Jemand und Gin


Manchmal bin ich hochsensibel und emotional.Und dennoch bin ich gefasst.

Manchmal bin ich gelähmt und blockiert.

Und dennoch bin ich gelöst.

Manchmal ist mir übel und schwindelig.

Und dennoch fühle ich mich wohl in meinem Karussell.

Manchmal verbinden sich Hirngespinste und Realität.

Und dennoch liebe ich diffuse Träume, wenn sie wahr werden.

Manchmal ist mir kalt und warm zur selben Zeit.

Und dennoch genieße ich es.

Aber am liebsten bin ich alles gleichzeitig.

Und ich liebe es, ich zu sein.

Gin Toxic hat viele Gesichter und die meisten davon sind interessant, wenn man offen für alles ist.
Jeder Cocktail lässt sich mit dem Inhalt einer Wundertüte vergleichen und jedes weitere Glas bietet die Möglichkeit, alle Gefühle wild miteinander zu kombinieren.

Meine alkoholisierten Gefühle lassen sich jedoch leicht auf’s Wesentliche zusammenfassen.

Ich würde gerne einmal einen Liebesbrief an einen fremden Mann schreiben. Doch momentan sitze ich nur stumm in der Wohnstube und beobachte, wie die Kerze meinen bunt glitzernden Teelichthalter anstrahlt und mich von meinen eigentlichen Gedanken ablenkt, die weitaus ernster sind.
Ich bin unkonzentriert und komme zu der Annahme, dass Gin Toxic und Cola doch nicht immer gut zusammenpassen, wenn man sein Hirn noch zum Denken braucht. Herumliegen und Nichtstun wäre momentan einfacher. Meinen Gedanken freien Lauf lassen und einfach von den Dingen träumen, an die ich gerade denke. Ich merke, wie mich der Alkohol langsam flachlegt und hoffe, dass sich der Zustand gleich in meinen Träumen widerspiegelt.

Schnell gehe ich unter die Dusche, bevor ich die ganze Nacht unsachgemäß auf der Couch hängen bleibe und dort neben meinem nachtaktiven Kater einschlafe.
Ich dusche unter dampfend heißem Wasser, weil mein Wärmeempfinden schon deutlich reduziert ist. Genau wie mein mentaler Allgemeinzustand, in seltenen Situationen.

Mir ist kalt und ich habe Gänsehaut. Ich drehe ungeduldig am Wärmeregulierer herum, um das Wasser noch heißer einzustellen. Aber mehr geht nicht, die Armatur ist bereits voll aufgedreht. Dann fällt mir ein, dass ich es als Kind mochte, von einer Wespe gestochen zu werden. Mit dem Wasser ist es wohl genauso. Es gibt kein heiß.

Fast zwanzig Minuten sitze ich ruhig unter der Dusche und lasse meinen Rausch vom Wasser bereinigen. Alles fühlt sich intensiver an und ich habe das Gefühl, als würde ich jeden einzelnen Tropfen auf der Haut spüren. Das Wasser ist so heiß, das es Nebelwolken bildet und dafür sorgt, dass sich allmählich die Raufasertapete von der Decke über mir löst. Meine Tapeten kommen mit den tropischen Temperaturen im Bad mittlerweile nicht mehr klar.
Aber eigentlich ist mir das alles gerade egal. Ich bin mit den Gedanken überall und nirgendwo. Der typische Zustand, wenn ich müde und voll bin. Alles ist so lahm und sinnlos.

Die Gedanken, die sich anbahnen, kehren in der Mitte wieder um und verschwinden. Ich erinnere mich an Dinge, nur um sie gleich zu vergessen.

Zwischendurch bekomme ich das Bedürfnis, per SMS Streit anzufangen, aber meine Vernunft sagt mir, dass es keinen Grund gibt und dass ich mindestens eine Nacht warten soll, bis ich wieder nüchtern bin. Aber was nützt mir eine Nacht, wenn ich trotz Müdigkeit wahrscheinlich sowieso nicht durchschlafen kann und um vier Uhr morgens hellwach bin. Um die Zeit fängt mein Kater gerne an, die Tapeten von der Wand zu kratzen. Inzwischen nur noch selten bis gar nicht.
Während ich unter der Dusche nachdenklich abdrifte, fällt mir ein, dass mir mein französisches Glitzerduschbad dabei helfen könnte, mich wieder ins normale Leben zu holen, bevor mich die aktuellen Umgebungsfaktoren völlig abstumpfen. Das Blöde an dem Glitzerduschbad ist, dass man davon körperlich nichts merkt und ich habe keine Ahnung, wonach dieses orange Zeug riecht, weil ich eine Aversion gegen diese Farbe habe. Mit meinem blauen Duschschwamm versuche ich, die unangenehme Farbe zu neutralisieren, was gut gelingt. Blau und orange wird irgendwie zu lila, wenn ich mir das richtig einbilde. Lila mit Glitzer. Ich fühle mich wie ein lila Wattebausch mit Glitzer.
Weitere zehn Minuten vergehen bis ich mit allem fertig bin. Auch nervlich mit mir selber, denn jetzt merke ich, wie der Gin Toxic für labile Stimmungsschwankungen sorgt, auf die ich gar keinen Bock habe. Mit den Gedanken ‚alles scheiße‘ putze ich mir ein paar Sekunden lang grob die Zähne und freue mich auf das Gefühl, alles ins Waschbecken zu spucken. Danach beschließe ich, dass ich morgen mein Bad sauber machen werde, da morgen der einzige Tag sein wird, an dem ich dafür Zeit habe. Aber eigentlich habe ich überhaupt gar keine Stimmungsschwankungen mehr. Ich kann sie super ignorieren, wenn ich will. Das klappt perfekt, wenn ich Lust dazu habe oder mich mit Absicht zusammenreißen muss. Für ganz bestimmte Leute zum Beispiel. Für Leute, die es wert sind, bin ich gerne vernünftig.
Nachdem ich endlich im Bad fertig bin, obwohl ich längst nicht alle pflegerischen Maßnahmen geschafft habe, gehe ich unrasiert und mit nassen Haaren ins Bett. Es ist schließlich niemand da, der sich dadurch belästigt fühlt.
Unter der Decke ist es auf einmal viel wärmer, als unter der Dusche. Mir ist heiß und meine Wangen glühen. Danke Gin Toxic, dass du heute so unberechenbar wirkst und mir einen kleinen Einblick in die Wechseljahre gewährleistest. Wobei gerade der Wunsch aufkommt, jetzt richtig flachgelegt zu werden. Von jemanden, der natürlich nicht in meiner Nähe, sondern zig Kilometer weit entfernt ist. Gedanken, wie ich sie fast jeden Abend habe, weil es normal ist, in Fantasien und Sehnsüchten zu schwelgen.

Benommen wie ich bin beobachte ich den langsamen Farbwechsel meines Nachtlichts – blau, rot, grün, weißgelb. Es leuchtet mir aus der Steckdose sanft ins Gesicht und umrahmt mein Bett. Ohne dieses kindische Beruhigungsmittel gegen Angst vor Dunkelheit würde ich wohl schlechter einschlafen und das nur wegen einigen beschissenen Büchern in meinem Regal, die sämtliche Horrorfilme übertreffen. Seitdem kann ich auf diese kleine Lampe nicht mehr verzichten, die ich zuvor noch nie im Leben gebraucht habe. Am besten wirkt die Lampe jedoch in Kombination mit Alkohol, Schlaftabletten und offenem Fenster. Der Lärm der Autos gibt mir das Gefühl, dass alles in Ordnung ist und die kalte Luft im Zimmer tut ihr Übriges. Das offene Fenster gibt mir das Gefühl, nicht alleine zu sein, da immer einige Autofahrer in der Nähe sind und die Vögel früh über die Wiese fliegen, um ihr Frühstück zu suchen.
Wenn ich gedanklich schon weit weg genug bin, stelle ich mir vor, dass ich in Berlin bin und nicht alleine im Bett liege. Mit der Hoffnung, dass ich mit dieser Vorstellung meine Träume beeinflussen kann, denn früher gelang mir das sehr häufig. Da konnte ich irgendwie alles.
Ich mag es nicht, jede Nacht alleine im Bett zu liegen. Aber der Gedanke, jede Nacht nicht alleine zu sein, stört mich noch mehr. Somit stecke wieder im Zwiespalt zwischen Wunsch und Abneigung, was aber nicht besonders schlimm ist, wenn man weiß, wie man damit umgeht.

Kurz vor dem Einschlafen drängt sich spontan eine absurde Frage in den Vordergrund, die ich im angetrunkenen Zustand nur inadäquat beantworten kann: Was sind eigentlich Gefühle? Warum spüre ich sie nicht (immer)?
Die anstrengende Frage macht mich müde und führt zu nichts. Die Antwort darauf befindet sich irgendwo in meinem schwammigen Gedankenhaufen im Kopf.

Fest steht, dass ich genug Gefühle kriege, wenn ich eine Flasche Sekt ausgetrunken habe. Bei Whiskey klappt das allerdings nicht, denn das Zeug macht zu hart und zu taub.

Irgendwann schlafe ich in meinem Gefühlsdusel ein und wünsche mir, dass ich dieser abendlichen Endlosschleife irgendwann entkomme.

Diese Endlosschleife besteht aus Träumen und Sehnsüchten in Bezug auf den Mann meiner Tagträume, die mich bis spät in die Nacht verfolgen – der Mann aus Berlin, der momentan nur in meiner lebendigen Erinnerung existiert und zu weit weg wohnt, um sich spontan auf einen Gin Toxic mit Apfelsaft zu verabreden.
Dabei besteht die größte Anziehung gerade wegen der kilometerweiten Distanz und der damit verbundenen emotionalen Unnahbarkeit. Ständige Verfügbarkeit ist für mich nichts Spannendes, sondern schreckt mich ab.

Meist ist ein Mann für mich erst dann richtig attraktiv, wenn er mich nicht an sich herankommen lässt und sich mir gegenüber dennoch diplomatisch verhält.

Jemand, der nicht anhänglich ist und jemand, mit dem Küssen nicht selbstverständlich ist.

Ich stecke im Gefühlstaumel, weil ich Sachen und Eigenschaften liebe, die man besser nicht lieben sollte. Aber ich kann nicht anders, so sehr ich mich auch anstrenge, normal zu sein. Kälte kann viel reizvoller sein, als Wärme.

Ehrlich gesagt: Ich will gar nicht normal sein. Mir würde zu viel entgehen.

Morgens um vier Wache ich auf. Schon wieder höre ich, wie mein Kater in der Wohnstube Unsinn macht. Ich gehe hin und schaue nach, was er diesmal angestellt hat. Er ist tatsächlich mit meiner Tapete beschäftigt, die er mit seinen Krallen immer weiter einreißt, um anschließend mit dem Papierschnipsel zu spielen.
Während ich den Schaden mit Kleber beseitige, guckt er mich mit groß aufgerissenen Augen an und beobachtet genau, was ich tue. Dann nehme ich ihn mit auf die Couch und rubbele grob sein Fell durch, was ihm sehr gefällt. Er steht auf rabiate Handgriffe. Nach ein paar Minuten reicht es ihm. Er windet sich aus meinen Armen hervor und schüttelt sein Fell zurecht. Danach kratzt er einige Male meinen Teppich, um seine Wut herauszulassen. Man könnte denken, er hat meinen Charakter kopiert.
Ich gehe wieder ins Bett, obwohl ich gar nicht mehr müde bin. In der Küche steht noch ein angefangenes Glas Gin. Kurz überlege ich, ob ich das noch trinke. Aber dann fällt mir ein, dass ich den Rest vorhin schon in den Abfluss gekippt habe.
Schlafen muss auch ohne Alkohol gehen und schließlich hatte ich am Abend genug davon. Wobei ich davon gerade nichts mehr merke.

Ich schaue auf mein Handy und sehe eine neue Nachricht, die vor zwei Stunden ankam. Sie ist von meinem Lieblingsmann: Wir müssen uns bald treffen.

Bei dem Gedanken wird mir ganz anders, Aufregung macht sich breit und ein kribbeliges Gefühl durchzieht meinen Körper. Er hat recht, wir müssen uns bald treffen. Wir können nicht noch zig Monate auf den richtigen Zeitpunkt warten und können nicht ewig davon träumen, wie alles wäre. Mir steht nichts im Weg, ich bin frei. Also, warum nicht jetzt? Ich habe keine Lust mehr, in Vorstellungen zu schwelgen und mich nur mit den Filmwiederholungen meines Kopfkinos zufrieden zu geben.
Ich checke gleich die Zugverbindungen und sehe, dass es keine Probleme gibt.
Mir müssen uns nur noch auf einen Tag einigen und es kann losgehen.

Ich schreibe: Wann wollen wir uns treffen?

Jetzt kann ich nur abwarten und mich wieder hinlegen. Dauernd muss ich grinsen, weil es nun Schritt für Schritt weiter geht und ich es kaum glauben kann. Mit diesem guten Gefühl schlafe ich wieder ein.

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Gin Toxic

Meine Suche war längst beendet, bevor ich dazu gezwungen wurde, wieder ganz von vorne anzufangen.

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Eigentlich hatte El Achim einen Tisch in einem angesagten Restaurant reserviert. Aber als wir dort ankamen, war trotzdem keiner der geschätzten zwölf Plätze frei. El Achim stellte einen vorbeilaufenden Mitarbeiter zur Rede und als dieser meinte, dass telefonische Reservierungen hier nicht möglich wären, gingen wir wieder. Für El Achim war das anscheinend eine miese Enttäuschung, aber für mich nicht. Das Restaurant war winzig und ich fand es nicht besonders toll.
„Was ist das überhaupt für ein Restaurant“, fragte ich El Achim neugierig.
„Hier gibt’s veganes Essen.“
„Aber ich bin kein Veganer…Die Leute, die da drinne sitzen, haben das Essen nötiger, als wir.“
„Wir können ja später nochmal vorbeischauen. Du hast bestimmt Hunger, oder?“
„Naja, den hab ich eigentlich fast nie. Wenn ich unterwegs bin, hab ich andere Sachen im Kopf, als essen.“
Und dass, obwohl ich an dem Tag erst eine halbe Tafel Schokolade gegessen hatte. Normalerweise hätte ich Hunger haben müssen. Aber mein Körper lief wohl schon auf Sparflamme und stellte keine großen genüsslichen Ansprüche mehr.
„Lass uns erstmal was trinken gehen“, schlug El Achim vor und ersetzte damit seinen Plan.
In der Straße gab es eine Bar neben der anderen und unterschiedliche Restaurants für Nicht-Veganer. Es blieben also noch genug Möglichkeiten offen, den restlichen Abend irgendwo im Warmen zu verbringen.
El Achim zog mich an der Hand über die Straße und führte mich vor eine Bar, in der noch einige Tische frei waren.
„Wollen wir reingehen? Ich war hier schon mal. Ist ganz gut.“
„Ja, mir ist eh alles egal. Ich finde eigentlich jede Bar toll.“
Ich fand tatsächlich jede Bar toll, so lange die Getränkekarte lang war und viel zu bieten hatte.
Wir setzten uns an einen Tisch, der direkt vor der Tür stand und El Achim bekam jedes Mal einen kalten Windzug ab, wenn die Tür aufging. Auf dem runden Tisch stand eine lange weiße Kerze, genau zwischen uns. Als Zeichen, dass wir symbolisch immer noch zwei getrennte Menschen waren, die sich erst vor ein paar Minuten zufällig kennenlernten und nichts voneinander wussten. Gar nichts. Außer, dass er alt und einen Touch klassisch war.
El Achim reichte mir höflich die Getränkekarte und das erste Wort, das mir ins Auge fiel, hieß ‚Cornflakes‘. Insgeheim das Frühstück, auf das ich am meisten stehe. Ein abendliches Frühstück wäre prima gewesen. Dazu ein Glas Alkohol – perfekt. Aber ich behielt diesen kindischen Gedanken für mich und blätterte mich durch die dünne Pappkarte. Ich war etwas enttäuscht, denn das Cocktailangebot war sparsam mit seinen acht Standardsorten, die mich nicht besonders überzeugten, sondern eher langweilten. Letztendlich langweilte mich die ganze Karte, was dazu führte, dass mir die Entscheidung schwerfiel. Ich suchte nach Absinth. Aber den gab es leider nicht. Als ich mich mehrmals  vergewisserte, dass er in dieser Bar wirklich nicht angeboten wurde, gab ich auf.  El Achim wirkte so, als hätte er sich schnell entschieden, denn er schaute mir die ganze Zeit zu.
„Hast du schon was“, fragte ich.
„Ja, und du?“
„Nein, keine Ahnung. Kann mich nicht entscheiden.“
Es dauerte nicht lange, bis die Bedienung wissen wollte, was los ist.
„Ähm…Hugo, bitte“, antwortete ich überspontan aus der Not heraus. Letztendlich hätte man mir alles an Alkohol servieren können.
El Achim nahm einen Orangensaft mit Vodka. Das war auch eine akzeptable Lösung.
Da uns die Bedienung die Getränkekarten gleich wieder wegnahm, hatten wir nichts mehr, wohinter wir uns verstecken konnten. Während wir auf unsere Bestellung warteten, waren wir miteinander konfrontiert und mussten etwas Passendes finden, worüber wir uns unterhalten konnten.
Ich schaute ihn eingehend an und versuchte etwas an und in ihm zu finden. Es war diese seltene Faszination, die ich suchte. Aber noch konnte ich nichts Anziehendes erkennen, so sehr ich mit meinem Blick in ihn eintauchte. Also stufte ich El Achim erst einmal als neutrale männliche Persönlichkeit mit eventueller Bonusoption ein.
In unserem Small-Talk ging es hauptsächlich um Urlaub und um meine beruflichen Angelegenheiten. Er fragte mich aus und bekam teils oberflächliche Antworten, die ihm nur eine mickrige Auskunft über meine Pläne gewährten. Außerdem fanden wir heraus, dass wir beruflich völlig anders tickten und weit voneinander entfernt waren.
„Hast du denn keine Leidenschaft, für die du brennst“, fragte ich ihn fast ein wenig empört.
„Nein, da gibt es nichts. Mein Job macht mir auch nicht viel Spaß. Ich arbeite nur, weil ich muss. Mehr ist das nicht.“
„Krass..sowas könnte ich nicht. Ich muss immer völlig mit dem Herzen dabei sein. Pläne und Ziele haben. Sonst könnte ich nicht leben. Ich arbeite gerne viel und es belastet mich nicht.“
„Ja, das ist natürlich schön. Aber bei mir ist es leider nicht so. Dafür fange ich ja demnächst mit einem Malkurs an, um mal zu gucken, ob es irgendwas gibt, das mir Spaß macht“, meinte El Achim.
„Wäre natürlich schön, wenn du auch Hobbys hättest.“
Nur komisch, dass man die in seinem Alter erst finden muss, dachte ich skeptisch.
„Ja, ich weiß selber, dass ich zu oft planlos vor dem Fernseher sitze. Aber mir fällt eben nichts anderes ein. Und wenn ich von der Arbeit nach Hause komme, hab ich zu nichts Lust mehr und bin kaputt.Feierabend eben.“
„Das ist wirklich sehr schade“, sagte ich. „Das ist für mich Zeitverschwendung. Ich gucke selten Fernsehen. Dafür ab und zu mal gerne DVD’s oder Kino.“
Innerlich krachte in mir schon einiges zusammen. Ich hatte jemanden vor mir sitzen, der wohl absolut nicht in meiner Welt lebte und anscheinend ein sehr bequemes Leben ohne Ehrgeiz und Träume führte. Für mich war das ein trauriger Zustand. Aber ich gab mir Mühe, tolerant zu sein und ihn so zu akzeptieren, denn er war freundlich und zuvorkommend. Trotzdem erhielt er das Prädikat ‚Langweiler‘ als oberflächliche Titelvergabe von mir. Schubladendenken eben. Vielleicht sollte ich durch ihn lernen, dass auch andere Dinge wie Normalität zählen. Nicht nur Job, Status, Kreativität und starker Charakter. Aber es ist schwierig, alte Prinzipien abzuwerfen, die sich über viele Jahre verinnerlicht haben, dank strenger Erziehung und Erfahrung.

Es dauerte nicht lange, bis unsere Getränke kamen.
Endlich etwas Gutes. Sein Glas war lang mit einer Zitrone verziert und meins war kugelig und beherbergte ein ertrunkenes Minzblatt in sich, das in einem frischen Grün durch das Glas strahlte. In beiden Gläsern schwammen außerdem einige runde Eiswürfel, um mehr Spannung beim Trinken zu erzeugen. Bestenfalls hätten sie für eine Abkühlung nach einem heißen Flirt gesorgt. Aber heiß war mir leider gar nicht.
Wir nahmen unsere Gläser und stießen mit einem leisen Klirren auf einen schönen Abend an. Trotz unserer komischen Gespräche lächelte ich verhältnismäßig viel. Wahrscheinlich wegen der freudigen Restwirkung vom Meeting davor. Oder vielleicht, weil alles so aufregend und neu in Berlin war. Manchmal lächelt man aus undefinierbaren Gründen. Oder, weil man sich einfach nur gut fühlt, obwohl man eigentlich krank ist.
Mein Hugo schmeckte nicht außergewöhnlich anders als sonst, sondern so wie immer. Als ob ich ihn zu Hause trinken würde, nur teurer und in einem gut besuchten Raum mit geometrischen Mustern an der Decke.
El Achim fand ebenfalls Gefallen an seinem Getränk, wollte meinen Hugo jedoch trotzdem kurz probieren. Komischerweise hatte ich zwei Strohhalme bekommen und nicht nur einen, so wie er. El Achim mochte meinen Hugo. Ich hingegen ignorierte seinen Orangen-Cocktail, obwohl ich immer wieder hinstarrte. Er trank schneller, als ich. Ob er neuen Mut brauchte, um es mit mir auszuhalten? Oder ob er etwas anderes plante?

