Dieser Typ


Ich bin auf einem Filmfestival. Einfach nur so, weil ich das schon immer mal wollte. Dabei sein, mitten im bunten Treiben, welches doch so gespielt ist. Irgendwie ist hier nichts echt, denke nicht und spüre, dass ich hier nicht wirklich hingehöre. Falsche Welt. Aber egal, ich möchte diese falsche Welt einmal erlebt haben und nicht immer nur träumen. Das ist langweilig.

Diese Atmosphäre ist bezaubernd und einschüchternd zugleich. Alles neu und fremd. Aber heute bin ich ein Bruchteil dieser Welt und so sehe ich auch aus. Ich passe nicht ins Bild, in meiner Jeans und dem weißen Shirt. Aus Kleidern mache ich mir eben nichts. Ich ziehe nichts an, worin ich mich nicht wohlfühle. Sollen die Leute doch denken, was sie wollen. Ich bleibe authentisch und unverkleidet. Alles andere wäre nur Fake. Dennoch finde ich die schick gekleideten Leute beeindruckend. Alle so anders, als ich. Anderen Frauen stehen Kleider besser, als mir. Denke ich.

Mein Kumpel ist auch mit dabei, bei mir. Er ist auch leger gekleidet, kein Anzug. Sondern auch Jeans und Hemd. Besser so. Wir schauen uns beide um. Überall ist etwas Neues zu entdecken. Ich kenne lange nicht alle Leute aus der Filmszene. Eigentlich nur eine Person und nach der halte ich indirekt Ausschau. Auch wenn ich weiß, wo er persönlich wohnt und ich es deshalb gar nicht nötig habe, mich auf Filmfestivals herumzutreiben. Aber ich möchte seine Welt mal direkt erleben und wissen, wie sich dieses Leben anfühlt. Wissen vielleicht nicht, aber ahnen.

Alles ganz nett, aber bald wird mir das alles zu viel. Überall Kameras und Hektik. Mein Kumpel und ich sind nur unbekannte Gäste, die sich mehr oder weniger in das Geschehen eingeschlichen haben. Und niemanden stört es. Wow! Mein Kumpel ist auch nicht sonderlich begeistert, weil ihn Filme nicht besonders interessieren. Zumindest keine deutschen Filme.

Ich schaue mich um, in der Hoffnung, dass mir nichts Wichtiges entgeht. Insgeheim ist meine Suche auf Tim getrimmt. Die Männer laufen alle in schwarzen Anzügen durch die Gegend. Das macht die Suche nicht leicht und vielleicht ist Tim gar nicht hier, obwohl ich mir das nicht vorstellen kann, weil er quasi immer überall ist.
Ich frage meinen Kumpel: „Kannst du mir einen Gefallen tun?“
„Ja, was denn?“

„Halte mal nach einen blonden Typen Ausschau, der eine sehr markante Nase hat und ziemlich lässig wirkt.“

Sebastian zögert.

„Davon laufen hier ziemlich viele rum, würde ich mal sagen.“

„Naja, eigentlich nicht“, sage ich, weil ich es einfach besser weiß.

„Seine Aura spürt man sofort“, füge ich noch ergänzend hinzu.

„Aha…das klingt ja eindeutig.“

Mir ist schon klar, dass Sebastian das anders sieht, weil er selbst ein Mann ist. Aber ich denke, dass auch Männer eine starke Aura spüren können und automatisch davon angezogen werden.

Sebastian guckt mich noch einmal kurz an und macht sich auf die Suche.

Ich bin gespannt, ob er fündig wird, unter all diesen scheinbar besonderen Menschen, die alle glänzen und glitzern wollen. Aber das kann nur Tim.

Nun stehe ich alleine da und komme mir gleich etwas verloren vor. Ich hoffe, mich spricht keiner an und fragt, wer ich bin. Habe keine Lust auf solche Gespräche, da ich in solchen Momenten wahrscheinlich zur schüchternen Person werde, die zu bescheiden ist, um angehört zu werden. Ich möchte nur beobachten und dieses Flair in mich aufsaugen, damit ich noch lange von diesem Erlebnis zehre. Sebastian sehe ich nicht mehr. Verschwunden in der Menge. Und Tim’s Anwesenheit bleibt fraglich, wobei ich mir sicher bin, dass er irgendwo ist. Er darf nicht fehlen, er ist schließlich für vieles, was hier stattfindet, verantwortlich. Seine Verantwortung sind Filme. Er ist der Geldgeber und der Manager in einer Produktion. In meiner Vorstellung jedenfalls. Von der Realität habe ich keine Ahnung. Ich habe schließlich nicht Filmproduktion studiert. Er hat jedoch schon studiert. Und dann noch paar andere Sachen.
Ich fühle mich weiterhin lost und mache bestimmt einen verunsicherten Eindruck, auf jeden, der mich bemerkt. Bin immerhin die Einzige, die so lässig unterwegs ist. Da zieht man schon ein paar Blicke auf sich. Aber keine Worte, zum Glück. Was die Leute sich privat erzählen, ist mir egal. Das stört mich nicht.
Auf einmal kommt Sebastian wieder und weckt holt mich aus meiner Gedankenwelt heraus.

„Und?“, frage ich ungeduldig.

„Also ich glaub, ich hab ihn gesehen. Die anderen Typen passten irgendwie nicht zu der Beschreibung. Deswegen bin ich mir sicher.“

Mein Herz pocht stark, während er das sagt.

Ohne es anzukündigen, nimmt er meine Hand und wir schlängeln uns durch die Menge, die aus einzelnen Gesprächsverwicklungen besteht. Smalltalk everywhere.

Dann bleiben wir stehen und ich sehe Tim sofort. Leider ist auch er nicht alleine. Neben ihn steht eine hübsche junge Frau, die auch mir gefällt. Bitte nicht. Wenn die nicht so hübsch wäre, wäre das für mich ein geringeres Problem. Ich bin wie erstarrt. Tim hat immer noch diese Aura. Aber wer sie hat, wird sie auch nicht verlieren. Scheiße, er sieht so gut aus. Und diese Frau… Aber es war klar, dass es so kommt und er sich irgendwann für eine Neue entscheidet. Der Zeitpunkt kann ja nicht immer falsch bleiben. Ich hatte Pech damals, da kam ich zur falschen Zeit in sein richtiges Leben. Aber sie kommt vielleicht zur richtigen Zeit in sein falsches Leben, wenn er ihr das antut, was er mir auch angetan hat. Egal, zu viele Gedanken auf einmal in dem kurzen Moment.
Ich bin nicht weit von Tim entfernt und stehe nur da, ohne etwas tun zu wollen.

Doch dann kriegt er abrupt mit, dass ich da bin und sieht mich an, etwas irritiert, aber dennoch professionell. Wobei die Skepsis in seinem Blick überwiegt. Na toll, wieder alles falsch gemacht, sagt meine innere Stimme. Peinlich. Tim kann eigentlich gar nichts machen in seiner Situation, neben der Frau. Auf jeden Fall ist Tim überrascht, dass ich da bin. Das hätte er wohl nie erwartet, dass ich auch mal so ein Event besuche. Er denkt bestimmt, ich stalke ihn. Aber das tue ich nicht. Ich möchte nur meine Erfahrungen machen und dieser Besuch gehört dazu. Während Tim sich mit der Lady unterhält, guckt er immer wieder zu mir. Ich falle eben auf mit meinem Outfit, das absolut nicht gekünstelt rüberkommt. Nicht so wie die Frau in ihrem Overdressed-Kleid.
Es passiert nichts mehr. Tim redet mit der Frau und ich stehe schweigend da. Hilflos, etwas zu tun. Ich kann gerade nichts ändern. Dazu habe ich kein Recht. Der Lauf der Dinge und des Lebens.

Bis sich Tim ganz überraschend von der tollen Frau entfernt. Wohin geht er? Jetzt entsteht in mir der Reflex zu handeln. Ich muss was machen. Sebastian ist mir egal, ich sage nichts und lasse ihn stehen. Da muss ich jetzt alleine durch. Ich folge Tim und versuche mich unauffällig zu verhalten, damit die Frau mich nicht aufhält oder irgendwelche Bodyguards zupacken. Es dauert nicht lange, bis ich bei Tim bin. Aber er ignoriert mich. Kein Wunder, er hat mir den Kontakt damals sozusagen verboten. Aber das ist Jahre her und ich merke, dass Tim innerlich schwächelt, ohne sich diese Schwäche eingestehen zu wollen.
Okay, inzwischen bin ich auch gut darüber hinweggekommen.

Aber einmal versuche ich es noch mit den herzergreifenden Worten: „Bitte,..bitte.“

Tim schenkt mir nur noch einen tiefen Blick und geht entschlossen weiter.

 

Jemand & Gin (komplett)

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Manchmal bin ich hochsensibel und emotional.

Und dennoch bin ich gefasst.

Manchmal bin ich gelähmt und blockiert.

Und dennoch bin ich gelöst.

Manchmal ist mir übel und schwindelig.

Und dennoch fühle ich mich wohl in meinem Karussell. 

Manchmal verbinden sich Hirngespinste und Realität.

Und dennoch liebe ich diffuse Träume, wenn sie wahr werden.

Manchmal ist mir kalt und warm zur selben Zeit.

Und dennoch genieße ich es.

Aber am liebsten bin ich alles gleichzeitig.

Und ich liebe es, ich zu sein.

Gin Toxic hat viele Gesichter und die meisten davon sind interessant, wenn man offen für alles ist.

Jeder Cocktail lässt sich mit dem Inhalt einer Wundertüte vergleichen und jedes weitere Glas bietet die Möglichkeit, alle Gefühle wild miteinander zu kombinieren. 

Meine alkoholisierten Gefühle lassen sich jedoch leicht auf’s Wesentliche zusammenfassen.

Ich würde gerne einmal einen Liebesbrief an einen fremden Mann schreiben. Doch momentan sitze ich nur stumm in der Wohnstube und beobachte, wie die Kerze meinen bunt glitzernden Teelichthalter anstrahlt und mich von meinen eigentlichen Gedanken ablenkt, die weitaus ernster sind.
Ich bin unkonzentriert und komme zu der Annahme, dass Gin Toxic und Cola doch nicht immer gut zusammenpassen, wenn man sein Hirn noch zum Denken braucht. Herumliegen und Nichtstun wäre momentan einfacher. Meinen Gedanken freien Lauf lassen und einfach von den Dingen träumen, an die ich gerade denke. Ich merke, wie mich der Alkohol langsam flachlegt und hoffe, dass sich der Zustand gleich in meinen Träumen widerspiegelt.

Schnell gehe ich unter die Dusche, bevor ich die ganze Nacht unsachgemäß auf der Couch hängen bleibe und dort neben meinem nachtaktiven Kater einschlafe.
Ich dusche unter dampfend heißem Wasser, weil mein Wärmeempfinden schon deutlich reduziert ist. Genau wie mein mentaler Allgemeinzustand, in seltenen Situationen. 

Mir ist kalt und ich habe Gänsehaut. Ich drehe ungeduldig am Wärmeregulierer herum, um das Wasser noch heißer einzustellen. Aber mehr geht nicht, die Armatur ist bereits voll aufgedreht. Dann fällt mir ein, dass ich es als Kind mochte, von einer Wespe gestochen zu werden. Mit dem Wasser ist es wohl genauso. Es gibt kein heiß. 

Fast zwanzig Minuten sitze ich ruhig unter der Dusche und lasse meinen Rausch vom Wasser bereinigen. Alles fühlt sich intensiver an und ich habe das Gefühl, als würde ich jeden einzelnen Tropfen auf der Haut spüren. Das Wasser ist so heiß, das es Nebelwolken bildet und dafür sorgt, dass sich allmählich die Raufasertapete von der Decke über mir löst. Meine Tapeten kommen mit den tropischen Temperaturen im Bad mittlerweile nicht mehr klar.
Aber eigentlich ist mir das alles gerade egal. Ich bin mit den Gedanken überall und nirgendwo. Der typische Zustand, wenn ich müde und voll bin. Alles ist so lahm und sinnlos. 

Die Gedanken, die sich anbahnen, kehren in der Mitte wieder um und verschwinden. Ich erinnere mich an Dinge, nur um sie gleich zu vergessen. 

Zwischendurch bekomme ich das Bedürfnis, per SMS Streit anzufangen, aber meine Vernunft sagt mir, dass es keinen Grund gibt und dass ich mindestens eine Nacht warten soll, bis ich wieder nüchtern bin. Aber was nützt mir eine Nacht, wenn ich trotz Müdigkeit wahrscheinlich sowieso nicht durchschlafen kann und um vier Uhr morgens hellwach bin. Um die Zeit fängt mein Kater gerne an, die Tapeten von der Wand zu kratzen. Inzwischen nur noch selten bis gar nicht.

Während ich unter der Dusche nachdenklich abdrifte, fällt mir ein, dass mir mein französisches Glitzerduschbad dabei helfen könnte, mich wieder ins normale Leben zu holen, bevor mich die aktuellen Umgebungsfaktoren völlig abstumpfen. Das Blöde an dem Glitzerduschbad ist, dass man davon körperlich nichts merkt und ich habe keine Ahnung, wonach dieses orange Zeug riecht, weil ich eine Aversion gegen diese Farbe habe. Mit meinem blauen Duschschwamm versuche ich, die unangenehme Farbe zu neutralisieren, was gut gelingt. Blau und orange wird irgendwie zu lila, wenn ich mir das richtig einbilde. Lila mit Glitzer. Ich fühle mich wie ein lila Wattebausch mit Glitzer.

Weitere zehn Minuten vergehen bis ich mit allem fertig bin. Auch nervlich mit mir selber, denn jetzt merke ich, wie der Gin Toxic für labile Stimmungsschwankungen sorgt, auf die ich gar keinen Bock habe. Mit den Gedanken ‚alles scheiße‘ putze ich mir ein paar Sekunden lang grob die Zähne und freue mich auf das Gefühl, alles ins Waschbecken zu spucken. Danach beschließe ich, dass ich morgen mein Bad sauber machen werde, da morgen der einzige Tag sein wird, an dem ich dafür Zeit habe. Aber eigentlich habe ich überhaupt gar keine Stimmungsschwankungen mehr. Ich kann sie super ignorieren, wenn ich will. Das klappt perfekt, wenn ich Lust dazu habe oder mich mit Absicht zusammenreißen muss. Für ganz bestimmte Leute zum Beispiel. Für Leute, die es wert sind, bin ich gerne vernünftig.

Nachdem ich endlich im Bad fertig bin, obwohl ich längst nicht alle pflegerischen Maßnahmen geschafft habe, gehe ich unrasiert und mit nassen Haaren ins Bett. Es ist schließlich niemand da, der sich dadurch belästigt fühlt.
Unter der Decke ist es auf einmal viel wärmer, als unter der Dusche. Mir ist heiß und meine Wangen glühen. Danke Gin Toxic, dass du heute so unberechenbar wirkst und mir einen kleinen Einblick in die Wechseljahre gewährleistest. Wobei gerade der Wunsch aufkommt, jetzt richtig flachgelegt zu werden. Von jemanden, der natürlich nicht in meiner Nähe, sondern zig Kilometer weit entfernt ist. Gedanken, wie ich sie fast jeden Abend habe, weil es normal ist, in Fantasien und Sehnsüchten zu schwelgen.

Benommen wie ich bin beobachte ich den langsamen Farbwechsel meines Nachtlichts – blau, rot, grün, weißgelb. Es leuchtet mir aus der Steckdose sanft ins Gesicht und umrahmt mein Bett. Ohne dieses kindische Beruhigungsmittel gegen Angst vor Dunkelheit würde ich wohl schlechter einschlafen und das nur wegen einigen beschissenen Büchern in meinem Regal, die sämtliche Horrorfilme übertreffen. Seitdem kann ich auf diese kleine Lampe nicht mehr verzichten, die ich zuvor noch nie im Leben gebraucht habe. Am besten wirkt die Lampe jedoch in Kombination mit Alkohol, Schlaftabletten und offenem Fenster. Der Lärm der Autos gibt mir das Gefühl, dass alles in Ordnung ist und die kalte Luft im Zimmer tut ihr Übriges. Das offene Fenster gibt mir das Gefühl, nicht alleine zu sein, da immer einige Autofahrer in der Nähe sind und die Vögel früh über die Wiese fliegen, um ihr Frühstück zu suchen.

Wenn ich gedanklich schon weit weg genug bin, stelle ich mir vor, dass ich in Berlin bin und nicht alleine im Bett liege. Mit der Hoffnung, dass ich mit dieser Vorstellung meine Träume beeinflussen kann, denn früher gelang mir das sehr häufig. Da konnte ich irgendwie alles.
Ich mag es nicht, jede Nacht alleine im Bett zu liegen. Aber der Gedanke, jede Nacht nicht alleine zu sein, stört mich noch mehr. Somit stecke wieder im Zwiespalt zwischen Wunsch und Abneigung, was aber nicht besonders schlimm ist, wenn man weiß, wie man damit umgeht.

Kurz vor dem Einschlafen drängt sich spontan eine absurde Frage in den Vordergrund, die ich im angetrunkenen Zustand nur inadäquat beantworten kann: Was sind eigentlich Gefühle? Warum spüre ich sie nicht (immer)?
Die anstrengende Frage macht mich müde und führt zu nichts. Die Antwort darauf befindet sich irgendwo in meinem schwammigen Gedankenhaufen im Kopf. 

Fest steht, dass ich genug Gefühle kriege, wenn ich eine Flasche Sekt ausgetrunken habe. Bei Whiskey klappt das allerdings nicht, denn das Zeug macht zu hart und zu taub. 

Irgendwann schlafe ich in meinem Gefühlsdusel ein und wünsche mir, dass ich dieser abendlichen Endlosschleife irgendwann entkomme. 

Diese Endlosschleife besteht aus Träumen und Sehnsüchten in Bezug auf den Mann meiner Tagträume, die mich bis spät in die Nacht verfolgen – der Mann aus Berlin, der momentan nur in meiner lebendigen Erinnerung existiert und zu weit weg wohnt, um sich spontan auf einen Gin Toxic mit Apfelsaft zu verabreden.
Dabei besteht die größte Anziehung gerade wegen der kilometerweiten Distanz und der damit verbundenen emotionalen Unnahbarkeit. Ständige Verfügbarkeit ist für mich nichts Spannendes, sondern schreckt mich ab.

Meist ist ein Mann für mich erst dann richtig attraktiv, wenn er mich nicht an sich herankommen lässt und sich mir gegenüber dennoch diplomatisch verhält. 

Jemand, der nicht anhänglich ist und jemand, mit dem Küssen nicht selbstverständlich ist. 

Ich stecke im Gefühlstaumel, weil ich Sachen und Eigenschaften liebe, die man besser nicht lieben sollte. Aber ich kann nicht anders, so sehr ich mich auch anstrenge, normal zu sein. Kälte kann viel reizvoller sein, als Wärme. 

Ehrlich gesagt: Ich will gar nicht normal sein. Mir würde zu viel entgehen.

