Jemand und Gin 2


[…]

Doch irgendwann in der Nacht wache ich von einem leisen Piepen auf. Ich bin sofort hellwach und schalte die Lampe auf dem Fensterbrett an. Es ist 2:37 Uhr, als ich auf den Wecker neben mir schaue. Ich wundere mich und weiß im ersten Moment nicht, was das für ein komisches Piepen war. Als ich auf mein Handy gucken möchte, merke ich, dass es nicht angeht, obwohl es am Abend voll aufgeladen war. Vor dem Schlafen zeigte es 100% an. Und jetzt? Ich versuche es mehrmals anzukriegen. Aber es funktioniert nicht und ich vermute, dass der Akku tatsächlich leer ist, ohne Grund. Das Piepen war also nur der Hinweis, dass sich das Handy gleich ausschaltet. 

Danach fühle ich mich seltsam und mir wird kalt. Mehrere Minuten sitze ich verwundert im Bett und beobachte meine Umgebung. Ich starre zur Tür oder warte darauf, dass ich im Augenwinkel irgendeinen Schatten sehe. Es passiert nichts. Ich denke noch ein paar Minuten darüber nach, dass sich Akkus nicht ohne Grund leerfressen. Aber letztendlich macht es keinen Sinn, weiter darüber nachzudenken. Ich lasse einfach das Licht an, damit das unangenehme Gefühl in mir nicht zu stark wird. Mit Licht fühlt man sich irgendwie besser. Wahrscheinlich brauche ich tatsächlich diesen Marienkäfer, der bunte Sterne an die Wand wirft, damit ich beruhigter einschlafen kann.
Irgendwie will ich meiner Freundin noch schreiben, dass hier gerade merkwürdige Dinge passieren, aber ich bin schlau genug, um mir die Nachricht zu verkneifen. Erstens, weil sie schläft und zweitens, weil es gar nicht so schlimm ist. Eigentlich wäre es doch super interessant, wenn mal etwas Gruseliges passiert und ich mittendrin bin.
Am nächsten Morgen frage ich mich, ob das wieder so ein Traum war. Manche Leute klagen ja über mirtazapininduzierte Alpträume und überraschendem Übergewicht. Aber als ich sehe, dass das Handy immer noch leer ist, weiß ich, dass ich nicht geträumt habe. Das heißt, der wahre Traum vom eingebildeten Feueralarm bleibt auf Platz eins.
Ich hole mein Ladegerät und mein Handy frisst frische Energie aus der Küchensteckdose neben dem Kaffeeautomaten. Ansonsten lasse ich das Handy erst einmal aus. Irgendwie bin ich heute zu entspannt, um neugierig auf neue Nachrichten zu sein. Ich bin froh, wenn mir öfter mal einiges egal ist und ich nicht unter Spannung stehe. Deswegen mache ich heute alles in Ruhe. In Ruhe anziehen, in Ruhe schminken und in Ruhe essen. Vanille-Soyamilch und Kellogg’s, dazu Kaffee und Schokocappuccino. Das Tolle daran: Das Frühstück macht fast den ganzen Tag satt. Oder weil ich einfach nichts brauche. 

Der Morgen vergeht schnell und gegen Mittag leuchtet die grüne Lampe auf meinem Handy. Fertig geladen. Ich schalte das Handy an, worauf es kurz vibriert und sich langsam hochfährt. Code eingeben, warten. Wenn ich ungeduldig bin, dauert mir all das zu lange. Aber inzwischen habe ich mehr Ahnung von Geduld. 
Als die Internetverbindung hergestellt ist, treffen viele Nachrichten auf einmal ein. Alle von meinem Lieblingsmann aus Berlin. Ich bin sehr überrascht über die ganzen Nachrichten und freue mich schon, sie zu lesen. Vielleicht weiß er ja nun genau, wann wir uns treffen können oder er hat noch ein paar andere Ideen. Als ich im Chat nachschauen will, ist keine neue Nachricht zu finden. Auch sein Profilbild ist weg. Mir wird ganz anders. Was soll das denn jetzt? Und vor allem: Was ist mit den vielen Nachrichten, die auf dem Display erschienen? Die können doch nicht einfach weg sein. Ich klicke auf die leere Stelle, wo sonst das Profilbild erscheint. Kein Status. Nur die Daten, die ich gespeichert habe. 

Ich lese die letzte Nachricht: ‚Wann wollen wir uns treffen?‘ Die Nachricht, die ich gestern Abend schrieb. Er hat sie gelesen. Und dann? 

Ich schreibe eine kurze Nachricht, um zu gucken, ob sie durchkommt.

‚Hey‘

Natürlich erscheint nur ein graues Häkchen, welches auch eine Stunde noch einsam und grau ist. 
Ich rufe meine Freundin an und sie nimmt gleich ab.