Nach kurzer Zeit bildete ich mir ein, ein bisschen von der alkoholischen Wirkung zu spüren. Mein Herz und meine Adern öffneten sich und waren empfänglicher für zweideutige Botschaften, die er mir nicht deutlich genug sendete. Vielleicht vernahm ich auch ein leichtes Kribbeln im Körper und verhielt mich empathisch genug, um ihn eine Chance für ein weiteres Kennenlernen zu geben. Ich wusste nicht, wie sich das alles noch entwickeln sollte. El Achim war irgendwo zwischen gut und schlecht. Mit einer Tendenz ins Negative. Daran änderte auch Hugo nicht viel. Mein Blick und mein Verstand waren immer noch klar genug, um mich nicht in betrunkenen Traumgeflechten zu verfangen. Hugo reichte nicht, um mir El Achim schön zu trinken.
Ich beobachtete El Achim, während ich mit dem Strohhalm spielte und die Eiswürfel mit der Minze gegen die Glaswand drückte. Ein spannendes Spiel, bei dem auch er nicht weggucken konnte. El Achim saß ganz anständig vor mir und hatte rein gar nichts Gefährliches an sich. Nicht mal sein schwarzes Hemd überzeugte mich. El Achim war vernünftig und damit bekam er den nächsten Stempel. Außerdem blieb er stets ruhig. Egal, was ich sagte, nichts brachte ihn aus der Fassung. Kein Hauch von Aggression und Wut. Er war nett und gutmütig. Außerdem ging er sonntags gerne zum familiären Kaffeekränzchen, freute sich über ein Stück Kuchen und über Kaffee mit Milch. Ich fand das in Ordnung und war neugierig, wo er seine Schattenseiten versteckte.

Als wir mit unseren Getränken fertig waren, machte El Achim die Bedienung darauf aufmerksam, dass wir zahlen wollten. Er musste nur einmal mit der Hand wedeln und schon kam jemand.
Als der Beleg auf den Tisch gelegt wurde, zog El Achim sein Portemonnaie aus der Tasche und zahlte wie selbstverständlich für mich mit.
„Bist du sicher, dass du das alles bezahlen willst“, fragte ich unsicher.
„Ja, na klar. Mach du dir mal keine Gedanken. Du hast heute schon genug bezahlt“, meinte er mit einem Augenzwinkern.
„Ja, okay. Aber mir ist das immer bisschen unangenehm. Ich kann alles selber bezahlen. Hab genug Geld mit.“
„Aber ich hab dich eingeladen. Wir brauchen nicht weiter diskutieren.“
„Okay. Danke.“
Damit hatte ich das letzte Wort. Eine doofe Angewohnheit, die ich mir seit der Kindheit nicht mehr abgewöhnt habe, obwohl es meinem Papa so wichtig war. Schließlich gehörte ihm das letzte Wort, idealerweise.
Dann zogen wir unsere Jacken an und als wir gingen, sah ich, dass die Bar inzwischen voll war.
Es war kalt und der Wind pfiff in meine zerlöcherte Spitzenleggings, ohne dass ich fror. In meinem Körper war noch Wärme übrig. Als wir wieder auf die andere Straßenseite gingen, passte El Achim auf, dass ich es noch vor dem Auto schaffte, das sich gerade ziemlich schnell näherte.

Und schon standen wir wieder vor dem veganen Restaurant, das immer noch genauso voll war, wie eine halbe Stunde vorher. El Achim wollte es trotzdem noch einmal versuchen, obwohl ich schon wusste, dass er mit seinen schwachen Argumenten keine Chance hatte.
Wieder sprach El Achim den gleichen Mitarbeiter an, der ihm natürlich erneut eine Absage gab, aber uns dafür ein anderes Angebot vorschlug. Es gab noch einen kleinen Abstelltisch vor der Eingangstür, an dem noch Platz für zwei schlanke Leute war. Der Tisch sah aus, wie ein größerer Hocker. El Achim schaute mich mich fragend an und ich schoss sofort ein klares Nein aus meinem Mund. So schön fand ich dieses Restaurant schließlich nicht und ich hatte nicht das Gefühl, etwas Großartiges zu verpassen. Ich habe selber vegane Kochbücher zu Hause, wenn ich unbedingt extravagant biologisch kochen möchte. Ein letztes Mal streifte mein Blick die exotischen Gesichter der gesunden Veganer und dann ergriffen wir endgültig die Flucht aus diesem stickigen Kabuff.

Wir liefen einige Meter und schon standen wir vor dem nächsten Restaurant mit besseren Aussichten auf eine warme Mahlzeit. Der Italiener hatte noch freie Tische und die Bedienung, die uns galant am Eingang empfing, begleitete uns gleich zu einer gemütlichen Ecke vor dem Fenster. El Achim fragte, wo ich sitzen wollte und ich überließ ihm die Entscheidung. Er setzte sich dann mit dem Rücken vor das Fenster und ich konnte die Straße hinter ihm beobachten. Wir bekamen eine Karte und waren auf der Suche nach einem Gericht, das zu unserem Appetit passte. Ein wenig Hunger hatte ich inzwischen schon, denn irgendwann war es selbst bei mir soweit, dass ich etwas brauchte, um meine lodernde Energie aufrecht zu erhalten. Ich zählte eher zum Kohlenhydrat-Typ, der viel Zucker brauchte, um perfekt zu funktionieren.
Während wir uns durch die Karte lasen, wurde das Pärchen neben uns mit einer übergroßen Pizza bedient. Die selbstgemachten Pizzen hatten mit denen aus der Tiefkühltruhe kaum Ähnlichkeit. Ich staunte. Jetzt wusste ich, dass ich keine Pizza essen wollte, sondern lieber Pasta. Ich hoffte, dass die Nudelgerichte kleiner waren. El Achim bestellte trotzdem eine Pizza, obwohl er auch über die Größe staunte und Bedenken hatte, sie nicht alleine zu schaffen. Außerdem bestellten wir ein Getränk, damit die Mahlzeit vollständig war. Er nahm ein Bier und ich überlegte wieder eine ganze Weile, bis ich dem Wirt beim Vorbeigehen einfach ‚Gin Tonic‘ zurief und er mir anerkennend zunickte.
Dann folgten Minuten des Wartens und der nächste Smalltalk-Versuch startete. Was sollte man jemandem erzählen, der sehr viel anders ist, als man selbst?
Also sprachen wir über das Essen, denn das Thema bot sich gerade auf Grund der aktuellen Situation an.
„Kannst du kochen“, wollte ich wissen.
„Nein, gar nicht. Und du?“
„Überhaupt nicht?“, hakte ich nach.
„Nein. Außerdem lohnt es sich nicht, wenn man alleine ist.“
Die übliche Antwort, die ich schon von zig verschiedenen Leuten hörte, die anfällig für Vermeidungsverhalten sind und lieber passiv leben. Leute, die der Meinung sind, dass sich gar nichts lohnt, wenn man alleine ist. Alles lohnt sich nur zu zweit. Vor allem leben sie mit dieser Einstellung auch meist ungesünder. Dabei ist Kochen gar nicht besonders kompliziert. Ab einem gewissen Alter sollte man zumindest wissen, wie man Nudeln, Reis oder Kartoffeln mit Sauce kocht. Das konnte ich schon mit sieben.
„Okay. Ja, ich kann kochen. Das ist nicht schwer und macht Spaß.“ Mehr konnte ich nicht sagen. Die Frage nach Lieblingsgerichten fand ich in diesem Sinne überflüssig, da ich mir sicher war, dass es auch dort keine Gemeinsamkeiten gab. Sushi ist garantiert nicht seine Welt, das verriet mir mein Bauchgefühl.

Und wieder einmal stießen wir die Gläser aneinander, als unsere Getränke serviert wurden.
Auf einen wiederholt schönen Abend. Prost.
Trank ich tatsächlich gerade einen Gin Tonic? Der Gedanke brach mir im Kopf eine Scherbe aus dem Glas, als ein Schluck der Erinnerung in mir hochstieg. Okay, es war ein Gin Tonic und kein Gin mit Apfelsaft. Alles gut.
Gedankenverloren fragte ich El Achim, was Gin Tonic eigentlich ist und woraus das Getränk genau besteht. Wie sollte er die dumme Frage auch vernünftig beantworten, ohne meine Intelligenz in Frage zu stellen. El Achim versuchte mir dennoch zu helfen, indem er sagte, dass Gin Tonic aus Gin und aus Tonic besteht.
Ich war mir absolut nicht sicher, was Tonic überhaupt ist. Auch das versuchte er mir verständlich zu erklären. Allerdings war meine Frage so dämlich, dass er kaum Worte fand.
Danach beschloss ich, mir beides zu kaufen, wenn ich wieder zu Hause war, damit ich herumexperimentieren konnte und schlauer aus diesem brisanten Getränk wurde. Ich assoziierte Gin Tonic mit einem Zauber, der vor einem halben Jahr begann und bis heute in meinem Leben herumschleicht. Unvergessen.
Das war unser erstes tiefgründiges, nahezu philosophisches Gespräch an diesem Abend. Ich warf einen Blick auf die Uhr, um mein Zeitgefühl zu aktualisieren. Es war spät und eigentlich war es viel zu spät, um noch so viel zu essen. Ich war sowieso kein Abendesser und musste an die Cornflakes denken, die jetzt weitaus verdaulicher gewesen wären.
„Bist du Linkshänder“, wollte El Achim wissen. Wie aufmerksam.
„Ja, bin ich. Aber ich schreibe mit rechts, weil wir das damals so lernten. Ansonsten alles links. Warum fragst du das?“
„Weil du deine Uhr auf der falschen Seite trägst.“
„Ah okay. Bei mir ist eh alles falsch rum. Meine Gedanken sind es oft auch. Durcheinander eben. Alles nicht völlig normal.“
„Oh interessant“, versuchte El Achim überzeugend hervorzubringen. „In deinem Beruf ist das alles wohl auch notwendig.“
„Das stimmt. Wir brauchen Chaoten. Die kommen bei uns am besten klar.“
Unsere Kommunikation kam ins Fließen und bald darauf stellte der Wirt uns unser Essen vor die Nase. El Achim bekam die große Pizza und ich eine ordentliche Portion Pesto. Meine Portion hatte die richtige Größe für mich. Sie war überschaubarer, als der belegte Teigfladen mit dem aufgepumpten Rand auf dem Teller gegenüber.
Wir wünschten uns einen guten Appetit und der anstrengende Verdauungsprozess begann genüsslich in der Mundhöhle. Ich hatte schon lange keine Nudeln mehr gegessen. Pizza hingegen maximal einmal im Monat. Ich gab mir Mühe, dass ich nicht so schnell wie ein Staubsauger aß und die Nudeln mit den Pinienkernen genoss. Immerhin ist ein Restaurant keine Imbissbude. Ich schaute immer wieder, wie weit El Achim mit seinem Essen war und staunte, dass er viel schneller aß, als ich. Auf seinem Teller lag fast nur noch der Rand von der Pizza, den er nicht mehr herunterbekam. Der knusprige Rand aus stopfendem Weizenmehl hätte ihm bestimmt den Rest gegeben. Obwohl der Rand eigentlich sehr lecker aussah.
„Du bist wohl auch so ein Schnell-Esser“, bemerkte ich beiläufig.
„Ja, das stimmt.“
„Ich sonst auch. Aber heute wollte ich mich zusammenreißen.“
„Es ist ja auch besser, wenn man nicht so schlingt.“
„Genau.“
In dem Moment musste ich daran denken, wie meine Oma die Kartoffeln mit dem Mund einzelnd vom Teller schnappt und den Teller nach dem Mittagessen immer ableckt. Ich musste mir mit Anstrengung das Lachen verkneifen. Das war zu viel Kopfkino, diese Szene lief wie ein komischer Film vor mir ab, der sofort endete, als ich mich zurück die Wirklichkeit zwang.
Als ich meine Portion aufgegessen hatte, nahm ich noch zwei Stücken von dem Ciabatta Brot, welches als Vorspeise diente, und sog damit den Rest der Sauce auf. Ich war zwar satt, aber nie so satt, dass ich gar nichts mehr essen konnte. Den Rand von El Achims Pizza hätte mein Bauch noch vertragen und eigentlich hätte es zum Nachtisch ein Stück warmen Kuchen geben können oder eine interessante Pudding-Kreation. Ein guter Nachtisch macht eine Mahlzeit perfekt. Und manchmal ist der Nachtisch sogar besser, als das Hauptmenü.
Am Ende dachte ich darüber nach, wie viel Pesto noch an meinen Vorderzähnen hing und vermied es, mit offenem Mund zu lächeln. Pesto war genauso fatal wie Petersilie oder der unsichtbare Geruch von Knoblauch.
Der Wirt hatte einen fürsorglichen Blick für seine Kundschaft und räumte gleich die Teller weg. Jetzt wendeten wir uns unseren Getränken zu, um noch ein paar zarte Prozente zu gewinnen. El Achim hatte sein Bier bereits ausgetrunken und mein Glas war noch halbvoll. Ich schaffte es nicht, den Gin Tonic schneller zu trinken, da der Geschmack zu bitter war. Nach jedem kleinen Schluck machte ich eine Pause und suchte nach neuem Gesprächsstoff. El Achim zeigte ebenso Initiative und sprach mich immer wieder auf berufliche Geschichten an, die mir zu privat waren und über deren Inhalte ich keine Auskunft geben wollte. Für solche speziellen Informationen war mir El Achim einfach zu fremd.
Er selber hatte nicht viel zu erzählen, da er nur mit Zahlen und Finanzen zu tun hatte. Für eine Person wie mich ein unbegreifliches Gebiet, das ich nie verstehen werde. Also gab es auch keine Fragen, die ich ihm stellen konnte. Mir war das alles zu trocken.
Unser Smalltalk artete dann eher in einem Durcheinander aus. Wir sprachen über alles, was oberflächlich genug war, damit wir uns gegenseitig nicht mit Tabuthemen konfrontierten.
Irgendwann kam er auf die doofe Idee, mich nach vergangenen Dates und Männern zu fragen. Absolut tabu. Und genau das erzählte ich ihm mit halbwegs gelassener Stimme, obwohl ich innerlich kochte. Keine Geschichten über Ex-Leute und anderen Begebenheiten. Er sah das etwas lockerer und erzählte mir, dass er mit Dates immer Pech hatte und schon lange Single ist. El Achim war der Meinung, dass in seinem Alter die Möglichkeiten geringer sind, um eine tolle Frau kennen zu lernen. Die meisten davon wären angeblich zu sehr vorbelastet von ihren Ex-Männern und in ihren Mustern gefangen. Ja, das war ich auch – gefangen. Aber das ging El Achim nichts an.
Nach der Datingfalle herrschte erst einmal Funkstille und ich trank meinen Gin weiter. Diesmal mehrere Schlucke ohne Pause, denn ich wollte weg. Schon wieder meldete sich mein Fluchtreflex. Aber ich versuchte vernünftig zu bleiben. Ich wollte nicht wieder orientierungslos auf der Straße landen, unwissend darüber, wohin ich gehöre. Mir war bewusst, was passiert, wenn ich davonlaufe. Davonlaufen macht es nur schlimmer und trotzdem musste ich mich anstrengen, auf dem Stuhl sitzen zu bleiben, denn mein Herz raste. El Achim hatte mich unbeabsichtigt mit dem falschen Thema getroffen, das sich wie eine offene Wunde anfühlt, die nicht heilt. Sie wird niemals heilen.
„Ist was mit dir? Du wirkst so unruhig“ erkundigte er sich besorgt. Ich merkte gar nicht, dass meine innere Unruhe äußerlich so auffällig war.
„Nee, schon gut. Aber sprech mich nicht auf Männer an, okay? Das geht wirklich nicht. Ich rede mit niemandem drüber. Keiner weiß, was los ist. Das ist echt nicht mein Lieblingsthema.“
„Nicht mal deine beste Freundin weiß Bescheid?“
„Nein.“
„Tut mir Leid.“
„Nicht deine Schuld.“
Ich trank meinen Gin aus und El Achim ließ den Wirt mit einer Geste wissen, dass wir die Rechnung wollten. El Achim sagte gleich, dass er bezahlt und ich nahm es so hin, denn eigentlich kenne ich es auch nicht anders. Fast jeder Mann will bezahlen, weil sich das so gehört. Deswegen musste ich noch nie bezahlen und hatte nur selten die Gelegenheit mit meinem Studentenausweis Rabatt zu kriegen. Außer im Kino und am Ticketschalter.
El Achim war schon fast am Ausgang, als ich noch damit beschäftigt war, meinen Mantel anzuziehen und meinen Schal ordentlich umzubinden. Ich fragte mich, wie es jetzt wohl weitergeht und ob er noch irgendwo mit mir hin will. Ich hatte Lust auf einen Club und auf gute Musik, die meine Stimmung hebt. Aber ich fragte ihn nicht, sondern wartete ab, was wir machen. Es war erst Mitternacht. Irgendwie hatte ich jedoch das Gefühl, dass er nach Hause wollte. Und zwar mit mir.

Draußen war es nach wie vor kalt. Winter.
„Ich merke überhaupt nichts vom Alkohol“, sagte ich, um anzudeuten, dass ich nahezu immun gegen Alkohol bin und weitaus mehr vertrage, ohne dass Mann mir etwas anmerkt.
„Oh“, er grinste nur, während er das sagte.
Ich schaute mir die vollen Läden an und dachte daran, wie die Leute jetzt Valentinstag feiern und Spaß haben. Einen Freund hätte ich auch gerne. Alle sahen glücklich und amüsiert aus. Zumindest bildete ich es mir ein, denn zu genau wollte ich gar nicht hinsehen. Wichtiger war, was sich gerade bei mir abspielte und die Vorstellung war nicht besonders rosig. Ich war mit jemandem unterwegs, der nicht der war, den ich wollte und musste mich damit abfinden, weil es nicht anders ging. El Achim war nur eine bedeutungslose Alternative und nicht mein Traummann.
Als gerade eine Straßenbahn kam, fand er es genau passend und wir fuhren per Stehplatz weiter. Normalerweise gar nicht so gut, da ich in der Bahn zu tollpatschigen Gleichgewichtsstörungen neige. Er stand einen Meter weiter weg und musste sich nicht festhalten, so sicher fühlte er sich. Aber da er täglich mit Straßenbahn fuhr, hatte er darin mehr Übung als ich, die immer mit dem Rad oder zu Fuß unterwegs ist. Oder mit dem Auto, wenn ich Lust darauf hatte.
Ich versuchte ihn nicht weiter anzugucken, da ich es mittlerweile etwas komisch fand und immer mehr die Vorahnung hatte, dass er nach Hause wollte und mir das nicht geheuer war. Ich wollte nicht schweigend in seinen privaten Räumlichkeiten herumsitzen und hatte Angst vor zu viel Nähe. In einer fremden Wohnung ist man wie gefangen.
Zwischendurch trafen sich unsere Blicke und ich motivierte mich mit geschlossenen Lippen zu lächeln. Ich sagte nichts mehr.
Als die Straßenbahn das nächste Mal hielt, wurden ein paar Plätze frei.
El Achim setzte sich sogar auch hin und gab seine selbstbewusste Poser-Position auf. Vor uns saßen zwei junge Männer, die sich wie tussige Frauen verhielten und sie redeten mit einem gehobenen Akzent über Wohnungen. Man konnte gleich erkennen, wo deren sexuelle Präferenzen lagen. An der Tür stand ein Mann, der mit seinem Handy verspielte Gespräche führte und einen sehr zufriedenen Eindruck machte. Wahrscheinlich traf er gleich seine Freundin, die in Unterwäsche auf ihn wartete. Ich musste bei dem Gedanken weggucken, damit ich positiv gestimmt blieb.
Nach ungefähr zehn Minuten sagte El Achim, dass wir nun aussteigen. In diesem Stadtteil war es genauso ruhig, wie in meiner Heimatstadt und es sah auch ein bisschen so aus, wie bei mir zu Hause. Leere Straßen und eine Menge Altbauwohnungen mit einer grau-braunen Fassade, die in größeren Stücken dekadent vom Haus abblätterte. Jetzt wusste ich, dass wir in keinen Club mehr gehen und dass für heute Feierabend war. Zumindest in der Öffentlichkeit. Dabei war ich nicht einmal müde, sondern voller Energie. So, wie es bei mir meist üblich ist. Ich habe kein Problem damit, wenn Tageszeiten durcheinander geraten. Allerdings schien es bei El Achim anders zu sein, da sein Tagesablauf stets strukturiert und einfach monoton war: Arbeiten – Mittagessen in der Kantine – arbeiten – fernsehen – schlafen. Aber El Achim sagte selber, dass er zu alt ist für zu viel Action und nicht mehr so viel Power hat. Ich tolerierte das, da mir persönliche Burnout-Momente in besonderen Belastungssituationen bekannt waren. Unter anderem, wenn ich kaputt von Liebeskummergefühlen war und genug geweint hatte. In solchen Situationen fühlte ich mich ausgelaugt und tot.
El Achim und ich mussten nicht weit laufen, bis wir das Haus erreichten. In mir machten sich einige unangenehme und leicht mulmige Gefühle breit. Wenn ich von hier aus flüchten würde, würde ich wohl kaum alleine zum Hauptbahnhof finden. Das war alles viel zu weit weg. Allein das machte mir Angst. Irgendwo zu sein, wo ich mich gar nicht mehr auskannte. Und die U-Bahn war nachts auch nicht mein Fall. Es war klar, dass Abhauen hier sinnlos war und dass ich die Nacht überstehen musste. So schlimm war El Achim zum Glück nicht. Normalerweise wäre ich jetzt bei einer Bekannten gewesen, die ausnahmsweise noch einen Platz auf der Couch frei hatte. Aber es kam spontan anders und ich landete bei ihm.
El Achim ließ mich durch die Eingangstür und ich schaute mir das tolle Altbauhaus von innen an. Überall große Holztüren mit gesprenkeltem gelben Glas und knackende abgetretene Treppenstufen. Wir liefen tatsächlich bis nach ganz oben. Fast, denn das Dachgeschoss war nicht ausgebaut. Ich fühlte mich zunehmend seltsamer. Als ich in seine Wohnung kam, stellte ich fest, dass er natürlich viel weniger Schuhe hatte, als ich. Inzwischen gehöre ich leider auch zu den Frauen, die das Schuhklischee einigermaßen erfüllen und es dennoch nicht mit der Sammelleidenschaft übertreiben. Ich achtete nicht einmal darauf, was er für Schuhe trug. An bunte abgelatschte Sportschuhe erinnere ich mich jedenfalls nicht. Wahrscheinlich waren es schwarze Dandy-Schuhe.