Morgens um vier Wache ich auf. Schon wieder höre ich, wie mein Kater in der Wohnstube Unsinn macht. Ich gehe hin und schaue nach, was er diesmal angestellt hat. Er ist tatsächlich mit meiner Tapete beschäftigt, die er mit seinen Krallen immer weiter einreißt, um anschließend mit dem Papierschnipsel zu spielen.
Während ich den Schaden mit Kleber beseitige, guckt er mich mit groß aufgerissenen Augen an und beobachtet genau, was ich tue. Dann nehme ich ihn mit auf die Couch und rubbele grob sein Fell durch, was ihm sehr gefällt. Er steht auf rabiate Handgriffe. Nach ein paar Minuten reicht es ihm. Er windet sich aus meinen Armen hervor und schüttelt sein Fell zurecht. Danach kratzt er einige Male meinen Teppich, um seine Wut herauszulassen. Man könnte denken, er hat meinen Charakter kopiert.

Ich gehe wieder ins Bett, obwohl ich gar nicht mehr müde bin. In der Küche steht noch ein angefangenes Glas Gin. Kurz überlege ich, ob ich das noch trinke. Aber dann fällt mir ein, dass ich den Rest vorhin schon in den Abfluss gekippt habe.
Schlafen muss auch ohne Alkohol gehen und schließlich hatte ich am Abend genug davon. Wobei ich davon gerade nichts mehr merke. 

Ich schaue auf mein Handy und sehe eine neue Nachricht, die vor zwei Stunden ankam. Sie ist von meinem Lieblingsmann: Wir müssen uns bald treffen.

Bei dem Gedanken wird mir ganz anders, Aufregung macht sich breit und ein kribbeliges Gefühl durchzieht meinen Körper. Er hat recht, wir müssen uns bald treffen. Wir können nicht noch zig Monate auf den richtigen Zeitpunkt warten und können nicht ewig davon träumen, wie alles wäre. Mir steht nichts im Weg, ich bin frei. Also, warum nicht jetzt? Ich habe keine Lust mehr, in Vorstellungen zu schwelgen und mich nur mit den Filmwiederholungen meines Kopfkinos zufrieden zu geben.
Ich checke gleich die Zugverbindungen und sehe, dass es keine Probleme gibt.
Mir müssen uns nur noch auf einen Tag einigen und es kann losgehen.

Ich schreibe: Wann wollen wir uns treffen? 

Jetzt kann ich nur abwarten und mich wieder hinlegen. Dauernd muss ich grinsen, weil es nun Schritt für Schritt weiter geht und ich es kaum glauben kann. Mit diesem guten Gefühl schlafe ich wieder ein.

Doch irgendwann in der Nacht wache ich von einem leisen Piepen auf. Ich bin sofort hellwach und schalte die Lampe auf dem Fensterbrett an. Es ist 2:37 Uhr, als ich auf den Wecker neben mir schaue. Ich wundere mich und weiß im ersten Moment nicht, was das für ein komisches Piepen war. Als ich auf mein Handy gucken möchte, merke ich, dass es nicht angeht, obwohl es am Abend voll aufgeladen war. Vor dem Schlafen zeigte es 100% an. Und jetzt? Ich versuche es mehrmals anzukriegen. Aber es funktioniert nicht und ich vermute, dass der Akku tatsächlich leer ist, ohne Grund. Das Piepen war also nur der Hinweis, dass sich das Handy gleich ausschaltet. 

Danach fühle ich mich seltsam und mir wird kalt. Mehrere Minuten sitze ich verwundert im Bett und beobachte meine Umgebung. Ich starre zur Tür oder warte darauf, dass ich im Augenwinkel irgendeinen Schatten sehe. Es passiert nichts. Ich denke noch ein paar Minuten darüber nach, dass sich Akkus nicht ohne Grund leerfressen. Aber letztendlich macht es keinen Sinn, weiter darüber nachzudenken. Ich lasse einfach das Licht an, damit das unangenehme Gefühl in mir nicht zu stark wird. Mit Licht fühlt man sich irgendwie besser. Wahrscheinlich brauche ich tatsächlich diesen Marienkäfer, der bunte Sterne an die Wand wirft, damit ich beruhigter einschlafen kann.

Irgendwie will ich meiner Freundin noch schreiben, dass hier gerade merkwürdige Dinge passieren, aber ich bin schlau genug, um mir die Nachricht zu verkneifen. Erstens, weil sie schläft und zweitens, weil es gar nicht so schlimm ist. Eigentlich wäre es doch super interessant, wenn mal etwas Gruseliges passiert und ich mittendrin bin.

Am nächsten Morgen frage ich mich, ob das wieder so ein Traum war. Manche Leute klagen ja über mirtazapininduzierte Alpträume und überraschendem Übergewicht. Aber als ich sehe, dass das Handy immer noch leer ist, weiß ich, dass ich nicht geträumt habe. Das heißt, der wahre Traum vom eingebildeten Feueralarm bleibt auf Platz eins.

Ich hole mein Ladegerät und mein Handy frisst frische Energie aus der Küchensteckdose neben dem Kaffeeautomaten. Ansonsten lasse ich das Handy erst einmal aus. Irgendwie bin ich heute zu entspannt, um neugierig auf neue Nachrichten zu sein. Ich bin froh, wenn mir öfter mal einiges egal ist und ich nicht unter Spannung stehe. Deswegen mache ich heute alles in Ruhe. In Ruhe anziehen, in Ruhe schminken und in Ruhe essen. Vanille-Soyamilch und Kellogg’s, dazu Kaffee und Schokocappuccino. Das Tolle daran: Das Frühstück macht fast den ganzen Tag satt. Oder weil ich einfach nichts brauche. 

Der Morgen vergeht schnell und gegen Mittag leuchtet die grüne Lampe auf meinem Handy. Fertig geladen. Ich schalte das Handy an, worauf es kurz vibriert und sich langsam hochfährt. Code eingeben, warten. Wenn ich ungeduldig bin, dauert mir all das zu lange. Aber inzwischen habe ich mehr Ahnung von Geduld. 

Als die Internetverbindung hergestellt ist, treffen viele Nachrichten auf einmal ein. Alle von meinem Lieblingsmann aus Berlin. Ich bin sehr überrascht über die ganzen Nachrichten und freue mich schon, sie zu lesen. Vielleicht weiß er ja nun genau, wann wir uns treffen können oder er hat noch ein paar andere Ideen. Als ich im Chat nachschauen will, ist keine neue Nachricht zu finden. Auch sein Profilbild ist weg. Mir wird ganz anders. Was soll das denn jetzt? Und vor allem: Was ist mit den vielen Nachrichten, die auf dem Display erschienen? Die können doch nicht einfach weg sein. Ich klicke auf die leere Stelle, wo sonst das Profilbild erscheint. Kein Status. Nur die Daten, die ich gespeichert habe. 

Ich lese die letzte Nachricht: ‚Wann wollen wir uns treffen?‘ Die Nachricht, die ich gestern Abend schrieb. Er hat sie gelesen. Und dann? 

Ich schreibe eine kurze Nachricht, um zu gucken, ob sie durchkommt.

‚Hey‘

Natürlich erscheint nur ein graues Häkchen, welches auch eine Stunde noch einsam und grau ist.
Ich rufe meine Freundin an und sie nimmt gleich ab.

„Hallo?“

„Hey, hallo…ich bin’s..“

„Ja, dachte ich mir schon. Ist irgendwas bei dir passiert?“

„Ja, mir geht’s scheiße.“

„Was ist denn, Süße?“

„Ach, ganz komisch alles. Letzte Nacht ist mein Handy einfach so abgekackt. Akku leer…und heute ist der Typ einfach so verschwunden.“

„Wie jetzt? Was für’n Typ?“

„Na der, von dem ich dir erzählt hab, letztens..“

„Ach so, ja, ich weiß. Warum, was ist denn passiert?“

„Vorhin hatte ich ganz viele Nachrichten von ihm auf dem Display und als ich nachgucken wollte, war alles weg. Total komisch.“

„Hmm? Wie geht das denn? Bist du sicher, dass die von ihm waren?“

„Ja, klar…aber nun steht da nur meine letzte Nachricht von gestern. Und anscheinend hat er mich blockiert, ohne Grund. Versteh ich nicht.“

„Das ist ja komisch. Vielleicht ist es nur eine technische Störung oder so. Warte erstmal ab.“

„Glaub ich nicht. Das war noch nie so.“

„Hmm. Aber mehr kannst du wohl erstmal nicht machen. Oder du versuchst mal, ihn anzurufen?“

„Ja, könnte ich vielleicht noch probieren. Aber bin da nicht so ein Fan von. Du weißt doch, dass ich nicht so auf Telen stehe.“

„Probier’s doch einfach mal. Dann siehst du, was passiert.“

„Ja, okay, dann mach ich das gleich mal. Ich schreib dir dann.“

„Okay, bis gleich. Wird schon!“

„Ja, hoffe ich…“

Ich drücke meine Freundin schnell weg, um dann ihren Tipp zu testen und bin dabei ganz aufgeregt. Irgendwie schnürt mir die Situation gerade den Hals gewaltig zu. Auf jeden Fall fühle ich mich unwohl, als ich seine Nummer anklicke. Ich mag sowas nicht. Aber immer noch besser als diese bescheuerte Unwissenheit, auf die ich noch weniger stehe.
Es klingelt einmal und dann geht sein Anrufbeantworter an. Scheiße! Das ist doch ein eindeutiges Zeichen, dass ich auf der BlackList stehe!

Ich schreibe meiner Freundin: Blockiert.
Sie antwortet nur mit: Waaaaaaas???!?!?!??????

Und ich denke nur: WARUM?

Ich gehe gedanklich die letzten tollen Wochen durch und ich erinnere mich an nichts Negatives. Es ist nichts passiert. 

Dann gucke ich mein ganzes Handy durch und versuche die Nachrichten, die kurz auf dem Display erschienen, per Suchfunktion zu finden. Mein Handy findet nur die Texte, die ich schon kannte. Nichts Neues. Ich lese mir die alten Nachrichten durch und komme sofort wieder ins Schwärmen. Umso weniger verstehe ich die Blockierung. Ich starre das leere Profilbild an, als könnte ich damit etwas bezwecken. 

Impulsgesteuert wie früher, setze ich mich in den nächsten Zug, der alle zwei Stunden nach Berlin durchfährt. Selbst, wenn ich mein Auto im vergangenen Herbst nicht zu Schrott gefahren hätte, hätte ich es heute nicht angerührt. Man sollte die Hände von Autos lassen, so lange man sich angepisst fühlt. Mein Fahrschullehrer konnte mir das damals leider nicht glaubhaft beibringen. 

Ich sitze im Zug, wie ich gerade bin. Manchmal ist es einfach nicht nötig, sich Gedanken über die passenden Klamotten und Schmuck zu machen. Manchmal reicht es, wenn man einfach so ist, wie man ist. Ohne Gedanken. Zerstreut beschreibt den richtigen Ausdruck für meinen Zustand im Zug. Eigentlich denke ich nichts. Ich denke nicht mehr, als: warum.
Mein Handy bleibt reaktionslos. Der blockierte Kontakt, alias ich, bewegt sich nun selbständig nach Berlin. Ohne zu wissen, was dann passiert. Naiv ohne Konsequenz. 

Nach einigen Stunden sitze ich tatsächlich auf einer Bank beim Alexanderplatz. Die wichtigsten Anlaufstellen befinden sich gleich in der Nähe: Essen, Kino und Hotel. Ich weiß noch nicht, ob ich ein Hotel brauche. Aber immerhin ist es schon abends.
Eigentlich weiß ich nun gar nicht, was ich machen soll. Ein wenig verloren bin ich in Berlin schon. Manchmal. Es dauert nicht lange, bis ich nach und nach von Leuten angesprochen werde, die Geld haben wollen. War ja irgendwie klar. Aber da ich kein Bargeld dabei habe, kann ich nicht viel machen. Im Nachhinein bemerke ich, wie die Leute hübsche Handys aus ihren Hosentaschen ziehen und recht gut angezogen sind. So so.

Aber was mache ich jetzt? Auf meinem Handy tut sich nichts. Das Einzige, was ich tun kann, ist, mir ein Taxi zu rufen und zu der Adresse zu fahren, wo mein Lieblingsmann wohnt. Aus genau dem Grund bin ich schließlich nach Berlin gefahren. Und jetzt werde ich nervös. Ob das so eine gute Idee ist? Wer weiß, was mich dort erwartet und ob ich das alles sehen will. Aber okay, was habe ich schon zu verlieren? Eventuell meine Hoffnung. Aber die könnte ich auch woanders wiedergewinnen, wenn ich mich mehr anstrengen und mehr Männern ein winzige Chance geben würde. 


– Zeitverschwendung – 

Ein Taxifahrer parkt direkt in meiner Nähe und wartet auf mich. Ich sage ihm, wo es hingehen soll und er nickt. Nach zwanzig Minuten sind wir da.
Ich stehe vor der Tür meiner Zieladresse. 

Meine innere Stimme sagt: Alles egal, alles egal. Und ich versuche ihr zu glauben. 

Alles egal. 

Die Haustür unten ist auf und ich gehe hinein, ohne zu zögern. Es ist nur ein Haus mit Menschen drin. Als ob mich sowas schon jemals gestört hätte. An jeder Tür steht ein Name dran, auch völlig normal. Bis ich vor der wichtigsten Tür stehe – seiner Tür. Mich schaudert es ein wenig. Schließlich bin ich diejenige, die unangemeldet davor steht. Ich komme mir sofort illegal vor und es würde sich verboten anfühlen, wenn ich gleich klingeln würde. Aber wofür habe ich mir sonst den weiten Weg gemacht? Eigentlich ist es doch echt egal, was ich in den nächsten Minuten tun werde. Es kann nur gut oder schlecht werden, denn dazwischen gibt es nichts. Es gibt nur zwei Optionen. 

Ja oder nein.

An der Tür hängt nichts weiter, bis auf das Schild mit dem Namen drauf. Die Tür macht auf mich einen kalten Eindruck. Irgendwie versucht sie mich auf Abstand zu halten. Wenn ich mich noch weiter in die Sache hineinsteigere, warnt sie mich sogar davor, zu klingeln. Ich kneife die Augen zusammen und meine Stirn faltet sich automatisch, um meine Mimik noch kritischer darzustellen.
Dann läuft eine Person aus dem Haus an mir entlang. Es ist ein Mann, er bemerkt wohl meinen Gesichtsausdruck und fragt: „Suchst du irgendwas?“

Warum du, ist mein erster Gedanke. Sehe ich wie ‚du‘ aus…? Das wäre ja keine Überraschung, nach all den Jahren des Nicht-Alterns.
„Nein, ich überlege nur.“

Ich fühle mich gerade wie in einem Laden, in dem mich die Verkäuferin nach meinen Vorlieben fragt und mich dringend beraten möchte.

Der Mann geht wieder. Er kann nichts für mich tun. 

Ich bleibe vor der Tür und überlege mir die Fortsetzung. Es liegt an mir, was ich aus dieser Sache mache, denn mein Lieblingsmann ignoriert mich. Auf meinem Handy tut sich weiterhin nichts. 

Okay, ich bewege meine Finger vorsichtig in Richtung Klingel. Gleich wird alles noch illegaler. Die Klingel ist der letzte Schritt, der mir helfen kann. Mein Zeigefinger berührt den Knopf, nur das Drücken fällt noch schwer. Dann, ganz langsam, drücke ich den Knopf rein und ich weiß nun, wie es sich anfühlt, wenn man bewusst die Backenzähne fest aufeinanderpresst. 

Irgendwie ist das gerade eine ziemlich unangenehme Situation und mein Herz rebelliert auf jeden Fall. Alles ist ganz leise, ich höre nichts von drinnen. Vielleicht ist er nicht da. Kann sein, dass er arbeitet und nicht zu Hause ist. Ich warte angespannte zwei Minuten, bis mir klar wird, dass niemand zu Hause ist. Klar könnte ich nun etwas durchatmen, aber ich bin dennoch wie erstarrt und mein Herz kriegt sich eh nicht so schnell ein, wenn es aufregend wird. 

Dann höre ich, wie sich jemand annähert und ich denke, dass es wieder einer der Nachbarn ist. Ich möchte sehen, ob es wieder der Mann von eben ist und drehe mich um. Und dann steht plötzlich der Mann aus Berlin vor mir, wegen dem ich hier bin. 

Mein Kopf ist kurzzeitig leer, obwohl das alles kein Vergleich zu dem ist, was ich in den letzten sechs Jahren erlebt habe. Es gibt also keinen Grund für Aufregung. Alles ist gut. Ich muss mich nur öfter daran erinnern.
Er sieht so aus, wie ich ihn in Erinnerung habe. Nur wirkt er etwas überraschter in diesem Moment. Ich bin etwas verlegen, weil ich hier bin. So ganz ohne Erlaubnis.
Auf einmal sagt er: „Gehen wir doch rein.“

Auch mal schön, die Begrüßung zu überfliegen. Manchmal reichen Blicke, um ‚Hallo‘ zu sagen. 

Ich grinse kurz und folge ihm dann in die Wohnung. Vorher noch Schuhe abtreten und dann irgendwo abstellen. Er nimmt mir die Jacke ab, Mütze und Schal stopfe ich in die Handtasche. 

Andere Wohnungen sind interessant, aber heute ist es mir ausnahmsweise mal unwichtig, wie alles aussieht. Keine Zeit für Interpretationen und Fantasien.
Ich suche mir einen Platz und warte ab.

Er bietet mir was zu trinken an, aber ich möchte nichts. Mir ist gerade nicht danach. Stattdessen schwirren mir Fragen im Kopf herum, aber ich denke nicht, dass das der passende Moment dafür ist. Lieber bin ich froh, dass ich hier sein darf.

Eigentlich müssten wir gar nicht viel reden, wenn wir die gleichen Gedanken hätten. Aber haben wir die? 

Wo ist er eigentlich die ganze Zeit? Ich sehe ihn nicht. Seit ich in seiner Wohnung bin, bin ich alleine. Könnte sein, dass er im Bad ist. Oder im Schlafzimmer. Alles ist leise. Ich spiele nervös an meinem Armband herum. In diesem gedimmten Licht glitzert es nicht so schön. Ich sitze eine ganze Weile alleine am Tisch und finde es merkwürdig. Er behandelt mich wie einen unerwünschten Gast. Eine Tatsache.
Als ich ihn frage, wo er ist, fühle ich mich, als würde ich ein Selbstgespräch führen. Keine Antwort. Ich stehe auf, und gucke zaghaft in jedes Zimmer. Im Schlafzimmer finde ich ihn vor seinem Notebook sitzend.

Sieht aus, als würde er arbeiten.

„Soll ich gehen“, frage ich. 

Er scheint die Frage zu überhören, weil er sich in seine Arbeit vertieft hat. Ich sehe nur Namen auf dem Bildschirm und kann mir denken, womit er beschäftigt ist. 

Inzwischen ist es 21 Uhr und ich weiß nicht, was ich tun soll. Ob ich bleiben darf, oder gehen muss. Die Stimmung ist irgendwie angespannt, da er mich auch hier ziemlich ignoriert. 

„Es ist schon spät“, deute ich an. Mit der Hoffnung, dass er versteht, worauf ich hinaus will. 

„Du bleibst heute hier“, sagt er nur. 

Das überrascht mich. Also will er mich doch nicht loswerden. 

„Mach dich schon mal fertig.“

„Wie jetzt?“

„Fertig machen für’s Bett.“ 

Wie gut, dass ich fast überhaupt nichts dabei habe. Ich habe nur meine Handtasche mit und an Dinge, wie Übernachtung dachte ich überhaupt nicht. So weit war ich mit meinem Plan nicht. 

