Jemand & Gin (komplett)

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Manchmal bin ich hochsensibel und emotional.

Und dennoch bin ich gefasst.

Manchmal bin ich gelähmt und blockiert.

Und dennoch bin ich gelöst.

Manchmal ist mir übel und schwindelig.

Und dennoch fühle ich mich wohl in meinem Karussell. 

Manchmal verbinden sich Hirngespinste und Realität.

Und dennoch liebe ich diffuse Träume, wenn sie wahr werden.

Manchmal ist mir kalt und warm zur selben Zeit.

Und dennoch genieße ich es.

Aber am liebsten bin ich alles gleichzeitig.

Und ich liebe es, ich zu sein.

Gin Toxic hat viele Gesichter und die meisten davon sind interessant, wenn man offen für alles ist.

Jeder Cocktail lässt sich mit dem Inhalt einer Wundertüte vergleichen und jedes weitere Glas bietet die Möglichkeit, alle Gefühle wild miteinander zu kombinieren. 

Meine alkoholisierten Gefühle lassen sich jedoch leicht auf’s Wesentliche zusammenfassen.

Ich würde gerne einmal einen Liebesbrief an einen fremden Mann schreiben. Doch momentan sitze ich nur stumm in der Wohnstube und beobachte, wie die Kerze meinen bunt glitzernden Teelichthalter anstrahlt und mich von meinen eigentlichen Gedanken ablenkt, die weitaus ernster sind.
Ich bin unkonzentriert und komme zu der Annahme, dass Gin Toxic und Cola doch nicht immer gut zusammenpassen, wenn man sein Hirn noch zum Denken braucht. Herumliegen und Nichtstun wäre momentan einfacher. Meinen Gedanken freien Lauf lassen und einfach von den Dingen träumen, an die ich gerade denke. Ich merke, wie mich der Alkohol langsam flachlegt und hoffe, dass sich der Zustand gleich in meinen Träumen widerspiegelt.

Schnell gehe ich unter die Dusche, bevor ich die ganze Nacht unsachgemäß auf der Couch hängen bleibe und dort neben meinem nachtaktiven Kater einschlafe.
Ich dusche unter dampfend heißem Wasser, weil mein Wärmeempfinden schon deutlich reduziert ist. Genau wie mein mentaler Allgemeinzustand, in seltenen Situationen. 

Mir ist kalt und ich habe Gänsehaut. Ich drehe ungeduldig am Wärmeregulierer herum, um das Wasser noch heißer einzustellen. Aber mehr geht nicht, die Armatur ist bereits voll aufgedreht. Dann fällt mir ein, dass ich es als Kind mochte, von einer Wespe gestochen zu werden. Mit dem Wasser ist es wohl genauso. Es gibt kein heiß. 

Fast zwanzig Minuten sitze ich ruhig unter der Dusche und lasse meinen Rausch vom Wasser bereinigen. Alles fühlt sich intensiver an und ich habe das Gefühl, als würde ich jeden einzelnen Tropfen auf der Haut spüren. Das Wasser ist so heiß, das es Nebelwolken bildet und dafür sorgt, dass sich allmählich die Raufasertapete von der Decke über mir löst. Meine Tapeten kommen mit den tropischen Temperaturen im Bad mittlerweile nicht mehr klar.
Aber eigentlich ist mir das alles gerade egal. Ich bin mit den Gedanken überall und nirgendwo. Der typische Zustand, wenn ich müde und voll bin. Alles ist so lahm und sinnlos. 

Die Gedanken, die sich anbahnen, kehren in der Mitte wieder um und verschwinden. Ich erinnere mich an Dinge, nur um sie gleich zu vergessen. 

Zwischendurch bekomme ich das Bedürfnis, per SMS Streit anzufangen, aber meine Vernunft sagt mir, dass es keinen Grund gibt und dass ich mindestens eine Nacht warten soll, bis ich wieder nüchtern bin. Aber was nützt mir eine Nacht, wenn ich trotz Müdigkeit wahrscheinlich sowieso nicht durchschlafen kann und um vier Uhr morgens hellwach bin. Um die Zeit fängt mein Kater gerne an, die Tapeten von der Wand zu kratzen. Inzwischen nur noch selten bis gar nicht.

Während ich unter der Dusche nachdenklich abdrifte, fällt mir ein, dass mir mein französisches Glitzerduschbad dabei helfen könnte, mich wieder ins normale Leben zu holen, bevor mich die aktuellen Umgebungsfaktoren völlig abstumpfen. Das Blöde an dem Glitzerduschbad ist, dass man davon körperlich nichts merkt und ich habe keine Ahnung, wonach dieses orange Zeug riecht, weil ich eine Aversion gegen diese Farbe habe. Mit meinem blauen Duschschwamm versuche ich, die unangenehme Farbe zu neutralisieren, was gut gelingt. Blau und orange wird irgendwie zu lila, wenn ich mir das richtig einbilde. Lila mit Glitzer. Ich fühle mich wie ein lila Wattebausch mit Glitzer.

Weitere zehn Minuten vergehen bis ich mit allem fertig bin. Auch nervlich mit mir selber, denn jetzt merke ich, wie der Gin Toxic für labile Stimmungsschwankungen sorgt, auf die ich gar keinen Bock habe. Mit den Gedanken ‚alles scheiße‘ putze ich mir ein paar Sekunden lang grob die Zähne und freue mich auf das Gefühl, alles ins Waschbecken zu spucken. Danach beschließe ich, dass ich morgen mein Bad sauber machen werde, da morgen der einzige Tag sein wird, an dem ich dafür Zeit habe. Aber eigentlich habe ich überhaupt gar keine Stimmungsschwankungen mehr. Ich kann sie super ignorieren, wenn ich will. Das klappt perfekt, wenn ich Lust dazu habe oder mich mit Absicht zusammenreißen muss. Für ganz bestimmte Leute zum Beispiel. Für Leute, die es wert sind, bin ich gerne vernünftig.

Nachdem ich endlich im Bad fertig bin, obwohl ich längst nicht alle pflegerischen Maßnahmen geschafft habe, gehe ich unrasiert und mit nassen Haaren ins Bett. Es ist schließlich niemand da, der sich dadurch belästigt fühlt.
Unter der Decke ist es auf einmal viel wärmer, als unter der Dusche. Mir ist heiß und meine Wangen glühen. Danke Gin Toxic, dass du heute so unberechenbar wirkst und mir einen kleinen Einblick in die Wechseljahre gewährleistest. Wobei gerade der Wunsch aufkommt, jetzt richtig flachgelegt zu werden. Von jemanden, der natürlich nicht in meiner Nähe, sondern zig Kilometer weit entfernt ist. Gedanken, wie ich sie fast jeden Abend habe, weil es normal ist, in Fantasien und Sehnsüchten zu schwelgen.

Benommen wie ich bin beobachte ich den langsamen Farbwechsel meines Nachtlichts – blau, rot, grün, weißgelb. Es leuchtet mir aus der Steckdose sanft ins Gesicht und umrahmt mein Bett. Ohne dieses kindische Beruhigungsmittel gegen Angst vor Dunkelheit würde ich wohl schlechter einschlafen und das nur wegen einigen beschissenen Büchern in meinem Regal, die sämtliche Horrorfilme übertreffen. Seitdem kann ich auf diese kleine Lampe nicht mehr verzichten, die ich zuvor noch nie im Leben gebraucht habe. Am besten wirkt die Lampe jedoch in Kombination mit Alkohol, Schlaftabletten und offenem Fenster. Der Lärm der Autos gibt mir das Gefühl, dass alles in Ordnung ist und die kalte Luft im Zimmer tut ihr Übriges. Das offene Fenster gibt mir das Gefühl, nicht alleine zu sein, da immer einige Autofahrer in der Nähe sind und die Vögel früh über die Wiese fliegen, um ihr Frühstück zu suchen.

Wenn ich gedanklich schon weit weg genug bin, stelle ich mir vor, dass ich in Berlin bin und nicht alleine im Bett liege. Mit der Hoffnung, dass ich mit dieser Vorstellung meine Träume beeinflussen kann, denn früher gelang mir das sehr häufig. Da konnte ich irgendwie alles.
Ich mag es nicht, jede Nacht alleine im Bett zu liegen. Aber der Gedanke, jede Nacht nicht alleine zu sein, stört mich noch mehr. Somit stecke wieder im Zwiespalt zwischen Wunsch und Abneigung, was aber nicht besonders schlimm ist, wenn man weiß, wie man damit umgeht.

Kurz vor dem Einschlafen drängt sich spontan eine absurde Frage in den Vordergrund, die ich im angetrunkenen Zustand nur inadäquat beantworten kann: Was sind eigentlich Gefühle? Warum spüre ich sie nicht (immer)?
Die anstrengende Frage macht mich müde und führt zu nichts. Die Antwort darauf befindet sich irgendwo in meinem schwammigen Gedankenhaufen im Kopf. 

Fest steht, dass ich genug Gefühle kriege, wenn ich eine Flasche Sekt ausgetrunken habe. Bei Whiskey klappt das allerdings nicht, denn das Zeug macht zu hart und zu taub. 

Irgendwann schlafe ich in meinem Gefühlsdusel ein und wünsche mir, dass ich dieser abendlichen Endlosschleife irgendwann entkomme. 

Diese Endlosschleife besteht aus Träumen und Sehnsüchten in Bezug auf den Mann meiner Tagträume, die mich bis spät in die Nacht verfolgen – der Mann aus Berlin, der momentan nur in meiner lebendigen Erinnerung existiert und zu weit weg wohnt, um sich spontan auf einen Gin Toxic mit Apfelsaft zu verabreden.
Dabei besteht die größte Anziehung gerade wegen der kilometerweiten Distanz und der damit verbundenen emotionalen Unnahbarkeit. Ständige Verfügbarkeit ist für mich nichts Spannendes, sondern schreckt mich ab.

Meist ist ein Mann für mich erst dann richtig attraktiv, wenn er mich nicht an sich herankommen lässt und sich mir gegenüber dennoch diplomatisch verhält. 

Jemand, der nicht anhänglich ist und jemand, mit dem Küssen nicht selbstverständlich ist. 

Ich stecke im Gefühlstaumel, weil ich Sachen und Eigenschaften liebe, die man besser nicht lieben sollte. Aber ich kann nicht anders, so sehr ich mich auch anstrenge, normal zu sein. Kälte kann viel reizvoller sein, als Wärme. 

Ehrlich gesagt: Ich will gar nicht normal sein. Mir würde zu viel entgehen.

Morgens um vier Wache ich auf. Schon wieder höre ich, wie mein Kater in der Wohnstube Unsinn macht. Ich gehe hin und schaue nach, was er diesmal angestellt hat. Er ist tatsächlich mit meiner Tapete beschäftigt, die er mit seinen Krallen immer weiter einreißt, um anschließend mit dem Papierschnipsel zu spielen.
Während ich den Schaden mit Kleber beseitige, guckt er mich mit groß aufgerissenen Augen an und beobachtet genau, was ich tue. Dann nehme ich ihn mit auf die Couch und rubbele grob sein Fell durch, was ihm sehr gefällt. Er steht auf rabiate Handgriffe. Nach ein paar Minuten reicht es ihm. Er windet sich aus meinen Armen hervor und schüttelt sein Fell zurecht. Danach kratzt er einige Male meinen Teppich, um seine Wut herauszulassen. Man könnte denken, er hat meinen Charakter kopiert.

Ich gehe wieder ins Bett, obwohl ich gar nicht mehr müde bin. In der Küche steht noch ein angefangenes Glas Gin. Kurz überlege ich, ob ich das noch trinke. Aber dann fällt mir ein, dass ich den Rest vorhin schon in den Abfluss gekippt habe.
Schlafen muss auch ohne Alkohol gehen und schließlich hatte ich am Abend genug davon. Wobei ich davon gerade nichts mehr merke. 

Ich schaue auf mein Handy und sehe eine neue Nachricht, die vor zwei Stunden ankam. Sie ist von meinem Lieblingsmann: Wir müssen uns bald treffen.

Bei dem Gedanken wird mir ganz anders, Aufregung macht sich breit und ein kribbeliges Gefühl durchzieht meinen Körper. Er hat recht, wir müssen uns bald treffen. Wir können nicht noch zig Monate auf den richtigen Zeitpunkt warten und können nicht ewig davon träumen, wie alles wäre. Mir steht nichts im Weg, ich bin frei. Also, warum nicht jetzt? Ich habe keine Lust mehr, in Vorstellungen zu schwelgen und mich nur mit den Filmwiederholungen meines Kopfkinos zufrieden zu geben.
Ich checke gleich die Zugverbindungen und sehe, dass es keine Probleme gibt.
Mir müssen uns nur noch auf einen Tag einigen und es kann losgehen.

Ich schreibe: Wann wollen wir uns treffen? 

Jetzt kann ich nur abwarten und mich wieder hinlegen. Dauernd muss ich grinsen, weil es nun Schritt für Schritt weiter geht und ich es kaum glauben kann. Mit diesem guten Gefühl schlafe ich wieder ein.

Doch irgendwann in der Nacht wache ich von einem leisen Piepen auf. Ich bin sofort hellwach und schalte die Lampe auf dem Fensterbrett an. Es ist 2:37 Uhr, als ich auf den Wecker neben mir schaue. Ich wundere mich und weiß im ersten Moment nicht, was das für ein komisches Piepen war. Als ich auf mein Handy gucken möchte, merke ich, dass es nicht angeht, obwohl es am Abend voll aufgeladen war. Vor dem Schlafen zeigte es 100% an. Und jetzt? Ich versuche es mehrmals anzukriegen. Aber es funktioniert nicht und ich vermute, dass der Akku tatsächlich leer ist, ohne Grund. Das Piepen war also nur der Hinweis, dass sich das Handy gleich ausschaltet. 

Danach fühle ich mich seltsam und mir wird kalt. Mehrere Minuten sitze ich verwundert im Bett und beobachte meine Umgebung. Ich starre zur Tür oder warte darauf, dass ich im Augenwinkel irgendeinen Schatten sehe. Es passiert nichts. Ich denke noch ein paar Minuten darüber nach, dass sich Akkus nicht ohne Grund leerfressen. Aber letztendlich macht es keinen Sinn, weiter darüber nachzudenken. Ich lasse einfach das Licht an, damit das unangenehme Gefühl in mir nicht zu stark wird. Mit Licht fühlt man sich irgendwie besser. Wahrscheinlich brauche ich tatsächlich diesen Marienkäfer, der bunte Sterne an die Wand wirft, damit ich beruhigter einschlafen kann.