Seine Wohnung war groß und hatte zwei Zimmer. Im Flur hing ein Fahrrad mit Strohhut an der Wand und ich wusste nicht, was das sollte. Er erklärte mir, dass er sein Rad nicht in den Keller stellen wollte, da im Haus viel geklaut wurde. Aber scheinbar diente sein Fahrrad sowieso nur als staubige Dekoration an der Wand, weil es zu selten gebraucht wurde. Ich schaute mich in der Wohnung um, während El Achim meinen Mantel entführte und ihn in seiner Flurgarderobe versteckte. Der ganze Fußboden war aus rauem Holz und die breiteren Ritzen boten Unterschlupf für Brotkrümel, die ich in der Küche entdeckte. Der Holzfußboden war toll, aber er hatte unsaubere Schwachpunkte. Ich dachte darüber nach, wie man den Fußboden am besten reinigt und erwischte mich dabei, dass ich mir gerade über Dinge Gedanken machte, die nicht mein Problem waren. Dieses Problem hätte ich außerdem auch nicht haben wollen und hielt mich deswegen nicht länger in der Küche auf. Ich guckte kurz ins Schlafzimmer und ging dann in die Wohnstube, die kaum eingerichtet war. Mir fehlte die Individualität. Diese Leere war der allgemeine Ausdruck von Interesselosigkeit und nicht vorhandener Kreativität. Die Wohnstube bestand aus einem Fernseher, einer Couch, zwei kleinen Tischen und aus einem Regal, das voll mit Englischheften war. What the fuck. Ansonsten gab es nicht viel zu sehen. Ich war mir sicher, dass El Achim gleich den Fernseher einschalten würde, da die Fernsehzeitung direkt vor mir lag und anscheinend eine wichtige Funktion hatte. Ich persönlich habe mir noch nie eine Fernsehzeitung gekauft, sondern nutze lieber Apps für solche Sachen.
Al Achim schaltete nicht den Fernseher ein, sondern er drehte an einem Lautsprecher neben dem Fernseher, der danach stumm blieb. Ich sah nur die Lautsprecher und kein Radio in der Nähe. Aber dann informierte mich El Achim darüber, dass die Lautsprecher Musik vom Handy wiedergeben. So so, dachte ich mir. Das funktionierte auch alles per App. Diese Art von Technik war mir bis dato unbekannt.
Was dann folgte, war Musik und ich ließ mich darauf ein. Wir schauten also keinen Film, sondern hörten Musik. War das nicht der perfekte Einklang für zwiespältige Annäherungen? Ich ahnte, dass er begann, sich gefühlsmäßig einzustimmen und anschließend kam auch schon die Frage, die chronologisch folgerichtig genau jetzt gestellt werden musste: „Was willst du trinken“, fragte er.
Ich schaute ihn an und war leicht verunsichert.
„Hmm, was hast du denn da?“
„Eigentlich so gut wie alles.“
„Okay. Dann mach mir einfach irgendwas fertig. Bin da ganz anspruchslos.“ Egal wie immer.
„Na gut. Dann bis gleich.“
Mit den Worten verschwand er in der Küche, die am Ende des Flures und außer Sichtweite lag.

Ich saß auf der Couch und schaute mich um. Allerdings konnte ich nichts Interessantes finden und hörte der Jazz-Musik zu, die auch nicht meinem Geschmack entsprach. Aber ich war ein artiger Gast und von daher war es in Ordnung. Es muss nicht immer Club-Musik oder Rock sein.
Ich ging zur Balkontür und sah eine bunte Lampionkette draußen hängen, von links nach rechts am Blumenkasten entlang. Schade, dass der Sommer noch so fern war.
Nach dieser wehmütigen Feststellung setzte ich mich wieder friedlich auf die Couch und wartete auf den Alkohol. Ich war gespannt, was er mir anbot.
Wenige Minuten später kam er mit einem Glas mit pinkem Trinkhalm und Eiswürfeln zurück.
„Oh, das ist ja wie in der Bar“, bemerkte ich fröhlich.
„Ja. Ich hoffe, es gefällt dir.“
Er stellte das Glas vor mir auf den Tisch und ging zurück in die Küche, um sich ebenfalls mit Alkohol zu versorgen. Alles andere wäre unfair. Welcher Mann möchte schon nüchtern bleiben, wenn eine junge Frau trinkt?
Ich rührte mein Glas nicht an, ehe er nicht da war. Aus Anstand.
„Und, was ist das jetzt für ein Getränk“, fragte ich ihn, als er wieder kam.
„Gin Tonic. Nur etwas anders.“
Oh Mann, schon wieder Gin, dachte ich. Aus der Nummer kam ich nicht mehr heraus.
„Aber das ist nicht zufällig Gin aus London, oder?“
„Doch..warum? Hast du den schon mal getrunken?“
„Ja.“
„Und?“
„Nur so. Nicht so wichtig.“
Wenn El Achim gewusst hätte, was sein Gin für Erinnerungen in mir auslöst. Zumindest kam er nicht auf die dumme Idee, mir obendrein noch Apfelsaft anzubieten. Dann wäre es wahrscheinlich sehr emotional geworden und vielleicht hätte ich das Glas sogar zu Boden geschmissen.

Wir stießen zum dritten Mal an diesem Abend an und der Gin machte mich immer trauriger. Eigentlich hätte ich nicht bei El Achim sein sollen, war die Botschaft, die mir der Gin eindeutig vermittelte. Ich versuchte den Gedanken hinunterzuschlucken, damit er nicht zu aufdringlich wurde und mich nicht zu Kurzschlussreaktionen hinriss, denn innerlich spürte ich den Reiz des Abschieds von El Achim. Klar wollte ich weg. Aber ich hatte keine Wahl und musste bleiben. Ich wollte zumindest einmal versuchen, auch unangenehme Situationen auszuhalten. Zusammen mit dem Gin, der mich dazu verleitete, jemanden zu vermissen, der sich irgendwo entfernt in der Nähe aufhielt.
„Schmeckt gut“, sagte ich und fühlte mich wie eine gute Lügnerin.
„Das freut mich.“
Wie sollte er auf so einen verlogenen Satz auch anders antworten.
„Wenn du wüsstest, was du mir damit gerade antust.“ Ich konnte diese kleine Andeutung einfach nicht seinlassen. Es gelang mir nicht, die Erinnerungen zu unterdrücken, die gerade wieder so präsent waren.
„Inwiefern?“
Ich schwieg und ließ die Aussage so stehen, wie sie war.
Genau an diesem Tag war es ein halbes Jahr her, dass die Reste vom Gin einige Stunden später ungewollt in die Toilette gespuckt wurden. Von mir.
„Verträgst du das Zeug nicht“ hakte er weiter nach.
„Doch doch, schon. Aber warum gerade Gin? Du hast doch noch so viele andere Sorten.“
„Ja. Aber ich dachte, der ist ganz gut für dich.“
„Okay, du hast bestimmt recht.“
Wir tranken weiter, bevor ich mich immer tiefer in dieses Thema grub.
Alles war alles heikel, so lange die Atmosphäre nur aus Musik und Gin bestand. Fast so ähnlich wie damals, es kam mir vor wie ein Déjà-vu. Nur mit einer anderen Person neben mir.
Ich war gespannt, wie es weiterging. Am liebsten hätte ich vorgeschlagen, ins Bett zu gehen und zwar jeder für sich, ohne Körperkontakt. Aber diesen Vorschlag konnte ich nicht bringen. Schließlich war ich nur der Gast, der eventuell etwas offener sein könnte.
Ich klammerte mich am Glas fest, damit nichts anderes passieren konnte. Aber diese Taktik war nicht gut gewählt, denn El Achim machte die ersten vorsichtigen Annäherungsversuche, die ich lieber übersehen hätte. El Achim sagte nichts weiter und fuhr mit seiner Hand über meinen rechten Oberschenkel, während ich meinen Gin trank. Ich dachte nur daran, dass er mich in Ruhe lassen sollte.
„Tolle Hose“, erwähnte er.
„Ich weiß, danke.“ Mehr fiel mir dazu nicht ein. Vielleicht hätte ich doch besser eine Jeans anziehen sollen.
„Auf sowas steh ich ja“, fuhr er weiter fort.
„Aha…“
Ich zog zügig noch mehr Gin aus dem Strohhalm.
Es dauerte nicht lange, bis El Achim das Maß überschritt und mich wie selbstverständlich küsste. Er kam einfach näher, ohne nachzudenken. Ich erwiderte den Kuss nur deshalb, weil ich in dem Moment sowieso keine andere Wahl hatte. Wäre schließlich doof gewesen, den Kopf kurz davor schnell wegzudrehen. In mir tat sich nichts. Es war ein emotionsloser Kuss für mich, der für ein winziges Kribbeln nicht ausreichte. El Achim züngelte wie eine Schlange und ich fand diese Art des Küssens schrecklich irritierend und unerotisch. Wie konnte ein Mann nur so schlecht küssen? Mich überkam kein Hauch von Lust. Zwischendurch entfernte ich mich von El Achim, um mich meinem Gin Tonic zu widmen, den ich inzwischen deutlich besser fand. Besser, als El Achim.
Danach fing El Achim wieder mit dem Küssen an und ich war ein Opfer, weil ich Angst hatte, auf der Straße zu landen, wenn ich mich nicht benahm. Doch dann sah ich eine kurzfristige Lösung.

„Ich muss mal auf’s Klo. Könnte aber etwas länger dauern, weil ich woanders immer nicht kann.“
El Achim guckte mich lächelnd an und sagte verständnisvoll: „Ist okay, du kannst dir so viel Zeit lassen, wie du willst.“
„Darf ich alle Türen zumachen?“
„Warum?“
„Weil es leise sein muss, wenn ich auf Klo bin und weil ich nicht das Gefühl haben will, dass jemand draußen wartet.“
„Klar, mach alles zu. Aber die Stubentür musst du bisschen mit Gewalt ranziehen.“
„Okay.“
El Achim akzeptierte meine Klomacke und ich konnte erleichtert das Wohnzimmer verlassen und mich aus der zudringlichen Situation entfernen.
Die Tür bekam ich tatsächlich nicht zu, da sie immer wieder aufging. Ich war genervt.
„Ich krieg die Tür nicht zu!“
Dann kam El Achim und knallte sie mit einem energischen Ruck zu, sodass es kurz ziemlich laut wurde.

Als ich mich im Bad einschloss, spürte ich endlich mal wieder ein bisschen Privatsphäre. Trotzdem war es nicht mein Bad und ich fühlte mich fremd. Es war eines dieser schlauchförmigen Badezimmer, in denen das Klo – hinter Waschbecken und Badewanne – ganz am Ende neben dem Fenster stand. Ich ging zum Klo und blickte auf einen grünen Froschdeckel. Der Frosch hatte große braune Augen und saß wie erstarrt auf einem Blatt. Ich stopfte das Klo mit Klopapier aus und setzte mich rauf. Das Klo war höher als meins und für meine Größe etwas unbequem. In dem Winkel konnte ich schlechter pullern und ließ mich deswegen leichter durch meine Umgebung ablenken. Ich roch an seinen Parfüms, die neben mir im Regal standen und entdeckte noch einige andere Dinge, die irgendwie interessant für mich waren. El Achim hatte sogar einen Föhn auf dem Fensterbrett liegen. Ein Gerät, das ich nie brauche.
Als ich zehn Minuten auf dem Klo saß, lief es endlich. Trotz Klopapier hörte man es ordentlich plätschern. Solche Toiletten konnte ich absolut nicht leiden. Viel zu indiskret.
Ich war froh, als es klappte und sich der Urinstau mit kleineren Unterbrechungen auflöste.
Hätte ich mir den Abschluss dieses Abends aussuchen können, wäre ich auf jeden Fall baden gegangen. Das hätte ich gebraucht und hoffte, dass ich noch die Gelegenheit dazu bekam.
Als ich wieder ins Wohnzimmer kam, war El Achim mit seiner Musikauswahl auf dem Handy beschäftigt und hatte Kerzen angezündet.
„Und, hat’s geklappt“, fragte ich mich lachend.
„Ja, alles gut.“
Ich setzte mich wieder zu ihm auf die Couch und dann ging es weiter mit küssen. So, als ob ich gerade gar nicht auf dem Klo gewesen wäre.
„Kannst du dein Oberteil nicht ausziehen?“ Der Pullover war ziemlich oversized und gemütlich. Außerdem konnte ich mich schön darin verstecken und fühlte mich sicher. Und: er war rosa.
El Achim provozierte mich und ich antwortete spröde: „Nein, mir ist kalt.“
„Dir ist kalt? Dann sollten wir vielleicht ins Bett gehen.“
Tolle Idee, wenn es dabei bleiben sollte, dass jeder auf seiner Seite schläft und nichts anderes läuft. Ich wollte keine Fortsetzung.
„Gut, dann gehen wir eben ins Bett.“
Ich hatte sowieso keine Lust mehr, nachts um zwei müde im Wohnzimmer herumzusitzen und unfreiwillig zu knutschen.
„Wir können die Kerzen ja mit ins Schlafzimmer nehmen“, schlug El Achim vor.
Normalerweise perfekt, um eine romantische Stimmung aufzubauen. Aber El Achim war einfach nicht mein Typ, auf den ich abfuhr und der etwas in mir bewegte.

Wir nahmen beide jeweils zwei Kerzen und stellten sie auf ein Regal im Schlafzimmer. Das Schlafzimmer war groß und am meisten stach der fast komplett verspiegelte Kleiderschrank hervor, der direkt vor dem Bett stand. So so, dachte ich. Die perfekte Option, sich gleichzeitig von allen Seiten zu präsentieren, während man im Bett aktiv ist. Dann der nächste Gedanke: Warum hat ein Mann so einen riesigen Kleiderschrank?
El Achim sorgte dafür, dass auch im Schlafzimmer Musik lief. Darauf hätte ich verzichten können. Aber El Achim dachte anscheinend, dass Musik die Stimmung verzaubert.
Als wir voreinander standen, artete das Küssen gleich ins Ausziehen aus.
Er zog mir einfach den Pullover aus, ohne etwas zu sagen. Kurz darauf lagen auch all meine restlichen Klamotten auf dem Boden. Alles, bis auf die Unterwäsche, die ich mir nicht ausziehen ließ.
Noch immer war ich kein bisschen scharf auf El Achim. In mir tat sich weiterhin überhaupt nichts. Er hatte keine anziehende Wirkung auf mich und es herrschte keine Spannung zwischen uns. Wir waren zwei sehr unterschiedliche Persönlichkeiten, ohne etwas gemeinsam zu haben.

Ich legte mich in Unterwäsche ins Bett und El Achim folgte mir, nachdem er sich Hemd und Jeans vor meinen Augen auszog. El Achim schien wohl keine Probleme damit zu haben. Die Arbeit konnte ich ihm jedoch nicht abnehmen, da ich nicht den Drang verspürte, das zu tun. Ich wollte ihn nicht ausziehen, weil es mich nicht interessierte, wie er nackt aussah. Meinetwegen hätten wir endlich schlafen gehen können, ohne schlechtes Gewissen.
Aber El Achim war aber anderer Meinung. Er kuschelte sich direkt an mich heran und ließ mir keinen Freiraum zum Atmen, da sein Mund gleich wieder auf meinem klebte und seine Zunge sich den Weg freischlängelte.
Ich versuchte ihm zu zeigen, wie man ‚richtig‘ küsst. Aber er checkte es nicht. Anscheinend merkte er nicht, dass ich ganz anders küsste und blieb bei seiner gewohnten Variante.
Mein Slip blieb trocken und ich war mehr gelangweilt, als scharf.
El Achim konnte mich als Person nicht überzeugen. Nicht einmal halbnackt.
Trotzdem wollte El Achim mehr und fasste mich überall an. Ich konnte verstehen, dass es schwierig war, mir zu widerstehen, bei all meinen Reizen.
„Hattest du eigentlich schon mal so ein junges Mädel im Bett“, wollte ich wissen.
„Nein.“
Damit war es kein Wunder, dass er mich unbedingt herumkriegen wollte, wenn ich seine Premiere war und er machte den Eindruck, als wenn er schon länger keinen Sex mehr hatte. Genau wie ich, nur dass ich lustlos war und mich absichtlich frigide verhielt, um ihn abzuschrecken. Aber das störte ihn nicht. Er nahm keine Rücksicht auf mein passives Verhalten. Vielleicht empfand er es als Herausforderung.
Letztendlich befreite er mich von meiner Unterwäsche und wäre wahrscheinlich allein wegen des Anblicks schon fast gekommen. Auch das hätte ich verstanden und gut akzeptieren können.
„Du hast echt schöne Brüste“, bemerkte er, als er mich nackt vor sich liegen hatte.
„Ja, ich weiß. Danke.“ Wie oft ich den Satz schon hörte. Als ob es nichts anderes gäbe. Entweder oben, oder unten. Toller Arsch, oder tolle Brüste. Oder beides. Danach folgen Augen, Lippen und Hände. Erstklassig, aber zweitrangig.
El Achim fand das alles sehr spannend und ich schaute ihm matt dabei zu.
Obwohl ich länger keinen Sex mehr hatte, fand ich seine Berührungen nicht erregend. Weil El Achim einfach ein Langweiler war, deswegen. Vielleicht fand er mich auch langweilig, da ich nicht viel Lust hatte, ihn anzufassen und hoffte, dass das alles bald ein Ende hatte. El Achim verlor sich nämlich allmählich in einem stereotypen Verhalten, das aus einem Wechsel aus Küssen und Berührungen bestand. Alles wiederholte sich und führte zu keinem Fortschritt. Das Einzige, was meine Aufmerksamkeit reizte, war mein Armband, wenn es sich mit seinen Zacken im Bettlaken verfing. Der Gedanke, dass teurer Schmuck nicht so schnell kaputt geht, beruhigte mich nicht und ich schaute immer wieder nach, ob das Armband noch heil war und keiner der kleinen Steine verloren ging.

Nach einer gefühlten Stunde zog El Achim meinen Slip aus. Einfach so, damit es anders wurde und den Eindruck verlieh, als würde bald etwas Großes im Bett passieren. Nachdem er meinen Slip neben das Bett warf, entfernte er auch seinen. Ich bekam nicht einmal mit, was er trug, weil ich nicht das Bedürfnis hatte, hin zu schauen. Wahrscheinlich war es eine typische schwarze Boxershorts mit Knöpfen.
El Achim war heiß und stürzte sich mit seiner zitterigen Zunge wieder in meinen Mund. Als er nackt auf mir lag spürte ich immer noch mein Desinteresse. Vor allem, weil seine Küsse so unsexy waren, wie die Wanderung eines Wurms vor einer hungrigen Kröte.
El Achim kam langsam in Hochform und sagte:„Stellungswechsel.“
Noch vor dem Anfang? Kapierte ich nicht.
Meine innere Stimme fragte ich mich, was der Vorschlag soll und die Frage drang nach außen.
„Und das heißt?“
„Du oben.“
Ich oben – hahaha….verrückt!
Ich nahm es so hin und versuchte diese verkehrte Rolle nicht weiter zu beurteilen. Obwohl ich oben lag, gab ich mir einen Ruck, das Beste aus dieser Lage herauszuholen und bemühte mich, die Antipathie auszublenden. Es wurde entspannter, nachdem ich nicht mehr über alles nachdachte. Ich ließ mich einigermaßen gehen und schaltete den Kopf auf Stand-By. Genau wie die Musik im Hintergrund, die längst nicht mehr zu mir durchkam und ignoriert wurde.
El Achim schien es zu mögen, als ich so auf ihn drauf lag und so tat, als würde ich etwas Tolles mit ihm tun. Trotzdem war er still und ziemlich gehemmt. Bis er einen bestimmten Satz äußerte:„Ich will, dass du mir einen bläst.“
Auf jeden Fall eine unmissverständliche Ansage, obwohl ich bisher noch keinen weiteren Kontakt mit seinem Schwanz hatte. Und dann gleich blasen? Ich war immerhin kein bisschen in El Achim verliebt. Somit war der BlowJob theoretisch unmöglich für mich und eine schwierige Aufgabe. Außerdem blieb mir nach der Ansage fast nichts anderes übrig, da sie sehr überzeugend wirkte. So fernab von schüchtern und nett. Vielleicht war El Achim ja doch nicht so devot, wie ich es anfangs vermutete.

Ich gab ohne Worte nach und widmete mich unfreiwillig dem BlowJob. Immer mit der Angst, dass mir schlecht dabei wird. Einfach nicht nachdenken, ermahnte ich mich und machte die Augen zu, damit ich nicht allzu viel mitbekam und El Achim unsichtbar wurde. Mit geschlossenen Augen konnte ich mir den BlowJob schönträumen und mir vorstellen, dass ich gerade eine mit Haut überzogene Gurke ablecke, die mein Gesicht mit ihren Haaren zärtlich begrüßt.
Es dauerte nicht lange bis ich in seinem Schwanz ein Zucken spürte, das zaghaft anfing und immer weiter pulsierte, bis ich cremigen Gurkensaft im Mund hatte. Es war viel. Ich ekelte mich und hätte am liebsten alles sofort ins Bett gespuckt. Der Gurkensaft, der eigentlich markant nach Champignon schmeckte, gehörte nicht in meinen Mund und ich weigerte mich, ihn herunterzuschlucken. Aber ich brachte es auch nicht fertig, ihn anders loszuwerden. Langsam wurde es bitter im Mund und noch ekelhafter, da sich der Saft bald zersetzte. Ich überlegte, schnell ins Bad zu rennen. Aber ich tat nichts, sondern war wie gelähmt vor Ekel. Um El Achim mit meinem spermaablehnenden Verhalten nicht zu demütigen, schluckte ich alles. Schließlich dauerte das Schlucken nur eine Sekunde und ich übertrat die Schwelle der Abscheu. Es war mehr als nur ekelhaft. Normalerweise hätte ich es unter solchen Umständen niemals gemacht, da ich El Achim nicht wollte.
Warum war er überhaupt so fies, mir das Zeug ohne Vorankündigung in den Mund zu schießen? Für mich ein Tabubruch.
El Achim ging es gut und ich kämpfte innerlich, obwohl ich Pilze ansonsten gerne aß.
Dann ging er nackt zur Toilette, um sich seinen eingespeichelten Schwanz mit Kleenex-Tüchern abzutupfen und um seinen Urin loszuwerden, der sich seit einer Stunde in der Warteschleife befand.