„Ich hab nichts mit.“

„Dann gehst du jetzt baden und schläfst dann nackt. Ganz einfach.“

Ein erotischer Gedanke, der es schafft, mich trotzdem schüchtern zu machen. Wir beide kennen uns doch noch gar nicht so gut. 

Ich gehe ins Bad und gucke nochmals meine Handtasche durch. Vielleicht befinden sich darin noch andere Dinge, die ich gebrauchen könnte. Aber nein, leider nicht. Schlüssel, Portemonnaie, zwei Handys, Taschentuch, Ladekabel, rosa Dior Lippenstift und Pillen. Ansonsten nichts. Okay. 

Baden ist gut, die perfekte Entspannung, wenn ich den Rest des Abends ausblende und nicht weiter denke. Denn wenn ich daran denke, wo ich jetzt bin, macht mich das kribbelig. Und weil ich nicht weiß, was er insgeheim von mir hält. Ob er sich freut? Oder will er mir vielleicht einen Denkzettel verpassen? Ich kann ihn nicht einschätzen, da er abwesend auf mich reagiert. Aber vielleicht hat er einfach nur viel zu tun. Es nützt nichts, weiter darüber nachzudenken. Auf jeden Fall brauche ich für diese Nacht kein Hotel.

Ich bade lange, genau wie zu Hause. Eine Stunde und paar Minuten und das ganz ohne Buch. Ich träume vor mich hin. Und nein, es muss nicht der gleiche Badeschaum wie zu Hause sein. Aber dieses pinke Duschbad auf dem Wannenrand stört mich. Es flüstert mir provokant ‚Frau‘ entgegen. Ich nehme das Duschbad in die Hand und sage: „Ich mag dich nicht.“ Das Duschbad bleibt stumm und erzählt mir keine Geheimnisse. 

Aber…was tue ich hier eigentlich? Ich sitze in einer fremden Badewanne und versuche mich mit einem Duschbad zu unterhalten. Niemand sollte mich dabei erwischen, wenn ich gedanklich abdrifte. Das ist zu irre.

Es klopft an der Tür und ich werde sofort aus meinem Wahnsinn herausgerissen, weil ich mich erschrecke. Zurück in der Realität.
„Möchtest du jetzt vielleicht was trinken?“, fragt er.

„Ähm..ja..“

Die Hitze im Bad macht mich nämlich schon ganz düsig.

„Was möchtest du denn?“

Am liebsten würde ich Gin Toxic sagen. Aber das wäre zu viel verlangt, sonst wird mir schwindlig und ich könnte sehr anzüglich werden. Ich weiß nicht, ob das gut ist.

„….Mineralwasser?“

„Okay.“

Dann geht er wieder und ich fixiere wieder das pinke Duschbad.

„Und was ist mit dir? Vielleicht ein Rosenwasser?“

Paar Minuten später kommt er einfach ins Bad und stellt mir das Glas auf den Wannenrand. Es ist genug Schaum in der Wanne, sodass ich mich wie angezogen darin fühle. Er sieht nichts.
„Danke.“

Dann bleibt er neben der Wanne stehen, als ob er auf irgendetwas warten würde. 

„Was ist denn“, ich schaue fragend nach oben. 

„Wenn du das Glas ausgetrunken hast, kommst du aus der Wanne.“ 

Er wirkt nicht gerade freundlich, als er das sagt. 

Dann geht er. Anscheinend halte ich mich schon zu lange hier drinnen auf. Gäste müssen sich anpassen. 

Nach fünf Minuten bin ich draußen. 

„Du hast dich ja wieder angezogen. So geht das nicht, du kannst hier nicht machen, was du willst. Das müsstest du doch wissen.“

Mit so einer Bemerkung habe ich nicht gerechnet. Vor allem, weil ich in den letzten Stunden so ignoriert wurde.

„Du kannst dich gleich wieder ausziehen und dich da hin setzen.“

Er zeigt auf einen Stuhl, der mitten im Raum steht, wo vorhin noch keiner stand. In der Wanne war es deutlich wärmer. Und die Stimmung im Raum ist herbstlich. Heute ist nicht mein Tag, das wird mir leider viel zu spät klar. Meine Stimmung schlägt abrupt um und ich fühle mich von ihm angegriffen. Ich sage ihm meine aktuelle Meinung. 

„Ich will heute nichts.“

Er wird aufmerksam und ich spüre, dass ihm der Satz ganz und gar nicht gefällt.

„Wie nichts?“

„Ich will mich jetzt nicht ausziehen. Mir ist kalt und ich glaube, ich krieg meine Tage oder so.“ 

Die beste Drohung, die immer zieht. Ich kann nichts dafür, dass meine Stimmung jetzt umschlägt. Irgendwie passt das alles gerade nicht. Liegt wahrscheinlich daran, dass Winter ist und ich meine Sachen nicht mit habe. Ich bin ohne alles hier und das geht gar nicht. Und die Klamotten sind auch nicht optimal. Die Leggings und der Strickpullover haben mit meiner Persönlichkeit nichts zu tun. Früher zerriss ich immer T-Shirts, die mir nicht gefielen. Das könnte ich jetzt auch tun. Aber weil ich weiß, dass in zehn Minuten wieder alles toll sein wird, verzichte ich darauf.

Er guckt mich kritisch an, ohne was zu sagen. Aber es sieht eher so aus, als würde er immer noch warten. Er lässt sich nicht von dem ablenken, was ich sage.
Ohne einen wirklichen Auslöser fühle ich mich seit wenigen Minuten überfordert. 

Ich wende mich ab und finde die richtige Tür zum Schlafzimmer wieder. Dort lege ich mich ins Bett und ziehe mir die Decke über den Kopf. 

So, und jetzt wieder vernünftig sein, rede ich mir ein. Sonst…

Ich muss lächeln, als ich mich an meine früheren Wutanfälle erinnere, wo ich sämtliche Klamotten zerrissen habe. Am liebsten Unterhemden, weil ich die richtig hasste. Jeder, der mich heute kennenlernt, kann sich glücklich schätzen, dass diese Zeiten vorbei sind und ich andere Bewältigungsmechanismen verwende. Unter anderem Arbeiten. Aber nicht nur das. 

Türen schlagen ist übrigens auch lange out. Genauso wie eine volle Kellogg’s-Schale auf dem Küchentisch zerschmettern zu lassen. Ich weiß nicht mehr, warum. Eigentlich reichte manchmal nur ein einziges falsches Wort, welches sich dann als Missverständnis entpuppte. Früher konnte ich mit Kritik nicht umgehen, deswegen wurde ich schnell Klassenbeste, damit niemand mehr etwas zu sagen hatte. Perfektion motivierte mich enorm und ich bekam umso mehr Taschengeld, welches ich für Plüschtiere ausgab. Und für Chupa Chups Lutscher, sowie deren Apparaturen, wo man sie reinstecken konnte.

Die weiße Decke, unter der ich liege, fühlt sich angenehm an. Sie riecht nicht so muffig, wie manch andere Decke, unter der ich schon geschlafen habe. Ich finde die Aura der Decke bezaubernd. Meine Handtasche liegt auf dem Fußboden. Ich krabbel mit der linken Hand rein und versuche blind die Pillendose zu ertasten, weil ich meinen Kopf unter der Decke lasse und nichts sehen kann. Zwischen all dem Kram finde ich sie nicht, weil sie wahrscheinlich ganz unten liegt. Alles liegt unten, wenn man etwas sucht. Das ist mit den Akten auf Arbeit nicht anders.  Aber ich will nicht unter der Decke hervorkommen, um nachzugucken.

In dem Moment geht das Licht an, meine Hand erstarrt in der Tasche. Dann herrscht einen Atemzug völlige Ruhe.

„Was machst du denn da“, herrscht er mich an.

Ich weiß nicht, was er sich bei dem Anblick denkt. Wenn er zehn Minuten später gekommen wäre, wäre vielleicht alles gut. Aber er hat zu früh das Zimmer betreten, weil ich immer noch etwas durcheinander bin und nicht weiß, was mit mir los ist. Deswegen wollte ich meine Pillen haben. Die hätten mich zurück ins Gleichgewicht gebracht.

„Also, was ist los“, fragt er. 

Er hat eine logische Antwort verdient. Aber die kann ich ihm jetzt nicht geben.

„Mein Unterbewusstsein ist los.“

Für mich die logischste Antwort. Anders lassen sich spontane Stimmungsschwankungen nicht beschreiben. Sie kommen und gehen unangekündigt, wenn irgendwas in mir ausgelöst wird, ohne zu wissen, was.

„Und was machst du da in deiner Tasche?“

„Ich suche etwas.“

Er lacht kurz. Dann macht er das Licht wieder aus und unter der Decke wird es so dunkel, wie vorher.

Dass er so schnell geht, hätte ich nicht gedacht. Vor allem, weil es inzwischen ziemlich spät sein muss. Irgendwann wird er sicher ins Bett wollen. Als es auf einmal klingelt, werde ich aus meinen Was-wäre-wenn-Gedanken herausgerissen.

Ich schaue auf mein Handy. Es ist 23 Uhr. Später, als ich dachte. Dass ich schon einige Stunden hier bin, kann ich mir gar nicht vorstellen und ich bin nicht einmal müde.

Viel wichtiger ist: Wer ist da an der Tür? 

Ich bleibe im Bett, denn alles andere wäre zu gewagt. Besucher haben sich im Hintergrund zu halten. Ich bilde mir ein, eine Frauenstimme zu hören. Was auch sonst. Zwei Stimmen wechseln sich ab. Er und sie. Ich fühle mich wie ein versteinerter Vulkan, weil ich ausbrechen will und nicht darf. Es wäre ja sowieso viel zu übertrieben, da ich nicht weiß, worum es geht und alles nur Kopfsache ist. Und weil es mich eigentlich absolut nichts angeht. Aber die Neugier bleibt. 

Ich stelle mich still vor die Schlafzimmertür, um durch den offenen Spalt mehr mitzukriegen. Mein Strickpullover klebt. Entweder habe ich unter der Decke zu sehr geschwitzt oder der Vulkan findet sein Ventil und läuft gerade in Form von Angst an mir hinunter. Wut ist es nicht, sondern Angst vor Verlust.

Nach ewigen Minuten ist das Gespräch an der Tür vorbei. Es geht mir nicht besser und nicht schlechter. Ich befinde mich nun eher in dieser Egal-Stimmung, die mir ganz gut gefällt. Lieber so, als zu viel Emotionen. Letztendlich kann ich doch sowieso nichts ändern und muss die Dinge so hinnehmen, wie sie sind.
Ich komme vorsichtig aus dem Zimmer, wie nach einem Streit zwischen zwei Erwachsenen, der gerade an der Haustür beendet wurde. Die Luft ist rein und das nächste Drama könnte beginnen.

„War das die mit dem Duschbad?“, frage ich zusammenhangslos.

Er schaut mich irritiert an. 

„Ich meine, ob das pinke Duschbad auf dem Wannenrand von ihr ist.“

Irgendwie gibt es dafür wohl keine Antwort, die mich etwas angeht. Oder er weiß nicht, wovon ich rede.

Ein Glück, dass ich innerlich gerade stumm bin und nicht das Bedürfnis habe, sehr viele Fragen zu stellen. Die beantworte ich mir lieber selber in meiner Fantasie, denn die Wahrheit will ich echt nicht wissen. Ich weiß nicht, wie meine Wohnung dann aussehen würde und ob mich der Gin Toxic aus meiner Küche vernichten könnte, wenn mir vorher nicht schlecht wird. Mit Apfelsaft hätte er gute Chancen, zusammen mit einer anschließenden Zugfahrt. Das hat schon einmal geklappt. 

Nach meinem Statement gehe ich zurück ins Schlafzimmer. Ich trotte eher lässig zurück. So, als ob ich bei ihm wohnen würde. Dabei könnte er mich immer noch rausschmeißen, wenn ich zu anstrengend werde.
Wieder liege ich unter der Decke. Bis er sie wegnimmt und es wieder richtig hell wird. 

„Jetzt ist Schluss. Du machst jetzt, was ich sage. Ist das klar?“

Er sieht ernst aus und ich spüre sofort, dass es keine leere Drohung ist. Mir ist sowieso schon die ganze Zeit bewusst, dass ich mit meinem Verhalten zu weit gehe. Ich wollte nur testen, wie weit ich gehen kann. Und jetzt muss ich artig sein und mich benehmen. Seine Wohnung, seine Regeln. Ich der Gast.

Aber wahrscheinlich testet er mich. Er hat solche Sachen schon einmal erwähnt und behauptet, er würde mich testen. Es ist schon länger her, aber ich weiß es.

Er guckt mich an, ohne seinen Blick aufzulockern und zeigt mir, dass ich Grenzen überschritten habe.
„Jetzt komm unter der Decke vor, ich will dich sehen, Kleine.“

Ich mache was er sagt und schaue zu ihm hoch. Alles wie beim letzten Mal, nur dass das hier kein Abschied ist, sondern die Fortsetzung. 

„Und jetzt zieh dich aus. Das solltest du vorhin schon tun.“

Ich halte kurz inne, ziehe zuerst die Leggings und dann den Pullover aus. 

Diesmal trage ich pastellfarbene Reizwäsche in weiß und rosa. Passt ja auch perfekt, wenn man blass und unvorbereitet ist. 

Er betrachtet mich und sein Blick gleitet von oben nach unten und wieder zurück.

„Dreh dich mal.“

Nachdem ich mich einmal gedreht habe, positioniert er mich so, dass ich mit dem Hintern vor ihm stehe. Dann zieht er mir den Slip runter und streichelt meinen Po. Es fühlt sich so angenehm an, dass mir warm wird. Am liebsten würde ich mich umdrehen und ihn umarmen. Aber das geht nicht. Seine Hände zu spüren ist toll. Mein kleiner Po passt genau in seine großen Hände. 

Dann macht er meinen BH auf. So geschickt und zart, dass ich es kaum bemerke. 

Ich drehe mich wieder zu ihm, um ihn sehen zu können. Seine Augen sind so faszinierend blau und tief. Ich las einmal ein Buch über Charisma. Er könnte es geschrieben haben, denn er besitzt davon reichlich. 

Ich liebe es, wie er mich anschaut und dabei ernst bleibt. Er steht selbstbewusst in Jeans und Hemd vor mir und ich bin völlig nackt. Seine Blicke scheinen keine Stelle meines Körpers auszulassen. Er nimmt mich mit zu dem Stuhl, der immer noch mitten im Raum steht.

„Setz dich dort hin“, befiehlt er. 

Der Stuhl ist aus Holz und fühlt sich kalt an, unter meiner warmen Haut. Er steht angelehnt an der Tischkante und beobachtet mich, ohne einen Hauch von Mimik. Er hat das Sagen und ich habe nicht mehr das Bedürfnis, etwas zu tun, was dem widerspricht. Ich habe mich wieder unter Kontrolle, so lange er den Ton angibt und direkte Ansagen macht. Ich möchte ihn nicht provozieren. Ich will nichts kaputt machen. Nicht wieder.

Er sitzt minutenlang einfach nur da und schaut mich an. Ich kann seinen Blick nicht halten und schaue Weg. Dennoch sagt er dazu nichts. 

Dann kommt er zu mir. 

„Und jetzt guck mich an!“

Seine Stimme ist trotzdem leise und ruhig. 

Während er mich anguckt denke ich ‚fick mich‘. Ich denke es die ganze Zeit, bis ich es ausspreche: „Fick mich.“

Ich spüre, dass es ihn sofort anmacht. Es ist, als würden seine Augen etwas aufblitzen, ohne dass man es wirklich sieht. Ich kann es nur spüren. Sein Blick wirkt danach noch eindringlicher. 

„So so“, sagt er nur. „Und wie heißt das richtig?“

„Fick mich,..bitte.“

„Schon besser, Kleine.“

Ich verstehe nicht, warum ich noch auf diesem Stuhl sitze, anstatt mit ihm sofort ins Bett zu gehen. Innerlich bin ich unruhig und heiß geladen. Ich gucke ihn flehend an und merke, dass es ihm nicht anders geht. 

Ungefähr eine Viertelstunde sitze ich auf diesem Stuhl mit der Hoffnung, dass es gleich weiter geht. Dann klingelt sein Handy. Es ist längst Nacht! Wer ruft denn da noch an? Ich ahne gleich, dass das alles irgendwie nicht gut ist. Er verzieht sich mit dem Handy ins Schlafzimmer, damit ich nicht zu viel mitkriege von seiner Arbeit. Ich höre seine Stimme, aber keine Worte. Inzwischen fühle ich mich unwohl. Meine Sachen liegen direkt vor der Schlafzimmertür und kann sie nicht holen, da ich sonst zu nah am Telefongeschehen wäre. Er würde denken, dass ich neugierig bin.
Aber weil ich mich zunehmend unbehaglicher fühle, hole ich schnell meine Sachen und entferne mich gleich wieder von der Tür.

Es dauert nicht lange, bis er fertig ist und ich angezogen auf dem Stuhl warte.
„Es tut mir Leid, aber du musst gehen. Ich habe noch zu tun.“

„Wie jetzt? Mitten in der Nacht? Wo soll ich denn hin? Ich kann doch hier bleiben.“

„Nein, es kommen gleich ein paar Kollegen, wir haben was zu besprechen.“

Ich kann das fast gar nicht glauben, aber ich versuche es zu verstehen. 

„Ich weiß nicht, wo ich hin soll.“

„Nehme dir ein Hotel, ich bezahle es.“

„Nein, brauchst du nicht. Ich hab genug Geld. Aber ich find es nicht gut, jetzt gehen zu müssen.“

„Ich auch nicht. Ich habe mir die Nacht auch anders vorgestellt. Aber es ist wichtig. Nehme es bitte nicht persönlich, okay?“

Ich schweige und gucke betreten weg. Mir gefällt das nicht.

„Wie soll es denn weitergehen? Sehen wir uns wieder?“

„Ja, auf jeden Fall. Mach dir keine Gedanken. Versprochen?“

„Es wird mir schwerfallen. Aber ich versuche es.“

„Du musst jetzt gehen, Kleine.“

Ich strenge mich an, die Tränen zu verdrängen. Es fällt mir jedoch enorm schwer. 

„Meldest du dich dann bitte wieder bei mir? Ich meine, du hast mich blockiert, was ich nicht verstehe.“

„Ja, dafür gibt es andere Gründe. Ich werde mich bei dir melden, wenn ich mehr Zeit habe. Und bitte warte nicht auf mich, sondern genieße dein Leben bis dahin.“

„Das macht mich traurig.“

„Nicht doch, dafür gibt es keinen Grund. Ist doch alles toll!“

Alles toll. Jaja. Ich hole enttäuscht meine Tasche aus dem Schlafzimmer und ziehe mich an. Mit dem Taschentuch trockene ich mir die Tränen ab, bevor sie sichtbar herunterkullern. Das will ich nicht. Er soll nicht denken, dass ich labil bin oder klammere. Oder sonst was.

Ich gucke ihn an und es bricht mir fast das Herz, jetzt von ihm nach Hause geschickt zu werden.

„Darf ich dich umarmen?“, frage ich.

Und dann tue ich es einfach. Es fühlt sich so gut, wie bei keinem anderen. Ich würde aus diesem Moment gerne eine Stunde machen. Aber es geht nicht, er löst sich aus der Umarmung. 

„Bis zum nächsten Mal?“, frage ich leise.

„Ja, bis bald.“

Ich werde versuchen, mir keine Hoffnungen zu machen, wann bald ist. Bald kann auch irgendwann sein. Oder vielleicht sogar nie. 