Irgendwie will ich meiner Freundin noch schreiben, dass hier gerade merkwürdige Dinge passieren, aber ich bin schlau genug, um mir die Nachricht zu verkneifen. Erstens, weil sie schläft und zweitens, weil es gar nicht so schlimm ist. Eigentlich wäre es doch super interessant, wenn mal etwas Gruseliges passiert und ich mittendrin bin.

Am nächsten Morgen frage ich mich, ob das wieder so ein Traum war. Manche Leute klagen ja über mirtazapininduzierte Alpträume und überraschendem Übergewicht. Aber als ich sehe, dass das Handy immer noch leer ist, weiß ich, dass ich nicht geträumt habe. Das heißt, der wahre Traum vom eingebildeten Feueralarm bleibt auf Platz eins.

Ich hole mein Ladegerät und mein Handy frisst frische Energie aus der Küchensteckdose neben dem Kaffeeautomaten. Ansonsten lasse ich das Handy erst einmal aus. Irgendwie bin ich heute zu entspannt, um neugierig auf neue Nachrichten zu sein. Ich bin froh, wenn mir öfter mal einiges egal ist und ich nicht unter Spannung stehe. Deswegen mache ich heute alles in Ruhe. In Ruhe anziehen, in Ruhe schminken und in Ruhe essen. Vanille-Soyamilch und Kellogg’s, dazu Kaffee und Schokocappuccino. Das Tolle daran: Das Frühstück macht fast den ganzen Tag satt. Oder weil ich einfach nichts brauche. 

Der Morgen vergeht schnell und gegen Mittag leuchtet die grüne Lampe auf meinem Handy. Fertig geladen. Ich schalte das Handy an, worauf es kurz vibriert und sich langsam hochfährt. Code eingeben, warten. Wenn ich ungeduldig bin, dauert mir all das zu lange. Aber inzwischen habe ich mehr Ahnung von Geduld. 

Als die Internetverbindung hergestellt ist, treffen viele Nachrichten auf einmal ein. Alle von meinem Lieblingsmann aus Berlin. Ich bin sehr überrascht über die ganzen Nachrichten und freue mich schon, sie zu lesen. Vielleicht weiß er ja nun genau, wann wir uns treffen können oder er hat noch ein paar andere Ideen. Als ich im Chat nachschauen will, ist keine neue Nachricht zu finden. Auch sein Profilbild ist weg. Mir wird ganz anders. Was soll das denn jetzt? Und vor allem: Was ist mit den vielen Nachrichten, die auf dem Display erschienen? Die können doch nicht einfach weg sein. Ich klicke auf die leere Stelle, wo sonst das Profilbild erscheint. Kein Status. Nur die Daten, die ich gespeichert habe. 

Ich lese die letzte Nachricht: ‚Wann wollen wir uns treffen?‘ Die Nachricht, die ich gestern Abend schrieb. Er hat sie gelesen. Und dann? 

Ich schreibe eine kurze Nachricht, um zu gucken, ob sie durchkommt.

‚Hey‘

Natürlich erscheint nur ein graues Häkchen, welches auch eine Stunde noch einsam und grau ist.
Ich rufe meine Freundin an und sie nimmt gleich ab.

„Hallo?“

„Hey, hallo…ich bin’s..“

„Ja, dachte ich mir schon. Ist irgendwas bei dir passiert?“

„Ja, mir geht’s scheiße.“

„Was ist denn, Süße?“

„Ach, ganz komisch alles. Letzte Nacht ist mein Handy einfach so abgekackt. Akku leer…und heute ist der Typ einfach so verschwunden.“

„Wie jetzt? Was für’n Typ?“

„Na der, von dem ich dir erzählt hab, letztens..“

„Ach so, ja, ich weiß. Warum, was ist denn passiert?“

„Vorhin hatte ich ganz viele Nachrichten von ihm auf dem Display und als ich nachgucken wollte, war alles weg. Total komisch.“

„Hmm? Wie geht das denn? Bist du sicher, dass die von ihm waren?“

„Ja, klar…aber nun steht da nur meine letzte Nachricht von gestern. Und anscheinend hat er mich blockiert, ohne Grund. Versteh ich nicht.“

„Das ist ja komisch. Vielleicht ist es nur eine technische Störung oder so. Warte erstmal ab.“

„Glaub ich nicht. Das war noch nie so.“

„Hmm. Aber mehr kannst du wohl erstmal nicht machen. Oder du versuchst mal, ihn anzurufen?“

„Ja, könnte ich vielleicht noch probieren. Aber bin da nicht so ein Fan von. Du weißt doch, dass ich nicht so auf Telen stehe.“

„Probier’s doch einfach mal. Dann siehst du, was passiert.“

„Ja, okay, dann mach ich das gleich mal. Ich schreib dir dann.“

„Okay, bis gleich. Wird schon!“

„Ja, hoffe ich…“

Ich drücke meine Freundin schnell weg, um dann ihren Tipp zu testen und bin dabei ganz aufgeregt. Irgendwie schnürt mir die Situation gerade den Hals gewaltig zu. Auf jeden Fall fühle ich mich unwohl, als ich seine Nummer anklicke. Ich mag sowas nicht. Aber immer noch besser als diese bescheuerte Unwissenheit, auf die ich noch weniger stehe.
Es klingelt einmal und dann geht sein Anrufbeantworter an. Scheiße! Das ist doch ein eindeutiges Zeichen, dass ich auf der BlackList stehe!

Ich schreibe meiner Freundin: Blockiert.
Sie antwortet nur mit: Waaaaaaas???!?!?!??????

Und ich denke nur: WARUM?

Ich gehe gedanklich die letzten tollen Wochen durch und ich erinnere mich an nichts Negatives. Es ist nichts passiert. 

Dann gucke ich mein ganzes Handy durch und versuche die Nachrichten, die kurz auf dem Display erschienen, per Suchfunktion zu finden. Mein Handy findet nur die Texte, die ich schon kannte. Nichts Neues. Ich lese mir die alten Nachrichten durch und komme sofort wieder ins Schwärmen. Umso weniger verstehe ich die Blockierung. Ich starre das leere Profilbild an, als könnte ich damit etwas bezwecken. 

Impulsgesteuert wie früher, setze ich mich in den nächsten Zug, der alle zwei Stunden nach Berlin durchfährt. Selbst, wenn ich mein Auto im vergangenen Herbst nicht zu Schrott gefahren hätte, hätte ich es heute nicht angerührt. Man sollte die Hände von Autos lassen, so lange man sich angepisst fühlt. Mein Fahrschullehrer konnte mir das damals leider nicht glaubhaft beibringen. 

Ich sitze im Zug, wie ich gerade bin. Manchmal ist es einfach nicht nötig, sich Gedanken über die passenden Klamotten und Schmuck zu machen. Manchmal reicht es, wenn man einfach so ist, wie man ist. Ohne Gedanken. Zerstreut beschreibt den richtigen Ausdruck für meinen Zustand im Zug. Eigentlich denke ich nichts. Ich denke nicht mehr, als: warum.
Mein Handy bleibt reaktionslos. Der blockierte Kontakt, alias ich, bewegt sich nun selbständig nach Berlin. Ohne zu wissen, was dann passiert. Naiv ohne Konsequenz. 

Nach einigen Stunden sitze ich tatsächlich auf einer Bank beim Alexanderplatz. Die wichtigsten Anlaufstellen befinden sich gleich in der Nähe: Essen, Kino und Hotel. Ich weiß noch nicht, ob ich ein Hotel brauche. Aber immerhin ist es schon abends.
Eigentlich weiß ich nun gar nicht, was ich machen soll. Ein wenig verloren bin ich in Berlin schon. Manchmal. Es dauert nicht lange, bis ich nach und nach von Leuten angesprochen werde, die Geld haben wollen. War ja irgendwie klar. Aber da ich kein Bargeld dabei habe, kann ich nicht viel machen. Im Nachhinein bemerke ich, wie die Leute hübsche Handys aus ihren Hosentaschen ziehen und recht gut angezogen sind. So so.

Aber was mache ich jetzt? Auf meinem Handy tut sich nichts. Das Einzige, was ich tun kann, ist, mir ein Taxi zu rufen und zu der Adresse zu fahren, wo mein Lieblingsmann wohnt. Aus genau dem Grund bin ich schließlich nach Berlin gefahren. Und jetzt werde ich nervös. Ob das so eine gute Idee ist? Wer weiß, was mich dort erwartet und ob ich das alles sehen will. Aber okay, was habe ich schon zu verlieren? Eventuell meine Hoffnung. Aber die könnte ich auch woanders wiedergewinnen, wenn ich mich mehr anstrengen und mehr Männern ein winzige Chance geben würde. 


– Zeitverschwendung – 

Ein Taxifahrer parkt direkt in meiner Nähe und wartet auf mich. Ich sage ihm, wo es hingehen soll und er nickt. Nach zwanzig Minuten sind wir da.
Ich stehe vor der Tür meiner Zieladresse. 

Meine innere Stimme sagt: Alles egal, alles egal. Und ich versuche ihr zu glauben. 

Alles egal. 

Die Haustür unten ist auf und ich gehe hinein, ohne zu zögern. Es ist nur ein Haus mit Menschen drin. Als ob mich sowas schon jemals gestört hätte. An jeder Tür steht ein Name dran, auch völlig normal. Bis ich vor der wichtigsten Tür stehe – seiner Tür. Mich schaudert es ein wenig. Schließlich bin ich diejenige, die unangemeldet davor steht. Ich komme mir sofort illegal vor und es würde sich verboten anfühlen, wenn ich gleich klingeln würde. Aber wofür habe ich mir sonst den weiten Weg gemacht? Eigentlich ist es doch echt egal, was ich in den nächsten Minuten tun werde. Es kann nur gut oder schlecht werden, denn dazwischen gibt es nichts. Es gibt nur zwei Optionen. 

Ja oder nein.

An der Tür hängt nichts weiter, bis auf das Schild mit dem Namen drauf. Die Tür macht auf mich einen kalten Eindruck. Irgendwie versucht sie mich auf Abstand zu halten. Wenn ich mich noch weiter in die Sache hineinsteigere, warnt sie mich sogar davor, zu klingeln. Ich kneife die Augen zusammen und meine Stirn faltet sich automatisch, um meine Mimik noch kritischer darzustellen.
Dann läuft eine Person aus dem Haus an mir entlang. Es ist ein Mann, er bemerkt wohl meinen Gesichtsausdruck und fragt: „Suchst du irgendwas?“

Warum du, ist mein erster Gedanke. Sehe ich wie ‚du‘ aus…? Das wäre ja keine Überraschung, nach all den Jahren des Nicht-Alterns.
„Nein, ich überlege nur.“

Ich fühle mich gerade wie in einem Laden, in dem mich die Verkäuferin nach meinen Vorlieben fragt und mich dringend beraten möchte.

Der Mann geht wieder. Er kann nichts für mich tun. 

Ich bleibe vor der Tür und überlege mir die Fortsetzung. Es liegt an mir, was ich aus dieser Sache mache, denn mein Lieblingsmann ignoriert mich. Auf meinem Handy tut sich weiterhin nichts. 

Okay, ich bewege meine Finger vorsichtig in Richtung Klingel. Gleich wird alles noch illegaler. Die Klingel ist der letzte Schritt, der mir helfen kann. Mein Zeigefinger berührt den Knopf, nur das Drücken fällt noch schwer. Dann, ganz langsam, drücke ich den Knopf rein und ich weiß nun, wie es sich anfühlt, wenn man bewusst die Backenzähne fest aufeinanderpresst. 

Irgendwie ist das gerade eine ziemlich unangenehme Situation und mein Herz rebelliert auf jeden Fall. Alles ist ganz leise, ich höre nichts von drinnen. Vielleicht ist er nicht da. Kann sein, dass er arbeitet und nicht zu Hause ist. Ich warte angespannte zwei Minuten, bis mir klar wird, dass niemand zu Hause ist. Klar könnte ich nun etwas durchatmen, aber ich bin dennoch wie erstarrt und mein Herz kriegt sich eh nicht so schnell ein, wenn es aufregend wird. 

Dann höre ich, wie sich jemand annähert und ich denke, dass es wieder einer der Nachbarn ist. Ich möchte sehen, ob es wieder der Mann von eben ist und drehe mich um. Und dann steht plötzlich der Mann aus Berlin vor mir, wegen dem ich hier bin. 

Mein Kopf ist kurzzeitig leer, obwohl das alles kein Vergleich zu dem ist, was ich in den letzten sechs Jahren erlebt habe. Es gibt also keinen Grund für Aufregung. Alles ist gut. Ich muss mich nur öfter daran erinnern.
Er sieht so aus, wie ich ihn in Erinnerung habe. Nur wirkt er etwas überraschter in diesem Moment. Ich bin etwas verlegen, weil ich hier bin. So ganz ohne Erlaubnis.
Auf einmal sagt er: „Gehen wir doch rein.“

Auch mal schön, die Begrüßung zu überfliegen. Manchmal reichen Blicke, um ‚Hallo‘ zu sagen. 

Ich grinse kurz und folge ihm dann in die Wohnung. Vorher noch Schuhe abtreten und dann irgendwo abstellen. Er nimmt mir die Jacke ab, Mütze und Schal stopfe ich in die Handtasche. 

Andere Wohnungen sind interessant, aber heute ist es mir ausnahmsweise mal unwichtig, wie alles aussieht. Keine Zeit für Interpretationen und Fantasien.
Ich suche mir einen Platz und warte ab.

Er bietet mir was zu trinken an, aber ich möchte nichts. Mir ist gerade nicht danach. Stattdessen schwirren mir Fragen im Kopf herum, aber ich denke nicht, dass das der passende Moment dafür ist. Lieber bin ich froh, dass ich hier sein darf.

Eigentlich müssten wir gar nicht viel reden, wenn wir die gleichen Gedanken hätten. Aber haben wir die? 

Wo ist er eigentlich die ganze Zeit? Ich sehe ihn nicht. Seit ich in seiner Wohnung bin, bin ich alleine. Könnte sein, dass er im Bad ist. Oder im Schlafzimmer. Alles ist leise. Ich spiele nervös an meinem Armband herum. In diesem gedimmten Licht glitzert es nicht so schön. Ich sitze eine ganze Weile alleine am Tisch und finde es merkwürdig. Er behandelt mich wie einen unerwünschten Gast. Eine Tatsache.
Als ich ihn frage, wo er ist, fühle ich mich, als würde ich ein Selbstgespräch führen. Keine Antwort. Ich stehe auf, und gucke zaghaft in jedes Zimmer. Im Schlafzimmer finde ich ihn vor seinem Notebook sitzend.