Ich lag im Bett und war platt. Bevor El Achim auf den Gedanken kam, mich weiter zu belästigen, zog ich meine Klamotten wieder an und konnte mich dabei genau im Spiegel beobachten. Etwas verstörend, wenn ich mir vorstellte, wie El Achim mich darin von allen Seiten begutachtete. Während des BlowJob’s.
El Achim verweilte nicht lange im Bad und kam leider gleich wieder.
Ich grinste und zeigte mich freundlich. Als wir beide zusammen im Bett lagen, blieb es nicht lange still. Anscheinend war El Achim noch nicht müde, trotz seines befriedigenden Höhepunkts. Er kam mir nahe und unter meine Decke. Wieder fing er an, mich zu befummeln. Nein, er hatte noch nicht genug. Der BlowJob war erst der Anfang und das Vorspiel. El Achim wiederholte sein gesamtes Programm und seine Zunge landete suchend in meinem Mund, während er mit der Hand meine Brüste streichelte, die durch meine Gänsehaut ziemlich spitz wurden. Dabei war die Gänsehaut nur der Ausdruck eines Alptraums. Der Alptraum einer nicht endenden Nacht. Vor allem, weil ich müde war, nachts um halb drei. Sowie unmerklich angetrunken.

„Ich will mit dir schlafen“, stieß El Achim plötzlich hervor. Meine Intuition verriet es mir aber schon vorher.
Ich sagte nichts, weil ich wusste, dass es daraus hinausläuft. Sex war nichts Schlimmes, ganz im Gegenteil. Nur hätte ich mir in diesem Moment einen anderen Mann vorgestellt und nicht El Achim. Mir kam es falsch vor, mit ihm ins Bett zu gehen. So, als würde ich mich selbst belügen. Aber ich wehrte mich nicht und akzeptierte seinen Wunsch.
Ich versuchte zu lächeln.
El Achim krabbelte zur anderen Seite des Bettes, um die Gummis aus einem Karton hervorzukramen. Ich fragte mich, ob er öfter andere Frauen abschleppt. Oder ob die Kondome dort schon länger liegen und auf ihren Einsatz warten. Okay, ich habe auch Kondome unter meinem Bett, fiel mir ein und ich beschloss, dass es völlig normal ist, welche zu haben.
Dann hatte El Achim ein tiefblaues Kondom in der Hand und ich schaute ihm dabei zu, wie er es sich überstreifte. Wahrscheinlich hätte er es lieber gemocht, wenn ich das getan hätte. Aber da ich sowieso desinteressiert war, blieb meine Eigeninitiative fern. El Achim guckte mich dabei erwartungsvoll an, als ob er hoffte, dass ich doch noch aktiv werde und ihm helfe. Aber es war mir egal. Sein Schwanz wurde etwas lasch und schaffte es nicht, hart zu bleiben. War ihm wohl doch zu viel. Oder vielleicht, weil Kondome ein perfekter Abtörner sind. El Achim holte sich selber einen runter, damit sein Schwanz wieder stand und mehr Blut hineinschoss. Und nach und nach konnte ich dabei zusehen, wie er seinen Schwanz vor dem Erschlaffen rettete. Als er einsatzbereit war, verlor El Achim keine Zeit und positionierte sich zwischen meine Beine. Etwas anderes fiel ihm nicht ein.
Noch immer kein Anflug von Erregung bei mir. El Achim blieb für mich unerotisch. Ich musste nicht einmal feucht sein, da das Kondom nass genug war. Das war mein Glück. Trotzdem empfand ich sein Eindringen als unangenehm, da er es ohne meine Hilfe nicht auf die Reihe bekam und sich ungeschickt anstellte. Wohl kein Mann mit viel Erfahrung, das merkte ich gleich.

Dann hatten wir Sex. Und ich dachte nur daran, dass das alles nicht sein muss und mich kalt lässt. Genau so fühlte es sich an: kalt und ohne. Ohne Gefühl. El Achim legte sich mächtig ins Zeug und versuchte, eine harte Nummer durchzuziehen, die jedoch eher kaputt und verzweifelt wirkte. Er brachte es einfach nicht und blieb verbal völlig stumm. Er schwitzte nicht einmal. Wahrscheinlich, weil ihm die Bettwäsche zu schade dafür war und weil er Schweiß nicht mochte. Immerhin mochte er auch keine Tiere in der Wohnung. Vielleicht war er zu reinlich und zu straight.
Nach einigen Minuten deutete er wieder diesen bescheuerten Stellungswechsel an. Ich tat es mit nicht viel Begeisterung und schaute ihm dabei ins Gesicht. Er sah aus, als würde er gerne kommen. Aber durch seinen vorigen Orgasmus dauerte es jetzt natürlich länger. Sein Schwanz war noch blockiert.
Irgendwann hatte ich keine Lust mehr auf den Mist und rollte mich von ihm herunter, auf die rechte Seite des Bettes, die in dieser Nacht mir gehörte. Ich fand es sinnlos, weiterzumachen, weil die Stimmung fehlte und ich sagte kein einziges Wort mehr. Der Sex war zu schlecht und ich war eingeschnappt. Gerne hätte ich ihm mitgeteilt, wie scheiße ich alles finde. Aber ich blieb vernünftig.
El Achim äußerte sich nicht zu meinem Verhalten. Immerhin hatte er kein Recht, mich zu zwingen und etwas von mir zu erwarten. Schon gar nicht, dass ich oben liegen soll. Für mich ein großer Lustkiller.

Meine Blase war voll, der Gin Tonic sammelte sich. Aber es brachte nichts, nach dem Sex zur Toilette zu gehen, da sich alles gereizt und überstrapaziert anfühlte.
El Achim machte die Musik aus und es kehrte endlich Ruhe rein. Außer dass mein Intimbereich brannte. Zuerst hielt El Achim beim Einschlafen meine Hand fest. Ich ließ es mir diese innige Kuschelstimmung einige Minuten gefallen, aber da ich so nicht schlafen konnte, löste ich mich von seinem Griff und drehte mich von ihm weg, um wieder frei zu sein. Immerhin waren wir kein verliebtes Pärchen und er hatte keinen Anspruch auf mich.
Lange blieb ich wach und war mir sicher, dass El Achim bestimmt längst schlief, da er ruhig war und langsam atmete. Wie im Schlaf eben. Ich war zwar müde, konnte aber nicht schlafen. Die Bettdecke war mit Daunen gefüllt und ich schwitzte bald. Mir war sowieso unnormal warm und meine Halsschmerzen, die ich schon seit zwei Wochen hatte, kamen wieder zum Vorschein. Jetzt wusste ich, dass die Hitze wahrscheinlich vom Fieber kam, denn ich hatte oft Fieber. El Achim hatte mir zuvor noch eine Flasche Selters ans Bett gestellt, falls ich in der Nacht Durst bekam. Nur irgendwie war ich zu faul, mich aus dem hohen Bett herunterzubeugen und sie aufzumachen. Außerdem wollte ich El Achim nicht mit dem Krach wecken. Auch mein Handy war nicht griffbereit, es lag in meiner Handtasche, die ebenfalls unerreichbar war.
In meiner Handtasche lagen auch meine Halstabletten, die ich gerade gebrauchen konnte. Aber nein, ich tat nichts, um mir zu helfen, sondern litt weiter, weil es irgendwie auch schön war, diese Schmerzen im Hals zu haben. Sie waren so gleichmäßig und das machte mich ruhig. Am meisten störte mich die Schlaflosigkeit.
Ich wartete ab, bis es hell wurde. Oder darauf, dass El Achim wach wurde und etwas an dieser Situation änderte. Nur wie?

El Achim wurde tatsächlich gegen fünf Uhr wach und ging zur Toilette. In diesem Moment machte ich mich bemerkbar und richtete mich auf.
Als er wiederkam sagte ich: „Hey!“
„Hey, konntest du schlafen?“
„Nein, war bis jetzt die ganze Zeit wach und hab Halsschmerzen. Und mir ist total warm.“
„Oh nein, das ist nicht gut. Willst du Tabletten von mir?“
„Nein, danke. Hab selber welche mit.“
„Okay, aber wenn du doch welche brauchst, sag Bescheid.“
„Ja. Ich muss jetzt auch erstmal auf’s Klo. Und ich lass mir Zeit.“
„Gut, mach das.“
Dann schlich ich in der Dunkelheit des Morgens ins Bad. Das Bad war geheizt und ich fühlte mich sofort wohl. Wieder füllte ich die Toilette mit ausreichend Klopapier. Ich saß eine ganze Weile, bis es tröpfchenweise ins Klopapier sickerte. Nach einer Viertelstunde kam ich zurück ins Zimmer. Es war so dunkel, dass ich nichts mehr sah und mich übervorsichtig in Richtung Bett begab, obwohl nichts schiefgehen konnte. Schließlich waren es nur zwei barrierefreie Meter. Anschließend suchte ich in meiner Handtasche die Bon Bons. Mein Handy lag auch verlockend nahe. Aber die Mails waren auch später noch im Posteingang und erst einmal Nebensache. Ich war froh, dass ich die Halstabletten dabei hatte. Sie gaben mir wenigstens ein kleines Gefühl der Sicherheit, denn die Halsschmerzen waren nicht ewig schön.
El Achim blieb still auf seiner Seite. Es gab nichts, was in dieser Nacht noch gesagt werden musste. Meine Halsschmerzen machten mir dies auch nicht gerade leicht, da sie sich nach einer Weile wirklich ätzend anfühlten, nachdem sie verstärkt zurückkamen. Meine Stimme war außerdem sehr brüchig. Die Bon Bons schmeckten nach Kirsche und hatten diese betäubende Wirkung, die ich hasste. Mein Hals fühlte sich dadurch pelzig und taub an. Ich lutschte diesen Bon Bon fast eine Stunde lang, sodass er am Ende ganz winzig war. So lange hielt es noch kein Bon Bon in meinem Mund aus. Und das nur, weil ich El Achim nicht mit diesem Knacken stören wollte. Normalerweise zerkaue ich jeden Bon Bon fast sofort.

Immer wieder schaute ich auf meine Armbanduhr, deren Zeiger im Dunkeln blassgrün leuchteten. Die Zeit verging zwar, aber ich spürte es nicht. Ich gab mir Mühe beim Einschlafen, als die Halsschmerzen schwächer wurden und suchte nach der perfekten Schlafposition. Die ich in diesem Bett nicht fand, obwohl es sehr bequem war. Es war sogar bequemer als mein eigenes Bett. Aber es war fremd und die Decke war viel zu dick. Ich streckte mein Bein heraus und dann die Arme, ohne mich dabei zu hektisch zu verhalten, denn El Achim war regungslos. Er schnarchte nicht einmal. Eigentlich war er gar nicht da.
Letztendlich schlief ich die ganze Nacht nicht und döste am Morgen wach vor mich hin. Die Sonne schien durch die beigefarbenen Vorhänge und im Zimmer wurde es hell. Zu hell, um weiter im Bett liegen bleiben zu wollen. El Achim wurde auch zeitig wach und erkundigte sich, ob ich noch schlief.
„Schläfst du?“
„Nein. War fast nur wach.“
„Ich auch. Hab auch kaum geschlafen“, sagte er.
Ach was, das ließ er sich gar nicht anmerken. Also war er genauso wach wie ich? Komisch. Immerhin war er zu Hause. Aber ich war ein ungewohnter Gast, der weiblich und jung war. Eventuell musste er seinen krassen Orgasmus erst einmal in Ruhe verarbeiten.
El Achim machte wieder Annäherungen und zog mich zu ihm. Er trug ein Shirt und Shorts. Ich kuschelte mich an ihn heran, schließlich war ich immer noch müde und ziemlich gedämpft.
El Achim küsste mich und krabbelte mit seiner Hand über meinen Körper. Meinen Po beachtete er gar nicht. Als ob es ihn gar nicht gäbe. Meine Brüste und mein Bauch waren interessanter. Bei El Achim war ich mir nicht sicher, was mir an ihm gefiel, da ich kaum darüber nachdachte. Attraktivität bedeutete für mich etwas anderes und sah anders aus, als er. Obwohl er trotzdem nicht schlecht war, ganz im Gegenteil. Aber ich fand bei El Achim nichts Attraktives. Nicht das, was ich eigentlich suchte. Dieses Besondere, für das es keine Beschreibung gibt.
Vielleicht mochte ich seinen Bart, seine Unterarme und seine Augen, als ich angetrunken vom Gin Tonic war. Oder vielleicht andere Kleinigkeiten, wenn ich nicht so verblendet und stur gewesen wäre. Verblendet durch jemand anderen.

Wir lagen lange still nebeneinander, wie zwei vertraute Menschen. Aber dennoch mit einer extremen Distanz dazwischen, die auch immer bleiben wird. El Achim zog sein Shirt aus und fragte mich, ob ich meinen Schlafanzug ausziehe – ohne wäre es schöner. Wieder musste ich mein Versteckspiel beenden.
„Ich will nochmal deine Nähe spüren“, sagte er.
Ich sagte nichts und tat das, was er sagte. Es war nun eh alles egal. So wie von Anfang an. Manchmal könnte ‚egal‘ mein Motto sein.
Dieses Kuscheln am Morgen war in Ordnung. Kuscheln gab es bei mir noch seltener, als Sex. Ich stehe da nicht so drauf. Aber manchmal kann ich es aushalten. Ob ich es genoss? Nein. Weil es El Achim war. Im Sinne von nur. Ich wollte weg und vor allem raus aus diesem Bett der unerwünschten Versuchungen.
„Ich würde gerne noch baden gehen. Ist das okay?“ Der Wunsch brannte schon die ganzen Stunden in mir und ich wollte gerne alleine sein, um zu mir zu kommen. Die letzte Nacht sollte im Badewasser verschwinden.
„Kannst du. Aber ich möchte gerne nochmal mit dir schlafen.“
Wie jetzt? War er nicht schon zu alt, um so viel Lust zu haben? So langsam wurde aus dem ruhigen Typen ein notgeiler Bock, der das Glück ausnutzte, dass ich sein Gast war. Allerdings war ihm nicht bewusst, was Glück wirklich heißt, wenn ich gut drauf bin und Sex will.
Der Satz ‚Ich möchte mit dir schlafen‘ hallte wie ein Echo in meinem Kopf. Bitte nicht, ich fühlte mich unwohl, als er mir diese ernsthaften Worte sagte. Ich konnte zwar verstehen, dass er auf mich stand. Aber da es nicht auf Gegenseitigkeit beruhte, fand ich seinen Wunsch unpassend.
Warum ich mir den Sex trotzdem noch einmal antat, weiß ich nicht. Ich weiß nicht, warum ich nicht nein sagen konnte, obwohl ich es normalerweise so oft tat. Meist aus Prinzip, nur um paar Stunden später meine Meinung zu ändern. Aber diesmal stimmte ich zu, obwohl ich nicht wollte. Unbegreiflich.

El Achim widerte mich danach immer mehr an. Der Sex war genauso wie letzte Nacht, nur dass El Achim alles an Härte aus sich herausholte und mir zeigte, dass er wirklich nicht der richtige Mann dafür war. Es fehlte die Überzeugung, er spielte nur eine Rolle, in der er sich sonst nicht befand. Er war anders und brachte es nicht fertig, mich zu schlagen. Dafür reichte seine gespielte Dominanz nicht mehr aus und er kam schnell an seine Grenzen. El Achim war ein Fake. Er war nie das, was er in angedeuteten Anspielungen vorgab, zu sein. Im Allgemeinen war er sehr schüchtern und hatte überhaupt nichts zu sagen. Nicht mal im Job und bei Frauen erst recht nicht. Sein Selbstbewusstsein wurde auch immer kleiner, je mehr Dinge er mir von sich erzählte, die bei mir keinen Respekt erzielten, weil sie zu normal waren und keine Spannung aufkam.

El Achim bekam beim Sex seinen zweiten Orgasmus, während ich mich mit meinen Fingern in die Matratze krallte. Er kam am Ende sogar auf die bezaubernde Idee, mich von hinten zu nehmen und das sehr heftig. Teilweise tat es so weh, dass ich laut aufschrie und El Achim machte sich daraus nichts. Wäre auch dumm gewesen, wenn er gefragt hätte, ob alles in Ordnung ist. In meiner Gedankenwelt war nichts in Ordnung. Aber der körperliche Schmerz tat mir gut und lenkte mich ab. So lange es weh tat, war alles gut. Mir war klar, dass ich noch Tage später etwas von den intimen Nachwirkungen spüren werde.

Mein Armband war immer noch heil, nur mein Nagellack splitterte ein wenig.
Ich lag da und war leicht durcheinander, weil es zum Schluss sehr anstrengend wurde. Mir tat alles weh und ich hatte ziemlich oft geschrien. Die ältere Nachbarin, die unter uns laut Fernsehen schaute, hatte mich wegen ihrer Schwerhörigkeit bestimmt nicht gehört.
El Achim machte sich anschließend im Bad frisch und ich freute mich auf die Wanne. Jetzt stand dem Vergnügen nichts mehr im Weg. Ich zog mich wieder an, setzte mich auf die Bettkante, ging in mich und versuchte zu mir zu kommen. Das dauerte ungefähr fünf Minuten. Danach redete ich mir ein, dass ich fit bin. Immerhin waren auch die Halsschmerzen inzwischen weg und mir war nicht mehr warm, sondern kalt. Ich spürte, dass ich ein bisschen zitterte.
Während er immer noch im Bad beschäftigt war, ging ich noch einmal durch jedes Zimmer seiner Wohnung und guckte mich neugierig um. Es gab nichts zu entdecken, was meine Aufmerksamkeit erregte. Also schaute ich durch die Fenster und sah, dass am Sonntag nicht viel los war in Berlin. Die Straßen waren leer in dieser Gegend. Es war etwas nebelig, aber die Sonne kam trotzdem durch und die Stadt schien in einem strahlenden zarten Grau. Genau die Stimmung, die ich mochte. Völlige Ruhe und etwas Bedrückendes.
Als El Achim zurückkam, saß ich wieder anständig mit einem kleinen Lächeln auf dem Bett.
„Das Bad ist nun frei. Du kannst baden gehen und ich gehe dann danach duschen. Wie die Dusche funktioniert weißt du bestimmt, oder?“
„Ja, na klar. Freu mich, dass ich endlich mal wieder baden kann!“
„Wann musst du nochmal los?“
„Um vier muss ich am Bahnhof sein.“
„Okay, ist ja noch genug Zeit. Wir essen nachher erstmal Frühstück, okay?“
„Ja, ist gut. Aber Hunger hab ich noch nicht.“
„Aber eine Kleinigkeit schaffst du bestimmt.“
„Bestimmt.. Hab ja schließlich noch eine lange Fahrt vor mir.“

Ich nahm meine Tasche und ging ins Bad. Dort ließ ich gleich das Wasser laufen, damit ich in Ruhe auf dem Klo sitzen konnte und El Achim davon nichts mitbekam. Es lief sofort bei mir. Wasserrauschen ist immer gut, wenn man solche Probleme hat. Mein Intimbereich fühlte sich ziemlich demoliert an und es brannte noch mehr.
Danach verteilte ich den ganzen Inhalt meiner Tasche auf der blauen Badgarnitur vor der Wanne. Ich hatte alles mit, da brauchte ich El Achim’s Antischuppenshampoo nicht und all die männlichen Duschbäder, die nebeneinander auf dem Wannenrand standen. Als ich in den Spiegel sah, bemerkte ich blaue Punkte auf meinen Lippen. Oh nein, dass war noch die Zahnpasta, mit der ich mir am Abend die Zähne geputzt hatte. Ich wusste nicht, dass die so an den Lippen hängen blieb und El Achim war zu feige, es mir zu sagen. Schließlich war es seine Zahnpasta. Er hatte vier Sorten zur Auswahl und ich fand die blaue Tube mit dem Gold am schönsten. Sie schmeckte genauso gut, wie sie aussah. Kristallig und frisch.
Das Wasser lief extrem langsam in die Wanne. Ich verstellte den Hebel an der Armatur, aber nichts veränderte sich. El Achim badete nur selten, das konnte ich gar nicht verstehen. Mein Schaum roch nach Karamell und löste Wohlbefinden in mir aus. Endlich war ich alleine und niemand störte mich, weil ich die Tür abschloss. Ich hatte Angst, dass El Achim plötzlich hereinkommen würde, um mich noch einmal nackt zu sehen. Zum ersten Mal nahm ich mein Handy wieder in die Hand. Es tat sich viel, als alle Mails und Nachrichten auf einmal eintrudelten, dazu noch sechs verpasste Anrufe. Aber die Nachricht, die mir am besten gefallen hätte, war nicht dabei. Anders hatte ich es auch nicht erwartet. Die stupiden Dating-Apps warteten darauf, dass ich reagiere. Aber die waren das Letzte für mich. Ich hatte genug von Männern und solchen Treffen, die mir nichts brachten. Die Männer waren nicht das, was ich wirklich brauchte. Sondern nur eine Form der oberflächlichen Ablenkung, die ich gar nicht nötig hatte. Fakt war: Sie waren alle nicht das, was ich wollte.

Immer wieder stellte ich mir bestimmte Fragen.
Was mache ich hier eigentlich?
Ständig treffe ich mich mit Männern, von denen ich überhaupt nichts will und die deswegen nicht gut für mich sind.
Gibt es das, was ich suche, überhaupt nochmal irgendwo anders?
Was/wer ist ideal?
Warum tue ich mir so etwas an?
Ich habe gar kein Interesse…
Warum bin ich hier gelandet?
Sex ist ein Ventil..aber wofür?
Muss das alles sein…?
Warum quatschen die mich alle an?
Ich habe genug von Männern. Es reicht. Alles reicht. Ich will das nicht mehr länger mitmachen. Nein!
Idioten.
Arschloch.
Hassliebe…!!
Aber jeder Mann ist auch nur ein Mensch, selbst der idealste.
Am Ende wird man von jedem enttäuscht.