Dann lässt er mich aus der Wohnung und hinaus in die Nacht. Ich drehe mich nicht noch einmal um, denn das würde wehtun. 

In meiner Tasche liegt mein iPod. Er ist noch an und steht seit dem Lied ‚Never be like you‘ von Flume auf Pause. Schöner Song, der gerade gut passt. In der anderen Jackentasche befindet sich mein kleiner Notizblock, der für unterwegs immer wichtig ist, um Gedanken sofort aufzuschreiben. Leider habe ich diesmal keinen Stift dabei. Mein Ausflug war ja nicht geplant.
Ansonsten bin ich gerade mitten in Berlin, auf der Suche nach irgendeinem Hotel, welches mir den Abschiedsschmerz nimmt und mir einen verträumten Schlaf schenkt. Leider werde ich so ein Hotel niemals finden. 

Mein Handy vibriert in der Tasche. Ich hole es sofort heraus und erwache schnell wieder aus meiner Traurigkeit, als ich die Nachricht lese.

‚Komm gut nach Hause, Süße. Du warst bezaubernd.‘
Ich bin glücklich und warte mit Sehnsucht auf unser Wiedersehen. Irgendwann. 

– Ende –

What I would do to take away
This fear of being loved, allegiance to the pain
Now I fucked up and I'm missing you
Never be like you
I would give anything to change
This fickle minded heart that loves fake shiny things
Now I fucked up and I'm missing you
Never be like you

I'm only human can't you see
I ma-I made a mistake
Please just look me in my face
Tell me everything's okay
'Cause I got it
Oo ooh
Never be like you

Why do I make you want to stay
Hate sleeping on my own, missing the way you taste
Now I'm fucked up and I'm missing you
Never be like you

Stop looking at me with those eyes
Like I could disappear and you wouldn't care why
Now I'm fucked up and I'm missing you
Never be like you

I'm only human can't you see
I ma-I made a mistake
Please just look me in my face
Tell me everything's okay
'Cause I got it
Oo ooh
Never be like you

I'm falling on my knees
Forgive me, I'm a fucking fool
I'm begging darling please
absolve me of my sins, won't you

Ohoo

I'm falling on my knees
Forgive me, I'm a fucking fool
I'm begging darling please
Absolve me of my sins, won't you

I'm only human can't you see
I ma-I made a mistake
Please just look me in my face
Tell me everything's okay
'Cause I got it
Oo ooh
Never be like you 

[Flume: Never Be Like You]



 

Jemand und Gin 4

[…]

Ich muss lächeln, als ich mich an meine früheren Wutanfälle erinnere, wo ich sämtliche Klamotten zerrissen habe. Am liebsten Unterhemden, weil ich die richtig hasste. Jeder, der mich heute kennenlernt, kann sich glücklich schätzen, dass diese Zeiten vorbei sind und ich andere Bewältigungsmechanismen verwende. Unter anderem Arbeiten. Aber nicht nur das. 
Türen schlagen ist übrigens auch lange out. Genauso wie eine volle Kellogg’s-Schale auf dem Küchentisch zerschmettern zu lassen. Ich weiß nicht mehr, warum. Eigentlich reichte manchmal nur ein einziges falsches Wort, welches sich dann als Missverständnis entpuppte. Früher konnte ich mit Kritik nicht umgehen, deswegen wurde ich schnell Klassenbeste, damit niemand mehr etwas zu sagen hatte. Perfektion motivierte mich enorm und ich bekam umso mehr Taschengeld, welches ich für Plüschtiere ausgab. Und für Chupa Chups Lutscher, sowie deren Apparaturen, wo man sie reinstecken konnte.

Die weiße Decke, unter der ich liege, fühlt sich angenehm an. Sie riecht nicht so muffig, wie manch andere Decke, unter der ich schon geschlafen habe. Ich finde die Aura der Decke bezaubernd. Meine Handtasche liegt auf dem Fußboden. Ich krabbel mit der linken Hand rein und versuche blind die Pillendose zu ertasten, weil ich meinen Kopf unter der Decke lasse und nichts sehen kann. Zwischen all dem Kram finde ich sie nicht, weil sie wahrscheinlich ganz unten liegt. Alles liegt unten, wenn man etwas sucht. Das ist mit den Akten auf Arbeit nicht anders.  Aber ich will nicht unter der Decke hervorkommen, um nachzugucken.

In dem Moment geht das Licht an, meine Hand erstarrt in der Tasche. Dann herrscht einen Atemzug völlige Ruhe.

„Was machst du denn da“, herrscht er mich an.

Ich weiß nicht, was er sich bei dem Anblick denkt. Wenn er zehn Minuten später gekommen wäre, wäre vielleicht alles gut. Aber er hat zu früh das Zimmer betreten, weil ich immer noch etwas durcheinander bin und nicht weiß, was mit mir los ist. Deswegen wollte ich meine Pillen haben. Die hätten mich zurück ins Gleichgewicht gebracht.

„Also, was ist los“, fragt er. 

Er hat eine logische Antwort verdient. Aber die kann ich ihm jetzt nicht geben.

„Mein Unterbewusstsein ist los.“

Für mich die logischste Antwort. Anders lassen sich spontane Stimmungsschwankungen nicht beschreiben. Sie kommen und gehen unangekündigt, wenn irgendwas in mir ausgelöst wird, ohne zu wissen, was.

„Und was machst du da in deiner Tasche?“

„Ich suche etwas.“

Er lacht kurz. Dann macht er das Licht wieder aus und unter der Decke wird es so dunkel, wie vorher.

Dass er so schnell geht, hätte ich nicht gedacht. Vor allem, weil es inzwischen ziemlich spät sein muss. Irgendwann wird er sicher ins Bett wollen. Als es auf einmal klingelt, werde ich aus meinen Was-wäre-wenn-Gedanken herausgerissen.

Ich schaue auf mein Handy. Es ist 23 Uhr. Später, als ich dachte. Dass ich schon einige Stunden hier bin, kann ich mir gar nicht vorstellen und ich bin nicht einmal müde.

Viel wichtiger ist: Wer ist da an der Tür? 

Ich bleibe im Bett, denn alles andere wäre zu gewagt. Besucher haben sich im Hintergrund zu halten. Ich bilde mir ein, eine Frauenstimme zu hören. Was auch sonst. Zwei Stimmen wechseln sich ab. Er und sie. Ich fühle mich wie ein versteinerter Vulkan, weil ich ausbrechen will und nicht darf. Es wäre ja sowieso viel zu übertrieben, da ich nicht weiß, worum es geht und alles nur Kopfsache ist. Und weil es mich eigentlich absolut nichts angeht. Aber die Neugier bleibt. 

Ich stelle mich still vor die Schlafzimmertür, um durch den offenen Spalt mehr mitzukriegen. Mein Strickpullover klebt. Entweder habe ich unter der Decke zu sehr geschwitzt oder der Vulkan findet sein Ventil und läuft gerade in Form von Angst an mir hinunter. Wut ist es nicht, sondern Angst vor Verlust.

Nach ewigen Minuten ist das Gespräch an der Tür vorbei. Es geht mir nicht besser und nicht schlechter. Ich befinde mich nun eher in dieser Egal-Stimmung, die mir ganz gut gefällt. Lieber so, als zu viel Emotionen. Letztendlich kann ich doch sowieso nichts ändern und muss die Dinge so hinnehmen, wie sie sind.
Ich komme vorsichtig aus dem Zimmer, wie nach einem Streit zwischen zwei Erwachsenen, der gerade an der Haustür beendet wurde. Die Luft ist rein und das nächste Drama könnte beginnen.

„War das die mit dem Duschbad?“, frage ich zusammenhangslos.

Er schaut mich irritiert an. 

„Ich meine, ob das pinke Duschbad auf dem Wannenrand von ihr ist.“

Irgendwie gibt es dafür wohl keine Antwort, die mich etwas angeht. Oder er weiß nicht, wovon ich rede.

Ein Glück, dass ich innerlich gerade stumm bin und nicht das Bedürfnis habe, sehr viele Fragen zu stellen. Die beantworte ich mir lieber selber in meiner Fantasie, denn die Wahrheit will ich echt nicht wissen. Ich weiß nicht, wie meine Wohnung dann aussehen würde und ob mich der Gin Toxic aus meiner Küche vernichten könnte, wenn mir vorher nicht schlecht wird. Mit Apfelsaft hätte er gute Chancen, zusammen mit einer anschließenden Zugfahrt. Das hat schon einmal geklappt. 

Nach meinem Statement gehe ich zurück ins Schlafzimmer. Ich trotte eher lässig zurück. So, als ob ich bei ihm wohnen würde. Dabei könnte er mich immer noch rausschmeißen, wenn ich zu anstrengend werde. 
Wieder liege ich unter der Decke. Bis er sie wegnimmt und es wieder richtig hell wird. 

„Jetzt ist Schluss. Du machst jetzt, was ich sage. Ist das klar?“

Er sieht ernst aus und ich spüre sofort, dass es keine leere Drohung ist. Mir ist sowieso schon die ganze Zeit bewusst, dass ich mit meinem Verhalten zu weit gehe. Ich wollte nur testen, wie weit ich gehen kann. Und jetzt muss ich artig sein und mich benehmen. Seine Wohnung, seine Regeln. Ich der Gast.

Aber wahrscheinlich testet er mich. Er hat solche Sachen schon einmal erwähnt und behauptet, er würde mich testen. Es ist schon länger her, aber ich weiß es.

Er guckt mich an, ohne seinen Blick aufzulockern und zeigt mir, dass ich Grenzen überschritten habe. 
„Jetzt komm unter der Decke vor, ich will dich sehen, Kleine.“

Ich mache was er sagt und schaue zu ihm hoch. Alles wie beim letzten Mal, nur dass das hier kein Abschied ist, sondern die Fortsetzung. 

„Und jetzt zieh dich aus. Das solltest du vorhin schon tun.“

Ich halte kurz inne, ziehe zuerst die Leggings und dann den Pullover aus. 

Diesmal trage ich pastellfarbene Reizwäsche in weiß und rosa. Passt ja auch perfekt, wenn man blass und unvorbereitet ist. 

Er betrachtet mich und sein Blick gleitet von oben nach unten und wieder zurück.

„Dreh dich mal.“

Nachdem ich mich einmal gedreht habe, positioniert er mich so, dass ich mit dem Hintern vor ihm stehe. Dann zieht er mir den Slip runter und streichelt meinen Po. Es fühlt sich so angenehm an, dass mir warm wird. Am liebsten würde ich mich umdrehen und ihn umarmen. Aber das geht nicht. Seine Hände zu spüren ist toll. Mein kleiner Po passt genau in seine großen Hände. 

Dann macht er meinen BH auf. So geschickt und zart, dass ich es kaum bemerke. 

Ich drehe mich wieder zu ihm, um ihn sehen zu können. Seine Augen sind so faszinierend blau und tief. Ich las einmal ein Buch über Charisma. Er könnte es geschrieben haben, denn er besitzt davon reichlich. 

Ich liebe es, wie er mich anschaut und dabei ernst bleibt. Er steht selbstbewusst in Jeans und Hemd vor mir und ich bin völlig nackt. Seine Blicke scheinen keine Stelle meines Körpers auszulassen. Er nimmt mich mit zu dem Stuhl, der immer noch mitten im Raum steht.

„Setz dich dort hin“, befiehlt er. 

Der Stuhl ist aus Holz und fühlt sich kalt an, unter meiner warmen Haut. Er steht angelehnt an der Tischkante und beobachtet mich, ohne einen Hauch von Mimik. Er hat das Sagen und ich habe nicht mehr das Bedürfnis, etwas zu tun, was dem widerspricht. Ich habe mich wieder unter Kontrolle, so lange er den Ton angibt und direkte Ansagen macht. Ich möchte ihn nicht provozieren. Ich will nichts kaputt machen. Nicht wieder.

Er sitzt minutenlang einfach nur da und schaut mich an. Ich kann seinen Blick nicht halten und schaue Weg. Dennoch sagt er dazu nichts. 

Dann kommt er zu mir. 

„Und jetzt guck mich an!“

Seine Stimme ist trotzdem leise und ruhig. 

Während er mich anguckt denke ich ‚fick mich‘. Ich denke es die ganze Zeit, bis ich es ausspreche:“Fick mich.“

Ich spüre, dass es ihn sofort anmacht. Es ist, als würden seine Augen etwas aufblitzen, ohne dass man es wirklich sieht. Ich kann es nur spüren. Sein Blick wirkt danach noch eindringlicher. 

„So so“, sagt er nur. „Und wie heißt das richtig?“

„Fick mich,..bitte.“

„Schon besser, Kleine.“

Ich verstehe nicht, warum ich noch auf diesem Stuhl sitze, anstatt mit ihm sofort ins Bett zu gehen. Innerlich bin ich unruhig und heiß geladen. Ich gucke ihn flehend an und merke, dass es ihm nicht anders geht. 

Ungefähr eine Viertelstunde sitze ich auf diesem Stuhl mit der Hoffnung, dass es gleich weiter geht. Dann klingelt sein Handy. Es ist längst Nacht! Wer ruft denn da noch an? Ich ahne gleich, dass das alles irgendwie nicht gut ist. Er verzieht sich mit dem Handy ins Schlafzimmer, damit ich nicht zu viel mitkriege von seiner Arbeit. Ich höre seine Stimme, aber keine Worte. Inzwischen fühle ich mich unwohl. Meine Sachen liegen direkt vor der Schlafzimmertür und kann sie nicht holen, da ich sonst zu nah am Telefongeschehen wäre. Er würde denken, dass ich neugierig bin. 
Aber weil ich mich zunehmend unbehaglicher fühle, hole ich schnell meine Sachen und entferne mich gleich wieder von der Tür.

Es dauert nicht lange, bis er fertig ist und ich angezogen auf dem Stuhl warte. 
„Es tut mir Leid, aber du musst gehen. Ich habe noch zu tun.“

„Wie jetzt? Mitten in der Nacht? Wo soll ich denn hin? Ich kann doch hier bleiben.“

„Nein, es kommen gleich ein paar Kollegen, wir haben was zu besprechen.“

Ich kann das fast gar nicht glauben, aber ich versuche es zu verstehen. 

„Ich weiß nicht, wo ich hin soll.“

„Nehme dir ein Hotel, ich bezahle es.“

„Nein, brauchst du nicht. Ich hab genug Geld. Aber ich find es nicht gut, jetzt gehen zu müssen.“

„Ich auch nicht. Ich habe mir die Nacht auch anders vorgestellt. Aber es ist wichtig. Nehme es bitte nicht persönlich, okay?“

Ich schweige und gucke betreten weg. Mir gefällt das nicht.

„Wie soll es denn weitergehen? Sehen wir uns wieder?“

„Ja, auf jeden Fall. Mach dir keine Gedanken. Versprochen?“

„Es wird mir schwerfallen. Aber ich versuche es.“

„Du musst jetzt gehen, Kleine.“

Ich strenge mich an, die Tränen zu verdrängen. Es fällt mir jedoch enorm schwer. 

„Meldest du dich dann bitte wieder bei mir? Ich meine, du hast mich blockiert, was ich nicht verstehe.“

„Ja, dafür gibt es andere Gründe. Ich werde mich bei dir melden, wenn ich mehr Zeit habe. Und bitte warte nicht auf mich, sondern genieße dein Leben bis dahin.“

„Das macht mich traurig.“

„Nicht doch, dafür gibt es keinen Grund. Ist doch alles toll!“

Alles toll. Jaja. Ich hole enttäuscht meine Tasche aus dem Schlafzimmer und ziehe mich an. Mit dem Taschentuch trockene ich mir die Tränen ab, bevor sie sichtbar herunterkullern. Das will ich nicht. Er soll nicht denken, dass ich labil bin oder klammere. Oder sonst was.

Ich gucke ihn an und es bricht mir fast das Herz, jetzt von ihm nach Hause geschickt zu werden.

„Darf ich dich umarmen?“, frage ich.

Und dann tue ich es einfach. Es fühlt sich so gut, wie bei keinem anderen. Ich würde aus diesem Moment gerne eine Stunde machen. Aber es geht nicht, er löst sich aus der Umarmung. 

„Bis zum nächsten Mal?“, frage ich leise.

„Ja, bis bald.“

Ich werde versuchen, mir keine Hoffnungen zu machen, wann bald ist. Bald kann auch irgendwann sein. Oder vielleicht sogar nie. 

Dann lässt er mich aus der Wohnung und hinaus in die Nacht. Ich drehe mich nicht noch einmal um, denn das würde wehtun. 

In meiner Tasche liegt mein iPod. Er ist noch an und steht seit dem Lied ‚Never be like you‘ von Flume auf Pause. Schöner Song, der gerade gut passt. In der anderen Jackentasche befindet sich mein kleiner Notizblock, der für unterwegs immer wichtig ist, um Gedanken sofort aufzuschreiben. Leider habe ich diesmal keinen Stift dabei. Mein Ausflug war ja nicht geplant.
Ansonsten bin ich gerade mitten in Berlin, auf der Suche nach irgendeinem Hotel, welches mir den Abschiedsschmerz nimmt und mir einen verträumten Schlaf schenkt. Leider werde ich so ein Hotel niemals finden. 

Mein Handy vibriert in der Tasche. Ich hole es sofort heraus und erwache schnell wieder aus meiner Traurigkeit, als ich die Nachricht lese.

‚Komm gut nach Hause, Süße. Du warst bezaubernd.‘
Ich bin glücklich und warte mit Sehnsucht auf unser Wiedersehen. Irgendwann. 

– Ende –

Jemand und Gin 3


[…]

Mein Kopf ist kurzzeitig leer, obwohl das alles kein Vergleich zu dem ist, was ich in den letzten sechs Jahren erlebt habe. Es gibt also keinen Grund für Aufregung. Alles ist gut. Ich muss mich nur öfter daran erinnern.
Er sieht so aus, wie ich ihn in Erinnerung habe. Nur wirkt er etwas überraschter in diesem Moment. Ich bin etwas verlegen, weil ich hier bin. So ganz ohne Erlaubnis.
Auf einmal sagt er: „Gehen wir doch rein.“

Auch mal schön, die Begrüßung zu überfliegen. Manchmal reichen Blicke, um ‚Hallo‘ zu sagen. 

Ich grinse kurz und folge ihm dann in die Wohnung. Vorher noch Schuhe abtreten und dann irgendwo abstellen. Er nimmt mir die Jacke ab, Mütze und Schal stopfe ich in die Handtasche. 

Andere Wohnungen sind interessant, aber heute ist es mir ausnahmsweise mal unwichtig, wie alles aussieht. Keine Zeit für Interpretationen und Fantasien.
Ich suche mir einen Platz und warte ab.

Er bietet mir was zu trinken an, aber ich möchte nichts. Mir ist gerade nicht danach. Stattdessen schwirren mir Fragen im Kopf herum, aber ich denke nicht, dass das der passende Moment dafür ist. Lieber bin ich froh, dass ich hier sein darf.

Eigentlich müssten wir gar nicht viel reden, wenn wir die gleichen Gedanken hätten. Aber haben wir die? 

