Flucht ins Kino 


Welch seltsamer, emotional belastender Tag, der nun endlich zu Ende ist.
Wobei ich mich vor einem Jahr noch auf dem Rückweg nach Hause befand, mit Anflügen von Übelkeit im Zug. Ich erinnere mich gerade genau, wie der Apfelsaft-Gin mir dort fast zum Verhängnis wurde, ich mich jedoch beherrschen konnte, indem ich mich auf die Musik aus meinen Ohrstöpseln konzentrierte. Danach machte ich mitten in der Nacht einen Spaziergang vom Bahnhof nach Hause, da keine Straßenbahn mehr fuhr. Somit hatte ich auch gleich genug frische Luft. War ein gutes Mittel gegen die Übelkeit, die zu Hause ihren Ausbruch im Klo fand. Schönes Treffen, schöne Nacht. Herrlich. Da war noch alles in Ordnung.

Ich zelebrierte diesen gestrigen besonderen Samstag tatsächlich melancholisch im Bett, mit einer Duftkerze und im abgedunkelten Zimmer. Die Sonne schien sowieso nicht. Umso dunkler war es mit heruntergelassenem Rollo. Ich schwelgte in Gedanken und Erinnerungen. Viel zu viel. Und zugleich spürte ich diese gewisse Leere, die mich permanent erfüllt. Widersprüche gehören zu meinem Leben eben dazu, das ist meine Normalität. Ich wünschte, meine Gefühle wären insgesamt nicht so extrem, sondern auch normaler. Aber dann wäre ich vielleicht eine Langweilerin, was ich auch sehr ätzend fände. Langweilig mag ich nicht, war nie mein Ding.
Zwischendurch ging ich kurz shoppen, las drei kleine Kapitel eines spannenden Buches und zappte durch meinen iPod. Auch Lieblingssongs übersprang ich. Innerlich völlig unruhig und aufgewühlt. Ich fand in keiner Tätigkeit Ruhe, nicht einmal beim Mandala ausmalen. Nichts konnte mich gedanklich ablenken und nichts machte richtig Spaß, sondern endete in Zerfahrenheit. Schaute nur auf die Uhr und sah die Szenen des vergangenen Jahres. Wie krank sich das anhört,..oder? Ich klinge wie eine ewig verheiratete Witwe. Oder nach einer Frau, die nach zehn Jahren Beziehung wieder Single ist. Dabei handelt es sich in meinem Fall nur um ein dreistündiges Treffen. Kein Anlass für all diese dramatische Trauer. Und dennoch geht es mir so bescheuert. Vielleicht bin ich jetzt auch durch mit dem Thema, da ich schon dabei bin, mein unsinniges Verknalltsein hier in der Öffentlichkeit ins Lächerliche zu ziehen und es mir dadurch umso bewusster wird, wie dämlich es eigentlich ist. Aber es hat mich leider erwischt. Man erlebt ja auch mal krankhafte Episoden im Leben. Eigentlich eher auf Depressionen bezogen, aber bei mir nennt sich das anders. Emotional instabil…
Abends ging ich ins Kino. Alleine. Ich wusste, dass das die beste Idee ist, um anderen Input zu bekommen. Alleine in Gesellschaft fremder Mensche, zusammen in einem gemütlichen Kino ist immer eine gute Wahl. Kino ist mein zweites Wohnzimmer. Neben mir saß niemand und ich fühlte mich, bis auf das vereinzelte Popcorngeraschel, gut und ungestört. Der Gruselfilm lenkte mich komplett ab, obwohl er gar nicht so toll war. Aber es reichte und es war besser für mich, den Abend nicht alleine zu Hause zu verbringen. Sonst hätte ich diesen nur stumm im Bett verbracht und hätte wieder teilnahmslos die Decke angestarrt. Ich musste unbedingt herauskommen aus diesem Stumpfsinn. Gegen 23 Uhr kam ich nach Hause und war froh, als dieser schräge Tag fast vorbei war. Die letzte Stunde verbrachte ich mit Nachrichten schreiben..an Freunde, bei denen ich mich lange nicht mehr gemeldet habe. Mal wieder mit der Hoffnung auf Ablenkung. Mir war egal, was sie schrieben. Hauptsache, ich fühlte mich in dieser Stunde nicht so einsam. Was tut man nicht alles aus Verzweiflung. Shit. 
Ich hoffe, dass es mir bald besser geht und ich mich privat emotional wieder positiv verändere. Immer wieder rede ich mir ein, dass es keinen Grund gibt, traurig zu sein und dass alles gut so ist, wie es ist und dass andere tolle Männer auf mich warten. Es muss nur einfach mal richtig in meinem Hirn ankommen. Und in meinem Herzen. 

August, 1 Jahr später


Diese Seite verstummt, ich weiß. Eigentlich gibt es viel zu sagen, würde ich mich nicht so verdammt gelähmt fühlen. Innerlich. Alles ist lahm geworden, dabei passiert in meinem Leben so viel. So viel Aufregendes. Neuer Job, neue Figur, neues Aussehen – all sowas. Dinge, über die man sich freuen kann und die für viele Menschen erstrebenswert sind. Ich habe so vieles erreicht. Und dennoch: Richtig gut geht es mir seit einem Jahr nicht mehr. 
Eigentlich gibt es für diese starke Melancholie, die ich spüre, gar keinen Grund, weil eigentlich alles nahezu perfekt ist. Ich müsste also glücklich und fröhlich sein, den ganzen Tag lächeln…
Der Knackpunkt ist eigentlich. Eigentlich, eigentlich, eigentlich. Wie soll ich etwas erklären, für das es eigentlich keine vernünftige Erklärung gibt. Unvernünftig ist der passendste Ausdruck für mein Verhalten. Naiv, gar kindisch. Irgendwie. Etwas stimmt einfach nicht und dieser ewige Kreislauf nimmt kein Ende, weil das Erlebnis vom vergangenen Sommer so sehr an mir haftet. Es klebt an mir und ich kann mich nicht davon befreien. Dabei ist es so schädlich, an der Vergangenheit zu kleben. Weil sie nicht mehr aktuell ist und sich Dinge nicht mehr rückgängig machen lassen. 

Was zurückbleibt ist Zerstreuung. Ich versuche mich jeden Zag zu ordnen, aber bis jetzt habe ich es an keinem Tag geschafft. Zumindest nie so, wie es sein sollte. Ich sollte in der Gegenwart leben und nicht jeden Abend in diese Traurigkeit und Sehnsucht abdriften. So gut ich mich jeden Tag auch ablenke, es funktioniert niemals vollständig. Die Wehmut findet immer zurück zu mir. Dann liege ich im Bett, starre minutenlang Gegenstände an und verschwinde in der Verlorenheit. Das passiert mir immer häufiger, dass ich einfach nur daliege und gar nichts tue. Oder morgens schlecht aus dem Bett komme und immer wieder die Decke über den Kopf ziehe, um im Dunkeln zu liegen. Oder die Rollos den ganzen Tag unten zu lassen, weil mir die Dunkelheit mehr zusagt und mein Innerstes widerspiegelt. Ich fühle mich wohl im Dunkeln. Vor einem Jahr war das noch anders. Da war ich energiegeladener und nicht so komisch drauf, wie jetzt. Mein jetziger Zustand beschreibt eher den Rückzug, der von der völligen Isolation trotzdem noch weit genug entfernt ist, denke ich.

Heute, vor genau einem Jahr hatte ich dieses Treffen, das mich emotional so sehr veränderte, dass ich mich kaum noch mit früher vergleichen kann. Manche Erlebnisse sind einfach einschneidend, auch wenn es übertrieben scheint, zu behaupten, dass man sich sofort in jemanden ‚verlieben‘ kann. Aber irgendwie kann man es. Obwohl es mehr als absurd klingt. Ich weiß…
Dabei ging das Treffen nur knapp drei Stunden und ich wurde danach aus ‚geschäftlichen‘ Gründen nach Hause geschickt. Ich wurde sogar fast vor die Straße gesetzt, ohne zu wissen, ob ich mit dem Zug noch um die Zeit nach Hause komme. Aber er war so nett und fuhr mich dann doch noch zum Bahnhof, nachdem ich mich so hilflos und weinerlich verhielt. Klingt also nicht gerade nach einem Super-Date. Genau das ist eben das Absurde daran. Eigentlich hat nichts weiter stattgefunden als: Abholen/Bahnhof/Spaziergang – Erzählen/Gin/Blickkontakt – Verabschieden/Vespa/Bahnhof. Jeder Part davon dauerte aufgeteilt also jeweils eine Stunde. Und der Blickkontakt hat es mir am meisten angetan. 

Alles so banal, und doch so wahnsinnig gravierend für mich. Weil er mich so verdammt anzog, mit allem. Seiner Persönlichkeit, seinem Aussehen, seinem Charakter.. Und dass, obwohl ich ihn so gut wie gar nicht kannte, sondern nur erahnen konnte, wie er wohl wäre,..mit all meiner Menschenkenntnis war ich der Annahme, mir von vornherein ein exaktes Bild von ihm machen zu können. Welch dummer Gedanke,..eigentlich.
Es klingt alles so schwachsinnig, obwohl ich meine Gefühle und Gedanken damit nicht verleugnen möchte. Weil sie immer noch so präsent sind, wie damals. Meine Gefühle sind immer noch da, trotz all der Umstände. 

Klar fand ich es nicht toll, als ich nach drei Stunden spontan nach Hause geschickt wurde, trotz seines tollen Gästezimmers. Aber es hatte nichts mit mir zu tun, sondern mit einem Meeting, das sich ziemlich rasch via PC aufdrängelte. Wie auch immer..Vielleicht gab es im Nachhinein doch ganz andere Gründe. Wahrscheinlich war er auch zu dem Zeitpunkt schon in einer Beziehung. Ich habe keine Ahnung. Immerhin sagte er später oft genug, er sei vieles nicht wert. Schon gar nicht, dass ich ihn mag und ihn so begehre. Entweder litt er an falscher Bescheidenheit oder weil er wusste, dass er gerne mal Frauen betrügt. Ich wüsste gerne, was damals genau passierte. Eigentlich wüsste ich am liebsten noch viel mehr über ihn. Ich hätte ich so gerne kennengelernt, insgesamt. 
Heute vor einem Jahr war noch alles in Ordnung. Ein gewöhnlicher Samstagvormittag mit meinen Lieblings-TV-Serien und einer gewaltigen Portion Aufregung. Nebenbei texteten wir miteinander und erzählten davon, was wir alles miteinander vorhatten an diesem Abend. 
Alles war super und klang eindeutig nach Happy End. Etwas anderes wäre undenkbar gewesen, da alles zwischen uns perfekt war. 

Heute weiß ich, dass es perfekt nicht mehr gibt. Er war perfekt. Aber seit ungefähr zwei Monaten brach er den Kontakt ab, da er meine seltsamen Liebeserklärungen und mein bettelndes Verhalten nicht mehr länger ertrug. Verständlich. Warum habe ich mich nicht endlich mal zusammen gerissen? Er ist schließlich in einer Beziehung und scheint diese Frau mehr zu mögen, als mich. Denn wäre es anders, hätte er sich für mich entschieden. Dieser Fakt schmerzt. Seit zwei Monaten wohne ich auf seiner Blockierliste, da ich es einfach nicht verstehen wollte, dass er jeglichen Kontakt zu mir ablehnte. Da es nicht gut für ihn war und für mich sowieso nicht. Leider wollte ich nichts davon verstehen. Ich lebte immer noch in der Überzeugung, ihn umstimmen zu können. 

Es schmerzt. Kein Kontakt mehr, keine Möglichkeiten, kein Wiedersehen. Nie mehr. Dabei versprach er mir, dass wir uns im August wiedersehen. Ein Jahr später, ganz unverbindlich. Kaffee trinken, ganz kurz. Hauptsache, wir sehen uns. Aber daraus wurde nichts und meine Traurigkeit wuchs dadurch umso mehr. Wie sehr hatte ich mich auf dieses Treffen gefreut…jeder einzelne Moment hätte für mich gezählt und mich glücklich gemacht. Jede Sekunde ist wertvoll.
Seitdem herrscht in mir Leere, emotionale Leere. Diesen Abbruch verkrafte ich nicht. Ich spüre genau, dass er mir extrem fehlt. Mir fehlt diese eigentlich fremde Person, die immer zu mir sagte, er wäre eine Projektion. So etwas, wie ein Fantasiegebilde. Vielleicht war er das auch, und dennoch kann ich ihm nicht zustimmen. Für mich war er mehr. Manche Männer muss man nicht kennen, um zu wissen, dass sie die richtigen sind. Man weiß es einfach aus dem Herzen. 

Diese Story hört sich nach einem einzigen Chaos an. Und ja, es gibt tatsächlich kaum Worte und eine Erklärung dazu. Für mich ist es auch Chaos. Diese Story ist einfach nur Gefühl und beinhaltet diese starke unerfüllte Sehnsucht, die vielleicht niemand mehr stillen kann. Es ist schwer. 
Dieses Treffen spielt sich in meinem Kopf jedes Mal wie ein Film ab. Gerade heute. Ich erinnere mich genau daran, was ich wann getan habe, wann ich wann wo war… Dieser ganze Tag ist komplett in mir abgespeichert, mit all seinen Szenen und Wort- und Gedankenfetzen. Ich habe nur Schnipsel im Kopf. Auch der damalige Chat schläft auf meinem Handy. Alles ist so frisch, obwohl es schon ein Jahr her ist und ich frage mich, ob ich jemals aus dieser Endlosschleife flüchten kann, wenn ich doch so sehr an ihm hänge. Obwohl es überhaupt gar nichts bringt. Aber diesen Gedanken verdränge ich… 

Im Eimer

  
Sagt der Typ, mit dem ich heute Abend zum Pizza-Essen verabredet war und der mir im letzten Moment eine unemotionale Absage per Whatsapp erteilt hat. Eine Stunde vor unserem Treffen. 

Dabei stand der Termin seit Tagen fest und unser Treffen war gut geplant. Pizza-Essen (evtl. mit Gratisgetränk seinerseits), Kommunikation und Badewanne. Normalerweise kommt nie etwas dazwischen, wenn ich nicht gerade diejenige bin, die rumzickt und unangekündigt alles abblockt. Diesmal ist er der Spielverderber und das passt mir gar nicht. Ich mag mich nicht umsonst freuen, das ist Verarsche. Wir wollten uns einen gemütlichen Abend mit Pizza vor dem Fernseher machen und vielleicht noch mit einem Bier aus der hintersten Ecke seines kleinen Küchenkabuffs. Aber nein. Er kommt ausgerechnet heute zu spät nach Hause, ist völlig platt und muss noch wichtige Einkäufe tätigen. Im Supermarkt, der nur zwei Schritte entfernt vor seiner Haustür liegt. 

