Sehnsucht (Oktober 2013)

Ich sitze fast wie erstarrt und still in meinem Zimmer. Es ist Abend und ich bin allein. Das einzige Geräusch ist der Regen, der gegen das Fenster schlägt. Mein Blick fällt auf einen großen Stapel Zeitungen, die in meinem Schrank ungeordnet aufeinander liegen. Wenn ich auf das Datum schaue, überkommen mich Wehmut und Sehnsucht. Die Zeitungen sind alt, aber wenn ich darin blättere, könnten sie von heute sein. Jedes Bild ist mir bekannt, kein Text ungelesen.

Das Zimmer ist auf einmal gefüllt mit Melancholie und gemischten Gefühlen. Gefühle von heutigem Zweifel und früherer Vorfreude, sowie Glück. Es gab Zeiten, in denen alles perfekt schien. Diese Zeiten liegen heute in Scherben in der Vergangenheit und existieren nur noch in dunkler Erinnerung.

Wird es diese Zeiten je wieder geben – zwar in anderer Form, aber vielleicht ähnlich? Ich werde nachdenklich. Schwer, diesen Gedanken zu Ende zu denken. Nichts wird wieder so, wie es mal war. Veränderungen kommen, bleiben und gehen. Nie wieder wird Vorfreude so sein, wie sie einst war, die Enttäuschungen der Zeit hat sie vertrieben.

Und wo ist die Unbeschwertheit, die mich stets begleitet hat? Auch sie hat sich im Laufe der Erfahrungen schleichend verabschiedet.

Draußen ist es nass, kalt und bunt. Der Herbst steht vor der Tür. Die Jahreszeit, die trüben Gefühlen die Tür öffnet und sie traurig begrüßt. Ich bin gerne allein und genieße es, mich in meiner Sehnsucht nach dem Vergangenen zu suhlen und alte Jahre wieder aufleben zu lassen.

Eine einzige Kerze brennt nur noch, die anderen sind bereits abgebrannt. Um mich herum ist es halbdunkel, aber warm.

Meine Gedanken wechseln zwischen gestern, heute und morgen. Alles ist möglich. Nur ich entscheide in welcher Realität ich leben möchte und was ich will.

Meine Entscheidung ist: Loslassen und mit einem Lächeln durch den Regen und durch die Pfützen zu springen. Durch das Herbstlaub zu rascheln und mit dem Moment eins zu sein.

Die Kerze erlischt mit einem Hauch, das Zimmer wird dunkel. In mir kehrt Frieden ein, Zweifel verschwinden in der Dunkelheit und verstecken sich. Es liegt an mir, ob ich sie morgen suchen möchte, um sie dann erneut in mein Leben zu holen.

Ich werde müde und schaue im silbernen Mondlicht an die runde verzierte Deckenlampe meiner Oma. Draußen bellt ein Hund in der Nacht, während ich in dem alten Gäste-Bett liege und auf meine Eltern warte, die noch spät in der Küche sitzen und sich mit meinen Großeltern über alte Zeiten unterhalten.

Ich wünschte, die Zeit würde stillstehen oder wiederkommen. Oder wird es eine andere, neue Zeit geben, die dieser ähnelt? Läuft das Leben nicht in einer Endlosschleife, in der sich alles nach einer Weile ähnlich wiederholt?

Der Gedanke lässt mich hoffen und ich werde müde.

Alte Nachrichten von früher

Früher, früher,….ich.

Wieder ein Date vollständig abgeschreckt! Männer kriegen nen Ständer, wenn sie mich sehen und verabscheuen dann meine beruflichen Tätigkeiten!

PsychiatrieKS // Autor zwiespältiger Texte & Geschichten // dauergeile Zwangsprostituierte meiner Fantasie – die Qualifikationen des Grauens!

Eifersucht, Humorlosigkeit und Dummheit muss man nicht verstehen, oder?
Immer die gleichen bescheuerten Fragen, ob die Texte von mir sind – JAAHAA, ihr Arschlöcher!!
Alles von MIR!!

Und immer die Frage, ob einer der Patienten mich wieder angemacht hat??JAAHAA, die Männer da sind alle total krank, die dürfen das….!!!

Der nächste Patient, der mir eine Ohrfeige verpasst, darf mich dann auch richtig hart ficken…

Neues Alibi: Beruflich engagierte Hausfrau.
Steh’ vorm Herd und tue so, als ob ich Pudding im Kopf hätte!

Männer, die mit extremer Eifersucht reagieren, weil ich eine Zusage für die Veröffentlichung einer ErotikStory kriege, ticken doch nicht mehr richtig!!
Wo bleibt die Freude?? Die Empathie??

Und wenn mich jemand fragt, ob meine Texte ernst gemeint sind – VIELLEICHT.

Als nächstes schreibe ich einen kranken Liebesbrief an den Liebeskiller.
Aber am besten, Mann verbietet mir gleich das Schreiben und sperrt mich zu Hause in der Küche ein.

Manchmal habe ich das Gefühl, als ob den Leuten die Intelligenz fehlt, versteckte Ironie zu verstehen. Liegt das am Alter, dass die Männer so dumm sind und nix kapieren??

Fühle mich verarscht, enttäuscht und irgendwie auch verletzt.

Obwohl ich gerade zu müde zum Nachdenken bin und morgen auf einen Filmriss hoffe.

Meine Ansprüche möchte ich jedenfalls nicht ändern, da ich mich nicht aufgeben will, nur, um nicht alleine zu sein.
Wenn man weiß, was man will, wird die Schale immer härter. Das ist das Einzige, was ich gerade spüre. Wie ich zuwachse..

Nächstes Jahr bin ich dann eine fette männernihilistische Panzerschildkröte mit Bindungsphobie und Penisneurose.
Sexy, oder?

Sag Bescheid, wenn du oder ihr irgendwann mal frei sein solltest/solltet. 
Ich brauche einen richtigen Mann..und jemanden, mit dem man jeden Abend nackt ins Bett will..Daran darf ich gerade nicht denken. Wunsch Nummer 1…

Mies, wenn man sich alles kaufen kann, aber die Liebe nicht im Angebot ist..

Kann mir nicht vorstellen, dass dich oder euch das hier alles ganz unberührt lässt. Vor allem untenrum.
Wie wär’s mal wieder mit einem neuen Prestigeobjekt?

‚Vergiss nie die vielen aufregenden Vorteile einer jungen Frau, die dich will…‘

Auf hart und dreckig stehe ich besonders, aber auch nicht immer. Außerdem unterhalte ich mich gern über alles und rede auch über Sex, wenn ich anderen dabei in die Augen schaue.

Eigentlich bin ich ziemlich tabulos. Aber damit dürftest ja keiner Probleme haben, stimmt’s?

Und ich habe genug Selbstbewusstsein für…für alles.

Ich weiß nicht, inwiefern man sich von mir sexuell belästigt fühlt, aber für meine Meinung kann ich mich nicht entschuldigen. 
*Quelle: alter Notizzettel 


An dich

Alles fing damit an, dass ich dich damals mit nur einem Wort und paar Punkten anschrieb: …sexy.

Ohne dich zu kennen, ohne zu wissen, mit wem ich es zu tun habe. Ich wusste nicht einmal, wie du wirklich aussahst, denn dein Profilbild war recht unscheinbar, aber dennoch irgendwie nach meinem Geschmack.
Ich hatte einfach überhaupt keine Ahnung von dir. Nichts.
Du schriebst sofort zurück und eine Tirade von Worten und Andeutungen folgte. Dazu die ersten Fotos von dir. Alles ‚entwickelte‘ sich super, mir gefiel es und dir scheinbar auch. Für jedes noch so schwachsinnige Bild von mir gab es ein Kompliment…von dir. Wenn ich mir die Bilder heute anschaue, könnte ich lachen, da sich einiges geändert hat und ich nicht mehr nachvollziehen kann, warum du die Bilder gut fandest. Es ist viel passiert in nur einem Jahr. Alles, was damals war, ist heute nicht mehr aktuell.

Wir tauschten gegenseitig zig Fotos aus und du warst perfekt darin, mir fast jeden Tag mehrere Sprachnachrichten zu schicken, die mich erfreuten und gleichzeitig immer eine kleine Spur von Verlegenheit in mir hinterließen. Ich war das alles eigentlich überhaupt nicht gewohnt. Vieles war irgendwie neu für mich. Und du gefielst mir immer mehr, du hattest etwas, was ich bisher woanders nicht fand. Ein passendes Wort dafür gab es nie. Vielleicht trifft ein faszinierendes Charisma es ganz gut..? Sag du es mir.

Ungefähr zwei Wochen schrieben wir intensiv miteinander, bevor wir uns trafen. Du meintest, ich soll mir keine Platte machen und muss nicht aufgeregt sein. Hast mir gut zugeredet, dass alles gut wird und hast sehr überzeugt gewirkt..von mir. Es hat mich zwar kaum beruhigt, aber ich fühlte mich ganz gut aufgehoben. Irgendwie schlummerte in mir ein Gefühl des Vertrauens. Dir vertrauen zu können.

Manchmal, als du mir ‚Nacktbilder‘ (du weißt schon, welche) geschickt hast, war ich dennoch ein wenig überfordert, da ich es nicht kannte. Es war neu für mich und gerade an dem Tag, als wir uns treffen wollten, wusste ich für einen kleinen Moment nicht, wie ich damit umgehen sollte. Das waren zu viele Eindrücke auf einmal, da ich ohnehin schon sehr aufgeregt war.
Ich denke, heute wäre ich damit wohl anders umgegangen und hätte anders reagiert.

Wenn ich heute, nach fast 1.5 Jahren, zurückdenke, bereue ich es, manchmal nicht gut genug auf deine Fragen eingegangen zu sein. Oder..ich habe dich nicht genug gefragt, obwohl ich so viele Gedanken im Kopf hatte. Aber irgendwann vor vielen Jahren wurde mir mal beigebracht, Männern nicht zu viele Fragen zu stellen. Das war ein guter Rat, den ich im Leben schon oft brauchte. Mein Papa hat mich damals nach einem bestimmten Muster erzogen und ich kriege es bis heute nicht mehr raus, da ich einfach mit gewissen Dingen und Regeln erzogen wurde. Es gibt Dinge, die Frauen nicht tun sollen.

Dann war der Tag da, an dem wir uns trafen. Genau in der Mitte..vom August. Komischerweise gibt es einen Film von dir, der so ähnlich heißt.
Ich weiß nicht mehr, wie ich den Vormittag des Tages überstanden habe. Dann kam dein Schwanz-Video und alles wurde in mir irgendwie…chaotischer..?
Am 15.8. bereute ich, dass ich vor drei Wochen beim Frisör war und mir die Haare abschneiden ließ. Ich wünschte mir, dass ich es nicht getan hätte, weil es auch nur eine Impulshandlung nach dem Urlaub war.
Heute wünschte ich mir, ich wäre nie beim Frisör gewesen und hätte andere Klamotten angezogen. Wenn ich daran zurückdenke, ist es mir, ganz ehrlich, peinlich. Ich habe es so oft bereut, dass du dadurch wahrscheinlich einen ersten falschen Eindruck von mir bekommen hast..?
Es muss ziemlich doof ausgesehen haben, wie ich da völlig in blau auf dich gewartet habe und der Tag war obendrein viel zu heiß,…für Jeans-Klamotten und Herbststiefel, in denen ich hinter dir hergestolpert bin, weil du einen echt zügigen Schritt draufhattest.

Ich kann mich einfach nicht mehr an den allerersten Moment erinnern, als ich dich gesehen hatte. Du warst plötzlich da, mehr nicht. Ich weiß meine ersten Gedanken nicht mehr. Normalerweise stecke ich Leute schon in denen ersten Sekunden in Ja-oder-Nein-Kategorien. Aber bei dir..? Du hattest keine Kategorie. Es war eher so, als wäre ich innerlich irgendwie taub gewesen..oder betäubt..?

Es ging alles so schnell und ich erinnere mich daran, dass ich die Situation gar nicht sofort einschätzen konnte. Es war ganz einfach: BAAM. Und trotz meiner inneren ‚Sinnesüberforderung‘ war ich nur latent aufgeregt. Ich weiß nicht mehr, wie der Weg zu dir nach Hause war. Ich weiß nur, dass ich an der rechten Seite neben dir herlief und wir irgendwie über normale Sachen redeten, um die Situation aufzulockern. Mehr weiß ich nicht, obwohl der Weg bestimmt 15 Minuten dauerte..? Mein Zeitgefühl war definitiv weg.
Es war verdammt warm an dem Tag und ich war schnell außer Puste, weil du zu schnell gingst. So schnell konnte ich gar nicht. Dazu hatte ich noch einen vollgepackten Rucksack auf dem Rücken und eine dämliche runde Handtasche, die ich bis heute nie mehr benutzt habe.

Dann waren wir bei dir. Ich weiß nicht mehr, ob Treppe oder Fahrstuhl. An manche Details erinnere ich mich genau, an manche gar nicht. Ich war ordentlich durchgewitzt, dank Hitze, Aufregung und dem Serotonincocktail in mir. Du hast die Getränke fertiggemacht…und dann saßen wir uns gegenüber. Worüber haben wir geredet?
Wir…
Ich habe mehr geredet, als du. Aufregungslaberflash. Erst im Nachhinein wurde mir das klar. Ich hatte dich verbal zugetextet. Danke Aufregung, danke Serotonincocktail. Ich war bei unserem Treffen nicht ganz clean, weil ich vorher bisschen nachhelfen musste. Du möchtest nicht wissen, was ich während der Zugfahrt zu dir getan habe und dein Gin-Apfelsaft wirkte vielleicht nicht gerade neutralisierend.

Als du mir gegenübersaßt, dachte ich nur: oh Mann. Du hast mich unendlich angezogen, obwohl du nicht viel getan hast. Der Blickkontakt reichte schon. Zwischendurch warst du immer mal wieder weg, um an deinen LapTop zu gucken, weil es um irgendeine Entscheidung ging. Das war ganz angenehm, um kurz Luft zu kriegen. Danach warst du jedes Mal dichter an mir dran und ich war dadurch umso nervöser, obwohl ich es zugleich auch sehr genoss. Du warst wie ein starker Reiz und irgendwie hatte ich das Gefühl, als würde mich deine Aura in deinen Bann ziehen.
Zwischendurch hattest du mir paar spielerische Befehle erteilt. Ich konnte sie kaum ausführen, weil ich..ja..aufgeregt war…und erstmal lieber mit dir sprechen wollte. Und weil ich so etwas noch nicht erlebt hatte. Unser Körperkontakt war nur kurz, aber ich weiß noch, dass mir ein Schauer über den Rücken lief, als du mich angefasst hast. Das war etwas ganz anderes, auch ein neues Gefühl für mich. Irgendwie war an dem Treffen alles neu. Nichts war so, wie ich es kannte und ich mochte deine Ausstrahlung sehr, mehr als nur anziehend.
Heute hätte ich vielleicht manches anders gemacht. Aber damals war es das erste Treffen und ich konnte nichts anders machen. Ich war wirklich schüchtern an dem Tag..oder vielleicht ein wenig eingeschüchtert.

Dann kam der Abschied und ich heulte kontinuierlich los, ohne es kontrollieren zu können. Bei mir immer ein Zeichen, dass mir etwas wichtig ist oder in diesem Fall: Dass jemand etwas in mir ausgelöst hat.
Ich hatte bisher nur bei einem Mann rumgeheult und das war fast zehn Jahre her. Und nun warst du es und ich wusste, dass etwas von mir an dir hängengeblieben ist. In dem Moment als ich anfing zu weinen wusste ich: Hilfe.
Wenn ich nicht geweint hätte, wäre es wahrscheinlich eines dieser normalen bedeutungslosen Treffen. Normal, passiv, unbedeutend, langweilig. Ohne Tränen wäre unser Treffen nichts gewesen. Du wärst mir wahrscheinlich nicht einmal lange in Erinnerung geblieben. Unser Treffen hätte dann eigentlich niemals stattgefunden, sondern wäre in meiner Verdrängung gelandet.