Danach weinte ich kurz aus Selbstmitleid, weil mir das alles zu viel wurde und ich am liebsten niemals bei El Achim gewesen wäre. Auf all das hätte ich verzichten können. Diese Erfahrung brauchte ich nicht. Auch, wenn blöde Erfahrungen ebenso wichtig sind, wie gute. Ich saß ewig in der Wanne und wäre auch gerne länger abgetaucht. Aber die Zeit verriet mir, dass die Heimfahrt nahte. Außerdem wollte El Achim auch noch duschen und mit mir essen. Ich war gespannt, was es gab. Das Wasser in der Wanne und die Wärme der Heizung waren so heiß, dass ich Kreislaufschwierigkeiten bekam, als ich aufstand. Das kannte ich schon von mir und ich versuchte diese Gefahr immer zu vermeiden. Aber diesmal vergaß ich, dass ich empfindlich auf Hitze reagiere und stand viel zu schnell auf. In dem Moment fühlte ich mich komisch und mir wurde kurzzeitig schwarz vor Augen. Ich stützte mich mit den Händen kopfüber auf die Knie, damit ich mich wieder zirkulieren konnte, atmete tief durch und hielt in dieser Position inne. Allmählich ging es mir besser und ich trocknete mich sehr langsam ab. Im Bad herrschten tropische Temperaturen und ich beeilte mich mit bedachten Bewegungen, damit ich dieser Hitze bald entkam. Ich hielt es kaum noch aus. Während ich mich eincremte und anzog, fühlte ich mich sehr geschwächt. Eigentlich hatte ich gar keine Lust, mich zu schminken, da mein Gesicht zu schweißig war. Aber ohne Schminke wollte ich nicht nach Hause fahren. So konnte ich mich nicht blicken lassen. Ich lasse mich doch nicht gehen, dachte ich.
Also trocknete ich rasch mein Gesicht ab und schminkte mich im Schnelldurchgang, wonach es am Ende auch aussah. Der Spiegel war von der Hitze völlig beschlagen und meine Schminke landete nur oberflächlich an den richtigen Stellen. Nach drei Minuten war ich fertig und so sah ich auch aus. Zuletzt besprühte ich mich noch reichlich mit Parfüm – Moschino ‚Stars‘. Beinahe hätte ich auch wirklich Sterne im Bad gesehen.
Als ich ins Schlafzimmer kam, verhielt sich El Achim besorgt.

„Hey, ist alles okay mit dir?“
Sah er etwa, dass ich vor paar Minuten geweint habe?
„Ja, klar. Wieso?“
„Wegen deinen Halsschmerzen und du siehst so krank aus.“
„Nee, alles gut, wirklich. Bin nur fertig und müde. Bin total durch. Und….ach egal..“
Dabei war ich viel mehr als das. Ich war so etwas wie ein Opfer und El Achim fühlte sich glücklich, weil er mich ins Bett bekam. Aber ich fühlte unglücklich. Und krank. Mein Spiegelbild zeigte es mir deutlich und ich war erschrocken über meinen Anblick. So sieht also ein Mädel aus, das am Ende ist.
El Achim merkte, dass es keinen Zweck hat, mich auf Probleme anzusprechen, da ich am liebsten schwieg. Er ging danach ins Bad und duschte ausgiebig. Ich blieb im Schlafzimmer und betrachtete mich weiterhin schockiert im Spiegel. Warum war ich nur so blass? Und meine Augen sahen aus, als hätte zu viel Zeit im Berghain verbracht. Ich stellte mich genau vor den Spiegel, zog meinen Pullover hoch und kontrollierte, ob ich zu dick bin. Meine Hüftknochen zeigten mir, dass ich es wohl nicht bin. Ich fuhr mit den Händen mehrmals durch die nassen Haare, damit sie schneller trockneten. Aber irgendwie sahen auch meine Haare krank aus. Alles krank. In dem Zustand wollte ich mich gar nicht mehr in der Öffentlichkeit sehen lassen. Lieber wäre ich im Auto nach Hause gefahren, als Beifahrer. Aber El Achim besaß nicht mal ein Auto.

Dann kam El Achim frisch geduscht zurück. Er sah genauso aus, wie vorher.
„Soll ich uns jetzt Frühstück machen? Willst du einen Kaffee oder was anderes?“
„Mach einfach. Kaffee ist immer gut.“
Ich lief ihm hinterher in die Küche. Zuerst fiel mir das große Regal auf, dass mit Sperrholzbrettern verbarrikadiert war. Warum? Sollte der Inhalt versteckt werden? Ich fragte nicht weiter, es ging mich nichts an. Es war nicht meine Wohnung. Die Küche war in Ordnung, wirkte aber nicht so, als wäre sie in Gebrauch. Stimmt, denn El Achim konnte nicht kochen und das sah man. Wahrscheinlich ist er ein ewiger Junggeselle.
„Was willst du essen? Brötchen oder Müsli?“
„Was für Müsli? Ich mag sowas.“
Er holte eine lange Röhre vom Schrank, wo fett ‚Müsli‘ drauf stand. Ich kannte die Sorte, aber sie gefiel mir nicht.
„Ist nicht mehr viel drin“, bemerkte er, als er hineinschaute.
„Die Sorte mag ich eh nicht. Dann esse ich Brötchen.“
Dann tat er etwas, das mich irritierte. Er legte die Brötchen in eine Pfanne.
„Was soll das? Wieso machst du die in die Pfanne?“ Ich verstand gar nichts. Das habe ich noch nie gesehen.
„Weil ich nicht weiß, wie der Ofen funktioniert. Ist alles mit Gas hier. Und von dem Ofen hab ich keine Ahnung.“
Oh Mann, dachte ich. Das kann doch nicht wahr sein. Er als Mann muss so etwas doch wissen. Es ist seine Küche.
Ich schaute mir den Herd und dann den Ofen an. Aber da ich Gasbetrieb hasste, hielt ich mich da raus und konnte auch nicht helfen. Es war nämlich tatsächlich nicht so offensichtlich, wie der Ofen anging. Da waren nur sechs schwarze Drehknöpfe, ohne Symbole. Ich drehte einmal kurz, aber nichts geschah.
Trotzdem fragte ich mich, wie das mit den Brötchen in der Pfanne gutgehen soll und wie sie schmecken, wenn sie schwarz sind.
El Achim machte mir inzwischen den Kaffee mit einer modernen Kapselmaschine im Miniformat fertig. Sah wirklich niedlich aus. Das erinnerte mich an die Zeit, als ich eine Kaffeepadmaschine geschenkt bekam und mir mit dem übermäßigen Kaffeekonsum eine Gastritis zuzog. Das war schlimmer, als Nasenbluten. Danach brachte ich die Maschine in den Keller.
„Möchtest du noch Saft?“
„Ja, gerne.“
Er machte den Orangensaft auf und er schmeckte wie abgelaufen, was immer noch an der Halsschmerztablette lag, die mein gesamtes Geschmacksempfinden veränderte. Auch der Kaffee schmeckte nicht wie sonst, sondern genauso fade. Dabei hatte ich mich so darauf gefreut.

El Achim und ich saßen am Tisch. Jetzt hatten wir noch einmal die Chance, uns ganz nüchtern gegenüber zu sitzen und zu reden. Zwei Londontassen standen auf dem Tisch und ich fing grundlos an zu lachen, weil ich die Tassen auf einmal richtig dämlich fand. Sie passten einfach zu El Achim und bestätigten den Stempel, den ich ihm längst verpasst hatte. Stilloser Standard-Langweiler.
„Warum lachst du so?“ Er war sehr verwirrt über meine unangemessene Reaktion.
„Sorry, aber die Tassen…ich find sie so lustig. Aber ich kann dir nicht sagen, warum. Ich find diese Londontassen einfach sehr sehr komisch. Sie erinnern mich ein bisschen an meine russisch-sprechende Englischlehrerin von früher.“ Mir liefen vor Lachen Tränen aus den Augen, die ich sofort abwischte.
„Ja, die hab ich aus London.“ El Achim sprach diesen Satz so trocken und ehrlich aus, dass mein Lachen endgültig ausbrach und ich konnte mich nicht mehr zusammenreißen.
„Ja, schon klar…“ Ich wischte mir weiter die Tränen aus den Augen, es hörte nicht mehr auf.
„Ich hab da mal eine zeitlang gelebt.“
„Ach, und warum?“
Studium.“
Jetzt war ich gespannt auf seine Antwort.
„Was hast du denn studiert?“
„BWL. Das, was alle studieren, wenn sie nichts anderes können und keine Interessen haben.“
BWL. Oh mein Gott. Für mich das absolute Schock-Studium und die Bestätigung, dass ich wirklich absolut falsch bei ihm bin. Mir fiel keine passende Antwort mehr ein. BWL ging gar nicht. Aber was ihn betrifft, hätte er nichts Besseres finden können, denn BWL spiegelt seine Persönlichkeit wider.
„Achso“, sagte ich sichtlich unberührt und ohne aufsteigende Faszination. Damit konnte er die Kurve erst recht nicht mehr kriegen und war durch bei mir. Der rote Schlussstrich wurde gezogen. Ich amüsierte mich weiter über die Tassen.

Die Brötchen in der Pfanne waren schneller fertig, als gedacht. Er fragte mich, welches Brötchen ich haben will. Eigentlich sahen fast alle drei gleich aus. Mir war es egal, aber ich entschied mich dann für das mit den größeren Körnen. Einfach so, es hätte auch ein anderes sein können. Ich hatte eh keinen Hunger.
„Das Beste“, kommentierte er. Wahrscheinlich hatte er das Brötchen schon im Visier.
„Ja? Die sind doch alle ähnlich. Wir können auch tauschen.“
„Nein, schon gut. Guten Appetit!“
Die Brötchen sahen optisch normal aus, wie aus dem Ofen. Das hatte ich nicht erwartet. El Achim hatte echte irische Butter und drei verschiedene Käsesorten von einer Käsetheke. Nichts Abgepacktes aus dem Kühlfach, sondern richtig guter Käse zum Selbstabschneiden. Er setzte scheinbar mehr auf Qualität.
„Solchen Käse kaufe ich nie. Aber ich finde es toll, ihn mal zu probieren“, sagte ich.
„Ich bin ein großer Käseliebhaber und kenne mich da sehr gut aus. Anderen Käse würde ich gar nicht kaufen.“
Der Käse roch lecker und ließ sich schwer abschneiden. Ich stellte mich ziemlich unbegabt dabei an. Aber ich hatte auch kaum noch Kraft.
Beide Brötchenhälften bekamen unterschiedlichen Käse, damit ich jede Sorte einmal probiert hatte. Es schmeckte sehr gut und ich beschloss, mir auch mal besseren Käse zu kaufen, da der geschmackliche Unterschied recht groß war. Es ist nicht verkehrt, dafür mehr Geld auszugeben, stellte ich fest. Aber letztendlich mache ich mir darüber kaum Gedanken und lege weniger Wert auf Käse.
Eigentlich hätte mir ein Brötchen gereicht, aber El Achim bot mir noch ein halbes an. In der Zeit, wo ich ein Brötchen aß, hatte er schon zwei verschlungen. Er isst immer schnell – das sagte er gestern Abend schon. Aber ich war beim Essen mehr mit der Verarbeitung meiner Eindrücke beschäftigt und dementsprechend gehemmt.
Die letzte Brötchenhälfte bestrich ich mit Marmelade und El Achim machte es mir nach. Es war Sauerkirschmarmelade. Hoffentlich nicht zu sauer. Schnell stellte sich heraus, dass Käse besser gewesen wäre. Sauerkirsche war nicht mein Fall und das Gelee war mir zu bröckelig.

Inzwischen war es kurz vor drei und ich wollte rechtzeitig los, denn von El Achim bis zum Bahnhof waren es noch einige U-Bahnstationen. El Achim sagte, er kommt meist immer etwas später. So etwas würde mir nie passieren. Dafür war meine Panik vor den Konsequenzen zu groß.
„Hast du deinen Gin Tonic gestern eigentlich ausgetrunken“, fragte mich El Achim ganz unerwartet.
„Nein, der Rest steht noch in der Stube. Aber da hab ich jetzt richtig Bock drauf.“
Ich huschte ins Wohnzimmer und holte das Glas. Es war noch halbvoll.
Abgestanden schmeckte es mir sogar besser und ich trank den Rest fast in einem Zug aus. Wenn ich das nächste Mal Gin Tonic trinke, dann lasse ich ihn einen halben Tag stehen. Nachdem das Glas leer war, befand ich mich in freudiger Aufbruchstimmung.
„Wollen wir jetzt los“, fragte ich ungeduldig.
„Ja, aber es ist noch früh.“
„Trotzdem. Ich möchte lieber früher dort sein.“
„Gut.“
Ich holte meine Tasche und zog meine Schuhe an.
„Schöne Schuhe“, äußerte El Achim. Ich trug schwarze Boots mit Wollkragen, sehr gemütlich.
„Ja, falls es schneit, dachte ich. Die halten schön warm.“
Zum Schluss half mir El Achim in den Mantel wie ein Gentleman. Sehr nett. So gefiel es mir, denn ich mochte gutes Benehmen.

Im Treppenhaus war es dunkel und ruhig, genau wie draußen. Von der Sonne war nichts mehr zu sehen. Dafür hingen Regenwolken über uns. Die Straßen wirkten auch am Nachmittag verlassen. Für mich hatte das nicht mehr viel mit Berlin zu tun. Aber es war schön. Es waren nur wenige Schritte bis zur U-Bahnstation und El Achim wollte lieber den Fahrstuhl nehmen, als die paar Treppenstufen. Faul, dachte ich und ich drückte ihm den letzten Stempel auf die Stirn.
Als wir ankamen, verpassten wir schon die erste Bahn. Na toll! Aber El Achim meinte, die Bahn käme im Fünf-Minuten-Takt. Nun standen wir da und versuchten die Stille wieder mit sinnlosen Worten zu füllen. Es entstanden keine vernünftigen Gespräche mehr, sondern nur einzelne Worte als Lückenfüller. Keiner von uns sprach über die vergangenen Stunden. Das Treffen schien jetzt schon vergessen. Es war nur ein oberflächlicher Besuch ohne tiefere Fortsetzung. Wir beide wussten es.
Die nächste Bahn kam bald. El Achim hatte ein Monatsticket und ich konnte angeblich mit seinem Ticket am Wochenende als Gast mitfahren. Aber wirklich sicher war er sich nicht, das gestand er mir.

In der Bahn hatten wir ein letztes Mal näheren Körperkontakt, da er dicht neben mir saß. Aber zu zarten Berührungen kam es nicht mehr. Es folgte ein Gespräch über Berlin’s U-Bahnnetz und über Berlin’s Fortschritt. El Achim war ein alter Ureinwohner und wusste über solche Themen bestens Bescheid. Ich fand es einigermaßen spannend, für mich war U-Bahn sowieso eine fremde Welt und dann noch so tief vertunnelt unter der Straße. Teilweise sehr gruselig und beängstigend, im Untergrund gefangen zu sein.
Wir fuhren nicht lange und liefen den Rest zu Fuß. Im Zentrum war deutlich mehr los und ich verlor schnell den Überblick. Aber El Achim führte mich und ich fühlte mich sicher, weil er sich auskannte. Ich war froh, dass er mich zum Bahnhof brachte und mich nicht allein stehen ließ. Immerhin war ich nicht seine Freundin. Ich war noch nicht mal eine Bekannte, sondern nur ein flüchtiger One-Night-Stand. Er musste sich also in keinster Weise für mich verantwortlich fühlen. Aber er tat es und ich hoffte, dass er keine Gefühle für mich hatte und es deswegen tat.
Als wir am Bahnhof waren, fing es an zu regnen und ich liebte es. Der Regen beruhigte und befreite mich. Es war so friedlich. Die Bahn kam noch nicht und wir standen schweigend voreinander. Aber so konnte es nicht weitergehen. Draußen wirkte El Achim viel schüchterner, als in der eigenen Wohnung.
„War schön bei dir und danke für die Einladung zum Essen“, sagte ich.
„Ja, ich fand’s auch schön. War interessant, so jemanden wie dich kennenzulernen.“
„Danke.“ Ich konnte seine Worte leider nicht erwidern.
An sich war es ein kühler Abschied und unsere letzte Umarmung war kurz. Wir hatten uns nichts mehr zu sagen. Bevor ich in den Zug stieg, gab es noch einen kleinen Kuss auf die Wange. Das war natürlich besser, als ein großer Kuss mit Zunge. Wir verabschiedeten uns beide mit einem lockeren ‚Tschüß‘. Ganz unverbindlich, ohne missverständliche Andeutungen. Plötzlich war es so, als hätten wir nie Sex gehabt. Das war nach dem Abschied ein völlig absurder Gedanke. Die letzte Nacht war wie weg. Aber die Schmerzen im Intimbereich erinnerten mich daran, dass es kein schlechter Traum war.
Als ich im Zug aus dem Fenster schaute, war El Achim ohne zu winken im Regen verschwunden und ich wusste, dass ich ihn nie wieder sehen werde.

Ich saß neben einer jüngeren Frau, weil kein anderer Platz mehr frei war. Sie sagte nichts und gab mir auch nicht den Tipp, meinen Mantel und meine Wollmütze auszuziehen, obwohl es warm genug im Zug war und alle in Strickpullovern um mich herum saßen. Während ich in eine Art apathischen Trancezustand verfiel, spielten andere Leute mit ihren Handys oder schrieben permanent Nachrichten. Aber mir war nicht danach, mir war mein Handy vorläufig egal, so wie jede Nachricht, die ankam. Ich wollte gar nichts wissen, nur Musik hören und dem Geschehen entfliehen.
Die Lichter draußen verschwammen und ich versank allmählich in einen Schockzustand, nachdem ich die letzten Stunden immer mehr realisierte und Revue passieren ließ. Mir wurde klar, was ich in Berlin getan hatte und ich ekelte mich. Aber es war zu spät, um alles zu bereuen. Schließlich war es meine Schuld, dass ich ungewollt mit El Achim ins Bett ging. Normalerweise bin ich kompliziert und ausgerechnet ihm habe ich es leicht gemacht.
Ich nahm die Zugfahrt wie einen Film wahr, sowie meine Gedanken. Es kam mir alles so verdammt unecht vor und trotzdem wusste ich, dass alles so stattfand, wie es mir meine Erinnerung abspielte. Ich fühlte mich schmutzig und bedauerte es, dass ich bei El Achim mein Selbstbewusstsein verlor und mich so mühelos verführen ließ.
Nach drei Stunden war ich zu Hause, sehr kaputt und noch kranker, als zuvor. Diesmal vor allem seelisch. Obwohl ich bei El Achim bereits gebadet hatte, stand ich zu Hause noch einmal eine halbe Stunde unter der Dusche und schrubbte mich grob mit meinem Duschschwamm mehrmals ab. Danach setzte ich mich unter den heißen Wasserstrahl und regte mich nicht mehr. Es war so heiß, dass es wehtat. Und genau das gefiel mir in dem Moment. Das heiße Wasser entspannte mich, weil es auf meiner Haut piekte. Es war diese gewisse Bestrafung, die ich gerade brauchte und die mir guttat.
Nach dem Duschen ging ich sofort ins Bett. Ich wollte meine Ruhe und mich zurückziehen. Im Bett bekam ich Schüttelfrost – ein gewohntes Warnzeichen. Es zeigte mir, dass alles zu viel war und ich Abstand vom Leben brauchte, um wieder klarzukommen.
Das einzig Richtige war: Handy ausschalten und alleine sein.
Am nächsten Tag kaufte ich mir Gin, Tonic und Apfelsaft.
Es war schön alleine. Schön kaputt.

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Vergessener Mond

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Wie jeden Abend entspannte Herr Feddersen sich mit einem Glas Rotwein vor dem Fernseher. Der Wein beruhigte ihn und sorgte für wohlige Wärme, die sich in seinem Körper ausbreitete. In dem Zustand konnte er gut einschlafen und machte anschließend den Fernseher aus. Mit diesem Ritual war sein stets routinierter Tag gelaufen und der Stress folgte ihm nicht in seine Träume.

Mitten in der Nacht klingelte plötzlich das Telefon auf dem Nachttisch und Herr Feddersen erschrak sich fürchterlich. Er meldete sich mit einem heiseren ‚Hallo‘, aber am Ende der Leitung ertönte keine Stimme, sondern nur ein diffuses Rauschen. Feddersen lauschte kurz und legte sich mit einem Blick auf den Wecker wieder schlafen. Es war zwei Uhr und es gab keinen Grund, weiter über komische Anrufe nachzudenken, da ihm gleich wieder die Augen vor Müdigkeit zufielen.

Kurze Zeit später wurde Herr Feddersen durch eine Art Bewegung wach, die sich subtil anfühlte. Es war, als hätte etwas seinen Rücken gestreift oder gar berührt. Er drehte sich um, aber was sollte er erwarten? Schließlich schlief seit Jahren keine Frau an seiner Seite. Dennoch lag das Bettlaken seltsam in Falten. So, als ob jemand dort gesessen hätte. Er strich es glatt und zog seine Hand reflexartig wieder weg, als ihm dabei ein Schauer über den Rücken lief.

Was war hier los?

Herr Feddersen schaute sich suchend um. „Quatsch, was soll das. Ich bin doch nicht paranoid. Wer soll hier schon sein“, murmelte er vor sich hin und zog sich die Decke über den Kopf, da ihm kalt wurde. Vielleicht tat ihm der Wein diesmal nicht gut.

Es war drei Uhr, seine Lider waren schwer und wollten Schlaf. Herr Feddersen verfiel ab jetzt in einen unerholsamen Halbschlaf, da sich diese Nacht anders anfühlte, als sonst. Jedes kleine Knacken im Zimmer war wie ein lautes Krachen und erweckte seine ganze Aufmerksamkeit. In ihm machte sich eine gewisse Unruhe breit, er fühlte sich auf einmal beobachtet. Als ob ihn etwas anstarrte. Er spürte Blicke, die unsichtbar waren und sein Herz fing an zu rasen. Sein Körper wurde schweißig und er traute sich kaum, sich zu bewegen.

