Flucht ins Kino 


Welch seltsamer, emotional belastender Tag, der nun endlich zu Ende ist.
Wobei ich mich vor einem Jahr noch auf dem Rückweg nach Hause befand, mit Anflügen von Übelkeit im Zug. Ich erinnere mich gerade genau, wie der Apfelsaft-Gin mir dort fast zum Verhängnis wurde, ich mich jedoch beherrschen konnte, indem ich mich auf die Musik aus meinen Ohrstöpseln konzentrierte. Danach machte ich mitten in der Nacht einen Spaziergang vom Bahnhof nach Hause, da keine Straßenbahn mehr fuhr. Somit hatte ich auch gleich genug frische Luft. War ein gutes Mittel gegen die Übelkeit, die zu Hause ihren Ausbruch im Klo fand. Schönes Treffen, schöne Nacht. Herrlich. Da war noch alles in Ordnung.

Ich zelebrierte diesen gestrigen besonderen Samstag tatsächlich melancholisch im Bett, mit einer Duftkerze und im abgedunkelten Zimmer. Die Sonne schien sowieso nicht. Umso dunkler war es mit heruntergelassenem Rollo. Ich schwelgte in Gedanken und Erinnerungen. Viel zu viel. Und zugleich spürte ich diese gewisse Leere, die mich permanent erfüllt. Widersprüche gehören zu meinem Leben eben dazu, das ist meine Normalität. Ich wünschte, meine Gefühle wären insgesamt nicht so extrem, sondern auch normaler. Aber dann wäre ich vielleicht eine Langweilerin, was ich auch sehr ätzend fände. Langweilig mag ich nicht, war nie mein Ding.
Zwischendurch ging ich kurz shoppen, las drei kleine Kapitel eines spannenden Buches und zappte durch meinen iPod. Auch Lieblingssongs übersprang ich. Innerlich völlig unruhig und aufgewühlt. Ich fand in keiner Tätigkeit Ruhe, nicht einmal beim Mandala ausmalen. Nichts konnte mich gedanklich ablenken und nichts machte richtig Spaß, sondern endete in Zerfahrenheit. Schaute nur auf die Uhr und sah die Szenen des vergangenen Jahres. Wie krank sich das anhört,..oder? Ich klinge wie eine ewig verheiratete Witwe. Oder nach einer Frau, die nach zehn Jahren Beziehung wieder Single ist. Dabei handelt es sich in meinem Fall nur um ein dreistündiges Treffen. Kein Anlass für all diese dramatische Trauer. Und dennoch geht es mir so bescheuert. Vielleicht bin ich jetzt auch durch mit dem Thema, da ich schon dabei bin, mein unsinniges Verknalltsein hier in der Öffentlichkeit ins Lächerliche zu ziehen und es mir dadurch umso bewusster wird, wie dämlich es eigentlich ist. Aber es hat mich leider erwischt. Man erlebt ja auch mal krankhafte Episoden im Leben. Eigentlich eher auf Depressionen bezogen, aber bei mir nennt sich das anders. Emotional instabil…
Abends ging ich ins Kino. Alleine. Ich wusste, dass das die beste Idee ist, um anderen Input zu bekommen. Alleine in Gesellschaft fremder Mensche, zusammen in einem gemütlichen Kino ist immer eine gute Wahl. Kino ist mein zweites Wohnzimmer. Neben mir saß niemand und ich fühlte mich, bis auf das vereinzelte Popcorngeraschel, gut und ungestört. Der Gruselfilm lenkte mich komplett ab, obwohl er gar nicht so toll war. Aber es reichte und es war besser für mich, den Abend nicht alleine zu Hause zu verbringen. Sonst hätte ich diesen nur stumm im Bett verbracht und hätte wieder teilnahmslos die Decke angestarrt. Ich musste unbedingt herauskommen aus diesem Stumpfsinn. Gegen 23 Uhr kam ich nach Hause und war froh, als dieser schräge Tag fast vorbei war. Die letzte Stunde verbrachte ich mit Nachrichten schreiben..an Freunde, bei denen ich mich lange nicht mehr gemeldet habe. Mal wieder mit der Hoffnung auf Ablenkung. Mir war egal, was sie schrieben. Hauptsache, ich fühlte mich in dieser Stunde nicht so einsam. Was tut man nicht alles aus Verzweiflung. Shit. 
Ich hoffe, dass es mir bald besser geht und ich mich privat emotional wieder positiv verändere. Immer wieder rede ich mir ein, dass es keinen Grund gibt, traurig zu sein und dass alles gut so ist, wie es ist und dass andere tolle Männer auf mich warten. Es muss nur einfach mal richtig in meinem Hirn ankommen. Und in meinem Herzen. 