Ich weiß nicht, was du mit mir getan hast, damit all das nicht passiert. Ich weiß überhaupt gar nicht, was du mit mir angestellt hast. Es kratzt jedenfalls nicht nur an der Oberfläche, sondern es geht ganz tief rein. Ich spreche hier nicht von Liebe, falls du davor Angst hast. Es ist eher etwas anderes. Ein Gemisch mit vielen Perspektiven, sozusagen. Ich kann es dir nicht genau sagen. Es ist jedenfalls nichts, was dir Sorgen bereiten sollte.

Ich habe unseren Abschied sehr intensiv in Erinnerung. Du hattest noch versucht, mich mit Worten und ‚Hoffnung‘ zu beruhigen. Ich sollte dich angucken..Aber ich konnte dennoch nicht aufhören zu weinen. Und dann gab es da noch so eine Regel…mich beruhigen, bis wir uns wiedersehen.
Dann hast du mich zum Bahnhof gefahren, weil ich nicht in der Lage war, alleine loszugehen, weil ich mich ziemlich verloren fühlte und ich Zeitdruck hatte, wegen des letzten Zuges. Wahrscheinlich hätte ich mich verlaufen. Die Idee, mir ein Hotel zu suchen, wie sonst auch, war total absurd, da ich innerlich völlig abwesend war. Also musstest du mich halb angetrunken..vom Gin…zum Bahnhof fahren. Damals war ich innerlich so abgeschossen, dass mir das gar nicht bewusst war. Was ich noch weiß: ich fühlte mich auf der Rückfahrt mit der Vespa extrem glücklich, obwohl ich währenddessen immer noch heulte. Es war ein komischer Moment. Diese kurze Fahrt zum Bahnhof war voller Glücksgefühle und Tränen. Aber ich dachte ja auch, dass wir uns bald wiedersehen. So wie versprochen.
Und danach saß ich alleine am Bahnhof, weiterhin am Heulen und egal, was die anderen dachten, die an mir vorbeigingen. Du schriebst noch eine Nachricht, dass alles okay ist. Und dann war’s das auch erst einmal.
Meine Gefühle waren wie weg, ich saß einfach nur da. Nicht im Hier und Jetzt, nicht in der Vergangenheit und nicht in der Zukunft. Ich fühlte nichts, bis auf Tränen. Manche Menschen nennen das Trauma. Ich erinnere mich an völlige Apathie, weil ich zu überwältigt war, um diese vielen Eindrücke zwischen uns zu verarbeiten, die eigentlich nur kurz waren.

Nach der Zugfahrt weiß ich nichts mehr. Nur dass ich zu Hause sofort auf die Toilette musste, um mich zu übergeben. Der Gin und der Serotonincocktail vertrugen sich nicht.
An die folgende Nacht erinnere ich mich nicht und an das unmittelbare Danach auch nicht.

Bald darauf kam die Zeit, als ich anstrengend wurde. Wir wollten uns wiedersehen. Aber ich schaffte es, das zu verhindern. Durch mein Verhalten. Ich weiß nicht mehr, was in der Zeit mit mir los war, da zwischen uns eigentlich alles in Ordnung war.
In meiner Erinnerung gab es ständig Missverständnisse. Wir redeten das gleiche, drückten uns aber anders aus.
Wir wollten uns bald wieder treffen. Dann kam ich mit irgendwelchem Scheiß..und du warst genervt. Wenn ich mir meinen Scheiß heute durchlese, fällt mir dazu nichts mehr ein. Ich weiß nicht, warum ich so war.
Ein Missverständnis war, dass du dachtest, ich will mehr. Aber das war nicht so.
Meine Stimmungsschwankungen führten dazu, dass du mir immer weniger vertraut hast und dachtest, ich wäre dem Ganzen nicht gewachsen. Du dachtest, mich würde es völlig aus der Bahn werfen, wenn wir uns sehen.

Zwischendurch gab es immer wieder Hoffnungsschimmer. Deine Interesse war anscheinend noch da. Du warst weiterhin heiß auf mich…bis zu einem gewissen Punkt, wo ich wieder austickte. Grundlos austickte. Ich verlor schnell die Kontrolle über mich. Wodurch du dich in deiner Vorahnung wieder bestätigt fühltest. Ich sei dem nicht gewachsen, das passt nicht.
Und ich wusste: doch, es passt.
Ich konnte es damals nur nicht rüberbringen, Missverständnisse entstehen schnell beim Schreiben. Allerdings nicht in den ersten zwei Wochen, da gab es null Missverständnisse. Wir waren uns einig und vielleicht auch ein wenig…vorfreudig? Es wirkte so. Wir teilten uns beide mit, was wir suchen und konnten uns gut ergänzen. Es gab nichts Negatives.

Irgendwann, nach diesem Chaos, wurde es dann noch chaotischer. Aber ich möchte nicht weiter darauf eingehen, weil ich keine Ahnung habe, wie es wirklich war oder ist.
Du warst/bist in einer Beziehung und ich sah das als Grund für dieses Chaos. Ich kann es nicht einordnen. Ich dachte, dass das Grund wäre, warum du auf einmal kein Interesse mehr an mir hattest. Diese Situation war so seltsam, weil ich damit so schlagartig überrumpelt wurde. Für mich fühlte es sich wie Jetzt und Gleich an. Ich konnte nichts mehr zuordnen, in mir brach das totale Chaos aus, weil es viele Widersprüche gab, für die keine Erklärung da war, weil du dich vor mir nicht rechtfertigen musstest.

Dann war Sendepause, nach einigen Wochen nach meinem ‚Gefühlschaos‘.
Du konntest meine Bitte-Bitte-Nachrichten nicht mehr ertragen und hattest mich blockiert.
Das Gefühl danach kann ich dir nicht beschreiben. Dafür gibt es kein Wort.
Meine neue Arbeitsstelle konnte mich davon nicht komplett ablenken. Zu hause war ich immer alleine damit, mit diesem Zustand, den ich kaum ertragen konnte. Es fühlte sich an, als würde man einem Junky sein Heroin wegnehmen. Und glaube mir, ich übertreibe nicht.
Auf der Arbeit war alles super, ich kam gut klar, ließ mir nichts anmerken.
Aber privat sah es anders aus.
Ich verlor viel Gewicht, hatte keinen Appetit und Schlafstörungen. Starke innere Unruhe.
Was ich dagegen tat war schreiben. Ich schrieb in der Zeit unendlich viel, wie eine Wahnsinnige. Keine planlosen Gedanken, sondern zwei Bücher. Nur, um mich irgendwie abzulenken und um mir selbst näher zu kommen, wobei ich immer wieder bei dir landete.

Im Herbst hatte ich einen Autounfall, Totalschaden. Aber ich selbst bin gut davongekommen. Warum auch immer, ich hatte es nicht verstanden. Ich war meiner Meinung nach kaum verletzt, bekam aber dennoch Betäubungsmittel, die ganz nett in ihrer Wirkung waren. Vielleicht bekam ich sie deshalb.

In der Zeit kam ich ein wenig zur Ruhe, weil mir nicht viel übrig blieb, als das.
Irgendwie hatte ich mich danach zunehmend mehr unter Kontrolle und die Stimmungsschwankungen wurden immer weniger. Ich musste dafür keine Medikamente nehmen oder Ähnliches. Es ging dann einfach mit mir.

Ich hatte dir oft Nachrichten geschrieben, bei denen ich nie wusste, ob sie ankommen. Einfach mit der Hoffnung, dass du mich nicht überall blockiert und es dir vielleicht nochmal anders überlegt hast. Mir wurde schnell bewusst, wie konsequent du sein kannst. Aber ich hatte mir nicht gewünscht, dass du so konsequent bleibst, wenn es darum geht, den Kontakt abzubrechen. Ich dachte, du würdest deine Meinung ändern, wenn etwas Zeit vergeht.

Im Herbst hatte sich einiges geändert. Es gab ein wichtiges Thema, über das ich nicht reden durfte und nicht wollte. Ich möchte darüber auch weiterhin nicht gerne reden. Es sei denn, du fragst mich direkt, dann würde ich dir Antworten geben. Aber von alleine eher nicht.
Ich erinnere mich nur daran, dass es schon Momente gab, wo dich all sowas interessiert hatte und du nachgefragt hast. Das war auch nach unserem Treffen. Deswegen vermute ich, dass du von mir lange nicht ganz so abgeneigt warst, wie heute.
Deswegen tut es mir Leid, wenn ich damals auf bestimmte Sachen nicht so eingegangen bin, wie du es gerne gehabt hättest. Oder dass ich deine spontanen Forderungen damals so gut wie gar nicht umgesetzt habe, weil ich es nicht mochte, mal spontan meinen Hintern zu knipsen. Obwohl da kaum etwas dabei ist. Ich glaube, ich war etwas zu ablehnend und auch egoistisch…?
Du würdest es wahrscheinlich besser beschreiben können. Aber all das ist nun schon eine Weile her.
Heute hat sich vieles geändert und ich habe nur in diesem Text die Chance, dich ‚umzustimmen‘.

Ich weiß nicht, was zwischen uns passiert ist, damit es jetzt immer noch so kalt bleibt.
Als ich vor zwei Wochen die Fotos von meinem Hintern gemacht habe, dachte ich, okay, da kommt noch was. Vielleicht ein neuer Anfang…Ich hatte wirklich den Gedanken, dass es nun besser wird und wir bestenfalls etwas regelmäßiger Kontakt haben. Und ich dir zeigen kann, dass es passt und ich bereit bin, egal für was. Ich bin für alles offen zwischen uns. Egal in welcher Form.

Ich dachte immer, wir hätten ähnliche Fantasien und Absichten. Gegenseitige Anziehung…
Jedes Mal, wenn ich dir heute ein Bild schicke, hoffe ich, dass es dir gefällt.
Oder wenn nicht, dass du mir sagst, was dir fehlt..wie auch immer.
Ich hoffe jedes Mal, dass ich die Spannung zwischen uns auflockern kann und dass da nicht mehr diese kalte Sperre ist. Wobei kalt nicht schlecht ist, wenn es zwischendurch immer etwas Wärme gibt.

Weißt du, was ich am allerallermeisten bereue?
Dass ich dir im letzten Jahr mein größtes Geheimnis erzählt und mich damit dir gegenüber völlig offengelegt habe. Ich hätte dir niemals sagen dürfen, was mit mir los ist und warum ich so gut darin bin, für echte Dramen zu sorgen. Emotional instabil eben. Und der Stempel von dir: ERLEDIGT.
Wahrscheinlich warst du dir danach erst recht sicher, dass man mich nur mit Vorsicht genießen kann und dass man mein masochistisches Verhalten mit gewaltätigen Aktionen nicht noch fördern muss.
Denn nach meinem abschreckenden Statement hast du immer mehr die Distanz gesucht.
Vielleicht war das der Punkt für dich, rechtzeitig auf Abstand zu gehen, obwohl es dafür längst zu spät war. Aber es wäre immer zu spät gewesen, dass zu tun, nachdem ich wusste, dass du auch auf Gewalt und harten Sex stehst. Unser erstes Treffen hat meine Lust darauf nur bestätigt.
Damals dachte ich, es wäre besser, dir gegenüber so ehrlich zu sein, damit mein blödes Verhalten wenigstens erklärt ist. Ich dachte, wenn ich dir das anvertraue, verstehst du mich besser. Ich dachte, dass nur dieses eine Wort nötig wäre, um mich meine Persönlichkeit bzw. Charakter ein wenig zu erklären. Weil ich mich anders nicht mehr erklären konnte.
Was ich damit eigentlich anrichte, war mir in dem Moment nicht klar. Vor allem, dass sich manche Leute schnell überfordert fühlen, wenn sie so etwas hören. Aber ich dachte, du würdest es gut auffassen, weil du es sowieso magst, wenn man durch so einen Charakter noch viel devoter wird. Ich jedenfalls…
Anziehung macht mich abhängig. Aber längst nicht unfähig, auch eigene Entscheidungen zu treffen.

Bisher habe ich dir viele Texte und Gedanken mitgeteilt. Ich denke nicht, dass dich das alles so völlig kalt lässt. Aber ich weiß nicht einmal ansatzweise, was in dir wirklich vorgeht, was du denkst. Ich habe nur vage Ahnungen.

Was denkst du?
Was denkst du, wenn ich nichts falsch mache?
Denkst du, ich wäre zu gut..oder vielleicht zu schlau für dich?
Hast du Angst, mir mit irgendetwas weh zu tun? Mir vielleicht mit der Wahrheit wehzutun?
Denkst du vielleicht, ich würde es nicht ertragen, wenn du gerade in einer Beziehung bist und ich sozusagen ’nur‘ deine Affäre wäre?
Denkst du, ich bin sehr eifersüchtig?
Denkst du, ich hätte jemand ‚Besseren‘ als dich verdient? Weil du dich selber besser kennst, als den Hauch, den ich von dir erahne?
Denkst du, ich wäre supererfahren, was Affären angeht und hast du Angst, ich hätte zu viel Erfahrung? Wenn du das denkst, könntest du dich gewaltig täuschen.
Denkst du, ich möchte unbedingt eine Beziehung mit dir und dieser Gedanke macht dir Angst?
Hast du Angst, mich zu enttäuschen, wenn ich herausfinde, wie du ‚wirklich‘ bist..in der Realität?
Denkst du, ich würde dich dann weniger mögen..?
Hast du vielleicht Angst, dich auf etwas einzulassen, weil du mich schon von einer ganz anderen Seite kennengelernt hast und nun vorurteilst?
Denkst du, ich bin immer noch so wie damals?
Denkst du, bei/in einem anderen Mädel etwas Besseres zu finden, als in mir?

Was ich denke…

Ich denke, dass bei anderen Mädels gewisse Reize schneller vergehen, wenn du herausfindest, wie sie eigentlich ticken. Vielleicht wird es schnell langweilig, oder etwas anderes läuft nicht so.
Die Anziehung ist immer eine andere. Ich weiß nicht, ob andere Mädels zu schätzen wissen, was sie an dir haben. Sie würden vielleicht ganz anders mit dir umgehen, als ich mit dir. Viele Frauen sind ähnlich..aber auch genauso unterschiedlich. Jeder ist einmalig. Jeder auf eine andere Art. Für mich sind Männer eher mehrmalig. Einmalig fühle ich mich intensiv zu dir hingezogen.
Dir wird wahrscheinlich nicht bewusst sein, dass das eine Ausnahme ist…? Vielleicht macht genau das dir Angst. Dass ich dir viel mehr ‚Wert‘ gebe, als du dir vielleicht selber gibst..? Vielleicht hast du Angst, dass ich dich völlig überbewerte,..idealisiere..obwohl ich dich gar nicht kenne.
Und du bist dir sicher, dass ich mich damit täusche..? Ich bin mir sicher, dass ich mich nicht täusche. Ich habe keine Angst vor der Wahrheit.

Wenn ich wollte, wäre ich mit dir auf Augenhöhe, so, wie es (eigentlich) sein sollte.
Manchmal denke ich auch, dass ich dir geistig zu hoch bin. Obwohl ich teilweise tatsächlich extrem naiv sein kann, wenn andere sehen, wie ich dir hinterherrenne. Obwohl ich längst in einer Beziehung mit jemand anderen sein könnte. Aber ich will das nicht. Ersetzen in dem Sinne gibt es nicht. Bisher hatte ich nur eine echte Beziehung. Danach habe ich jahrelang das gesucht, was ich in dir gefunden habe. Anziehung und das Gefühl von Hingabe. Viel mehr könnte ich das Gefühl auch als Abhängigkeit bezeichnen. Du könntest mich mit nichts abschrecken. Es gibt einfach nichts, was für dich tabu wäre, obwohl es schon Dinge gibt, die ich kaum mag.
Ich denke, du wärst perfekt darin, meine Grenzen zu erforschen.
Du wärst auch perfekt darin, mich unter deine Kontrolle zu kriegen.
Ich merke es schon jetzt.