„Hallo?“

„Hey, hallo…ich bin’s..“

„Ja, dachte ich mir schon. Ist irgendwas bei dir passiert?“

„Ja, mir geht’s scheiße.“

„Was ist denn, Süße?“

„Ach, ganz komisch alles. Letzte Nacht ist mein Handy einfach so abgekackt. Akku leer…und heute ist der Typ einfach so verschwunden.“

„Wie jetzt? Was für’n Typ?“

„Na der, von dem ich dir erzählt hab, letztens..“

„Ach so, ja, ich weiß. Warum, was ist denn passiert?“

„Vorhin hatte ich ganz viele Nachrichten von ihm auf dem Display und als ich nachgucken wollte, war alles weg. Total komisch.“

„Hmm? Wie geht das denn? Bist du sicher, dass die von ihm waren?“

„Ja, klar…aber nun steht da nur meine letzte Nachricht von gestern. Und anscheinend hat er mich blockiert, ohne Grund. Versteh ich nicht.“

„Das ist ja komisch. Vielleicht ist es nur eine technische Störung oder so. Warte erstmal ab.“

„Glaub ich nicht. Das war noch nie so.“

„Hmm. Aber mehr kannst du wohl erstmal nicht machen. Oder du versuchst mal, ihn anzurufen?“

„Ja, könnte ich vielleicht noch probieren. Aber bin da nicht so ein Fan von. Du weißt doch, dass ich nicht so auf Telen stehe.“

„Probier’s doch einfach mal. Dann siehst du, was passiert.“

„Ja, okay, dann mach ich das gleich mal. Ich schreib dir dann.“

„Okay, bis gleich. Wird schon!“

„Ja, hoffe ich…“

Ich drücke meine Freundin schnell weg, um dann ihren Tipp zu testen und bin dabei ganz aufgeregt. Irgendwie schnürt mir die Situation gerade den Hals gewaltig zu. Auf jeden Fall fühle ich mich unwohl, als ich seine Nummer anklicke. Ich mag sowas nicht. Aber immer noch besser als diese bescheuerte Unwissenheit, auf die ich noch weniger stehe.
Es klingelt einmal und dann geht sein Anrufbeantworter an. Scheiße! Das ist doch ein eindeutiges Zeichen, dass ich auf der BlackList stehe!

Ich schreibe meiner Freundin: Blockiert.
Sie antwortet nur mit: Waaaaaaas???!?!?!??????

Und ich denke nur: WARUM?

Ich gehe gedanklich die letzten tollen Wochen durch und ich erinnere mich an nichts Negatives. Es ist nichts passiert. 

Dann gucke ich mein ganzes Handy durch und versuche die Nachrichten, die kurz auf dem Display erschienen, per Suchfunktion zu finden. Mein Handy findet nur die Texte, die ich schon kannte. Nichts Neues. Ich lese mir die alten Nachrichten durch und komme sofort wieder ins Schwärmen. Umso weniger verstehe ich die Blockierung. Ich starre das leere Profilbild an, als könnte ich damit etwas bezwecken. 

Impulsgesteuert wie früher, setze ich mich in den nächsten Zug, der alle zwei Stunden nach Berlin durchfährt. Selbst, wenn ich mein Auto im vergangenen Herbst nicht zu Schrott gefahren hätte, hätte ich es heute nicht angerührt. Man sollte die Hände von Autos lassen, so lange man sich angepisst fühlt. Mein Fahrschullehrer konnte mir das damals leider nicht glaubhaft beibringen. 
Ich saß im Zug, wie ich gerade war. Manchmal ist es einfach nicht nötig, sich Gedanken über die passenden Klamotten und Schmuck zu machen. Manchmal reicht es, wenn man einfach so ist, wie man ist. Ohne Gedanken. Zerstreut beschreibt den richtigen Ausdruck für meinen Zustand im Zug. Eigentlich denke ich nichts. Ich denke nicht mehr, als: warum. 
Mein Handy bleibt reaktionslos. Der blockierte Kontakt, alias ich, bewegt sich nun selbständig nach Berlin. Ohne zu wissen, was dann passiert. Naiv ohne Konsequenz. 

Nach einigen Stunden sitze ich tatsächlich auf einer Bank beim Alexanderplatz. Die wichtigsten Anlaufstellen befinden sich gleich in der Nähe: Essen, Kino und Hotel. Ich weiß noch nicht, ob ich ein Hotel brauche. Aber immerhin ist es schon abends. 
Eigentlich weiß ich nun gar nicht, was ich machen soll. Ein wenig verloren bin ich in Berlin schon. Manchmal. Es dauert nicht lange, bis ich nach und nach von Leuten angesprochen werde, die Geld haben wollen. War ja irgendwie klar. Aber da ich kein Bargeld dabei habe, kann ich nicht viel machen. Im Nachhinein bemerke ich, wie die Leute hübsche Handys aus ihren Hosentaschen ziehen und recht gut angezogen sind. So so.