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August, 1 Jahr später


Diese Seite verstummt, ich weiß. Eigentlich gibt es viel zu sagen, würde ich mich nicht so verdammt gelähmt fühlen. Innerlich. Alles ist lahm geworden, dabei passiert in meinem Leben so viel. So viel Aufregendes. Neuer Job, neue Figur, neues Aussehen – all sowas. Dinge, über die man sich freuen kann und die für viele Menschen erstrebenswert sind. Ich habe so vieles erreicht. Und dennoch: Richtig gut geht es mir seit einem Jahr nicht mehr. 
Eigentlich gibt es für diese starke Melancholie, die ich spüre, gar keinen Grund, weil eigentlich alles nahezu perfekt ist. Ich müsste also glücklich und fröhlich sein, den ganzen Tag lächeln…
Der Knackpunkt ist eigentlich. Eigentlich, eigentlich, eigentlich. Wie soll ich etwas erklären, für das es eigentlich keine vernünftige Erklärung gibt. Unvernünftig ist der passendste Ausdruck für mein Verhalten. Naiv, gar kindisch. Irgendwie. Etwas stimmt einfach nicht und dieser ewige Kreislauf nimmt kein Ende, weil das Erlebnis vom vergangenen Sommer so sehr an mir haftet. Es klebt an mir und ich kann mich nicht davon befreien. Dabei ist es so schädlich, an der Vergangenheit zu kleben. Weil sie nicht mehr aktuell ist und sich Dinge nicht mehr rückgängig machen lassen. 

Was zurückbleibt ist Zerstreuung. Ich versuche mich jeden Zag zu ordnen, aber bis jetzt habe ich es an keinem Tag geschafft. Zumindest nie so, wie es sein sollte. Ich sollte in der Gegenwart leben und nicht jeden Abend in diese Traurigkeit und Sehnsucht abdriften. So gut ich mich jeden Tag auch ablenke, es funktioniert niemals vollständig. Die Wehmut findet immer zurück zu mir. Dann liege ich im Bett, starre minutenlang Gegenstände an und verschwinde in der Verlorenheit. Das passiert mir immer häufiger, dass ich einfach nur daliege und gar nichts tue. Oder morgens schlecht aus dem Bett komme und immer wieder die Decke über den Kopf ziehe, um im Dunkeln zu liegen. Oder die Rollos den ganzen Tag unten zu lassen, weil mir die Dunkelheit mehr zusagt und mein Innerstes widerspiegelt. Ich fühle mich wohl im Dunkeln. Vor einem Jahr war das noch anders. Da war ich energiegeladener und nicht so komisch drauf, wie jetzt. Mein jetziger Zustand beschreibt eher den Rückzug, der von der völligen Isolation trotzdem noch weit genug entfernt ist, denke ich.