Sieht aus, als würde er arbeiten.

„Soll ich gehen“, frage ich. 

Er scheint die Frage zu überhören, weil er sich in seine Arbeit vertieft hat. Ich sehe nur Namen auf dem Bildschirm und kann mir denken, womit er beschäftigt ist. 

Inzwischen ist es 21 Uhr und ich weiß nicht, was ich tun soll. Ob ich bleiben darf, oder gehen muss. Die Stimmung ist irgendwie angespannt, da er mich auch hier ziemlich ignoriert. 

„Es ist schon spät“, deute ich an. Mit der Hoffnung, dass er versteht, worauf ich hinaus will. 

„Du bleibst heute hier“, sagt er nur. 

Das überrascht mich. Also will er mich doch nicht loswerden. 

„Mach dich schon mal fertig.“

„Wie jetzt?“

„Fertig machen für’s Bett.“ 

Wie gut, dass ich fast überhaupt nichts dabei habe. Ich habe nur meine Handtasche mit und an Dinge, wie Übernachtung dachte ich überhaupt nicht. So weit war ich mit meinem Plan nicht. 

„Ich hab nichts mit.“

„Dann gehst du jetzt baden und schläfst dann nackt. Ganz einfach.“

Ein erotischer Gedanke, der es schafft, mich trotzdem schüchtern zu machen. Wir beide kennen uns doch noch gar nicht so gut. 

Ich gehe ins Bad und gucke nochmals meine Handtasche durch. Vielleicht befinden sich darin noch andere Dinge, die ich gebrauchen könnte. Aber nein, leider nicht. Schlüssel, Portemonnaie, zwei Handys, Taschentuch, Ladekabel, rosa Dior Lippenstift und Pillen. Ansonsten nichts. Okay. 

Baden ist gut, die perfekte Entspannung, wenn ich den Rest des Abends ausblende und nicht weiter denke. Denn wenn ich daran denke, wo ich jetzt bin, macht mich das kribbelig. Und weil ich nicht weiß, was er insgeheim von mir hält. Ob er sich freut? Oder will er mir vielleicht einen Denkzettel verpassen? Ich kann ihn nicht einschätzen, da er abwesend auf mich reagiert. Aber vielleicht hat er einfach nur viel zu tun. Es nützt nichts, weiter darüber nachzudenken. Auf jeden Fall brauche ich für diese Nacht kein Hotel.

Ich bade lange, genau wie zu Hause. Eine Stunde und paar Minuten und das ganz ohne Buch. Ich träume vor mich hin. Und nein, es muss nicht der gleiche Badeschaum wie zu Hause sein. Aber dieses pinke Duschbad auf dem Wannenrand stört mich. Es flüstert mir provokant ‚Frau‘ entgegen. Ich nehme das Duschbad in die Hand und sage: „Ich mag dich nicht.“ Das Duschbad bleibt stumm und erzählt mir keine Geheimnisse. 

Aber…was tue ich hier eigentlich? Ich sitze in einer fremden Badewanne und versuche mich mit einem Duschbad zu unterhalten. Niemand sollte mich dabei erwischen, wenn ich gedanklich abdrifte. Das ist zu irre.

Es klopft an der Tür und ich werde sofort aus meinem Wahnsinn herausgerissen, weil ich mich erschrecke. Zurück in der Realität.
„Möchtest du jetzt vielleicht was trinken?“, fragt er.

„Ähm..ja..“

Die Hitze im Bad macht mich nämlich schon ganz düsig.

„Was möchtest du denn?“

Am liebsten würde ich Gin Toxic sagen. Aber das wäre zu viel verlangt, sonst wird mir schwindlig und ich könnte sehr anzüglich werden. Ich weiß nicht, ob das gut ist.

„….Mineralwasser?“

„Okay.“

Dann geht er wieder und ich fixiere wieder das pinke Duschbad.

„Und was ist mit dir? Vielleicht ein Rosenwasser?“

Paar Minuten später kommt er einfach ins Bad und stellt mir das Glas auf den Wannenrand. Es ist genug Schaum in der Wanne, sodass ich mich wie angezogen darin fühle. Er sieht nichts.
„Danke.“

Dann bleibt er neben der Wanne stehen, als ob er auf irgendetwas warten würde. 

„Was ist denn“, ich schaue fragend nach oben. 

„Wenn du das Glas ausgetrunken hast, kommst du aus der Wanne.“ 

Er wirkt nicht gerade freundlich, als er das sagt. 

Dann geht er. Anscheinend halte ich mich schon zu lange hier drinnen auf. Gäste müssen sich anpassen. 

Nach fünf Minuten bin ich draußen. 

„Du hast dich ja wieder angezogen. So geht das nicht, du kannst hier nicht machen, was du willst. Das müsstest du doch wissen.“

Mit so einer Bemerkung habe ich nicht gerechnet. Vor allem, weil ich in den letzten Stunden so ignoriert wurde.

„Du kannst dich gleich wieder ausziehen und dich da hin setzen.“

Er zeigt auf einen Stuhl, der mitten im Raum steht, wo vorhin noch keiner stand. In der Wanne war es deutlich wärmer. Und die Stimmung im Raum ist herbstlich. Heute ist nicht mein Tag, das wird mir leider viel zu spät klar. Meine Stimmung schlägt abrupt um und ich fühle mich von ihm angegriffen. Ich sage ihm meine aktuelle Meinung. 

„Ich will heute nichts.“

Er wird aufmerksam und ich spüre, dass ihm der Satz ganz und gar nicht gefällt.

„Wie nichts?“

„Ich will mich jetzt nicht ausziehen. Mir ist kalt und ich glaube, ich krieg meine Tage oder so.“ 

Die beste Drohung, die immer zieht. Ich kann nichts dafür, dass meine Stimmung jetzt umschlägt. Irgendwie passt das alles gerade nicht. Liegt wahrscheinlich daran, dass Winter ist und ich meine Sachen nicht mit habe. Ich bin ohne alles hier und das geht gar nicht. Und die Klamotten sind auch nicht optimal. Die Leggings und der Strickpullover haben mit meiner Persönlichkeit nichts zu tun. Früher zerriss ich immer T-Shirts, die mir nicht gefielen. Das könnte ich jetzt auch tun. Aber weil ich weiß, dass in zehn Minuten wieder alles toll sein wird, verzichte ich darauf.

Er guckt mich kritisch an, ohne was zu sagen. Aber es sieht eher so aus, als würde er immer noch warten. Er lässt sich nicht von dem ablenken, was ich sage.
Ohne einen wirklichen Auslöser fühle ich mich seit wenigen Minuten überfordert. 

Ich wende mich ab und finde die richtige Tür zum Schlafzimmer wieder. Dort lege ich mich ins Bett und ziehe mir die Decke über den Kopf. 

So, und jetzt wieder vernünftig sein, rede ich mir ein. Sonst…

Ich muss lächeln, als ich mich an meine früheren Wutanfälle erinnere, wo ich sämtliche Klamotten zerrissen habe. Am liebsten Unterhemden, weil ich die richtig hasste. Jeder, der mich heute kennenlernt, kann sich glücklich schätzen, dass diese Zeiten vorbei sind und ich andere Bewältigungsmechanismen verwende. Unter anderem Arbeiten. Aber nicht nur das. 

Türen schlagen ist übrigens auch lange out. Genauso wie eine volle Kellogg’s-Schale auf dem Küchentisch zerschmettern zu lassen. Ich weiß nicht mehr, warum. Eigentlich reichte manchmal nur ein einziges falsches Wort, welches sich dann als Missverständnis entpuppte. Früher konnte ich mit Kritik nicht umgehen, deswegen wurde ich schnell Klassenbeste, damit niemand mehr etwas zu sagen hatte. Perfektion motivierte mich enorm und ich bekam umso mehr Taschengeld, welches ich für Plüschtiere ausgab. Und für Chupa Chups Lutscher, sowie deren Apparaturen, wo man sie reinstecken konnte.

Die weiße Decke, unter der ich liege, fühlt sich angenehm an. Sie riecht nicht so muffig, wie manch andere Decke, unter der ich schon geschlafen habe. Ich finde die Aura der Decke bezaubernd. Meine Handtasche liegt auf dem Fußboden. Ich krabbel mit der linken Hand rein und versuche blind die Pillendose zu ertasten, weil ich meinen Kopf unter der Decke lasse und nichts sehen kann. Zwischen all dem Kram finde ich sie nicht, weil sie wahrscheinlich ganz unten liegt. Alles liegt unten, wenn man etwas sucht. Das ist mit den Akten auf Arbeit nicht anders.  Aber ich will nicht unter der Decke hervorkommen, um nachzugucken.

In dem Moment geht das Licht an, meine Hand erstarrt in der Tasche. Dann herrscht einen Atemzug völlige Ruhe.

„Was machst du denn da“, herrscht er mich an.

Ich weiß nicht, was er sich bei dem Anblick denkt. Wenn er zehn Minuten später gekommen wäre, wäre vielleicht alles gut. Aber er hat zu früh das Zimmer betreten, weil ich immer noch etwas durcheinander bin und nicht weiß, was mit mir los ist. Deswegen wollte ich meine Pillen haben. Die hätten mich zurück ins Gleichgewicht gebracht.

„Also, was ist los“, fragt er. 

Er hat eine logische Antwort verdient. Aber die kann ich ihm jetzt nicht geben.

„Mein Unterbewusstsein ist los.“

Für mich die logischste Antwort. Anders lassen sich spontane Stimmungsschwankungen nicht beschreiben. Sie kommen und gehen unangekündigt, wenn irgendwas in mir ausgelöst wird, ohne zu wissen, was.

„Und was machst du da in deiner Tasche?“

„Ich suche etwas.“

Er lacht kurz. Dann macht er das Licht wieder aus und unter der Decke wird es so dunkel, wie vorher.

Dass er so schnell geht, hätte ich nicht gedacht. Vor allem, weil es inzwischen ziemlich spät sein muss. Irgendwann wird er sicher ins Bett wollen. Als es auf einmal klingelt, werde ich aus meinen Was-wäre-wenn-Gedanken herausgerissen.

Ich schaue auf mein Handy. Es ist 23 Uhr. Später, als ich dachte. Dass ich schon einige Stunden hier bin, kann ich mir gar nicht vorstellen und ich bin nicht einmal müde.

Viel wichtiger ist: Wer ist da an der Tür? 

Ich bleibe im Bett, denn alles andere wäre zu gewagt. Besucher haben sich im Hintergrund zu halten. Ich bilde mir ein, eine Frauenstimme zu hören. Was auch sonst. Zwei Stimmen wechseln sich ab. Er und sie. Ich fühle mich wie ein versteinerter Vulkan, weil ich ausbrechen will und nicht darf. Es wäre ja sowieso viel zu übertrieben, da ich nicht weiß, worum es geht und alles nur Kopfsache ist. Und weil es mich eigentlich absolut nichts angeht. Aber die Neugier bleibt. 

Ich stelle mich still vor die Schlafzimmertür, um durch den offenen Spalt mehr mitzukriegen. Mein Strickpullover klebt. Entweder habe ich unter der Decke zu sehr geschwitzt oder der Vulkan findet sein Ventil und läuft gerade in Form von Angst an mir hinunter. Wut ist es nicht, sondern Angst vor Verlust.

Nach ewigen Minuten ist das Gespräch an der Tür vorbei. Es geht mir nicht besser und nicht schlechter. Ich befinde mich nun eher in dieser Egal-Stimmung, die mir ganz gut gefällt. Lieber so, als zu viel Emotionen. Letztendlich kann ich doch sowieso nichts ändern und muss die Dinge so hinnehmen, wie sie sind.
Ich komme vorsichtig aus dem Zimmer, wie nach einem Streit zwischen zwei Erwachsenen, der gerade an der Haustür beendet wurde. Die Luft ist rein und das nächste Drama könnte beginnen.

„War das die mit dem Duschbad?“, frage ich zusammenhangslos.

Er schaut mich irritiert an. 

„Ich meine, ob das pinke Duschbad auf dem Wannenrand von ihr ist.“

Irgendwie gibt es dafür wohl keine Antwort, die mich etwas angeht. Oder er weiß nicht, wovon ich rede.

Ein Glück, dass ich innerlich gerade stumm bin und nicht das Bedürfnis habe, sehr viele Fragen zu stellen. Die beantworte ich mir lieber selber in meiner Fantasie, denn die Wahrheit will ich echt nicht wissen. Ich weiß nicht, wie meine Wohnung dann aussehen würde und ob mich der Gin Toxic aus meiner Küche vernichten könnte, wenn mir vorher nicht schlecht wird. Mit Apfelsaft hätte er gute Chancen, zusammen mit einer anschließenden Zugfahrt. Das hat schon einmal geklappt. 

Nach meinem Statement gehe ich zurück ins Schlafzimmer. Ich trotte eher lässig zurück. So, als ob ich bei ihm wohnen würde. Dabei könnte er mich immer noch rausschmeißen, wenn ich zu anstrengend werde.
Wieder liege ich unter der Decke. Bis er sie wegnimmt und es wieder richtig hell wird. 

„Jetzt ist Schluss. Du machst jetzt, was ich sage. Ist das klar?“

Er sieht ernst aus und ich spüre sofort, dass es keine leere Drohung ist. Mir ist sowieso schon die ganze Zeit bewusst, dass ich mit meinem Verhalten zu weit gehe. Ich wollte nur testen, wie weit ich gehen kann. Und jetzt muss ich artig sein und mich benehmen. Seine Wohnung, seine Regeln. Ich der Gast.

Aber wahrscheinlich testet er mich. Er hat solche Sachen schon einmal erwähnt und behauptet, er würde mich testen. Es ist schon länger her, aber ich weiß es.

Er guckt mich an, ohne seinen Blick aufzulockern und zeigt mir, dass ich Grenzen überschritten habe.
„Jetzt komm unter der Decke vor, ich will dich sehen, Kleine.“

Ich mache was er sagt und schaue zu ihm hoch. Alles wie beim letzten Mal, nur dass das hier kein Abschied ist, sondern die Fortsetzung. 

„Und jetzt zieh dich aus. Das solltest du vorhin schon tun.“

Ich halte kurz inne, ziehe zuerst die Leggings und dann den Pullover aus. 

Diesmal trage ich pastellfarbene Reizwäsche in weiß und rosa. Passt ja auch perfekt, wenn man blass und unvorbereitet ist. 

Er betrachtet mich und sein Blick gleitet von oben nach unten und wieder zurück.