Aber was mache ich jetzt? Auf meinem Handy tut sich nichts. Das Einzige, was ich tun kann, ist, mir ein Taxi zu rufen und zu der Adresse zu fahren, wo mein Lieblingsmann wohnt. Aus genau dem Grund bin ich schließlich nach Berlin gefahren. Und jetzt werde ich nervös. Ob das so eine gute Idee ist? Wer weiß, was mich dort erwartet und ob ich das alles sehen will. Aber okay, was habe ich schon zu verlieren? Eventuell meine Hoffnung. Aber die könnte ich auch woanders wiedergewinnen, wenn ich mich mehr anstrengen und mehr Männern ein winzige Chance geben würde. 
– Zeitverschwendung – 

Ein Taxifahrer parkt direkt in meiner Nähe und wartet auf mich. Ich sage ihm, wo es hingehen soll und er nickt. Nach zwanzig Minuten sind wir da. 
Ich stehe vor der Tür meiner Zieladresse. 

Meine innere Stimme sagt: Alles egal, alles egal. Und ich versuche ihr zu glauben. 

Alles egal. 

Die Haustür unten ist auf und ich gehe hinein, ohne zu zögern. Es ist nur ein Haus mit Menschen drin. Als ob mich sowas schon jemals gestört hätte. An jeder Tür steht ein Name dran, auch völlig normal. Bis ich vor der wichtigsten Tür stehe – seiner Tür. Mich schaudert es ein wenig. Schließlich bin ich diejenige, die unangemeldet davor steht. Ich komme mir sofort illegal vor und es würde sich verboten anfühlen, wenn ich gleich klingeln würde. Aber wofür habe ich mir sonst den weiten Weg gemacht? Eigentlich ist es doch echt egal, was ich in den nächsten Minuten tun werde. Es kann nur gut oder schlecht werden, denn dazwischen gibt es nichts. Es gibt nur zwei Optionen. 

Ja oder nein.

An der Tür hängt nichts weiter, bis auf das Schild mit dem Namen drauf. Die Tür macht auf mich einen kalten Eindruck. Irgendwie versucht sie mich auf Abstand zu halten. Wenn ich mich noch weiter in die Sache hineinsteigere, warnt sie mich sogar davor, zu klingeln. Ich kneife die Augen zusammen und meine Stirn faltet sich automatisch, um meine Mimik noch kritischer darzustellen. 
Dann läuft eine Person aus dem Haus an mir entlang. Es ist ein Mann, er bemerkt wohl meinen Gesichtsausdruck und fragt: „Suchst du irgendwas?“

Warum du, ist mein erster Gedanke. Sehe ich wie ‚du‘ aus…? Das wäre ja keine Überraschung, nach all den Jahren des Nicht-Alterns.
„Nein, ich überlege nur.“

Ich fühle mich gerade wie in einem Laden, in dem mich die Verkäuferin nach meinen Vorlieben fragt und mich dringend beraten möchte.

Der Mann geht wieder. Er kann nichts für mich tun. 

Ich bleibe vor der Tür und überlege mir die Fortsetzung. Es liegt an mir, was ich aus dieser Sache mache, denn mein Lieblingsmann ignoriert mich. Auf meinem Handy tut sich weiterhin nichts. 

Okay, ich bewege meine Finger vorsichtig in Richtung Klingel. Gleich wird alles noch illegaler. Die Klingel ist der letzte Schritt, der mir helfen kann. Mein Zeigefinger berührt den Knopf, nur das Drücken fällt noch schwer. Dann, ganz langsam, drücke ich den Knopf rein und ich weiß nun, wie es sich anfühlt, wenn man bewusst die Backenzähne fest aufeinanderpresst. 
Irgendwie ist das gerade eine ziemlich unangenehme Situation und mein Herz rebelliert auf jeden Fall. Alles ist ganz leise, ich höre nichts von drinnen. Vielleicht ist er nicht da. Kann sein, dass er arbeitet und nicht zu Hause ist. Ich warte angespannte zwei Minuten, bis mir klar wird, dass niemand zu Hause ist. Klar könnte ich nun etwas durchatmen, aber ich bin dennoch wie erstarrt und mein Herz kriegt sich eh nicht so schnell ein, wenn es aufregend wird. 

Dann höre ich, wie sich jemand annähert und ich denke, dass es wieder einer der Nachbarn ist. Ich möchte sehen, ob es wieder der Mann von eben ist und drehe mich um. Und dann steht plötzlich der Mann aus Berlin vor mir, wegen dem ich hier bin. 
[…]

August, 1 Jahr später


Diese Seite verstummt, ich weiß. Eigentlich gibt es viel zu sagen, würde ich mich nicht so verdammt gelähmt fühlen. Innerlich. Alles ist lahm geworden, dabei passiert in meinem Leben so viel. So viel Aufregendes. Neuer Job, neue Figur, neues Aussehen – all sowas. Dinge, über die man sich freuen kann und die für viele Menschen erstrebenswert sind. Ich habe so vieles erreicht. Und dennoch: Richtig gut geht es mir seit einem Jahr nicht mehr. 
Eigentlich gibt es für diese starke Melancholie, die ich spüre, gar keinen Grund, weil eigentlich alles nahezu perfekt ist. Ich müsste also glücklich und fröhlich sein, den ganzen Tag lächeln…
Der Knackpunkt ist eigentlich. Eigentlich, eigentlich, eigentlich. Wie soll ich etwas erklären, für das es eigentlich keine vernünftige Erklärung gibt. Unvernünftig ist der passendste Ausdruck für mein Verhalten. Naiv, gar kindisch. Irgendwie. Etwas stimmt einfach nicht und dieser ewige Kreislauf nimmt kein Ende, weil das Erlebnis vom vergangenen Sommer so sehr an mir haftet. Es klebt an mir und ich kann mich nicht davon befreien. Dabei ist es so schädlich, an der Vergangenheit zu kleben. Weil sie nicht mehr aktuell ist und sich Dinge nicht mehr rückgängig machen lassen. 