Heute, vor genau einem Jahr hatte ich dieses Treffen, das mich emotional so sehr veränderte, dass ich mich kaum noch mit früher vergleichen kann. Manche Erlebnisse sind einfach einschneidend, auch wenn es übertrieben scheint, zu behaupten, dass man sich sofort in jemanden ‚verlieben‘ kann. Aber irgendwie kann man es. Obwohl es mehr als absurd klingt. Ich weiß…
Dabei ging das Treffen nur knapp drei Stunden und ich wurde danach aus ‚geschäftlichen‘ Gründen nach Hause geschickt. Ich wurde sogar fast vor die Straße gesetzt, ohne zu wissen, ob ich mit dem Zug noch um die Zeit nach Hause komme. Aber er war so nett und fuhr mich dann doch noch zum Bahnhof, nachdem ich mich so hilflos und weinerlich verhielt. Klingt also nicht gerade nach einem Super-Date. Genau das ist eben das Absurde daran. Eigentlich hat nichts weiter stattgefunden als: Abholen/Bahnhof/Spaziergang – Erzählen/Gin/Blickkontakt – Verabschieden/Vespa/Bahnhof. Jeder Part davon dauerte aufgeteilt also jeweils eine Stunde. Und der Blickkontakt hat es mir am meisten angetan. 

Alles so banal, und doch so wahnsinnig gravierend für mich. Weil er mich so verdammt anzog, mit allem. Seiner Persönlichkeit, seinem Aussehen, seinem Charakter.. Und dass, obwohl ich ihn so gut wie gar nicht kannte, sondern nur erahnen konnte, wie er wohl wäre,..mit all meiner Menschenkenntnis war ich der Annahme, mir von vornherein ein exaktes Bild von ihm machen zu können. Welch dummer Gedanke,..eigentlich.
Es klingt alles so schwachsinnig, obwohl ich meine Gefühle und Gedanken damit nicht verleugnen möchte. Weil sie immer noch so präsent sind, wie damals. Meine Gefühle sind immer noch da, trotz all der Umstände. 

Klar fand ich es nicht toll, als ich nach drei Stunden spontan nach Hause geschickt wurde, trotz seines tollen Gästezimmers. Aber es hatte nichts mit mir zu tun, sondern mit einem Meeting, das sich ziemlich rasch via PC aufdrängelte. Wie auch immer..Vielleicht gab es im Nachhinein doch ganz andere Gründe. Wahrscheinlich war er auch zu dem Zeitpunkt schon in einer Beziehung. Ich habe keine Ahnung. Immerhin sagte er später oft genug, er sei vieles nicht wert. Schon gar nicht, dass ich ihn mag und ihn so begehre. Entweder litt er an falscher Bescheidenheit oder weil er wusste, dass er gerne mal Frauen betrügt. Ich wüsste gerne, was damals genau passierte. Eigentlich wüsste ich am liebsten noch viel mehr über ihn. Ich hätte ich so gerne kennengelernt, insgesamt. 
Heute vor einem Jahr war noch alles in Ordnung. Ein gewöhnlicher Samstagvormittag mit meinen Lieblings-TV-Serien und einer gewaltigen Portion Aufregung. Nebenbei texteten wir miteinander und erzählten davon, was wir alles miteinander vorhatten an diesem Abend. 
Alles war super und klang eindeutig nach Happy End. Etwas anderes wäre undenkbar gewesen, da alles zwischen uns perfekt war. 

Heute weiß ich, dass es perfekt nicht mehr gibt. Er war perfekt. Aber seit ungefähr zwei Monaten brach er den Kontakt ab, da er meine seltsamen Liebeserklärungen und mein bettelndes Verhalten nicht mehr länger ertrug. Verständlich. Warum habe ich mich nicht endlich mal zusammen gerissen? Er ist schließlich in einer Beziehung und scheint diese Frau mehr zu mögen, als mich. Denn wäre es anders, hätte er sich für mich entschieden. Dieser Fakt schmerzt. Seit zwei Monaten wohne ich auf seiner Blockierliste, da ich es einfach nicht verstehen wollte, dass er jeglichen Kontakt zu mir ablehnte. Da es nicht gut für ihn war und für mich sowieso nicht. Leider wollte ich nichts davon verstehen. Ich lebte immer noch in der Überzeugung, ihn umstimmen zu können. 