„Dreh dich mal.“

Nachdem ich mich einmal gedreht habe, positioniert er mich so, dass ich mit dem Hintern vor ihm stehe. Dann zieht er mir den Slip runter und streichelt meinen Po. Es fühlt sich so angenehm an, dass mir warm wird. Am liebsten würde ich mich umdrehen und ihn umarmen. Aber das geht nicht. Seine Hände zu spüren ist toll. Mein kleiner Po passt genau in seine großen Hände. 

Dann macht er meinen BH auf. So geschickt und zart, dass ich es kaum bemerke. 

Ich drehe mich wieder zu ihm, um ihn sehen zu können. Seine Augen sind so faszinierend blau und tief. Ich las einmal ein Buch über Charisma. Er könnte es geschrieben haben, denn er besitzt davon reichlich. 

Ich liebe es, wie er mich anschaut und dabei ernst bleibt. Er steht selbstbewusst in Jeans und Hemd vor mir und ich bin völlig nackt. Seine Blicke scheinen keine Stelle meines Körpers auszulassen. Er nimmt mich mit zu dem Stuhl, der immer noch mitten im Raum steht.

„Setz dich dort hin“, befiehlt er. 

Der Stuhl ist aus Holz und fühlt sich kalt an, unter meiner warmen Haut. Er steht angelehnt an der Tischkante und beobachtet mich, ohne einen Hauch von Mimik. Er hat das Sagen und ich habe nicht mehr das Bedürfnis, etwas zu tun, was dem widerspricht. Ich habe mich wieder unter Kontrolle, so lange er den Ton angibt und direkte Ansagen macht. Ich möchte ihn nicht provozieren. Ich will nichts kaputt machen. Nicht wieder.

Er sitzt minutenlang einfach nur da und schaut mich an. Ich kann seinen Blick nicht halten und schaue Weg. Dennoch sagt er dazu nichts. 

Dann kommt er zu mir. 

„Und jetzt guck mich an!“

Seine Stimme ist trotzdem leise und ruhig. 

Während er mich anguckt denke ich ‚fick mich‘. Ich denke es die ganze Zeit, bis ich es ausspreche: „Fick mich.“

Ich spüre, dass es ihn sofort anmacht. Es ist, als würden seine Augen etwas aufblitzen, ohne dass man es wirklich sieht. Ich kann es nur spüren. Sein Blick wirkt danach noch eindringlicher. 

„So so“, sagt er nur. „Und wie heißt das richtig?“

„Fick mich,..bitte.“

„Schon besser, Kleine.“

Ich verstehe nicht, warum ich noch auf diesem Stuhl sitze, anstatt mit ihm sofort ins Bett zu gehen. Innerlich bin ich unruhig und heiß geladen. Ich gucke ihn flehend an und merke, dass es ihm nicht anders geht. 

Ungefähr eine Viertelstunde sitze ich auf diesem Stuhl mit der Hoffnung, dass es gleich weiter geht. Dann klingelt sein Handy. Es ist längst Nacht! Wer ruft denn da noch an? Ich ahne gleich, dass das alles irgendwie nicht gut ist. Er verzieht sich mit dem Handy ins Schlafzimmer, damit ich nicht zu viel mitkriege von seiner Arbeit. Ich höre seine Stimme, aber keine Worte. Inzwischen fühle ich mich unwohl. Meine Sachen liegen direkt vor der Schlafzimmertür und kann sie nicht holen, da ich sonst zu nah am Telefongeschehen wäre. Er würde denken, dass ich neugierig bin.
Aber weil ich mich zunehmend unbehaglicher fühle, hole ich schnell meine Sachen und entferne mich gleich wieder von der Tür.

Es dauert nicht lange, bis er fertig ist und ich angezogen auf dem Stuhl warte.
„Es tut mir Leid, aber du musst gehen. Ich habe noch zu tun.“

„Wie jetzt? Mitten in der Nacht? Wo soll ich denn hin? Ich kann doch hier bleiben.“

„Nein, es kommen gleich ein paar Kollegen, wir haben was zu besprechen.“

Ich kann das fast gar nicht glauben, aber ich versuche es zu verstehen. 

„Ich weiß nicht, wo ich hin soll.“

„Nehme dir ein Hotel, ich bezahle es.“

„Nein, brauchst du nicht. Ich hab genug Geld. Aber ich find es nicht gut, jetzt gehen zu müssen.“

„Ich auch nicht. Ich habe mir die Nacht auch anders vorgestellt. Aber es ist wichtig. Nehme es bitte nicht persönlich, okay?“

Ich schweige und gucke betreten weg. Mir gefällt das nicht.

„Wie soll es denn weitergehen? Sehen wir uns wieder?“

„Ja, auf jeden Fall. Mach dir keine Gedanken. Versprochen?“

„Es wird mir schwerfallen. Aber ich versuche es.“

„Du musst jetzt gehen, Kleine.“

Ich strenge mich an, die Tränen zu verdrängen. Es fällt mir jedoch enorm schwer. 

„Meldest du dich dann bitte wieder bei mir? Ich meine, du hast mich blockiert, was ich nicht verstehe.“

„Ja, dafür gibt es andere Gründe. Ich werde mich bei dir melden, wenn ich mehr Zeit habe. Und bitte warte nicht auf mich, sondern genieße dein Leben bis dahin.“

„Das macht mich traurig.“

„Nicht doch, dafür gibt es keinen Grund. Ist doch alles toll!“

Alles toll. Jaja. Ich hole enttäuscht meine Tasche aus dem Schlafzimmer und ziehe mich an. Mit dem Taschentuch trockene ich mir die Tränen ab, bevor sie sichtbar herunterkullern. Das will ich nicht. Er soll nicht denken, dass ich labil bin oder klammere. Oder sonst was.

Ich gucke ihn an und es bricht mir fast das Herz, jetzt von ihm nach Hause geschickt zu werden.

„Darf ich dich umarmen?“, frage ich.

Und dann tue ich es einfach. Es fühlt sich so gut, wie bei keinem anderen. Ich würde aus diesem Moment gerne eine Stunde machen. Aber es geht nicht, er löst sich aus der Umarmung. 

„Bis zum nächsten Mal?“, frage ich leise.

„Ja, bis bald.“

Ich werde versuchen, mir keine Hoffnungen zu machen, wann bald ist. Bald kann auch irgendwann sein. Oder vielleicht sogar nie. 

Dann lässt er mich aus der Wohnung und hinaus in die Nacht. Ich drehe mich nicht noch einmal um, denn das würde wehtun. 

In meiner Tasche liegt mein iPod. Er ist noch an und steht seit dem Lied ‚Never be like you‘ von Flume auf Pause. Schöner Song, der gerade gut passt. In der anderen Jackentasche befindet sich mein kleiner Notizblock, der für unterwegs immer wichtig ist, um Gedanken sofort aufzuschreiben. Leider habe ich diesmal keinen Stift dabei. Mein Ausflug war ja nicht geplant.
Ansonsten bin ich gerade mitten in Berlin, auf der Suche nach irgendeinem Hotel, welches mir den Abschiedsschmerz nimmt und mir einen verträumten Schlaf schenkt. Leider werde ich so ein Hotel niemals finden. 

Mein Handy vibriert in der Tasche. Ich hole es sofort heraus und erwache schnell wieder aus meiner Traurigkeit, als ich die Nachricht lese.

‚Komm gut nach Hause, Süße. Du warst bezaubernd.‘
Ich bin glücklich und warte mit Sehnsucht auf unser Wiedersehen. Irgendwann. 

– Ende –

What I would do to take away
This fear of being loved, allegiance to the pain
Now I fucked up and I'm missing you
Never be like you
I would give anything to change
This fickle minded heart that loves fake shiny things
Now I fucked up and I'm missing you
Never be like you

I'm only human can't you see
I ma-I made a mistake
Please just look me in my face
Tell me everything's okay
'Cause I got it
Oo ooh
Never be like you

Why do I make you want to stay
Hate sleeping on my own, missing the way you taste
Now I'm fucked up and I'm missing you
Never be like you

Stop looking at me with those eyes
Like I could disappear and you wouldn't care why
Now I'm fucked up and I'm missing you
Never be like you

I'm only human can't you see
I ma-I made a mistake
Please just look me in my face
Tell me everything's okay
'Cause I got it
Oo ooh
Never be like you

I'm falling on my knees
Forgive me, I'm a fucking fool
I'm begging darling please
absolve me of my sins, won't you

Ohoo

I'm falling on my knees
Forgive me, I'm a fucking fool
I'm begging darling please
Absolve me of my sins, won't you

I'm only human can't you see
I ma-I made a mistake
Please just look me in my face
Tell me everything's okay
'Cause I got it
Oo ooh
Never be like you 

[Flume: Never Be Like You]



 

Jemand und Gin 4

[…]

Ich muss lächeln, als ich mich an meine früheren Wutanfälle erinnere, wo ich sämtliche Klamotten zerrissen habe. Am liebsten Unterhemden, weil ich die richtig hasste. Jeder, der mich heute kennenlernt, kann sich glücklich schätzen, dass diese Zeiten vorbei sind und ich andere Bewältigungsmechanismen verwende. Unter anderem Arbeiten. Aber nicht nur das. 
Türen schlagen ist übrigens auch lange out. Genauso wie eine volle Kellogg’s-Schale auf dem Küchentisch zerschmettern zu lassen. Ich weiß nicht mehr, warum. Eigentlich reichte manchmal nur ein einziges falsches Wort, welches sich dann als Missverständnis entpuppte. Früher konnte ich mit Kritik nicht umgehen, deswegen wurde ich schnell Klassenbeste, damit niemand mehr etwas zu sagen hatte. Perfektion motivierte mich enorm und ich bekam umso mehr Taschengeld, welches ich für Plüschtiere ausgab. Und für Chupa Chups Lutscher, sowie deren Apparaturen, wo man sie reinstecken konnte.

Die weiße Decke, unter der ich liege, fühlt sich angenehm an. Sie riecht nicht so muffig, wie manch andere Decke, unter der ich schon geschlafen habe. Ich finde die Aura der Decke bezaubernd. Meine Handtasche liegt auf dem Fußboden. Ich krabbel mit der linken Hand rein und versuche blind die Pillendose zu ertasten, weil ich meinen Kopf unter der Decke lasse und nichts sehen kann. Zwischen all dem Kram finde ich sie nicht, weil sie wahrscheinlich ganz unten liegt. Alles liegt unten, wenn man etwas sucht. Das ist mit den Akten auf Arbeit nicht anders.  Aber ich will nicht unter der Decke hervorkommen, um nachzugucken.

In dem Moment geht das Licht an, meine Hand erstarrt in der Tasche. Dann herrscht einen Atemzug völlige Ruhe.

„Was machst du denn da“, herrscht er mich an.

Ich weiß nicht, was er sich bei dem Anblick denkt. Wenn er zehn Minuten später gekommen wäre, wäre vielleicht alles gut. Aber er hat zu früh das Zimmer betreten, weil ich immer noch etwas durcheinander bin und nicht weiß, was mit mir los ist. Deswegen wollte ich meine Pillen haben. Die hätten mich zurück ins Gleichgewicht gebracht.

„Also, was ist los“, fragt er. 

Er hat eine logische Antwort verdient. Aber die kann ich ihm jetzt nicht geben.

„Mein Unterbewusstsein ist los.“

Für mich die logischste Antwort. Anders lassen sich spontane Stimmungsschwankungen nicht beschreiben. Sie kommen und gehen unangekündigt, wenn irgendwas in mir ausgelöst wird, ohne zu wissen, was.

„Und was machst du da in deiner Tasche?“

„Ich suche etwas.“

Er lacht kurz. Dann macht er das Licht wieder aus und unter der Decke wird es so dunkel, wie vorher.

Dass er so schnell geht, hätte ich nicht gedacht. Vor allem, weil es inzwischen ziemlich spät sein muss. Irgendwann wird er sicher ins Bett wollen. Als es auf einmal klingelt, werde ich aus meinen Was-wäre-wenn-Gedanken herausgerissen.

Ich schaue auf mein Handy. Es ist 23 Uhr. Später, als ich dachte. Dass ich schon einige Stunden hier bin, kann ich mir gar nicht vorstellen und ich bin nicht einmal müde.

Viel wichtiger ist: Wer ist da an der Tür? 

Ich bleibe im Bett, denn alles andere wäre zu gewagt. Besucher haben sich im Hintergrund zu halten. Ich bilde mir ein, eine Frauenstimme zu hören. Was auch sonst. Zwei Stimmen wechseln sich ab. Er und sie. Ich fühle mich wie ein versteinerter Vulkan, weil ich ausbrechen will und nicht darf. Es wäre ja sowieso viel zu übertrieben, da ich nicht weiß, worum es geht und alles nur Kopfsache ist. Und weil es mich eigentlich absolut nichts angeht. Aber die Neugier bleibt. 

Ich stelle mich still vor die Schlafzimmertür, um durch den offenen Spalt mehr mitzukriegen. Mein Strickpullover klebt. Entweder habe ich unter der Decke zu sehr geschwitzt oder der Vulkan findet sein Ventil und läuft gerade in Form von Angst an mir hinunter. Wut ist es nicht, sondern Angst vor Verlust.

Nach ewigen Minuten ist das Gespräch an der Tür vorbei. Es geht mir nicht besser und nicht schlechter. Ich befinde mich nun eher in dieser Egal-Stimmung, die mir ganz gut gefällt. Lieber so, als zu viel Emotionen. Letztendlich kann ich doch sowieso nichts ändern und muss die Dinge so hinnehmen, wie sie sind.
Ich komme vorsichtig aus dem Zimmer, wie nach einem Streit zwischen zwei Erwachsenen, der gerade an der Haustür beendet wurde. Die Luft ist rein und das nächste Drama könnte beginnen.

„War das die mit dem Duschbad?“, frage ich zusammenhangslos.

Er schaut mich irritiert an. 

„Ich meine, ob das pinke Duschbad auf dem Wannenrand von ihr ist.“

Irgendwie gibt es dafür wohl keine Antwort, die mich etwas angeht. Oder er weiß nicht, wovon ich rede.

Ein Glück, dass ich innerlich gerade stumm bin und nicht das Bedürfnis habe, sehr viele Fragen zu stellen. Die beantworte ich mir lieber selber in meiner Fantasie, denn die Wahrheit will ich echt nicht wissen. Ich weiß nicht, wie meine Wohnung dann aussehen würde und ob mich der Gin Toxic aus meiner Küche vernichten könnte, wenn mir vorher nicht schlecht wird. Mit Apfelsaft hätte er gute Chancen, zusammen mit einer anschließenden Zugfahrt. Das hat schon einmal geklappt. 