Was zurückbleibt ist Zerstreuung. Ich versuche mich jeden Zag zu ordnen, aber bis jetzt habe ich es an keinem Tag geschafft. Zumindest nie so, wie es sein sollte. Ich sollte in der Gegenwart leben und nicht jeden Abend in diese Traurigkeit und Sehnsucht abdriften. So gut ich mich jeden Tag auch ablenke, es funktioniert niemals vollständig. Die Wehmut findet immer zurück zu mir. Dann liege ich im Bett, starre minutenlang Gegenstände an und verschwinde in der Verlorenheit. Das passiert mir immer häufiger, dass ich einfach nur daliege und gar nichts tue. Oder morgens schlecht aus dem Bett komme und immer wieder die Decke über den Kopf ziehe, um im Dunkeln zu liegen. Oder die Rollos den ganzen Tag unten zu lassen, weil mir die Dunkelheit mehr zusagt und mein Innerstes widerspiegelt. Ich fühle mich wohl im Dunkeln. Vor einem Jahr war das noch anders. Da war ich energiegeladener und nicht so komisch drauf, wie jetzt. Mein jetziger Zustand beschreibt eher den Rückzug, der von der völligen Isolation trotzdem noch weit genug entfernt ist, denke ich.

Heute, vor genau einem Jahr hatte ich dieses Treffen, das mich emotional so sehr veränderte, dass ich mich kaum noch mit früher vergleichen kann. Manche Erlebnisse sind einfach einschneidend, auch wenn es übertrieben scheint, zu behaupten, dass man sich sofort in jemanden ‚verlieben‘ kann. Aber irgendwie kann man es. Obwohl es mehr als absurd klingt. Ich weiß…
Dabei ging das Treffen nur knapp drei Stunden und ich wurde danach aus ‚geschäftlichen‘ Gründen nach Hause geschickt. Ich wurde sogar fast vor die Straße gesetzt, ohne zu wissen, ob ich mit dem Zug noch um die Zeit nach Hause komme. Aber er war so nett und fuhr mich dann doch noch zum Bahnhof, nachdem ich mich so hilflos und weinerlich verhielt. Klingt also nicht gerade nach einem Super-Date. Genau das ist eben das Absurde daran. Eigentlich hat nichts weiter stattgefunden als: Abholen/Bahnhof/Spaziergang – Erzählen/Gin/Blickkontakt – Verabschieden/Vespa/Bahnhof. Jeder Part davon dauerte aufgeteilt also jeweils eine Stunde. Und der Blickkontakt hat es mir am meisten angetan. 

Alles so banal, und doch so wahnsinnig gravierend für mich. Weil er mich so verdammt anzog, mit allem. Seiner Persönlichkeit, seinem Aussehen, seinem Charakter.. Und dass, obwohl ich ihn so gut wie gar nicht kannte, sondern nur erahnen konnte, wie er wohl wäre,..mit all meiner Menschenkenntnis war ich der Annahme, mir von vornherein ein exaktes Bild von ihm machen zu können. Welch dummer Gedanke,..eigentlich.
Es klingt alles so schwachsinnig, obwohl ich meine Gefühle und Gedanken damit nicht verleugnen möchte. Weil sie immer noch so präsent sind, wie damals. Meine Gefühle sind immer noch da, trotz all der Umstände. 

Klar fand ich es nicht toll, als ich nach drei Stunden spontan nach Hause geschickt wurde, trotz seines tollen Gästezimmers. Aber es hatte nichts mit mir zu tun, sondern mit einem Meeting, das sich ziemlich rasch via PC aufdrängelte. Wie auch immer..Vielleicht gab es im Nachhinein doch ganz andere Gründe. Wahrscheinlich war er auch zu dem Zeitpunkt schon in einer Beziehung. Ich habe keine Ahnung. Immerhin sagte er später oft genug, er sei vieles nicht wert. Schon gar nicht, dass ich ihn mag und ihn so begehre. Entweder litt er an falscher Bescheidenheit oder weil er wusste, dass er gerne mal Frauen betrügt. Ich wüsste gerne, was damals genau passierte. Eigentlich wüsste ich am liebsten noch viel mehr über ihn. Ich hätte ich so gerne kennengelernt, insgesamt. 
Heute vor einem Jahr war noch alles in Ordnung. Ein gewöhnlicher Samstagvormittag mit meinen Lieblings-TV-Serien und einer gewaltigen Portion Aufregung. Nebenbei texteten wir miteinander und erzählten davon, was wir alles miteinander vorhatten an diesem Abend. 
Alles war super und klang eindeutig nach Happy End. Etwas anderes wäre undenkbar gewesen, da alles zwischen uns perfekt war. 