Es schmerzt. Kein Kontakt mehr, keine Möglichkeiten, kein Wiedersehen. Nie mehr. Dabei versprach er mir, dass wir uns im August wiedersehen. Ein Jahr später, ganz unverbindlich. Kaffee trinken, ganz kurz. Hauptsache, wir sehen uns. Aber daraus wurde nichts und meine Traurigkeit wuchs dadurch umso mehr. Wie sehr hatte ich mich auf dieses Treffen gefreut…jeder einzelne Moment hätte für mich gezählt und mich glücklich gemacht. Jede Sekunde ist wertvoll.
Seitdem herrscht in mir Leere, emotionale Leere. Diesen Abbruch verkrafte ich nicht. Ich spüre genau, dass er mir extrem fehlt. Mir fehlt diese eigentlich fremde Person, die immer zu mir sagte, er wäre eine Projektion. So etwas, wie ein Fantasiegebilde. Vielleicht war er das auch, und dennoch kann ich ihm nicht zustimmen. Für mich war er mehr. Manche Männer muss man nicht kennen, um zu wissen, dass sie die richtigen sind. Man weiß es einfach aus dem Herzen. 

Diese Story hört sich nach einem einzigen Chaos an. Und ja, es gibt tatsächlich kaum Worte und eine Erklärung dazu. Für mich ist es auch Chaos. Diese Story ist einfach nur Gefühl und beinhaltet diese starke unerfüllte Sehnsucht, die vielleicht niemand mehr stillen kann. Es ist schwer. 
Dieses Treffen spielt sich in meinem Kopf jedes Mal wie ein Film ab. Gerade heute. Ich erinnere mich genau daran, was ich wann getan habe, wann ich wann wo war… Dieser ganze Tag ist komplett in mir abgespeichert, mit all seinen Szenen und Wort- und Gedankenfetzen. Ich habe nur Schnipsel im Kopf. Auch der damalige Chat schläft auf meinem Handy. Alles ist so frisch, obwohl es schon ein Jahr her ist und ich frage mich, ob ich jemals aus dieser Endlosschleife flüchten kann, wenn ich doch so sehr an ihm hänge. Obwohl es überhaupt gar nichts bringt. Aber diesen Gedanken verdränge ich… 

Im Eimer

  
Sagt der Typ, mit dem ich heute Abend zum Pizza-Essen verabredet war und der mir im letzten Moment eine unemotionale Absage per Whatsapp erteilt hat. Eine Stunde vor unserem Treffen. 

Dabei stand der Termin seit Tagen fest und unser Treffen war gut geplant. Pizza-Essen (evtl. mit Gratisgetränk seinerseits), Kommunikation und Badewanne. Normalerweise kommt nie etwas dazwischen, wenn ich nicht gerade diejenige bin, die rumzickt und unangekündigt alles abblockt. Diesmal ist er der Spielverderber und das passt mir gar nicht. Ich mag mich nicht umsonst freuen, das ist Verarsche. Wir wollten uns einen gemütlichen Abend mit Pizza vor dem Fernseher machen und vielleicht noch mit einem Bier aus der hintersten Ecke seines kleinen Küchenkabuffs. Aber nein. Er kommt ausgerechnet heute zu spät nach Hause, ist völlig platt und muss noch wichtige Einkäufe tätigen. Im Supermarkt, der nur zwei Schritte entfernt vor seiner Haustür liegt. 