Da ist natürlich kein Platz mehr für anspruchslose Besucher, die sich eigentlich nur kurz in seiner Badewanne verkriechen wollten – nach dem Pizza-Essen. Ich liebe Baden. Mein Badezimmer ist leider nicht mit einer tollen Wanne bestückt, denn die wurde fahrlässig entfernt, bevor ich einzog.
Seine Badewanne hatte ich mir quasi schon vorbestellt, für ein bis zwei Stunden. Er hätte seine Ruhe gehabt, während ich mich in der Badewanne in ein Buch vertieft hätte und darin abgetaucht wäre. Zusammen mit den ätherischen Düften der aufgelösten Badezusätze in bläulicher Pulverform, die ich mir für die Badewannen-Treffen extra immer kaufe. Entspannung pur. 
Er hätte gar nicht mitbekommen, dass ich da bin. Aber keine Chance. Er meint, ich soll in den nächsten Tagen wiederkommen, als ob ich ein unterwürfiger Patient wäre, der brav auf die nächste Sprechstunde wartet. Das Problem ist: Ich bin kein Patient.
Mein Kumpel macht es sich leicht. Wäre ich er, würde ich es jedoch genauso machen, um ehrlich zu sein. Wer seine Ruhe haben will, will eben nicht gestört werden. Auch nicht von seiner nervigen Lieblings-Freundin.

Ich wisch dich weg

  
Manchmal habe ich das Gefühl, dass sich Dating immer mehr zum Trend entwickelt. Zum oberflächlichen Trend, in dem es kaum noch um echte Gefühle geht, sondern um ein knallhartes Auswahlverfahren, welches durch spezielle Apps verstärkt und erleichtert wird. Der Slogan ‚…wisch und weg‘ bekommt dabei eine ganz neue Bedeutung. Wenn ein Bild mit einem Mann erscheint, habe ich die Wahl, was als nächstes passiert. Wer mir nicht gefällt, wird unliebsam weggewischt, als ob es sich dabei um ein Objekt handelt und nicht um einen Menschen. Es ist, als würde man jemanden in die stinkende Mülltonne schmeißen..minderwertige Ware, sozusagen. Ignoranz. Oder der Gedanke: Hoffentlich meldet der sich nicht zurück. Gefällt mir hingegen jemand, wird er angeklickt und als grünes Häkchen in den Dating-Warenkorb gelegt. Oder in der Merkliste für später gespeichert. Immer nach Reihenfolge, da man nicht mehrere Dates gleichzeitig haben kann. Dann heißt es: Abarbeiten. Die richtig interessanten Leute zuerst und danach die, die sympathisch sind oder in echt richtig gut aussehen könnten, denn Bilder täuschen natürlich oft. Zumindest bei Frauen. Männer haben mehr Talent, sich auf Selfies authentischer darzustellen, da sie es einfach zu kitschig finden, die Bilder danach mit verschiedenen Filtern aufzubessern. 
Wie man sieht, könnte man Dating via App ein bisschen mit Shopping vergleichen. Kostenlos oder auf Kosten der Gefühle des anderen oder der eigenen Gefühle, sofern sich etwas entwickelt und Enttäuschung durch einseitiges Verknalltsein droht. Das kann alles vorkommen und es gibt zig Varianten, wie es nach einem Date weitergeht. 
Aber kann sich überhaupt etwas entwickeln, wenn man immer die Hoffnung hat, noch jemand Besseren zu finden?
Ich denke, dann würde man ewig suchen oder nie richtig glücklich sein, mit dem, den man gerade hat.
Allerdings können Dating-Apps tatsächlich Hoffnungen aufrechterhalten. Schließlich melden sich jeden Tag genug neue Leute an und dann geht das Klick-Auswahlverfahren von vorne los. 
Wisch – wisch – wisch – klick – wisch – wisch – wisch ….
Stellt sich die Frage: Was macht man mehr – klicken oder wischen?

Du verdienst mich nicht

 
Nachdem ich herausfand, dass ich allergisch auf Anti-Aging-Produkte reagiere und kein Koffein mehr vertrage, verstand ich einige Dinge in meinem Leben besser. Es war wie eine Kehrtwende alter Verhaltensweisen und eine enorme Umgewöhnung, zu Gunsten meiner Gesundheit und meiner Funktion als Loverin, die wenige Tage vorher ihren spekulativen Lover verlor.
Anti-Aging-Produkte machten meine Haut genauso nervös, wie es Koffein mit dem Inneren meines Körpers tat. Beides war nicht gut für mich und das einzusehen, war ein längerer Prozess, den ich erst spät tolerierte. Eigentlich sollte ich wissen, dass ich keine Anti-Aging-Produkte brauche, um nicht zu altern, weil ich noch zu jung dafür bin. Dennoch gibt es schon leichte Anzeichen von feinen Mascara-Fältchen über den Augenbrauen, die sich nach ein paar Minuten Ruhe zum Glück wieder glätten – noch. Um diese Falten komplett zu vermeiden, müsste ich auf Schminke verzichten und würde somit einen Teil meiner Persönlichkeit beerdigen. Von daher unmöglich.

Mit dem Koffeinverzicht war es komplizierter, weil ich Kaffee liebte und die Nachtschichten mit Energydrinks amüsanter und euphorischer waren. Aber nach der Einsicht, dass Koffein mich aggressiver und risikofreudiger machte, musste ich diesem Konsum ein Ende setzen, damit keiner meiner Mitmenschen wegen mir litt oder ich mir mein Leben mit meinen Stimmungsschwankungen selber viel zu schwer machte.

Die Anti-Aging-Produkte wurden bald durch hautfreundliche und sensible Cremes ersetzt und der Kaffee bekam einen neuen Partner, der sich Tee nannte. Oder ich trank koffeinfreien Pseudo-Kaffee, der geschmacklich nicht vom Original zu unterscheiden war.
Meine innere Unruhe verwandelte sich allmählich in inneren Frieden und sorgte für allgemeine Ausgeglichenheit. Ich lebte ohne Stress und ohne Ärger, alles war leichter als sonst. Außerdem gab es keinen Druck mehr, irgendetwas tun zu müssen, das andere Leute eventuell provozierte oder mich zu sehr aufputschte. Seit der Abstinenz konnte ich mein Leben mit einem Wort beschreiben: Zufriedenheit.

Alles andere, was mich sonst aufdrehte und unruhig machte, war am Verblassen, je unwichtiger es mit der Zeit wurde. Jegliche aufwühlende Geschichten verloren an Bedeutung und wurden durch neue Erlebnisse enthusiastisch überdeckt. Vergangenheit ist Vergangenheit. Daran sollte man sich lieber öfter erinnern, denn die Vergangenheit hat mit der Gegenwart nichts gemeinsam.

Mein schadstofffreies Bewusstsein machte mich stärker und meine Anti-Koffein-Einstellung galt als mein persönliches Resilienz-Training. Ich konnte von alten Dingen und Menschen loslassen, die nicht mehr in mein Leben passten bzw. ein gefühlter Bestandteil von mir waren. Abschied war keine Herausforderung mehr, sondern ein Neuanfang. Ein Abschied öffnet im Bestfall die Tür für drei neue Menschen – eine nicht gerade schlechte Option.
Nach einigen Wochen der Umstellung war ich gelassener und fand, dass ich ohne mein unglückliches Verknalltsein in einen unerreichbaren Typen, wieder zu einem normaleren Menschen wurde, der vernünftig denken konnte und nicht mehr zu spontanen Affekthandlungen tendierte, die auch nie halfen.
Getrost konnte ich mich mit dem Gedanken arrangieren, eine von mir hochbegehrte Person stückchenweise zu vergessen, indem ich sie mit neuen Erfahrungen einfach überblendete. Und nicht nur das: Mir wurde endlich klar, dass Leute, die sich von alleine nicht melden, wirklich (!) kein Interesse haben, weil sie längst heimlich vergeben sind und der zeitfressende Beruf manchmal nur ein glaubwürdiges Alibi für die neue Freundin ist. Solche Leute haben mich nicht verdient.

Niemand, der mich ignoriert, verdient mich.

Niemand, dem ich unwichtig bin, verdient mich.

Niemand, der nach anderen (‚besseren‘) Frauen Ausschau hält, verdient mich.

Niemand, der mich nicht zu schätzen weiß, verdient mich.

Niemand, der sich von mir genervt fühlt, verdient mich.

Niemand, der von Kreativität keine Ahnung hat, verdient mich.

Niemand, der mich ausnutzt, verdient mich.

Niemand, der mich anlügt, verdient mich.

Niemand, der mir etwas vorspielt, verdient mich.

Oberflächlichkeit verdient mich nicht.

Im Moment kann ich nur lächeln. Über alles, was in den letzten Monaten passierte und über gewisse Menschen, die mir interessante Erkenntnisse bescherten. Ich bin dankbar für negative Erfahrungen, denn ohne sie wüsste ich nicht, was ich wirklich will und welche Wünsche mir tatsächlich etwas bedeuten.  
  

Bessere Tipps gegen Liebeskummer 

  

Analyse

Denke an sein Leben und denke an dein Leben. War wirklich alles so toll, wie du es dir jeden Tag schönredest? Wahrscheinlich nicht, sonst hätte es keine Trennung gegeben. Um es dir einfacher zu machen, stelle seine Schwachpunkte in den Vordergrund und denke vermehrt an die Dinge, die dir nicht gefielen, anstatt deinen Ex zu glorifizieren.

Archivieren

Du musst nicht gleich alle Fotos endgültig löschen oder vernichten. Bewahre sie lieber woanders auf und verschiebe sie z.B. in einen Ordner auf deinem Rechner oder lege sie in eine Kiste, die du danach versteckst. So wirst du nicht dazu verleitet, dir die Bilder mehrmals täglich anzugucken. Du solltest lernen, die Fotos zu ignorieren, weißt aber gleichzeitig, dass sie noch da sind. Irgendwann wird es dir leicht fallen, sie zu vergessen.

Vielfalt

Auch wenn du davon überzeugt bist, dass dein Ex der Beste ist – triff dich mit anderen Männern! Du kannst dich ablenken, wenn du mehrere Männer parallel datest. Der Vorteil daran ist, dass du dich nie alleine fühlst und ausreichend mit Komplimenten versorgt wirst. So ein entzückendes Dating-Chaos wird dich sicher auf andere Gedanken bringen. Vor allem, weil du dich auf ganz unterschiedliche Typen konzentrierst und die Chance hast, neue Abenteuer zu erleben.

Vergleiche

Vielleicht hat einer deiner Freunde auch gerade Liebeskummer und ist viel schlimmer dran, als du. Eine kurze Affäre tut lange nicht so weh, wie eine 5-jährige Beziehung mit gemeinsamer Wohnung, inklusive Anhängsel. Wahrscheinlich hat es dich im Gegensatz zu deiner besten Freundin gar nicht so mies erwischt, wie du zuerst dachtest. Deine Freunde können dich mit ihren Geschichten über Glück und Pech bestimmt bald aufmuntern. 

Langweiler

Du schreibst ihm und er antwortet nie. Oder er betrachtet dich mit Ignoranz, wenn ihr euch zufällig seht. Er gönnt dir nur noch seine völlige Abwesenheit. Bei ihm gibt es nichts mehr zu holen und das wird schnell langweilig. Stempel ihn als Langweiler ab, bei dem sich jede Form von Verschwendung (Gedanken + Gefühle) nicht lohnt. Es gibt spannendere Alternativen, als sinnlose Monologe, die im Nirgendwo enden. Dein Ex ist mit seinem passiven Verhalten viel zu langweilig für dich.

Mittelpunkt 

Rücke dein eigenes Leben wieder in den Mittelpunkt und kümmere dich um dich selbst. Im Moment ist nichts wichtiger, als du dir selber. Werde zum defensiven Egozentriker, der sich eine Auszeit nimmt, um sich seine Wünsche zu erfüllen und von neuen Zielen zu träumen. Du bist ein selbständiger Mensch, der es nicht nötig hat, sich von einer anderen Person abhängig zu machen, die auch selbstbewusst ihr eigenes Leben führt. Du kannst dir auch alleine ein wunderschönes Leben machen, denn du bist frei und darfst machen, was du willst.

Notfall

Wenn diese Tipps nach einer Laufzeit von ca. 12 Wochen nichts bewirken, oder sich dein emotionaler Zustand weiterhin verschlechtert, dann ist das eine kritische Phase, die sehr tiefgreifend ist. Du solltest nicht versuchen, dich mit destruktiven Mitteln zu betäuben, sondern locker bleiben und eventuell ein intimes Gespräch mit deinem Ex führen. Rede mit ihm über Sex, denn damit erzielst du schneller eine positive Reaktion, als mit deiner Heulerei. Denke immer daran, dass Männer Stress hassen und versuche, ihn mit Absicht zu vermeiden.

  

Abends tickt die Uhr lauter

  
Gerade fühlt es sich an, als hätte ich mir im Hals eine Ader verrenkt, weil ich meinen Kopf falsch gedreht habe. Aber es vergeht, das kam schon mal vor. Damals hatte ich noch Angst. Nun nicht mehr. Wovor soll ich noch Angst haben? Das Schlimmste ist gestern passiert. Wie jeden Abend liege ich im Bett. Versuche mich mit Lernen abzulenken, in dem ich anspruchsvolle Texte lese und danach zum Roman greife, um mich zu entspannen.

Aber heute funktioniert es nicht. Meine Gedanken schweifen ständig ab und ich bin nicht bei der Sache. Alle Wörter, die ich lese, fließen still durch mich hindurch und treiben in die Leere. Ich kann mich nicht auf mein Studium konzentrieren, mit dem ich mich jeden Abend beschäftige. Der Stoff lässt sich nur schwer in meinem Hirn abspeichern, da der Speicher voll von dem Mann ist, in dem ich heimlich verknallt bin. In meinem Kopf stecken viele unerfüllte Träume fest, die ich jeden Tag gedanklich durchspiele und erstmal keinen praktischen Ausweg sehe.

Den halben Tag habe ich mich auf der Arbeit verbissen abgelenkt und nun wo langsam Ruhe einkehrt, wird es gefühlsmäßig wieder dramatisch. Sobald es ruhig wird, tickt die Uhr lauter. Ich höre nur sie, im Takt meiner Gedanken. Ansonsten Stille um mich herum, weil die Nachbarn auch nicht jeden Abend Sex haben.

Auch heute bekam ich keine Nachricht und eigentlich habe ich darauf auch gar nicht gewartet, sondern mich irgendwie abgelenkt. Wobei ich gar nicht mehr sagen kann, wie. Mit vielen kleinen Tätigkeiten, die halbherzig erledigt wurden. Nur, um etwas zu machen. Meine Gefühle sind durcheinander und manchmal mache ich mir Sorgen, nicht mehr klar denken zu können oder blind für andere Männer zu sein, die sicher auch toll sind, aber nicht ER sind. 

Für mich herrscht Chaos. Es ist nichts, wie vorher. Irgendwas in meinem Inneren hat sich wahnsinnig verändert und hofft darauf, wieder in Ordnung gebracht zu werden. Aber durch wen?

Wahrscheinlich werde ich gleich neben dem Ticken der Uhr einschlafen. Im Moment der einzige Halt, denn die Uhr gab es schon, bevor ich ihn kannte. Ich habe sie knapp eine Woche vorher gekauft.