Heute weiß ich, dass es perfekt nicht mehr gibt. Er war perfekt. Aber seit ungefähr zwei Monaten brach er den Kontakt ab, da er meine seltsamen Liebeserklärungen und mein bettelndes Verhalten nicht mehr länger ertrug. Verständlich. Warum habe ich mich nicht endlich mal zusammen gerissen? Er ist schließlich in einer Beziehung und scheint diese Frau mehr zu mögen, als mich. Denn wäre es anders, hätte er sich für mich entschieden. Dieser Fakt schmerzt. Seit zwei Monaten wohne ich auf seiner Blockierliste, da ich es einfach nicht verstehen wollte, dass er jeglichen Kontakt zu mir ablehnte. Da es nicht gut für ihn war und für mich sowieso nicht. Leider wollte ich nichts davon verstehen. Ich lebte immer noch in der Überzeugung, ihn umstimmen zu können. 

Es schmerzt. Kein Kontakt mehr, keine Möglichkeiten, kein Wiedersehen. Nie mehr. Dabei versprach er mir, dass wir uns im August wiedersehen. Ein Jahr später, ganz unverbindlich. Kaffee trinken, ganz kurz. Hauptsache, wir sehen uns. Aber daraus wurde nichts und meine Traurigkeit wuchs dadurch umso mehr. Wie sehr hatte ich mich auf dieses Treffen gefreut…jeder einzelne Moment hätte für mich gezählt und mich glücklich gemacht. Jede Sekunde ist wertvoll.
Seitdem herrscht in mir Leere, emotionale Leere. Diesen Abbruch verkrafte ich nicht. Ich spüre genau, dass er mir extrem fehlt. Mir fehlt diese eigentlich fremde Person, die immer zu mir sagte, er wäre eine Projektion. So etwas, wie ein Fantasiegebilde. Vielleicht war er das auch, und dennoch kann ich ihm nicht zustimmen. Für mich war er mehr. Manche Männer muss man nicht kennen, um zu wissen, dass sie die richtigen sind. Man weiß es einfach aus dem Herzen. 

Diese Story hört sich nach einem einzigen Chaos an. Und ja, es gibt tatsächlich kaum Worte und eine Erklärung dazu. Für mich ist es auch Chaos. Diese Story ist einfach nur Gefühl und beinhaltet diese starke unerfüllte Sehnsucht, die vielleicht niemand mehr stillen kann. Es ist schwer. 
Dieses Treffen spielt sich in meinem Kopf jedes Mal wie ein Film ab. Gerade heute. Ich erinnere mich genau daran, was ich wann getan habe, wann ich wann wo war… Dieser ganze Tag ist komplett in mir abgespeichert, mit all seinen Szenen und Wort- und Gedankenfetzen. Ich habe nur Schnipsel im Kopf. Auch der damalige Chat schläft auf meinem Handy. Alles ist so frisch, obwohl es schon ein Jahr her ist und ich frage mich, ob ich jemals aus dieser Endlosschleife flüchten kann, wenn ich doch so sehr an ihm hänge. Obwohl es überhaupt gar nichts bringt. Aber diesen Gedanken verdränge ich… 

Das Gespräch

Lieber bisschen drunter, als bisschen drüber.

Heute war ein sehr wichtiger Tag und ich war zum ersten Mal seit langer Zeit extrem aufgeregt. Zum Glück konnte ich in der Nacht gut schlafen, nachdem ich mich eingehend im Netz über Vorstellungsgespräche und deren Tücken informierte.

Meine letzte große Aufregung ist inzwischen über ein halbes Jahr her, als ich das ‚beste Date‘ meines Lebens hatte. Eigentlich mehr imaginär, als echt…und eine angebliche Projektion. Das waren seine späteren Worte in Bezug auf meine Vorstellungen und Wünsche. An dem Tag war ich genauso aufgeregt und enorm glücklich. Ja, das waren tolle Gefühle, die ich heute noch einmal in einer etwas abgewandelten Form erleben durfte. Danke!

Allerdings kann ich im Nachhinein sagen, dass ein Vorstellungsgespräch viel schlimmer ist, als ein Date. Es geht um die Liebe zum Beruf (bzw. zur Berufung) und mit dem ist man meist länger verbunden, als mit einem Mann. Eine Trennung vom Traumberuf ist eher unwahrscheinlich und man hat keine Lust, fremdzugehen, wenn man das tut, was man unbedingt mit Leidenschaft tun will. Mein Beruf ist zugleich mein Hobby. Aber es gibt dennoch eine Menge Gemeinsamkeiten für diese beiden Ausnahmesituationen der Gefühle zwischen Mann und Beruf. Liebe verbindet letztendlich alles miteinander.