Da ist natürlich kein Platz mehr für anspruchslose Besucher, die sich eigentlich nur kurz in seiner Badewanne verkriechen wollten – nach dem Pizza-Essen. Ich liebe Baden. Mein Badezimmer ist leider nicht mit einer tollen Wanne bestückt, denn die wurde fahrlässig entfernt, bevor ich einzog.
Seine Badewanne hatte ich mir quasi schon vorbestellt, für ein bis zwei Stunden. Er hätte seine Ruhe gehabt, während ich mich in der Badewanne in ein Buch vertieft hätte und darin abgetaucht wäre. Zusammen mit den ätherischen Düften der aufgelösten Badezusätze in bläulicher Pulverform, die ich mir für die Badewannen-Treffen extra immer kaufe. Entspannung pur. 
Er hätte gar nicht mitbekommen, dass ich da bin. Aber keine Chance. Er meint, ich soll in den nächsten Tagen wiederkommen, als ob ich ein unterwürfiger Patient wäre, der brav auf die nächste Sprechstunde wartet. Das Problem ist: Ich bin kein Patient.
Mein Kumpel macht es sich leicht. Wäre ich er, würde ich es jedoch genauso machen, um ehrlich zu sein. Wer seine Ruhe haben will, will eben nicht gestört werden. Auch nicht von seiner nervigen Lieblings-Freundin.

Ich wisch dich weg

  
Manchmal habe ich das Gefühl, dass sich Dating immer mehr zum Trend entwickelt. Zum oberflächlichen Trend, in dem es kaum noch um echte Gefühle geht, sondern um ein knallhartes Auswahlverfahren, welches durch spezielle Apps verstärkt und erleichtert wird. Der Slogan ‚…wisch und weg‘ bekommt dabei eine ganz neue Bedeutung. Wenn ein Bild mit einem Mann erscheint, habe ich die Wahl, was als nächstes passiert. Wer mir nicht gefällt, wird unliebsam weggewischt, als ob es sich dabei um ein Objekt handelt und nicht um einen Menschen. Es ist, als würde man jemanden in die stinkende Mülltonne schmeißen..minderwertige Ware, sozusagen. Ignoranz. Oder der Gedanke: Hoffentlich meldet der sich nicht zurück. Gefällt mir hingegen jemand, wird er angeklickt und als grünes Häkchen in den Dating-Warenkorb gelegt. Oder in der Merkliste für später gespeichert. Immer nach Reihenfolge, da man nicht mehrere Dates gleichzeitig haben kann. Dann heißt es: Abarbeiten. Die richtig interessanten Leute zuerst und danach die, die sympathisch sind oder in echt richtig gut aussehen könnten, denn Bilder täuschen natürlich oft. Zumindest bei Frauen. Männer haben mehr Talent, sich auf Selfies authentischer darzustellen, da sie es einfach zu kitschig finden, die Bilder danach mit verschiedenen Filtern aufzubessern. 
Wie man sieht, könnte man Dating via App ein bisschen mit Shopping vergleichen. Kostenlos oder auf Kosten der Gefühle des anderen oder der eigenen Gefühle, sofern sich etwas entwickelt und Enttäuschung durch einseitiges Verknalltsein droht. Das kann alles vorkommen und es gibt zig Varianten, wie es nach einem Date weitergeht. 
Aber kann sich überhaupt etwas entwickeln, wenn man immer die Hoffnung hat, noch jemand Besseren zu finden?
Ich denke, dann würde man ewig suchen oder nie richtig glücklich sein, mit dem, den man gerade hat.
Allerdings können Dating-Apps tatsächlich Hoffnungen aufrechterhalten. Schließlich melden sich jeden Tag genug neue Leute an und dann geht das Klick-Auswahlverfahren von vorne los. 
Wisch – wisch – wisch – klick – wisch – wisch – wisch ….
Stellt sich die Frage: Was macht man mehr – klicken oder wischen?