Auf einmal hörte er aus der Küche ein schepperndes Geräusch. Es konnte nur die Blumenvase vom Tisch sein, die auf dem Boden zerbrach, denn das Geschirr stand längst abgetrocknet im Schrank.

Wie konnte die Vase ohne Weiteres vom Tisch fallen? Herr Feddersens Magen zog sich fast krampfartig zusammen. Er hatte schon als Kind all diese Gruselgeschichten gehasst, da er sehr ängstlich war und er in allem eine Wahrheit sah. Nun wartete er angespannt auf weitere Geräusche oder auf Schritte oder auf irgendetwas anderes. Aber es blieb vorerst still. Kein Rascheln. Nichts. Nur Stille. Er hoffte, dass es dabei blieb.

Die Uhr zeigte auf vier und Herr Feddersen war klitschnass vor Angst.

Er beschloss, nachzuschauen, was in der Küche passiert war, getrieben von Angst, Neugierde und eingeredetem Mut. Die Vase war tatsächlich vom Tisch gefallen und lag verstreut in vielen kleinen Teilen auf dem Boden. Er nahm sie erst letzte Woche von zu Hause mit, als Geschenk von seiner Mutter, da er diese Vase sehr liebte. Die Vase war sogar einige Jahre älter als er. Und nun lag sie dort erbärmlich in Scherben, die keinen Sinn mehr ergaben. Herr Feddersen war traurig und es tat ihm im Herzen weh, die Scherben zu entsorgen. Als er zurück ins Bett ging, dauerte die Nacht noch zwei Stunden. Tatsächlich versank er noch einmal in einem tiefen festen Schlaf und nahm in diesem Zustand nichts mehr von dem wahr, was in seiner Wohnung passierte. Von dem schwerfälligen Schlurfen im Flur wurde er nicht wach. Erst, als das Schlurfen direkt in seinem Zimmer endete, ihm schroff die Decke wegzog und ihn mit einem Ruck an den Füßen aus dem Bett schleifte.

Herr Feddersen erwachte völlig gelähmt vom Schock auf dem Fußboden. Um ihn herum war alles dunkel, obwohl sich um diese Zeit schon die Sonne durch die Jalousien ankündigte. Nur heute nicht. So lag er nun da, apathisch und in voller Panik, was als nächstes passiert. Er konnte nicht einmal weglaufen, sein Körper regte sich nicht und kein einziger Schrei entglitt aus seinem Mund.

Um fünf Uhr klingelte das Telefon erneut und sein Körper tat sofort wieder das, was er sollte. Herr Feddersen stand zitterig auf und lauschte. Am anderen Hörer meldete sich mit monotoner Stimme ein Arzt, um ihm mitzuteilen, dass seine Mutter im Laufe der Nacht verstorben war. Danach legte der Arzt den Hörer wortlos auf, ohne weitere Fragen zu beantworten und die Leitung begann zu knistern.

Herr Feddersen strömten die Tränen über das Gesicht und ließen seine Augen brennen, wie ein Feuer. Er konnte sie nur noch schließen. Die Lider wurden so schwer, als würden sie sich nie mehr öffnen.

Ein tiefer Schlaf folgte nach diesem nahezu unwirklichen Moment.

Um sechs Uhr klingelte wie gewöhnlich der Wecker und Herr Feddersen war bereit, für seine alltägliche Routine. Er wusste, die Nacht war nur ein Alptraum. Denn Alpträume hatte er immer bei Vollmond. Er hatte sich nur nicht darauf vorbereitet, weil er den Vollmond jedes Mal vergaß.

Einige Minuten saß er still auf der Bettkante, damit dieses unbehagliche Gefühl verschwand, dass er im Bauch hatte. Irgendetwas war heute anders.

Dann klingelte das Telefon. Herr Feddersen schrak auf. Er war im ersten Moment irritiert und zögerte. Sonst rief niemand so früh an, dann es gab nie einen Grund für frühe Anrufe. Nachdem das Telefon fünf Mal klingelte, nahm er vorsichtig ab.

Hallo“, fragte er mit einem ängstlich gereizten Unterton.

Guten Morgen, hier ist Dr. Clement.“

Herr Feddersen spürte eine Art von Übelkeit in sich hochkommen und er erinnerte sich sofort an den geträumten Anruf von letzter Nacht. Er kannte Doktor Clement. Er war der Hausarzt seiner Mutter.

Guten Morgen, Dr. Clement.“

Herr Feddersen war auf alles gefasst. Er hatte eine Ahnung, was jetzt kommt, denn Hausärzte rufen nie an, bevor nicht alles zu spät ist.

Ich muss Ihnen leider mitteilen, dass Ihre Mutter am Morgen tot in ihrer Wohnung aufgefunden wurde, wobei die Todesursache noch ungeklärt ist. Die Nachbarn haben sie schreien gehört und haben mich dann angerufen. Die Polizei ist auch hier. Ich werde Sie benachrichtigen, wenn wir Genaueres wissen. Es tut mir sehr Leid.“

Herr Feddersen fehlten die Worte und die Sprache. Er legte wie gelähmt den Hörer auf und war nicht einmal mehr in der Lage zu weinen. Er blieb stumm auf seinem Bett sitzen. Und wartete. 

 

Kellermänner

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Nachdem ich mein Fahrrad sachgerecht im Keller verstaut hatte, merkte ich schnell, dass ich mal wieder nicht alleine dort war. Wie hätte es auch anders sein können..?
Als ich die Kellertür hinter mir schloss, hörte ich einen meiner Nachbarn in den anderen Kellergängen rascheln und hoffte inständig, dass ich ihm nicht über den Weg lief. Ich schaltete meinen iPod vorsichtshalber gleich auf lautlos, um mich auf eine unvermeidliche Begrüßung gefasst zu machen.
Sonntag ist Ruhetag, dachte ich immer. Normalerweise hielten sich viele ältere Leute strikt an dieses heilige Gesetz. Aber anscheinend hinderte das meinen Nachbarn nicht daran, auch sonntags in seinem Keller herumzukrauchen und Dinge zu machen, von denen ich nichts wissen wollte.

Dabei bietet ein Keller diverse erregende Möglichkeiten für Männer:
– ein Versteck für Schnaps und andere leckere Spirituosen
– Alibi/Zufluchtsort für anonyme Süchte = Suchtbunker
– heimlich trinken, damit es zu Hause keinen Ärger gibt
– Pornohefte angucken und in der hintersten Ecke im Aldibeutel horten
– auf interessante Nachbarinnen warten und im richtigen Moment freundlich vor der Tür erscheinen
– Konserven nach Haltbarkeitsdatum sortieren, obwohl man den Schimmel schon fühlen kann
– gucken, ob noch alle Schrauben im Werkzeugkasten sind und ob der Bohrer noch einwandfrei funktioniert
– sich vom modrigen Kellergeruch berauschen lassen – der feuchte Duft nach Rost, Öl und abgestandener Farbe, sowie Terpentin tut der Nase gut
– Sammellager für kaputte Geräte, die auf den übernächsten Sperrmüll warten..oder noch länger, da Mann sich nicht trennen kann – hatte ja alles mal viel Geld gekostet
– den Keller als letzten Ort der Ruhe nutzen – denn nichts ist schöner, als von altem Kram umgeben zu sein, der vergessene Erinnerungen und Wünsche hervorlockt
Zudem machen sich Männer oft durch hustende Brunftschreie bemerkbar, um allen anderen Mitgliedern des Hauses und Gästen ihre Anwesenheit im Keller zu demonstrieren.

Wahrscheinlich war es genau einer dieser Gründe, warum ich meinen Nachbarn im Keller antraf.
Ich kam gerade vom Sport und hatte keine Lust auf sinnlose Gespräche, die meinem Niveau nicht entsprachen. Unter anderem das Thema: Wetterphilosophie für Anfänger. Der Schnee vom letzten Abend hätte jedenfalls für guten Stoff gesorgt, wenn ich 70 Jahre älter gewesen wäre. Das Wetter ist der zweitwichtigste Gesprächsstoff der älteren Generation, die den Alltag sowieso gemütlich zu Hause vorm TV oder im geselligen Wartezimmer beim Arzt verbringen. Oder im Keller. Manchmal habe ich den Eindruck, als würden sich viele Männer aus oben genannten Gründen im Keller besonders wohl fühlen.
Es gibt so viele Hobbymagazine, aber eines fehlt noch: ‚Faszination Keller – Eldorado für Männer‘.

Tatsächlich kam mein Nachbar prompt aus dem Keller, als ich an der ersten Stufe der Treppe ankam und mich schon fast in Sicherheit wiegte.
Mein erster Gedanke war: Oh nein, bitte nicht…Lass mich doch in Ruhe jetzt. Du siehst doch, wie scheiße ich gerade aussehe..und dass ich kein Bock hab..Also quatsch mich nicht an. Du hast sowieso keine Chance bei mir, falls du das denkst..
Geh weg, bitte. Bitte. Schschsch…

Danach sprach mich der Kellermann an, während ich in meinen schwitzigen Sportklamotten und durchgefroren vor ihm stand. Er schaute mich an, als würde er gar nicht sehen, dass meine Schminke verwischt war.
Selbstverständlich nahm ich seine Gesprächsaufforderung mit einem Lächeln entgegen und begrüßte ihn herzlich defensiv.
Ich:“Hallo.“
Kellermann:“Guten Tag! Na, Sie sieht man ja kaum.“
Ich:“Ja, viel zu tun, viel unterwegs, viel arbeiten……“
Kellermann:“Kommen Sie gerade von der Arbeit?“
Ich:“Nee..ich war unterwegs.“
Kellermann guckte mich prüfend von oben bis unten an und merkte:“Ach, Sie kommen vom Sport? Bei dem Wetter? Och Gott, Sie kleines Ding quälen sich so ab. Das haben Sie doch gar nicht nötig.“
Kellermann wählte also die Strategie mit den schmalzigen Komplimenten, damit ich mich ihm gegenüber mehr öffnete und mich naiver verhielt. Aber das zog bei mir nicht, weil er nicht mein Typ war.
Ich:“Das Wetter stört mich nicht, es gibt kein falsches Wetter…“
Da Kellermann nun spürte, dass das Gespräch keinen Zweck hatte und er nicht in mein Beuteschema passte, konnte ich mit meinem Fuß andeuten, dass unser Zusammentreffen nun beendet war.
Apart setzte ich meinen Fuß auf die Treppenstufe und kündigte unsere Verabschiedung an.
Ich:“Tschüß, schönen Tag noch! Ich muss jetzt los!“
Kellermann:“Danke, ebenfalls! Auf Wiedersehen, junge Dame!“
Danach wurde Kellermann kleinlaut, machte keine weiteren Anstalten und verzog sich nach unserer Verabschiedung wieder zurück in seinen Keller.

Zum Glück war unsere Begegnung nur kurz und ich hatte noch nicht einmal eine Ahnung, wie er hieß, da ich jedes Mal andere Männer im Keller traf und angenommene Pakete für mich immer von deren Ehefrauen abholte, die sich treuherzig in der Wohnung aufhielten. Ich war froh, endlich in meine Wohnung gehen zu können, die sich gleich über dem Keller befand.
Zum Schluss nahm ich noch ein verräterisches Indiz wahr. Denn als ich den vollen Beutel mit leeren Flaschen und Einweggläsern hinter der Eingangstür sah, wusste ich: Alles klar, Kellermann.

Er war besoffen

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Er war besoffen und am Ende beides: besoffen und ekelhaft.

‚Ich bin in 15-20 Mins da‘, schrieb ich ihm per SMS.
‚Okay, bis gleich‘, war seine Antwort.

Ich saß im Zug und freute mich auf das Treffen. Dabei hatte ich zuerst keine Lust, weil ich müde und kaputt von der Arbeit war. Während der Zugfahrt wurde ich zum Glück wieder etwas munterer und schaute mir die verschneite Landschaft an, die im Sonnenlicht blitzte.
Als ich am Bahnhof ankam, ging ich langsamer als sonst, da ich die Winteridylle noch etwas genießen und nicht früher da sein wollte, als abgemacht. Ich hatte mich zeitlich ein wenig verschätzt, 5-10 Minuten wären exakter gewesen.

Vom Bahnhof war es nicht mehr weit zu ihm – meinem Freund (Kumpel).
Nachdem ich zwei Mal an der Tür klingelte und seinen Hund schon aufgedreht bellen hörte, machte er endlich die Tür auf. Hatte mich schon gewundert, was da los war.
Eine richtige Begrüßung gab es in dem Moment nicht, da er damit beschäftigt war, seinen nervigen Hund beiseite zu räumen. Sein Hund begrüßte mich freudig, indem er mich ansprang und mich fröhlich anschaute. Von seinem Herrchen hätte ich das mehr erwartet. Danach passierte erst einmal nichts mehr. Kaffee trinken und TV gucken stand auf dem Programm, schön gemütlich alles und sehr neutral. In einer Wohnung, in der die Heizung auch im Winter aus blieb – trotz Frauenbesuch. Ich musste mir also warme Gedanken machen und die regte ich an, indem ich die ausstehende Begrüßung einfach spontan nachholte und ihn umarmte. Er reagierte eher emotionslos und gelassen, obwohl ich das bei meinem Outfit nicht verstehen konnte. Normalerweise war das die Garantie für ein vielversprechendes Treffen. Statt mit Nähe und Geborgenheit wurde die Leere mit Gesprächen über die vergangenen Wochen gefüllt. Wir sprachen über ganz normale Dinge, als er im Sessel saß und ich neben ihm auf der provisorischen Couch lag. Er fragte mich, ob ich auch was naschen wollte. Er hatte Schokokugeln, die mit Nougat gefüllt waren. Ich mochte Nougat nicht besonders, mir war das zu cremig. Außerdem hatte ich wie immer keinen Appetit auf Ungesundes. Schokolade ging mir schon lange am Arsch vorbei. Selbst an Weihnachten. Er hingegen klagte darüber, wie sehr er über die Festtage zugenommen hatte. Er konnte schlecht damit umgehen, wenn er Süßes im Haus hatte und sah sich gewissermaßen dazu gezwungen, es zu essen. Schlimm. Mir konnte das nicht passieren. Meinen bunten Teller hatte ich immer noch und konnte mich beherrschen.
Er fragte mich, ob ich ein Glas Sekt trinken wollte und ich verneinte sein Angebot. Mir war es noch zu früh für Alkohol. Dann lieber Kaffee.

Im Laufe des Nachmittags erledigten wir einige alltägliche Dinge in der Stadt, die alle nichts mit einem romantischen Date zu tun hatten. Schließlich war es auch kein Date, sondern ein freundschaftliches Treffen, bei dem einer verknallt war und der andere nicht. Ich war diejenige, die hierbei die Arschkarte gezogen hatte. Konnte mich aber damit abfinden, wenn ich die Sache mit genug Abstand betrachtete. Sein Hund kam auch mit und drängte sich zwischen unsere Zweisamkeit.
Er besorgte sich Geld, dann holten wir sein fertiges Auto von der Werkstatt ab und danach fuhren wir billig einkaufen, denn es musste immer gespart werden. Ganz zum Schluss ging es noch in den Getränkeladen, um einen Kasten Bier für die nächste Feierlichkeit zu besorgen.
Als wir gegen Abend wieder zu Hause waren, ging es zurück auf die Couch und unter die Hundedecke, weil mir langsam kalt wurde. Das Wort ‚Heizung‘ zu erwähnen war mir zu peinlich. Die anfallenden Heizkosten hätten sein Budget gesprengt.

Abends bot er mir erneut eine Flasche trockenen Rotkäppchensekt an, von der er ein ganzes Six-Pack in der Küche stehen hatte. Das war der Rest von Weihnachten, da er selber keinen Sekt trank, sondern in hasste. Frauenkram eben.
Da ich den ganzen Tag noch nichts gegessen hatte, war mir klar, dass der Sekt diesmal besonders gut anschlagen würde. Zudem wurde mir auch klar, dass ich Sekt immer sehr gut vertragen hatte, egal unter welchen Umständen. Also trank ich ein Glas nach dem anderen. Aus Frust, aus Langeweile und auf die Hoffnung, dass der Abend nett endet. Geschmeckt hatte er mir jedoch auch. Der Sekt war prickelnd genug und das Erste, was mein Bauch an dem Tag zu sich nahm.
Wie würde es jetzt wohl weitergehen, dachte ich. Abwarten.
Er holte in der Zeit seinen konservierten Hechtkopf hervor und fing an, ihn sorgfältig mit Ölfarben anzumalen. Ich schaute weiterhin meine Lieblingssendungen im TV. Wir beide gingen unseren eigenen Beschäftigungen nach, was auch gut war. Man musste ja nicht ständig alles zusammen machen.
Meine insgeheime Frage wurde nach einer Stunde prompt beantwortet. Es kam der Vorschlag in unsere Lieblingskneipe zu gehen. Davon gab es zwei. Ich ließ mich überraschen.
Er räumte seinen Hechtkopf wieder weg, dem er die Kiemen knallrot angemalt hatte, sodass es insgesamt ziemlich unecht aussah. Auch mit der weißen Farbe auf der Unterseite hatte er zu sehr übertrieben. Der Hechtkopf sah unnatürlich und plastisch aus, bis er auf die Idee kam, die Farbe nochmals mit Terpentin zu verdünnen. Danach wirkte der Hechtkopf schon etwas echter und transparenter. Mein Vorschlag, ihn pink anzumalen, kam nicht durch. Schade, es wäre mal etwas anderes gewesen.
Nun musste die Farbe erst einmal trocknen. Wer weiß, wann mein Freund das nächste Mal Zeit für die Bemalung hatte. Irgendwie stand der Hechtkopf schon ewig in der Küche und wartete auf Vollendung. Er fing kurzzeitig sogar schon einmal an zu schimmeln. Mein Freund konnte den Prozess aber noch rechtzeitig aufhalten. Der Hecht hatte also bereits eine Menge durch.

Wir rauchten noch eine und betrachteten dabei den Hecht aus geringer Entfernung. Eigentlich wusste ich gar nicht, was ich zu dem Teil noch sagen sollte, da ich nicht nachvollziehen konnte, warum man tote Tiere anmalt und sie dann als Deko an die Wand hängt.
Anschließend ging es raus aus der Wohnung, ohne Hund. Er hatte heute genug Auslauf gehabt und schlief nur noch. Der Hund war fix und fertig, aber zum Kratzen hatte er noch genug Kraft.
Endlich wieder frische Luft! In seiner Bude hielt ich es kaum aus. Dort roch es undefinierbar nach Hund und ich hatte das Gefühl, dass auch der Geruch von Alkohol in der Luft stand. Aber ich war mir nicht sicher. Auf jeden Fall lag der Geruch nah an der Kopfschmerzgrenze bei längerem Aufenthalt. In meiner Wohnung roch es anders, meist nach Duftölen.
Draußen war es angenehm mild, trotz Winter und Schnee.
Bis zur Kneipe war es nicht weit und drinnen war es nicht gerade voll, wie man von außen erkennen konnte. Von daher war auch unser Stammplatz frei.
Direkt bei uns auf der Bank saß noch ein Typ. Mein Freund fragte, ob wir uns dazusetzen durften. Die beiden kannten sich von irgendwoher flüchtig und fingen gleich ein Gespräch über das Gitarrespielen an. Dort konnte ich mich leider nicht einmischen, da ich keine Ahnung davon hatte. Mein bestelltes Bier kam erst nach einigen Minuten, sodass ich mich kaum ablenken konnte. Aber die Zigaretten taten dafür in der Zwischenzeit ihr Bestes.
Nachdem mein Bier endlich kam, rauchte und trank ich gleichzeitig. Ich versuchte mit Absicht cool zu wirken, im Halbdunkel der Kneipe. Im Hintergrund lief die ganze Zeit Rockmusik, die meine Grundstimmung unterstützte: Sex, drugs and rock’n’roll. Nur war von Sex momentan nichts zu merken, da auch ans Küssen nicht zu denken war. Unbewusst strahlte mein Freund Lustlosigkeit aus. Ich bemerkte die blaue Lichterkette über ihn.
„War die letztes Mal auch schon da?“, fragte ich und deutete mit dem Blick an die Decke.
„Nein, die ist wohl neu“, antwortete mein Freund und fand auch ein wenig Interesse an der Beleuchtung. Sie schimmerte so schön blau.

Irgendwann unterhielt sich der Typ neben mir mit anderen Leuten, da ihm wohl klar wurde, dass er uns auf eine Art störte. Ich war froh, dass wir nun unsere Ruhe hatten und uns angetrunken unterhalten konnten. Diese Gespräche sind oft sehr ehrlich und sinnvoll, da es immer darum geht, warum wir uns eigentlich treffen.
Er dachte jedes Mal, dass das keine gute Sache wäre. Weil ich verknallt war und er nicht.
Aber wir mochten uns trotzdem.
Er sagte: „Du quälst dich doch nur selber, wenn wir uns treffen. Das ist nicht gut und ich fühl mich auch nicht wohl dabei.“
„Doch, ist schon okay. Schließlich kann ich das selber entscheiden. Für mich wär’s schlimmer, wenn wir uns gar nicht mehr sehen würden. Dann lieber so wie jetzt. Auch, wenn’s nicht richtig ist. Nichts ist richtig bei uns“, antwortete ich schnell. Dabei wusste ich selber, dass das alles hier nicht in Ordnung und dass es für ihn auch nicht gerade leicht war.
Dann fragte er mich:“Was wäre, wenn ich jetzt eine Frau treffen würde, die mir gefällt und ich sie hier vor deinen Augen ansprechen würde?“
Tja, scheiß Frage, dachte ich.
„Natürlich wäre das scheiße, was sonst?“, sagte ich genervt. „Das kannst du machen, wenn du alleine bist, aber nicht, wenn ich zu Besuch bin.“
Danach stellte er mir noch einmal diese Was-wäre-wenn-Frage. Da wurde mir bewusst, dass das tatsächlich passieren konnte und ich nicht einmal ein Recht darauf hätte, ihn davon abzuhalten, andere Frauen anzuquatschen, die ich nicht toll fand.
Trotzdem wollte ich daran nicht denken. Unsere anderen Treffen liefen auch alle entspannt ab, ohne solche Fragen und ohne Dates, die nebenbei liefen.
Natürlich konnte er machen, was er wollte. Ich war nicht seine Freundin und hatte keinen Anspruch auf ihn. Selbst meine Bedürfnisse musste er nicht befriedigen.
Es gab immer nur diese eine Antwort auf alles: Wir beide waren kein Paar und eine normale Freundschaft war es auch nicht, wenn wir im Bett landeten. Es war viel mehr ein Gefühlschaos, das ich mir selber eingebrockt hatte, weil ich wahrscheinlich irgendwie masochistisch veranlagt war oder was auch immer. Sonst hätte ich mir so etwas wohl nicht angetan. Welche normale Frau ließ sich so von ihren Gefühlen herunterzuziehen und ausnutzen.