Nach meinem Statement gehe ich zurück ins Schlafzimmer. Ich trotte eher lässig zurück. So, als ob ich bei ihm wohnen würde. Dabei könnte er mich immer noch rausschmeißen, wenn ich zu anstrengend werde. 
Wieder liege ich unter der Decke. Bis er sie wegnimmt und es wieder richtig hell wird. 

„Jetzt ist Schluss. Du machst jetzt, was ich sage. Ist das klar?“

Er sieht ernst aus und ich spüre sofort, dass es keine leere Drohung ist. Mir ist sowieso schon die ganze Zeit bewusst, dass ich mit meinem Verhalten zu weit gehe. Ich wollte nur testen, wie weit ich gehen kann. Und jetzt muss ich artig sein und mich benehmen. Seine Wohnung, seine Regeln. Ich der Gast.

Aber wahrscheinlich testet er mich. Er hat solche Sachen schon einmal erwähnt und behauptet, er würde mich testen. Es ist schon länger her, aber ich weiß es.

Er guckt mich an, ohne seinen Blick aufzulockern und zeigt mir, dass ich Grenzen überschritten habe. 
„Jetzt komm unter der Decke vor, ich will dich sehen, Kleine.“

Ich mache was er sagt und schaue zu ihm hoch. Alles wie beim letzten Mal, nur dass das hier kein Abschied ist, sondern die Fortsetzung. 

„Und jetzt zieh dich aus. Das solltest du vorhin schon tun.“

Ich halte kurz inne, ziehe zuerst die Leggings und dann den Pullover aus. 

Diesmal trage ich pastellfarbene Reizwäsche in weiß und rosa. Passt ja auch perfekt, wenn man blass und unvorbereitet ist. 

Er betrachtet mich und sein Blick gleitet von oben nach unten und wieder zurück.

„Dreh dich mal.“

Nachdem ich mich einmal gedreht habe, positioniert er mich so, dass ich mit dem Hintern vor ihm stehe. Dann zieht er mir den Slip runter und streichelt meinen Po. Es fühlt sich so angenehm an, dass mir warm wird. Am liebsten würde ich mich umdrehen und ihn umarmen. Aber das geht nicht. Seine Hände zu spüren ist toll. Mein kleiner Po passt genau in seine großen Hände. 

Dann macht er meinen BH auf. So geschickt und zart, dass ich es kaum bemerke. 

Ich drehe mich wieder zu ihm, um ihn sehen zu können. Seine Augen sind so faszinierend blau und tief. Ich las einmal ein Buch über Charisma. Er könnte es geschrieben haben, denn er besitzt davon reichlich. 

Ich liebe es, wie er mich anschaut und dabei ernst bleibt. Er steht selbstbewusst in Jeans und Hemd vor mir und ich bin völlig nackt. Seine Blicke scheinen keine Stelle meines Körpers auszulassen. Er nimmt mich mit zu dem Stuhl, der immer noch mitten im Raum steht.

„Setz dich dort hin“, befiehlt er. 

Der Stuhl ist aus Holz und fühlt sich kalt an, unter meiner warmen Haut. Er steht angelehnt an der Tischkante und beobachtet mich, ohne einen Hauch von Mimik. Er hat das Sagen und ich habe nicht mehr das Bedürfnis, etwas zu tun, was dem widerspricht. Ich habe mich wieder unter Kontrolle, so lange er den Ton angibt und direkte Ansagen macht. Ich möchte ihn nicht provozieren. Ich will nichts kaputt machen. Nicht wieder.

Er sitzt minutenlang einfach nur da und schaut mich an. Ich kann seinen Blick nicht halten und schaue Weg. Dennoch sagt er dazu nichts. 

Dann kommt er zu mir. 

„Und jetzt guck mich an!“

Seine Stimme ist trotzdem leise und ruhig. 

Während er mich anguckt denke ich ‚fick mich‘. Ich denke es die ganze Zeit, bis ich es ausspreche:“Fick mich.“

Ich spüre, dass es ihn sofort anmacht. Es ist, als würden seine Augen etwas aufblitzen, ohne dass man es wirklich sieht. Ich kann es nur spüren. Sein Blick wirkt danach noch eindringlicher. 

„So so“, sagt er nur. „Und wie heißt das richtig?“

„Fick mich,..bitte.“

„Schon besser, Kleine.“

Ich verstehe nicht, warum ich noch auf diesem Stuhl sitze, anstatt mit ihm sofort ins Bett zu gehen. Innerlich bin ich unruhig und heiß geladen. Ich gucke ihn flehend an und merke, dass es ihm nicht anders geht. 

Ungefähr eine Viertelstunde sitze ich auf diesem Stuhl mit der Hoffnung, dass es gleich weiter geht. Dann klingelt sein Handy. Es ist längst Nacht! Wer ruft denn da noch an? Ich ahne gleich, dass das alles irgendwie nicht gut ist. Er verzieht sich mit dem Handy ins Schlafzimmer, damit ich nicht zu viel mitkriege von seiner Arbeit. Ich höre seine Stimme, aber keine Worte. Inzwischen fühle ich mich unwohl. Meine Sachen liegen direkt vor der Schlafzimmertür und kann sie nicht holen, da ich sonst zu nah am Telefongeschehen wäre. Er würde denken, dass ich neugierig bin. 
Aber weil ich mich zunehmend unbehaglicher fühle, hole ich schnell meine Sachen und entferne mich gleich wieder von der Tür.

Es dauert nicht lange, bis er fertig ist und ich angezogen auf dem Stuhl warte. 
„Es tut mir Leid, aber du musst gehen. Ich habe noch zu tun.“

„Wie jetzt? Mitten in der Nacht? Wo soll ich denn hin? Ich kann doch hier bleiben.“

„Nein, es kommen gleich ein paar Kollegen, wir haben was zu besprechen.“

Ich kann das fast gar nicht glauben, aber ich versuche es zu verstehen. 

„Ich weiß nicht, wo ich hin soll.“

„Nehme dir ein Hotel, ich bezahle es.“

„Nein, brauchst du nicht. Ich hab genug Geld. Aber ich find es nicht gut, jetzt gehen zu müssen.“

„Ich auch nicht. Ich habe mir die Nacht auch anders vorgestellt. Aber es ist wichtig. Nehme es bitte nicht persönlich, okay?“

Ich schweige und gucke betreten weg. Mir gefällt das nicht.

„Wie soll es denn weitergehen? Sehen wir uns wieder?“

„Ja, auf jeden Fall. Mach dir keine Gedanken. Versprochen?“

„Es wird mir schwerfallen. Aber ich versuche es.“

„Du musst jetzt gehen, Kleine.“

Ich strenge mich an, die Tränen zu verdrängen. Es fällt mir jedoch enorm schwer. 

„Meldest du dich dann bitte wieder bei mir? Ich meine, du hast mich blockiert, was ich nicht verstehe.“

„Ja, dafür gibt es andere Gründe. Ich werde mich bei dir melden, wenn ich mehr Zeit habe. Und bitte warte nicht auf mich, sondern genieße dein Leben bis dahin.“

„Das macht mich traurig.“

„Nicht doch, dafür gibt es keinen Grund. Ist doch alles toll!“

Alles toll. Jaja. Ich hole enttäuscht meine Tasche aus dem Schlafzimmer und ziehe mich an. Mit dem Taschentuch trockene ich mir die Tränen ab, bevor sie sichtbar herunterkullern. Das will ich nicht. Er soll nicht denken, dass ich labil bin oder klammere. Oder sonst was.

Ich gucke ihn an und es bricht mir fast das Herz, jetzt von ihm nach Hause geschickt zu werden.

„Darf ich dich umarmen?“, frage ich.

Und dann tue ich es einfach. Es fühlt sich so gut, wie bei keinem anderen. Ich würde aus diesem Moment gerne eine Stunde machen. Aber es geht nicht, er löst sich aus der Umarmung. 

„Bis zum nächsten Mal?“, frage ich leise.

„Ja, bis bald.“

Ich werde versuchen, mir keine Hoffnungen zu machen, wann bald ist. Bald kann auch irgendwann sein. Oder vielleicht sogar nie. 

Dann lässt er mich aus der Wohnung und hinaus in die Nacht. Ich drehe mich nicht noch einmal um, denn das würde wehtun. 

In meiner Tasche liegt mein iPod. Er ist noch an und steht seit dem Lied ‚Never be like you‘ von Flume auf Pause. Schöner Song, der gerade gut passt. In der anderen Jackentasche befindet sich mein kleiner Notizblock, der für unterwegs immer wichtig ist, um Gedanken sofort aufzuschreiben. Leider habe ich diesmal keinen Stift dabei. Mein Ausflug war ja nicht geplant.
Ansonsten bin ich gerade mitten in Berlin, auf der Suche nach irgendeinem Hotel, welches mir den Abschiedsschmerz nimmt und mir einen verträumten Schlaf schenkt. Leider werde ich so ein Hotel niemals finden. 

Mein Handy vibriert in der Tasche. Ich hole es sofort heraus und erwache schnell wieder aus meiner Traurigkeit, als ich die Nachricht lese.

‚Komm gut nach Hause, Süße. Du warst bezaubernd.‘
Ich bin glücklich und warte mit Sehnsucht auf unser Wiedersehen. Irgendwann. 

– Ende –

Jemand und Gin 3


[…]

Mein Kopf ist kurzzeitig leer, obwohl das alles kein Vergleich zu dem ist, was ich in den letzten sechs Jahren erlebt habe. Es gibt also keinen Grund für Aufregung. Alles ist gut. Ich muss mich nur öfter daran erinnern.
Er sieht so aus, wie ich ihn in Erinnerung habe. Nur wirkt er etwas überraschter in diesem Moment. Ich bin etwas verlegen, weil ich hier bin. So ganz ohne Erlaubnis.
Auf einmal sagt er: „Gehen wir doch rein.“

Auch mal schön, die Begrüßung zu überfliegen. Manchmal reichen Blicke, um ‚Hallo‘ zu sagen. 

Ich grinse kurz und folge ihm dann in die Wohnung. Vorher noch Schuhe abtreten und dann irgendwo abstellen. Er nimmt mir die Jacke ab, Mütze und Schal stopfe ich in die Handtasche. 

Andere Wohnungen sind interessant, aber heute ist es mir ausnahmsweise mal unwichtig, wie alles aussieht. Keine Zeit für Interpretationen und Fantasien.
Ich suche mir einen Platz und warte ab.

Er bietet mir was zu trinken an, aber ich möchte nichts. Mir ist gerade nicht danach. Stattdessen schwirren mir Fragen im Kopf herum, aber ich denke nicht, dass das der passende Moment dafür ist. Lieber bin ich froh, dass ich hier sein darf.

Eigentlich müssten wir gar nicht viel reden, wenn wir die gleichen Gedanken hätten. Aber haben wir die? 

Wo ist er eigentlich die ganze Zeit? Ich sehe ihn nicht. Seit ich in seiner Wohnung bin, bin ich alleine. Könnte sein, dass er im Bad ist. Oder im Schlafzimmer. Alles ist leise. Ich spiele nervös an meinem Armband herum. In diesem gedimmten Licht glitzert es nicht so schön. Ich sitze eine ganze Weile alleine am Tisch und finde es merkwürdig. Er behandelt mich wie einen unerwünschten Gast. Eine Tatsache.
Als ich ihn frage, wo er ist, fühle ich mich, als würde ich ein Selbstgespräch führen. Keine Antwort. Ich stehe auf, und gucke zaghaft in jedes Zimmer. Im Schlafzimmer finde ich ihn vor seinem Notebook sitzend.

Sieht aus, als würde er arbeiten.

„Soll ich gehen“, frage ich. 

Er scheint die Frage zu überhören, weil er sich in seine Arbeit vertieft hat. Ich sehe nur Namen auf dem Bildschirm und kann mir denken, womit er beschäftigt ist. 

Inzwischen ist es 21 Uhr und ich weiß nicht, was ich tun soll. Ob ich bleiben darf, oder gehen muss. Die Stimmung ist irgendwie angespannt, da er mich auch hier ziemlich ignoriert. 

„Es ist schon spät“, deute ich an. Mit der Hoffnung, dass er versteht, worauf ich hinaus will. 

„Du bleibst heute hier“, sagt er nur. 

Das überrascht mich. Also will er mich doch nicht loswerden. 

„Mach dich schon mal fertig.“

„Wie jetzt?“

„Fertig machen für’s Bett.“ 

Wie gut, dass ich fast überhaupt nichts dabei habe. Ich habe nur meine Handtasche mit und an Dinge, wie Übernachtung dachte ich überhaupt nicht. So weit war ich mit meinem Plan nicht. 

„Ich hab nichts mit.“

„Dann gehst du jetzt baden und schläfst dann nackt. Ganz einfach.“

Ein erotischer Gedanke, der es schafft, mich trotzdem schüchtern zu machen. Wir beide kennen uns doch noch gar nicht so gut. 

Ich gehe ins Bad und gucke nochmals meine Handtasche durch. Vielleicht befinden sich darin noch andere Dinge, die ich gebrauchen könnte. Aber nein, leider nicht. Schlüssel, Portemonnaie, zwei Handys, Taschentuch, Ladekabel, rosa Dior Lippenstift und Pillen. Ansonsten nichts. Okay. 
Baden ist gut, die perfekte Entspannung, wenn ich den Rest des Abends ausblende und nicht weiter denke. Denn wenn ich daran denke, wo ich jetzt bin, macht mich das kribbelig. Und weil ich nicht weiß, was er insgeheim von mir hält. Ob er sich freut? Oder will er mir vielleicht einen Denkzettel verpassen? Ich kann ihn nicht einschätzen, da er abwesend auf mich reagiert. Aber vielleicht hat er einfach nur viel zu tun. Es nützt nichts, weiter darüber nachzudenken. Auf jeden Fall brauche ich für diese Nacht kein Hotel.

Ich bade lange, genau wie zu Hause. Eine Stunde und paar Minuten und das ganz ohne Buch. Ich träume vor mich hin. Und nein, es muss nicht der gleiche Badeschaum wie zu Hause sein. Aber dieses pinke Duschbad auf dem Wannenrand stört mich. Es flüstert mir provokant ‚Frau‘ entgegen. Ich nehme das Duschbad in die Hand und sage: „Ich mag dich nicht.“ Das Duschbad bleibt stumm und erzählt mir keine Geheimnisse. 
Aber…was tue ich hier eigentlich? Ich sitze in einer fremden Badewanne und versuche mich mit einem Duschbad zu unterhalten. Niemand sollte mich dabei erwischen, wenn ich gedanklich abdrifte. Das ist zu irre.