Ich habe mir viele Gedanken über mein Outfit gemacht, denn das sollte man für so einen besonderen Anlass selbstverständlich tun. Lange überlegen musste ich als Mode-Victim nicht und entschied mich für ein leger schickes Business-Outfit. Das entsprach meinem Stil und meiner Persönlichkeit, ohne dass ich verkleidet wirkte oder mich unecht darin fühlte. Meine Klamotten besorgte ich mir gleich, nachdem ich die Bewerbung abschickte, da ich mir sicher war, dass ich eingeladen werde. Ich dachte mir, dass sich für diesen Job sowieso fast niemand bewirbt, da er zu speziell und gefährlich ist. Eventuell. Also ging ich recht selbstbewusst an die Sache heran. Ich wusste einfach, dass ich es dorthin schaffen werde und nach zwei Wochen bekam ich die Bestätigung meiner Vorahnung per Post. Die Freude war riesig und ich war überglücklich, eine Chance bekommen zu haben, mich in dieser fremden neuen Welt präsentieren zu dürfen, denn ich brauche dringend ein anderes Umfeld und eine spannende Herausforderung.

Meine Business-Klamotten wurden bereits vor dem Vorstellungsgespräch eingeweiht und zwar in Berlin, beim Shoppen. Es gab mir ein besseres Gefühl, die Sachen schon einmal getragen zu haben und ins Leben zu bringen, bevor es richtig ernst wurde. Das Wochenende in Berlin machte Spaß und ich fühlte mich wohl in dieser eleganten dunkelblauen Hose. Ich ging in diesen Klamotten abends ins Kino und genoss anschließend das Berliner Nachtleben. Danach fiel ich kaputt ins Hotelbett. Schlafen konnte ich vor Aufgedrehtheit jedoch nicht. Die Klamotten waren jedenfalls bewerbungstauglich. Diese Erinnerung an das Wochenende in Berlin mochte ich.

Heute Morgen stand ich um sieben auf, da ich um acht los musste. Ich wurde ein Viertelstunde vorher wach, da meine innere Uhr wirklich gut funktioniert. Etwas müde war ich noch, da das normalerweise nicht meine normale Aufstehzeit ist und ich mich nicht unbedingt als fröhlichen Morgenmenschen bezeichnen würde. Außer im Sommer, wenn die Sonne schon morgens scheint.

Als ich mich anzog, hatte ich keine Zweifel, zwecks meines Aussehens. Ich spürte, dass es immer noch das perfekte Outfit war und kein bisschen zu abgehoben. Der Blazer bestand nämlich aus Bouclé-Stoff mit eingewebten dezenten Goldfäden und ein wenig Kunstleder an den Rändern. Jedoch fernab von Extravaganz. Insgesamt war alles stimmig.

Mein Make-Up blieb zurückhaltend, denn zu viel Schminke ist in der Branche nicht angesehen und macht einen oberflächlichen Eindruck. Man sollte sich fragen, wie man am besten Vertrauen erweckt und wie man sein Selbstbewusstsein angemessen zum Ausdruck bringt. Natürlichkeit ist die Lösung. Auf zu viel Schmuck verzichtete ich natürlich auch und setzte auf Bescheidenheit. Als ich meine Haare zum Schluss mit Glanzspray einsprühte, war ich zufrieden. So konnte ich mich sehen lassen.

Danach gab es ein großes Frühstück und eine kleine Tasse Kaffee, damit sich meine Nervosität nicht steigerte. Ein ausgiebiges Frühstück ist in solchen Fällen immer gut, denn man hat das Gefühl, dass man dadurch mit genug Energie versorgt ist und diese Aufregung besser durchhält. Außerdem hat Essen oft eine beruhigende Wirkung. Bananen und Schokolade sind da ein passendes Mittel. Oder Haferflocken und Nüsse.

Bei mir gab es Joghurt mit Kuchengeschmack und ein warmes Käsebrötchen. Danach blieb mir nicht mehr viel Zeit und ich machte mich auf den Weg zur Straßenbahn. Draußen war es ziemlich windig und kalt. Ich trug keinen Schal und nur eine dünne Jacke, weil ich nicht schwitzen wollte. Aber es war definitiv zu kalt in den Sachen. Ich war froh, dass ich wenigstens dicke Winterstrümpfe trug, die meine Füße wärmten, denn meine Hände waren bereits nach wenigen Schritten eiskalt. Wenn ich so jemanden mit der Hand begrüßte, würde das keinen guten Eindruck machen. Kalt vor Angst, könnte man annehmen.

In der Straßenbahn fühlte ich mich wieder entspannt und ausgeglichen. Alles war recht normal und ich konnte die Nervosität ausblenden. Die halbe Stunde Fahrt, die mir sonst so lang vorkam, war schnell vorbei und ich wunderte mich, wo die Zeit geblieben war. Schon erreichte ich das Ziel und hatte noch eine halbe Stunde Zeit bis zum Gespräch. Ich war mir nicht sicher, ob ich so lange in der Kälte warten sollte oder lieber im Zielgebäude.

Wie sieht das denn aus, wenn man viel zu früh bei einem Termin erscheint?

Und vor allem: Was würde mich in dieser fremden und abgesperrten Umgebung erwarten?