Abschied von dir

 
Jetzt sitze ich hier alleine an deinem Geburtstag und kann nichts tun, denn vor einigen Stunden habe ich ernsthaft beschlossen, dich ab jetzt in Ruhe zu lassen. Bis du dich meldest. Irgendwann vielleicht. Oder auch nicht. Du entscheidest. Ich dachte, es ist die einzig beste Lösung – momentan. Aber noch habe ich keine Ahnung, wie lange dieser Moment dauern wird. Wahrscheinlich Monate, oder länger, wenn du mich vergisst. Dir wird es sicher leichter fallen, als mir. Weil ich nicht weiß, wie ich dich je vergessen soll. Obwohl wir uns gar nicht richtig kannten, dabei hätte ich gerne mehr über dich erfahren.

Nun sitze ich hier am Küchentisch mit meinem halbharten Brötchen, das ich heute Morgen nicht mehr geschafft habe, da mein Appetit weg war, nachdem ich dir die Glückwünsche zum Geburtstag sendete. Du hast nicht geantwortet und wirst es bestimmt auch morgen nicht tun, wenn du wieder nüchtern bist und vielleicht mehr Zeit hättest. Und vielleicht bist du sogar froh, dass ich mich so unerwartet von dir verabschiedet habe. Endgültig. Eine Last weniger für dich und keine nervigen Mails mehr jeden Tag, in denen eh immer dasselbe stand. Ich verhielt mich manchmal wie ein Kind, das jeden Tag drängelte und deine Aufmerksamkeit wieder gewinnen wollte, die schon mal da war, anfangs. Aber ich schaffte es nicht mehr und du bliebst stumm. Aus gutem Grund, wie du meintest. Du wolltest keine Nähe, weil es nicht ging. Dein Leben befand sich im Zeitmangelzustand und andere Dinge mischten sich ein.

Jetzt kann ich nichts mehr tun. Ich habe mir selber verboten, dir zu schreiben und darf nichts mehr sagen. Nicht mal ein Foto werde ich dir schicken. Gar nichts. Es wird so sein, als wäre nie etwas gewesen zwischen uns und wir bleiben uns fremd.

Mein heutiges Versprechen muss ich einhalten, bis du mich irgendwann von diesem Schweigen erlöst und alles anders wird.

Mich erfüllt eine Leere, da mir klar ist, dass ich auf keine Nachrichten mehr warten brauche, denn du wirst dich nicht melden. Schließlich gibt es noch genug andere Frauen. Alles lässt sich ersetzen, wenn auch anders. 

Du fehlst mir. Die letzten Stunden waren komisch, und das war erst der Anfang. Es ist nicht leicht, starke Gefühle zu überwinden. 

Gefühle sind abends härter

  

Jeden Abend trage ich einen dicken Wollpullover im Bett. XXL in Rosa und viel zu lang.

Er wärmt äußerlich, aber nicht innerlich.

Die Geräusche, die von draußen durch das offene Fenster dringen, killen die Ruhe im Raum. Aber nicht meine lärmenden Gedanken.

Das regelmäßige Ticken meines Weckers täuscht Harmonie vor. Mein Herz überholt den Takt und hämmert dezent im Innenren, unregelmäßig. Es spürt meinen Kummer.

Mein Magen meldet sich zu Wort. Er nörgelt unter der Decke. Er will Arbeit, aber er bekommt keine, weil ich meinen Appetit nicht finde.

In der Küche liegen Lebkuchen, die ich jedes Mal bedürfnislos anschaue. Früher waren sie nur kurze Besucher, heute sind sie Dauergäste.

Eine Stunde liege ich wach im Bett und merke, wie mein Kopf warm wird, weil mir gleich die Tränen aus den Augen schießen und sich mein Bauch zusammenzieht.

Jeden Abend die gleiche Sehnsucht und die gleichen Tränen. Jeden Abend der gleiche Grund: Du.

Weil ich dich vermisse.

Ich stehe auf, um eine Schlaftablette im Schuhkarton zu suchen. Dabei wird mir kurz schwindelig und vor meine Augen tritt ein schwarzer Schleier, der noch durchsichtig ist. Er erinnert mich daran, dass ich heute nicht mehr als eine Tasse Kaffee getrunken habe.

Auch die Tablette schlucke ich ohne Wasser und lege mich wieder ins Bett.

Ich beobachte die bunte Lichterkette vor meinem Bett, die ihre Farben wechselt und fühle mich Minuten später leicht benommen. 

In dem Moment beginne ich, mir etwas zu wünschen.

Ich wünsche mir, dass wir uns wiedersehen und du mich in deine Arme nimmst.

Aber es wird nie passieren, weil du dich längst von mir verabschiedet hast.

 

Danke Pephan, du Osterhase

– Ein Brief von Herzen, mit Verstand und ohne –

Kleine Anmerkung vorweg: Ob diese Person ‚Pephan, der Osterhase‘ in real life tatsächlich existiert, ist übrigens fraglich. Ich schreibe mir nur alles von der Seele, was mir gerade einfällt und denke nicht genauer über meine teils verkorksten Gedanken nach, die nicht immer einen tieferen Sinn ergeben und nicht immer private Einblicke in Bezug auf meine Persönlichkeit gewährleisten.

Fühlt sich jemand jedoch direkt angesprochenen, sollte er sich wahnsinnig freuen und mich öfter auf ein Bier besuchen kommen oder mir ein Schaumbad mit dem Duft von Wasserlilien in seiner Wanne einlassen. Mit Kerzenschein, Mohnblumen und einer Flasche Maibowle, bitte.

Fast 10 Jahre kennen wir uns inzwischen. Bis dahin müssen wir uns noch 4 Jahre gedulden, was sicherlich keine große Herausforderung mehr sein wird, nachdem, was wir alles zusammen, wie auch getrennt voneinander erlebt haben. Obwohl ‚alles‘ noch viel mehr sein könnte, denn wir beide wissen: Alles kann, nichts muss. Locker bleiben, kein Zwang und schon gar nicht drängeln. 

Dein Spruch, auf den ich gerne absichtlich gereizt reagiere – Dinge verändern sich/dich – mag ich dir manchmal nicht glauben, lieber rebellischer Osterhase. Dennoch stimme ich dir in dieser wahren Aussage zu. Schließlich habe auch ich mich verändert – zum Positiven, wie auch zum Negativen, damit die Bilanz zwischen uns stimmt. Wir beide haben uns verändert, was mich trotzdem nicht davon abhält, dich auf einmal nicht mehr zu mögen. Du kannst machen, was du willst, es wird dabei bleiben.

Du hast mich gefragt, ob ich dich hasse? Nein, wie kommst du darauf. Nur, weil ich dich paar Tage ignoriert habe, da ich viel arbeiten und lernen musste. Egoismus ist eine scheiß Entschuldigung. Aber ich muss gerade lernen, wie man vernünftig Auto fährt, damit ich nicht gleich gegen einen Baum knalle und sich all meine Wünsche für immer in Luft auflösen. 

Ich habe dich nie wirklich gehasst, auch wenn ich manchmal mit gespielter Überzeugung so getan habe, als ob. 

Wir sind miteinander verbunden. Mal mehr, mal weniger und manchmal auch wochenlang/monatelang gar nicht. Aber ein kleines Stück in meinem Herzen und deinem Hirn sorgt nach einem gewissen Abstand jedes Mal zaghaft dafür, dass wir uns nicht für ewig vergessen und uns wieder leicht amüsiert aneinander erinnern. Mit einem belustigten Grinsen, wenn man in die Vergangenheit zurückblickt. Oder auch mit einem genervten Augenrollen. Oder diese unangenehmen Gefühle im Bauch, die vom Sterben der Schmetterlinge verursacht wurden, die du in Etappen getötet hast. Erinnerungen können viele Symptome auslösen und Spuren hinterlassen. 

Egal, ob…

  • Sex oder Enthaltsamkeit.
  • Streit oder Frieden.
  • Liebe oder Hass.
  • Briefe oder Mails.
  • Kompliment oder Beleidigung.
  • Beziehung oder Solo. 
  • Nähe oder Entfernung.
  • Anziehung oder Widerwille.
  • voll oder nüchtern. 
  • glücklich oder traurig.
  • verliebt oder enttäuscht.
  • gelangweilt oder beschäftigt.
  • in der Badewanne oder unter Dusche.
  • im Busch unter der Brücke oder im Zelt am Meer.
  • bei dir oder bei mir.
  • Dominanz oder Dominanz.

All das haben wir irgendwie überstanden, mit einigen intensiven Auseinandersetzungen mit kritischen Folgen: Verletzungen unterschiedlicher Abstammung. Verbal, körperlich und/oder psychisch. 

Wir beide haben eine perfekte freundschaftlich-unplatonische Pseudo-Beziehung, die jeden Scheiß mit frigiden Intervallen völliger Funkstille durchhält. Nur, um nach jeden Streit wieder alles mühsam aufzubauen, was wir oder ich zerstört haben. Meistens ist fast alles meine Schuld, wobei du der provozierende Grund dafür bist. Du, lieber Osterhase, hast die großartige Fähigkeit, ein Feuerwerk an Emotionen in mir auszulösen, das gerne als unkontrollierbare Explosion ausartet. Wie kann es dich da noch wundern, wenn dich paar meiner kantigen Gefühlsbrocken im Gesicht und etwas weiter unten treffen?

Auch damals haben wir schon überlegt, wie wir unsere kuriose Bindung eigentlich nennen sollen. Es gab nie eine wirkliche Definition für uns beide und irgendwann, als du plötzlich eine andere Freundin hattest, war es nicht mehr nötig, weiter darüber nachzudenken. Denn: Sie war eine Freundin, für die es nur eine Erklärung gab -> deine Freundin. 

Ich hatte mich nach einer langen Zeit des Nachdenkens an diese neue bescheuerte Situation gewöhnt und konnte auch mit deinem Liebeskummer umgehen, als es später wieder mit ihr zu Ende war. 

Wir hatten drauf getrunken und meinem Bett einen Besuch abgestattet. Danach warst du wieder anständig nach Hause gegangen und ich hatte mich einige Tage nicht mehr gemeldet.

Am 15.2.09 warst du als verspätetes Valentinstagsgeschenk ganz überraschend in mein Leben getreten. Genau zu dem Zeitpunkt, als ich durch einen blöden Zufall meiner heimlichen Untersuchungen erfuhr, dass mein Ex-Freund ungewollt Vater wurde und ich nichts mehr weiter tun konnte, als stinksauer auf ihn zu sein und ihn mit den bösesten Schimpfwörtern zu überschütten, die ich mir spontan ausdachte.

Herzlichen Glückwunsch, du Arsch!

Durch dich war diese üble Sache allerdings bald vergessen und auf einmal warst du einer der bedeutenden Mittelpunkte meiner chaotischen Gedanken. Manchmal warst du für mich sogar der einzige Mittelpunkt und ich hatte mich oft dafür angestrengt, auch deiner zu werden. Vergebens.

Heute bist du es (leider) nicht mehr. Nur, wenn ich alte Gefühle wieder aufleben lassen möchte und merke, dass es sich lohnt. 

Alles steht offen, nichts läuft weg, sage ich mir immer.

Alles kommt, wie es muss und nichts passiert ohne Grund.

Alles ist so gewollt, auch wenn man es nicht immer wahrhaben und glauben möchte. 

Interesse an philosophischen Themen ist in der Hinsicht recht hilfreich, spannend und tröstend.

Wenn man nichts mehr krampfhaft haben will, ist alles einfacher und fühlt sich besser an, weil man sich keine Sorgen mehr macht. 

Über die ungewisse Zukunft zu grübeln ist Gift. Genau wie das gedankliche Durchwühlen von Erlebnissen aus der Vergangenheit.

Alles passiert jetzt.

Jahrelang war ich total in love und du hast mich dankend abgeschoben. Manchmal auch wütend. Manchmal sauer. Dennoch wolltest du mich nicht zum Mond schießen und mochtest meine Art von ‚Humor‘. Ich habe es gut hingekriegt, ein bisschen mehr Stress in dein sonst so entspanntes Leben zu bringen, obwohl du beruflich und privat genug um die Ohren hattest. Jedenfalls warst du nie ein Langweiler und wirst es auch niemals sein. 

Es war ein ewiges Hin und Her und eine fast jämmerliche Gefühlsverschwendung, weil ich nicht nur eine normale Freundin für dich sein wollte. Sondern bisschen mehr. Oft hatte mein Herz umsonst für dich geschlagen und dennoch wollte es nicht damit aufhören. Trotz gruseligem Herzrasen und nervösem Stolpern im Rhythmus. Manchmal spürte ich ein ekelhaftes Ziehen aus der Mitte meines Herzens bis in die Fingerspitzen meiner linken Hand. Hatte ich womöglich schon einen selbst diagnostizierten Mini-Herzinfarkt überlebt? Oder war es nur dieses moderne Broken-Heart-Syndrom, das mindestens genauso gefährlich werden könnte, wenn man sich sein Herz in Grund und Boden heult?

Mein Herz ist bisschen daran kaputt gegangen, aber es hat sich mittlerweile gut erholt, woran du wahrscheinlich selber nicht mehr geglaubt hattest, nach all dem kindischen Drama mit mir. Mein Herz hat sich erholt, weil es nicht mehr jeden in sich hineinlässt und mögliche Schadenverursacher vorher gründlich abcheckt. Es fühlt, was richtig und was falsch für mich ist. Ansonsten verharrt es in absoluter Verschlossenheit. 

Wenn ich an dich denke, leuchtet eine gelb-grüne Lampe auf, die für ’neutral mit Tendenz zum unverhofften Glück‘ steht.

Heute bin ich froh, dass wir uns unbeschwert sehen können – distanziert von jeglicher Erzwungenheit und frei im Herzen.

Heute bin ich erleichtert, dass alles entspannter zwischen uns ist und dir nicht mehr beweisen muss, wer ich bin, was ich mache und was ich kann. Dafür habe ich umso mehr erkannt, wer du bist, was du machst und was du kannst. Obwohl ich dich schon immer für all das bewundert habe. Damals nur aus einem anderen Blickwinkel, der heute erwachsener geworden ist. 

Heute muss ich nichts mehr an mir verändern, um zu gefallen, denn ich weiß, wer ich bin und was mir steht. Wobei du an diesem komplizierten Prozess nicht ganz unbeteiligt warst. Du hast mir einen Schubs gegeben und für einen Anreiz in die richtige Richtung gesorgt. Ich habe keine Ahnung, wie ich ohne dich geworden wäre, wenn wir uns nie kennengelernt hätten. Sicher hätte sich einiges vollkommen anders entwickelt und wir hätten jetzt nicht in der selben Stadt und im selben Stadtteil gewohnt, in nur zehn Minuten Entfernung. Vor paar Jahren war diese Vorstellung noch utopisch, als du mich immer voller Vorfreude mit dem Zug besuchen kamst und durch mich zwei neue Orte im Abseits des Lebens kennengelernt hast, an die du sonst wohl nie gekommen wärst. Jetzt gäbe es noch viele andere Orte, die uns näher bringen könnten.

Heute bin ich froh, dass wir über alles reden können und ehrlich sind, ohne dass jemand von uns gekränkt ist oder ich wieder ununterbrochen heulen muss, wenn du ein neues Date hattest. Ich kann mir deine Ex-Freundin ansehen, ohne sie zu hassen. Weil es mir egal ist und ich generell niemanden hasse.