Als du mich heute blockiert hast…
Diese Apathie war da…und dieses Aus…
Verzweiflung…
Tränen…
Ich fühlte mich aufgelöst..
Verloren..

In solchen Momenten versuche ich alles, gerate doch wieder außer Kontrolle, kriege mich dann nach einigen Minuten wieder gebändigt, wenn ich versuche, noch einmal zu…kämpfen.
Es ist wirklich wie ein Kampf zwischen uns.
Wenn du mich blockierst, dann verliere ich meine wichtigste Bezugsperson. Es ist ein Verlust für mich.
Wenn ich so lange versuche, dir irgendwie zu gefallen, deine Aufmerksamkeit zu gewinnen,..dich zu überzeugen…
Und dann plötzlich blockiert werde. Als wäre ich nichts, als wäre ich nie dagewesen, nach allem, was ich probiert habe.
Es fühlt sich an wie ein Stich, genau wie damals, als du es getan hast.
Ich kann auch nicht mehr tun, als dir diesen Text zu schreiben bzw. ich weiß nicht mehr, was ich für dich tun kann, damit wir doch noch einmal anfangen können, nach deinen Vorstellungen, die du mir bisher nie erzählt hast. Dabei gäbe es noch viele offene Themen, die wir ausleben könnten.

Meine Angst ist einfach, dass du ein falsches Bild von mir hast.
Dass ich so viel schreibe liegt einfach daran, dass das meine Art ist, mich auszudrücken. Wenn andere Frauen nicht so viel schreiben, ist das eher normal. Aber mir bleibt eben nichts anderes übrig, als diese Texte. Vor allem, wenn es der letzte ist, um Klarheit zu schaffen.

Ich brauche dich einfach.
Du meintest einmal, es wäre der falsche Zeitpunkt, für ein Kennenlernen.
Allerdings hast du zum falschen Zeitpunkt Lust, andere Mädels kennenzulernen.
Natürlich frage ich mich dann, was los ist.
Damals war schließlich auch alles gut, obwohl heute alles besser wäre.
Ich bin mir fast sicher, dass du bei mir alles hättest, was auch du brauchst. Ich bin mir fast sicher, wir würden uns in unseren Vorstellungen ergänzen.

Gleichzeitig finde ich es krank, dir diesen Text zu schreiben. Er ist lang und klingt eindeutig verzweifelt. Aber hey, ich bin auch wahnsinnig verzweifelt, was uns betrifft. Ich bin extrem verzweifelt. Schreibe diesen Text unter Tränen, weil ich hoffe, dass er etwas in dir bewirkt oder auch, wie in mir, auslöst.
Du denkst vielleicht, es wäre für mich einfach, sowas zu schreiben, weil ich Autorin bin. Aber gerade dieser Text fällt mir schwer. Weil ich auch nicht einmal weiß, ob du ihn wirklich liest und einfach nur die Schnauze voll hast von mir.
Ich denke, dass ich mich mit meinem Geschreibe bei dir vielleicht unbeliebt mache.
Aber was bleibt mir übrig, als Worte…oder Bilder…
Mir bleibt einfach nichts mehr übrig.

Du weißt ganz genau, dass ich dich nicht vergessen kann. Sonst hätte ich es doch längst getan. Du kannst mir mit nichts mehr wehtun, als mich zu blockieren. Das ist schmerzhaft für mich. Du kannst auch dadurch nicht dafür sorgen, dich zu vergessen. Es macht es nur umso schlimmer für mich, damit komme ich nicht klar und es bringt mich komplett durcheinander. Ich kann mit allen Umständen zwischen uns leben. Aber nicht damit. Du kannst mich nicht einfach rausschmeißen, als wäre ich Müll. Ich hänge tatsächlich sehr an dir, obwohl ich unabhängig von dir lebe. Deswegen wirst du auch nicht verstehen, wenn ich an dir hänge. Weil wir uns deiner Meinung nach nie gekannt haben. Jetzt würde wieder das Wort ‚Projektion‘ auftauchen, weil alles nur eine Illusion ist. Aber das Gute an mir ist, dass ich mich bisher nie getäuscht habe und manche Dinge einfach weiß, ohne sie jemals in Frage zu stellen. Sehr hilfreich im Job, wie auch privat. Ich lag wirklich niemals falsch mit meinen Gedanken. Ich weiß, was ich will, brauche und suche. Und ich suche seit vielen Jahren das Gleiche, es hat sich nichts geändert. Es ist für mich keine Trend, solche Männer wie dich zu suchen. Manche Frauen sind auf dem Trip, nachdem sie ‚Fifty Shades Of Grey‘ gelesen oder gesehen haben. Ich ticke SO, seitdem ich 13 bin. Damals habe ich wirklich schlimme Tagebucheinträge geschrieben, wenn es um Männer ging. Meine Eltern haben sich furchtbare Sorgen um mich gemacht, weil ich ihnen auch reichlich Gründe dafür gab.
Und dennoch…am Ende war es mein Papa, der dem Ganzen ein klares Aus setzte. Er ahnte früh genug, in welche Richtung es mich zog. Aber er konnte dagegen erst recht nichts machen, weil ich durch ihn nur so ’schlimm‘ geworden bin. Der ewige Konflikt zwischen uns hieß Hassliebe.
Als ich mit 17 in meine eigene Wohnung zog, wurde alles nur noch ‚besser‘.

Warum ich dir all das schreibe, wenn ich doch genau weiß, dass ich mich damit bei dir unbeliebt mache…
Weil ich möchte, dass du mich verstehst. Damit du verstehst, dass ich einfach so bin und wirklich auf solche Männer wie dich fixiert bin. Ich kann nicht anders. Und es gibt niemanden, der so ist, wie du. Genauso wenig, wie es jemanden gibt, der so ist, wie ich.
Wieder bei dem Thema…viele sind sich ähnlich…aber keiner ist so ähnlich wie du, oder wie ich. So etwas gibt es kaum.
Und ich weiß, dass ich dich brauche. Ich spüre das so oft, und du wendest mir einfach den Rücken zu.
Was ist so verkehrt zwischen uns?
Ist es, weil ich nicht in der Nähe wohne? Dabei bin ich flexibel und es fühlt sich intensiver an, wenn man sich sieht. Damals war es für dich auch kein Problem.
Ein wenig später meintest du mal, ab und zu sehen – mehr nicht. Alles Dinge, die für mich okay sind. Du machst die Regeln, ich folge dir. Aber ich kann nicht ohne dich.
Und dein Rückzug ist mir unbegreiflich.
Denkst du, du müsstest du komplette Verantwortung für mich übernehmen und überfordert dich der Gedanke? Du kannst so viel ‚Verantwortung‘ haben, wie du willst. Aber ich würde nicht behaupten, ich würde komplett ohne dich klarkommen. Nicht mehr..

Wie eben schon gesagt, mir ist schwindlig, der Kopf tut weh und mir ist übel. Weil mir viel an dem liegt, was ich dir hier schreibe und weil ich ehrlich gesagt nicht weiß, wie du dann reagierst, weil du sowieso schon nichts von mir wissen willst. Dir wird das alles hier wieder viel zu viel sein.
Oder du wirst vielleicht drüber nachdenken, worauf du dich hier eigentlich wirklich einlässt.
Dabei bist ganz allein du derjenige, der das Gesamtkonzept zwischen uns bestimmen würde. Mit Ausnahme von blockiert werden und Kontaktabbruch.
Ich würde mir wünschen, dass wir es auch irgendwie anders schaffen könnten, als diese drastischen Maßnahmen, die alles nur viel schlimmer machen. Ich wünschte, es würde anders gehen.

Was wäre so verkehrt daran, mir eine Chance zu geben?
Warum kein Neuanfang?
Wenn du jetzt mit anderen schreibst, bist du sicher auch so easy und happy drauf, wie bei mir damals. Bei anderen bist du jetzt so, wie bei mir damals.
Bei anderen Mädels kannst du locker sein, mich ignorierst du und tust fast so, als wäre ich ein unerträglicher Parasit. Dabei bin ich mir sicher, dass wir beide ähnliche Absichten haben und nicht gegeneinander denken. Sondern auf einer Wellenlänge sind, wo die Pole sehr gut definiert sind.
Dominant und devot, sowie ähnliche Interessen (wahrscheinlich).

Ich möchte keine Angst mehr davor haben, dass du mich blockierst.
Ich möchte, dass wir wieder guten Kontakt miteinander haben. Ich möchte nicht von dir abgewertet werden und auch nicht in die nervig-krank-Schublade gesteckt werden. Ich möchte am liebsten nirgendwo rein und keine Vorurteile in dir auslösen.
Wenn du sagst, du meinst es nicht böse, dann kommt mir das vor, wie ein Witz.
Wenn du es nicht böse meist, würde es zwischen uns super funktionieren, ganz ohne Zweifel.
Jetzt würde es funktionieren. Es gab genug Zeit zum Nachdenken und genug Erlebnisse.
Warum scheinst du dir also so sicher zu sein, dass es richtig ist, mich zu….ignorieren..?
Vielleicht ist es für dich ein zu starker Widerspruch, wenn man als zierliche Krankenschwester in der knallharten Forensik arbeitet. Ist es das, was dein Bild von mir gerade am meisten stört?
Hast du Bedenken, dass ich vielleicht zu selbstbewusst bin und das Devot-Sein nur spiele, weil ich im Grunde genommen extrem dominant bin? Ich bin leider keine Schauspielerin, so wie du es in deinem Umfeld kennst. Ich kann überhaupt nichts spielen und ich spiele auch keine Spielchen mit dir. Ich bin immer authentisch. Leider..vielleicht.
Manchmal wünschte ich mir, mir würde es besser gelingen, dir gegenüber mal die Klappe zu halten und nicht alles zu erzählen. Vielleicht denkst du, ich wäre dadurch frech und vorlaut. Auf jeden Fall kommt es für dich sicherlich eher negativ rüber.

Bevor dieser Text zu Ende ist, möchte ich dir noch einmal sagen, dass du dir bei mir alles erlauben kannst. Ich lasse Dinge auch gerne über mich ergehen. Ob es nun Demütigung oder Gewalt ist..oder etwas anderes. Du darfst mich so behandeln, wie du willst. Ich werde auch nicht darüber schreiben, falls du denkst, ich brauche Stoff für neue Geschichten. Nein. Ich brauche dich nicht, um neuen Input dafür zu bekommen. Das wäre nicht der Sinn zwischen uns. Es geht nur um Erfahrungen.
Ich möchte auf eine Art dir gehören, in sofern, dass du über mich bestimmen kannst, oder was auch immer du selber willst. Bei dir habe ich einfach dieses ausgeprägte Bedürfnis danach.
Frag mich, warum, und ich gebe dir die genaue Antwort darauf.
Du brauchst bei mir nichts zu verstecken, nicht mal dein wahres Alter. Ich stehe mehr darauf, dass du NICHT 34 bist. Aber ich bereue es, dass ich zwar aussehe, wie unter 20, ich es aber nicht bin.
Aber nur weil ich ‚älter‘ bin, bin ich deswegen nicht schlechter. Ich lache gerade selbst darüber, weil nie jemand sagen würde, ich wäre vielleicht zu alt für ihn.
Uns beide trennen immer noch 14 Jahre, was für die meisten Leute schon zu viel ist.
Und ich habe längst nicht so viel Erfahrung im Bett wie du. Sex habe ich nur selten, weil ich mich auf niemanden einlassen kann. Ich bin keine Schlampe, die ständig nach neuen Typen sucht. Vielleicht bin ich ziemlich unerfahren, aber auch keine frische Anfängerin.
Ich weiß also nicht, was dir an mir fehlt und was nicht stimmt.

Vielleicht haben diese Worte ein wenig Aufklärung in deine Vorstellung von mir gebracht. Ich hoffe, du liest es und denkst darüber ein wenig nach.
Bitte gebe mich nicht auf. Ich würde auch damit gut zurechtkommen, wenn du ein totales Arschloch wärst oder bist. Du musst keine Angst haben, dass mich das abschreckt oder dass ich dich deswegen nicht verdiene. Du bist nicht zu ’schlecht‘ für mich. Ich habe einfach keine Angst, was dich betrifft. Den Respekt von mir wirst du nicht verlieren. Das würdest du nicht schaffen.
Ich gehöre nicht zu den Frauen, die sich deswegen von jemanden trennen. Ich weiß nicht, was überhaupt dazu führen könnte, solche Gedanken zu haben.
Ich würde mich nicht trennen, wenn du fremdgehst oder was auch immer.
Ich würde nichts tun. Ich würde dich nicht ändern wollen. Du kannst dein Ding machen, meine ‚Erlaubnis‘ brauchst du nicht. Ich würde dich nicht einsperren und dir schon gar keine Vorschriften machen, wie alles zwischen uns laufen soll.
Ich wäre in dem Sinne vielleicht etwas passiv.
Mit mir könntest du wahrscheinlich genau das haben, was du dir insgeheim wünschst.

Es gibt nur eine Sache, die ich nicht will: dich zu verlieren.

2017

Ich wünsche euch ein frohes neues Jahr, obwohl ich diese ganzen Sprüche selber nicht mehr hören kann und vor allem: nicht hören will. Weil…es nervt mich langsam. Die letzte Woche eines Jahres ist immer der Horror für mich. Plötzlich melden sich Leute, von denen man ewig nichts gehört hat und wünschen einen alles Gute. Was soll das? Diese gespielte Freundlichkeit..furchtbar. Und andererseits geht es im Dezember immer nur ums Kaufen. Kaufen, kaufen, kaufen,…kochen. Am Ende wundern sich die Leute, warum sie so fett geworden sind. Und prompt taucht im TV Werbung von Weight Watchers auf…

Es ist doch immer der gleiche Wahnsinn 🙄 Zum Glück mache ich da nicht mit.

Hallo, wer bin ich?

Alles ist nicht genug.

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Ich wache ein paar Minuten vor dem Weckerklingeln auf. Es ist 6:40 Uhr, um 7 sollte der Wecker klingeln. Ich denke über den Traum von eben nach. Es ging um ein Kriegs-U-Boot, das zuletzt von Fischen aufgefressen wurde. So, als würde es aus Plankton bestehen. Was für ein Quatsch..?!

Mehrere Minuten liege ich völlig verdutzt im Bett und google nach, was ein U-Boot im Traum bedeutet. Angeblich befinde ich mich gerade auf einer Reise in mein Inneres und will mich selbst erkunden. Das könnte tatsächlich stimmen, denn ich wollte heute zum Arzt gehen, weil irgendetwas in mir komisch ist, obwohl ich die Antwort eigentlich schon kenne. Aber diesmal fühlt es sich besonders komisch an. Wahrscheinlich dauert dieser Zustand nur wenige Stunden, aber trotzdem. Ich bin aufgeregt und habe deswegen nachts kaum geschlafen, bevor ich die Unterwasserwelt erkundet habe. Warum ich aufgeregt bin, weiß ich jedoch nicht. Es gibt keinen bestimmten Grund. Zumindest keinen Grund, der normale Menschen beunruhigen würde.

Mein Zimmer hängt voll mit Wäsche, die an den offenen Schranktüren trocknet und zwei bunte Lichterketten sind an. Eine mit Tannenbäumen und eine mit glitzernden Schneeflocken. Ausmachen wollte ich sie nicht, obwohl es zum Schlafen sicher besser gewesen wäre. Aber ich wollte es einfach nicht. Die Zeit der bunten Lichter geht so schnell wieder vorbei.