Wo ist er eigentlich die ganze Zeit? Ich sehe ihn nicht. Seit ich in seiner Wohnung bin, bin ich alleine. Könnte sein, dass er im Bad ist. Oder im Schlafzimmer. Alles ist leise. Ich spiele nervös an meinem Armband herum. In diesem gedimmten Licht glitzert es nicht so schön. Ich sitze eine ganze Weile alleine am Tisch und finde es merkwürdig. Er behandelt mich wie einen unerwünschten Gast. Eine Tatsache.
Als ich ihn frage, wo er ist, fühle ich mich, als würde ich ein Selbstgespräch führen. Keine Antwort. Ich stehe auf, und gucke zaghaft in jedes Zimmer. Im Schlafzimmer finde ich ihn vor seinem Notebook sitzend.

Sieht aus, als würde er arbeiten.

„Soll ich gehen“, frage ich. 

Er scheint die Frage zu überhören, weil er sich in seine Arbeit vertieft hat. Ich sehe nur Namen auf dem Bildschirm und kann mir denken, womit er beschäftigt ist. 

Inzwischen ist es 21 Uhr und ich weiß nicht, was ich tun soll. Ob ich bleiben darf, oder gehen muss. Die Stimmung ist irgendwie angespannt, da er mich auch hier ziemlich ignoriert. 

„Es ist schon spät“, deute ich an. Mit der Hoffnung, dass er versteht, worauf ich hinaus will. 

„Du bleibst heute hier“, sagt er nur. 

Das überrascht mich. Also will er mich doch nicht loswerden. 

„Mach dich schon mal fertig.“

„Wie jetzt?“

„Fertig machen für’s Bett.“ 

Wie gut, dass ich fast überhaupt nichts dabei habe. Ich habe nur meine Handtasche mit und an Dinge, wie Übernachtung dachte ich überhaupt nicht. So weit war ich mit meinem Plan nicht. 

„Ich hab nichts mit.“

„Dann gehst du jetzt baden und schläfst dann nackt. Ganz einfach.“

Ein erotischer Gedanke, der es schafft, mich trotzdem schüchtern zu machen. Wir beide kennen uns doch noch gar nicht so gut. 

Ich gehe ins Bad und gucke nochmals meine Handtasche durch. Vielleicht befinden sich darin noch andere Dinge, die ich gebrauchen könnte. Aber nein, leider nicht. Schlüssel, Portemonnaie, zwei Handys, Taschentuch, Ladekabel, rosa Dior Lippenstift und Pillen. Ansonsten nichts. Okay. 
Baden ist gut, die perfekte Entspannung, wenn ich den Rest des Abends ausblende und nicht weiter denke. Denn wenn ich daran denke, wo ich jetzt bin, macht mich das kribbelig. Und weil ich nicht weiß, was er insgeheim von mir hält. Ob er sich freut? Oder will er mir vielleicht einen Denkzettel verpassen? Ich kann ihn nicht einschätzen, da er abwesend auf mich reagiert. Aber vielleicht hat er einfach nur viel zu tun. Es nützt nichts, weiter darüber nachzudenken. Auf jeden Fall brauche ich für diese Nacht kein Hotel.

Ich bade lange, genau wie zu Hause. Eine Stunde und paar Minuten und das ganz ohne Buch. Ich träume vor mich hin. Und nein, es muss nicht der gleiche Badeschaum wie zu Hause sein. Aber dieses pinke Duschbad auf dem Wannenrand stört mich. Es flüstert mir provokant ‚Frau‘ entgegen. Ich nehme das Duschbad in die Hand und sage: „Ich mag dich nicht.“ Das Duschbad bleibt stumm und erzählt mir keine Geheimnisse. 
Aber…was tue ich hier eigentlich? Ich sitze in einer fremden Badewanne und versuche mich mit einem Duschbad zu unterhalten. Niemand sollte mich dabei erwischen, wenn ich gedanklich abdrifte. Das ist zu irre.

Es klopft an der Tür und ich werde sofort aus meinem Wahnsinn herausgerissen, weil ich mich erschrecke. Zurück in der Realität. 
„Möchtest du jetzt vielleicht was trinken?“, fragt er.

„Ähm..ja..“

Die Hitze im Bad macht mich nämlich schon ganz düsig.

„Was möchtest du denn?“

Am liebsten würde ich Gin Toxic sagen. Aber das wäre zu viel verlangt, sonst wird mir schwindlig und ich könnte sehr anzüglich werden. Ich weiß nicht, ob das gut ist.

„….Mineralwasser?“

„Okay.“

Dann geht er wieder und ich fixiere wieder das pinke Duschbad.

„Und was ist mit dir? Vielleicht ein Rosenwasser?“

Paar Minuten später kommt er einfach ins Bad und stellt mir das Glas auf den Wannenrand. Es ist genug Schaum in der Wanne, sodass ich mich wie angezogen darin fühle. Er sieht nichts. 
„Danke.“

Dann bleibt er neben der Wanne stehen, als ob er auf irgendetwas warten würde. 

„Was ist denn“, ich schaue fragend nach oben. 

„Wenn du das Glas ausgetrunken hast, kommst du aus der Wanne.“ 

Er wirkt nicht gerade freundlich, als er das sagt. 

Dann geht er. Anscheinend halte ich mich schon zu lange hier drinnen auf. Gäste müssen sich anpassen. 

Nach fünf Minuten bin ich draußen. 

„Du hast dich ja wieder angezogen. So geht das nicht, du kannst hier nicht machen, was du willst. Das müsstest du doch wissen.“

Mit so einer Bemerkung habe ich nicht gerechnet. Vor allem, weil ich in den letzten Stunden so ignoriert wurde.

„Du kannst dich gleich wieder ausziehen und dich da hin setzen.“

Er zeigt auf einen Stuhl, der mitten im Raum steht, wo vorhin noch keiner stand. In der Wanne war es deutlich wärmer. Und die Stimmung im Raum ist herbstlich. Heute ist nicht mein Tag, das wird mir leider viel zu spät klar. Meine Stimmung schlägt abrupt um und ich fühle mich von ihm angegriffen. Ich sage ihm meine aktuelle Meinung. 

„Ich will heute nichts.“

Er wird aufmerksam und ich spüre, dass ihm der Satz ganz und gar nicht gefällt.

„Wie nichts?“

„Ich will mich jetzt nicht ausziehen. Mir ist kalt und ich glaube, ich krieg meine Tage oder so.“ 

Die beste Drohung, die immer zieht. Ich kann nichts dafür, dass meine Stimmung jetzt umschlägt. Irgendwie passt das alles gerade nicht. Liegt wahrscheinlich daran, dass Winter ist und ich meine Sachen nicht mit habe. Ich bin ohne alles hier und das geht gar nicht. Und die Klamotten sind auch nicht optimal. Die Leggings und der Strickpullover haben mit meiner Persönlichkeit nichts zu tun. Früher zerriss ich immer T-Shirts, die mir nicht gefielen. Das könnte ich jetzt auch tun. Aber weil ich weiß, dass in zehn Minuten wieder alles toll sein wird, verzichte ich darauf.

Er guckt mich kritisch an, ohne was zu sagen. Aber es sieht eher so aus, als würde er immer noch warten. Er lässt sich nicht von dem ablenken, was ich sage. 
Ohne einen wirklichen Auslöser fühle ich mich seit wenigen Minuten überfordert. 

Ich wende mich ab und finde die richtige Tür zum Schlafzimmer wieder. Dort lege ich mich ins Bett und ziehe mir die Decke über den Kopf. 

So, und jetzt wieder vernünftig sein, rede ich mir ein. Sonst…

[…]

Jemand und Gin 2


[…]

Doch irgendwann in der Nacht wache ich von einem leisen Piepen auf. Ich bin sofort hellwach und schalte die Lampe auf dem Fensterbrett an. Es ist 2:37 Uhr, als ich auf den Wecker neben mir schaue. Ich wundere mich und weiß im ersten Moment nicht, was das für ein komisches Piepen war. Als ich auf mein Handy gucken möchte, merke ich, dass es nicht angeht, obwohl es am Abend voll aufgeladen war. Vor dem Schlafen zeigte es 100% an. Und jetzt? Ich versuche es mehrmals anzukriegen. Aber es funktioniert nicht und ich vermute, dass der Akku tatsächlich leer ist, ohne Grund. Das Piepen war also nur der Hinweis, dass sich das Handy gleich ausschaltet. 

Danach fühle ich mich seltsam und mir wird kalt. Mehrere Minuten sitze ich verwundert im Bett und beobachte meine Umgebung. Ich starre zur Tür oder warte darauf, dass ich im Augenwinkel irgendeinen Schatten sehe. Es passiert nichts. Ich denke noch ein paar Minuten darüber nach, dass sich Akkus nicht ohne Grund leerfressen. Aber letztendlich macht es keinen Sinn, weiter darüber nachzudenken. Ich lasse einfach das Licht an, damit das unangenehme Gefühl in mir nicht zu stark wird. Mit Licht fühlt man sich irgendwie besser. Wahrscheinlich brauche ich tatsächlich diesen Marienkäfer, der bunte Sterne an die Wand wirft, damit ich beruhigter einschlafen kann.
Irgendwie will ich meiner Freundin noch schreiben, dass hier gerade merkwürdige Dinge passieren, aber ich bin schlau genug, um mir die Nachricht zu verkneifen. Erstens, weil sie schläft und zweitens, weil es gar nicht so schlimm ist. Eigentlich wäre es doch super interessant, wenn mal etwas Gruseliges passiert und ich mittendrin bin.
Am nächsten Morgen frage ich mich, ob das wieder so ein Traum war. Manche Leute klagen ja über mirtazapininduzierte Alpträume und überraschendem Übergewicht. Aber als ich sehe, dass das Handy immer noch leer ist, weiß ich, dass ich nicht geträumt habe. Das heißt, der wahre Traum vom eingebildeten Feueralarm bleibt auf Platz eins.
Ich hole mein Ladegerät und mein Handy frisst frische Energie aus der Küchensteckdose neben dem Kaffeeautomaten. Ansonsten lasse ich das Handy erst einmal aus. Irgendwie bin ich heute zu entspannt, um neugierig auf neue Nachrichten zu sein. Ich bin froh, wenn mir öfter mal einiges egal ist und ich nicht unter Spannung stehe. Deswegen mache ich heute alles in Ruhe. In Ruhe anziehen, in Ruhe schminken und in Ruhe essen. Vanille-Soyamilch und Kellogg’s, dazu Kaffee und Schokocappuccino. Das Tolle daran: Das Frühstück macht fast den ganzen Tag satt. Oder weil ich einfach nichts brauche. 

Der Morgen vergeht schnell und gegen Mittag leuchtet die grüne Lampe auf meinem Handy. Fertig geladen. Ich schalte das Handy an, worauf es kurz vibriert und sich langsam hochfährt. Code eingeben, warten. Wenn ich ungeduldig bin, dauert mir all das zu lange. Aber inzwischen habe ich mehr Ahnung von Geduld. 
Als die Internetverbindung hergestellt ist, treffen viele Nachrichten auf einmal ein. Alle von meinem Lieblingsmann aus Berlin. Ich bin sehr überrascht über die ganzen Nachrichten und freue mich schon, sie zu lesen. Vielleicht weiß er ja nun genau, wann wir uns treffen können oder er hat noch ein paar andere Ideen. Als ich im Chat nachschauen will, ist keine neue Nachricht zu finden. Auch sein Profilbild ist weg. Mir wird ganz anders. Was soll das denn jetzt? Und vor allem: Was ist mit den vielen Nachrichten, die auf dem Display erschienen? Die können doch nicht einfach weg sein. Ich klicke auf die leere Stelle, wo sonst das Profilbild erscheint. Kein Status. Nur die Daten, die ich gespeichert habe. 

Ich lese die letzte Nachricht: ‚Wann wollen wir uns treffen?‘ Die Nachricht, die ich gestern Abend schrieb. Er hat sie gelesen. Und dann? 

Ich schreibe eine kurze Nachricht, um zu gucken, ob sie durchkommt.

‚Hey‘

Natürlich erscheint nur ein graues Häkchen, welches auch eine Stunde noch einsam und grau ist. 
Ich rufe meine Freundin an und sie nimmt gleich ab.

„Hallo?“

„Hey, hallo…ich bin’s..“

„Ja, dachte ich mir schon. Ist irgendwas bei dir passiert?“

„Ja, mir geht’s scheiße.“

„Was ist denn, Süße?“

„Ach, ganz komisch alles. Letzte Nacht ist mein Handy einfach so abgekackt. Akku leer…und heute ist der Typ einfach so verschwunden.“

„Wie jetzt? Was für’n Typ?“

„Na der, von dem ich dir erzählt hab, letztens..“

„Ach so, ja, ich weiß. Warum, was ist denn passiert?“

„Vorhin hatte ich ganz viele Nachrichten von ihm auf dem Display und als ich nachgucken wollte, war alles weg. Total komisch.“

„Hmm? Wie geht das denn? Bist du sicher, dass die von ihm waren?“

„Ja, klar…aber nun steht da nur meine letzte Nachricht von gestern. Und anscheinend hat er mich blockiert, ohne Grund. Versteh ich nicht.“

„Das ist ja komisch. Vielleicht ist es nur eine technische Störung oder so. Warte erstmal ab.“

„Glaub ich nicht. Das war noch nie so.“

„Hmm. Aber mehr kannst du wohl erstmal nicht machen. Oder du versuchst mal, ihn anzurufen?“

„Ja, könnte ich vielleicht noch probieren. Aber bin da nicht so ein Fan von. Du weißt doch, dass ich nicht so auf Telen stehe.“

„Probier’s doch einfach mal. Dann siehst du, was passiert.“

„Ja, okay, dann mach ich das gleich mal. Ich schreib dir dann.“

„Okay, bis gleich. Wird schon!“

„Ja, hoffe ich…“

Ich drücke meine Freundin schnell weg, um dann ihren Tipp zu testen und bin dabei ganz aufgeregt. Irgendwie schnürt mir die Situation gerade den Hals gewaltig zu. Auf jeden Fall fühle ich mich unwohl, als ich seine Nummer anklicke. Ich mag sowas nicht. Aber immer noch besser als diese bescheuerte Unwissenheit, auf die ich noch weniger stehe.
Es klingelt einmal und dann geht sein Anrufbeantworter an. Scheiße! Das ist doch ein eindeutiges Zeichen, dass ich auf der BlackList stehe!

Ich schreibe meiner Freundin: Blockiert.
Sie antwortet nur mit: Waaaaaaas???!?!?!??????

Und ich denke nur: WARUM?

Ich gehe gedanklich die letzten tollen Wochen durch und ich erinnere mich an nichts Negatives. Es ist nichts passiert. 

Dann gucke ich mein ganzes Handy durch und versuche die Nachrichten, die kurz auf dem Display erschienen, per Suchfunktion zu finden. Mein Handy findet nur die Texte, die ich schon kannte. Nichts Neues. Ich lese mir die alten Nachrichten durch und komme sofort wieder ins Schwärmen. Umso weniger verstehe ich die Blockierung. Ich starre das leere Profilbild an, als könnte ich damit etwas bezwecken. 

Impulsgesteuert wie früher, setze ich mich in den nächsten Zug, der alle zwei Stunden nach Berlin durchfährt. Selbst, wenn ich mein Auto im vergangenen Herbst nicht zu Schrott gefahren hätte, hätte ich es heute nicht angerührt. Man sollte die Hände von Autos lassen, so lange man sich angepisst fühlt. Mein Fahrschullehrer konnte mir das damals leider nicht glaubhaft beibringen. 
Ich saß im Zug, wie ich gerade war. Manchmal ist es einfach nicht nötig, sich Gedanken über die passenden Klamotten und Schmuck zu machen. Manchmal reicht es, wenn man einfach so ist, wie man ist. Ohne Gedanken. Zerstreut beschreibt den richtigen Ausdruck für meinen Zustand im Zug. Eigentlich denke ich nichts. Ich denke nicht mehr, als: warum. 
Mein Handy bleibt reaktionslos. Der blockierte Kontakt, alias ich, bewegt sich nun selbständig nach Berlin. Ohne zu wissen, was dann passiert. Naiv ohne Konsequenz. 

Nach einigen Stunden sitze ich tatsächlich auf einer Bank beim Alexanderplatz. Die wichtigsten Anlaufstellen befinden sich gleich in der Nähe: Essen, Kino und Hotel. Ich weiß noch nicht, ob ich ein Hotel brauche. Aber immerhin ist es schon abends. 
Eigentlich weiß ich nun gar nicht, was ich machen soll. Ein wenig verloren bin ich in Berlin schon. Manchmal. Es dauert nicht lange, bis ich nach und nach von Leuten angesprochen werde, die Geld haben wollen. War ja irgendwie klar. Aber da ich kein Bargeld dabei habe, kann ich nicht viel machen. Im Nachhinein bemerke ich, wie die Leute hübsche Handys aus ihren Hosentaschen ziehen und recht gut angezogen sind. So so.

Aber was mache ich jetzt? Auf meinem Handy tut sich nichts. Das Einzige, was ich tun kann, ist, mir ein Taxi zu rufen und zu der Adresse zu fahren, wo mein Lieblingsmann wohnt. Aus genau dem Grund bin ich schließlich nach Berlin gefahren. Und jetzt werde ich nervös. Ob das so eine gute Idee ist? Wer weiß, was mich dort erwartet und ob ich das alles sehen will. Aber okay, was habe ich schon zu verlieren? Eventuell meine Hoffnung. Aber die könnte ich auch woanders wiedergewinnen, wenn ich mich mehr anstrengen und mehr Männern ein winzige Chance geben würde. 
– Zeitverschwendung – 

Ein Taxifahrer parkt direkt in meiner Nähe und wartet auf mich. Ich sage ihm, wo es hingehen soll und er nickt. Nach zwanzig Minuten sind wir da. 
Ich stehe vor der Tür meiner Zieladresse. 

Meine innere Stimme sagt: Alles egal, alles egal. Und ich versuche ihr zu glauben. 

Alles egal. 

Die Haustür unten ist auf und ich gehe hinein, ohne zu zögern. Es ist nur ein Haus mit Menschen drin. Als ob mich sowas schon jemals gestört hätte. An jeder Tür steht ein Name dran, auch völlig normal. Bis ich vor der wichtigsten Tür stehe – seiner Tür. Mich schaudert es ein wenig. Schließlich bin ich diejenige, die unangemeldet davor steht. Ich komme mir sofort illegal vor und es würde sich verboten anfühlen, wenn ich gleich klingeln würde. Aber wofür habe ich mir sonst den weiten Weg gemacht? Eigentlich ist es doch echt egal, was ich in den nächsten Minuten tun werde. Es kann nur gut oder schlecht werden, denn dazwischen gibt es nichts. Es gibt nur zwei Optionen. 

Ja oder nein.

An der Tür hängt nichts weiter, bis auf das Schild mit dem Namen drauf. Die Tür macht auf mich einen kalten Eindruck. Irgendwie versucht sie mich auf Abstand zu halten. Wenn ich mich noch weiter in die Sache hineinsteigere, warnt sie mich sogar davor, zu klingeln. Ich kneife die Augen zusammen und meine Stirn faltet sich automatisch, um meine Mimik noch kritischer darzustellen. 
Dann läuft eine Person aus dem Haus an mir entlang. Es ist ein Mann, er bemerkt wohl meinen Gesichtsausdruck und fragt: „Suchst du irgendwas?“

Warum du, ist mein erster Gedanke. Sehe ich wie ‚du‘ aus…? Das wäre ja keine Überraschung, nach all den Jahren des Nicht-Alterns.
„Nein, ich überlege nur.“

Ich fühle mich gerade wie in einem Laden, in dem mich die Verkäuferin nach meinen Vorlieben fragt und mich dringend beraten möchte.