Ich hatte keine Ahnung, was mir bevorstand.

Außerdem wollte ich keinen schüchternen verängstigten Eindruck hinterlassen. Ich wollte auch in unbekannter Umgebung selbstbewusst sein – denn ich bin selbstbewusst.

Ich entschied mich und ging zum Ziel meiner Träume. Die Zeit war mir dann egal, weil: Lieber zu früh, als zu spät. Kurz, bevor ich am Eingang klingeln wollte, sah ich eine Mitarbeiterin, die ich nett begrüßte und die mich in diese Sperrzone begleitete. Ich war froh, dass gerade jemand kam und ich nicht ganz alleine dastand. Bei der Wache gab ich meinen Ausweis ab und kurz, nachdem ich mich in den Wartebereich setzte, kam eine Frau, die mich woandershin begleitete, wo ich weiter warten musste.

Halb zehn hatte ich das Gespräch. Neben mir saß meine Konkurrentin, die sich auch auf diese Stelle bewarb – das konnte ich kaum glauben. Es gab tatsächlich noch andere Bewerber für diesen Beruf! Unfassbar. Ich scannte diese Frau beim Vorbeigehen kurz ab, ohne sie direkt anzuschauen. Aber man kann auch indirekt vieles wahrnehmen. Auf jeden Fall war sie etwas lockerer gekleidet. Scheinbar nicht ganz so ausgewählt, sondern eher Alltagslook. Sie trug einen roten Pullover. Dabei habe ich gelesen, dass man diese Farbe in Vorstellungsgesprächen eher meiden soll, da sie zu dominant ist und teilweise erotische Andeutungen macht. Die Frau hatte lange blonde offene Haare und saß mit überschlagenen Beinen auf ihren Stuhl.

Ich hingegen saß völlig entspannt dort und verschränkte meine Körperteile nicht. Jedem, der an mir vorbeikam, sagte ich lächelnd ‚Guten Morgen‘. Sie lächelten zurück. Einmal rutschte mir sogar ein leises ‚Hallo‘ heraus. Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass jeder an mir interessiert wäre, der mich dort sitzen sah und ich fühlte mich empfangen. Ich wollte ein Teil dieser Klinik sein und dazugehören. Um jeden Preis sogar.

Bald wurde die Frau neben mir aufgerufen und ich konnte sie gedämpft durch die Tür reden hören. Sie erzählte viel und ich hörte einen osteuropäischen Dialekt heraus. Allerdings konnte ich nicht verstehen, worüber gerade gesprochen wurde. Ich war ziemlich neugierig, was meine Konkurrenz zu bieten hatte und ob sie ‚besser‘ war, als ich. Ihr Gespräch dauerte knapp zwanzig Minuten und sie war pünktlich um halb zehn wieder draußen, mit einem Strahlen im Gesicht und der Aussage, dass sie nun Urlaub hat.

Als ich aufstehen wollte, wurde ich gebeten, noch ein wenig zu warten. Ich war zu übereifrig, freudig und aufgedreht. Die Nervosität war immer noch weg und ich war froh darüber. Nach weiteren fünf Minuten durfte ich den Begegnungsraum betreten und es überraschte mich, dass dort noch zwei andere Personen saßen. Ich ging nämlich davon aus, dass ich mich nur auf eine Person konzentrieren muss. Das bereitete mir erst einmal einen kleinen Schock, obwohl in meinen bisherigen Gesprächen immer ca. 3-4 Personen saßen. Aber diesmal ging es um das wichtigste Gespräch überhaupt und zu viele Personen empfand ich als irritierend.

Ich legte meine Jacke und meine Handtasche auf den Stuhl und setzte mich drauf. Sehr gelassen und nicht hastig. Aber ich glaube, sie sahen meinen Hintern etwas zu lange. Alle begrüßten mich, aber keiner reichte mir die Hand. Also tat ich es auch nicht, weil man das nicht tun soll, wenn es die Vorgesetzten einem nicht anbieten. Immerhin war ich die Unterlegene. Ich atmete tief ein und schaute mir die Leute an, die am Tisch saßen. Alles okay. Alle mit Pokerface.

Das Gespräch begann damit, dass ich mich vorstellen sollte. In dem Moment begann die pure Aufregung wieder und ich hatte die absolut schwärzesten Blackouts. Ich wusste eigentlich nichts mehr und konnte so gut wie gar nichts von alledem sagen, was mich ausmacht und wie meine Motivation für diese besondere Stelle lautet. Obwohl ich die Antworten alle sehr genau wusste und überzeugt von mir war. Ich wusste, warum ich diese Stelle wollte. Aber mir fehlten die Worte, um mich auszudrücken. Stattdessen stammelte und stotterte ich abgebrochene Sätze, sowie einzelne Wortfetzen vor mich hin. So etwas würde mir bei einem Date zum Beispiel niemals passieren. Von meiner Eloquenz blieb nicht mehr viel übrig. Alles vergessen, der ganze Wortschatz verschwand. Ich kam mir vor, wie ein Trottel, der sich selbstüberschätzte und sich für eine Stelle bewarb, die sie sein Niveau stark überstieg. Ständig wiederholte ich Worte wie ‚manchmal‘, ‚vielleicht‘, ‚immer‘ und andere fantasielose Füllwörter. Der Chef hat also nicht erfahren, warum ich diese Stelle unbedingt möchte, was ich mir vorstelle und was mich ausmacht. Er hat nicht viel von meiner Persönlichkeit kennengelernt und weiß trotz des Gespräches immer noch nichts von mir. Allerdings hat er meine Persönlichkeit gesehen und wahrgenommen. Und ich habe die gestellten Fragen einfühlend, ehrlich und gut durchdacht beantwortet.