Eigentlich möchte ich überhaupt nicht zum Arzt gehen, wenn ich daran denke, wie voll das Wartezimmer ist und wie viele Stunden ich jedes Mal warten muss. Zeit genug, um darüber nachzudenken, was ich sagen werde, denn das fällt mir jedes Mal schwer. Weil es keinen Ausdruck für das gibt, was in mir vorgeht. Vor allem, weil es sich nur um Momente handelt. Genauer gesagt: Kurzschlussmomente. Meist gehe ich nur zum Arzt, wenn ich richtig krank bin. Aber diesmal bin ich nicht richtig krank. Also nicht körperlich krank. Nicht so wie die anderen Patienten um mich herum, die es viel nötiger haben, weil deren Leben wirklich in Gefahr ist. Manchmal würde ich tatsächlich gerne mit ihnen tauschen. Ich weiß nicht, warum. Aber ich denke, dass deren Leben besser ist.

Gegen 7 Uhr stehe ich auf und ziehe mich an. Mehr tue ich nicht, weil ich keine Lust habe, mich zu schminken und gerade denke, dass sowieso alles total scheiße ist, obwohl gar nichts passiert ist, um solche Gedanken in meinem Kopf zu haben. Wenn ich mich schminken würde, würde der Arzt außerdem denken, dass es mir doch gar nicht so schlecht geht. Ich kämme mir nur die Haare und das war’s. Dennoch stehen sie zu allen Seiten ab, weil das immer so ist. Ich stehe auf meine Bad-Hair-Days. Das passt schließlich zu mir. Mit einem Grinsen stehe ich vor dem Spiegel und denke, dass ich auch ohne Schminke nicht so hässlich aussehe, wie manch anderer oder besser gesagt: manch andere. Ich bin ja schließlich kein Typ. Ein Glück auch..? Ja, wahrscheinlich schon, sonst wäre ich nicht so, wie ich bin. Typen neigen ja nicht häufig zu solchen Charakteren, wie den, den ich habe und manchmal bin ich schon ein wenig stolz drauf, wenn ich mich nicht gerade dafür hasse.

Meine Klamotten sind wohl arzttauglich. Lässige dunkle Jogginghose und ein roter Strickpullover, damit ich dem warmen Wartezimmer nicht friere, falls jemand das Fenster aufreißt. Unter dem Pullover trage ich noch ein weißes T-Shirt mit einem Glitzersaum. Auf meinen Socken befinden sich aufgedruckte Weihnachtsmänner, passend zur Jahreszeit. Ist nunmal so. Die Socken wird wohl niemand sehen, weil meine Hose auch im Sitzen lang genug ist.

Dann nehme ich meine Handtasche und gehe los. Bis zum Arzt sind es nur zehn Minuten. Aber wenn es einem richtig schlecht geht, dann ist das meist schon zu viel. Ich erinnere mich daran, wie ich schon zwei Mal fast zusammengebrochen wäre, als ich krank war. Einmal im Wartezimmervorflur und einmal fast in der Apotheke, sodass mir dort sofort geholfen werden musste, als ich ausdrücklich sagte, dass es mir gerade sehr schlecht geht und ich dass ich gleich umkippe. Die Apothekenfrau handelte schnell, als sie meinen Zustand vernahm. Das war ziemlich dramatisch, als mir dann noch ein Taxi angeboten wurde, nachdem mir ein Glas Wasser gereicht wurde und ich auf der Apotheken-VIP-Bank für Altersschwäche so lange Platz nehmen durfte, wie ich wollte. Nach dem Glas Wasser und einer Viertelstunde auf der Bank ging es mir dann besser. Im Nachhinein habe ich sehr darüber gelacht. Weil das wirklich unmöglich von mir war. Aber es ging mir halt schlecht. Dafür muss man sich nicht rechtfertigen.

Natürlich ist es beim Arzt wieder voll. Es ist kurz nach halb acht und die Nachfrage ist bereits groß. Jeder der hier ist, dachte, er wäre der Erste. Ich denke an so etwas nicht mehr. Meist geht es sowieso nicht nach Reihenfolge, sondern nach anderen Prinzipien. Ich hatte mal ein Praktikum in einer Arztpraxis, deswegen kenne ich die internen Vorgänge. Die anderen Leute sehen auch alle nicht besonders krank aus. Sieht eher aus, als wären sie hier, um zu reden und um Freunde zu treffen. In dem Vorflur gibt es nur drei Sitzplätze, die natürlich schon vergeben sind. Dort sitzen drei Omas, die sich angeregt unterhalten und sich scheinbar gerade kennenlernen, für den späteren Kaffeeplausch.

Ich stehe im Gang und es geht mir gut, weil ich diesmal keine Kreislaufprobleme und Hitzewallungen habe. Wenn ich aus dem Fenster schaue, sehe ich nur das trostlose Dach mit Unkraut bewachsen. Es gibt nicht viel zu sehen. Es ist langweilig, wenn man hier warten muss, bis um acht die Tür zum Wartezimmer geöffnet wird und es alle eilig haben, um ihre Jacken auszuziehen und um ihre Rollatoren in der Garderobe zu verstauen, weil da nicht viel Platz ist. Ich lasse meine Jacke nie in der Garderobe, sondern behalte sie auf meinem Schoß. Dort ist sie sicher. Ich habe oft Angst, dass Sachen von mir geklaut werden, da sie meist viel gekostet haben und Kenner nach solchen Details Ausschau halten.

Punkt acht wird die Tür aufgemacht und der Alltag geht los. Bis ich zur Anmeldung komme, dauert es ewig. Es tauchen zu viele Fragen auf, die noch geklärt werden müssen. Alle sind irgendwie genervt. Die Schwestern müssen sich immer wieder die selben Dinge anhören und die Patienten merken eh nichts mehr. Auch, wenn sie sich anstrengen. Als ich endlich rankomme, geht alles ganz schnell und ich kann mich hinsetzen. Wie ich diese Zeit hasse. Ich werde bestimmt erst ganz spät herankommen und solange kann ich mir meine Gedankenfetzen in passender Reihenfolge zurecht legen, sodass der Grund, warum ich heute hier bin, irgendwie sinnvoll wird. Letztendlich werden meine Sätze eh anders klingen und kommen spontan aus mir heraus. So hoffe ich es, weil es besser ist.

Ich sitze zwei Stunden passiv im Wartezimmer und die Zeit vergeht, wenn auch auf eine andere Art. Ohne Zeitung lesen, ohne Handy, ohne alles. Ich beobachte die Leute, das ist interessant. Achte auf ihre Mimik, Gestik und auf ihren Stimmen. Oder gucke dabei zu, was sie tun. Oder wer kommt und geht.

Irgendwann höre ich meinen Namen und mache mich auf dem Weg ins Arztzimmer. Oh Mann.

Der Arzt begrüßt mich und sagt: „Nehmen Sie schon mal Platz, ich komme gleich.“

„Okay.“

Ich setze mich auf den Stuhl und versuche eine angenehme Pose zu finden, rutsche dabei auf dem Sitz hin und her und suche einen Ort für meine Hände. Offene Posen sind perfekt. Alles, was verschränkt und miteinander verhakt ist, wirkt distanziert. Also versuche ich, mich irgendwie zu öffnen. Füße nebeneinander und Hände locker auf dem Schoß. Fühlt sich komisch an in dieser Situation. Also schlage ich die Beine übereinander und verschränke die Arme vor meinem Bauch. Auweia. Aber egal, ich muss mich jetzt wohlfühlen und bin nicht auf Arbeit, sondern selbst Patient. Es dauert eine Weile, bis der Arzt kommt, wahrscheinlich muss er erst Rezepte unterschreiben. Im Arztzimmer hat sich nichts verändert, noch immer die gleichen Bücher, die dort eher als Deko dienen und immer noch die gleichen Bilder an den Wänden. Ich schaue auf den Computerbildschirm, dort steht mein Name und leere Zeilen. Auf dem Tisch liegt meine Akte, die gut gefüllt ist mit speziellem Infomaterial von mir. Es liest sich an mancher Stelle bestimmt wie ein Psychothriller. Ich weiß nicht, ob sich der Arzt manchmal darüber amüsiert. Aber es kann mir auch egal sein. Dann kommt der Arzt zurück und ich kriege plötzlich Herzklopfen und leichte Panik. Was soll ich dem jetzt eigentlich genau erzählen?

„Hallo“ sage ich und lächele kurz.

Er lächelt kurz zurück und verhält sich natürlich recht professionell in Gegenwart meiner Schüchternheit. Eigentlich bin ich sonst ja anders.

„Hallo, weswegen sind Sie denn heute hier?“

War ja klar, dass die Frage kommt.

„Ich fühl mich einfach nur total komisch.“

„Aha.“

Er guckt mich natürlich an und sucht nach äußeren Auffälligkeiten.

„Wissen Sie, wie viel so momentan wiegen?“

„Ja, glaub schon…53 Kilo..vielleicht. Also ich denk schon, dass ich auf jeden Fall zugenommen hab.“

Er zeigt auf die Waage in einer Ecke des Raumes: „Stellen Sie sich da bitte mal rauf.“

Etwas zögernd gehe ich zur Waage, wie ich das hasse. Ich will die Zahl nicht wissen, weil die Waage dann bestimmt auf die 57 springt.

Als ich drauf stehe, versuche ich nicht raufzugucken, aber am Ende schaffe ich es nicht.

„47, 2 Kilo“, notiert der Arzt verbal. „Das ist zu wenig. Ein Kilo weniger, als beim letzten Mal. Erinnern Sie sich daran?“

Ich denke kurz nach. „Nee, nicht wirklich. Ich sehe mich anders. Also ich würde mich persönlich jetzt nicht als untergewichtig sehen.“

„Sie können sich wieder hinsetzen.“

Dann legt er mir standardgemäß die Blutdruckmanschette um den Arm.

„Der Blutdruck ist auch recht niedrig. Und Ihr Puls rast. Haben Sie Fieber?“

„Ja, zwischendurch immer mal. Vor allem, wenn ich mich über Dinge aufrege.“

„Worüber regen Sie sich auf?“

„Ich weiß es nicht. Über mein Leben, obwohl eigentlich alles stimmt. Innere Unruhe eben. Und der Gedanke, ständig etwas tun zu müssen, damit ich von der Ruhe nicht bedrängt werde. Wenn ich frei hab, drehe ich immer ziemlich am Rad, weil ich denke, etwas zu verpassen. Deswegen kann ich nicht alleine sein,..obwohl ich gerne alleine bin..Ich mag keine Ruhe. Und das macht mich unruhig. Ruhe entspannt mich nicht. Sie macht mich nervös. Ich hasse es, nichts zu tun. Ruhe stört mich. Ich kann die Ruhe eher genießen, wenn ich nicht alleine bin.“

Ich höre auf zu reden, weil ich selber merke, wie verwirrend der Schwachsinn ist, den ich rede. Dabei sage ich nur, was innerlich in mir vorgeht.

Mein Arzt sitzt nur da und hört mir zu, ohne zu urteilen.

„Haben Sie heute schon Frühstück gegessen?“

„Nein..“

Wahrscheinlich ahnt er, dass mein Blutzucker im Keller ist und ich deswegen so einen Schwachsinn rede.

„Wann war Ihre letzte Mahlzeit?“

Ich denke nach, aber irgendwie erinnere ich mich kaum.

„Weiß nicht…wahrscheinlich gestern früh…oder so..“

„Trinken Sie genug?“

„Naja,..ich glaub nicht..wahrscheinlich nur knapp einen Liter am Tag und davon die Hälfte Kaffee. Ich hab einfach keinen Durst und keinen Appetit. Ich hab keine Bedürfnisse…“

Er schreibt währenddessen alles auf.

„Haben Sie ein schlechtes Gewissen nach dem Essen?“

Was für eine Frage.

„Ja, es passt nicht zu mir, würde ich sagen. Essen ist ein Fremdkörper in meinem Bauch. Und..wer isst hat keine Kontrolle über sich selbst…“

„Warum nicht? Also warum passt Essen nicht zu Ihnen?“

„Weil ich mich danach fett fühle. Sehr beklemmend.“

Inzwischen antworte ich spontan. Ich merke, dass ich gar nicht nachdenken muss, wenn er mir Fragen stellt.

„Wie oft haben Sie ungefähr Fieber?“

„2-3 Mal pro Woche. Und es vergeht meist schnell wieder.“

„Leiden Sie unter Panikattacken?“

„Ich weiß nicht, ob man es so nennen kann. Panik hab ich irgendwie ständig. Aber ich kann’s nicht so richtig einordnen.“

„Fühlen Sie sich vielleicht verfolgt?“

„Nein, das nicht. Aber mir passieren komische Sachen, die mir manchmal Angst machen.“

„Was ist Ihnen denn passiert?“

Ich glaube, jetzt wird er erst recht aufmerksam.

„Naja, einmal bin ich nachts wachgeworden, weil der Rauchmelder anging. Ich habe dieses laute Piepen gehört, ich bin dann wachgeworden, völlig erschrocken. Als ich dann richtig wach war, war er aber wieder aus. Er hat nur einmal gepiept, denke ich. Ich war auf dem Flur gucken, aber da war nichts. Bis auf dieses unangenehme Gefühl. Es war extrem unangenehm.“

„Sehr interessant. Haben Sie noch etwas erlebt?“

„Ich erlebe die komischsten Sachen immer nur nachts. Einmal bin ich vom Telefon wachgeworden. Als ich ranging, rauschte es nur. Ich kenne sowas auch aus Horrorgeschichten und war deswegen umso ängstlicher. Besonders, als das Telefon paar Minuten danach nochmal klingelte, und ich wieder nur dieses Rauschen hörte. Am nächsten Tag hab ich das Telefon dann abgebaut, weil ich es sowieso nicht nutzte und ich so etwas nicht nochmal erleben wollte. Ich fand das schon echt gruselig. Und ich dachte, dass ich vielleicht irgendwas anziehe oder so..Wenn man Angst hat, zieht man verstärkt die Dinge an, vor denen man Angst hat. Und das hat mich nachdenklich gemacht.“

„Sind Ihnen noch andere Dinge passiert?“

„Nein, das waren die beiden Sachen, die mich bis jetzt beunruhigt haben.“

„Was denken Sie, was Sie verpassen, wenn Sie alleine sind?“

„Schwierige Frage. Das Leben der anderen wahrscheinlich.“

„Und was ist mit Ihrem Leben?“

„Manchmal denke ich, dass ich kein Leben hab..oder nicht richtig am Leben bin..irgendwas dazwischen. Also ich fühle mich oft nicht. Nicht als ich. Ich spüre mich nicht.“

„Was macht Ihre Persönlichkeit aus?“

„Ich weiß es nicht. Ich weiß manchmal nicht, wer ich bin oder was ich soll. Oder zu was oder wem ich gehöre. Ich weiß nicht, was mir wirklich wichtig ist.“

„Was ist an anderen Menschen anders?“

„Dass sie ein Leben haben, das anders ist als meins.“

„Und was haben Sie? Haben Sie denn etwa kein Leben?“

„Doch wahrscheinlich schon, sonst würde ich nicht hier sitzen. Aber ich spüre mein Leben nicht, wenn ich alleine zu Hause bin.“

„Wie fühlt es sich an, wenn Sie alleine sind?“

„Leer und unruhig. Herzrasen, oft begleitet mit Fieber. Ich hasse es, wenn ich Freizeit hab. Gerade jetzt im Winter.“

„So, wie ich Sie kenne, haben Sie aber gar nicht viel Freizeit. In Ihrem Lebenslauf steht, dass Sie 3 Jobs haben, darunter einen Vollzeitjob, der Sie ziemlich ausfüllt. Andere Leute würden schon längst an Burnout leiden. Und Sie? Für Sie ist all das immer noch nicht genug?“

„Ja, das stimmt. Aber das alles reicht nicht. Ich habe trotzdem noch genug Freizeit, um nicht zu leben und um mich tot zu fühlen. Ich mache immer noch nicht genug, obwohl ich schon viel erreicht hab. Mehr als andere. Aber..wie gesagt..ich spüre sowas nicht wirklich. Es ist mir nicht richtig bewusst.“

„Wie fühlt sich tot an?“

„Freudlos und unglücklich. Völlige Leere, ..dunkel.“

„Warum denken Sie, dass andere Menschen leben und Sie nicht?“

„Weil die anders sind.“

„Was ist an anderen Menschen anders, als bei Ihnen?“

„Dass sie wissen, wer sie sind und Dinge unternehmen, die mir nichts bedeuten,..oder mich nicht wirklich glücklich machen, obwohl sie das sollten. Die leben ihr Leben, haben Spaß und ich weiß nicht, welches Leben ich lebe. Oder wo es mich hinzieht.“

„Wann haben Sie das letzte Mal etwas mit Freunden unternommen?“

„Vor paar Tagen, wir waren was trinken und haben lange zusammengesessen. Alle haben sich für den schönen Abend bedankt und ich dachte nur: Warum? Letztendlich ist doch eh wieder jeder alleine und für sich. Ich fand den Abend jetzt nicht so besonders toll, weil danach meist alles wieder egal ist. Und jeder seinen Weg geht.“

„Das ist normal. Jeder geht seinen Weg und Sie tun das genauso, wie jeder andere auch. Und ich denke, dass gerade Sie dafür von anderen bewundert werden. Ich kenne und begleite Sie schon eine Weile, vergessen Sie das nicht.“

Natürlich bin ich in dem Moment den Tränen nahe. Gerade, weil ich seine Worte eben NICHT verstehe. Ich verstehe ihn nicht.