Der Mann geht wieder. Er kann nichts für mich tun. 

Ich bleibe vor der Tür und überlege mir die Fortsetzung. Es liegt an mir, was ich aus dieser Sache mache, denn mein Lieblingsmann ignoriert mich. Auf meinem Handy tut sich weiterhin nichts. 

Okay, ich bewege meine Finger vorsichtig in Richtung Klingel. Gleich wird alles noch illegaler. Die Klingel ist der letzte Schritt, der mir helfen kann. Mein Zeigefinger berührt den Knopf, nur das Drücken fällt noch schwer. Dann, ganz langsam, drücke ich den Knopf rein und ich weiß nun, wie es sich anfühlt, wenn man bewusst die Backenzähne fest aufeinanderpresst. 
Irgendwie ist das gerade eine ziemlich unangenehme Situation und mein Herz rebelliert auf jeden Fall. Alles ist ganz leise, ich höre nichts von drinnen. Vielleicht ist er nicht da. Kann sein, dass er arbeitet und nicht zu Hause ist. Ich warte angespannte zwei Minuten, bis mir klar wird, dass niemand zu Hause ist. Klar könnte ich nun etwas durchatmen, aber ich bin dennoch wie erstarrt und mein Herz kriegt sich eh nicht so schnell ein, wenn es aufregend wird. 

Dann höre ich, wie sich jemand annähert und ich denke, dass es wieder einer der Nachbarn ist. Ich möchte sehen, ob es wieder der Mann von eben ist und drehe mich um. Und dann steht plötzlich der Mann aus Berlin vor mir, wegen dem ich hier bin. 
[…]

Jemand und Gin


Manchmal bin ich hochsensibel und emotional.Und dennoch bin ich gefasst.

Manchmal bin ich gelähmt und blockiert.

Und dennoch bin ich gelöst.

Manchmal ist mir übel und schwindelig.

Und dennoch fühle ich mich wohl in meinem Karussell.

Manchmal verbinden sich Hirngespinste und Realität.

Und dennoch liebe ich diffuse Träume, wenn sie wahr werden.

Manchmal ist mir kalt und warm zur selben Zeit.

Und dennoch genieße ich es.

Aber am liebsten bin ich alles gleichzeitig.

Und ich liebe es, ich zu sein.

Gin Toxic hat viele Gesichter und die meisten davon sind interessant, wenn man offen für alles ist.
Jeder Cocktail lässt sich mit dem Inhalt einer Wundertüte vergleichen und jedes weitere Glas bietet die Möglichkeit, alle Gefühle wild miteinander zu kombinieren.

Meine alkoholisierten Gefühle lassen sich jedoch leicht auf’s Wesentliche zusammenfassen.

Ich würde gerne einmal einen Liebesbrief an einen fremden Mann schreiben. Doch momentan sitze ich nur stumm in der Wohnstube und beobachte, wie die Kerze meinen bunt glitzernden Teelichthalter anstrahlt und mich von meinen eigentlichen Gedanken ablenkt, die weitaus ernster sind.
Ich bin unkonzentriert und komme zu der Annahme, dass Gin Toxic und Cola doch nicht immer gut zusammenpassen, wenn man sein Hirn noch zum Denken braucht. Herumliegen und Nichtstun wäre momentan einfacher. Meinen Gedanken freien Lauf lassen und einfach von den Dingen träumen, an die ich gerade denke. Ich merke, wie mich der Alkohol langsam flachlegt und hoffe, dass sich der Zustand gleich in meinen Träumen widerspiegelt.

Schnell gehe ich unter die Dusche, bevor ich die ganze Nacht unsachgemäß auf der Couch hängen bleibe und dort neben meinem nachtaktiven Kater einschlafe.
Ich dusche unter dampfend heißem Wasser, weil mein Wärmeempfinden schon deutlich reduziert ist. Genau wie mein mentaler Allgemeinzustand, in seltenen Situationen.

Mir ist kalt und ich habe Gänsehaut. Ich drehe ungeduldig am Wärmeregulierer herum, um das Wasser noch heißer einzustellen. Aber mehr geht nicht, die Armatur ist bereits voll aufgedreht. Dann fällt mir ein, dass ich es als Kind mochte, von einer Wespe gestochen zu werden. Mit dem Wasser ist es wohl genauso. Es gibt kein heiß.

Fast zwanzig Minuten sitze ich ruhig unter der Dusche und lasse meinen Rausch vom Wasser bereinigen. Alles fühlt sich intensiver an und ich habe das Gefühl, als würde ich jeden einzelnen Tropfen auf der Haut spüren. Das Wasser ist so heiß, das es Nebelwolken bildet und dafür sorgt, dass sich allmählich die Raufasertapete von der Decke über mir löst. Meine Tapeten kommen mit den tropischen Temperaturen im Bad mittlerweile nicht mehr klar.
Aber eigentlich ist mir das alles gerade egal. Ich bin mit den Gedanken überall und nirgendwo. Der typische Zustand, wenn ich müde und voll bin. Alles ist so lahm und sinnlos.

Die Gedanken, die sich anbahnen, kehren in der Mitte wieder um und verschwinden. Ich erinnere mich an Dinge, nur um sie gleich zu vergessen.

Zwischendurch bekomme ich das Bedürfnis, per SMS Streit anzufangen, aber meine Vernunft sagt mir, dass es keinen Grund gibt und dass ich mindestens eine Nacht warten soll, bis ich wieder nüchtern bin. Aber was nützt mir eine Nacht, wenn ich trotz Müdigkeit wahrscheinlich sowieso nicht durchschlafen kann und um vier Uhr morgens hellwach bin. Um die Zeit fängt mein Kater gerne an, die Tapeten von der Wand zu kratzen. Inzwischen nur noch selten bis gar nicht.
Während ich unter der Dusche nachdenklich abdrifte, fällt mir ein, dass mir mein französisches Glitzerduschbad dabei helfen könnte, mich wieder ins normale Leben zu holen, bevor mich die aktuellen Umgebungsfaktoren völlig abstumpfen. Das Blöde an dem Glitzerduschbad ist, dass man davon körperlich nichts merkt und ich habe keine Ahnung, wonach dieses orange Zeug riecht, weil ich eine Aversion gegen diese Farbe habe. Mit meinem blauen Duschschwamm versuche ich, die unangenehme Farbe zu neutralisieren, was gut gelingt. Blau und orange wird irgendwie zu lila, wenn ich mir das richtig einbilde. Lila mit Glitzer. Ich fühle mich wie ein lila Wattebausch mit Glitzer.
Weitere zehn Minuten vergehen bis ich mit allem fertig bin. Auch nervlich mit mir selber, denn jetzt merke ich, wie der Gin Toxic für labile Stimmungsschwankungen sorgt, auf die ich gar keinen Bock habe. Mit den Gedanken ‚alles scheiße‘ putze ich mir ein paar Sekunden lang grob die Zähne und freue mich auf das Gefühl, alles ins Waschbecken zu spucken. Danach beschließe ich, dass ich morgen mein Bad sauber machen werde, da morgen der einzige Tag sein wird, an dem ich dafür Zeit habe. Aber eigentlich habe ich überhaupt gar keine Stimmungsschwankungen mehr. Ich kann sie super ignorieren, wenn ich will. Das klappt perfekt, wenn ich Lust dazu habe oder mich mit Absicht zusammenreißen muss. Für ganz bestimmte Leute zum Beispiel. Für Leute, die es wert sind, bin ich gerne vernünftig.
Nachdem ich endlich im Bad fertig bin, obwohl ich längst nicht alle pflegerischen Maßnahmen geschafft habe, gehe ich unrasiert und mit nassen Haaren ins Bett. Es ist schließlich niemand da, der sich dadurch belästigt fühlt.
Unter der Decke ist es auf einmal viel wärmer, als unter der Dusche. Mir ist heiß und meine Wangen glühen. Danke Gin Toxic, dass du heute so unberechenbar wirkst und mir einen kleinen Einblick in die Wechseljahre gewährleistest. Wobei gerade der Wunsch aufkommt, jetzt richtig flachgelegt zu werden. Von jemanden, der natürlich nicht in meiner Nähe, sondern zig Kilometer weit entfernt ist. Gedanken, wie ich sie fast jeden Abend habe, weil es normal ist, in Fantasien und Sehnsüchten zu schwelgen.

Benommen wie ich bin beobachte ich den langsamen Farbwechsel meines Nachtlichts – blau, rot, grün, weißgelb. Es leuchtet mir aus der Steckdose sanft ins Gesicht und umrahmt mein Bett. Ohne dieses kindische Beruhigungsmittel gegen Angst vor Dunkelheit würde ich wohl schlechter einschlafen und das nur wegen einigen beschissenen Büchern in meinem Regal, die sämtliche Horrorfilme übertreffen. Seitdem kann ich auf diese kleine Lampe nicht mehr verzichten, die ich zuvor noch nie im Leben gebraucht habe. Am besten wirkt die Lampe jedoch in Kombination mit Alkohol, Schlaftabletten und offenem Fenster. Der Lärm der Autos gibt mir das Gefühl, dass alles in Ordnung ist und die kalte Luft im Zimmer tut ihr Übriges. Das offene Fenster gibt mir das Gefühl, nicht alleine zu sein, da immer einige Autofahrer in der Nähe sind und die Vögel früh über die Wiese fliegen, um ihr Frühstück zu suchen.
Wenn ich gedanklich schon weit weg genug bin, stelle ich mir vor, dass ich in Berlin bin und nicht alleine im Bett liege. Mit der Hoffnung, dass ich mit dieser Vorstellung meine Träume beeinflussen kann, denn früher gelang mir das sehr häufig. Da konnte ich irgendwie alles.
Ich mag es nicht, jede Nacht alleine im Bett zu liegen. Aber der Gedanke, jede Nacht nicht alleine zu sein, stört mich noch mehr. Somit stecke wieder im Zwiespalt zwischen Wunsch und Abneigung, was aber nicht besonders schlimm ist, wenn man weiß, wie man damit umgeht.

Kurz vor dem Einschlafen drängt sich spontan eine absurde Frage in den Vordergrund, die ich im angetrunkenen Zustand nur inadäquat beantworten kann: Was sind eigentlich Gefühle? Warum spüre ich sie nicht (immer)?
Die anstrengende Frage macht mich müde und führt zu nichts. Die Antwort darauf befindet sich irgendwo in meinem schwammigen Gedankenhaufen im Kopf.

Fest steht, dass ich genug Gefühle kriege, wenn ich eine Flasche Sekt ausgetrunken habe. Bei Whiskey klappt das allerdings nicht, denn das Zeug macht zu hart und zu taub.

Irgendwann schlafe ich in meinem Gefühlsdusel ein und wünsche mir, dass ich dieser abendlichen Endlosschleife irgendwann entkomme.

Diese Endlosschleife besteht aus Träumen und Sehnsüchten in Bezug auf den Mann meiner Tagträume, die mich bis spät in die Nacht verfolgen – der Mann aus Berlin, der momentan nur in meiner lebendigen Erinnerung existiert und zu weit weg wohnt, um sich spontan auf einen Gin Toxic mit Apfelsaft zu verabreden.
Dabei besteht die größte Anziehung gerade wegen der kilometerweiten Distanz und der damit verbundenen emotionalen Unnahbarkeit. Ständige Verfügbarkeit ist für mich nichts Spannendes, sondern schreckt mich ab.

Meist ist ein Mann für mich erst dann richtig attraktiv, wenn er mich nicht an sich herankommen lässt und sich mir gegenüber dennoch diplomatisch verhält.

Jemand, der nicht anhänglich ist und jemand, mit dem Küssen nicht selbstverständlich ist.

Ich stecke im Gefühlstaumel, weil ich Sachen und Eigenschaften liebe, die man besser nicht lieben sollte. Aber ich kann nicht anders, so sehr ich mich auch anstrenge, normal zu sein. Kälte kann viel reizvoller sein, als Wärme.

Ehrlich gesagt: Ich will gar nicht normal sein. Mir würde zu viel entgehen.

Morgens um vier Wache ich auf. Schon wieder höre ich, wie mein Kater in der Wohnstube Unsinn macht. Ich gehe hin und schaue nach, was er diesmal angestellt hat. Er ist tatsächlich mit meiner Tapete beschäftigt, die er mit seinen Krallen immer weiter einreißt, um anschließend mit dem Papierschnipsel zu spielen.
Während ich den Schaden mit Kleber beseitige, guckt er mich mit groß aufgerissenen Augen an und beobachtet genau, was ich tue. Dann nehme ich ihn mit auf die Couch und rubbele grob sein Fell durch, was ihm sehr gefällt. Er steht auf rabiate Handgriffe. Nach ein paar Minuten reicht es ihm. Er windet sich aus meinen Armen hervor und schüttelt sein Fell zurecht. Danach kratzt er einige Male meinen Teppich, um seine Wut herauszulassen. Man könnte denken, er hat meinen Charakter kopiert.
Ich gehe wieder ins Bett, obwohl ich gar nicht mehr müde bin. In der Küche steht noch ein angefangenes Glas Gin. Kurz überlege ich, ob ich das noch trinke. Aber dann fällt mir ein, dass ich den Rest vorhin schon in den Abfluss gekippt habe.
Schlafen muss auch ohne Alkohol gehen und schließlich hatte ich am Abend genug davon. Wobei ich davon gerade nichts mehr merke.

Ich schaue auf mein Handy und sehe eine neue Nachricht, die vor zwei Stunden ankam. Sie ist von meinem Lieblingsmann: Wir müssen uns bald treffen.

Bei dem Gedanken wird mir ganz anders, Aufregung macht sich breit und ein kribbeliges Gefühl durchzieht meinen Körper. Er hat recht, wir müssen uns bald treffen. Wir können nicht noch zig Monate auf den richtigen Zeitpunkt warten und können nicht ewig davon träumen, wie alles wäre. Mir steht nichts im Weg, ich bin frei. Also, warum nicht jetzt? Ich habe keine Lust mehr, in Vorstellungen zu schwelgen und mich nur mit den Filmwiederholungen meines Kopfkinos zufrieden zu geben.
Ich checke gleich die Zugverbindungen und sehe, dass es keine Probleme gibt.
Mir müssen uns nur noch auf einen Tag einigen und es kann losgehen.

Ich schreibe: Wann wollen wir uns treffen?

Jetzt kann ich nur abwarten und mich wieder hinlegen. Dauernd muss ich grinsen, weil es nun Schritt für Schritt weiter geht und ich es kaum glauben kann. Mit diesem guten Gefühl schlafe ich wieder ein.

Bitch #3

…Fortsetzung…

Gegen 2 Uhr nachts kommt er wieder zurück und ich werde gleich wach, da ich mich nur in einem lockeren Halbschlaf befand. In Hotels kann ich nie richtig schlafen, so bequem die Betten auch sein mögen. Es dauert nicht lange und mein Chef steht neben mir am Bett. Er macht die Nachttischlampe an, um mich zu sehen. Dabei sieht er mein Nachthemd und sagt: „Was soll das, warum hast du das an? Du hast nackt zu sein, wenn ich da bin.“ 

Ich erinnere mich. Aber mir war so kalt und ich wollte nicht nackt im Bett liegen, zumal ich gar nicht wusste, wann er wiederkommt. Außerdem war es nur ein dünnes kurzes Nachthemd, das man schnell ausziehen kann. Sofort streift er mir das Nachthemd über den Kopf und wirft es auf den Boden.

Unsere Blicke haften aneinander. Ich nackt vor ihm und er angezogen. Er sieht nicht müde aus, im Gegensatz zu mir. Schließlich war es vorher angenehmer, ohne Licht. Meine Augen mögen lieber Dunkelheit. Mir ist die Nachttischlampe zu hell und mein Körper wird von dem Licht angestrahlt, das kann ich nicht leiden.
Wieder herrscht Schweigen und ich warte darauf, bis er etwas sagt und diese brennende Stille bricht. Aber er schaut mich nur an. 

„Leg dich hin und mach die Beine auseinander“, fordert er mich auf.

Ich gehorche und mein Körper zittert leicht, weil mir gleich wieder kalt wird. Wahrscheinlich, weil er mich anguckt und ich mich nicht verstecken kann. Ich bin schutzlos, wenn er da ist. Und gleichzeitig fühle ich mich auf eine Art bei ihm geborgen, weil er mir Schutz gibt. Nur in anderen Formen. Er ist mein Chef.

Er guckt mir zwischen die Beine und dann wieder hoch zu meinen Brüsten. 
„Steck dir deinen Finger in den Mund und lutsch daran herum“, befielt er.

Wäre ich Schauspielerin, wären seine Befehle sicher ein einfacheres Spiel für mich. Aber im Moment ist es teilweise noch ungewohnt. Ich brauche länger, um mich an etwas zu gewöhnen. Manchmal. Also stecke ich mir nach einem kurzen Zögern den Zeigefinger in den Mund und lutsche daran herum. Es erinnert mich ein bisschen an ganz früher. Ich mochte es immer gerne, etwas im Mund zu haben und meine Eltern bekamen es nur mit viel Mühe hin, es mir abzugewöhnen. 

„Und guck mich dabei an“, ergänzt er.

Ich versuche es und merke, dass es mich anmacht. Hätte ich vorher Alkohol getrunken, hätte ich sicher noch weniger Hemmungen und mir wäre wärmer.

„Und nun fass deine nasse Fotze an“, erwartet er von mir, während er immer noch an selber Stelle steht, ohne selbst aktiv zu werden. Er geilt sich an meinem Anblick auf.

Ich tue, was er sagt und er hat recht: ich bin nass. Trotz meiner Schüchternheit gefällt mir die Situation und seine Erwartungen. Wieder ist mein Empfinden widersprüchlich. Für mich gehören Gegensätze zusammen, ich kann sie nicht trennen.

Meine Hand wird leicht klebrig von meiner Feuchtigkeit und es wird immer mehr. Aber so richtig Lust, es mir selbst zu machen, habe ich nicht. Ich wünsche mir, dass er gleich den nächsten Schritt macht und auf mich zukommt, ohne ewiges Vorspiel und anderweitiges Umhergespiele.

Dann zieht er sich tatsächlich bald aus und alles geht ziemlich schnell. 
Er drängt sich zwischen meine Beine und küsst mich, ohne mit seinem Schwanz in mich einzudringen, obwohl ich das jetzt am liebsten hätte und nicht mehr warten möchte. Während er mich küsst, werde ich immer feuchter und spüre die zunehmende Klebrigkeit zwischen meinen Beinen und an seinem Schwanz. Meine Feuchtigkeit breitet sich schnell überall aus und haftet nun auch an ihm. Sein Kuss macht mich scharf und ich genieße die Reife, die darin steckt. Sein Kuss verspricht Erfahrung und stillt die Sehnsucht, die ich immer hatte und nicht befriedigt wurde. Sein Kuss löst in mir das Gefühl aus, ihn spüren zu wollen. Egal wie. 

Ich mag es, dass er zärtlich zu mir ist und ich weiß, dass das nicht selbstverständlich ist und nicht lange anhalten wird. Aber es ist unsere erste gemeinsame Nacht und wir müssen uns kennenlernen, Stück für Stück. Diese eine Nacht wird nicht reichen, um zu wissen, wo seine Grenzen sind und zu was er alles bereit ist.