Unsere angetrunkenen Gespräche hatten also immer den gleichen armseligen Inhalt.
Die Sache mit uns und der damit verbundenen Hoffnungslosigkeit, die ich mittlerweile einigermaßen akzeptieren konnte.
Jedes Mal erklärte er mir ausführlich, dass sein Bauch gegen mich war und dass er keine Macht gegen seine Gefühle hatte. Sein Bauch sagte nein und er glaubte ihm fromm. Sein Bauch hatte mehr Macht als sein Herz und sein Gehirn. So kam es mir vor. Das Schlimmste war, dass es danach aussah, als hätte sein Bauch seinen Verstand komplett verloren.
Aber ich akzeptierte es, was blieb mir anderes übrig. Seine Meinung stand fest. Meine Vorteile konnten ihn nicht überzeugen. Jedes Mal erklärte ich ihm, dass andere Frauen ihn und sein Leben nicht tolerieren könnten und zählte dabei jeden einzelnen Grund auf, warum es mit anderen Frauen auch nicht funktionieren konnte. Ich fand meine Erklärungen gut gelungen und sehr überzeugend. Vor allem war jeder Punkt nachvollziehbar und insgeheim wusste er vielleicht, dass ich recht hatte.
Aber weil sein Bauch trotz allem nein sagte, blieb er eisern bei seiner Meinung. Schließlich hatte er genug schlechte Erfahrungen mit Frauen gesammelt. Diesmal wollte er vorsichtiger sein und lieber gleich auf sein Gefühl hören, bevor alles zu spät war. Er wurde schon zig Mal verlassen.

Ich trank nach dem Gespräch artig mein Bier aus ohne zu heulen.
Die Tränen wären umsonst gewesen, von denen gab es in den letzten Wochen schon genug. Ich konnte nicht immer wegen der gleichen aussichtslosen Sache heulen.
Als ich mein zweites Bier bestellte, ließ ich es mit Sekt mischen. Ich brauchte das.
Danach folgten wieder anstrengende Gespräche über Liebe, Zukunft und Familie. Wir schafften es nie, uns über andere Dinge zu unterhalten, da ich noch zu viele offene Fragen hatte, deren Antwort ich eigentlich längst wusste, wenn ich in mich hineinhorchte und mir eingestand, dass wir doch sehr unterschiedlich waren, was gewisse Wünsche anging.
Es waren lange Gespräche, über die Hoffnung, dass alles besser wird. Wirklich alles. Nichts ist zu spät, alles ist möglich. Ich hörte Sätze, die mir bekannt und egal waren, da ich das alles selber wusste. Dennoch konnte ich damit nichts anfangen. Meine Sturheit war einfach stärker, obwohl mir klar war, wie recht er mit jedem Satz hatte. Ich wollte es nur nicht hören, weil ich ihn wollte, anstatt mit jemand anderem glücklich zu werden, der viel besser zu mir passte.
Ich hatte mich so in meinen Freund festgebissen, dass ich nicht mehr loslassen wollte. Dabei war mir völlig klar, dass es noch viel bessere Typen da draußen gab. Ich musste sie nur finden, oder sie mich und das war keine leichte Angelegenheit.

Nun waren auch die Zigaretten im Big-Pack alle, das wir uns beide teilten, weil er keine gekauft hatte. Mein Sekt-Bier stieg mir langsam zu Kopf und ich wollte es nicht mehr trinken. Ich wusste genau, wann Schluss ist und ich war für keinen weiteren Schluck bereit. Das Glas war noch fast voll. Er hingegen trank wohl schon sein 5. Bier. Ich hatte nicht mehr gezählt, weil das Trinken bei ihm schnell ging.
Kurz nach Mitternacht schlug er vor, noch in die andere Kneipe zu gehen. Ich fand es schon sehr spät und hatte eigentlich ganz andere Gedanken. Ich wollte nach Hause, sagte aber nichts. Er wäre sicher nicht begeistert gewesen. Ich ließ Sekt-Bier stehen, denn er hasste dieses Zeug und konnte mir nicht beim Austrinken helfen. Vielleicht wäre es besser gewesen, wenn ich es nicht bestellt hätte.
Trotzdem war ich bereit, der Bedienung noch genug Trinkgeld zu geben. Dann gingen wir raus in die Nacht. Auf der Straße war nichts mehr los.
Ich war etwas wackelig auf den Beinen und meine Zunge war beim Sprechen schon ziemlich lasch. Aber ich hatte noch alles perfekt unter Kontrolle, weil ich mir Mühe gab.

Die nächste Kneipe befand sich in einer anderen Nebenstraße, die nicht weit entfernt war. Dort war bisschen mehr los.
Ich sagte gleich, dass ich nur einen Orangensaft will, da ich keinen Bock mehr auf Alkohol hatte. Er bestellte dagegen sein nächstes Bier. O-Saft wurde dort bestimmt sehr selten bestellt.
In der Kneipe war es bequem, überall standen alte Polstermöbel und abgewetzte Sofas. Vergilbte, angerissene Tapeten an den Wänden und viel Ramsch, der schon einige Jahre hinter sich hatte und teilweise unvorteilhaft im Weg stand. Man konnte sagen, es wirkte schäbig und möhlig. Es war eben eine sehr alternative Kneipe und ich fühlte mich zumindest wohl auf dem Sofa. Die Kerzen waren in Flaschen gesteckt und der mit leeren Bierflaschen zugestellte Tisch vom Vorgänger wurde noch nicht aufgeräumt. Dem Betrieb war das anscheinend egal, da wurde nicht besonders auf Regeln und Sauberkeit geachtet. Voller Aschenbecher? Kümmer‘ dich selber drum!
Ich hatte nichts dagegen, denn ich hatte diesen Laden nie anders kennengelernt. Von dem Flair war auch ich sehr angetan. Es war eben eine Kneipe, die ich sympathisch fand, weil sie nicht perfekt war.

Kurz nachdem wir uns auf das Sofa in der Ecke setzten, bekamen wir schon Besuch von einem Typen, der völlig drüber war und binnen weniger Minuten seine ganze verkorkste Lebensgeschichte erzählte, ohne dass es ihm peinlich war. Er merkte nicht, dass seine Anwesenheit unsere Zweisamkeit enorm störte. Der checkte gar nichts mehr, sondern erzählte ohne eine Pause zu machen eine Story nach der anderen. Wir fragten uns, was der wohl genommen hatte? Mit Sicherheit war es nicht nur Alkohol. Der fremde Typ war überdreht und verrückt, wie man an seiner Mimik und Gestik unschwer erkennen konnte. Wir bekamen von ihm auch Getränke und Zigaretten spendiert, einfach so, weil er nicht ganz dicht war.
Er sagte mir, er hätte einen Psychiatrieüberweisungsschein vom Arzt bekommen und fragte, ob ich ihm ein paar Tipps geben könnte. Beruflich ja, aber privat wollte ich mit solchen Problemen nicht allzu viel zu tun haben. Noch ehe ich antworten konnte, erzählte er schon andere Dinge und schweifte ab.
Seine Klopausen nutzten wir, um uns über private Dinge zu unterhalten und darüber zu lästern, wie dämlich sich der Typ benahm. Leider kam er jedes Mal zu schnell zurück und nervte uns weiter. Wir ließen uns das sehr lange gefallen. Bis der nächste verrückte Typ dazu kam, der wie eine Kopie des anderen wirkte. Wir wussten nicht, ob die beiden sich kannten. Der neue verrückte Typ war sogar noch härter und prahlte, wie viele Strafen er hatte und zwischendurch auch im Knast saß. Dieser Typ geizte auch nicht mit Komplimenten, die an mich gerichtet waren. Ich ging nicht weiter darauf ein, sondern grinste ihn nur gespielt an. Wahrscheinlich machte er jede Frau mit den gleichen Sprüchen an, da sie altmodisch nach Standard klangen.
Auf die die Frage:„Wie heißt du?“, entgegnete ich zickig: „Geht dich nichts an.“
Ich wollte meine Ruhe haben und nicht mit kranken Männern flirten, die notgeil waren.
Mein Freund hingegen machte kein Geheimnis aus seinem Namen.

Die beiden Verrückten verwickelten meinen Freund in komplizierte Gespräche, in denen es um Hartz IV und aktuelle Lebenssituationen ging. Anspruchsvolle Themen im betrunkenen Zustand. Ich hatte Angst, dass das ausartet und sich mein Freund um Kopf und Kragen redet. Er versuchte sich zu rechtfertigen, obwohl er das gar nicht nötig hatte. Vor allem ging das niemandem etwas an, wie mein Freund bisher in seinem Leben scheiterte. Er erzählte ihnen einige private Dinge aus seinem Lebenslauf. Ich fand es traurig und musste ohne Worte zugucken. Mir wurde das alles unangenehm und ich spürte, wie ich diesen Abend immer bescheuerter fand. Es kam mir vor, wie in einem Alptraum. Ich war mit einem Freund verabredet, damit wir uns einen schönen Abend machen konnten und andauernd wurden wir von verrückten Fremden, die nicht alle Tassen im Schrank hatten, gestört und angeflirtet. Es konnte nicht wahr sein. Vor allem diese dämlichen Gespräche die ganze Zeit. Ich war wenigstens so schlau, nicht darauf einzugehen.

Als es meinem Freund endgültig zu viel mit den beiden wurde, schlug er vor, dass wir nach vorne an den Tresen gehen. Ich fand die Idee gar nicht gut, da es dort voll war und man nicht sitzen konnte. Die Leute standen alle eng aneinandergequetscht am Tresen, der in einer Ecke endete und ich hatte keine Lust darauf, mich dort auch noch hineinzustopfen und keinen Platz zu haben. Ich hasste sowas! Aber ich ließ nach und ging mit ihm dort hin, obwohl ich mir gewünscht hätte, nach Hause zu gehen, da es fast halb drei war. Wie sollte es hier noch weitergehen? Warum wollte er unbedingt zum Tresen?

Ich stand doof herum und mein Freund fand schnell Anschluss unter all den anderen Betrunkenen. Er traf einen Bekannten und die beiden starteten eine angeregte Unterhaltung. Mein Freund war angetrunken genug, um seinen Kumpel zu erzählen, wie sympathisch er ihn fand und all solchen Kram. Nebenbei hörte ich die Worte ‚Frauen‘ und ‚Verkupplung‘ heraus und merkte, dass es hier um Sachen ging, die ich nie hören wollte. Obendrein wurde ich in meiner Anwesenheit gar nicht mehr beachtet und kam mir vor, als wäre ich gerade nicht gewollt. Ich beobachtete diese Situation noch ungefähr zwei Minuten, bis ich mich kurz und knapp mit ‚ich gehe‘ verabschiedete. Ohne über die Konsequenzen nachzudenken. Ich hatte schon Minuten davor mit diesem Gedanken gespielt, hatte mir aber eingeredet, mich zusammenzureißen und nicht überzureagieren. Es klappte nicht, weil ich innerlich platzte.
Ich ging einfach, dabei hatte ich nicht einmal meinen O-Saft bezahlt. Mein Freund würde das schon übernehmen. Wer sonst. Die Apfelsaftschorle hatte mir ja der andere Typ spendiert. Hoffentlich wusste er es noch.

Ohne einen Schlüssel zu haben ging ich nach Hause.
Natürlich war ich der Meinung, dass mein Freund mir gleich folgen würde. Auf dem Weg nach Hause dachte ich an gar nichts mehr. Ich war völlig leer und ging wie apathisch durch die ausgestorbene Fußgängerzone. Nicht einmal weinen konnte ich, da ich nichts mehr spürte. Ich merkte nur, wie der Wind an meinen Beinen entlangzog und sah das fahle Licht der Laternen.
Als ich zu Hause ankam, setzte ich mich auf die kalte Steintreppe vor der Tür, wie ein ausgesetzter Penner. Ich trug nur eine dünne Strumpfhose und Hotpants. In meiner dunkelgrünen Winterjacke sah ich äußerlich aus wie eine Tanne und sie wärmte mich auch so. Ich konnte nicht behaupten, dass mir kalt war. Nach einer Weile zog ich meine Handschuhe an, was sollten die auch länger nutzlos in der Tasche bleiben. Die Kälte des Bodens zog sich allmählich durch die Sohle meiner Boots und ich fing an, leicht zu frösteln. Aber richtig kalt war mir immer noch nicht. Hin und wieder hörte ich Schritte durch die Straßen hallen, es kam aber nie jemand in meine Nähe.
Ob mich jemand aus dem Haus von gegenüber beobachtete? Mir war es egal. Sollten die anderen Leute denken, was sie wollten. Wahrscheinlich sah mich niemand, um die Zeit schliefen alle.
Dennoch schaute ich mich suchend nach anderen Menschen um. Aus manchen Fenstern brannte noch Licht. Ansonsten herrschte überall Stille.

Ich hoffte, dass mein Freund bald auftauchen würde und schaute andauernd auf die Uhr, während die Zeit kaum merkbar voranschritt. Es konnte doch nicht sein, dass er sich keine Sorgen macht? Ich rechnete in jeder Minute mit ihm und versuchte, ob ich seine Stimme aus der Ferne hören konnte. Aber nie war es seine, obwohl ich mir das eine Mal fast sicher war.
Normalerweise hätte er längst da sein müssen. Er wusste doch, dass ich nicht woanders hinkonnte und keinen Schlüssel hatte. Wie konnte er mich nur so lange sitzen lassen und mich vergessen?
Ich wartete ungefähr eine Stunde in der Kälte und versuchte ihn zwei Mal anzurufen, wobei ich jedes Mal das Angebot bekam, mit seiner Mailbox zu sprechen. Eine Stunde hatte ich auf der Treppe gesessen, ich konnte es kaum glauben, denn es kam mir gar nicht so lange war. Das lag wohl daran, dass ich selber nicht völlig nüchtern war und sich mein Empfinden verändert hatte.
Mir reichte es. Das war respekt- und rücksichtslos, mich alleine in der Kälte stehen zu lassen! Sicherlich war das meine eigene Schuld, da ich einfach abgehauen war, aber es gab einen Grund dafür. Ignoranz und zerstörerische Themen, von denen ich nichts wissen wollte. Welche Frau würde sich so etwas antun?

Ich beschloss, dass ich wieder zurück in die Kneipe musste.
Hier draußen hatte ich nichts mehr verloren und er würde wahrscheinlich nicht von alleine nach Hause kommen. Also ging ich durch die ganze Stadt und suchte diese verdammte Kneipe, wobei ich mich nicht genau daran erinnern konnte, wo sie war. Mir wurde wieder wärmer, als ich mich bewegte. Ich lief schnellen Schrittes einige Seitenstraßen ab und suchte auf der Straße nach bunten Lichtern, die sich vor der Kneipe befanden. Aber sie waren nirgendwo zu sehen. Vielleicht leuchteten sie nicht die ganze Nacht. Ich lief die Straßen auf und ab. Letztendlich folgte ich meinem Bauchgefühl und bog in eine ganz andere Straße ein. Mehr Möglichkeiten gab es nicht mehr.
Nachdem ich ungefähr zwanzig Minuten nervös gesucht hatte, fand ich endlich diese beschissene Kneipe und sie war noch geöffnet. Hoffentlich war mein Freund noch da, denn es wäre blöd gewesen, wenn wir uns verfehlt hätten.
Ich hatte keine Ahnung, was mich dort drinnen erwarten würde und ging mit einem flauen Gefühl in diesen Laden, der inzwischen wieder richtig voll geworden war.
Was ist in dieser einen Stunde passiert?
Wo kamen all diese Leute auf einmal her?
Es war mitten in der Nacht und in dem Laden war mehr Stimmung, als je zuvor. Ich schaute in der Menschenmenge am Tresen nach meinem Freund und sah ihn ganz versteckt in der Ecke stehen, umzingelt von anderen Leuten. Er sah mich wohl auch gleich. Ich drängte mich wütend durch die Enge und mir war es egal, wen ich dabei anrempelte. Pech, wenn kein Platz war, aber ich musste durch. Was mussten die da auch alle dicht an dicht stehen.

Ich sah, dass er sich mit einem anderen Mädel unterhielt, das am Tresen saß und er nahm einen Zug von ihrer Zigarette, warum auch immer. Sie trug eine hellblaue Jeans, eine schwarze Sweatjacke und eine schwarze Mütze auf ihrem blonden Kurzhaarschnitt. Sehr lässig. Und sie hatte ein hübsches Gesicht, mit einem lieblichen Ausdruck. Ganz entzückend.
Das Mädel hatte jedoch noch mehr Flirtpartner an jeder Seite, wirkte aber nicht allzu interessiert daran. Als ich bei meinem Freund ankam, fragte er mich nur, wo ich war und ich sagte, dass ich draußen vor der Tür herumgesessen hatte und jetzt nach Hause wollte – schon seit zwei Stunden. Laut seiner Aussage war er mir noch kurz hinterhergelaufen, als ich abhaute und ist dann wieder zurück in die Kneipe gegangen, weil es dort schöner war, als zu Hause im Bett.
Da er nichts kapierte, fragte er mich gleich noch einmal danach, ob ich nach Hause will. Das passierte noch einige Male und meine Antwort kam nicht im geringsten zu ihm durch, weil sein Hirn schon voll mit Alkohol und er verballert war. Irgendwann ist jedes Bier ein Bier zu viel. Ich schätzte, dass er inzwischen schon zwölf Biere intus hatte.

Ich stand die ganze Zeit neben all den anderen Leuten angepisst neben ihm und zog eine Fresse, die jeden vernichtete. Als er sah, dass ich nicht glücklich war, zupfte er zuerst ein paar Mal an meiner Mütze, bevor er sie mir vom Kopf zog und stupste mich liebevoll mit seinem Arm an. Das Stupsen wurde nach und nach immer stärker. Ich ignorierte all diese Zeichen und hasste es umso mehr, dass er nichts mehr merkte.
Die Musik wurde immer lauter und die anderen Leute grölten wie bekloppt und schrien zudem auch noch wie grunzende Schweine. Ich war wahrscheinlich die Einzige, die in diesem Laden noch nüchtern war und die Sache mit Abstand neutral beobachten konnte. Irgendwann wurde ein Sex-Song aus der Anlage geschossen, der alle noch einmal richtig ausrasten ließ. Ein besoffenes Mädel stieg auf den Tresen, zusammen mit einem Typen, der eventuell ihr Freund war und machten sich dort komplett zum Affen, wobei sie nicht die einzigen Affen waren, denn der ganze Laden war voll von ihnen. Mein Freund stand mit einer neuen Flasche Bier in der Hand still da und guckte heimlich zu, wobei er an meiner fiesen Fresse nicht vorbeikam. Mir konnte niemand ein Lächeln von den Lippen locken, ich zog mein Ding durch, die Stimmung wenigstens ein bisschen zu verderben und die Aufmerksamkeit meines Freundes auf mich zu ziehen. Wie konnte er nur dabei zu sehen, wie es mir immer schlechter ging? Warum konnte er nicht endlich einsehen, dass jetzt Schluss war?

Dann brodelte es wieder in mir und ich lief durch die Masse Richtung Ausgang. Im gleichen Moment wurde mir bewusst, dass ich das vorhin schon einmal gemacht hatte und dass es keine Chance gab, woanders hinzugehen. Ich wollte nicht wieder draußen in der Kälte ausgesetzt auf einer Treppe hocken und alleine sein. Mist.
Also stopfte ich mich wieder zurück durch die Menge, während mein Freund mit der hübschen Frau redete. Bei dem verletzenden Anblick quetschte ich mich prompt wieder Richtung Ausgang, weil ich keine Ahnung hatte, was ich machen und wie ich damit umgehen sollte.
Auf halbem Weg nach draußen ging wieder zurück, weil ich leider keine andere Wahl hatte.
Die anderen Gäste zeigten mir deutlich, dass ihnen dieses Durchgequetsche und Geschubse langsam auf die Nerven ging. Aber mich störte es nicht, wir kannten uns alle nicht und ich konnte mich so daneben benehmen, wie ich wollte. An diese Nacht konnte sich eh niemand mehr erinnern.

Dann stand ich wieder machtlos neben ihm.
Mir reichte das alles dermaßen, dass ich ihn erneut darauf ansprach und ihn fast darum anflehte, endlich abzuhauen, es war schon spät. Ein bisschen drang zu ihm durch und er sagte:„Ich bring dich nach Hause.“
Er ging mit mir Richtung Tür, nahm aber nicht seine Jacke mit.
„Und was ist mit dir? Du musst deine Jacke doch noch mitnehmen! Mann!“
„Ich komme nachher nochmal wieder, ich bring dich jetzt nur nach Hause und dann komm ich wieder her.“
Ich sah ihn mit großen Augen an und wollte ihn fast anspringen.
„ Du kannst mich doch jetzt nicht alleine zu Hause lassen? Wir beide waren heute verabredet und ich war dein Besuch! Das kannst du doch jetzt nicht machen?! Du kannst mich doch jetzt hier nicht so stehen lassen? Dauernd ignorierst du mich!“, und ich brach in Tränen aus.
„Ich will aber noch hier bleiben und Spaß haben. Ich will noch nicht nach Hause“, sagte er, wobei er sein Gleichgewicht kaum noch halten konnte, und nach hinten kippte.
„Du kannst doch gar nicht mehr richtig stehen! Guck dich doch mal an, du bist total dicht!“
Seine Augen waren schon ganz klein und er hielt sie beim Sprechen geschlossen, weil das alles anstrengend war.
„Ich will aber noch hier bleiben.“

So ging unser Gespräch mindestens fünfzehn Minuten. Es war sinnlos und deprimierend.
Mir schossen immer mehr Tränen in die Augen, weil ich sein Verhalten nicht verstehen konnte. Noch nie hatte er sich bei einem unserer Treffen so verhalten. Inzwischen war es halb fünf und es wäre Zeit gewesen, dass wir beide nach Hause gehen. Aber er wollte noch Spaß haben und trinken.
Noch mehr! Wie viel wollte er noch trinken, wenn jetzt schon nichts mehr ging?
Dann kam einer dieser verrückten Typen von vorher auf uns zu, weil er sah, dass wir Stress hatten und erklärte meinem Freund, dass er mich gefälligst nach Hause bringen soll. Er versuchte, auf ihn einzureden, aber erklärte auch deutlich, dass er sich nicht weiter in unsere Beziehungsangelegenheiten einmischen wollte. Er dachte immerhin, dass wir ein Paar wären, das Streit hat. Danach machte er sich mit einem Kompliment an mich langsam vom Acker.
„Deine Augen sind echt gefährlich“, sagte er mir zum vierten Mal.
Ich zeigte wütend auf meinen Freund und sagte: „Er ist an allem Schuld“, und schubste ihn.
„Sorry, was immer da gerade passiert, regel das, mein Freund. Ich kann Frauen nicht weinen sehen“, war sein letzter Satz. Danach war der verrückte Typ weg und stellte sich an den Tresen.

