um es nicht zu übertreiben. Für die Füße gab es diesmal ausnahmsweise flache Sportschuhe, die ich sonst nie trug. Die Strickmütze durfte heute zu Hause bleiben, auch wenn es mir anfangs schwerfiel, auf dieses Lieblingsstück zu verzichten. Ich dachte, dass sie nicht nötig war und mich der Wind in Ruhe ließ.

Es war ein tolles Gefühl, nach langer Zeit endlich wieder meine geliebte bernsteinfarbene Retro-Sonnenbrille aufzusetzen. Welch geiler Moment, anders war es nicht zu beschreiben. In meinem Bauch kribbelte es, als ob ich verliebt wäre. Dabei war es nur die Freiheit, die ich nun wieder umso mehr spüren und nutzen konnte. Endlich wieder frische Luft und Natur, die ich so sehr vermisste.

Ich wurde ungeduldig, als ich ein paar Minuten vor der roten Ampel warten musste. Heute stand sie gefühlsmäßig viel länger auf Rot, als sonst. Als endlich grün war, konnte ich es kaum erwarten, loszufahren. Die letzte Tour war zwei Monate her – es war eisig kalt und ich inhalierte nur nebelige Luft. Heute war es anders, an diesem sonnigen Frühlingstag.

Auch andere Leute zog es nach draußen. Sie hatten ebenfalls keine Lust, faul und vollgefressen auf der heimischen Couch vorm blöden Fernseher zu liegen. Richtig so. Nach einigen Metern merkte ich allerdings schon, wie stark der Wind von vorne kam und mir das Fahren erschwerte. Aber es war mir egal, dafür hatte ich auf dem Rückweg weniger zu tun. Der Wind schaffte es nicht, meine Motivation zu stoppen. Ich suchte schließlich keine Ausrede, um Sport raffiniert aus dem Wege zu gehen. Nach einer Weile vergaß ich den Wind sogar, denn durch die Musik aus meinen Ohrstöpseln konnte ich ihn gut ignorieren, obwohl er sie mir beinahe aus dem Ohr blies.

Um mich herum war kein Winter zu sehen. Kein Schnee im Gebüsch, kein Frost in der Luft und kein vereister See in der Nähe. Das Gras war grün, aber die Bäume waren leider noch etwas kahl und wurden nicht von prächtigen Baumkronen geschmückt. Aus dem Gras in den Vorgärten schauten kleine Schneeglöckchen hervor, die sich noch nicht richtig heraustrauten. Die Krokusse blieben mir noch vorenthalten, denn ich sah sie nicht oder ich war zu blind, in meiner Wintersmüdigkeit, die mich derzeit noch mit ihrer unangenehmen Gesellschaft bedrückt und mich erst dann verlässt, wenn der Frühling in voller Montur ist. Bitte bald.

Als ich nach einigen Stunden wieder zu Hause war, wurde es schon langsam dunkel. Es machte mich etwas traurig, als mir bewusst wurde, dass dieser schöne Tag nun zu Ende war und ich nicht wusste, wann die Sonne zurückkehrt. Ich schloss alle Fenster, denn auf die abendliche Abkühlung in meiner Wohnung wollte ich lieber verzichten. Nur im Schlafzimmer durfte sie bleiben. Danach machte ich mir einen Tee und als ich mich hinsetzte, sah ich, dass meine Hose ein Loch hatte. Wahrscheinlich wurde sie nun endgültig vom Sattel aufgescheuert. Die Hose hatte schon einige Jahreszeiten erlebt und diese Tour war wohl ihre Letzte.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Kellermänner

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Nachdem ich mein Fahrrad sachgerecht im Keller verstaut hatte, merkte ich schnell, dass ich mal wieder nicht alleine dort war. Wie hätte es auch anders sein können..?
Als ich die Kellertür hinter mir schloss, hörte ich einen meiner Nachbarn in den anderen Kellergängen rascheln und hoffte inständig, dass ich ihm nicht über den Weg lief. Ich schaltete meinen iPod vorsichtshalber gleich auf lautlos, um mich auf eine unvermeidliche Begrüßung gefasst zu machen.
Sonntag ist Ruhetag, dachte ich immer. Normalerweise hielten sich viele ältere Leute strikt an dieses heilige Gesetz. Aber anscheinend hinderte das meinen Nachbarn nicht daran, auch sonntags in seinem Keller herumzukrauchen und Dinge zu machen, von denen ich nichts wissen wollte.