Der Kuss dauert ziemlich lange und ich spüre, wie einige kleine Tröpfchen auf meinem Bauch landen, die nicht von mir sind. 
Eigentlich erwarte ich die ganze Zeit ein Zeichen für einen BlowJob, aber da kommt nichts. Nicht, wie der übliche Ablauf. Es ist anders. Im Bett herrscht eine gefährliche Romantik, die schlagartig aufhört, als er plötzlich hart in mich eindringt, ohne darauf Rücksicht zu nehmen, ob es mir wehtut. Sein Schwanz ist ziemlich dick und ich ziemlich eng. Das sagt selbst mein Frauenarzt und nicht nur Männer. Vielleicht ist es ein Vorteil, so eine jungfräuliche Fotze zu haben. Vor allem, wenn es richtig hart zur Sache geht. Welcher Mann steht da nicht drauf? 

Seine Stöße sind tief und fest. Mein Chef hält zudem konsequent Blickkontakt, um mich weiter zu erniedrigen und klein zu kriegen.
„Gefällt es dir, wie ich dich ficke, du geile Schlampe?“

Als ich nicht schnell genug antworte, fällt die nächste Ohrfeige, die noch mehr schmerzt, als auf der Toilette. Er schlägt heftiger zu, weil wir ungestört sind und es nicht schlimm ist, wenn meine Wange rot wird und glüht. 

Seine Bewegungen auf meinem Körper und seine Stöße schmerzen, weil sie teilweise unregelmäßig und sehr ruckartig sind. Deswegen weiß ich nicht, wann der nächste schmerzhafte Stoß folgt. Und jedes Mal stöhne ich leise auf. 
„Los, sag, dass es dir gefällt!“

Ich stöhne nur ein Ja aus mir heraus. 

„Was gefällt dir?“

„…dass Sie mich ficken“, antworte ich ehrlich. 

Mir schießen auf einmal Tränen in die Augen und ich fange an zu weinen. Mein Chef löst irgendein verdrängtes Gefühl in mir aus, aber ich weiß nicht welches. Nur eines weiß ich: Es ist ein altes Gefühl, das ich in mir trage und er bringt es wieder in mein Bewusstsein. 

Als er sieht, dass ich weine, schlägt er mich erneut. Er sieht mich gerne weinen und möchte diesen Zustand ausreizen, indem er mir noch mehr wehtut. Tränen schrecken ihn nicht ab und er wird dadurch nicht sanfter zu mir. Ganz im Gegenteil – es macht ihn umso geiler. 

Seine Schläge brennen und ich habe es lange nicht erlebt. Und dennoch möchte ich nicht, dass er aufhört. Er soll mich weiterficken und mich so oft schlagen, wie er will.

Mit jedem weiteren Stoß spüre ich ihn tiefer in mir. Ich versuche ihn zu küssen, aber er lässt sich nicht darauf ein. Damit habe ich eine Grenze überschritten, weil nicht ich die Regeln mache, sondern er. Die Bestrafung folgt gleich darauf, als er mir einige Sekunden den Hals zudrückt. Das habe ich noch nie erlebt und ich bekomme Angst. Schnell kriege ich kaum noch Luft. Es ist kein Spiel. Wenn ich mich mit ihm anlege, kann ich nur verlieren. Ich kann mich nicht wehren und ich darf es auch nicht. Es ist wirklich kein Spiel. Diesen Satz muss ich oft wiederholen, bis ich ihn endlich kapiere. 
Sein Wille, nicht meiner.

„So nicht, Fräulein“, droht er mit strengem Blick.

„Verstanden?“

Ich versuche mich irgendwie bemerkbar zu machen und krächze ein Ja hervor.

Danach lässt er mich los und ich kann wieder atmen. Ich fühle mich benommen. Seine Hände um meinen Hals spüre ich noch Minuten später, so fest hat er zugedrückt. 

Meine Bestrafung bereitet ihn seinen Höhepunkt. Mein Chef verhält sich recht still dabei und lässt es sich kaum anmerken. Aber ich spüre es trotzdem. 

Zwischen meinen Beinen brennt und pulsiert es weiter. Allein, weil ich so eng bin, brauche ich mehr Zeit, um mich zu erholen. Ich bin erschöpft und hätte mir am Ende etwas Nähe gewünscht. Aber mein Chef hält die gewohnte Distanz trotz Intimität ein und kümmert sich danach nicht weiter um mich. Er liegt auf der anderen Seite des Bettes, jedoch in Blickrichtung zu mir. 
„Nun leg dich endlich hin und schlaf, Kleine.“ Seine Stimme ist dabei ganz ruhig.

Dieser Satz bedeutet für mich Geborgenheit.

– Ende –

Bitch #2

…Fortsetzung…
Nach der Aktion auf der Toilette schleift er mich an seiner Hand zurück ins Restaurant. Natürlich gucken die Leute wieder und denken sich ihren Teil. Dabei haben sie keine Ahnung, wie es wirklich war. Man trifft sich nicht immer auf der Toilette, um zu ficken. Manchmal geht es auch um andere Dinge, zum Beispiel um Erziehung und Klärung von Konflikten. Mein Chef und ich setzen uns an den Tisch. Schweigen. Ich schaue ihn flüchtig an, aber er guckt gerade woanders hin. Glück gehabt. 

Mein Handgelenk ist ganz rot und schmerzt bei jeder Bewegung. Ich reibe mit den Fingern daran, um festzustellen, ob es angebrochen ist und ob es knackt. Mein Chef nimmt mich wieder ins Visier und ich vernehme ein ganz leichtes, kaum sichtbares Grinsen. Sehr unscheinbar und dennoch weiß ich, dass es ihn sehr amüsiert, wenn ich so hilflos in seiner Nähe bin und ich mich nicht wehren kann. Und es gefällt ihm umso mehr, wenn ich Schmerzen habe, die er mir zugefügt hat.

Dann kommt die Bedienung mit dem Essen. Ich habe immer noch Lust auf Pizza. Stattdessen erwartet mich eine große Portion Nudeln mit Sauce. Irgendein Pastagericht. Nicht wirklich mein Ding an diesem Abend, aber akzeptabel. Ich hasse es, so viel zu essen. Vor allem ahne ich schon, dass ich die Portion eh aufessen muss. Er passt auf, dass ich nicht zu wenig esse. 
Mein Chef sieht mein dezent negativ überraschtes Gesicht sofort. 

„Stimmt etwas nicht?“, fragt er mich gleich.

„Alles gut, Pasta geht auch. Danke.“

Er nickt und gibt damit einer weiteren Diskussion keine Chance. Ich wollte auch keine Diskussion mehr, eine hat schon gereicht. 

Beim Essen reden wir nicht. Das Thema von vorhin ist Vergangenheit. Die Toilette wirkt scheinbar als Ort des Vergessens. Nachdem ich dort bestraft wurde. 
Anschließend bezahlt er die Rechnung und sagt:“Bist du schon nass?“

Ich werde verlegen. So eine Frage passt nicht in ein Restaurant und schon gar nicht nach dem Essen.

Auf seine Frage kann ich gar nicht antworten, sie ist so unpassend. Was soll das jetzt? Mal wieder gucke ich ihn nur schüchtern an. Ich will nichts sagen, weil ich untenrum momentan gar nichts spüre.

„Ich hoffe, dir ist klar, was gleich im Hotel passiert, so ungezogen, wie du heute warst.“

Ich entweiche seinem Blick, um darüber nachdenken. 

„Fräulein“, wieder reißt er mein Kinn zu sich hoch und sein Blick brennt sich in meine Augen. Oh Mann. 

„Das hier ist alles kein Spiel, okay? Hast du das noch nicht verstanden?“

Nein, ist es nicht. Zumal er mich vor den ganzen anderen Leuten gerade bloßstellt, mitten im Restaurant. Aber niemand traut sich etwas zu sagen. 

„Ich hab verstanden“, bringe ich nur kleinlaut hervor.

Worauf habe ich mich hier nur eingelassen, denke ich. Das alles IST tatsächlich kein Spiel, sondern Ernst. Wenn das alles nicht in der Öffentlichkeit stattfinden würde, wäre es für mich wahrscheinlich weniger schlimm. Aber so fühlt es sich einfach nur nach Demütigung an.

Genau das, was ich wollte. Allerdings lieber im Privaten, fernab von der Öffentlichkeit.

Dann zieht er mich an meinem schmerzenden Handgelenk nach draußen. Die Limousine wartet schon auf uns und wir werden privilegiert ins Hotel gefahren. Natürlich eines dieser eleganten Nobelhotels, was sonst. Zum Staunen ist jetzt jedoch keine Zeit. 
„Los, du Schlampe, steig aus“, befiehlt er, während er die Tür für mich aufhält. Beim Aussteigen schaut er mir genau in den Schritt, mit der Hoffnung, etwas zu sehen. Eigentlich wartet er nur darauf, dass ich kurz abgelenkt bin und nicht mehr daran denke, dass ich keinen Slip trage.

Die Limousine ist so tiefgelegt, dass ich wirklich Probleme habe, auszusteigen. Mein Chef merkt das und reicht mir die Hand – sehr charmant. Auch so etwas kann man von ihm erwarten. Nur ohne ein Lächeln. 

„Danke“, sage ich.

„Und jetzt beweg deinen Arsch, mein Gott nochmal“, zischt er mich an.

Er legt mir den Arm um die Hüfte, damit er mein Schritttempo besser bestimmen kann, um gegebenenfalls etwas nachzuhelfen, falls ich zu langsam bin. Immerhin muss ich mich gleichzeitig auf meine Absätze konzentrieren. 

Wir erreichen wenige Minuten später das Hotelzimmer, welches riesig und extravagant ist. Kein Vergleich zu den Hotels, in denen ich mich bisher aufhielt. 
Mein Chef lässt mir nicht viel Zeit, um mich umzuschauen, denn darum geht es nicht. Deswegen sage ich auch nichts. Für ihn ist so ein Hotel nichts Neues und ich habe meinen Mund zu halten. Er steht hinter mir und sagt:“Dreh dich um, du kleine Schlampe!“ 

Ich gehorche. Im Nu hat er mir das Kleid über den Kopf gezogen und ich stehe völlig nackt vor ihm.

Seine Mimik ist ernst, während er mich anschaut, von oben bis unten. 

„Deine Titten sind wirklich schön.“ Er berührt mich dort und fängt an, sie zu massieren und zu kneten. 

Es ist ein wenig unbehaglich, so mitten im Raum zu stehen, obwohl das Bett ganz in der Nähe ist. Aber was ich fühle ist im Moment egal. Nur sein Wille zählt.

Mein Chef ist sehr erregt. Sein Atem und seine Hose verraten ihn. Ich kann meinen Blick nicht abwenden und starre die Beule in seiner Hose heimlich an. Sonst gäbe es wahrscheinlich gleich die nächste Ohrfeige. 

Obwohl mich das gerade auch ziemlich anmachen würde. 

„Komm, geh zum Bett“, bestimmt er. 
Ich höre auf ihn, weiß aber nicht, was ich dann machen soll und warte auf einen weiteren Befehl. Er bemerkt das und sagt:“Sehr gut, du lernst dazu. Leg dich aufs Bett, auf den Bauch.“ 

Gehorsam tue ich, was er sagt. Ich will nichts falsch machen. Was wird er als nächstes tun? Es ist komisch, hinten keine Augen zu haben. Obwohl ich nicht gefesselt bin, fühle ich mich ihm schon ausgeliefert. Ich höre, wie er sich die Hose auszieht und das metallische Geräusch seines Gürtels. Dann spüre ich, wie er sich mir nähert. Als er an meinen Haaren zieht, klingelt sein Handy. Er zögert kurz und schimpft, geht dann aber doch ran, da er beruflich sehr beschäftigt ist und es somit genug wichtige Anrufe gibt. Für das Gespräch zieht er sich in ein anderes Zimmer zurück, sodass ich nichts davon mitbekomme, weil es mich nichts angeht. Ich bleibe dennoch ruhig auf dem Bett liegen und gedulde mich. 

Nach zehn Minuten kommt er zurück und höre, wie er sich wieder anzieht. Ich frage nicht, was los ist. Er wird es mir schon sagen. 
„Hey Kleine, ich muss los. Du geh erstmal duschen. Ich komme später wieder. Schön lieb bleiben.“

„Okay“, erwidere ich nur. Und dann ist er, nach einem kurzen Blick in dem Spiegel, auch schon weg und ich bin allein in diesem teuren Hotelzimmer.  

Bitch

Mit 14 chattete ich mit Männern, die heute 60+ sind. Alle werden älter. Nur ich nicht.

… EVEN THOUGH YOU’RE WITH ANOTHER GIRL

Good morning
Are you alone today?
I'm burning 
Can I call you later and say?
I will wait for you
Even though you're with another girl
And so am I
Neglecting, you're running out of time
Forgetting, you couldn't stay the night
I will wait for you
Even though you're with another girl
And so am I
I'll stay the night, I'll stay the night
I will wait for you
Even though you're with another girl
I will wait for you
Even though you're with another girl
Aaaaaa-and so am I
[Trentemøller]

 

„Guck mich gefälligst an, wenn ich mit dir rede und mach deinen Job“, sagt er im fordernden Tonfall. Ich zögere. Ich kann ihn gerade irgendwie nicht angucken, meine Gedanken sind irgendwo anders festgehakt. Ich träume und bin weit weg, weil ich inzwischen gut darin bin, die Realität zeitweise auszublenden. Ich bin eigentlich bei jemand anderem und vor mir sitzt niemand. Natürlich bin ich mal wieder in dem Zustand einer dissoziativen Störung. Wenn ich will, kann ich alles komplett ausblenden und vergessen. Also: Talent oder Krankheit?

„Guck mich an“, fordert er mich erneut auf. „Von was träumst du gerade? Du hast doch alles! Oder denkst du etwa an jemand anderen? Los, sag!“ Er klingt alles andere als freundlich und er kann es nicht leiden, wenn mir andere Männer durch den Kopf gehen. Er hasst es. Seine Worte erreichen mich noch nicht. Aber ich merke, dass er böse ist und dass gleich etwas passiert, was mich aus meinem Traum reißen wird.
„Los!“ Er langt energisch über den Tisch und rüttelt an meinem Handgelenk. Seine Hand umschließt mein Handgelenk völlig und er drückt zu, bis es ein wenig knackt. Es tut weh, weil er viel Kraft hat und genau weiß, wie man mit Druck zum Ziel kommt. Besonders bei mir. Druck macht mich schwach und ich darf nicht Nein sagen. Das ist verboten.

Danach wache ich tatsächlich auf und spüre die Wirklichkeit. Ich schaue ihn an und werde verlegen. Mein Verhalten geht gar nicht und er wirkt sehr ernst. Vor mir sitzt mein Chef und nicht niemand.
„Also, ich höre“, sagt er.

Ich schweige, weil ich nachdenke, aber ich habe keinen klaren Gedanken. Nur rosa Nebel mit Sternchen und kaputten Herzchen, die schwarz sind. Dann wende ich meinen Blick ab, um mich besser konzentrieren zu können. Wenn ich ihn sehe, kann ich mich nicht konzentrieren. Vor allem, weil er meine Antworten gleich möchte, ohne dass ich ausreichend Zeit zum Nachdenken habe. Er möchte sehen, ob meine spontanen Antworten dumm oder clever sind. Er mag beides gemischt. Immerhin bin ich ihm um viele Jahre unterlegen.

Er beobachtet mich genau und kommentiert die Situation sofort:“Hey, nicht weggucken!“ Ich fühle mich eingeengt und dennoch macht es mich an. Willkommen in der Ambivalenz.
Das einzige, was ich herausbringe ist ein schwaches Ja.

Die Kellnerin kommt und nimmt die Bestellung auf. Bevor ich etwas sagen kann, bestimmt mein Chef einfach, was ich esse. Ich bin etwas verärgert, aber wahrscheinlich ist es eher schüchterner Frust.
„Eigentlich wollte ich lieber Pizza“, sage ich betont nett.

„Das ist mir egal. Du musst dich mir anpassen und nicht anders herum. Verstanden?“

Ich nicke. Es ist in Ordnung, er wird vielleicht besser wissen, was gut für mich ist. Während ich versuche, seinen Blicken nicht allzu oft auszuweichen, guckt er mir in den Ausschnitt. Selbstverständlich muss er sich nicht dafür entschuldigen, denn das ist Teil meines Jobs – gut auszusehen und meine Figur zu betonen.

„Worüber denkst du nach die ganze Zeit?“, fragt er. Irgendwie spürt er alles, er weiß genau, dass in mir etwas vorgeht. Ich kann nichts vor ihm verbergen.

„Das kann ich Ihnen nicht sagen.“

„Warum nicht?“

Weil es immer wieder die selbe ewige Geschichte ist, denke ich.

Ich antworte nicht und starre ihn an. Vielleicht um die Antwort bei ihm zu finden, die nichts mit ihm zu tun hat. Sondern mit….

„Du wirst mir jetzt sagen, was mit dir heute los ist! Sofort!“
Er steht abrupt auf und zieht mich hinter sich her, Richtung Toilette. Die Leute gucken alle, wie ich hinter ihm her stolpere und fast umknicke.

Als wir auf der Toilette sind, verpasst er mir eine Ohrfeige.

„Du wirst mir vernünftig meine Fragen beantworten, okay? Sonst kannst du auf dein tolles Gehalt und dieses Leben bald verzichten, und das willst du doch sicher nicht – oder?“

„Nein.“

Er zieht mein Kinn hoch. „Was habe ich dir zum verbotenen Wort gesagt?“ Ich bekomme Hitzewallungen und Ohrenrauschen, weil mir in dem Moment alles hochsteigt. Ich kann überhaupt nicht mehr denken.

Er will zu viel von mir und ich habe Angst, seinen Erwartungen nicht gerecht zu werden. Und dennoch kribbelt es in mir, weil dieser Moment auch genauso erregend ist. Dieser Widerspruch zerreißt mich. Ich stehe leider auf Gewalt und ich mag es, wenn er mich zwingt.

Ich kann ihm seine Fragen nicht beantworten, weil er die Antwort eigentlich kennt. Er möchte mich mit seinen Fragen nur demütigen und Macht ausüben.
„Hast du einen anderen Mann kennengelernt“, will er wissen.

„Habe ich nicht.“

„Denkst du an jemanden?“

„Ich weiß es nicht, das ist alles ganz komisch.“

„Was ist komisch? Werde genauer.“

Ich hasse seine Psychotricks, die mich ganz sprachlos und meinen Kopf leer machen. Er kann solche Gespräche unendlich weit führen und alles bis ins Detail hinterfragen. Nur mein Verstand ist teilweise zu oberflächlich für tiefgründige Sofortantworten. Und mein Gefühl steckt woanders fest. Ich will jetzt kein widersprüchliches Gespräch über abstrakte Liebe führen.

„Ich kann es nicht beschreiben. Bitte, ich möchte da jetzt nicht drüber reden.“
„Ich aber und du hast zu gehorchen. Merk dir das!“

Ich fange an zu weinen, weil ich mich eingeschüchtert und bedrängt fühle. Zumal er um einiges größer ist als ich und ich neben ihm ganz klein und zerbrechlich wirke. Ich kann mich kein Stück bewegen, weil er genau vor mir steht und ich an der Wand. Ich bin ihm ausgeliefert und er genießt es. Noch nicht einmal ein Taschentuch habe ich dabei. Meine Tränen laufen ununterbrochen die Wangen herunter und ich fange wie ein kleines Kind an zu schluchzen. Er beobachtet mich weiterhin genau und scheint sich ein wenig über mich zu amüsieren. Am liebsten würde ich direkt vor ihm zusammenbrechen und weg sein.