Es klopft an der Tür und ich werde sofort aus meinem Wahnsinn herausgerissen, weil ich mich erschrecke. Zurück in der Realität. 
„Möchtest du jetzt vielleicht was trinken?“, fragt er.

„Ähm..ja..“

Die Hitze im Bad macht mich nämlich schon ganz düsig.

„Was möchtest du denn?“

Am liebsten würde ich Gin Toxic sagen. Aber das wäre zu viel verlangt, sonst wird mir schwindlig und ich könnte sehr anzüglich werden. Ich weiß nicht, ob das gut ist.

„….Mineralwasser?“

„Okay.“

Dann geht er wieder und ich fixiere wieder das pinke Duschbad.

„Und was ist mit dir? Vielleicht ein Rosenwasser?“

Paar Minuten später kommt er einfach ins Bad und stellt mir das Glas auf den Wannenrand. Es ist genug Schaum in der Wanne, sodass ich mich wie angezogen darin fühle. Er sieht nichts. 
„Danke.“

Dann bleibt er neben der Wanne stehen, als ob er auf irgendetwas warten würde. 

„Was ist denn“, ich schaue fragend nach oben. 

„Wenn du das Glas ausgetrunken hast, kommst du aus der Wanne.“ 

Er wirkt nicht gerade freundlich, als er das sagt. 

Dann geht er. Anscheinend halte ich mich schon zu lange hier drinnen auf. Gäste müssen sich anpassen. 

Nach fünf Minuten bin ich draußen. 

„Du hast dich ja wieder angezogen. So geht das nicht, du kannst hier nicht machen, was du willst. Das müsstest du doch wissen.“

Mit so einer Bemerkung habe ich nicht gerechnet. Vor allem, weil ich in den letzten Stunden so ignoriert wurde.

„Du kannst dich gleich wieder ausziehen und dich da hin setzen.“

Er zeigt auf einen Stuhl, der mitten im Raum steht, wo vorhin noch keiner stand. In der Wanne war es deutlich wärmer. Und die Stimmung im Raum ist herbstlich. Heute ist nicht mein Tag, das wird mir leider viel zu spät klar. Meine Stimmung schlägt abrupt um und ich fühle mich von ihm angegriffen. Ich sage ihm meine aktuelle Meinung. 

„Ich will heute nichts.“

Er wird aufmerksam und ich spüre, dass ihm der Satz ganz und gar nicht gefällt.

„Wie nichts?“

„Ich will mich jetzt nicht ausziehen. Mir ist kalt und ich glaube, ich krieg meine Tage oder so.“ 

Die beste Drohung, die immer zieht. Ich kann nichts dafür, dass meine Stimmung jetzt umschlägt. Irgendwie passt das alles gerade nicht. Liegt wahrscheinlich daran, dass Winter ist und ich meine Sachen nicht mit habe. Ich bin ohne alles hier und das geht gar nicht. Und die Klamotten sind auch nicht optimal. Die Leggings und der Strickpullover haben mit meiner Persönlichkeit nichts zu tun. Früher zerriss ich immer T-Shirts, die mir nicht gefielen. Das könnte ich jetzt auch tun. Aber weil ich weiß, dass in zehn Minuten wieder alles toll sein wird, verzichte ich darauf.

Er guckt mich kritisch an, ohne was zu sagen. Aber es sieht eher so aus, als würde er immer noch warten. Er lässt sich nicht von dem ablenken, was ich sage. 
Ohne einen wirklichen Auslöser fühle ich mich seit wenigen Minuten überfordert. 

Ich wende mich ab und finde die richtige Tür zum Schlafzimmer wieder. Dort lege ich mich ins Bett und ziehe mir die Decke über den Kopf. 

So, und jetzt wieder vernünftig sein, rede ich mir ein. Sonst…

[…]

Jemand und Gin 2


[…]

Doch irgendwann in der Nacht wache ich von einem leisen Piepen auf. Ich bin sofort hellwach und schalte die Lampe auf dem Fensterbrett an. Es ist 2:37 Uhr, als ich auf den Wecker neben mir schaue. Ich wundere mich und weiß im ersten Moment nicht, was das für ein komisches Piepen war. Als ich auf mein Handy gucken möchte, merke ich, dass es nicht angeht, obwohl es am Abend voll aufgeladen war. Vor dem Schlafen zeigte es 100% an. Und jetzt? Ich versuche es mehrmals anzukriegen. Aber es funktioniert nicht und ich vermute, dass der Akku tatsächlich leer ist, ohne Grund. Das Piepen war also nur der Hinweis, dass sich das Handy gleich ausschaltet. 

Danach fühle ich mich seltsam und mir wird kalt. Mehrere Minuten sitze ich verwundert im Bett und beobachte meine Umgebung. Ich starre zur Tür oder warte darauf, dass ich im Augenwinkel irgendeinen Schatten sehe. Es passiert nichts. Ich denke noch ein paar Minuten darüber nach, dass sich Akkus nicht ohne Grund leerfressen. Aber letztendlich macht es keinen Sinn, weiter darüber nachzudenken. Ich lasse einfach das Licht an, damit das unangenehme Gefühl in mir nicht zu stark wird. Mit Licht fühlt man sich irgendwie besser. Wahrscheinlich brauche ich tatsächlich diesen Marienkäfer, der bunte Sterne an die Wand wirft, damit ich beruhigter einschlafen kann.
Irgendwie will ich meiner Freundin noch schreiben, dass hier gerade merkwürdige Dinge passieren, aber ich bin schlau genug, um mir die Nachricht zu verkneifen. Erstens, weil sie schläft und zweitens, weil es gar nicht so schlimm ist. Eigentlich wäre es doch super interessant, wenn mal etwas Gruseliges passiert und ich mittendrin bin.
Am nächsten Morgen frage ich mich, ob das wieder so ein Traum war. Manche Leute klagen ja über mirtazapininduzierte Alpträume und überraschendem Übergewicht. Aber als ich sehe, dass das Handy immer noch leer ist, weiß ich, dass ich nicht geträumt habe. Das heißt, der wahre Traum vom eingebildeten Feueralarm bleibt auf Platz eins.
Ich hole mein Ladegerät und mein Handy frisst frische Energie aus der Küchensteckdose neben dem Kaffeeautomaten. Ansonsten lasse ich das Handy erst einmal aus. Irgendwie bin ich heute zu entspannt, um neugierig auf neue Nachrichten zu sein. Ich bin froh, wenn mir öfter mal einiges egal ist und ich nicht unter Spannung stehe. Deswegen mache ich heute alles in Ruhe. In Ruhe anziehen, in Ruhe schminken und in Ruhe essen. Vanille-Soyamilch und Kellogg’s, dazu Kaffee und Schokocappuccino. Das Tolle daran: Das Frühstück macht fast den ganzen Tag satt. Oder weil ich einfach nichts brauche. 

Der Morgen vergeht schnell und gegen Mittag leuchtet die grüne Lampe auf meinem Handy. Fertig geladen. Ich schalte das Handy an, worauf es kurz vibriert und sich langsam hochfährt. Code eingeben, warten. Wenn ich ungeduldig bin, dauert mir all das zu lange. Aber inzwischen habe ich mehr Ahnung von Geduld. 
Als die Internetverbindung hergestellt ist, treffen viele Nachrichten auf einmal ein. Alle von meinem Lieblingsmann aus Berlin. Ich bin sehr überrascht über die ganzen Nachrichten und freue mich schon, sie zu lesen. Vielleicht weiß er ja nun genau, wann wir uns treffen können oder er hat noch ein paar andere Ideen. Als ich im Chat nachschauen will, ist keine neue Nachricht zu finden. Auch sein Profilbild ist weg. Mir wird ganz anders. Was soll das denn jetzt? Und vor allem: Was ist mit den vielen Nachrichten, die auf dem Display erschienen? Die können doch nicht einfach weg sein. Ich klicke auf die leere Stelle, wo sonst das Profilbild erscheint. Kein Status. Nur die Daten, die ich gespeichert habe. 

Ich lese die letzte Nachricht: ‚Wann wollen wir uns treffen?‘ Die Nachricht, die ich gestern Abend schrieb. Er hat sie gelesen. Und dann? 

Ich schreibe eine kurze Nachricht, um zu gucken, ob sie durchkommt.

‚Hey‘

Natürlich erscheint nur ein graues Häkchen, welches auch eine Stunde noch einsam und grau ist. 
Ich rufe meine Freundin an und sie nimmt gleich ab.

„Hallo?“

„Hey, hallo…ich bin’s..“

„Ja, dachte ich mir schon. Ist irgendwas bei dir passiert?“

„Ja, mir geht’s scheiße.“

„Was ist denn, Süße?“

„Ach, ganz komisch alles. Letzte Nacht ist mein Handy einfach so abgekackt. Akku leer…und heute ist der Typ einfach so verschwunden.“

„Wie jetzt? Was für’n Typ?“

„Na der, von dem ich dir erzählt hab, letztens..“

„Ach so, ja, ich weiß. Warum, was ist denn passiert?“

„Vorhin hatte ich ganz viele Nachrichten von ihm auf dem Display und als ich nachgucken wollte, war alles weg. Total komisch.“

„Hmm? Wie geht das denn? Bist du sicher, dass die von ihm waren?“

„Ja, klar…aber nun steht da nur meine letzte Nachricht von gestern. Und anscheinend hat er mich blockiert, ohne Grund. Versteh ich nicht.“

„Das ist ja komisch. Vielleicht ist es nur eine technische Störung oder so. Warte erstmal ab.“

„Glaub ich nicht. Das war noch nie so.“

„Hmm. Aber mehr kannst du wohl erstmal nicht machen. Oder du versuchst mal, ihn anzurufen?“

„Ja, könnte ich vielleicht noch probieren. Aber bin da nicht so ein Fan von. Du weißt doch, dass ich nicht so auf Telen stehe.“

„Probier’s doch einfach mal. Dann siehst du, was passiert.“

„Ja, okay, dann mach ich das gleich mal. Ich schreib dir dann.“

„Okay, bis gleich. Wird schon!“

„Ja, hoffe ich…“

Ich drücke meine Freundin schnell weg, um dann ihren Tipp zu testen und bin dabei ganz aufgeregt. Irgendwie schnürt mir die Situation gerade den Hals gewaltig zu. Auf jeden Fall fühle ich mich unwohl, als ich seine Nummer anklicke. Ich mag sowas nicht. Aber immer noch besser als diese bescheuerte Unwissenheit, auf die ich noch weniger stehe.
Es klingelt einmal und dann geht sein Anrufbeantworter an. Scheiße! Das ist doch ein eindeutiges Zeichen, dass ich auf der BlackList stehe!

Ich schreibe meiner Freundin: Blockiert.
Sie antwortet nur mit: Waaaaaaas???!?!?!??????

Und ich denke nur: WARUM?

Ich gehe gedanklich die letzten tollen Wochen durch und ich erinnere mich an nichts Negatives. Es ist nichts passiert. 

Dann gucke ich mein ganzes Handy durch und versuche die Nachrichten, die kurz auf dem Display erschienen, per Suchfunktion zu finden. Mein Handy findet nur die Texte, die ich schon kannte. Nichts Neues. Ich lese mir die alten Nachrichten durch und komme sofort wieder ins Schwärmen. Umso weniger verstehe ich die Blockierung. Ich starre das leere Profilbild an, als könnte ich damit etwas bezwecken. 

Impulsgesteuert wie früher, setze ich mich in den nächsten Zug, der alle zwei Stunden nach Berlin durchfährt. Selbst, wenn ich mein Auto im vergangenen Herbst nicht zu Schrott gefahren hätte, hätte ich es heute nicht angerührt. Man sollte die Hände von Autos lassen, so lange man sich angepisst fühlt. Mein Fahrschullehrer konnte mir das damals leider nicht glaubhaft beibringen. 
Ich saß im Zug, wie ich gerade war. Manchmal ist es einfach nicht nötig, sich Gedanken über die passenden Klamotten und Schmuck zu machen. Manchmal reicht es, wenn man einfach so ist, wie man ist. Ohne Gedanken. Zerstreut beschreibt den richtigen Ausdruck für meinen Zustand im Zug. Eigentlich denke ich nichts. Ich denke nicht mehr, als: warum. 
Mein Handy bleibt reaktionslos. Der blockierte Kontakt, alias ich, bewegt sich nun selbständig nach Berlin. Ohne zu wissen, was dann passiert. Naiv ohne Konsequenz. 

Nach einigen Stunden sitze ich tatsächlich auf einer Bank beim Alexanderplatz. Die wichtigsten Anlaufstellen befinden sich gleich in der Nähe: Essen, Kino und Hotel. Ich weiß noch nicht, ob ich ein Hotel brauche. Aber immerhin ist es schon abends. 
Eigentlich weiß ich nun gar nicht, was ich machen soll. Ein wenig verloren bin ich in Berlin schon. Manchmal. Es dauert nicht lange, bis ich nach und nach von Leuten angesprochen werde, die Geld haben wollen. War ja irgendwie klar. Aber da ich kein Bargeld dabei habe, kann ich nicht viel machen. Im Nachhinein bemerke ich, wie die Leute hübsche Handys aus ihren Hosentaschen ziehen und recht gut angezogen sind. So so.

Aber was mache ich jetzt? Auf meinem Handy tut sich nichts. Das Einzige, was ich tun kann, ist, mir ein Taxi zu rufen und zu der Adresse zu fahren, wo mein Lieblingsmann wohnt. Aus genau dem Grund bin ich schließlich nach Berlin gefahren. Und jetzt werde ich nervös. Ob das so eine gute Idee ist? Wer weiß, was mich dort erwartet und ob ich das alles sehen will. Aber okay, was habe ich schon zu verlieren? Eventuell meine Hoffnung. Aber die könnte ich auch woanders wiedergewinnen, wenn ich mich mehr anstrengen und mehr Männern ein winzige Chance geben würde. 
– Zeitverschwendung – 

Ein Taxifahrer parkt direkt in meiner Nähe und wartet auf mich. Ich sage ihm, wo es hingehen soll und er nickt. Nach zwanzig Minuten sind wir da. 
Ich stehe vor der Tür meiner Zieladresse. 

Meine innere Stimme sagt: Alles egal, alles egal. Und ich versuche ihr zu glauben. 

Alles egal. 