Ich kann mich auf dich freuen, ohne dabei extremes Herzklopfen zu bekommen und total verrückt zu werden. Freude ohne Erwartungshaltung ist die beste Vorsorge gegen Peinlichkeiten und Enttäuschungen.

Außerdem muss ich nicht mehr ewig vorm Kleiderschrank stehen, um die passendsten Klamotten auszuwählen. Ich trage einfach das, worauf ich Lust habe, ohne daran zu denken, ob es dir gefällt. 

Heute kann ich dich mögen, ohne verträumte Hintergedanken zu haben, obwohl der runde Geburtstag immer näher rückt und das Ticken bei manchen Mädels gerade in dem Alter immer lauter wird. Bei mir nicht, ich höre nichts, sondern bleibe gelassen.

Bald können wir wieder gemeinsam Ostern feiern, ganz nach unserer alten Tradition, die schon eine Weile zurückliegt. Kuchen backen, frische Luft, viel Spaß, bisschen Alkohol und der Rest, an dem gearbeitet werden muss, ergibt sich vielleicht von alleine.

Dann kann ich sagen: Danke für deine Eier, lieber Osterhase! 

Er war besoffen

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Er war besoffen und am Ende beides: besoffen und ekelhaft.

‚Ich bin in 15-20 Mins da‘, schrieb ich ihm per SMS.
‚Okay, bis gleich‘, war seine Antwort.

Ich saß im Zug und freute mich auf das Treffen. Dabei hatte ich zuerst keine Lust, weil ich müde und kaputt von der Arbeit war. Während der Zugfahrt wurde ich zum Glück wieder etwas munterer und schaute mir die verschneite Landschaft an, die im Sonnenlicht blitzte.
Als ich am Bahnhof ankam, ging ich langsamer als sonst, da ich die Winteridylle noch etwas genießen und nicht früher da sein wollte, als abgemacht. Ich hatte mich zeitlich ein wenig verschätzt, 5-10 Minuten wären exakter gewesen.

Vom Bahnhof war es nicht mehr weit zu ihm – meinem Freund (Kumpel).
Nachdem ich zwei Mal an der Tür klingelte und seinen Hund schon aufgedreht bellen hörte, machte er endlich die Tür auf. Hatte mich schon gewundert, was da los war.
Eine richtige Begrüßung gab es in dem Moment nicht, da er damit beschäftigt war, seinen nervigen Hund beiseite zu räumen. Sein Hund begrüßte mich freudig, indem er mich ansprang und mich fröhlich anschaute. Von seinem Herrchen hätte ich das mehr erwartet. Danach passierte erst einmal nichts mehr. Kaffee trinken und TV gucken stand auf dem Programm, schön gemütlich alles und sehr neutral. In einer Wohnung, in der die Heizung auch im Winter aus blieb – trotz Frauenbesuch. Ich musste mir also warme Gedanken machen und die regte ich an, indem ich die ausstehende Begrüßung einfach spontan nachholte und ihn umarmte. Er reagierte eher emotionslos und gelassen, obwohl ich das bei meinem Outfit nicht verstehen konnte. Normalerweise war das die Garantie für ein vielversprechendes Treffen. Statt mit Nähe und Geborgenheit wurde die Leere mit Gesprächen über die vergangenen Wochen gefüllt. Wir sprachen über ganz normale Dinge, als er im Sessel saß und ich neben ihm auf der provisorischen Couch lag. Er fragte mich, ob ich auch was naschen wollte. Er hatte Schokokugeln, die mit Nougat gefüllt waren. Ich mochte Nougat nicht besonders, mir war das zu cremig. Außerdem hatte ich wie immer keinen Appetit auf Ungesundes. Schokolade ging mir schon lange am Arsch vorbei. Selbst an Weihnachten. Er hingegen klagte darüber, wie sehr er über die Festtage zugenommen hatte. Er konnte schlecht damit umgehen, wenn er Süßes im Haus hatte und sah sich gewissermaßen dazu gezwungen, es zu essen. Schlimm. Mir konnte das nicht passieren. Meinen bunten Teller hatte ich immer noch und konnte mich beherrschen.
Er fragte mich, ob ich ein Glas Sekt trinken wollte und ich verneinte sein Angebot. Mir war es noch zu früh für Alkohol. Dann lieber Kaffee.

Im Laufe des Nachmittags erledigten wir einige alltägliche Dinge in der Stadt, die alle nichts mit einem romantischen Date zu tun hatten. Schließlich war es auch kein Date, sondern ein freundschaftliches Treffen, bei dem einer verknallt war und der andere nicht. Ich war diejenige, die hierbei die Arschkarte gezogen hatte. Konnte mich aber damit abfinden, wenn ich die Sache mit genug Abstand betrachtete. Sein Hund kam auch mit und drängte sich zwischen unsere Zweisamkeit.
Er besorgte sich Geld, dann holten wir sein fertiges Auto von der Werkstatt ab und danach fuhren wir billig einkaufen, denn es musste immer gespart werden. Ganz zum Schluss ging es noch in den Getränkeladen, um einen Kasten Bier für die nächste Feierlichkeit zu besorgen.
Als wir gegen Abend wieder zu Hause waren, ging es zurück auf die Couch und unter die Hundedecke, weil mir langsam kalt wurde. Das Wort ‚Heizung‘ zu erwähnen war mir zu peinlich. Die anfallenden Heizkosten hätten sein Budget gesprengt.

Abends bot er mir erneut eine Flasche trockenen Rotkäppchensekt an, von der er ein ganzes Six-Pack in der Küche stehen hatte. Das war der Rest von Weihnachten, da er selber keinen Sekt trank, sondern in hasste. Frauenkram eben.
Da ich den ganzen Tag noch nichts gegessen hatte, war mir klar, dass der Sekt diesmal besonders gut anschlagen würde. Zudem wurde mir auch klar, dass ich Sekt immer sehr gut vertragen hatte, egal unter welchen Umständen. Also trank ich ein Glas nach dem anderen. Aus Frust, aus Langeweile und auf die Hoffnung, dass der Abend nett endet. Geschmeckt hatte er mir jedoch auch. Der Sekt war prickelnd genug und das Erste, was mein Bauch an dem Tag zu sich nahm.
Wie würde es jetzt wohl weitergehen, dachte ich. Abwarten.
Er holte in der Zeit seinen konservierten Hechtkopf hervor und fing an, ihn sorgfältig mit Ölfarben anzumalen. Ich schaute weiterhin meine Lieblingssendungen im TV. Wir beide gingen unseren eigenen Beschäftigungen nach, was auch gut war. Man musste ja nicht ständig alles zusammen machen.
Meine insgeheime Frage wurde nach einer Stunde prompt beantwortet. Es kam der Vorschlag in unsere Lieblingskneipe zu gehen. Davon gab es zwei. Ich ließ mich überraschen.
Er räumte seinen Hechtkopf wieder weg, dem er die Kiemen knallrot angemalt hatte, sodass es insgesamt ziemlich unecht aussah. Auch mit der weißen Farbe auf der Unterseite hatte er zu sehr übertrieben. Der Hechtkopf sah unnatürlich und plastisch aus, bis er auf die Idee kam, die Farbe nochmals mit Terpentin zu verdünnen. Danach wirkte der Hechtkopf schon etwas echter und transparenter. Mein Vorschlag, ihn pink anzumalen, kam nicht durch. Schade, es wäre mal etwas anderes gewesen.
Nun musste die Farbe erst einmal trocknen. Wer weiß, wann mein Freund das nächste Mal Zeit für die Bemalung hatte. Irgendwie stand der Hechtkopf schon ewig in der Küche und wartete auf Vollendung. Er fing kurzzeitig sogar schon einmal an zu schimmeln. Mein Freund konnte den Prozess aber noch rechtzeitig aufhalten. Der Hecht hatte also bereits eine Menge durch.

Wir rauchten noch eine und betrachteten dabei den Hecht aus geringer Entfernung. Eigentlich wusste ich gar nicht, was ich zu dem Teil noch sagen sollte, da ich nicht nachvollziehen konnte, warum man tote Tiere anmalt und sie dann als Deko an die Wand hängt.
Anschließend ging es raus aus der Wohnung, ohne Hund. Er hatte heute genug Auslauf gehabt und schlief nur noch. Der Hund war fix und fertig, aber zum Kratzen hatte er noch genug Kraft.
Endlich wieder frische Luft! In seiner Bude hielt ich es kaum aus. Dort roch es undefinierbar nach Hund und ich hatte das Gefühl, dass auch der Geruch von Alkohol in der Luft stand. Aber ich war mir nicht sicher. Auf jeden Fall lag der Geruch nah an der Kopfschmerzgrenze bei längerem Aufenthalt. In meiner Wohnung roch es anders, meist nach Duftölen.
Draußen war es angenehm mild, trotz Winter und Schnee.
Bis zur Kneipe war es nicht weit und drinnen war es nicht gerade voll, wie man von außen erkennen konnte. Von daher war auch unser Stammplatz frei.
Direkt bei uns auf der Bank saß noch ein Typ. Mein Freund fragte, ob wir uns dazusetzen durften. Die beiden kannten sich von irgendwoher flüchtig und fingen gleich ein Gespräch über das Gitarrespielen an. Dort konnte ich mich leider nicht einmischen, da ich keine Ahnung davon hatte. Mein bestelltes Bier kam erst nach einigen Minuten, sodass ich mich kaum ablenken konnte. Aber die Zigaretten taten dafür in der Zwischenzeit ihr Bestes.
Nachdem mein Bier endlich kam, rauchte und trank ich gleichzeitig. Ich versuchte mit Absicht cool zu wirken, im Halbdunkel der Kneipe. Im Hintergrund lief die ganze Zeit Rockmusik, die meine Grundstimmung unterstützte: Sex, drugs and rock’n’roll. Nur war von Sex momentan nichts zu merken, da auch ans Küssen nicht zu denken war. Unbewusst strahlte mein Freund Lustlosigkeit aus. Ich bemerkte die blaue Lichterkette über ihn.
„War die letztes Mal auch schon da?“, fragte ich und deutete mit dem Blick an die Decke.
„Nein, die ist wohl neu“, antwortete mein Freund und fand auch ein wenig Interesse an der Beleuchtung. Sie schimmerte so schön blau.

Irgendwann unterhielt sich der Typ neben mir mit anderen Leuten, da ihm wohl klar wurde, dass er uns auf eine Art störte. Ich war froh, dass wir nun unsere Ruhe hatten und uns angetrunken unterhalten konnten. Diese Gespräche sind oft sehr ehrlich und sinnvoll, da es immer darum geht, warum wir uns eigentlich treffen.
Er dachte jedes Mal, dass das keine gute Sache wäre. Weil ich verknallt war und er nicht.
Aber wir mochten uns trotzdem.
Er sagte: „Du quälst dich doch nur selber, wenn wir uns treffen. Das ist nicht gut und ich fühl mich auch nicht wohl dabei.“
„Doch, ist schon okay. Schließlich kann ich das selber entscheiden. Für mich wär’s schlimmer, wenn wir uns gar nicht mehr sehen würden. Dann lieber so wie jetzt. Auch, wenn’s nicht richtig ist. Nichts ist richtig bei uns“, antwortete ich schnell. Dabei wusste ich selber, dass das alles hier nicht in Ordnung und dass es für ihn auch nicht gerade leicht war.
Dann fragte er mich:“Was wäre, wenn ich jetzt eine Frau treffen würde, die mir gefällt und ich sie hier vor deinen Augen ansprechen würde?“
Tja, scheiß Frage, dachte ich.
„Natürlich wäre das scheiße, was sonst?“, sagte ich genervt. „Das kannst du machen, wenn du alleine bist, aber nicht, wenn ich zu Besuch bin.“
Danach stellte er mir noch einmal diese Was-wäre-wenn-Frage. Da wurde mir bewusst, dass das tatsächlich passieren konnte und ich nicht einmal ein Recht darauf hätte, ihn davon abzuhalten, andere Frauen anzuquatschen, die ich nicht toll fand.
Trotzdem wollte ich daran nicht denken. Unsere anderen Treffen liefen auch alle entspannt ab, ohne solche Fragen und ohne Dates, die nebenbei liefen.
Natürlich konnte er machen, was er wollte. Ich war nicht seine Freundin und hatte keinen Anspruch auf ihn. Selbst meine Bedürfnisse musste er nicht befriedigen.
Es gab immer nur diese eine Antwort auf alles: Wir beide waren kein Paar und eine normale Freundschaft war es auch nicht, wenn wir im Bett landeten. Es war viel mehr ein Gefühlschaos, das ich mir selber eingebrockt hatte, weil ich wahrscheinlich irgendwie masochistisch veranlagt war oder was auch immer. Sonst hätte ich mir so etwas wohl nicht angetan. Welche normale Frau ließ sich so von ihren Gefühlen herunterzuziehen und ausnutzen.

Unsere angetrunkenen Gespräche hatten also immer den gleichen armseligen Inhalt.
Die Sache mit uns und der damit verbundenen Hoffnungslosigkeit, die ich mittlerweile einigermaßen akzeptieren konnte.
Jedes Mal erklärte er mir ausführlich, dass sein Bauch gegen mich war und dass er keine Macht gegen seine Gefühle hatte. Sein Bauch sagte nein und er glaubte ihm fromm. Sein Bauch hatte mehr Macht als sein Herz und sein Gehirn. So kam es mir vor. Das Schlimmste war, dass es danach aussah, als hätte sein Bauch seinen Verstand komplett verloren.
Aber ich akzeptierte es, was blieb mir anderes übrig. Seine Meinung stand fest. Meine Vorteile konnten ihn nicht überzeugen. Jedes Mal erklärte ich ihm, dass andere Frauen ihn und sein Leben nicht tolerieren könnten und zählte dabei jeden einzelnen Grund auf, warum es mit anderen Frauen auch nicht funktionieren konnte. Ich fand meine Erklärungen gut gelungen und sehr überzeugend. Vor allem war jeder Punkt nachvollziehbar und insgeheim wusste er vielleicht, dass ich recht hatte.
Aber weil sein Bauch trotz allem nein sagte, blieb er eisern bei seiner Meinung. Schließlich hatte er genug schlechte Erfahrungen mit Frauen gesammelt. Diesmal wollte er vorsichtiger sein und lieber gleich auf sein Gefühl hören, bevor alles zu spät war. Er wurde schon zig Mal verlassen.