„Hey“, er zieht mein Kinn wieder zu sich hoch. „Guck mich an, wenn du weinst.“ Ich drehe meinen Kopf weg, weil ich es hasse. Ich will nicht, dass er mich so sieht. Mein Kopf pulsiert und dröhnt. Jedes Mal, wenn ich weine, bekomme ich Kopfschmerzen und fühle mich absolut erschöpft. Eigentlich würde ich gerne einschlafen, weil Tränen müde und gleichgültig machen. Ich sacke ein wenig in mich zusammen, aber er zieht mich gleich wieder hoch, kommt mir ganz nah und presst mich mit seinem ganzen Körper an die Wand.

„Dich weinen zu sehen erregt mich“, äußert er in einem Ton, der fast wie ein gefährliches Flüstern klingt. Aber in meinem Ohr rauscht es nur. Dann kommt er ganz dicht an mich heran und flüstert mir etwas Warmes ins Ohr. Ich spüre seinen feuchten Atem und höre ihm zu, während er mich mit einer Hand intensiv unter dem Kleid berührt, um sich davon zu überzeugen, dass ich auch wirklich keinen Slip trage.

„Warte ab, bis wir im Hotel sind. Dann wirst du noch mehr weinen, okay?“

Dann streicht er mir mit seinem Zeigefinger zärtlich über die Wange und lächelt zum ersten Mal an diesem Abend.

Verbotenes Wiedersehen

Ein kurzer Anfang ist schnell gemacht. Aber ein schnelles Ende kann nicht immer kurz sein. 

Ich stehe unangemeldet vor deiner Tür und weiß nicht, was ich tue. Mein Hirn spielt wieder Verstecke und muss meinen Verstand finden. Unser letztes Treffen ist seit Ewigkeiten blühende Vergangenheit und ich habe keine Ahnung, ob dich mein Besuch erfreuen wird oder ob du dich überhaupt an mich erinnern willst. Es war viel passiert und letztendlich blieb nur ein wirrer Schrotthaufen aus emotionalen Konflikten, der sich irgendwann auflöste und in der Distanz verschwand. Ich war wieder frei und unabhängig. Bis heute.

Nun stehe ich wartend vor der Klingel, obwohl die Eingangstür offen ist, weil sich dein Haus tagsüber in ein unauffälliges Bürogebäude verwandelt. Eigentlich weiß ich nicht einmal deinen Nachnamen, aber den brauche ich nicht, da es einfach ist, mit dem Fahrstuhl in die letzte Etage zu fahren. Wenn ich es bis dahin erst einmal schaffen würde, denn noch stehe ich mit diffusen Schwarz-Weiß-Gedanken unten. Eigentlich bin ich falsch hier. Aber eigentlich ist es genau richtig so. Weil ich dich wiedersehen möchte. Auch, wenn ich es vielleicht nicht darf oder lieber nicht sollte. Obwohl du auf kleine Mädchen stehst, die manchmal vielleicht ungezogen sind und Quatsch sagen.
Es ist Freitag, ein guter Zeitpunkt, um einen Abstecher vor deine Haustür zu machen. Dabei bedeuten die Tage gar nichts. Freitag ist ein Tag, wie Montag, Mittwoch oder Sonntag, wenn man so viel arbeitet wie du. Ob ich dich antreffen werde, weiß ich also nicht. Ich hätte dir gerne eine Nachricht geschrieben, aber da du mich seit Monaten aus gutem Grund blockiert hast, geht das leider nicht mehr. Deswegen ist es umso fataler, dass ich mich überhaupt hier her traue. Mein schlechtes Gewissen sollte viel größer sein, als mein Mut.

Dann gehe ich hinein, geradeaus auf den Fahrstuhl zu. Niemand drin, außer mein Spiegelbild in kurzen gold gepunkteten Hotpants, dunkelblauer Baumwolljacke und schwarzer Glitzermütze. Ansehnlich, denke ich. Keine Zeit für Selbstzweifel, denn der Fahrstuhl ist gleich oben. 

Innerlich ist alles beim Alten geblieben: Herzrasen, Aufregung mit ein bisschen Angst vor dir. Danach wage ich die letzten Schritte bis zu deiner Tür, setze mich an die Wand und vergrabe meine Hände über den Kopf. 

Was mache ich hier, frage ich mich wieder. Mit dem Hintergedanken, ob ich schon krank bin. Als ich mein Handy in die Hand nehme, um meine Freundin anzurufen, geht die Tür neben mir plötzlich auf und ich schrecke zusammen.

Ich sage nur: „Oh“, weil ich nichts anderes herausbringen kann.

Dir geht es ebenfalls nicht anders, als du überrascht zu mir nach unten auf den Fußboden guckst. Ich hocke dort wie eine erbärmliche Klofrau, die nach dem letzten Rest Trinkgeld sucht, bevor ich mich entschließe, wieder aufzustehen, um auf Augenhöhe zu gelangen, obwohl ich viel kleiner bin, als du. 

Mein Gesicht fühlt sich knallrot an, als ich dich selbstbewusst im Türrahmen stehen sehe. 

Du sagst: „Hey, was machst du hier?“ Dabei hörst du dich deutlich entspannter an und gar nicht so empört, wie ich dachte.

„Ich..wollte dich kurz sehen..kurz…“, stammele ich verlegen, obwohl das längst nicht alles ist, was ich gerade denke.

„Hast du Zeit oder störe ich“, hake ich schüchtern nach.

„Eigentlich ist es grad schlecht, ich hab noch einen Termin.“

Genau der Satz, den ich nicht hören wollte. Nicht jetzt. Aber ich hätte es mir denken können.

„Nur ganz kurz, bitte“, sage ich, wobei der quengelige Unterton nicht zu überhören ist. Ein Wunder, dass ich mir das noch zutraue. 

Als du mich von oben bis unten anschaust, ahne ich, was in dir vorgeht. 
„Na komm“, sagst du entschlossen und schiebst mich einfach in deine Wohnung. Ein angenehmes Gefühl, mal wichtiger als ein Termin zu sein und dennoch nicht selbstverständlich.

„Alles nach deinen Regeln“, sage ich, während wir uns anschauen. 

Wir stehen so dicht beieinander, wie damals vor unserem Abschied. 

Und da ist sie wieder, diese spezielle Anziehung, die mich dazu bringt, meine Arme um dich zu schließen. Diesmal fühlt sich deine Nähe intensiver an, da so viel angestaute Sehnsucht dazwischenliegt. Ich lege meinen Kopf auf deine Brust, mache die Augen zu und höre deinen Atem. Ein unwirklicher Moment, von dem ich lange geträumt habe, wird allmählich wahr. 

Du bist ruhig und sagst kein Wort. Meine Umarmung erwiderst du nur halb, bis du dich ganz davon löst und dich abwendest. 
Du gehst zum Kühlschrank, um Alkohol zu holen, aus dem du mit ein paar anderen Getränken deine eigenen Cocktails machst und mir ein Glas hinstellst, um das Eis zwischen uns zu brechen. 

Wir sitzen uns schweigend gegenüber und trinken. Viele Worte brauchen wir nicht mehr, da schon alles gesagt ist. Vor allem, weil Worte nur kaputtmachen. 

Ich gehe zu dir, weil ich deine Nähe will. Du sitzt offen und entspannt auf deinem Stuhl, als ich mich provokant zu dir auf den Schoß setze. Deine Hose allerdings ist angespannt, das kann ich durch den dünnen Stoff meiner Hotpants gut spüren und es gefällt mir. Das habe ich vermisst. Weitere Blicke folgen. In dem Moment, als ich dich küssen will, schiebst du mich schroff vom Schoß, packst mich fest am Handgelenk und drückst mich gegen die Wand. 
„Willst du das wirklich“, fragst du eindringlich.

„Ja“, antworte ich leise. 

„Dann komm mit“, sagst du entschieden und ziehst mich energisch an deiner Hand hinterher. 

Wir gehen zum Fahrstuhl und fahren ganz nach unten ins Untergeschoss, wo sich die Keller befinden. Wir laufen einige Schritte, wobei du mich immer noch fest an der Hand hältst und mich dann in eine dunkle Nische ziehst.
„Willst du das wirklich“, fragst du wieder und ich merke dir an, dass du dich kaum noch halten kannst.

„Ja, alles, was du willst“, wobei ich deinem ernsthaften Blick nicht mehr standhalten kann und dir ausweiche.

„Hey, schau mich an!“

Dabei umfasst du mein Handgelenk so stark, dass es wehtut und ziehst mein Kinn zu dir hoch, sodass ich dich anschauen muss.

Dann nimmst du meine Hand und führst sie zu deiner Hose. Jetzt kann ich deine Erregung deutlich spüren und dein Atem wird schneller.

„Los, knie dich hin“, bestimmst du.

Mit dem Öffnen der Gürtelschnalle springen auch gleich alle Knöpfe an deiner Jeans auf. Diesen Trick beherrschst du gut. Deine Jeans und Shorts rutschen zu Boden, als du anfängst, dich vor mir zu befriedigen. Teilweise so heftig, dass ich dich am liebsten ablösen würde. Aber du lässt mich nicht. Bei dem Versuch, dir zu helfen, verpasst du mir eine gezielte Ohrfeige, die richtig scheuert.

„Hey, du machst, was ich dir sage, okay“, flüsterst du barsch.

Ich nicke eingeschüchtert.

Dann ziehst du mich zu dir hoch, legst deinen Finger auf meine Lippen und öffnest sie. Du zwingst mich an deinem Finger zu lutschen und bewegst ihn langsam in meinem Mund. Währenddessen guckst du mir die ganze Zeit dabei zu und es macht mich verdammt an. Als du genug hast, drückst du mich erneut auf die Knie.

„Mach weiter“, lautet deine Aufforderung.

Danach schiebst du mir dein Glied in den Mund und ich mache weiter, so, wie du es mir vorgibst. Du schiebst ihn immer tiefer rein und ich umschließe ihn fest mit meinem Lippen. Mit deiner Hand fasst du mir grob in den Nacken und gibst den Takt an. Es geht so tief, dass mir fast die Luft wegbleibt. Dann hältst du inne.

„Los, zier dich nicht“, befiehlst du mir in einem teils abwertenden Ton.

Ich fange an, dich zu verwöhnen. So gut, wie ich kann und merke, dass du Gefallen daran findest, als ich auf meiner Zunge einen salzig-bitteren Geschmack wahrnehme. Der erste Tropfen hat sich verabschiedet und ich genieße dieses sinnliche Gefühl und mache weiter. Ich umschließe dein Glied fest und lasse meine Zungenspitze über deine Eichel gleiten, als ich in dem Moment ein leichtes Zucken spüre. Du ziehst abrupt meinen Nacken zurück, sodass ich mein Spiel sein lasse. 
„Steh auf“, verlangst du barsch.
Ich tue, was du sagst und warte, was du als nächstes willst. Noch etwas zitterig auf den Beinen, stehe ich erwartungsvoll vor dir und schaue dir folgsam in die Augen. Dein Blick tut weh, denn er strahlt Kälte aus und du verziehst keinen Mundwinkel zu einem Lächeln, sondern bleibst rigoros. 

Meine innere Stimme redet mir ungeduldig zu: Los, küss ihn. Sonst wirst du es später wieder bereuen. Weißt du noch? – Ja, ich weiß es noch. Es fühlt sich schlecht an, einen unvergleichlich erotischen Kuss zu verpassen.

Ich lege meine Hände auf deine Schultern und lasse deine Wärme durch meinen Körper jagen. Dann berühre ich vorsichtig deinen Hals und streiche mit meinem Zeigefinger zärtlich über deinen Kehlkopf. Du lässt dir nichts anmerken und tolerierst meine Berührungen. Dein Atem erfüllt die Stille und ich höre dir zu. Deine Stimme und dein Atem verschärfen die Situation enorm. 

Dann streife ich mit meinen Fingern über deinen Bart und bin froh, dass ich dich nicht unrasiert kenne, denn dein Bart passt zu deiner Männlichkeit. Noch immer reagierst du nicht, obwohl ich weiß, dass es in dir kocht.

Langsam bewege ich mich Richtung Mund und hoffe, dass du meine Andeutung erwiderst. Doch du siehst mich nur an. Als meine Lippen deine berühren, nimmst du meine Hand und ziehst sie an dein hartes Glied. Während ich dich küsse, bewegt sich meine Hand gleichmäßig auf und ab. 

Dadurch wird mein harmloser Kuss unter deiner Erregung bestätigt und entwickelt sich zu einem wilden. Es ist der geilste Kuss, den ich je erlebt habe. Mein Körper verströmt heiße Wellen, die im Bauch stranden und ein starkes Prickeln hinterlassen. 

Die Berührung unserer Zungen macht mich wahnsinnig. Ich wünsche mir, dass es weitergeht und dass du mich in die Tiefe ziehst. Vielleicht auch in den Abgrund. Mein Slip ist inzwischen feucht und ich kann es nicht erwarten. 

Dann fängst du an, mich auszuziehen – komplett. In einem Tempo, das mit langsam nicht viel gemeinsam hat, obwohl du zwischendurch verharrst und kleinere Pausen riskierst, um mich noch verrückter zu machen. Innerhalb weniger Minuten bin ich nackt und wieder guckst du mich prüfend von oben bis unten an, ohne eine Miene zu verziehen.
Dann ziehst du deine Hose wieder hoch und ich bin mir zuerst nicht sicher, was ich denken soll und bin etwas durcheinander. Was soll das jetzt? Willst du mich etwa zappeln lassen? Ich traue mich nicht zu fragen und warte ab, was geschieht.

„Komm“, kommandierst du plötzlich und auch diesmal ziehst du mich forsch am Handgelenk hinterher. Weg aus der schützenden Dunkelheit der Kellernische und hinein in einen kühlen Gang, der schwach durch eine blassblaue Deckenleuchte angestrahlt wird. Alles, damit du mich besser betrachten und danach beurteilen kannst, ob ich gut genug für dein Vorhaben bin. 
In diesem kalten Licht haben deine Blicke eine viel intensivere Wirkung und fühlen sich schmerzhaft an. Es ist wie eine Demütigung. Jetzt merke ich, wie streng du sein kannst und weiß, dass das hier längst nicht alles ist. Du kennst keine Tabus und ich will auch keine kennen. Ich gehe schweigend deinen Wünschen nach.
Du holst mich zu dir ran und drückst mir mit einer Hand leicht den Hals zu, während deine andere Hand anfängt, mich zu fingern. Ich habe das Gefühl, dass mir gleich schwarz vor Augen wird, da es so einen starken Reiz in mir auslöst. Deine Finger in mir zu spüren ist tatsächlich noch geiler, als der Kuss vorher und du bist nicht gerade einfühlsam, was die Lust noch verstärkt und ausreizt. Am liebsten würde ich dich auch ausziehen. Aber ich habe verstanden, dass ich das nicht darf, weil du das Wort hast. 

Du fingerst mich so lange, bis ich fast nicht mehr kann und es brennt. Aber ich sage nichts, sondern flehe innerlich, dass du mich endlich flachlegst.

Hier auf diesem kalten Betonboden oder gleich an der Wand. Es ist mir egal. Während du mich fingerst, löst sich dein Blick nicht von meinen Augen und jedes Mal, wenn ich wegsehe, drehst du meinen Kopf wieder zu dir hin. Ich kann deinen Atem in meinem Gesicht spüren und es macht mich an. Du bist mir so nah, dass ich dir nicht entkommen und mich winden kann. Du drückst dich mit aller Gewalt an die Wand.

Dein Gürtel reibt bei jeder Bewegung meinen Bauch und deine Hose spannt. Der Jeansstoff fühlt sich dadurch noch härter und grober an. Warum ziehst du dich nicht endlich aus? Aber der Gedanke will nicht aus meinem Mund rutschen. Obwohl das sonst so leicht ist.

Auf einmal öffnest du deine Hose und reißt mich rabiat zu Boden. Du dringst mit einem tiefen Stoß fest in mich ein und übernimmst vollständig die Kontrolle. Deine Bewegungen sind teils ruckartig, teils sanft und keineswegs berechenbar. Ganz nach deinem Willen. Es tut weh, weil es heftige Stöße sind, die sehr tief gehen und hart sind. Sobald du zärtlicher wirst, kann ich es kaum ertragen, weil das zu viel für mich ist. Ich will nicht zu viel von deiner zärtlichen Seite, denn vielleicht tut das am Ende noch mehr weh. 
Ich bin überwältigt. Mit einem Mal sind alle Gedanken verschwunden. Wieder steckst du mir deine Finger in den Mund und beobachtest meine Reaktion. Der Blickkontakt macht mich fertig, da ich das Gefühl habe, mich gleich unendlich zu verlieren, weil du unheimlich scharf aussiehst und dich auch genauso anfühlst. Von wegen, du tust mir nicht gut, wie du oftmals meintest. Wie kann mir jemand nicht guttun, wenn ich mit dieser Person den erregendsten und leidenschaftlichsten Sex habe? 
Ich umarme dich die ganze Zeit innig und gleite mit meiner Hand über dein Rücken. Dieser Moment ist unwirklich. Allein dich zu spüren kann nicht wahrsein, weil das der tägliche Tagtraum von mir war, dessen Erfüllung immer verzögert wurde. Durch Termine oder von mir verursachten Stress. Wie sehr ich mir diesen Moment gewünscht habe und es immer nahezu unmöglich war.

Ich genieße jeden deiner kraftvollen Stöße und dein angedeutetes Stöhnen, da wir immer noch im Keller sind und keine weitere Aufmerksamkeit brauchen. Manchmal erinnert mich deine Stimme an die eines Löwen. Ein gar nicht allzu unpassender Vergleich.

Irgendwo im Hintergrund höre ich hallende Schritte. Sie irritieren mich, weil ich Angst habe, dass wir erwischt werden. Die Schritte kommen zwar nicht auf uns zu, aber sie sind da und wir sind nicht alleine im Keller. Zurück in die Realität. Doch du machst weiter, immer schneller und fordernder. Wieder drückst du mir den Hals zu und küsst mich mit einer Intensität, die mich alles vergessen lässt. Ich gehöre wieder vollkommen dir und lasse mich gehen. 
Während ich endgültig dahinschwinde, stöhnst du auf und lässt mich los. Dein Hemd ist ganz und gar durchgeschwitzt und du streichst dir eine Strähne aus dem Gesicht. 

„Alles gut“, fragst du.

Ich nicke nur. 

Danach verbringen wir nicht mehr viel Zeit auf dem Boden und ich ziehe meine Sachen an, die noch in der Nische liegen. Du hingegen ziehst dir nur deine Hose an und brauchst ein neues Hemd. 

Auf dem Weg zum Fahrstuhl begegnen wir niemandem. Wir beide sind noch ganz rot im Gesicht und ziemlich erschöpft. Und wir schweigen wieder. Taten sagen mehr als Worte – es stimmt tatsächlich.

Als wir zurück in deiner Wohnung sind, verpasst du mir völlig unverhofft eine Ohrfeige und sagst:“Dafür, dass du es gewagt hast, herzukommen.“

„Entschuldigung“, antworte ich leise und gucke auf den massiven Holztisch.

Bitte, Herr Maertyrer