Du verdienst mich nicht

 
Nachdem ich herausfand, dass ich allergisch auf Anti-Aging-Produkte reagiere und kein Koffein mehr vertrage, verstand ich einige Dinge in meinem Leben besser. Es war wie eine Kehrtwende alter Verhaltensweisen und eine enorme Umgewöhnung, zu Gunsten meiner Gesundheit und meiner Funktion als Loverin, die wenige Tage vorher ihren spekulativen Lover verlor.
Anti-Aging-Produkte machten meine Haut genauso nervös, wie es Koffein mit dem Inneren meines Körpers tat. Beides war nicht gut für mich und das einzusehen, war ein längerer Prozess, den ich erst spät tolerierte. Eigentlich sollte ich wissen, dass ich keine Anti-Aging-Produkte brauche, um nicht zu altern, weil ich noch zu jung dafür bin. Dennoch gibt es schon leichte Anzeichen von feinen Mascara-Fältchen über den Augenbrauen, die sich nach ein paar Minuten Ruhe zum Glück wieder glätten – noch. Um diese Falten komplett zu vermeiden, müsste ich auf Schminke verzichten und würde somit einen Teil meiner Persönlichkeit beerdigen. Von daher unmöglich.

Mit dem Koffeinverzicht war es komplizierter, weil ich Kaffee liebte und die Nachtschichten mit Energydrinks amüsanter und euphorischer waren. Aber nach der Einsicht, dass Koffein mich aggressiver und risikofreudiger machte, musste ich diesem Konsum ein Ende setzen, damit keiner meiner Mitmenschen wegen mir litt oder ich mir mein Leben mit meinen Stimmungsschwankungen selber viel zu schwer machte.

Die Anti-Aging-Produkte wurden bald durch hautfreundliche und sensible Cremes ersetzt und der Kaffee bekam einen neuen Partner, der sich Tee nannte. Oder ich trank koffeinfreien Pseudo-Kaffee, der geschmacklich nicht vom Original zu unterscheiden war.
Meine innere Unruhe verwandelte sich allmählich in inneren Frieden und sorgte für allgemeine Ausgeglichenheit. Ich lebte ohne Stress und ohne Ärger, alles war leichter als sonst. Außerdem gab es keinen Druck mehr, irgendetwas tun zu müssen, das andere Leute eventuell provozierte oder mich zu sehr aufputschte. Seit der Abstinenz konnte ich mein Leben mit einem Wort beschreiben: Zufriedenheit.

Alles andere, was mich sonst aufdrehte und unruhig machte, war am Verblassen, je unwichtiger es mit der Zeit wurde. Jegliche aufwühlende Geschichten verloren an Bedeutung und wurden durch neue Erlebnisse enthusiastisch überdeckt. Vergangenheit ist Vergangenheit. Daran sollte man sich lieber öfter erinnern, denn die Vergangenheit hat mit der Gegenwart nichts gemeinsam.

Mein schadstofffreies Bewusstsein machte mich stärker und meine Anti-Koffein-Einstellung galt als mein persönliches Resilienz-Training. Ich konnte von alten Dingen und Menschen loslassen, die nicht mehr in mein Leben passten bzw. ein gefühlter Bestandteil von mir waren. Abschied war keine Herausforderung mehr, sondern ein Neuanfang. Ein Abschied öffnet im Bestfall die Tür für drei neue Menschen – eine nicht gerade schlechte Option.
Nach einigen Wochen der Umstellung war ich gelassener und fand, dass ich ohne mein unglückliches Verknalltsein in einen unerreichbaren Typen, wieder zu einem normaleren Menschen wurde, der vernünftig denken konnte und nicht mehr zu spontanen Affekthandlungen tendierte, die auch nie halfen.
Getrost konnte ich mich mit dem Gedanken arrangieren, eine von mir hochbegehrte Person stückchenweise zu vergessen, indem ich sie mit neuen Erfahrungen einfach überblendete. Und nicht nur das: Mir wurde endlich klar, dass Leute, die sich von alleine nicht melden, wirklich (!) kein Interesse haben, weil sie längst heimlich vergeben sind und der zeitfressende Beruf manchmal nur ein glaubwürdiges Alibi für die neue Freundin ist. Solche Leute haben mich nicht verdient.