Ich trank nach dem Gespräch artig mein Bier aus ohne zu heulen.
Die Tränen wären umsonst gewesen, von denen gab es in den letzten Wochen schon genug. Ich konnte nicht immer wegen der gleichen aussichtslosen Sache heulen.
Als ich mein zweites Bier bestellte, ließ ich es mit Sekt mischen. Ich brauchte das.
Danach folgten wieder anstrengende Gespräche über Liebe, Zukunft und Familie. Wir schafften es nie, uns über andere Dinge zu unterhalten, da ich noch zu viele offene Fragen hatte, deren Antwort ich eigentlich längst wusste, wenn ich in mich hineinhorchte und mir eingestand, dass wir doch sehr unterschiedlich waren, was gewisse Wünsche anging.
Es waren lange Gespräche, über die Hoffnung, dass alles besser wird. Wirklich alles. Nichts ist zu spät, alles ist möglich. Ich hörte Sätze, die mir bekannt und egal waren, da ich das alles selber wusste. Dennoch konnte ich damit nichts anfangen. Meine Sturheit war einfach stärker, obwohl mir klar war, wie recht er mit jedem Satz hatte. Ich wollte es nur nicht hören, weil ich ihn wollte, anstatt mit jemand anderem glücklich zu werden, der viel besser zu mir passte.
Ich hatte mich so in meinen Freund festgebissen, dass ich nicht mehr loslassen wollte. Dabei war mir völlig klar, dass es noch viel bessere Typen da draußen gab. Ich musste sie nur finden, oder sie mich und das war keine leichte Angelegenheit.

Nun waren auch die Zigaretten im Big-Pack alle, das wir uns beide teilten, weil er keine gekauft hatte. Mein Sekt-Bier stieg mir langsam zu Kopf und ich wollte es nicht mehr trinken. Ich wusste genau, wann Schluss ist und ich war für keinen weiteren Schluck bereit. Das Glas war noch fast voll. Er hingegen trank wohl schon sein 5. Bier. Ich hatte nicht mehr gezählt, weil das Trinken bei ihm schnell ging.
Kurz nach Mitternacht schlug er vor, noch in die andere Kneipe zu gehen. Ich fand es schon sehr spät und hatte eigentlich ganz andere Gedanken. Ich wollte nach Hause, sagte aber nichts. Er wäre sicher nicht begeistert gewesen. Ich ließ Sekt-Bier stehen, denn er hasste dieses Zeug und konnte mir nicht beim Austrinken helfen. Vielleicht wäre es besser gewesen, wenn ich es nicht bestellt hätte.
Trotzdem war ich bereit, der Bedienung noch genug Trinkgeld zu geben. Dann gingen wir raus in die Nacht. Auf der Straße war nichts mehr los.
Ich war etwas wackelig auf den Beinen und meine Zunge war beim Sprechen schon ziemlich lasch. Aber ich hatte noch alles perfekt unter Kontrolle, weil ich mir Mühe gab.

Die nächste Kneipe befand sich in einer anderen Nebenstraße, die nicht weit entfernt war. Dort war bisschen mehr los.
Ich sagte gleich, dass ich nur einen Orangensaft will, da ich keinen Bock mehr auf Alkohol hatte. Er bestellte dagegen sein nächstes Bier. O-Saft wurde dort bestimmt sehr selten bestellt.
In der Kneipe war es bequem, überall standen alte Polstermöbel und abgewetzte Sofas. Vergilbte, angerissene Tapeten an den Wänden und viel Ramsch, der schon einige Jahre hinter sich hatte und teilweise unvorteilhaft im Weg stand. Man konnte sagen, es wirkte schäbig und möhlig. Es war eben eine sehr alternative Kneipe und ich fühlte mich zumindest wohl auf dem Sofa. Die Kerzen waren in Flaschen gesteckt und der mit leeren Bierflaschen zugestellte Tisch vom Vorgänger wurde noch nicht aufgeräumt. Dem Betrieb war das anscheinend egal, da wurde nicht besonders auf Regeln und Sauberkeit geachtet. Voller Aschenbecher? Kümmer‘ dich selber drum!
Ich hatte nichts dagegen, denn ich hatte diesen Laden nie anders kennengelernt. Von dem Flair war auch ich sehr angetan. Es war eben eine Kneipe, die ich sympathisch fand, weil sie nicht perfekt war.

Kurz nachdem wir uns auf das Sofa in der Ecke setzten, bekamen wir schon Besuch von einem Typen, der völlig drüber war und binnen weniger Minuten seine ganze verkorkste Lebensgeschichte erzählte, ohne dass es ihm peinlich war. Er merkte nicht, dass seine Anwesenheit unsere Zweisamkeit enorm störte. Der checkte gar nichts mehr, sondern erzählte ohne eine Pause zu machen eine Story nach der anderen. Wir fragten uns, was der wohl genommen hatte? Mit Sicherheit war es nicht nur Alkohol. Der fremde Typ war überdreht und verrückt, wie man an seiner Mimik und Gestik unschwer erkennen konnte. Wir bekamen von ihm auch Getränke und Zigaretten spendiert, einfach so, weil er nicht ganz dicht war.
Er sagte mir, er hätte einen Psychiatrieüberweisungsschein vom Arzt bekommen und fragte, ob ich ihm ein paar Tipps geben könnte. Beruflich ja, aber privat wollte ich mit solchen Problemen nicht allzu viel zu tun haben. Noch ehe ich antworten konnte, erzählte er schon andere Dinge und schweifte ab.
Seine Klopausen nutzten wir, um uns über private Dinge zu unterhalten und darüber zu lästern, wie dämlich sich der Typ benahm. Leider kam er jedes Mal zu schnell zurück und nervte uns weiter. Wir ließen uns das sehr lange gefallen. Bis der nächste verrückte Typ dazu kam, der wie eine Kopie des anderen wirkte. Wir wussten nicht, ob die beiden sich kannten. Der neue verrückte Typ war sogar noch härter und prahlte, wie viele Strafen er hatte und zwischendurch auch im Knast saß. Dieser Typ geizte auch nicht mit Komplimenten, die an mich gerichtet waren. Ich ging nicht weiter darauf ein, sondern grinste ihn nur gespielt an. Wahrscheinlich machte er jede Frau mit den gleichen Sprüchen an, da sie altmodisch nach Standard klangen.
Auf die die Frage:„Wie heißt du?“, entgegnete ich zickig: „Geht dich nichts an.“
Ich wollte meine Ruhe haben und nicht mit kranken Männern flirten, die notgeil waren.
Mein Freund hingegen machte kein Geheimnis aus seinem Namen.

Die beiden Verrückten verwickelten meinen Freund in komplizierte Gespräche, in denen es um Hartz IV und aktuelle Lebenssituationen ging. Anspruchsvolle Themen im betrunkenen Zustand. Ich hatte Angst, dass das ausartet und sich mein Freund um Kopf und Kragen redet. Er versuchte sich zu rechtfertigen, obwohl er das gar nicht nötig hatte. Vor allem ging das niemandem etwas an, wie mein Freund bisher in seinem Leben scheiterte. Er erzählte ihnen einige private Dinge aus seinem Lebenslauf. Ich fand es traurig und musste ohne Worte zugucken. Mir wurde das alles unangenehm und ich spürte, wie ich diesen Abend immer bescheuerter fand. Es kam mir vor, wie in einem Alptraum. Ich war mit einem Freund verabredet, damit wir uns einen schönen Abend machen konnten und andauernd wurden wir von verrückten Fremden, die nicht alle Tassen im Schrank hatten, gestört und angeflirtet. Es konnte nicht wahr sein. Vor allem diese dämlichen Gespräche die ganze Zeit. Ich war wenigstens so schlau, nicht darauf einzugehen.

Als es meinem Freund endgültig zu viel mit den beiden wurde, schlug er vor, dass wir nach vorne an den Tresen gehen. Ich fand die Idee gar nicht gut, da es dort voll war und man nicht sitzen konnte. Die Leute standen alle eng aneinandergequetscht am Tresen, der in einer Ecke endete und ich hatte keine Lust darauf, mich dort auch noch hineinzustopfen und keinen Platz zu haben. Ich hasste sowas! Aber ich ließ nach und ging mit ihm dort hin, obwohl ich mir gewünscht hätte, nach Hause zu gehen, da es fast halb drei war. Wie sollte es hier noch weitergehen? Warum wollte er unbedingt zum Tresen?

Ich stand doof herum und mein Freund fand schnell Anschluss unter all den anderen Betrunkenen. Er traf einen Bekannten und die beiden starteten eine angeregte Unterhaltung. Mein Freund war angetrunken genug, um seinen Kumpel zu erzählen, wie sympathisch er ihn fand und all solchen Kram. Nebenbei hörte ich die Worte ‚Frauen‘ und ‚Verkupplung‘ heraus und merkte, dass es hier um Sachen ging, die ich nie hören wollte. Obendrein wurde ich in meiner Anwesenheit gar nicht mehr beachtet und kam mir vor, als wäre ich gerade nicht gewollt. Ich beobachtete diese Situation noch ungefähr zwei Minuten, bis ich mich kurz und knapp mit ‚ich gehe‘ verabschiedete. Ohne über die Konsequenzen nachzudenken. Ich hatte schon Minuten davor mit diesem Gedanken gespielt, hatte mir aber eingeredet, mich zusammenzureißen und nicht überzureagieren. Es klappte nicht, weil ich innerlich platzte.
Ich ging einfach, dabei hatte ich nicht einmal meinen O-Saft bezahlt. Mein Freund würde das schon übernehmen. Wer sonst. Die Apfelsaftschorle hatte mir ja der andere Typ spendiert. Hoffentlich wusste er es noch.

Ohne einen Schlüssel zu haben ging ich nach Hause.
Natürlich war ich der Meinung, dass mein Freund mir gleich folgen würde. Auf dem Weg nach Hause dachte ich an gar nichts mehr. Ich war völlig leer und ging wie apathisch durch die ausgestorbene Fußgängerzone. Nicht einmal weinen konnte ich, da ich nichts mehr spürte. Ich merkte nur, wie der Wind an meinen Beinen entlangzog und sah das fahle Licht der Laternen.
Als ich zu Hause ankam, setzte ich mich auf die kalte Steintreppe vor der Tür, wie ein ausgesetzter Penner. Ich trug nur eine dünne Strumpfhose und Hotpants. In meiner dunkelgrünen Winterjacke sah ich äußerlich aus wie eine Tanne und sie wärmte mich auch so. Ich konnte nicht behaupten, dass mir kalt war. Nach einer Weile zog ich meine Handschuhe an, was sollten die auch länger nutzlos in der Tasche bleiben. Die Kälte des Bodens zog sich allmählich durch die Sohle meiner Boots und ich fing an, leicht zu frösteln. Aber richtig kalt war mir immer noch nicht. Hin und wieder hörte ich Schritte durch die Straßen hallen, es kam aber nie jemand in meine Nähe.
Ob mich jemand aus dem Haus von gegenüber beobachtete? Mir war es egal. Sollten die anderen Leute denken, was sie wollten. Wahrscheinlich sah mich niemand, um die Zeit schliefen alle.
Dennoch schaute ich mich suchend nach anderen Menschen um. Aus manchen Fenstern brannte noch Licht. Ansonsten herrschte überall Stille.

Ich hoffte, dass mein Freund bald auftauchen würde und schaute andauernd auf die Uhr, während die Zeit kaum merkbar voranschritt. Es konnte doch nicht sein, dass er sich keine Sorgen macht? Ich rechnete in jeder Minute mit ihm und versuchte, ob ich seine Stimme aus der Ferne hören konnte. Aber nie war es seine, obwohl ich mir das eine Mal fast sicher war.
Normalerweise hätte er längst da sein müssen. Er wusste doch, dass ich nicht woanders hinkonnte und keinen Schlüssel hatte. Wie konnte er mich nur so lange sitzen lassen und mich vergessen?
Ich wartete ungefähr eine Stunde in der Kälte und versuchte ihn zwei Mal anzurufen, wobei ich jedes Mal das Angebot bekam, mit seiner Mailbox zu sprechen. Eine Stunde hatte ich auf der Treppe gesessen, ich konnte es kaum glauben, denn es kam mir gar nicht so lange war. Das lag wohl daran, dass ich selber nicht völlig nüchtern war und sich mein Empfinden verändert hatte.
Mir reichte es. Das war respekt- und rücksichtslos, mich alleine in der Kälte stehen zu lassen! Sicherlich war das meine eigene Schuld, da ich einfach abgehauen war, aber es gab einen Grund dafür. Ignoranz und zerstörerische Themen, von denen ich nichts wissen wollte. Welche Frau würde sich so etwas antun?

Ich beschloss, dass ich wieder zurück in die Kneipe musste.
Hier draußen hatte ich nichts mehr verloren und er würde wahrscheinlich nicht von alleine nach Hause kommen. Also ging ich durch die ganze Stadt und suchte diese verdammte Kneipe, wobei ich mich nicht genau daran erinnern konnte, wo sie war. Mir wurde wieder wärmer, als ich mich bewegte. Ich lief schnellen Schrittes einige Seitenstraßen ab und suchte auf der Straße nach bunten Lichtern, die sich vor der Kneipe befanden. Aber sie waren nirgendwo zu sehen. Vielleicht leuchteten sie nicht die ganze Nacht. Ich lief die Straßen auf und ab. Letztendlich folgte ich meinem Bauchgefühl und bog in eine ganz andere Straße ein. Mehr Möglichkeiten gab es nicht mehr.
Nachdem ich ungefähr zwanzig Minuten nervös gesucht hatte, fand ich endlich diese beschissene Kneipe und sie war noch geöffnet. Hoffentlich war mein Freund noch da, denn es wäre blöd gewesen, wenn wir uns verfehlt hätten.
Ich hatte keine Ahnung, was mich dort drinnen erwarten würde und ging mit einem flauen Gefühl in diesen Laden, der inzwischen wieder richtig voll geworden war.
Was ist in dieser einen Stunde passiert?
Wo kamen all diese Leute auf einmal her?
Es war mitten in der Nacht und in dem Laden war mehr Stimmung, als je zuvor. Ich schaute in der Menschenmenge am Tresen nach meinem Freund und sah ihn ganz versteckt in der Ecke stehen, umzingelt von anderen Leuten. Er sah mich wohl auch gleich. Ich drängte mich wütend durch die Enge und mir war es egal, wen ich dabei anrempelte. Pech, wenn kein Platz war, aber ich musste durch. Was mussten die da auch alle dicht an dicht stehen.

Ich sah, dass er sich mit einem anderen Mädel unterhielt, das am Tresen saß und er nahm einen Zug von ihrer Zigarette, warum auch immer. Sie trug eine hellblaue Jeans, eine schwarze Sweatjacke und eine schwarze Mütze auf ihrem blonden Kurzhaarschnitt. Sehr lässig. Und sie hatte ein hübsches Gesicht, mit einem lieblichen Ausdruck. Ganz entzückend.
Das Mädel hatte jedoch noch mehr Flirtpartner an jeder Seite, wirkte aber nicht allzu interessiert daran. Als ich bei meinem Freund ankam, fragte er mich nur, wo ich war und ich sagte, dass ich draußen vor der Tür herumgesessen hatte und jetzt nach Hause wollte – schon seit zwei Stunden. Laut seiner Aussage war er mir noch kurz hinterhergelaufen, als ich abhaute und ist dann wieder zurück in die Kneipe gegangen, weil es dort schöner war, als zu Hause im Bett.
Da er nichts kapierte, fragte er mich gleich noch einmal danach, ob ich nach Hause will. Das passierte noch einige Male und meine Antwort kam nicht im geringsten zu ihm durch, weil sein Hirn schon voll mit Alkohol und er verballert war. Irgendwann ist jedes Bier ein Bier zu viel. Ich schätzte, dass er inzwischen schon zwölf Biere intus hatte.