„Sie wissen also, wer ich bin“, sage ich fast trotzig. „Sie kennen mich also besser, als ich mich, oder wie..?!“

„Ja, und anscheinend sehe ich in Ihnen viel mehr, als Sie in sich sehen. Ich kann Ihnen nur sagen, dass es gar keinen Grund für Ihre Zweifel gibt.“

„Schön, dass Sie mich sehen. Aber ich sehe mich nicht.“

„Ja, und das ist das Problem. Sie sollten offen dafür sein, sich selbst kennenzulernen und herauszufinden, wer Sie sind und was Sie wollen. Ein anderer wird Ihnen dabei kaum helfen können. Und all die Leute um Sie herum dienen als Spiegel. Das kann hilfreich sein. Aber Sie müssen Ihren eigenen Weg finden. Kopieren bringt nichts und den Idealen anderer nachzueifern, auch nicht.“

„Letzte Nacht dachte ich verzweifelt daran, dass ich tot sein will, damit das alles endlich zu Ende ist. Mir wäre es lieber, wenn ich bei dem Unfall vor paar Wochen, gestorben wäre. Stattdessen war ich wieder ziemlich schnell fit, obwohl andere Leute danach länger gebraucht hätten. Mir ging es körperlich schnell wieder gut. Das war seltsam.“

„Sehen Sie, allein das zeigt schon, dass es für Sie noch nicht so weit ist und Sie noch Aufgaben haben, die nur für Sie sind und die Sie erledigen sollten, bevor sie wirklich sterben.“

„Ich will aber tot sein. Egal, wie toll ich und wichtig ich für andere sein sollte, was ich sowieso nicht verstehe. Ich bin nicht toll. Ich gehöre hier nicht mehr hin. Ich kann mich über nichts mehr freuen. Früher hab ich mich über neue Klamotten gefreut und heute kann ich mich vor Klamotten nicht mehr retten, weil ich mit meiner Shoppingssucht andere Lücken ausfülle. Was eigentlich totaler Quatsch ist. Aber eine Sucht ersetzt ja immer irgendeinen Mangel.“

„Welchen Mangel versuchen Sie denn zu ersetzen?“

„Ich weiß nicht, welchen…Ich hab es bisher nicht richtig rausgefunden. Ich weiß nur, dass ich alles hab und mir nichts fehlt. Ich kann mir alles kaufen, materiell. Aber alles kann man nicht kaufen. Nicht alles..und die Dinge, die ich nicht kaufen kann, ersetze ich wahrscheinlich mit meinem Konsum.“

„Gibt es Tage, an denen Sie Fressanfälle haben?“

Wie kommt er denn jetzt wieder auf das Thema zurück?

„Nein, eigentlich nicht. Und wenn, dann nur selten oder wenn ich meine Tage kriege.“

Er lacht kurz auf, vielleicht kennt er das von zu Hause.

„Wissen Sie vielleicht jetzt, um was für einen Mangel es geht?“

„Naja, den Mangel an Essen versuche ich jedenfalls nicht zu übershoppen. Das ist ja ein Mangel, den ich will.“

„Ich nehme an, Sie wohnen immer noch alleine, ohne Partner, oder?“

„Ja, daran hat sich nichts geändert.“

Blöde Frage. Ich hasse ihn dafür. Lasse mir aber nichts anmerken.

„Empfinden Sie das als Mangel? Also das Single-Sein?“

„Nein, irgendwie ist es auch nicht das. Wenn ich einen Freund hätte, würde es mir innerlich auch nicht viel anders gehen. Früher hatte ich mich ja auch nur gestritten und immer für neuen Zündstoff gesorgt, soweit ich mich dran erinnere. Irgendwas war immer. Ich war nie wirklich zufrieden. Aber das war auch keine echte Beziehung.“

„Kann es nicht sein, dass die Unzufriedenheit Ihr Mangel ist?“

„Keine Ahnung,..es ist komisch. Da es ja nie einen Grund gab, unzufrieden zu sein. Ich hatte ja immer alles, schon als Kind. Ich wurde ziemlich verwöhnt, stand immer an erster Stelle und alles lief nach mir. Aber es gab auch andere Situationen. Wo ich ignoriert und verletzt wurde. Oder wo ich Angst hatte. Es war alles immer sehr sehr zwiespältig. Sicher fühlte ich mich nie. Eher wie in so einem Krimi. Also ich hatte alles, aber das Emotionale bekam ich nie. Nicht mal eine Umarmung. Diese normalen Kleinigkeiten fehlten. Und viel Streit und andere Unstimmigkeiten zwischen meinem Papa und mir. Ich hab ihn wirklich oft gehasst und seine Worte haben sich in mir eingebrannt.“

„Das sind typische Ursachen für Ihr Krankheitsbild, das wissen Sie. Oder?“

„Ja,..schon.“

„Sie sollten wissen, dass Sie daran keine Schuld haben und Ihr Gefühlsleben eigentlich nur Ihre Erfahrungen widerspiegelt. Sie kennen es ja nicht anders, wenn Sie in so einem Zwiespalt aufgewachsen sind, der noch weitaus tiefer geht, wenn ich an unsere vorigen Gespräche denke. Aber wichtig ist nicht die Vergangenheit, sondern das Jetzt. Wichtig ist, was Sie jetzt daraus machen. Ihre Vergangenheit ist sozusagen Ihr Mangel. Aber die Vergangenheit ist nicht mehr real.“

„Ein Mangel an Liebe.“

„Sie müssen sich die Liebe selbst geben, ganz einfach. Wenn Sie das nicht selbst können, kann das auch kein anderer. Und schon gar nicht Klamotten. Die können diese Lücke auch nicht füllen. Sie täuschen nur. Und wenn Sie selbst meinen, dass es Sie nicht besonders glücklich macht…“

„Nein, meist ziehe ich sie noch nicht mal an. Alles stapelt sich im Schlafzimmer. Andere wären froh darüber und für mich ist es nur ein Zeichen von Einsamkeit.“

„Einsamkeit haben Sie bisher aber noch nicht angesprochen. Sie meinten jedes Mal, Sie fühlen sich nicht einsam.“

„Nein, ..doch..naja, nicht wirklich eigentlich. Wenn ich verabredet bin, geht es mir meist auch nicht viel besser und dann kann man das auch als einsam bezeichnen. Man sagt ja oft genug, man wäre zu zweit einsam. Aber es gab seltene Ausnahmen und ich wusste nicht, wie die Leute es geschafft haben, so etwas wie Glück in mir auszulösen, wenn ich mit ihnen zusammen war. Das waren halt Blitzlichter. Einmalige kurze Momente, die auch länger hätten anhalten können.“

„Und dann unternehmen Sie alles, damit es nicht aufhört, stimmt’s?“

„Ja, natürlich. Das ist normal. Weil mir das zeigt, wer oder was mir wichtig ist.“

„Und davon sind Sie überzeugt? Das sind auch nur Menschen, wie Sie und ich. Vielleicht sind sie sogar langweiliger, als Sie denken. Haben Sie daran schon mal gedacht?“

„Nein, die sind nicht langweilig. Sonst würde ich sie nicht mögen.“

„Was überzeugt Sie so davon? Kennen Sie die Leute persönlich oder ist das vielleicht nur ein Wunschgedanke?“

„Ich weiß es einfach. Ich kann mein Gefühl dafür nicht erklären. Es ist nunmal so und ich bin mir sicher, dass ich recht hab mit meiner Vermutung. Ich bin schließlich nicht dumm.“

Er lächelt.

„Das sind Sie tatsächlich nicht. Aber teilweise sind Ihre Aussagen schon sehr naiv. Sie denken, dass die Leute so sind, wie Sie es gerne hätten. Das ist Quatsch. Meist sind sie anders und ich bin mir sicher, dass Sie bald umso mehr enttäuscht wären, je näher Sie bestimmte Personen kennenlernen. Die sind schließlich normaler als Sie denken. Wären Sie dann noch interessant für Sie?“

„Ja klar, wenn ich jemanden toll finde, dann finde ich ihn toll. Dann sind mir auch die schlechten Seiten egal. Egal, was. Derjenige bleibt toll.“

„Und was ist, wenn derjenige nachher gar nicht so toll ist und viel mehr negative Seiten hat, als positive? Wären Sie dann noch beeindruckt oder würden Sie es sich einreden? Sie wollen die Wahrheit doch gar nicht wissen. Glauben Sie mir, Sie wären enttäuscht!“

Versucht er mich die ganze Zeit zu provozieren? Ich weiß gar nicht mehr, was ich sagen soll. Es fängt wieder leicht an, in mir zu kochen.

„Wollen Sie mich damit zum Nachdenken anregen oder wollen Sie sehen, wie schnell ich wütend werde und ausraste?“

„Nein, ich will Ihnen sagen, dass vieles nur Illusion ist. Jeder Mensch wird damit täglich konfrontiert und die meisten merken es nicht. Schauen Sie sich doch nur die Medien an. Was denken Sie, welcher Bruchteil davon am Ende wahr ist?“

„Das weiß ich. Aber wir reden hier grad nicht von Medien und TV.“

„Ich wollte damit sagen, dass Menschen auch Illusion sind. Sie denken oft an das Leben anderer. Was soll an deren Leben besser sein, als an Ihrem Leben? Da fängt die Illusion doch schon an!“

„Ich frag mich halt immer, was andere Leute privat so machen und ob die glücklich sind.“

„Wichtig ist doch, was Sie privat machen und ob Sie glücklich sind. Oder in Ihrem Fall..kümmern Sie sich selber darum, wie Sie glücklich werden. Alle anderen spielen doch dabei überhaupt keine Rolle. Man kann doch nicht alle Leben miteinander verknüpfen, obwohl letztendlich natürlich alles Eins ist auf der Welt und alles zusammengehört..und verbunden ist, wenn Sie der Gedanke beruhigt.“

„Ja, das sind alles Sachen, die ich weiß. Es fällt mir nur alles so schwer. Es fällt schwer, mich zu finden. Immer, wenn ich denke, alles ist gut, ist einige Stunden später wieder alles kaputt. Es wechselt immer so stark hin und her.“

„Ja, das sind Ihre Stimmungsschwankungen. Aber die werden wahrscheinlich immer präsent sein. Sie müssen versuchen, damit umzugehen und sich nicht unterkriegen zu lassen. Stabil bleiben, egal, was kommt. Sie sind nicht Ihre Stimmungen. Tauchen Sie mal tiefer in Ihre Seele, dann werden Sie sehr viel mehr finden.“

„Das ist schwierig, weil auch das mich fertig macht. Diese Schwankungen sind meist stärker als ich. Und Seele..ja, blah blah,..das ist alles nicht so einfach, wie gesagt.“

„Und warum denken Sie denn, dass Sie tot sind, wenn Sie so oft mit solch lebendigen Emotionen konfrontiert werden, die Sie so aufwühlen?“

„Weil mein inneres Gefühl trotzdem stumpf ist, nachdem ich mich so abgekämpft hab.“

„Das ist normal, wenn man erschöpft ist. Haben Sie Probleme, morgens aus dem Bett zu kommen?“

„Ja, aber ich bin generell kein Frühaufsteher. Außer, wenn ich um vier aufstehe, wenn ich zur Arbeit muss. Dann geht es irgendwie. Das ist auch was anderes.“

„Wie viel Stunden Schlaf brauchen Sie im Durchschnitt?“

„9-10 Stunden.“

„Und sind Sie danach fit?“

„Unterschiedlich, kommt auf die Jahreszeit an.“

„Denken Sie, dass es Ihnen im Winter psychisch schlechter geht, als im Sommer?“

„Ja, auf jeden Fall, obwohl ich den Herbst und Winter am liebsten mag.“

Der Arzt runzelt die Stirn.

„Sie wirken sehr ambivalent, besonders im Unterton. Sie wissen das wahrscheinlich, oder?“

„Ich weiß es nicht nur, ich fühle es permanent. Und ich hasse es.“

„Ja, Sie sind zwiegespalten. Und dennoch sehr festgelegt, was manche Dinge betrifft, sodass Sie sich nicht von anderen Meinungen überzeugen lassen. Das ist schwierig. Wenig Einsicht. Wie soll man da helfen? Sagen Sie es mir?“

„Sie sind der Arzt. Ich kann Ihnen nicht sagen, wie Sie mit mir umgehen müssen, damit es mir besser geht. Ich kann Ihnen nicht sagen, wie Sie mir helfen sollen. Versuchen Sie es einfach.“

„Es wird Ihnen erst dann besser gehen, wenn Sie sich selbst verstehen und sich dann selbst helfen können.“

„Ich verstehe mich seit 20 Jahren nicht.“

„Ich weiß. Und deswegen führen wir fast immer wieder dieselben Gespräche, merken Sie das?“

„Nein, für mich ist es jedes Mal wieder ein Anfang, überhaupt hier her zu kommen, wenn ich mich komisch fühle. Ich muss mich eigentlich jedes Mal überwinden, um mit Ihnen zu reden. Und dann können Sie mir nicht helfen?“

„Nein. Sie erzählen mir seit Jahren das Gleiche und zeigen keine Fortschritte. Die Therapie haben Sie abgelehnt, weil die nicht Ihrem Interesse entsprach. Essen tun Sie weiterhin nicht, trotz Ernährungsberatung. Die Bücher, die ich Ihnen gab, haben Sie gelesen, aber deren Inhalt nicht verstanden. Jedes Mal gebe ich Ihnen den Rat, sich selbst zu finden und jedes Mal fragen Sie mich, wer Sie eigentlich sind und was der Sinn Ihres Lebens ist. Obwohl Sie, meiner Ansicht nach, wirklich glücklich sein müssten mit Ihrem Leben. Sie haben alles, nur Sie sind zu blind, um es zu sehen. Das tut mir Leid dafür. Nutzen Sie die Chancen, die Ihnen einfach so zufliegen und freuen Sie sich endlich darüber. Nehmen Sie sie wahr. Andere Leute wären froh darüber, so ein Leben zu führen. Aber dauernd sind andere Menschen wichtiger, als Sie. Noch einmal: Fangen Sie endlich bei sich an. Ich würde mich über Ihre Fortschritte wirklich freuen. Zeigen Sie mir, wer Sie sind! Erst dann möchte ich Sie wiedersehen. Alles andere bringt nichts.“

Ich fange an zu weinen. Das ist mir alles echt zu viel. Ich kann gar nicht glauben, dass wir seit Jahren über die gleichen Sachen reden. Das kann nicht wahr sein. Ich stehe vom Stuhl auf und sage auch nichts weiter dazu. Was soll ich noch sagen?