Natürlich habe ich auch erwähnt, wie aufgeregt ich bin und dass ich mich unter normalen Umständen ganz anders verhalte. Klar, das kann jeder sagen. Eigentlich muss man immer so sein, wie man ist. Egal, in welcher Situation. Selbstbewusste Leute würden sich wohl kaum etwas von ihrer Aufregung anmerken lassen. Von daher verhielt ich mich in deren Augen bestimmt ziemlich widersprüchlich und fragwürdig. Aber ich weiß nicht, was sie wirklich dachten. Vielleicht bin ich auch zu hart zu mir selber.

Nach meinem Geständnis wurde ich ein bisschen lockerer und entspannter. Für den Chef waren meine kurzen Antworten scheinbar nachvollziehbar und die anderen Leute brachten mir mit Zunicken Vertrauen entgegen. Außerdem bekam ich die Rückmeldung, dass die Dinge gut waren, die ich sagte. Ich hätte am Anfang einfach einen kleinen Small Talk gebraucht. Das hätte mich aufgetaut.

Aber nun ist alles so, wie es ist und ich akzeptiere das. Allerdings finde ich es sehr schade, dass die Aufregung mich so kaputt gemacht hat, sodass ich völlig neben mir stand und mich in den ersten Minuten wie gelähmt fühlte. Ich war so apathisch, als stände ich unter Drogen. Das ergab ein blödes Bild von mir, das mir nicht entsprach. Dennoch wirkten alle recht interessiert und waren freundlich. Zwischendurch goss ich das Glas mit Wasser voll und trank es bis zur Hälfte aus. Den Rest hinterließ ich nach dem Abschied, ohne Lippenstiftabdrücke.

Kekse standen leider nicht auf dem Tisch. Ich hätte sie auch nicht angerührt, obwohl ich Kekse über alles liebe. Denn wer Kekse im Gespräch isst, hat keine Manieren. Kekse dienen also nur zum Test.

Das Gespräch dauerte knapp vierzig Minuten und endete mit den Schlussworten: Wir melden uns. Angeblich soll das heißen, dass ich eine Absage erwarten kann. Aber das denke ich nach diesem Satz nicht, schließlich wollten noch andere Bewerber im Gespräch überzeugen. Ich konnte also noch keine direkte Zusage bekommen, denn das wäre nicht fair.

Zum Schluss bedankte ich mich nochmals und wünschte den Leuten einen schönen Tag. Den Spruch ‚Frohe Ostern‘ verkniff ich mir. Humor und komische Sprüche passten nicht zur Situation. Damit hätte ich mich lächerlich gemacht. Meine einzelnen Wortbrocken waren schon schlimm genug.

Jetzt sitze ich zu Hause und bin noch aufgeregter, als vor dem Gespräch. Ich denke ständig darüber nach, was gut lief und was nicht. Grübele darüber, wie ich äußerlich und persönlich herüberkam und google im Internet nach Fehlern im Vorstellungsgespräch. Sicherlich wäre es ohne Aufregung anders gelaufen. Aber auch, wenn es diesmal nichts wird: Es wird nächstes Mal was.

Wenn ich eine Absage bekomme, werde ich anrufen und sagen, dass sie meine Bewerbung aufheben können. Jemand hat mich daran erinnert, dass alles seine Zeit hat und davon bin auch ich überzeugt. Vielleicht muss ich noch ein wenig an mir arbeiten, damit ich richtig reif für diesen Job bin. Aber vielleicht muss ich auch gar nichts tun und werde aufgrund von vielen Sympathiepunkten gleich genommen. Das wäre ein Traum. Und ich hoffe, der Chef hat es erkannt.

Nun heißt es warten. Wie lange, das weiß ich nicht. Aber wahrscheinlich wird es nicht lange dauern, da sie sich nach dem Gespräch beraten und sich die Bewerbung hoffentlich noch einmal genauer angeschaut haben. Letztendlich habe ich verbal all das wiederholt, was ohnehin schon drin stand. Meine Worte waren also nachlesbar.

Eine Zusage wäre mein bestes Ostergeschenk.

Nach dem Gespräch kaufte ich mir Schminke und Klamotten, um wieder halbwegs auf das Normallevel zu kommen. Einen Grund zum Shoppen gibt’s immer…

Zu Hause gab es dann noch Schokolade zur Beruhigung und ‚The Way‘ von Gigi D’agostino. Leider wirkungslos.