Ich stand die ganze Zeit neben all den anderen Leuten angepisst neben ihm und zog eine Fresse, die jeden vernichtete. Als er sah, dass ich nicht glücklich war, zupfte er zuerst ein paar Mal an meiner Mütze, bevor er sie mir vom Kopf zog und stupste mich liebevoll mit seinem Arm an. Das Stupsen wurde nach und nach immer stärker. Ich ignorierte all diese Zeichen und hasste es umso mehr, dass er nichts mehr merkte.
Die Musik wurde immer lauter und die anderen Leute grölten wie bekloppt und schrien zudem auch noch wie grunzende Schweine. Ich war wahrscheinlich die Einzige, die in diesem Laden noch nüchtern war und die Sache mit Abstand neutral beobachten konnte. Irgendwann wurde ein Sex-Song aus der Anlage geschossen, der alle noch einmal richtig ausrasten ließ. Ein besoffenes Mädel stieg auf den Tresen, zusammen mit einem Typen, der eventuell ihr Freund war und machten sich dort komplett zum Affen, wobei sie nicht die einzigen Affen waren, denn der ganze Laden war voll von ihnen. Mein Freund stand mit einer neuen Flasche Bier in der Hand still da und guckte heimlich zu, wobei er an meiner fiesen Fresse nicht vorbeikam. Mir konnte niemand ein Lächeln von den Lippen locken, ich zog mein Ding durch, die Stimmung wenigstens ein bisschen zu verderben und die Aufmerksamkeit meines Freundes auf mich zu ziehen. Wie konnte er nur dabei zu sehen, wie es mir immer schlechter ging? Warum konnte er nicht endlich einsehen, dass jetzt Schluss war?

Dann brodelte es wieder in mir und ich lief durch die Masse Richtung Ausgang. Im gleichen Moment wurde mir bewusst, dass ich das vorhin schon einmal gemacht hatte und dass es keine Chance gab, woanders hinzugehen. Ich wollte nicht wieder draußen in der Kälte ausgesetzt auf einer Treppe hocken und alleine sein. Mist.
Also stopfte ich mich wieder zurück durch die Menge, während mein Freund mit der hübschen Frau redete. Bei dem verletzenden Anblick quetschte ich mich prompt wieder Richtung Ausgang, weil ich keine Ahnung hatte, was ich machen und wie ich damit umgehen sollte.
Auf halbem Weg nach draußen ging wieder zurück, weil ich leider keine andere Wahl hatte.
Die anderen Gäste zeigten mir deutlich, dass ihnen dieses Durchgequetsche und Geschubse langsam auf die Nerven ging. Aber mich störte es nicht, wir kannten uns alle nicht und ich konnte mich so daneben benehmen, wie ich wollte. An diese Nacht konnte sich eh niemand mehr erinnern.

Dann stand ich wieder machtlos neben ihm.
Mir reichte das alles dermaßen, dass ich ihn erneut darauf ansprach und ihn fast darum anflehte, endlich abzuhauen, es war schon spät. Ein bisschen drang zu ihm durch und er sagte:„Ich bring dich nach Hause.“
Er ging mit mir Richtung Tür, nahm aber nicht seine Jacke mit.
„Und was ist mit dir? Du musst deine Jacke doch noch mitnehmen! Mann!“
„Ich komme nachher nochmal wieder, ich bring dich jetzt nur nach Hause und dann komm ich wieder her.“
Ich sah ihn mit großen Augen an und wollte ihn fast anspringen.
„ Du kannst mich doch jetzt nicht alleine zu Hause lassen? Wir beide waren heute verabredet und ich war dein Besuch! Das kannst du doch jetzt nicht machen?! Du kannst mich doch jetzt hier nicht so stehen lassen? Dauernd ignorierst du mich!“, und ich brach in Tränen aus.
„Ich will aber noch hier bleiben und Spaß haben. Ich will noch nicht nach Hause“, sagte er, wobei er sein Gleichgewicht kaum noch halten konnte, und nach hinten kippte.
„Du kannst doch gar nicht mehr richtig stehen! Guck dich doch mal an, du bist total dicht!“
Seine Augen waren schon ganz klein und er hielt sie beim Sprechen geschlossen, weil das alles anstrengend war.
„Ich will aber noch hier bleiben.“

So ging unser Gespräch mindestens fünfzehn Minuten. Es war sinnlos und deprimierend.
Mir schossen immer mehr Tränen in die Augen, weil ich sein Verhalten nicht verstehen konnte. Noch nie hatte er sich bei einem unserer Treffen so verhalten. Inzwischen war es halb fünf und es wäre Zeit gewesen, dass wir beide nach Hause gehen. Aber er wollte noch Spaß haben und trinken.
Noch mehr! Wie viel wollte er noch trinken, wenn jetzt schon nichts mehr ging?
Dann kam einer dieser verrückten Typen von vorher auf uns zu, weil er sah, dass wir Stress hatten und erklärte meinem Freund, dass er mich gefälligst nach Hause bringen soll. Er versuchte, auf ihn einzureden, aber erklärte auch deutlich, dass er sich nicht weiter in unsere Beziehungsangelegenheiten einmischen wollte. Er dachte immerhin, dass wir ein Paar wären, das Streit hat. Danach machte er sich mit einem Kompliment an mich langsam vom Acker.
„Deine Augen sind echt gefährlich“, sagte er mir zum vierten Mal.
Ich zeigte wütend auf meinen Freund und sagte: „Er ist an allem Schuld“, und schubste ihn.
„Sorry, was immer da gerade passiert, regel das, mein Freund. Ich kann Frauen nicht weinen sehen“, war sein letzter Satz. Danach war der verrückte Typ weg und stellte sich an den Tresen.

Mein Freund ging anschließend mit mir nach draußen, wir hatten uns lange genug drinnen angefaucht, sodass es alle mitkriegen konnten. Auf der Straße ging der selbe Alptraum weiter. Er hatte keine Einsichtsfähigkeit und ich versuchte ihm die Situation deutlich zu schildern. Ich wurde dabei sehr laut und teilweise ungehalten, aber es kam bei ihm nichts durch. Er merkte nicht, wie daneben er sich insgesamt verhielt.
Weitersaufen, obwohl schon längst das Maß überschritten war.
Weitersaufen, obwohl er eigentlich keine Kohle hatte und das Geld für andere wichtige Dinge brauchte.
Weitersaufen, obwohl er kaum noch vernünftig stehen und sprechen konnte.
Was hatte das alles mit Spaß zu tun? Eine Frau, die er im betrunkenen Zustand kennenlernen würde, wäre am nächsten Tag wieder Geschichte, da Betrunkensein mit der Realität nichts zu tun hatte. Alles nur Scheinwelt und noch mehr Probleme.

„Ich hatte mir den Abend anders vorgestellt und nicht so beschissen“, schrie ich ihn wütend an, „so scheiße hast du dich noch nie verhalten. Du merkst echt gar nichts mehr. Guck dich doch mal an! Das ist total erbärmlich!“
Er stand regungslos vor mir mit einem gleichgültigen Gesichtsausdruck.
„Ich will aber noch feiern! Spaß haben, da ist Stimmung.“
Als er immer wieder den selben Satz sagte und sich unsere Gespräche nur im Kreis drehten, gab ich endgültig auf und wusste, dass ich nicht erwünscht und völlig umsonst hier war. Ich war enttäuscht, so von ihm missachtet zu werden. Keine Spur von Sozialkompetenz und Empathie. Er war völlig anders, als er vorgab, zu sein. Wahrscheinlich war er mehr besoffen, als nüchtern, da die Kneipe sein Lieblingsort war. Ein Ort der Täuschung, nichts Wahres.

Ich war wütend und traurig auf ihn, aber ich konnte mich nicht ständig wiederholen.
„Entweder gibst du mir jetzt den Schlüssel oder du kommst mit“, sagte ich entschlossen.
„Wenn ich mich drauf verlassen kann, dass du mich nachher reinlässt und nicht einfach abhaust, dann ja.“
Ich wurde immer lauter:„Ich würde gerne sofort abhauen. Komm doch einfach mit jetzt, du Arschloch!“, und stampfte dabei mit den Füßen auf den Boden wie ein kleines Kind.
Schon blühte die Diskussion erneut auf.
„Nein“, sagte er emotionslos.
„Ich hasse besoffene Männer, die sind echt zum Kotzen. Ich hätte echt nie gedacht, dass du genauso scheiße bist. Du bist echt zum Kotzen. Und jetzt gib mir den ollen scheiß Schlüssel!“
Er war so betrunken, dass es ihn nicht mehr störte, wie ich ihn beleidigte und anschrie. Ich war sogar kurz davor, ihm eine zu knallen. Wäre das besser gewesen? Vielleicht hätte das ein bisschen geholfen, um ihn wach zu kriegen.
Während unseres Streits wurde er am Anfang eines Wortes kurz laut, um seine Macht kurzzeitig zum Ausdruck zu bringen. Danach wurde er wieder gleichgültig in seinem Suff, leise und fast stumm. Ich konnte ihn mit meinen vernichtenden Worten nicht erschlagen und kränken. Wäre er nüchtern gewesen, hätte er sich das niemals gefallen lassen und hätte sich dagegen gewehrt.
Dann gab er mir den Schlüssel und ging wankend zurück in die Kneipe.
An seinem Schlüsselbund hing ein kleines Sorgenfresserplüschtier. Das hatte vorne am Maul einen Reißverschluss und sollte symbolisch all die Sorgen fressen, die man hatte. Wahrscheinlich war dieses Plüschtier längst tot, bei solch gravierenden Sorgen, die mein Freund hatte.
Wieder einmal überkam mich Mitleid.

Die Polizei fuhr im Schneckentempo durch die Fußgängerzone und ich hoffte, dass sie mich nicht aufhalten würden, weil meine Schminke so verwischt war und ich fertig aussah. Ich blickte extra auf den Boden, damit mich niemand sieht.
Ja, ich war mit den Nerven am Ende. Schließlich hatte in der vorigen Nacht nur zwei Stunden geschlafen, nichts gegessen und mich nur im Toleranzbereich betrunken. Ich hatte die Schnauze voll und wollte, dass alles endlich zu Ende ist und ich wieder nach Hause fahren konnte. Die Bullen hätten meinen Freund mal mitnehmen sollen, dachte ich.

Als ich in seiner Wohnung war, atmete ich gleich wieder diesen unangenehmen Geruch ein. Was war das nur?
Dann kam sein Hund bellend auf mich zugerannt und ich stieß ihn abrupt mit dem Fuß weg. Er war das Letzte, was ich jetzt wollte. Oller Köter. Ich hatte nur wenig Liebe für ihn übrig, da er zu der Sorte gehörte, die jeden gleich anbellte und belästigte. Der Hund war ungezogen und böse veranlagt. Ich sperrte ihn in die Wohnstube, damit er mich in Ruhe ließ und nicht mit ins Bett konnte, so, wie er es sonst gewohnt war. Tiere im Bett gingen gar nicht. Er roch nicht gut und kratzte sich ständig wie besessen. Aber das Geld für einen Tierarztbesuch fehlte nun mal und der Hund musste darunter leiden.

Eigentlich wäre ich gerne Baden gegangen, um mich aufzuwärmen. Zu Hause hatte ich leider keine Wanne. Aber da ich nicht wusste, wann mein Freund kommt, ließ ich es sein. Ich zog meine aufreizenden Klamotten aus und holte mein nächstes Outfit aus dem Rucksack. Eine wärmende schwarze Cordhose, auf der man gut die weißen Haare des Hundes erkennen konnte, die überall herumlagen und einen weichen grauen Wollpullover mit bunten Pailletten. In meinem kurzen Schlafsachen hätte ich nur noch mehr gefroren. Normalerweise hätte ich gehofft, dass ich jetzt jemanden zum Kuscheln gehabt hätte. So war das eigentlich auch geplant.
Ich ging noch schnell ins Bad und schminkte mich ab, obwohl ich keine Lust hatte, mir die Wahrheit im Spiegel anzugucken. Ich sah blass und traurig aus. Die Haare lagen auch scheiße. Alles an mir wirkte enttäuscht und gestresst. Egal, mich sah sowieso keiner mehr. Dann legte ich mich auf die karge Matratze auf dem Fußboden, denn ein richtiges Bett gab es nicht.
Viele wichtige Dinge fehlten in seiner Wohnung. Das meiste war vom Sperrmüll oder alte Möbel von der Ex-Ex-Freundin, die kaputt waren. Auch der Lichtschalter war mit Klebeband lose an der Wand befestigt und machte den Eindruck, dass man ihn lieber nicht benutzen sollte.
Nichts war in der Wohnung perfekt. Nicht mal abwaschen konnte man in der Spüle, da etwas mit der Wasserleitung nicht stimmte und somit nicht funktionierte. Also wurde das winzige Waschbecken im Bad für den Abwasch missbraucht. Das Geschirr wurde dabei auf dem Klodeckel abgelegt. Alles sehr hygienisch. So what, mir war das ziemlich egal, anfangs. Ich hätte sein Leben schließlich komplett verändern können. Alles wäre mit mir anders und schöner gewesen. Aber er hatte mich abgelehnt und somit würde sein Leben vorerst so bemitleidenswert bleiben.

Ich legte mich erschöpft ins Bett und zog mir die zerlöcherte Decke über den Kopf, die der Hund in seinen Wahn zerbissen hatte. Mir war kalt, trotz der warmen Sachen und mein Kopf tat weh. Ich wusste, dass die Kopfschmerzen von dieser blöden Kneipe kamen und von der fast ausgetrunkenen Flasche Sekt am Abend. Die Kopfschmerzen waren zwar mild, aber sie störten mich trotzdem. Bei jeder Bewegung, die ich langsam ausführte, entwickelte sich ein leichter Schwindel. Ich war froh, nicht mehr getrunken zu haben, denn sonst wäre es mir jetzt richtig schlecht gegangen.
Schlafen konnte ich nicht. Ich sah ständig auf die Uhr und wartete, bis mein Freund kam. Irgendwann musste dieser Laden doch auch mal dicht machen. Sonst hatten die auch schon eher geschlossen und uns einmal fast herausgeworfen, weil wir um eins die Letzten waren. Nur diesmal waren die Inhaber selber zu besoffen und hatten Spaß an der ausschweifenden Stimmung.

Ich hatte nur noch einen einzigen Gedanken: Wann fahre ich nach Hause? Schnell überprüfte ich mit dem Handy die Zugverbindungen und musste mich zwischen Ausschlafen mit Wohlbefinden oder Abhauen mit Unwohlsein entscheiden.
Am liebsten hätte ich ausgeschlafen, da ich es jedes Mal übel fand, mit körperlichen Beschwerden nach Hause zu fahren. Dazu gehörten meist Übelkeit, Kopfschmerzen und starke Müdigkeit.
Würde ich gleich morgens einen der ersten Züge nehmen, müsste ich diese miesen Gefühle in Kauf nehmen.
Also stellte ich meinen Wecker vorerst zu um zwölf, das dürfte reichen, um halbwegs fit zu sein.
Mit den Gedanken, wann ich abhauen will, war ich eine ganze Weile beschäftigt.
Zwischendurch schloss ich die Augen, die inzwischen vor Müdigkeit wehtaten. Aber schlafen konnte ich trotzdem nicht, bei all der Aufregung.