Er reicht mir die Hand verabschiedet sich und ich schaue ihm dabei nur flüchtig in die Augen. Sein Blick ist tatsächlich wohlwollend, und nicht gemein oder gehässig oder gleichgültig. Er meint es gut mit mir. Nur ich kann es nicht erwidern, weil ich wieder am Anfang stehe. Mit mir.

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fuck mind.

Was gerade in mir vorgeht? – selbstverständlich alles!

Mein Körper denkt, dass er momentan ein Kind kriegt. Er hat den ganzen Tag Hunger und zwingt mich dazu, Dinge zu essen, die ich sonst nur selten esse. Warum habe ich plötzlich Appetit auf Rotkohl und Muscheln in CurrySauce? Sobald ich zu Hause bin, sind diese Gelüste wieder verflogen und ich esse nur Miniportionen, weil ich Essen nicht leiden kann. Manchmal würde ich Nahrung sogar als meinen Feind bezeichnen, weil sie nicht zu mir gehört. Aber meist schleicht sich dann irgendwo eine kleine gutmütige Balance ein und flüstert mir zu, dass Essen gesund ist und ein Apfel nicht so viel schadet, wie gar keiner. 

Ich habe Hitzewallungen, enorm viel Energie und warme Marmeladenflecken in der Hose. Mein Körper trifft also Vorbereitungen, auf eine Umstellung, die in den nächsten Monaten überhaupt nicht stattfinden wird. Außerdem hat er ständig Lust auf Sex und bringt mich dazu, in fast jeder Situation anzüglich zu werden. Ich gucke jedem alten Typen, der offensichtlich vergeben ist, hinterher und lächele ihn leicht an. Mir egal, was er denkt. Auch wenn ich gar nichts von ihm will, weil er eigentlich gar nicht mein Typ ist, äußerlich und innerlich definitiv sowieso nicht. Das bringt nicht jeder, mir zu gefallen. Und trotzdem lasse ich es gerne drauf ankommen. Flirten, ohne etwas vom anderen zu wollen. Einfach um zu sehen, was passiert und ob was zurückkommt. Meist ist es spannend. Erst gucken die Männer weg und dann beobachte ich, wie sie aus der Ferne nonverbal doch Kontakt aufnehmen. Dann habe ich gewonnen und sie verloren. Es ist ein interessantes Spiel und umso besser, wenn die Freundin es mitkriegt, was meist der Fall ist. Es tut mir nicht Leid, wenn ich mit meinen Reizen spiele und Männer schwach werden. 

Aber eigentlich ist mir das gerade alles ziemlich egal, weil ich mich eher frage, warum mein Körper so doof herumspinnt und mir falsche Fakten vorgaukelt. Wenn es wieder so ein (Hormon)Schub ist, dann hasse ich ihn. Es ist nicht schön, gleichzeitig östrogen- & testosterongesteuert zu sein. Oder vielleicht bin das einfach nur ich, denn ehrlich nachgedacht kenne ich mich kaum anders, nur an manchen Tagen fällt es mir besonders auf, weil es dann stärker zum Vorschein kommt. Es sind Schwankungen, aber keine Stimmungsschwankungen, sondern etwas anderes. Etwas, das viel tiefgründiger ist. Aber ich weiß nicht, was. Wahrscheinlich ruhen latente Erziehungsfehler in mir, die meinen ganzen Charakter krank gemacht haben. 
Wenn ich vom jetzigen Wochenende rede, ist alles total super und total komisch,… wie immer. Nur dass meine Hormone – oder was auch immer – gerade stark durchdrehen, verstört mich ziemlich. Ständig geil durch die Gegend laufen, macht nicht jeden Tag Spaß, sondern strengt an. Man spürt eine gewisse Unruhe, die mit diesem einen Wort noch nicht einmal verständlich beschrieben ist. Es ist mehr, als innere Unruhe. Irgendwann fühlt man sich erschöpft und hat im gleichen Moment wieder extrem Lust auf Sex. 

Vielleicht befinde ich mich gerade in einer manischen Fake-Schwangerschaftsepisode und ich weiß nicht, ob ich wirklich will, dass es wieder aufhört. Weil es eigentlich auch toll ist, nicht besonders prüde zu sein und mein Körper sexuellen Bereitschaftsdienst leistet. Permanent. Vor allem weil ich nicht jede Frau bin,..sondern anders bin, als die Mehrheit. Und das macht mich wiederum glücklich. 

Letzte Nacht hatte ich Nachtschicht. Arbeit ist meist eine gute Ablenkung, wenn man nass zwischen den Beinen ist. Wenn ich nur nicht ständig die Angst hätte, dass meine Marmelade unbemerkt durch die weiße Baumwollhose sickert, wenn ich zwei Stunden damit beschäftigt bin, im Sitzen Tabletten zu stellen und zu konzentriert bin, um aufs Klo zu wollen. Die Lage im Schritt checke ich meistens erst, wenn ich Feierabend habe. Dann merke ich erst, wie knapp es war, untenrum aufzufliegen.

Eigentlich wollte ich heute Abend nach dem Kino eine ganze Flasche Sekt trinken, um mich mal wieder etwas anders zu fühlen. Vielleicht ist Sekt gut gegen undefinierbare Unruhezustände. Am besten noch mit 100mg Stangyl dazu. Ich glaube, das würde mich komplett runterbringen von meinem überhöhten Energieniveau. Aber auf solche Ideen komme ich erst gar nicht, weil schon eine Tablette ohne Sekt reicht, um mich für zwei Tage lahmzulegen. Nie wieder. Ich fühlte mich wie blaue Zuckerwatte mit Salz und Pfeffer. Und obendrein rief die Chefin an, um mich spontan zwei Stunden früher in den Dienst zu holen, weil jemand krank wurde. Oh happy day.

Worüber ich mich heute sehr freute war die Freikarte im Kino und dass die Ralph Lauren Strickhandschuhe tatsächlich touchscreenkompatibel sind. Endlich mal Handschuhe die sich mit Technik verstehen. 
Was ich nun mit der restlichen Nacht anfange, ist noch fraglich. Vielleicht mache ich ja doch die Flasche Sekt auf, ohne sie gleich auszutrinken. Ein Glas könnte zumindest nicht schaden und wenn ich gut bin, kümmere ich mich anschließend noch um meine Studienaufgabe, auf die ich diesmal überhaupt nicht stehe: Kinderkrimi. Ein weiches Thema für infantile Erwachsene. Was wäre, wenn ich eine Runde im Dark Web surfe….? Das würde meinen neugierigen Geist mit kriminellen Ideen für eine gelungene Story bereichern.

Manche Hunde…

…so wie dieser. Er sitzt treu neben dir, beobachtet dich interessiert während du isst. All das mit einer Zunge, die viel zu lang ist für sein Maul. Er liebt es, wenn man sein Fell + Speckröllchen im Nacken grob rubbelt und japst nach Luft. Leider.

Ich war sofort verliebt ❤️ Ohne mich gerade an seinen Namen zu erinnern. That’s love. 

Flucht ins Kino 


Welch seltsamer, emotional belastender Tag, der nun endlich zu Ende ist.
Wobei ich mich vor einem Jahr noch auf dem Rückweg nach Hause befand, mit Anflügen von Übelkeit im Zug. Ich erinnere mich gerade genau, wie der Apfelsaft-Gin mir dort fast zum Verhängnis wurde, ich mich jedoch beherrschen konnte, indem ich mich auf die Musik aus meinen Ohrstöpseln konzentrierte. Danach machte ich mitten in der Nacht einen Spaziergang vom Bahnhof nach Hause, da keine Straßenbahn mehr fuhr. Somit hatte ich auch gleich genug frische Luft. War ein gutes Mittel gegen die Übelkeit, die zu Hause ihren Ausbruch im Klo fand. Schönes Treffen, schöne Nacht. Herrlich. Da war noch alles in Ordnung.

Ich zelebrierte diesen gestrigen besonderen Samstag tatsächlich melancholisch im Bett, mit einer Duftkerze und im abgedunkelten Zimmer. Die Sonne schien sowieso nicht. Umso dunkler war es mit heruntergelassenem Rollo. Ich schwelgte in Gedanken und Erinnerungen. Viel zu viel. Und zugleich spürte ich diese gewisse Leere, die mich permanent erfüllt. Widersprüche gehören zu meinem Leben eben dazu, das ist meine Normalität. Ich wünschte, meine Gefühle wären insgesamt nicht so extrem, sondern auch normaler. Aber dann wäre ich vielleicht eine Langweilerin, was ich auch sehr ätzend fände. Langweilig mag ich nicht, war nie mein Ding.
Zwischendurch ging ich kurz shoppen, las drei kleine Kapitel eines spannenden Buches und zappte durch meinen iPod. Auch Lieblingssongs übersprang ich. Innerlich völlig unruhig und aufgewühlt. Ich fand in keiner Tätigkeit Ruhe, nicht einmal beim Mandala ausmalen. Nichts konnte mich gedanklich ablenken und nichts machte richtig Spaß, sondern endete in Zerfahrenheit. Schaute nur auf die Uhr und sah die Szenen des vergangenen Jahres. Wie krank sich das anhört,..oder? Ich klinge wie eine ewig verheiratete Witwe. Oder nach einer Frau, die nach zehn Jahren Beziehung wieder Single ist. Dabei handelt es sich in meinem Fall nur um ein dreistündiges Treffen. Kein Anlass für all diese dramatische Trauer. Und dennoch geht es mir so bescheuert. Vielleicht bin ich jetzt auch durch mit dem Thema, da ich schon dabei bin, mein unsinniges Verknalltsein hier in der Öffentlichkeit ins Lächerliche zu ziehen und es mir dadurch umso bewusster wird, wie dämlich es eigentlich ist. Aber es hat mich leider erwischt. Man erlebt ja auch mal krankhafte Episoden im Leben. Eigentlich eher auf Depressionen bezogen, aber bei mir nennt sich das anders. Emotional instabil…
Abends ging ich ins Kino. Alleine. Ich wusste, dass das die beste Idee ist, um anderen Input zu bekommen. Alleine in Gesellschaft fremder Mensche, zusammen in einem gemütlichen Kino ist immer eine gute Wahl. Kino ist mein zweites Wohnzimmer. Neben mir saß niemand und ich fühlte mich, bis auf das vereinzelte Popcorngeraschel, gut und ungestört. Der Gruselfilm lenkte mich komplett ab, obwohl er gar nicht so toll war. Aber es reichte und es war besser für mich, den Abend nicht alleine zu Hause zu verbringen. Sonst hätte ich diesen nur stumm im Bett verbracht und hätte wieder teilnahmslos die Decke angestarrt. Ich musste unbedingt herauskommen aus diesem Stumpfsinn. Gegen 23 Uhr kam ich nach Hause und war froh, als dieser schräge Tag fast vorbei war. Die letzte Stunde verbrachte ich mit Nachrichten schreiben..an Freunde, bei denen ich mich lange nicht mehr gemeldet habe. Mal wieder mit der Hoffnung auf Ablenkung. Mir war egal, was sie schrieben. Hauptsache, ich fühlte mich in dieser Stunde nicht so einsam. Was tut man nicht alles aus Verzweiflung. Shit. 
Ich hoffe, dass es mir bald besser geht und ich mich privat emotional wieder positiv verändere. Immer wieder rede ich mir ein, dass es keinen Grund gibt, traurig zu sein und dass alles gut so ist, wie es ist und dass andere tolle Männer auf mich warten. Es muss nur einfach mal richtig in meinem Hirn ankommen. Und in meinem Herzen. 

August, 1 Jahr später


Diese Seite verstummt, ich weiß. Eigentlich gibt es viel zu sagen, würde ich mich nicht so verdammt gelähmt fühlen. Innerlich. Alles ist lahm geworden, dabei passiert in meinem Leben so viel. So viel Aufregendes. Neuer Job, neue Figur, neues Aussehen – all sowas. Dinge, über die man sich freuen kann und die für viele Menschen erstrebenswert sind. Ich habe so vieles erreicht. Und dennoch: Richtig gut geht es mir seit einem Jahr nicht mehr. 
Eigentlich gibt es für diese starke Melancholie, die ich spüre, gar keinen Grund, weil eigentlich alles nahezu perfekt ist. Ich müsste also glücklich und fröhlich sein, den ganzen Tag lächeln…
Der Knackpunkt ist eigentlich. Eigentlich, eigentlich, eigentlich. Wie soll ich etwas erklären, für das es eigentlich keine vernünftige Erklärung gibt. Unvernünftig ist der passendste Ausdruck für mein Verhalten. Naiv, gar kindisch. Irgendwie. Etwas stimmt einfach nicht und dieser ewige Kreislauf nimmt kein Ende, weil das Erlebnis vom vergangenen Sommer so sehr an mir haftet. Es klebt an mir und ich kann mich nicht davon befreien. Dabei ist es so schädlich, an der Vergangenheit zu kleben. Weil sie nicht mehr aktuell ist und sich Dinge nicht mehr rückgängig machen lassen. 

Was zurückbleibt ist Zerstreuung. Ich versuche mich jeden Zag zu ordnen, aber bis jetzt habe ich es an keinem Tag geschafft. Zumindest nie so, wie es sein sollte. Ich sollte in der Gegenwart leben und nicht jeden Abend in diese Traurigkeit und Sehnsucht abdriften. So gut ich mich jeden Tag auch ablenke, es funktioniert niemals vollständig. Die Wehmut findet immer zurück zu mir. Dann liege ich im Bett, starre minutenlang Gegenstände an und verschwinde in der Verlorenheit. Das passiert mir immer häufiger, dass ich einfach nur daliege und gar nichts tue. Oder morgens schlecht aus dem Bett komme und immer wieder die Decke über den Kopf ziehe, um im Dunkeln zu liegen. Oder die Rollos den ganzen Tag unten zu lassen, weil mir die Dunkelheit mehr zusagt und mein Innerstes widerspiegelt. Ich fühle mich wohl im Dunkeln. Vor einem Jahr war das noch anders. Da war ich energiegeladener und nicht so komisch drauf, wie jetzt. Mein jetziger Zustand beschreibt eher den Rückzug, der von der völligen Isolation trotzdem noch weit genug entfernt ist, denke ich.

Heute, vor genau einem Jahr hatte ich dieses Treffen, das mich emotional so sehr veränderte, dass ich mich kaum noch mit früher vergleichen kann. Manche Erlebnisse sind einfach einschneidend, auch wenn es übertrieben scheint, zu behaupten, dass man sich sofort in jemanden ‚verlieben‘ kann. Aber irgendwie kann man es. Obwohl es mehr als absurd klingt. Ich weiß…
Dabei ging das Treffen nur knapp drei Stunden und ich wurde danach aus ‚geschäftlichen‘ Gründen nach Hause geschickt. Ich wurde sogar fast vor die Straße gesetzt, ohne zu wissen, ob ich mit dem Zug noch um die Zeit nach Hause komme. Aber er war so nett und fuhr mich dann doch noch zum Bahnhof, nachdem ich mich so hilflos und weinerlich verhielt. Klingt also nicht gerade nach einem Super-Date. Genau das ist eben das Absurde daran. Eigentlich hat nichts weiter stattgefunden als: Abholen/Bahnhof/Spaziergang – Erzählen/Gin/Blickkontakt – Verabschieden/Vespa/Bahnhof. Jeder Part davon dauerte aufgeteilt also jeweils eine Stunde. Und der Blickkontakt hat es mir am meisten angetan. 

Alles so banal, und doch so wahnsinnig gravierend für mich. Weil er mich so verdammt anzog, mit allem. Seiner Persönlichkeit, seinem Aussehen, seinem Charakter.. Und dass, obwohl ich ihn so gut wie gar nicht kannte, sondern nur erahnen konnte, wie er wohl wäre,..mit all meiner Menschenkenntnis war ich der Annahme, mir von vornherein ein exaktes Bild von ihm machen zu können. Welch dummer Gedanke,..eigentlich.
Es klingt alles so schwachsinnig, obwohl ich meine Gefühle und Gedanken damit nicht verleugnen möchte. Weil sie immer noch so präsent sind, wie damals. Meine Gefühle sind immer noch da, trotz all der Umstände. 