Dabei bietet ein Keller diverse erregende Möglichkeiten für Männer:
– ein Versteck für Schnaps und andere leckere Spirituosen
– Alibi/Zufluchtsort für anonyme Süchte = Suchtbunker
– heimlich trinken, damit es zu Hause keinen Ärger gibt
– Pornohefte angucken und in der hintersten Ecke im Aldibeutel horten
– auf interessante Nachbarinnen warten und im richtigen Moment freundlich vor der Tür erscheinen
– Konserven nach Haltbarkeitsdatum sortieren, obwohl man den Schimmel schon fühlen kann
– gucken, ob noch alle Schrauben im Werkzeugkasten sind und ob der Bohrer noch einwandfrei funktioniert
– sich vom modrigen Kellergeruch berauschen lassen – der feuchte Duft nach Rost, Öl und abgestandener Farbe, sowie Terpentin tut der Nase gut
– Sammellager für kaputte Geräte, die auf den übernächsten Sperrmüll warten..oder noch länger, da Mann sich nicht trennen kann – hatte ja alles mal viel Geld gekostet
– den Keller als letzten Ort der Ruhe nutzen – denn nichts ist schöner, als von altem Kram umgeben zu sein, der vergessene Erinnerungen und Wünsche hervorlockt
Zudem machen sich Männer oft durch hustende Brunftschreie bemerkbar, um allen anderen Mitgliedern des Hauses und Gästen ihre Anwesenheit im Keller zu demonstrieren.

Wahrscheinlich war es genau einer dieser Gründe, warum ich meinen Nachbarn im Keller antraf.
Ich kam gerade vom Sport und hatte keine Lust auf sinnlose Gespräche, die meinem Niveau nicht entsprachen. Unter anderem das Thema: Wetterphilosophie für Anfänger. Der Schnee vom letzten Abend hätte jedenfalls für guten Stoff gesorgt, wenn ich 70 Jahre älter gewesen wäre. Das Wetter ist der zweitwichtigste Gesprächsstoff der älteren Generation, die den Alltag sowieso gemütlich zu Hause vorm TV oder im geselligen Wartezimmer beim Arzt verbringen. Oder im Keller. Manchmal habe ich den Eindruck, als würden sich viele Männer aus oben genannten Gründen im Keller besonders wohl fühlen.
Es gibt so viele Hobbymagazine, aber eines fehlt noch: ‚Faszination Keller – Eldorado für Männer‘.

Tatsächlich kam mein Nachbar prompt aus dem Keller, als ich an der ersten Stufe der Treppe ankam und mich schon fast in Sicherheit wiegte.
Mein erster Gedanke war: Oh nein, bitte nicht…Lass mich doch in Ruhe jetzt. Du siehst doch, wie scheiße ich gerade aussehe..und dass ich kein Bock hab..Also quatsch mich nicht an. Du hast sowieso keine Chance bei mir, falls du das denkst..
Geh weg, bitte. Bitte. Schschsch…

Danach sprach mich der Kellermann an, während ich in meinen schwitzigen Sportklamotten und durchgefroren vor ihm stand. Er schaute mich an, als würde er gar nicht sehen, dass meine Schminke verwischt war.
Selbstverständlich nahm ich seine Gesprächsaufforderung mit einem Lächeln entgegen und begrüßte ihn herzlich defensiv.
Ich:“Hallo.“
Kellermann:“Guten Tag! Na, Sie sieht man ja kaum.“
Ich:“Ja, viel zu tun, viel unterwegs, viel arbeiten……“
Kellermann:“Kommen Sie gerade von der Arbeit?“
Ich:“Nee..ich war unterwegs.“
Kellermann guckte mich prüfend von oben bis unten an und merkte:“Ach, Sie kommen vom Sport? Bei dem Wetter? Och Gott, Sie kleines Ding quälen sich so ab. Das haben Sie doch gar nicht nötig.“
Kellermann wählte also die Strategie mit den schmalzigen Komplimenten, damit ich mich ihm gegenüber mehr öffnete und mich naiver verhielt. Aber das zog bei mir nicht, weil er nicht mein Typ war.
Ich:“Das Wetter stört mich nicht, es gibt kein falsches Wetter…“
Da Kellermann nun spürte, dass das Gespräch keinen Zweck hatte und er nicht in mein Beuteschema passte, konnte ich mit meinem Fuß andeuten, dass unser Zusammentreffen nun beendet war.
Apart setzte ich meinen Fuß auf die Treppenstufe und kündigte unsere Verabschiedung an.
Ich:“Tschüß, schönen Tag noch! Ich muss jetzt los!“
Kellermann:“Danke, ebenfalls! Auf Wiedersehen, junge Dame!“
Danach wurde Kellermann kleinlaut, machte keine weiteren Anstalten und verzog sich nach unserer Verabschiedung wieder zurück in seinen Keller.

Zum Glück war unsere Begegnung nur kurz und ich hatte noch nicht einmal eine Ahnung, wie er hieß, da ich jedes Mal andere Männer im Keller traf und angenommene Pakete für mich immer von deren Ehefrauen abholte, die sich treuherzig in der Wohnung aufhielten. Ich war froh, endlich in meine Wohnung gehen zu können, die sich gleich über dem Keller befand.
Zum Schluss nahm ich noch ein verräterisches Indiz wahr. Denn als ich den vollen Beutel mit leeren Flaschen und Einweggläsern hinter der Eingangstür sah, wusste ich: Alles klar, Kellermann.