Irgendwann, gegen fünf Uhr morgens kam er nach Hause.
Er musste klingeln, um in seine eigene Wohnung zu kommen und ich sprang sofort auf. Weil er so voll war, klingelte er gleich zwei Mal kurz hintereinander. Er hatte wohl Angst, dass ich nicht die Tür öffnete oder schon weg war. Ich wartete gespannt am Türspalt, während er sich die paar Treppen bis zur zweiten Etage hochschleppte. Aber er schaffte es ohne zu stürzen.
Als er den Flur betrat, sagte ich nichts und ging wieder angenervt ins Bett. Ich schaute ihn nicht einmal an, darauf konnte ich verzichten.
Im Bett lauschte ich dem Gepolter in der Wohnung und dachte, er würde jeden Moment hinfallen und sich den Kopf aufschlagen. Dann kam er zu mir ins Schlafzimmer, im Flur brannte noch das Licht und auch der Köter stürzte sich gleich mit ins Bett.
Mein Freund ließ sich wie ein alter Sack quer auf das Bett fallen, seine Beine gaben nun endgültig nach und konnten ihn nicht mehr halten. Welch Wunder, dass er es überhaupt nach Hause geschafft hatte, denn der Weg war unter diesen Umständen recht weit.
Da lag er nun, auf meinen Füßen. Er machte auf seine Art eine indirekte Andeutung, dass er mehr wollte. Das erkannte ich daran, wie er sich mit seinem Kopf in meine zugedeckten Füße wühlte und meine Beine über der Decke streichelte. Sehr offensichtlich und ein kleines bisschen offensiv. Merkte der echt gar nichts mehr?
Ich strampelte meine Füße weg und sagte genervt:„Lass das!“
Er war nicht in der Lage zu antworten.

Dann wurde es plötzlich ruhig, es regte sich nichts mehr und ich hörte nichts.
Das einzige was ich hörte, war ein Atmen gemischt mit einem leisen Schnarchen. Ich fragte mich, von wem das kam. Machte der Hund solche Geräusche oder mein Freund? Nachschauen wollte ich jedenfalls nicht und wartete, bis ich die Geräusche besser identifizieren konnte, da sie sich immer weiter ausprägten in ihrem Sound.
Dann war mir klar, dass diese Schnarchatmung von meinem Freund kam, der in einer ungünstigen Pose eingeschlafen war. Ich guckte vorsichtig unter der Decke hervor, um das Elend neugierig zu betrachten.
Mein Freund lag besoffen am Fußende in einer Position, die aussah, als hätte ihn jemand überfahren. Alle Gliedmaßen von sich gestreckt und den Kopf in die Matratze gedreht. Seine langen Haare verdeckten sein Gesicht teilweise. Ich hoffte nur, dass er nicht auch noch eingepullert hatte. Solche Dinge konnten leicht passieren, wenn man unter Kontrollverlust litt.
Er schnarchte so laut wie noch nie und sein Atem überschlug sich regelrecht. Es machte mir etwas Angst. Die ganze Situation war mir nicht geheuer. Ich guckte wieder dauernd auf die Uhr, an Schlaf war nicht mehr zu denken. Stattdessen stellte ich mir vor, was ich nachher zu Hause mache und wie ich unter meiner Kuscheldecke auf der Couch liege. Außerdem hatte ich Lust auf warme Pizza und Sojamilch mit Vanillegeschmack.
Der Handywecker von meinem Freund klingelte ab sieben Uhr in regelmäßigen Abständen. Es lag im Flur und ich wollte nicht aufstehen. Beim letzten Treffen erlaubte er mir, dass ich es ausschalten durfte, wenn es mich störte. Er hörte den lauten Wecker nicht und ich hoffte, dass er irgendwann von alleine ausging und das tat er. Paar Minuten später ging das ganze Gedudel von vorne los. Der Wecker stresste mich mit seinem Gute-Laune-Guten-Morgen-Sound, der so gar nicht in diese triste Umgebung passte.

Ich versuchte trotz Wecker ein wenig zu schlummern und mich auf zu Hause zu freuen.
Nun war mir klar, dass ich nicht erst mittags fahren wollte, sondern so früh wie möglich. Meine Kopfschmerzen konnte ich später auskurieren, die zwei Stunden Fahrt würde ich noch aushalten, wenn mich niemand ansprach und etwas von mir wollte. Ich hatte schon schlimmere Sachen durch, wie zum Beispiel mich völlig verheult und mit starken Kopfschmerzen in der Öffentlichkeit blicken zu lassen. Mit der Tatsache, dass ich an dem besagten Tag obendrein auf Schienenersatzverkehr angewiesen war. Das war mies.
Ich stellte meinen überflüssigen Wecker zu um acht, damit ich gegen neun losfahren konnte. Die Zeit davor brauchte ich, um mich zu schminken und um mich eventuell zu verabschieden.

Mein Freund schnarchte und schnarchte.
Bis er auf einmal wach wurde, kurz lachte und aufstand.
Was war jetzt los, dachte ich. Er polterte in der Küche herum und wühlte im Kühlschrank, wobei es teilweise ziemlich klirrte. Bekam er nun einen Fress-Flash, so wie es oft üblich ist, wenn man verkatert ist? Konnte er überhaupt richtig gucken, bei dem verschwommenen Tunnelblick?
Dann ging er ins Bad und ich hörte, wie er sich seine Jeans auszog. War sie etwa doch vollgepullert? Nein, wahrscheinlich zog er sich nur seine Jogginghose an, damit es bequemer ist, denn die hatte er zu Hause immer an. Die Jeans war nach Weihnachten zu eng geworden und kniff ordentlich am Bauch. Das mochte er gar nicht. Dagegen musste er dringend etwas tun. Deswegen machte er sich jetzt sein Frühstück fertig.
Ich hörte ein schrilles ‚Ping‘ aus der Küche. Ah ja, er hatte sich Brötchen aus der Tüte warm gemacht. Es gab Frühstück für ihn und er fragte mich diesmal nicht, da ich Nahrung eh immer ablehnte. Heute gab es sowieso keinen Grund mehr, mich nach meinen Wünschen zu fragen. Wir hatten uns nichts mehr zu sagen. Mein Freund hielt sich lange in der Küche auf. Dabei konnte ich mir nicht vorstellen, dass er schon ausgeschlafen hatte.
Bevor mein Wecker klingelte, stand ich auf und ging ohne eine Begrüßung ins Bad, in dem noch das Licht brannte. Ich fragte nicht, ob er fertig war. Hauptsache, ich konnte bald nach Hause und diese Bude verlassen.
Ich sah immer noch kacke aus, wie immer, wenn ich ungeschminkt war. Aber das änderte sich gleich und nach ein paar Minuten war ich wieder richtig zufrieden mit mir. Was Schminke alles kann…Auch meine Haare lagen wieder besser, dank Haarspray.

Als ich aus dem Bad kam, lag mein Freund wieder brav im Bett.
Wahrscheinlich alles Taktik, damit er mir aus dem Weg gehen konnte. Er lag genau dort, wo ich vorher gelegen hatte. Der Platz war noch warm. Ebenso gut hätte er gleich mit mir kuscheln können, wenn wir beide viel eher nach Hause gegangen wären. Er hätte alles in dieser Nacht haben können. Aber nein, es sollte nicht so sein.
Nun lag er da, ganz selig mit dem Kopf in sein Kissen gegraben mit dem Blick zur Tür gerichtet. Seine Augen waren geschlossen, damit er mich nicht sehen musste.
Ich packte meine Schminksachen in den Rücksack und schaute nach, ob ich nichts vergessen hatte. Das wäre ärgerlich gewesen, denn ich wollte nie wieder hier her kommen. In der Dunkelheit konnte ich jedoch nicht allzu viel erkennen. Eigentlich hatte ich ja auch nur mein Ladekabel ausgepackt, sonst nichts. Also, was sollte ich schon vergessen haben.
Dann ging ich in den Flur und zog mich in Zeitlupe an. In einer Lautstärke, bei der ich mir erhoffte, dass er aufmerksam wird und sich anständig von mir verabschiedete. Ich raschelte und polterte, schlug die Tür von der Schrankgarderobe zu und tritt mit den Schuhen robust auf den Boden. Aber im Schlafzimmer tat sich nichts. Okay.
Ich schaute nochmal nach, ob ich alles hatte und wühlte meine große Handtasche durch, in der sich nur wenig Inhalt befand.
Als ich bereit zum Aufbruch war, ging ich in sein Zimmer und sagte energisch:„Ciao. Wir sehen uns nie wieder.“ Danach schlug ich die Zimmertür hastig zu. Aber leider war es nicht laut genug.
Das mit dem Niewiedersehen hatte ich beim vorletzten Mal zwar auch schon gesagt, aber diesmal meinte ich es ernst. Ich wollte diese Bude nie wieder betreten und von diesem ganzen Elend nichts mehr mitbekommen. Dieses Treffen war eine Schocktherapie.
Ich hatte mehr Mitleid, als alles andere und mir war klar, dass ich mein Leben mit niemandem tauschen möchte, da ich jetzt einsah, wie viel Glück ich hatte. Es gab keinen Grund, mit dem unzufrieden zu sein, was ich hatte.
Sein Leben war nicht beneidenswert – nichts davon, nicht einmal im Ansatz. Sein Leben erinnerte mich eher an trauriges Scheitern, fernab von Glück und Gesundheit. Die Freude und der Spaß kamen nur durch das Trinken.
Ich fragte mich in der schlaflosen Nacht oft, was ich eigentlich so toll an ihm gefunden hatte und ich konnte keine Antwort finden. Ich wusste es nicht. Wahrscheinlich war das alles nur eine Illusion und ich hatte mich in ihm getäuscht.

Er reagierte nicht auf meine letzten Worte und lag da, ohne sich zu regen.
Er schaute mich nicht einmal an. Ihm war es egal, dass ich für immer ging. Heute Abend gab es schließlich wieder genug zum Saufen und unser Treffen geriet somit für ihn schnell in Vergessenheit. Vielleicht wusste er dann gar nicht mehr, dass wir uns überhaupt getroffen hatten.
Ich schlug die Haustür extra laut zu, als letzten Gruß. Meinetwegen hätte es noch lauter sein können, sodass das Schloss kaputt gegangen wäre. Wäre mir egal gewesen, er hatte ja meine Adresse nicht. Zum letzten Mal lief ich diese Treppen hinunter, vorbei an seinem Briefkasten ohne Schloss und raus aus diesem Haus Nummer 11.
Danach ging ich zum Bahnhof, es war noch viel zu früh. Aber ich konnte nicht mehr bei ihm zu Hause warten. Ich wollte einfach nicht länger dort bleiben und viel wärmer war es in der Wohnung schließlich auch nicht. Also wartete ich eine dreiviertel Stunde in der kühlen Bahnhofshalle und schrieb eine letzte SMS:

P.S.: Du warst echt ekelhaft letzte Nacht. Unterstes Niveau. Du hast recht, ich gehöre nicht in dein Leben und ich will es auch nicht mehr. Du hast mich völlig abgeschreckt und angewidert in den letzten Stunden. Sorry für meine Ehrlichkeit, aber so jemand passt dann doch tatsächlich gar nicht zu mir.

Eine Antwort gab es dazu nicht mehr. Er war schon wieder mit Saufen und Party beschäftigt. Auf der Suche nach der perfekten Frau, die er nie fand.

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Rot

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Fast geräuschlos glitt der letzte Nachtzug aus der Halle. Der Bahnsteig war leer, bis auf einen einzelnen Mann. Er hatte sich eine Zigarette angezündet und starrte dem Zug nach, dessen rote Schlusslichter rasch kleiner wurden.

Auch als der Zug längst verschwunden war, blickte Lennard dem Nichts hinterher. Als die Bahnhofsuhr zwei Mal dumpf schlug, zuckte er zusammen. Zwei Uhr, mitten in der Nacht im Winter. Die Kälte zog bis in die Halle. Er empfand nichts außer dem Schmerz, der sich tief in seine Seele fraß. Eine Stunde lang stand er wie gelähmt in der Halle und rauchte eine Zigarette nach der anderen, bis die Schachtel leer war. Der Qualm konnte seine Gefühle nicht betäuben. Dafür brachte er Übelkeit hervor und Lennard beschloss, langsam nach Hause zu gehen. Der eisige Wind fuhr durch seine langen Haare und kühlte sein vor Kummer glühendes Gesicht. Die zarten Schneeflocken auf seinen Wangen spürte er nicht. Küsse fühlten sich für ihn anders an. Aber die Küsse, nach denen er sich sehnte, bekam er nicht mehr.
An der Haustür erwartete ihn bereits seine aufgeregte Mutter. Sie trug nur ein leichtes Nachthemd und war ganz blass vor Schreck.
„Lenni, wo warst du? Ich habe mir solche Sorgen gemacht! Du kannst doch nicht einfach so abhauen!“
„Geh weg, ich will niemanden sehen jetzt“, sagte Lennard gereizt und schubste seine Mutter sanft beiseite.
„Lenni!“
Doch Lennard hörte ihr nicht mehr zu und ging in sein Zimmer, wo er sich gleich auf sein Bett fallen ließ, in seinem verschneiten Parka und mit den matschigen Straßenschuhen. Ihm war alles egal. Als er das rote Stand-By-Lämpchen an seinem Fernseher leuchten sah, erinnerte er sich wieder an die roten Lichter des abfahrenden Zuges. Für ihn war dieser Abschied der schlimmste Moment seines Lebens gewesen. Es war der Abschied von seiner ersten richtigen Freundin und ersten großen Liebe – Frieda. Sie war sehr spontan und rebellisch, das liebte er an ihr. Aber diesmal hasste er es. Ihr letzter Satz brannte sich in sein Gehirn: Es gibt mehrere große Lieben im Leben, man muss nur die Richtige finden. 
Er war nicht der Richtige für sie, trotz der drei langen aufregenden Jahre. Noch nie hatte sein Herz so wehgetan wie jetzt. Weinen konnte er nicht, das war Mädchenkram für ihn.
Als sein Handy leise in der Tasche vibrierte, hoffte er, dass es eine SMS von Frieda war. Auf dem Display stand: Hey, koppf hoch,..Wirst schon drüba hinwegkommen. Du findest schon ne andere, jeder ist doch iwie austauschbar, oder? lg
Lennard beschloss, nicht zu antworten und zu schweigen. Er konnte nichts an ihrer Entscheidung ändern und musste ihre Meinung akzeptieren. So oberflächlich sie auch klang, als ob er ihr nichts bedeutete. Er war zutiefst enttäuscht und gekränkt.
Dennoch liebte er sie, mit all ihren verrückten Fehlern und wahnsinnigen Stärken. Lennard hatte keine Ahnung, wie er die Nacht verbringen sollte, ohne an sie zu denken. Er griff unter sein Bett und holte eine Flasche Bier hervor, obwohl er gerade Lust auf etwas Härteres gehabt hätte. Irgendwann schlief er erschöpft ein.