Klar fand ich es nicht toll, als ich nach drei Stunden spontan nach Hause geschickt wurde, trotz seines tollen Gästezimmers. Aber es hatte nichts mit mir zu tun, sondern mit einem Meeting, das sich ziemlich rasch via PC aufdrängelte. Wie auch immer..Vielleicht gab es im Nachhinein doch ganz andere Gründe. Wahrscheinlich war er auch zu dem Zeitpunkt schon in einer Beziehung. Ich habe keine Ahnung. Immerhin sagte er später oft genug, er sei vieles nicht wert. Schon gar nicht, dass ich ihn mag und ihn so begehre. Entweder litt er an falscher Bescheidenheit oder weil er wusste, dass er gerne mal Frauen betrügt. Ich wüsste gerne, was damals genau passierte. Eigentlich wüsste ich am liebsten noch viel mehr über ihn. Ich hätte ich so gerne kennengelernt, insgesamt. 
Heute vor einem Jahr war noch alles in Ordnung. Ein gewöhnlicher Samstagvormittag mit meinen Lieblings-TV-Serien und einer gewaltigen Portion Aufregung. Nebenbei texteten wir miteinander und erzählten davon, was wir alles miteinander vorhatten an diesem Abend. 
Alles war super und klang eindeutig nach Happy End. Etwas anderes wäre undenkbar gewesen, da alles zwischen uns perfekt war. 

Heute weiß ich, dass es perfekt nicht mehr gibt. Er war perfekt. Aber seit ungefähr zwei Monaten brach er den Kontakt ab, da er meine seltsamen Liebeserklärungen und mein bettelndes Verhalten nicht mehr länger ertrug. Verständlich. Warum habe ich mich nicht endlich mal zusammen gerissen? Er ist schließlich in einer Beziehung und scheint diese Frau mehr zu mögen, als mich. Denn wäre es anders, hätte er sich für mich entschieden. Dieser Fakt schmerzt. Seit zwei Monaten wohne ich auf seiner Blockierliste, da ich es einfach nicht verstehen wollte, dass er jeglichen Kontakt zu mir ablehnte. Da es nicht gut für ihn war und für mich sowieso nicht. Leider wollte ich nichts davon verstehen. Ich lebte immer noch in der Überzeugung, ihn umstimmen zu können. 

Es schmerzt. Kein Kontakt mehr, keine Möglichkeiten, kein Wiedersehen. Nie mehr. Dabei versprach er mir, dass wir uns im August wiedersehen. Ein Jahr später, ganz unverbindlich. Kaffee trinken, ganz kurz. Hauptsache, wir sehen uns. Aber daraus wurde nichts und meine Traurigkeit wuchs dadurch umso mehr. Wie sehr hatte ich mich auf dieses Treffen gefreut…jeder einzelne Moment hätte für mich gezählt und mich glücklich gemacht. Jede Sekunde ist wertvoll.
Seitdem herrscht in mir Leere, emotionale Leere. Diesen Abbruch verkrafte ich nicht. Ich spüre genau, dass er mir extrem fehlt. Mir fehlt diese eigentlich fremde Person, die immer zu mir sagte, er wäre eine Projektion. So etwas, wie ein Fantasiegebilde. Vielleicht war er das auch, und dennoch kann ich ihm nicht zustimmen. Für mich war er mehr. Manche Männer muss man nicht kennen, um zu wissen, dass sie die richtigen sind. Man weiß es einfach aus dem Herzen. 

Diese Story hört sich nach einem einzigen Chaos an. Und ja, es gibt tatsächlich kaum Worte und eine Erklärung dazu. Für mich ist es auch Chaos. Diese Story ist einfach nur Gefühl und beinhaltet diese starke unerfüllte Sehnsucht, die vielleicht niemand mehr stillen kann. Es ist schwer. 
Dieses Treffen spielt sich in meinem Kopf jedes Mal wie ein Film ab. Gerade heute. Ich erinnere mich genau daran, was ich wann getan habe, wann ich wann wo war… Dieser ganze Tag ist komplett in mir abgespeichert, mit all seinen Szenen und Wort- und Gedankenfetzen. Ich habe nur Schnipsel im Kopf. Auch der damalige Chat schläft auf meinem Handy. Alles ist so frisch, obwohl es schon ein Jahr her ist und ich frage mich, ob ich jemals aus dieser Endlosschleife flüchten kann, wenn ich doch so sehr an ihm hänge. Obwohl es überhaupt gar nichts bringt. Aber diesen Gedanken verdränge ich… 

Das Gespräch

Lieber bisschen drunter, als bisschen drüber.

Heute war ein sehr wichtiger Tag und ich war zum ersten Mal seit langer Zeit extrem aufgeregt. Zum Glück konnte ich in der Nacht gut schlafen, nachdem ich mich eingehend im Netz über Vorstellungsgespräche und deren Tücken informierte.

Meine letzte große Aufregung ist inzwischen über ein halbes Jahr her, als ich das ‚beste Date‘ meines Lebens hatte. Eigentlich mehr imaginär, als echt…und eine angebliche Projektion. Das waren seine späteren Worte in Bezug auf meine Vorstellungen und Wünsche. An dem Tag war ich genauso aufgeregt und enorm glücklich. Ja, das waren tolle Gefühle, die ich heute noch einmal in einer etwas abgewandelten Form erleben durfte. Danke!

Allerdings kann ich im Nachhinein sagen, dass ein Vorstellungsgespräch viel schlimmer ist, als ein Date. Es geht um die Liebe zum Beruf (bzw. zur Berufung) und mit dem ist man meist länger verbunden, als mit einem Mann. Eine Trennung vom Traumberuf ist eher unwahrscheinlich und man hat keine Lust, fremdzugehen, wenn man das tut, was man unbedingt mit Leidenschaft tun will. Mein Beruf ist zugleich mein Hobby. Aber es gibt dennoch eine Menge Gemeinsamkeiten für diese beiden Ausnahmesituationen der Gefühle zwischen Mann und Beruf. Liebe verbindet letztendlich alles miteinander.

Ich habe mir viele Gedanken über mein Outfit gemacht, denn das sollte man für so einen besonderen Anlass selbstverständlich tun. Lange überlegen musste ich als Mode-Victim nicht und entschied mich für ein leger schickes Business-Outfit. Das entsprach meinem Stil und meiner Persönlichkeit, ohne dass ich verkleidet wirkte oder mich unecht darin fühlte. Meine Klamotten besorgte ich mir gleich, nachdem ich die Bewerbung abschickte, da ich mir sicher war, dass ich eingeladen werde. Ich dachte mir, dass sich für diesen Job sowieso fast niemand bewirbt, da er zu speziell und gefährlich ist. Eventuell. Also ging ich recht selbstbewusst an die Sache heran. Ich wusste einfach, dass ich es dorthin schaffen werde und nach zwei Wochen bekam ich die Bestätigung meiner Vorahnung per Post. Die Freude war riesig und ich war überglücklich, eine Chance bekommen zu haben, mich in dieser fremden neuen Welt präsentieren zu dürfen, denn ich brauche dringend ein anderes Umfeld und eine spannende Herausforderung.

Meine Business-Klamotten wurden bereits vor dem Vorstellungsgespräch eingeweiht und zwar in Berlin, beim Shoppen. Es gab mir ein besseres Gefühl, die Sachen schon einmal getragen zu haben und ins Leben zu bringen, bevor es richtig ernst wurde. Das Wochenende in Berlin machte Spaß und ich fühlte mich wohl in dieser eleganten dunkelblauen Hose. Ich ging in diesen Klamotten abends ins Kino und genoss anschließend das Berliner Nachtleben. Danach fiel ich kaputt ins Hotelbett. Schlafen konnte ich vor Aufgedrehtheit jedoch nicht. Die Klamotten waren jedenfalls bewerbungstauglich. Diese Erinnerung an das Wochenende in Berlin mochte ich.

Heute Morgen stand ich um sieben auf, da ich um acht los musste. Ich wurde ein Viertelstunde vorher wach, da meine innere Uhr wirklich gut funktioniert. Etwas müde war ich noch, da das normalerweise nicht meine normale Aufstehzeit ist und ich mich nicht unbedingt als fröhlichen Morgenmenschen bezeichnen würde. Außer im Sommer, wenn die Sonne schon morgens scheint.

Als ich mich anzog, hatte ich keine Zweifel, zwecks meines Aussehens. Ich spürte, dass es immer noch das perfekte Outfit war und kein bisschen zu abgehoben. Der Blazer bestand nämlich aus Bouclé-Stoff mit eingewebten dezenten Goldfäden und ein wenig Kunstleder an den Rändern. Jedoch fernab von Extravaganz. Insgesamt war alles stimmig.

Mein Make-Up blieb zurückhaltend, denn zu viel Schminke ist in der Branche nicht angesehen und macht einen oberflächlichen Eindruck. Man sollte sich fragen, wie man am besten Vertrauen erweckt und wie man sein Selbstbewusstsein angemessen zum Ausdruck bringt. Natürlichkeit ist die Lösung. Auf zu viel Schmuck verzichtete ich natürlich auch und setzte auf Bescheidenheit. Als ich meine Haare zum Schluss mit Glanzspray einsprühte, war ich zufrieden. So konnte ich mich sehen lassen.

Danach gab es ein großes Frühstück und eine kleine Tasse Kaffee, damit sich meine Nervosität nicht steigerte. Ein ausgiebiges Frühstück ist in solchen Fällen immer gut, denn man hat das Gefühl, dass man dadurch mit genug Energie versorgt ist und diese Aufregung besser durchhält. Außerdem hat Essen oft eine beruhigende Wirkung. Bananen und Schokolade sind da ein passendes Mittel. Oder Haferflocken und Nüsse.

Bei mir gab es Joghurt mit Kuchengeschmack und ein warmes Käsebrötchen. Danach blieb mir nicht mehr viel Zeit und ich machte mich auf den Weg zur Straßenbahn. Draußen war es ziemlich windig und kalt. Ich trug keinen Schal und nur eine dünne Jacke, weil ich nicht schwitzen wollte. Aber es war definitiv zu kalt in den Sachen. Ich war froh, dass ich wenigstens dicke Winterstrümpfe trug, die meine Füße wärmten, denn meine Hände waren bereits nach wenigen Schritten eiskalt. Wenn ich so jemanden mit der Hand begrüßte, würde das keinen guten Eindruck machen. Kalt vor Angst, könnte man annehmen.

In der Straßenbahn fühlte ich mich wieder entspannt und ausgeglichen. Alles war recht normal und ich konnte die Nervosität ausblenden. Die halbe Stunde Fahrt, die mir sonst so lang vorkam, war schnell vorbei und ich wunderte mich, wo die Zeit geblieben war. Schon erreichte ich das Ziel und hatte noch eine halbe Stunde Zeit bis zum Gespräch. Ich war mir nicht sicher, ob ich so lange in der Kälte warten sollte oder lieber im Zielgebäude.

Wie sieht das denn aus, wenn man viel zu früh bei einem Termin erscheint?

Und vor allem: Was würde mich in dieser fremden und abgesperrten Umgebung erwarten?

Ich hatte keine Ahnung, was mir bevorstand.

Außerdem wollte ich keinen schüchternen verängstigten Eindruck hinterlassen. Ich wollte auch in unbekannter Umgebung selbstbewusst sein – denn ich bin selbstbewusst.

Ich entschied mich und ging zum Ziel meiner Träume. Die Zeit war mir dann egal, weil: Lieber zu früh, als zu spät. Kurz, bevor ich am Eingang klingeln wollte, sah ich eine Mitarbeiterin, die ich nett begrüßte und die mich in diese Sperrzone begleitete. Ich war froh, dass gerade jemand kam und ich nicht ganz alleine dastand. Bei der Wache gab ich meinen Ausweis ab und kurz, nachdem ich mich in den Wartebereich setzte, kam eine Frau, die mich woandershin begleitete, wo ich weiter warten musste.

Halb zehn hatte ich das Gespräch. Neben mir saß meine Konkurrentin, die sich auch auf diese Stelle bewarb – das konnte ich kaum glauben. Es gab tatsächlich noch andere Bewerber für diesen Beruf! Unfassbar. Ich scannte diese Frau beim Vorbeigehen kurz ab, ohne sie direkt anzuschauen. Aber man kann auch indirekt vieles wahrnehmen. Auf jeden Fall war sie etwas lockerer gekleidet. Scheinbar nicht ganz so ausgewählt, sondern eher Alltagslook. Sie trug einen roten Pullover. Dabei habe ich gelesen, dass man diese Farbe in Vorstellungsgesprächen eher meiden soll, da sie zu dominant ist und teilweise erotische Andeutungen macht. Die Frau hatte lange blonde offene Haare und saß mit überschlagenen Beinen auf ihren Stuhl.

Ich hingegen saß völlig entspannt dort und verschränkte meine Körperteile nicht. Jedem, der an mir vorbeikam, sagte ich lächelnd ‚Guten Morgen‘. Sie lächelten zurück. Einmal rutschte mir sogar ein leises ‚Hallo‘ heraus. Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass jeder an mir interessiert wäre, der mich dort sitzen sah und ich fühlte mich empfangen. Ich wollte ein Teil dieser Klinik sein und dazugehören. Um jeden Preis sogar.

Bald wurde die Frau neben mir aufgerufen und ich konnte sie gedämpft durch die Tür reden hören. Sie erzählte viel und ich hörte einen osteuropäischen Dialekt heraus. Allerdings konnte ich nicht verstehen, worüber gerade gesprochen wurde. Ich war ziemlich neugierig, was meine Konkurrenz zu bieten hatte und ob sie ‚besser‘ war, als ich. Ihr Gespräch dauerte knapp zwanzig Minuten und sie war pünktlich um halb zehn wieder draußen, mit einem Strahlen im Gesicht und der Aussage, dass sie nun Urlaub hat.

Als ich aufstehen wollte, wurde ich gebeten, noch ein wenig zu warten. Ich war zu übereifrig, freudig und aufgedreht. Die Nervosität war immer noch weg und ich war froh darüber. Nach weiteren fünf Minuten durfte ich den Begegnungsraum betreten und es überraschte mich, dass dort noch zwei andere Personen saßen. Ich ging nämlich davon aus, dass ich mich nur auf eine Person konzentrieren muss. Das bereitete mir erst einmal einen kleinen Schock, obwohl in meinen bisherigen Gesprächen immer ca. 3-4 Personen saßen. Aber diesmal ging es um das wichtigste Gespräch überhaupt und zu viele Personen empfand ich als irritierend.

Ich legte meine Jacke und meine Handtasche auf den Stuhl und setzte mich drauf. Sehr gelassen und nicht hastig. Aber ich glaube, sie sahen meinen Hintern etwas zu lange. Alle begrüßten mich, aber keiner reichte mir die Hand. Also tat ich es auch nicht, weil man das nicht tun soll, wenn es die Vorgesetzten einem nicht anbieten. Immerhin war ich die Unterlegene. Ich atmete tief ein und schaute mir die Leute an, die am Tisch saßen. Alles okay. Alle mit Pokerface.