Niemand, der mich ignoriert, verdient mich.

Niemand, dem ich unwichtig bin, verdient mich.

Niemand, der nach anderen (‚besseren‘) Frauen Ausschau hält, verdient mich.

Niemand, der mich nicht zu schätzen weiß, verdient mich.

Niemand, der sich von mir genervt fühlt, verdient mich.

Niemand, der von Kreativität keine Ahnung hat, verdient mich.

Niemand, der mich ausnutzt, verdient mich.

Niemand, der mich anlügt, verdient mich.

Niemand, der mir etwas vorspielt, verdient mich.

Oberflächlichkeit verdient mich nicht.

Im Moment kann ich nur lächeln. Über alles, was in den letzten Monaten passierte und über gewisse Menschen, die mir interessante Erkenntnisse bescherten. Ich bin dankbar für negative Erfahrungen, denn ohne sie wüsste ich nicht, was ich wirklich will und welche Wünsche mir tatsächlich etwas bedeuten.  
  

Bessere Tipps gegen Liebeskummer 

  

Analyse

Denke an sein Leben und denke an dein Leben. War wirklich alles so toll, wie du es dir jeden Tag schönredest? Wahrscheinlich nicht, sonst hätte es keine Trennung gegeben. Um es dir einfacher zu machen, stelle seine Schwachpunkte in den Vordergrund und denke vermehrt an die Dinge, die dir nicht gefielen, anstatt deinen Ex zu glorifizieren.

Archivieren

Du musst nicht gleich alle Fotos endgültig löschen oder vernichten. Bewahre sie lieber woanders auf und verschiebe sie z.B. in einen Ordner auf deinem Rechner oder lege sie in eine Kiste, die du danach versteckst. So wirst du nicht dazu verleitet, dir die Bilder mehrmals täglich anzugucken. Du solltest lernen, die Fotos zu ignorieren, weißt aber gleichzeitig, dass sie noch da sind. Irgendwann wird es dir leicht fallen, sie zu vergessen.

Vielfalt

Auch wenn du davon überzeugt bist, dass dein Ex der Beste ist – triff dich mit anderen Männern! Du kannst dich ablenken, wenn du mehrere Männer parallel datest. Der Vorteil daran ist, dass du dich nie alleine fühlst und ausreichend mit Komplimenten versorgt wirst. So ein entzückendes Dating-Chaos wird dich sicher auf andere Gedanken bringen. Vor allem, weil du dich auf ganz unterschiedliche Typen konzentrierst und die Chance hast, neue Abenteuer zu erleben.

Vergleiche

Vielleicht hat einer deiner Freunde auch gerade Liebeskummer und ist viel schlimmer dran, als du. Eine kurze Affäre tut lange nicht so weh, wie eine 5-jährige Beziehung mit gemeinsamer Wohnung, inklusive Anhängsel. Wahrscheinlich hat es dich im Gegensatz zu deiner besten Freundin gar nicht so mies erwischt, wie du zuerst dachtest. Deine Freunde können dich mit ihren Geschichten über Glück und Pech bestimmt bald aufmuntern. 

Langweiler

Du schreibst ihm und er antwortet nie. Oder er betrachtet dich mit Ignoranz, wenn ihr euch zufällig seht. Er gönnt dir nur noch seine völlige Abwesenheit. Bei ihm gibt es nichts mehr zu holen und das wird schnell langweilig. Stempel ihn als Langweiler ab, bei dem sich jede Form von Verschwendung (Gedanken + Gefühle) nicht lohnt. Es gibt spannendere Alternativen, als sinnlose Monologe, die im Nirgendwo enden. Dein Ex ist mit seinem passiven Verhalten viel zu langweilig für dich.