Am nächsten Morgen klopfte seine Mutter an seine Zimmertür. 
„Lennard, guck mal, wer hier ist. Besuch für dich.“ 
Vor ihm stand Frieda, die über das ganze Gesicht strahlte, mit all den glitzernden Schneeflocken auf der grünen Strickmütze. Ihr Mantel war genauso rot wie die Lampen vom Zug. 
„Ich hab dich so vermisst, Lenni“, sagte Frieda und umarmte Lennard innig, „das Taxi steht noch vor der Tür. Hast du bisschen Kohle?“
Lennard nahm Frieda in den Arm und sagte: „Du durftest mich gerne arm machen, solange ich dich behalten konnte. Du bist mein größter Reichtum. Gewesen.“ 
Mit diesen Worten ging Lennard entschlossen in sein Zimmer, auch wenn es ihm schwerfiel. Ihr sprunghaftes Verhalten konnte er Frieda jedoch nicht verzeihen. Der Zweifel an ihrer Liebe und ihr sprunghaftes Verhalten war ein großer Vertrauensbruch, der ihre Beziehung in der Basis zerstörte. Lennard konnte das nicht zulassen und wollte seinen Stolz nicht verlieren. Er konnte ihr nicht verzeihen. Männer müssen so etwas verkraften können, dachte er sich. Auf welche Art auch immer. 
Eines Abends ging Lennard wieder zum Bahnhof. Er liebte dieses Gefühl der Sehnsucht, wenn die Nachtzüge den Bahnhof verlassen und er liebte das Gefühl der Hoffnung, dort eines neues Mädchen kennenzulernen. Ein Mädchen in einem roten Mantel. Liebevoll, charmant und vielleicht ein bisschen verrückt.

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Tränenkuchen

Ich backe dir einen Kuchen, mit all meinen Tränen, die ich voller Kummer in den Teig weine. Weil du Geburtstag hast und ich nicht mehr eingeladen bin.
Erstens muss ich an dem Wochenende arbeiten und zweitens hast du keine Gefühle für mich, wie du mir per Mail erklärt hast. Ein Schock, nach all der Hoffnung, die du über Wochen in mir geweckt hast. Vor einigen Tagen waren wir uns noch so vertraut und nun sind wir distanzierte Fremde. Oder enge Freunde. Wie es immer üblich ist, wenn es für eine ernsthafte Beziehung nicht reicht und man die Schmerzphase überwunden hat
Gründe konntest du mir nicht nennen, nein. Aber dein Bauch ist der Meinung, dass ich nicht zu dir passe. Und du glaubst ihm. Gegenseitige Sympathie und Attraktivität werden ausgeblendet, weil dein Bauch recht hat. Basta.
Kann dein Bauch sehen?
Kann dein Bauch mehr fühlen, als dein Hirn?
Warum vertraust du deinem Bauch mehr, als uns?
Ich kapiere es nicht. Akzeptieren muss ich es trotzdem.
Weinend sitze ich auf dem Küchenstuhl, mit der traurigen Teigschüssel vor mir. Mein verschwommener Blick starrt auf deine letzte Mail, die ich immer und immer wieder durchlese und mit jedem Satz neu interpretiere, um doch noch etwas Positives zu finden. Aber es gibt nichts.
Kurz nach Mitternacht schiebe ich den Teig in den Ofen, völlig apathisch. Ich ziehe die Küchenuhr auf, damit der Kuchen nicht anbrennt, in meiner geistigen Abwesenheit. Dennoch wird er an einer Ecke schwarz. Was soll’s, die Schokoglasur wird den Fehler schon vertuschen.
Das wird der erste Kuchen sein, den ich im Paket verschicken werde und wahrscheinlich wird es keinen Anlass geben, so etwas nochmal zu tun. Wer verschickt schon verderbliche Lebensmittel mit der Post…
Damit der Kuchen nicht alleine reisen muss, kann er die Gesellschaft netter Worte, die auf Papier geschrieben sind, genießen und darf sich von Konfetti schmücken lassen, dass ich in den Karton streue. Lauter Herzchen und Kleeblättchen als Symbol, wie sehr ich dich mag.
Zum Schluss wird er in Servietten eingebettet, die ihn vor groben Stößen schützen. Außerdem habe ich nebenbei auch 18 Muffins gebacken, die als Airbag dienen.
Ob der Kuchen salzig geschmeckt hat, werde ich nie erfahren, da er nie bei dir angekommen ist (trotz Sendungsverfolgung) und die Liebe nie deinen Magen erreicht hat.
Ein vergessenes Paket und unerwiderte Gefühle, die nach und nach sterben werden, damit die Freundschaft Platz hat, die mit der nächsten festen Freundin aufhört.

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Spätzünder

Sarina war immer ein Spätzünder gewesen und langsam machte es sie unglücklich, immer noch Single zu sein. Schließlich war sie schon 18 und hatte vom Küssen keine Ahnung. Deswegen erkundete sie im Internet mit großer Neugier diverse Seiten über Liebe und Partnerschaften. Die Beiträge steigerten ihre Sehnsucht, endlich einen richtigen Freund zu haben, denn für Sarina war das alles Neuland. Früher war ihr die Schule wichtiger, deswegen war die Sache mit den Jungs untergegangen und sie wurden zur Nebensächlichkeit. Aber nun, nach der Schule, hatte sie alle Freiheiten und zudem ein eigenes Leben.
Da Sarina etwas schüchtern und vorurteilsvoll war, hatte sie nie besondere Lust auf Partys gehabt. Das war einfach nicht ihre Sache, all die betrunkenen Leute, die nur Unsinn erzählten und sie sich fehl am Platz fühlte. Nein, das wollte sie sich nicht antun. Somit waren ihre Chancen, jemanden kennenzulernen, leider eingeschränkt. Das dachte sie zumindest.
Ihre Mutti sagte immer: „Du lernst schon jemanden kennen. Manchmal passiert das an ganz komischen Orten wie z.B. in der Kaufhalle.“ Sarina konnte nur augenrollend antworten: „Als ob ich da jemanden ansprechen würde. Das glaube ich eher nicht. So was Blödes!“

Sarina verzichtete auf die nervigen Ratschläge ihrer Mutti. Ihr neuer Ansprechpartner war nun das Internet. Und neben all den Liebesplattformen entdeckte sie auch vielversprechende Datingplattformen. Für Sarina waren sie eine völlig neue Dimension und zugleich Hoffnungsträger für eine schönere Zukunft zu zweit.
Natürlich meldete sie sich sofort an und füllte mit ein paar persönlichen Angaben ihr Profil aus. Zu guter Letzt lud sie einige aktuelle Bilder hoch, die ihr am besten gefielen und ihr Herz fing an zu hüpfen, nachdem ihr Profil freigestellt wurde und für alle sichtbar war.
Jetzt wartete sie ungeduldig, was passierte, und stöberte durch die Profile der Männer, die recht überschaubar waren. Wirkliches Interesse erregte jedoch niemand bei ihr, es kam nur zu oberflächlichen Bekanntschaften und kurzem Nachrichtenverkehr. Die Schmetterlinge blieben stumm.

Einige Monate später lernte sie jemanden kennen. Jemanden, der sie ohne Foto anschrieb. Sarina schaute sich die Daten in seinem Profil skeptisch an und war trotzdem sehr neugierig. Seine trockenen Profilangaben passten zu ihrem Geschmack. Sie verstanden sich super und jeden Tag wartete sie nervös vor dem Bildschirm auf seine Nachrichten, die meist gegen 18 Uhr eintrafen, nachdem er Feierabend hatte.
Sie schrieben sich schon drei Monate lang, als sie beschlossen, sich zu treffen. Sarina fragte nach einem Foto, da sie jetzt wissen wollte, wie er aussehe. Einen Tag vor dem Treffen bekam sie zwei verwaschene Fotos per Mail und sie war geschockt. Sie konnte es nicht fassen, dass sie auf den Bildern ihren absoluten Traumtypen sah. Sie hätte mit jeder Enttäuschung gerechnet, nur nicht mit so einer Überraschung. Er hatte lange dunkle Haare und stechende meeresblaue Augen mit einem verwegenen Blick.
Damit stieg ihre Aufregung vor dem Treffen immens in die Höhe. Toni war der Jackpot für ihre Gefühle.
Sie verabredeten sich für den nächsten Abend im Foyer eines Kinos.

Es war ein lauer Abend im Mai, als sich Sarina auf den Weg in die Stadt machte. Um ihre wachsende Vorfreude noch länger zu spüren, ging sie knapp eine Stunde zu Fuß und genoss das Kribbeln überall in ihrem Körper, das von der Musik aus ihren Ohrstöpseln untermalt wurde.
Das Kino befand sich in einem großen Kaufhaus, in dem viele junge Menschen umherliefen. Sarina dachte andauernd, dass er schon auf sie wartete und sie heimlich beobachten würde. Aber sie sah niemandem. Als sie das letzte Stück auf der Rolltreppe hochfuhr, überschlug sich ihr Herz vor Aufregung. Gleich würde sie ihn sehen.
Sie stellte sich neben ein Geländer, um ein bisschen Halt zu finden. Überall standen Leute, die sich angeregt unterhielten und Sarina beobachtete ihre Umgebung unsicher. Ihre Knie könnten jeden Moment nachgeben, so schwach war sie auf den Beinen.
Inzwischen war Einlass und Toni hätte längst da sein müssen. Er schickte ihr auch keine SMS. Sarina hatte keine Ahnung, was los war. Aber sie spürte intuitiv, dass heute kein Treffen stattfinden würde. Nach einer halben Stunde ging sie gelassen nach Hause, denn trotz der Enttäuschung überkam sie ein Hauch von Erleichterung, weil sie so aufgeregt war, dass sie fast paar Mal dachte, sie müsste sterben. Sarina dachte, dass er nach der anstrengenden Arbeit vielleicht nur eingeschlafen war.

Zu Hause angekommen, piepte ihr Handy. Eine SMS von Toni. Er schrieb: ‚Tut mir Leid, Sarina. Aber ich hab‘ verpennt! Tut mir wirklich sehr Leid! Wir verschieben das! Bis dann!‘
Sarina freute sich, dass er sich doch noch meldete und sie war nicht sauer. Schließlich wusste sie, dass er ihre erste große Liebe sein würde. Sie war sich sicher, denn ihr Bauch hatte bisher immer die Wahrheit gesagt.
Und so war es auch. Nachdem sie beim zweiten Anlauf mit Puddingbeinen die Treppen ihres Hauses herunterging, sah sie in die Augen ihres Traummannes, der in seinem dunkelblauen Kombi unten auf sie wartete und sie mit einem strahlenden Grinsen ansah.
Das war er.

Langweilige Arschkriecher

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So sind Männer am schlimmsten. Für mich.

Ich schaue auf mein Handy. Ein Blick genügt, um es genervt wieder in die Hosentasche zu stecken.
Schon wieder fünf neue Nachrichten, obwohl ich gerade mal vor drei Stunden geantwortet habe!
Es sind Antworten auf immer die selben Fragen. Und meine Antworten auf seine Fragen ändern sich auch nach drei verdammten Stunden nicht gravierend.

Um einige beliebte Beispiele zu nennen:

‚Na, wie geht’s dir?‘
‚Was machst du gerade?‘
‚Bist du immer noch auf Arbeit?‘
‚Was machst du nach der Arbeit?‘
‚Schläfst du schon?‘
(-> situationsbedingte Frage, wenn ich spät abends nicht mehr antworte, obwohl ich selbstverständlich noch wach bin, da ich erst sehr spät ins Bett gehe)

Was sollen all diese belanglosen Fragen?
Es sind Fragen von einem Kerl, den ich eigentlich kaum kenne. Aber er tut alles dafür, um mich besser kennenzulernen und er tut es auf die anhängliche Art, die ich nicht leiden kann.
Ich hingegen habe ihn längst durchschaut, ohne viele Fragen stellen zu müssen. Und trotzdem bin ich mir sicher, ihn inzwischen bestens zu kennen.
Ein Mann aus Glas. Ich muss ihn nur anschauen, um das Wichtigste zu wissen.

Wie es mir geht, ist oft undefinierbar. Zwischen gut und schlecht ist alles möglich.
Aber ich mache fast jeden Tag die selben Dinge.
Nämlich 12-14 h arbeiten, und mich nebenbei um Hobbys und Freunde kümmern.
Deshalb bekommt er jeden Tag die selben Antworten von mir. Nur er checkt es nicht. Er checkt nicht, dass ich Ziele und Pläne habe, die ohne einen Mann genauso gut funktionieren. Das nennt man Unabhängigkeit.
Das Beste an der Sache ist, dass wir nicht mal ein Paar sind. Er hat nicht das Recht, mich mit seiner Nähe und seiner Neugier zu bedrängen.
Er ist wie ein Teddybär, der geknuddelt werden will. Am besten auf der Couch vor dem Fernseher. Mit einer Tüte Chips und einer Cola.
– Ohne mich.

Er passt genau in die Schablone: Liebevoller Langweiler, der eine durchgeknallte Frau braucht, um sich nicht mehr zu langweilen.
Vor allem spielt er sich wie ein verklemmter Kumpel auf, der bei dem Wort ‚Sex‘ gleich rot anläuft, weil es ihm peinlich ist, darüber zu reden.
Geht gar nicht, da kann ich nur verachtend den Kopf schütteln.
Kuscheln statt Sex? – No way.
Ich bin nur sein platonischer Zeitvertreib, damit sein Leben wieder ein bisschen mehr Sinn macht.
Mein Leben macht auch ohne ihn Sinn und ich bin mir nicht sicher, wozu ich ihn überhaupt brauche.

Er macht auch jeden Tag das Gleiche – sich langweilen, was sonst.
Weil er keine gescheiten Hobbys hat und seine Freunde anscheinend auf Abstand gehen, wenn er nicht gerade auf deren Hochzeiten eingeladen wird.
Warum wohl?
Vielleicht weil er nervt und alleine mit sich nichts anfangen kann?
Er hat kein eigenes Leben, das ist das Problem.

Ich finde es schlimm, wenn jemand mit sich alleine nicht klarkommt und gar nicht weiß, was er vor lauter Langeweile tun soll. Für mich gibt es eigentlich nichts Schlimmeres, als solche Menschen. Leider gibt es viele von denen und ich akzeptiere es, aus der Ferne betrachtet.
Und wenn es sich dabei um Männer handelt, ist das noch viel schlimmer.
Ist doch bescheuert, wenn Männer bei ihrer Freizeitgestaltung auf das Mitwirken von Frauen hoffen und auf nette Worte warten.
Andersrum wäre es, meiner Meinung nach, deutlich spannender.

Wäre er ein ignorantes Arschloch, würde er bestimmt etwas mehr Beachtung von mir kriegen.
Mit Provokation und Rebellion könnte er mich mehr beeindrucken.
Und natürlich sollte er einen interessanten Job haben und so gut wie nie erreichbar sein.
Das wären für mich sehr zufriedenstellende Umstände.

Also: Wer mich haben will, der sollte mich lieber in Ruhe lassen.
Oder abwarten, bis ich konkrete Wünsche äußere oder aus Eigeninitiative anzügliche Annäherungsversuche mache.
Alles andere zieht bei mir nicht.