Das Gespräch begann damit, dass ich mich vorstellen sollte. In dem Moment begann die pure Aufregung wieder und ich hatte die absolut schwärzesten Blackouts. Ich wusste eigentlich nichts mehr und konnte so gut wie gar nichts von alledem sagen, was mich ausmacht und wie meine Motivation für diese besondere Stelle lautet. Obwohl ich die Antworten alle sehr genau wusste und überzeugt von mir war. Ich wusste, warum ich diese Stelle wollte. Aber mir fehlten die Worte, um mich auszudrücken. Stattdessen stammelte und stotterte ich abgebrochene Sätze, sowie einzelne Wortfetzen vor mich hin. So etwas würde mir bei einem Date zum Beispiel niemals passieren. Von meiner Eloquenz blieb nicht mehr viel übrig. Alles vergessen, der ganze Wortschatz verschwand. Ich kam mir vor, wie ein Trottel, der sich selbstüberschätzte und sich für eine Stelle bewarb, die sie sein Niveau stark überstieg. Ständig wiederholte ich Worte wie ‚manchmal‘, ‚vielleicht‘, ‚immer‘ und andere fantasielose Füllwörter. Der Chef hat also nicht erfahren, warum ich diese Stelle unbedingt möchte, was ich mir vorstelle und was mich ausmacht. Er hat nicht viel von meiner Persönlichkeit kennengelernt und weiß trotz des Gespräches immer noch nichts von mir. Allerdings hat er meine Persönlichkeit gesehen und wahrgenommen. Und ich habe die gestellten Fragen einfühlend, ehrlich und gut durchdacht beantwortet.

Natürlich habe ich auch erwähnt, wie aufgeregt ich bin und dass ich mich unter normalen Umständen ganz anders verhalte. Klar, das kann jeder sagen. Eigentlich muss man immer so sein, wie man ist. Egal, in welcher Situation. Selbstbewusste Leute würden sich wohl kaum etwas von ihrer Aufregung anmerken lassen. Von daher verhielt ich mich in deren Augen bestimmt ziemlich widersprüchlich und fragwürdig. Aber ich weiß nicht, was sie wirklich dachten. Vielleicht bin ich auch zu hart zu mir selber.

Nach meinem Geständnis wurde ich ein bisschen lockerer und entspannter. Für den Chef waren meine kurzen Antworten scheinbar nachvollziehbar und die anderen Leute brachten mir mit Zunicken Vertrauen entgegen. Außerdem bekam ich die Rückmeldung, dass die Dinge gut waren, die ich sagte. Ich hätte am Anfang einfach einen kleinen Small Talk gebraucht. Das hätte mich aufgetaut.

Aber nun ist alles so, wie es ist und ich akzeptiere das. Allerdings finde ich es sehr schade, dass die Aufregung mich so kaputt gemacht hat, sodass ich völlig neben mir stand und mich in den ersten Minuten wie gelähmt fühlte. Ich war so apathisch, als stände ich unter Drogen. Das ergab ein blödes Bild von mir, das mir nicht entsprach. Dennoch wirkten alle recht interessiert und waren freundlich. Zwischendurch goss ich das Glas mit Wasser voll und trank es bis zur Hälfte aus. Den Rest hinterließ ich nach dem Abschied, ohne Lippenstiftabdrücke.

Kekse standen leider nicht auf dem Tisch. Ich hätte sie auch nicht angerührt, obwohl ich Kekse über alles liebe. Denn wer Kekse im Gespräch isst, hat keine Manieren. Kekse dienen also nur zum Test.

Das Gespräch dauerte knapp vierzig Minuten und endete mit den Schlussworten: Wir melden uns. Angeblich soll das heißen, dass ich eine Absage erwarten kann. Aber das denke ich nach diesem Satz nicht, schließlich wollten noch andere Bewerber im Gespräch überzeugen. Ich konnte also noch keine direkte Zusage bekommen, denn das wäre nicht fair.

Zum Schluss bedankte ich mich nochmals und wünschte den Leuten einen schönen Tag. Den Spruch ‚Frohe Ostern‘ verkniff ich mir. Humor und komische Sprüche passten nicht zur Situation. Damit hätte ich mich lächerlich gemacht. Meine einzelnen Wortbrocken waren schon schlimm genug.

Jetzt sitze ich zu Hause und bin noch aufgeregter, als vor dem Gespräch. Ich denke ständig darüber nach, was gut lief und was nicht. Grübele darüber, wie ich äußerlich und persönlich herüberkam und google im Internet nach Fehlern im Vorstellungsgespräch. Sicherlich wäre es ohne Aufregung anders gelaufen. Aber auch, wenn es diesmal nichts wird: Es wird nächstes Mal was.

Wenn ich eine Absage bekomme, werde ich anrufen und sagen, dass sie meine Bewerbung aufheben können. Jemand hat mich daran erinnert, dass alles seine Zeit hat und davon bin auch ich überzeugt. Vielleicht muss ich noch ein wenig an mir arbeiten, damit ich richtig reif für diesen Job bin. Aber vielleicht muss ich auch gar nichts tun und werde aufgrund von vielen Sympathiepunkten gleich genommen. Das wäre ein Traum. Und ich hoffe, der Chef hat es erkannt.

Nun heißt es warten. Wie lange, das weiß ich nicht. Aber wahrscheinlich wird es nicht lange dauern, da sie sich nach dem Gespräch beraten und sich die Bewerbung hoffentlich noch einmal genauer angeschaut haben. Letztendlich habe ich verbal all das wiederholt, was ohnehin schon drin stand. Meine Worte waren also nachlesbar.

Eine Zusage wäre mein bestes Ostergeschenk.

Nach dem Gespräch kaufte ich mir Schminke und Klamotten, um wieder halbwegs auf das Normallevel zu kommen. Einen Grund zum Shoppen gibt’s immer…

Zu Hause gab es dann noch Schokolade zur Beruhigung und ‚The Way‘ von Gigi D’agostino. Leider wirkungslos.

Traumnachricht

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Heute ist ein schwieriger und zugleich toller Tag.

Zuerst träume ich, dass mir eine bestimmte männliche Person eine Nachricht schreibt.

Eine Person, zu der ich bis August keinen Kontakt haben möchte, weil es besser für uns ist. Das war meine Idee, weil ich keinen anderen Ausweg wusste, zwecks Neuanfang, der eigentlich keiner ist. Aber wer weiß, was letztendlich daraus wird? Komplizierte Sache. Aber Aufgeben lohnt sich hierbei nicht.

Anders ausgedrückt: Wir haben uns eine bewusste Auszeit genommen, damit die ‚Beziehung‘ zwischen uns nicht eskaliert und ich nicht ständig in Dramastimmung verfalle, wenn er nicht auf meine Nachrichten antwortet, obwohl er sie liest. Ich fange dann schnell an, Dinge neu zu interpretieren, die jedoch völlig anders sind, als in meiner Fantasie. Ich reagiere über und das nervt ihn. Er will so etwas nicht immer wieder mit mir erleben. Drama, Drama, Drama. Sorry!

Der Traum war so echt, dass ich morgens gleich auf mein Handy schaute, um die Nachricht zu lesen.

Aber da war keine.

Dabei träumte ich fast detailliert, wie er mir bei whatsapp diese Nachricht schrieb, als ich online war.

Er schrieb sogar ‚Hey Süße‘, mehr konnte ich nicht sehen. Diese ersten Worte klangen also sehr versöhnlich und ich war gespannt auf seine Nachricht.

Ich war enttäuscht, als mir klar wurde, dass das nur ein ziemlich echter Traum war. Leider.

Wahrscheinlich kommt er in den nächsten fünf Monaten nicht auf den Gedanken, mir zu schreiben. Vielleicht möchte er auch sehen, ob ich mein Versprechen wirklich halte und wie diszipliniert ich bin. Ich habe mir fest geschworen, mich vorher nicht bei ihm zu melden – diesmal wirklich! Zu oft bin ich an meinen Versprechen gescheitert. Aber nun bleibe ich stark, um ihn zu überraschen und ihm eine andere Seite von mir zu zeigen. Die entspannte und lockere Seite, die ich ihm bisher zu selten offenbart habe.

Oft genug sage ich, wie schnell die Zeit vergeht. Also werden fünf Monate auch schneller vergehen, als gedacht. Im August kann ich stolz auf mich sein, wenn ich meinen Ruhe-Plan durchgehalten habe.

Zum anderen bekam ich heute tatsächlich noch eine reale Traumnachricht.

In meinem Briefkasten befand sich endlich der Brief, auf den ich knapp zwei Wochen ungeduldig wartete. Ich war nicht nur ungeduldig, sondern hibbelig und teilweise sogar überreizt. Man kann nicht immer locker bleiben. Gerade, wenn es um wichtige Dinge geht. Es geht um einen Traumjob.

Es war die ersehnte Einladung zum Vorstellungsgespräch in einer psychiatrischen Einrichtung.

Natürlich hatte ich auch gleich wieder das Bedürfnis, damit die Kontaktsperre aufzubrechen. Aber ich kann mit dieser Mitteilung auch bis August warten, sagt mir mein Verstand. Bis dahin hat sich bestimmt so viel angesammelt, dass unser nächstes Treffen sehr überraschend verlaufen wird und spannend wird.

Und ich werde nicht schwach. Dazu habe ich meinen Blog. Hier kann ich alles loswerden, was ich bei ihm (noch) nicht loswerden darf. Außerdem macht es die Situation nicht besser, wenn ich ihm ständig mitteile, was los ist. Es ändert gerade nichts an unserem Verhältnis.

Jetzt heißt es: Geduld haben und Loslassen.

Du verdienst mich nicht

 
Nachdem ich herausfand, dass ich allergisch auf Anti-Aging-Produkte reagiere und kein Koffein mehr vertrage, verstand ich einige Dinge in meinem Leben besser. Es war wie eine Kehrtwende alter Verhaltensweisen und eine enorme Umgewöhnung, zu Gunsten meiner Gesundheit und meiner Funktion als Loverin, die wenige Tage vorher ihren spekulativen Lover verlor.
Anti-Aging-Produkte machten meine Haut genauso nervös, wie es Koffein mit dem Inneren meines Körpers tat. Beides war nicht gut für mich und das einzusehen, war ein längerer Prozess, den ich erst spät tolerierte. Eigentlich sollte ich wissen, dass ich keine Anti-Aging-Produkte brauche, um nicht zu altern, weil ich noch zu jung dafür bin. Dennoch gibt es schon leichte Anzeichen von feinen Mascara-Fältchen über den Augenbrauen, die sich nach ein paar Minuten Ruhe zum Glück wieder glätten – noch. Um diese Falten komplett zu vermeiden, müsste ich auf Schminke verzichten und würde somit einen Teil meiner Persönlichkeit beerdigen. Von daher unmöglich.

Mit dem Koffeinverzicht war es komplizierter, weil ich Kaffee liebte und die Nachtschichten mit Energydrinks amüsanter und euphorischer waren. Aber nach der Einsicht, dass Koffein mich aggressiver und risikofreudiger machte, musste ich diesem Konsum ein Ende setzen, damit keiner meiner Mitmenschen wegen mir litt oder ich mir mein Leben mit meinen Stimmungsschwankungen selber viel zu schwer machte.

Die Anti-Aging-Produkte wurden bald durch hautfreundliche und sensible Cremes ersetzt und der Kaffee bekam einen neuen Partner, der sich Tee nannte. Oder ich trank koffeinfreien Pseudo-Kaffee, der geschmacklich nicht vom Original zu unterscheiden war.
Meine innere Unruhe verwandelte sich allmählich in inneren Frieden und sorgte für allgemeine Ausgeglichenheit. Ich lebte ohne Stress und ohne Ärger, alles war leichter als sonst. Außerdem gab es keinen Druck mehr, irgendetwas tun zu müssen, das andere Leute eventuell provozierte oder mich zu sehr aufputschte. Seit der Abstinenz konnte ich mein Leben mit einem Wort beschreiben: Zufriedenheit.

Alles andere, was mich sonst aufdrehte und unruhig machte, war am Verblassen, je unwichtiger es mit der Zeit wurde. Jegliche aufwühlende Geschichten verloren an Bedeutung und wurden durch neue Erlebnisse enthusiastisch überdeckt. Vergangenheit ist Vergangenheit. Daran sollte man sich lieber öfter erinnern, denn die Vergangenheit hat mit der Gegenwart nichts gemeinsam.

Mein schadstofffreies Bewusstsein machte mich stärker und meine Anti-Koffein-Einstellung galt als mein persönliches Resilienz-Training. Ich konnte von alten Dingen und Menschen loslassen, die nicht mehr in mein Leben passten bzw. ein gefühlter Bestandteil von mir waren. Abschied war keine Herausforderung mehr, sondern ein Neuanfang. Ein Abschied öffnet im Bestfall die Tür für drei neue Menschen – eine nicht gerade schlechte Option.
Nach einigen Wochen der Umstellung war ich gelassener und fand, dass ich ohne mein unglückliches Verknalltsein in einen unerreichbaren Typen, wieder zu einem normaleren Menschen wurde, der vernünftig denken konnte und nicht mehr zu spontanen Affekthandlungen tendierte, die auch nie halfen.
Getrost konnte ich mich mit dem Gedanken arrangieren, eine von mir hochbegehrte Person stückchenweise zu vergessen, indem ich sie mit neuen Erfahrungen einfach überblendete. Und nicht nur das: Mir wurde endlich klar, dass Leute, die sich von alleine nicht melden, wirklich (!) kein Interesse haben, weil sie längst heimlich vergeben sind und der zeitfressende Beruf manchmal nur ein glaubwürdiges Alibi für die neue Freundin ist. Solche Leute haben mich nicht verdient.

Niemand, der mich ignoriert, verdient mich.

Niemand, dem ich unwichtig bin, verdient mich.

Niemand, der nach anderen (‚besseren‘) Frauen Ausschau hält, verdient mich.

Niemand, der mich nicht zu schätzen weiß, verdient mich.

Niemand, der sich von mir genervt fühlt, verdient mich.

Niemand, der von Kreativität keine Ahnung hat, verdient mich.

Niemand, der mich ausnutzt, verdient mich.

Niemand, der mich anlügt, verdient mich.

Niemand, der mir etwas vorspielt, verdient mich.

Oberflächlichkeit verdient mich nicht.

Im Moment kann ich nur lächeln. Über alles, was in den letzten Monaten passierte und über gewisse Menschen, die mir interessante Erkenntnisse bescherten. Ich bin dankbar für negative Erfahrungen, denn ohne sie wüsste ich nicht, was ich wirklich will und welche Wünsche mir tatsächlich etwas bedeuten.  
  

Silvester

  
 

Von Silvester merke ich nichts. Alles ist beim Alten, nur dass die Stimmung vielleicht ein bisschen angespannt ist und man sich unter Druck setzt, damit nächstes Jahr endlich die große Veränderung eintritt, die man sich jedes Jahr vornimmt. Nur, um dann doch bald zu scheitern, weil alles so verdammt anstrengend ist. Hinter tollen Vorsätzen steckt nun mal viel Arbeit, nichts erfüllt sich von selbst. Es sei denn, man hat Glück.

Ich habe keinen Druck, denn alles passiert so, wie es passieren soll und vorgesehen ist. Der Anfang dieses Jahres war nicht schlecht, die Mitte war aufregend und das Ende sehr deprimierend. Von allem etwas. Und so birgt jedes Jahr neue Überraschungen und Herausforderungen. Auch neue Chancen gibt es immer.

Gegen Mitternacht werde ich wahrscheinlich so eine Art Vorfreude spüren, gemischt mit ein wenig Wehmut, wenn die schönsten Erinnerungen hochkommen, die jedoch vergänglich sind.

Aber im Moment liege ich einfach nur passiv auf der Couch, esse Kekse aus Schottland und bin müde, weil mich die letzten Tage platt gemacht haben, durch mein Versprechen des Schweigens und des Vergessens. 

Eigentlich bin ich froh, dass ich heute Abend und nachts arbeiten muss. Für mich ist das am besinnlichsten und ich gleite ohne Rausch ins neue Jahr hinein. Die Stimmung in solchen Nächten hat etwas Besonderes. Gerade, wenn man alleine arbeitet und das Haus für sich hat. Aus den Fenstern kann ich alles gut sehen, was draußen passiert und irgendwo in der Küche haben sich bestimmt noch ein paar Pfannkuchen und Knabberkram versteckt. Dazu eine große Tasse Kaffee und Silvester ist für mich perfekt.

Ich freue mich, wenn ich mir nachher das Glitzerspray in die Haare sprühe und mit guter Laune zur Arbeit und ins neue Jahr gehe.