Mittelpunkt 

Rücke dein eigenes Leben wieder in den Mittelpunkt und kümmere dich um dich selbst. Im Moment ist nichts wichtiger, als du dir selber. Werde zum defensiven Egozentriker, der sich eine Auszeit nimmt, um sich seine Wünsche zu erfüllen und von neuen Zielen zu träumen. Du bist ein selbständiger Mensch, der es nicht nötig hat, sich von einer anderen Person abhängig zu machen, die auch selbstbewusst ihr eigenes Leben führt. Du kannst dir auch alleine ein wunderschönes Leben machen, denn du bist frei und darfst machen, was du willst.

Notfall

Wenn diese Tipps nach einer Laufzeit von ca. 12 Wochen nichts bewirken, oder sich dein emotionaler Zustand weiterhin verschlechtert, dann ist das eine kritische Phase, die sehr tiefgreifend ist. Du solltest nicht versuchen, dich mit destruktiven Mitteln zu betäuben, sondern locker bleiben und eventuell ein intimes Gespräch mit deinem Ex führen. Rede mit ihm über Sex, denn damit erzielst du schneller eine positive Reaktion, als mit deiner Heulerei. Denke immer daran, dass Männer Stress hassen und versuche, ihn mit Absicht zu vermeiden.

  

Abends tickt die Uhr lauter

  
Gerade fühlt es sich an, als hätte ich mir im Hals eine Ader verrenkt, weil ich meinen Kopf falsch gedreht habe. Aber es vergeht, das kam schon mal vor. Damals hatte ich noch Angst. Nun nicht mehr. Wovor soll ich noch Angst haben? Das Schlimmste ist gestern passiert. Wie jeden Abend liege ich im Bett. Versuche mich mit Lernen abzulenken, in dem ich anspruchsvolle Texte lese und danach zum Roman greife, um mich zu entspannen.

Aber heute funktioniert es nicht. Meine Gedanken schweifen ständig ab und ich bin nicht bei der Sache. Alle Wörter, die ich lese, fließen still durch mich hindurch und treiben in die Leere. Ich kann mich nicht auf mein Studium konzentrieren, mit dem ich mich jeden Abend beschäftige. Der Stoff lässt sich nur schwer in meinem Hirn abspeichern, da der Speicher voll von dem Mann ist, in dem ich heimlich verknallt bin. In meinem Kopf stecken viele unerfüllte Träume fest, die ich jeden Tag gedanklich durchspiele und erstmal keinen praktischen Ausweg sehe.

Den halben Tag habe ich mich auf der Arbeit verbissen abgelenkt und nun wo langsam Ruhe einkehrt, wird es gefühlsmäßig wieder dramatisch. Sobald es ruhig wird, tickt die Uhr lauter. Ich höre nur sie, im Takt meiner Gedanken. Ansonsten Stille um mich herum, weil die Nachbarn auch nicht jeden Abend Sex haben.

Auch heute bekam ich keine Nachricht und eigentlich habe ich darauf auch gar nicht gewartet, sondern mich irgendwie abgelenkt. Wobei ich gar nicht mehr sagen kann, wie. Mit vielen kleinen Tätigkeiten, die halbherzig erledigt wurden. Nur, um etwas zu machen. Meine Gefühle sind durcheinander und manchmal mache ich mir Sorgen, nicht mehr klar denken zu können oder blind für andere Männer zu sein, die sicher auch toll sind, aber nicht ER sind. 

Für mich herrscht Chaos. Es ist nichts, wie vorher. Irgendwas in meinem Inneren hat sich wahnsinnig verändert und hofft darauf, wieder in Ordnung gebracht zu werden. Aber durch wen?

Wahrscheinlich werde ich gleich neben dem Ticken der Uhr einschlafen. Im Moment der einzige Halt, denn die Uhr gab es schon, bevor ich ihn kannte. Ich habe sie knapp eine Woche vorher gekauft.