Mein Freund ging anschließend mit mir nach draußen, wir hatten uns lange genug drinnen angefaucht, sodass es alle mitkriegen konnten. Auf der Straße ging der selbe Alptraum weiter. Er hatte keine Einsichtsfähigkeit und ich versuchte ihm die Situation deutlich zu schildern. Ich wurde dabei sehr laut und teilweise ungehalten, aber es kam bei ihm nichts durch. Er merkte nicht, wie daneben er sich insgesamt verhielt.
Weitersaufen, obwohl schon längst das Maß überschritten war.
Weitersaufen, obwohl er eigentlich keine Kohle hatte und das Geld für andere wichtige Dinge brauchte.
Weitersaufen, obwohl er kaum noch vernünftig stehen und sprechen konnte.
Was hatte das alles mit Spaß zu tun? Eine Frau, die er im betrunkenen Zustand kennenlernen würde, wäre am nächsten Tag wieder Geschichte, da Betrunkensein mit der Realität nichts zu tun hatte. Alles nur Scheinwelt und noch mehr Probleme.

„Ich hatte mir den Abend anders vorgestellt und nicht so beschissen“, schrie ich ihn wütend an, „so scheiße hast du dich noch nie verhalten. Du merkst echt gar nichts mehr. Guck dich doch mal an! Das ist total erbärmlich!“
Er stand regungslos vor mir mit einem gleichgültigen Gesichtsausdruck.
„Ich will aber noch feiern! Spaß haben, da ist Stimmung.“
Als er immer wieder den selben Satz sagte und sich unsere Gespräche nur im Kreis drehten, gab ich endgültig auf und wusste, dass ich nicht erwünscht und völlig umsonst hier war. Ich war enttäuscht, so von ihm missachtet zu werden. Keine Spur von Sozialkompetenz und Empathie. Er war völlig anders, als er vorgab, zu sein. Wahrscheinlich war er mehr besoffen, als nüchtern, da die Kneipe sein Lieblingsort war. Ein Ort der Täuschung, nichts Wahres.

Ich war wütend und traurig auf ihn, aber ich konnte mich nicht ständig wiederholen.
„Entweder gibst du mir jetzt den Schlüssel oder du kommst mit“, sagte ich entschlossen.
„Wenn ich mich drauf verlassen kann, dass du mich nachher reinlässt und nicht einfach abhaust, dann ja.“
Ich wurde immer lauter:„Ich würde gerne sofort abhauen. Komm doch einfach mit jetzt, du Arschloch!“, und stampfte dabei mit den Füßen auf den Boden wie ein kleines Kind.
Schon blühte die Diskussion erneut auf.
„Nein“, sagte er emotionslos.
„Ich hasse besoffene Männer, die sind echt zum Kotzen. Ich hätte echt nie gedacht, dass du genauso scheiße bist. Du bist echt zum Kotzen. Und jetzt gib mir den ollen scheiß Schlüssel!“
Er war so betrunken, dass es ihn nicht mehr störte, wie ich ihn beleidigte und anschrie. Ich war sogar kurz davor, ihm eine zu knallen. Wäre das besser gewesen? Vielleicht hätte das ein bisschen geholfen, um ihn wach zu kriegen.
Während unseres Streits wurde er am Anfang eines Wortes kurz laut, um seine Macht kurzzeitig zum Ausdruck zu bringen. Danach wurde er wieder gleichgültig in seinem Suff, leise und fast stumm. Ich konnte ihn mit meinen vernichtenden Worten nicht erschlagen und kränken. Wäre er nüchtern gewesen, hätte er sich das niemals gefallen lassen und hätte sich dagegen gewehrt.
Dann gab er mir den Schlüssel und ging wankend zurück in die Kneipe.
An seinem Schlüsselbund hing ein kleines Sorgenfresserplüschtier. Das hatte vorne am Maul einen Reißverschluss und sollte symbolisch all die Sorgen fressen, die man hatte. Wahrscheinlich war dieses Plüschtier längst tot, bei solch gravierenden Sorgen, die mein Freund hatte.
Wieder einmal überkam mich Mitleid.

Die Polizei fuhr im Schneckentempo durch die Fußgängerzone und ich hoffte, dass sie mich nicht aufhalten würden, weil meine Schminke so verwischt war und ich fertig aussah. Ich blickte extra auf den Boden, damit mich niemand sieht.
Ja, ich war mit den Nerven am Ende. Schließlich hatte in der vorigen Nacht nur zwei Stunden geschlafen, nichts gegessen und mich nur im Toleranzbereich betrunken. Ich hatte die Schnauze voll und wollte, dass alles endlich zu Ende ist und ich wieder nach Hause fahren konnte. Die Bullen hätten meinen Freund mal mitnehmen sollen, dachte ich.

Als ich in seiner Wohnung war, atmete ich gleich wieder diesen unangenehmen Geruch ein. Was war das nur?
Dann kam sein Hund bellend auf mich zugerannt und ich stieß ihn abrupt mit dem Fuß weg. Er war das Letzte, was ich jetzt wollte. Oller Köter. Ich hatte nur wenig Liebe für ihn übrig, da er zu der Sorte gehörte, die jeden gleich anbellte und belästigte. Der Hund war ungezogen und böse veranlagt. Ich sperrte ihn in die Wohnstube, damit er mich in Ruhe ließ und nicht mit ins Bett konnte, so, wie er es sonst gewohnt war. Tiere im Bett gingen gar nicht. Er roch nicht gut und kratzte sich ständig wie besessen. Aber das Geld für einen Tierarztbesuch fehlte nun mal und der Hund musste darunter leiden.

Eigentlich wäre ich gerne Baden gegangen, um mich aufzuwärmen. Zu Hause hatte ich leider keine Wanne. Aber da ich nicht wusste, wann mein Freund kommt, ließ ich es sein. Ich zog meine aufreizenden Klamotten aus und holte mein nächstes Outfit aus dem Rucksack. Eine wärmende schwarze Cordhose, auf der man gut die weißen Haare des Hundes erkennen konnte, die überall herumlagen und einen weichen grauen Wollpullover mit bunten Pailletten. In meinem kurzen Schlafsachen hätte ich nur noch mehr gefroren. Normalerweise hätte ich gehofft, dass ich jetzt jemanden zum Kuscheln gehabt hätte. So war das eigentlich auch geplant.
Ich ging noch schnell ins Bad und schminkte mich ab, obwohl ich keine Lust hatte, mir die Wahrheit im Spiegel anzugucken. Ich sah blass und traurig aus. Die Haare lagen auch scheiße. Alles an mir wirkte enttäuscht und gestresst. Egal, mich sah sowieso keiner mehr. Dann legte ich mich auf die karge Matratze auf dem Fußboden, denn ein richtiges Bett gab es nicht.
Viele wichtige Dinge fehlten in seiner Wohnung. Das meiste war vom Sperrmüll oder alte Möbel von der Ex-Ex-Freundin, die kaputt waren. Auch der Lichtschalter war mit Klebeband lose an der Wand befestigt und machte den Eindruck, dass man ihn lieber nicht benutzen sollte.
Nichts war in der Wohnung perfekt. Nicht mal abwaschen konnte man in der Spüle, da etwas mit der Wasserleitung nicht stimmte und somit nicht funktionierte. Also wurde das winzige Waschbecken im Bad für den Abwasch missbraucht. Das Geschirr wurde dabei auf dem Klodeckel abgelegt. Alles sehr hygienisch. So what, mir war das ziemlich egal, anfangs. Ich hätte sein Leben schließlich komplett verändern können. Alles wäre mit mir anders und schöner gewesen. Aber er hatte mich abgelehnt und somit würde sein Leben vorerst so bemitleidenswert bleiben.

Ich legte mich erschöpft ins Bett und zog mir die zerlöcherte Decke über den Kopf, die der Hund in seinen Wahn zerbissen hatte. Mir war kalt, trotz der warmen Sachen und mein Kopf tat weh. Ich wusste, dass die Kopfschmerzen von dieser blöden Kneipe kamen und von der fast ausgetrunkenen Flasche Sekt am Abend. Die Kopfschmerzen waren zwar mild, aber sie störten mich trotzdem. Bei jeder Bewegung, die ich langsam ausführte, entwickelte sich ein leichter Schwindel. Ich war froh, nicht mehr getrunken zu haben, denn sonst wäre es mir jetzt richtig schlecht gegangen.
Schlafen konnte ich nicht. Ich sah ständig auf die Uhr und wartete, bis mein Freund kam. Irgendwann musste dieser Laden doch auch mal dicht machen. Sonst hatten die auch schon eher geschlossen und uns einmal fast herausgeworfen, weil wir um eins die Letzten waren. Nur diesmal waren die Inhaber selber zu besoffen und hatten Spaß an der ausschweifenden Stimmung.

Ich hatte nur noch einen einzigen Gedanken: Wann fahre ich nach Hause? Schnell überprüfte ich mit dem Handy die Zugverbindungen und musste mich zwischen Ausschlafen mit Wohlbefinden oder Abhauen mit Unwohlsein entscheiden.
Am liebsten hätte ich ausgeschlafen, da ich es jedes Mal übel fand, mit körperlichen Beschwerden nach Hause zu fahren. Dazu gehörten meist Übelkeit, Kopfschmerzen und starke Müdigkeit.
Würde ich gleich morgens einen der ersten Züge nehmen, müsste ich diese miesen Gefühle in Kauf nehmen.
Also stellte ich meinen Wecker vorerst zu um zwölf, das dürfte reichen, um halbwegs fit zu sein.
Mit den Gedanken, wann ich abhauen will, war ich eine ganze Weile beschäftigt.
Zwischendurch schloss ich die Augen, die inzwischen vor Müdigkeit wehtaten. Aber schlafen konnte ich trotzdem nicht, bei all der Aufregung.

Irgendwann, gegen fünf Uhr morgens kam er nach Hause.
Er musste klingeln, um in seine eigene Wohnung zu kommen und ich sprang sofort auf. Weil er so voll war, klingelte er gleich zwei Mal kurz hintereinander. Er hatte wohl Angst, dass ich nicht die Tür öffnete oder schon weg war. Ich wartete gespannt am Türspalt, während er sich die paar Treppen bis zur zweiten Etage hochschleppte. Aber er schaffte es ohne zu stürzen.
Als er den Flur betrat, sagte ich nichts und ging wieder angenervt ins Bett. Ich schaute ihn nicht einmal an, darauf konnte ich verzichten.
Im Bett lauschte ich dem Gepolter in der Wohnung und dachte, er würde jeden Moment hinfallen und sich den Kopf aufschlagen. Dann kam er zu mir ins Schlafzimmer, im Flur brannte noch das Licht und auch der Köter stürzte sich gleich mit ins Bett.
Mein Freund ließ sich wie ein alter Sack quer auf das Bett fallen, seine Beine gaben nun endgültig nach und konnten ihn nicht mehr halten. Welch Wunder, dass er es überhaupt nach Hause geschafft hatte, denn der Weg war unter diesen Umständen recht weit.
Da lag er nun, auf meinen Füßen. Er machte auf seine Art eine indirekte Andeutung, dass er mehr wollte. Das erkannte ich daran, wie er sich mit seinem Kopf in meine zugedeckten Füße wühlte und meine Beine über der Decke streichelte. Sehr offensichtlich und ein kleines bisschen offensiv. Merkte der echt gar nichts mehr?
Ich strampelte meine Füße weg und sagte genervt:„Lass das!“
Er war nicht in der Lage zu antworten.

Dann wurde es plötzlich ruhig, es regte sich nichts mehr und ich hörte nichts.
Das einzige was ich hörte, war ein Atmen gemischt mit einem leisen Schnarchen. Ich fragte mich, von wem das kam. Machte der Hund solche Geräusche oder mein Freund? Nachschauen wollte ich jedenfalls nicht und wartete, bis ich die Geräusche besser identifizieren konnte, da sie sich immer weiter ausprägten in ihrem Sound.
Dann war mir klar, dass diese Schnarchatmung von meinem Freund kam, der in einer ungünstigen Pose eingeschlafen war. Ich guckte vorsichtig unter der Decke hervor, um das Elend neugierig zu betrachten.
Mein Freund lag besoffen am Fußende in einer Position, die aussah, als hätte ihn jemand überfahren. Alle Gliedmaßen von sich gestreckt und den Kopf in die Matratze gedreht. Seine langen Haare verdeckten sein Gesicht teilweise. Ich hoffte nur, dass er nicht auch noch eingepullert hatte. Solche Dinge konnten leicht passieren, wenn man unter Kontrollverlust litt.
Er schnarchte so laut wie noch nie und sein Atem überschlug sich regelrecht. Es machte mir etwas Angst. Die ganze Situation war mir nicht geheuer. Ich guckte wieder dauernd auf die Uhr, an Schlaf war nicht mehr zu denken. Stattdessen stellte ich mir vor, was ich nachher zu Hause mache und wie ich unter meiner Kuscheldecke auf der Couch liege. Außerdem hatte ich Lust auf warme Pizza und Sojamilch mit Vanillegeschmack.
Der Handywecker von meinem Freund klingelte ab sieben Uhr in regelmäßigen Abständen. Es lag im Flur und ich wollte nicht aufstehen. Beim letzten Treffen erlaubte er mir, dass ich es ausschalten durfte, wenn es mich störte. Er hörte den lauten Wecker nicht und ich hoffte, dass er irgendwann von alleine ausging und das tat er. Paar Minuten später ging das ganze Gedudel von vorne los. Der Wecker stresste mich mit seinem Gute-Laune-Guten-Morgen-Sound, der so gar nicht in diese triste Umgebung passte.

Ich versuchte trotz Wecker ein wenig zu schlummern und mich auf zu Hause zu freuen.
Nun war mir klar, dass ich nicht erst mittags fahren wollte, sondern so früh wie möglich. Meine Kopfschmerzen konnte ich später auskurieren, die zwei Stunden Fahrt würde ich noch aushalten, wenn mich niemand ansprach und etwas von mir wollte. Ich hatte schon schlimmere Sachen durch, wie zum Beispiel mich völlig verheult und mit starken Kopfschmerzen in der Öffentlichkeit blicken zu lassen. Mit der Tatsache, dass ich an dem besagten Tag obendrein auf Schienenersatzverkehr angewiesen war. Das war mies.
Ich stellte meinen überflüssigen Wecker zu um acht, damit ich gegen neun losfahren konnte. Die Zeit davor brauchte ich, um mich zu schminken und um mich eventuell zu verabschieden.

Mein Freund schnarchte und schnarchte.
Bis er auf einmal wach wurde, kurz lachte und aufstand.
Was war jetzt los, dachte ich. Er polterte in der Küche herum und wühlte im Kühlschrank, wobei es teilweise ziemlich klirrte. Bekam er nun einen Fress-Flash, so wie es oft üblich ist, wenn man verkatert ist? Konnte er überhaupt richtig gucken, bei dem verschwommenen Tunnelblick?
Dann ging er ins Bad und ich hörte, wie er sich seine Jeans auszog. War sie etwa doch vollgepullert? Nein, wahrscheinlich zog er sich nur seine Jogginghose an, damit es bequemer ist, denn die hatte er zu Hause immer an. Die Jeans war nach Weihnachten zu eng geworden und kniff ordentlich am Bauch. Das mochte er gar nicht. Dagegen musste er dringend etwas tun. Deswegen machte er sich jetzt sein Frühstück fertig.
Ich hörte ein schrilles ‚Ping‘ aus der Küche. Ah ja, er hatte sich Brötchen aus der Tüte warm gemacht. Es gab Frühstück für ihn und er fragte mich diesmal nicht, da ich Nahrung eh immer ablehnte. Heute gab es sowieso keinen Grund mehr, mich nach meinen Wünschen zu fragen. Wir hatten uns nichts mehr zu sagen. Mein Freund hielt sich lange in der Küche auf. Dabei konnte ich mir nicht vorstellen, dass er schon ausgeschlafen hatte.
Bevor mein Wecker klingelte, stand ich auf und ging ohne eine Begrüßung ins Bad, in dem noch das Licht brannte. Ich fragte nicht, ob er fertig war. Hauptsache, ich konnte bald nach Hause und diese Bude verlassen.
Ich sah immer noch kacke aus, wie immer, wenn ich ungeschminkt war. Aber das änderte sich gleich und nach ein paar Minuten war ich wieder richtig zufrieden mit mir. Was Schminke alles kann…Auch meine Haare lagen wieder besser, dank Haarspray.

Als ich aus dem Bad kam, lag mein Freund wieder brav im Bett.
Wahrscheinlich alles Taktik, damit er mir aus dem Weg gehen konnte. Er lag genau dort, wo ich vorher gelegen hatte. Der Platz war noch warm. Ebenso gut hätte er gleich mit mir kuscheln können, wenn wir beide viel eher nach Hause gegangen wären. Er hätte alles in dieser Nacht haben können. Aber nein, es sollte nicht so sein.
Nun lag er da, ganz selig mit dem Kopf in sein Kissen gegraben mit dem Blick zur Tür gerichtet. Seine Augen waren geschlossen, damit er mich nicht sehen musste.
Ich packte meine Schminksachen in den Rücksack und schaute nach, ob ich nichts vergessen hatte. Das wäre ärgerlich gewesen, denn ich wollte nie wieder hier her kommen. In der Dunkelheit konnte ich jedoch nicht allzu viel erkennen. Eigentlich hatte ich ja auch nur mein Ladekabel ausgepackt, sonst nichts. Also, was sollte ich schon vergessen haben.
Dann ging ich in den Flur und zog mich in Zeitlupe an. In einer Lautstärke, bei der ich mir erhoffte, dass er aufmerksam wird und sich anständig von mir verabschiedete. Ich raschelte und polterte, schlug die Tür von der Schrankgarderobe zu und tritt mit den Schuhen robust auf den Boden. Aber im Schlafzimmer tat sich nichts. Okay.
Ich schaute nochmal nach, ob ich alles hatte und wühlte meine große Handtasche durch, in der sich nur wenig Inhalt befand.
Als ich bereit zum Aufbruch war, ging ich in sein Zimmer und sagte energisch:„Ciao. Wir sehen uns nie wieder.“ Danach schlug ich die Zimmertür hastig zu. Aber leider war es nicht laut genug.
Das mit dem Niewiedersehen hatte ich beim vorletzten Mal zwar auch schon gesagt, aber diesmal meinte ich es ernst. Ich wollte diese Bude nie wieder betreten und von diesem ganzen Elend nichts mehr mitbekommen. Dieses Treffen war eine Schocktherapie.
Ich hatte mehr Mitleid, als alles andere und mir war klar, dass ich mein Leben mit niemandem tauschen möchte, da ich jetzt einsah, wie viel Glück ich hatte. Es gab keinen Grund, mit dem unzufrieden zu sein, was ich hatte.
Sein Leben war nicht beneidenswert – nichts davon, nicht einmal im Ansatz. Sein Leben erinnerte mich eher an trauriges Scheitern, fernab von Glück und Gesundheit. Die Freude und der Spaß kamen nur durch das Trinken.
Ich fragte mich in der schlaflosen Nacht oft, was ich eigentlich so toll an ihm gefunden hatte und ich konnte keine Antwort finden. Ich wusste es nicht. Wahrscheinlich war das alles nur eine Illusion und ich hatte mich in ihm getäuscht.

Er reagierte nicht auf meine letzten Worte und lag da, ohne sich zu regen.
Er schaute mich nicht einmal an. Ihm war es egal, dass ich für immer ging. Heute Abend gab es schließlich wieder genug zum Saufen und unser Treffen geriet somit für ihn schnell in Vergessenheit. Vielleicht wusste er dann gar nicht mehr, dass wir uns überhaupt getroffen hatten.
Ich schlug die Haustür extra laut zu, als letzten Gruß. Meinetwegen hätte es noch lauter sein können, sodass das Schloss kaputt gegangen wäre. Wäre mir egal gewesen, er hatte ja meine Adresse nicht. Zum letzten Mal lief ich diese Treppen hinunter, vorbei an seinem Briefkasten ohne Schloss und raus aus diesem Haus Nummer 11.
Danach ging ich zum Bahnhof, es war noch viel zu früh. Aber ich konnte nicht mehr bei ihm zu Hause warten. Ich wollte einfach nicht länger dort bleiben und viel wärmer war es in der Wohnung schließlich auch nicht. Also wartete ich eine dreiviertel Stunde in der kühlen Bahnhofshalle und schrieb eine letzte SMS:

P.S.: Du warst echt ekelhaft letzte Nacht. Unterstes Niveau. Du hast recht, ich gehöre nicht in dein Leben und ich will es auch nicht mehr. Du hast mich völlig abgeschreckt und angewidert in den letzten Stunden. Sorry für meine Ehrlichkeit, aber so jemand passt dann doch tatsächlich gar nicht zu mir.

Eine Antwort gab es dazu nicht mehr. Er war schon wieder mit Saufen und Party beschäftigt. Auf der Suche nach der perfekten Frau, die er nie fand.

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