Die Haustür unten ist auf und ich gehe hinein, ohne zu zögern. Es ist nur ein Haus mit Menschen drin. Als ob mich sowas schon jemals gestört hätte. An jeder Tür steht ein Name dran, auch völlig normal. Bis ich vor der wichtigsten Tür stehe – seiner Tür. Mich schaudert es ein wenig. Schließlich bin ich diejenige, die unangemeldet davor steht. Ich komme mir sofort illegal vor und es würde sich verboten anfühlen, wenn ich gleich klingeln würde. Aber wofür habe ich mir sonst den weiten Weg gemacht? Eigentlich ist es doch echt egal, was ich in den nächsten Minuten tun werde. Es kann nur gut oder schlecht werden, denn dazwischen gibt es nichts. Es gibt nur zwei Optionen. 

Ja oder nein.

An der Tür hängt nichts weiter, bis auf das Schild mit dem Namen drauf. Die Tür macht auf mich einen kalten Eindruck. Irgendwie versucht sie mich auf Abstand zu halten. Wenn ich mich noch weiter in die Sache hineinsteigere, warnt sie mich sogar davor, zu klingeln. Ich kneife die Augen zusammen und meine Stirn faltet sich automatisch, um meine Mimik noch kritischer darzustellen. 
Dann läuft eine Person aus dem Haus an mir entlang. Es ist ein Mann, er bemerkt wohl meinen Gesichtsausdruck und fragt: „Suchst du irgendwas?“

Warum du, ist mein erster Gedanke. Sehe ich wie ‚du‘ aus…? Das wäre ja keine Überraschung, nach all den Jahren des Nicht-Alterns.
„Nein, ich überlege nur.“

Ich fühle mich gerade wie in einem Laden, in dem mich die Verkäuferin nach meinen Vorlieben fragt und mich dringend beraten möchte.

Der Mann geht wieder. Er kann nichts für mich tun. 

Ich bleibe vor der Tür und überlege mir die Fortsetzung. Es liegt an mir, was ich aus dieser Sache mache, denn mein Lieblingsmann ignoriert mich. Auf meinem Handy tut sich weiterhin nichts. 

Okay, ich bewege meine Finger vorsichtig in Richtung Klingel. Gleich wird alles noch illegaler. Die Klingel ist der letzte Schritt, der mir helfen kann. Mein Zeigefinger berührt den Knopf, nur das Drücken fällt noch schwer. Dann, ganz langsam, drücke ich den Knopf rein und ich weiß nun, wie es sich anfühlt, wenn man bewusst die Backenzähne fest aufeinanderpresst. 
Irgendwie ist das gerade eine ziemlich unangenehme Situation und mein Herz rebelliert auf jeden Fall. Alles ist ganz leise, ich höre nichts von drinnen. Vielleicht ist er nicht da. Kann sein, dass er arbeitet und nicht zu Hause ist. Ich warte angespannte zwei Minuten, bis mir klar wird, dass niemand zu Hause ist. Klar könnte ich nun etwas durchatmen, aber ich bin dennoch wie erstarrt und mein Herz kriegt sich eh nicht so schnell ein, wenn es aufregend wird. 

Dann höre ich, wie sich jemand annähert und ich denke, dass es wieder einer der Nachbarn ist. Ich möchte sehen, ob es wieder der Mann von eben ist und drehe mich um. Und dann steht plötzlich der Mann aus Berlin vor mir, wegen dem ich hier bin. 
[…]

Bitch #3

…Fortsetzung…

Gegen 2 Uhr nachts kommt er wieder zurück und ich werde gleich wach, da ich mich nur in einem lockeren Halbschlaf befand. In Hotels kann ich nie richtig schlafen, so bequem die Betten auch sein mögen. Es dauert nicht lange und mein Chef steht neben mir am Bett. Er macht die Nachttischlampe an, um mich zu sehen. Dabei sieht er mein Nachthemd und sagt: „Was soll das, warum hast du das an? Du hast nackt zu sein, wenn ich da bin.“ 

Ich erinnere mich. Aber mir war so kalt und ich wollte nicht nackt im Bett liegen, zumal ich gar nicht wusste, wann er wiederkommt. Außerdem war es nur ein dünnes kurzes Nachthemd, das man schnell ausziehen kann. Sofort streift er mir das Nachthemd über den Kopf und wirft es auf den Boden.

Unsere Blicke haften aneinander. Ich nackt vor ihm und er angezogen. Er sieht nicht müde aus, im Gegensatz zu mir. Schließlich war es vorher angenehmer, ohne Licht. Meine Augen mögen lieber Dunkelheit. Mir ist die Nachttischlampe zu hell und mein Körper wird von dem Licht angestrahlt, das kann ich nicht leiden.
Wieder herrscht Schweigen und ich warte darauf, bis er etwas sagt und diese brennende Stille bricht. Aber er schaut mich nur an. 

„Leg dich hin und mach die Beine auseinander“, fordert er mich auf.

Ich gehorche und mein Körper zittert leicht, weil mir gleich wieder kalt wird. Wahrscheinlich, weil er mich anguckt und ich mich nicht verstecken kann. Ich bin schutzlos, wenn er da ist. Und gleichzeitig fühle ich mich auf eine Art bei ihm geborgen, weil er mir Schutz gibt. Nur in anderen Formen. Er ist mein Chef.

Er guckt mir zwischen die Beine und dann wieder hoch zu meinen Brüsten. 
„Steck dir deinen Finger in den Mund und lutsch daran herum“, befielt er.

Wäre ich Schauspielerin, wären seine Befehle sicher ein einfacheres Spiel für mich. Aber im Moment ist es teilweise noch ungewohnt. Ich brauche länger, um mich an etwas zu gewöhnen. Manchmal. Also stecke ich mir nach einem kurzen Zögern den Zeigefinger in den Mund und lutsche daran herum. Es erinnert mich ein bisschen an ganz früher. Ich mochte es immer gerne, etwas im Mund zu haben und meine Eltern bekamen es nur mit viel Mühe hin, es mir abzugewöhnen. 

„Und guck mich dabei an“, ergänzt er.

Ich versuche es und merke, dass es mich anmacht. Hätte ich vorher Alkohol getrunken, hätte ich sicher noch weniger Hemmungen und mir wäre wärmer.

„Und nun fass deine nasse Fotze an“, erwartet er von mir, während er immer noch an selber Stelle steht, ohne selbst aktiv zu werden. Er geilt sich an meinem Anblick auf.

Ich tue, was er sagt und er hat recht: ich bin nass. Trotz meiner Schüchternheit gefällt mir die Situation und seine Erwartungen. Wieder ist mein Empfinden widersprüchlich. Für mich gehören Gegensätze zusammen, ich kann sie nicht trennen.

Meine Hand wird leicht klebrig von meiner Feuchtigkeit und es wird immer mehr. Aber so richtig Lust, es mir selbst zu machen, habe ich nicht. Ich wünsche mir, dass er gleich den nächsten Schritt macht und auf mich zukommt, ohne ewiges Vorspiel und anderweitiges Umhergespiele.

Dann zieht er sich tatsächlich bald aus und alles geht ziemlich schnell. 
Er drängt sich zwischen meine Beine und küsst mich, ohne mit seinem Schwanz in mich einzudringen, obwohl ich das jetzt am liebsten hätte und nicht mehr warten möchte. Während er mich küsst, werde ich immer feuchter und spüre die zunehmende Klebrigkeit zwischen meinen Beinen und an seinem Schwanz. Meine Feuchtigkeit breitet sich schnell überall aus und haftet nun auch an ihm. Sein Kuss macht mich scharf und ich genieße die Reife, die darin steckt. Sein Kuss verspricht Erfahrung und stillt die Sehnsucht, die ich immer hatte und nicht befriedigt wurde. Sein Kuss löst in mir das Gefühl aus, ihn spüren zu wollen. Egal wie. 

Ich mag es, dass er zärtlich zu mir ist und ich weiß, dass das nicht selbstverständlich ist und nicht lange anhalten wird. Aber es ist unsere erste gemeinsame Nacht und wir müssen uns kennenlernen, Stück für Stück. Diese eine Nacht wird nicht reichen, um zu wissen, wo seine Grenzen sind und zu was er alles bereit ist.

Der Kuss dauert ziemlich lange und ich spüre, wie einige kleine Tröpfchen auf meinem Bauch landen, die nicht von mir sind. 
Eigentlich erwarte ich die ganze Zeit ein Zeichen für einen BlowJob, aber da kommt nichts. Nicht, wie der übliche Ablauf. Es ist anders. Im Bett herrscht eine gefährliche Romantik, die schlagartig aufhört, als er plötzlich hart in mich eindringt, ohne darauf Rücksicht zu nehmen, ob es mir wehtut. Sein Schwanz ist ziemlich dick und ich ziemlich eng. Das sagt selbst mein Frauenarzt und nicht nur Männer. Vielleicht ist es ein Vorteil, so eine jungfräuliche Fotze zu haben. Vor allem, wenn es richtig hart zur Sache geht. Welcher Mann steht da nicht drauf? 

Seine Stöße sind tief und fest. Mein Chef hält zudem konsequent Blickkontakt, um mich weiter zu erniedrigen und klein zu kriegen.
„Gefällt es dir, wie ich dich ficke, du geile Schlampe?“

Als ich nicht schnell genug antworte, fällt die nächste Ohrfeige, die noch mehr schmerzt, als auf der Toilette. Er schlägt heftiger zu, weil wir ungestört sind und es nicht schlimm ist, wenn meine Wange rot wird und glüht. 

Seine Bewegungen auf meinem Körper und seine Stöße schmerzen, weil sie teilweise unregelmäßig und sehr ruckartig sind. Deswegen weiß ich nicht, wann der nächste schmerzhafte Stoß folgt. Und jedes Mal stöhne ich leise auf. 
„Los, sag, dass es dir gefällt!“

Ich stöhne nur ein Ja aus mir heraus. 

„Was gefällt dir?“

„…dass Sie mich ficken“, antworte ich ehrlich. 

Mir schießen auf einmal Tränen in die Augen und ich fange an zu weinen. Mein Chef löst irgendein verdrängtes Gefühl in mir aus, aber ich weiß nicht welches. Nur eines weiß ich: Es ist ein altes Gefühl, das ich in mir trage und er bringt es wieder in mein Bewusstsein. 

Als er sieht, dass ich weine, schlägt er mich erneut. Er sieht mich gerne weinen und möchte diesen Zustand ausreizen, indem er mir noch mehr wehtut. Tränen schrecken ihn nicht ab und er wird dadurch nicht sanfter zu mir. Ganz im Gegenteil – es macht ihn umso geiler. 

Seine Schläge brennen und ich habe es lange nicht erlebt. Und dennoch möchte ich nicht, dass er aufhört. Er soll mich weiterficken und mich so oft schlagen, wie er will.

Mit jedem weiteren Stoß spüre ich ihn tiefer in mir. Ich versuche ihn zu küssen, aber er lässt sich nicht darauf ein. Damit habe ich eine Grenze überschritten, weil nicht ich die Regeln mache, sondern er. Die Bestrafung folgt gleich darauf, als er mir einige Sekunden den Hals zudrückt. Das habe ich noch nie erlebt und ich bekomme Angst. Schnell kriege ich kaum noch Luft. Es ist kein Spiel. Wenn ich mich mit ihm anlege, kann ich nur verlieren. Ich kann mich nicht wehren und ich darf es auch nicht. Es ist wirklich kein Spiel. Diesen Satz muss ich oft wiederholen, bis ich ihn endlich kapiere. 
Sein Wille, nicht meiner.

„So nicht, Fräulein“, droht er mit strengem Blick.

„Verstanden?“

Ich versuche mich irgendwie bemerkbar zu machen und krächze ein Ja hervor.

Danach lässt er mich los und ich kann wieder atmen. Ich fühle mich benommen. Seine Hände um meinen Hals spüre ich noch Minuten später, so fest hat er zugedrückt. 

Meine Bestrafung bereitet ihn seinen Höhepunkt. Mein Chef verhält sich recht still dabei und lässt es sich kaum anmerken. Aber ich spüre es trotzdem. 

Zwischen meinen Beinen brennt und pulsiert es weiter. Allein, weil ich so eng bin, brauche ich mehr Zeit, um mich zu erholen. Ich bin erschöpft und hätte mir am Ende etwas Nähe gewünscht. Aber mein Chef hält die gewohnte Distanz trotz Intimität ein und kümmert sich danach nicht weiter um mich. Er liegt auf der anderen Seite des Bettes, jedoch in Blickrichtung zu mir. 
„Nun leg dich endlich hin und schlaf, Kleine.“ Seine Stimme ist dabei ganz ruhig.

Dieser Satz bedeutet für mich Geborgenheit.

– Ende –

Bitch

Mit 14 chattete ich mit Männern, die heute 60+ sind. Alle werden älter. Nur ich nicht.

… EVEN THOUGH YOU’RE WITH ANOTHER GIRL

Good morning
Are you alone today?
I'm burning 
Can I call you later and say?
I will wait for you
Even though you're with another girl
And so am I
Neglecting, you're running out of time
Forgetting, you couldn't stay the night
I will wait for you
Even though you're with another girl
And so am I
I'll stay the night, I'll stay the night
I will wait for you
Even though you're with another girl
I will wait for you
Even though you're with another girl
Aaaaaa-and so am I
[Trentemøller]

 

„Guck mich gefälligst an, wenn ich mit dir rede und mach deinen Job“, sagt er im fordernden Tonfall. Ich zögere. Ich kann ihn gerade irgendwie nicht angucken, meine Gedanken sind irgendwo anders festgehakt. Ich träume und bin weit weg, weil ich inzwischen gut darin bin, die Realität zeitweise auszublenden. Ich bin eigentlich bei jemand anderem und vor mir sitzt niemand. Natürlich bin ich mal wieder in dem Zustand einer dissoziativen Störung. Wenn ich will, kann ich alles komplett ausblenden und vergessen. Also: Talent oder Krankheit?

„Guck mich an“, fordert er mich erneut auf. „Von was träumst du gerade? Du hast doch alles! Oder denkst du etwa an jemand anderen? Los, sag!“ Er klingt alles andere als freundlich und er kann es nicht leiden, wenn mir andere Männer durch den Kopf gehen. Er hasst es. Seine Worte erreichen mich noch nicht. Aber ich merke, dass er böse ist und dass gleich etwas passiert, was mich aus meinem Traum reißen wird.
„Los!“ Er langt energisch über den Tisch und rüttelt an meinem Handgelenk. Seine Hand umschließt mein Handgelenk völlig und er drückt zu, bis es ein wenig knackt. Es tut weh, weil er viel Kraft hat und genau weiß, wie man mit Druck zum Ziel kommt. Besonders bei mir. Druck macht mich schwach und ich darf nicht Nein sagen. Das ist verboten.

Danach wache ich tatsächlich auf und spüre die Wirklichkeit. Ich schaue ihn an und werde verlegen. Mein Verhalten geht gar nicht und er wirkt sehr ernst. Vor mir sitzt mein Chef und nicht niemand.
„Also, ich höre“, sagt er.

Ich schweige, weil ich nachdenke, aber ich habe keinen klaren Gedanken. Nur rosa Nebel mit Sternchen und kaputten Herzchen, die schwarz sind. Dann wende ich meinen Blick ab, um mich besser konzentrieren zu können. Wenn ich ihn sehe, kann ich mich nicht konzentrieren. Vor allem, weil er meine Antworten gleich möchte, ohne dass ich ausreichend Zeit zum Nachdenken habe. Er möchte sehen, ob meine spontanen Antworten dumm oder clever sind. Er mag beides gemischt. Immerhin bin ich ihm um viele Jahre unterlegen.

Er beobachtet mich genau und kommentiert die Situation sofort:“Hey, nicht weggucken!“ Ich fühle mich eingeengt und dennoch macht es mich an. Willkommen in der Ambivalenz.
Das einzige, was ich herausbringe ist ein schwaches Ja.

Die Kellnerin kommt und nimmt die Bestellung auf. Bevor ich etwas sagen kann, bestimmt mein Chef einfach, was ich esse. Ich bin etwas verärgert, aber wahrscheinlich ist es eher schüchterner Frust.
„Eigentlich wollte ich lieber Pizza“, sage ich betont nett.

„Das ist mir egal. Du musst dich mir anpassen und nicht anders herum. Verstanden?“

Ich nicke. Es ist in Ordnung, er wird vielleicht besser wissen, was gut für mich ist. Während ich versuche, seinen Blicken nicht allzu oft auszuweichen, guckt er mir in den Ausschnitt. Selbstverständlich muss er sich nicht dafür entschuldigen, denn das ist Teil meines Jobs – gut auszusehen und meine Figur zu betonen.

„Worüber denkst du nach die ganze Zeit?“, fragt er. Irgendwie spürt er alles, er weiß genau, dass in mir etwas vorgeht. Ich kann nichts vor ihm verbergen.

„Das kann ich Ihnen nicht sagen.“

„Warum nicht?“

Weil es immer wieder die selbe ewige Geschichte ist, denke ich.

Ich antworte nicht und starre ihn an. Vielleicht um die Antwort bei ihm zu finden, die nichts mit ihm zu tun hat. Sondern mit….

„Du wirst mir jetzt sagen, was mit dir heute los ist! Sofort!“
Er steht abrupt auf und zieht mich hinter sich her, Richtung Toilette. Die Leute gucken alle, wie ich hinter ihm her stolpere und fast umknicke.

Als wir auf der Toilette sind, verpasst er mir eine Ohrfeige.

„Du wirst mir vernünftig meine Fragen beantworten, okay? Sonst kannst du auf dein tolles Gehalt und dieses Leben bald verzichten, und das willst du doch sicher nicht – oder?“

„Nein.“

Er zieht mein Kinn hoch. „Was habe ich dir zum verbotenen Wort gesagt?“ Ich bekomme Hitzewallungen und Ohrenrauschen, weil mir in dem Moment alles hochsteigt. Ich kann überhaupt nicht mehr denken.

Er will zu viel von mir und ich habe Angst, seinen Erwartungen nicht gerecht zu werden. Und dennoch kribbelt es in mir, weil dieser Moment auch genauso erregend ist. Dieser Widerspruch zerreißt mich. Ich stehe leider auf Gewalt und ich mag es, wenn er mich zwingt.

Ich kann ihm seine Fragen nicht beantworten, weil er die Antwort eigentlich kennt. Er möchte mich mit seinen Fragen nur demütigen und Macht ausüben.
„Hast du einen anderen Mann kennengelernt“, will er wissen.

„Habe ich nicht.“

„Denkst du an jemanden?“

„Ich weiß es nicht, das ist alles ganz komisch.“

„Was ist komisch? Werde genauer.“

Ich hasse seine Psychotricks, die mich ganz sprachlos und meinen Kopf leer machen. Er kann solche Gespräche unendlich weit führen und alles bis ins Detail hinterfragen. Nur mein Verstand ist teilweise zu oberflächlich für tiefgründige Sofortantworten. Und mein Gefühl steckt woanders fest. Ich will jetzt kein widersprüchliches Gespräch über abstrakte Liebe führen.

„Ich kann es nicht beschreiben. Bitte, ich möchte da jetzt nicht drüber reden.“
„Ich aber und du hast zu gehorchen. Merk dir das!“

Ich fange an zu weinen, weil ich mich eingeschüchtert und bedrängt fühle. Zumal er um einiges größer ist als ich und ich neben ihm ganz klein und zerbrechlich wirke. Ich kann mich kein Stück bewegen, weil er genau vor mir steht und ich an der Wand. Ich bin ihm ausgeliefert und er genießt es. Noch nicht einmal ein Taschentuch habe ich dabei. Meine Tränen laufen ununterbrochen die Wangen herunter und ich fange wie ein kleines Kind an zu schluchzen. Er beobachtet mich weiterhin genau und scheint sich ein wenig über mich zu amüsieren. Am liebsten würde ich direkt vor ihm zusammenbrechen und weg sein.

„Hey“, er zieht mein Kinn wieder zu sich hoch. „Guck mich an, wenn du weinst.“ Ich drehe meinen Kopf weg, weil ich es hasse. Ich will nicht, dass er mich so sieht. Mein Kopf pulsiert und dröhnt. Jedes Mal, wenn ich weine, bekomme ich Kopfschmerzen und fühle mich absolut erschöpft. Eigentlich würde ich gerne einschlafen, weil Tränen müde und gleichgültig machen. Ich sacke ein wenig in mich zusammen, aber er zieht mich gleich wieder hoch, kommt mir ganz nah und presst mich mit seinem ganzen Körper an die Wand.

„Dich weinen zu sehen erregt mich“, äußert er in einem Ton, der fast wie ein gefährliches Flüstern klingt. Aber in meinem Ohr rauscht es nur. Dann kommt er ganz dicht an mich heran und flüstert mir etwas Warmes ins Ohr. Ich spüre seinen feuchten Atem und höre ihm zu, während er mich mit einer Hand intensiv unter dem Kleid berührt, um sich davon zu überzeugen, dass ich auch wirklich keinen Slip trage.

„Warte ab, bis wir im Hotel sind. Dann wirst du noch mehr weinen, okay?“

Dann streicht er mir mit seinem Zeigefinger zärtlich über die Wange und lächelt zum ersten Mal an diesem Abend.

August, 1 Jahr später


Diese Seite verstummt, ich weiß. Eigentlich gibt es viel zu sagen, würde ich mich nicht so verdammt gelähmt fühlen. Innerlich. Alles ist lahm geworden, dabei passiert in meinem Leben so viel. So viel Aufregendes. Neuer Job, neue Figur, neues Aussehen – all sowas. Dinge, über die man sich freuen kann und die für viele Menschen erstrebenswert sind. Ich habe so vieles erreicht. Und dennoch: Richtig gut geht es mir seit einem Jahr nicht mehr. 
Eigentlich gibt es für diese starke Melancholie, die ich spüre, gar keinen Grund, weil eigentlich alles nahezu perfekt ist. Ich müsste also glücklich und fröhlich sein, den ganzen Tag lächeln…
Der Knackpunkt ist eigentlich. Eigentlich, eigentlich, eigentlich. Wie soll ich etwas erklären, für das es eigentlich keine vernünftige Erklärung gibt. Unvernünftig ist der passendste Ausdruck für mein Verhalten. Naiv, gar kindisch. Irgendwie. Etwas stimmt einfach nicht und dieser ewige Kreislauf nimmt kein Ende, weil das Erlebnis vom vergangenen Sommer so sehr an mir haftet. Es klebt an mir und ich kann mich nicht davon befreien. Dabei ist es so schädlich, an der Vergangenheit zu kleben. Weil sie nicht mehr aktuell ist und sich Dinge nicht mehr rückgängig machen lassen. 

Was zurückbleibt ist Zerstreuung. Ich versuche mich jeden Zag zu ordnen, aber bis jetzt habe ich es an keinem Tag geschafft. Zumindest nie so, wie es sein sollte. Ich sollte in der Gegenwart leben und nicht jeden Abend in diese Traurigkeit und Sehnsucht abdriften. So gut ich mich jeden Tag auch ablenke, es funktioniert niemals vollständig. Die Wehmut findet immer zurück zu mir. Dann liege ich im Bett, starre minutenlang Gegenstände an und verschwinde in der Verlorenheit. Das passiert mir immer häufiger, dass ich einfach nur daliege und gar nichts tue. Oder morgens schlecht aus dem Bett komme und immer wieder die Decke über den Kopf ziehe, um im Dunkeln zu liegen. Oder die Rollos den ganzen Tag unten zu lassen, weil mir die Dunkelheit mehr zusagt und mein Innerstes widerspiegelt. Ich fühle mich wohl im Dunkeln. Vor einem Jahr war das noch anders. Da war ich energiegeladener und nicht so komisch drauf, wie jetzt. Mein jetziger Zustand beschreibt eher den Rückzug, der von der völligen Isolation trotzdem noch weit genug entfernt ist, denke ich.

Heute, vor genau einem Jahr hatte ich dieses Treffen, das mich emotional so sehr veränderte, dass ich mich kaum noch mit früher vergleichen kann. Manche Erlebnisse sind einfach einschneidend, auch wenn es übertrieben scheint, zu behaupten, dass man sich sofort in jemanden ‚verlieben‘ kann. Aber irgendwie kann man es. Obwohl es mehr als absurd klingt. Ich weiß…
Dabei ging das Treffen nur knapp drei Stunden und ich wurde danach aus ‚geschäftlichen‘ Gründen nach Hause geschickt. Ich wurde sogar fast vor die Straße gesetzt, ohne zu wissen, ob ich mit dem Zug noch um die Zeit nach Hause komme. Aber er war so nett und fuhr mich dann doch noch zum Bahnhof, nachdem ich mich so hilflos und weinerlich verhielt. Klingt also nicht gerade nach einem Super-Date. Genau das ist eben das Absurde daran. Eigentlich hat nichts weiter stattgefunden als: Abholen/Bahnhof/Spaziergang – Erzählen/Gin/Blickkontakt – Verabschieden/Vespa/Bahnhof. Jeder Part davon dauerte aufgeteilt also jeweils eine Stunde. Und der Blickkontakt hat es mir am meisten angetan. 

Alles so banal, und doch so wahnsinnig gravierend für mich. Weil er mich so verdammt anzog, mit allem. Seiner Persönlichkeit, seinem Aussehen, seinem Charakter.. Und dass, obwohl ich ihn so gut wie gar nicht kannte, sondern nur erahnen konnte, wie er wohl wäre,..mit all meiner Menschenkenntnis war ich der Annahme, mir von vornherein ein exaktes Bild von ihm machen zu können. Welch dummer Gedanke,..eigentlich.
Es klingt alles so schwachsinnig, obwohl ich meine Gefühle und Gedanken damit nicht verleugnen möchte. Weil sie immer noch so präsent sind, wie damals. Meine Gefühle sind immer noch da, trotz all der Umstände. 

Klar fand ich es nicht toll, als ich nach drei Stunden spontan nach Hause geschickt wurde, trotz seines tollen Gästezimmers. Aber es hatte nichts mit mir zu tun, sondern mit einem Meeting, das sich ziemlich rasch via PC aufdrängelte. Wie auch immer..Vielleicht gab es im Nachhinein doch ganz andere Gründe. Wahrscheinlich war er auch zu dem Zeitpunkt schon in einer Beziehung. Ich habe keine Ahnung. Immerhin sagte er später oft genug, er sei vieles nicht wert. Schon gar nicht, dass ich ihn mag und ihn so begehre. Entweder litt er an falscher Bescheidenheit oder weil er wusste, dass er gerne mal Frauen betrügt. Ich wüsste gerne, was damals genau passierte. Eigentlich wüsste ich am liebsten noch viel mehr über ihn. Ich hätte ich so gerne kennengelernt, insgesamt. 
Heute vor einem Jahr war noch alles in Ordnung. Ein gewöhnlicher Samstagvormittag mit meinen Lieblings-TV-Serien und einer gewaltigen Portion Aufregung. Nebenbei texteten wir miteinander und erzählten davon, was wir alles miteinander vorhatten an diesem Abend. 
Alles war super und klang eindeutig nach Happy End. Etwas anderes wäre undenkbar gewesen, da alles zwischen uns perfekt war. 

Heute weiß ich, dass es perfekt nicht mehr gibt. Er war perfekt. Aber seit ungefähr zwei Monaten brach er den Kontakt ab, da er meine seltsamen Liebeserklärungen und mein bettelndes Verhalten nicht mehr länger ertrug. Verständlich. Warum habe ich mich nicht endlich mal zusammen gerissen? Er ist schließlich in einer Beziehung und scheint diese Frau mehr zu mögen, als mich. Denn wäre es anders, hätte er sich für mich entschieden. Dieser Fakt schmerzt. Seit zwei Monaten wohne ich auf seiner Blockierliste, da ich es einfach nicht verstehen wollte, dass er jeglichen Kontakt zu mir ablehnte. Da es nicht gut für ihn war und für mich sowieso nicht. Leider wollte ich nichts davon verstehen. Ich lebte immer noch in der Überzeugung, ihn umstimmen zu können. 

Es schmerzt. Kein Kontakt mehr, keine Möglichkeiten, kein Wiedersehen. Nie mehr. Dabei versprach er mir, dass wir uns im August wiedersehen. Ein Jahr später, ganz unverbindlich. Kaffee trinken, ganz kurz. Hauptsache, wir sehen uns. Aber daraus wurde nichts und meine Traurigkeit wuchs dadurch umso mehr. Wie sehr hatte ich mich auf dieses Treffen gefreut…jeder einzelne Moment hätte für mich gezählt und mich glücklich gemacht. Jede Sekunde ist wertvoll.
Seitdem herrscht in mir Leere, emotionale Leere. Diesen Abbruch verkrafte ich nicht. Ich spüre genau, dass er mir extrem fehlt. Mir fehlt diese eigentlich fremde Person, die immer zu mir sagte, er wäre eine Projektion. So etwas, wie ein Fantasiegebilde. Vielleicht war er das auch, und dennoch kann ich ihm nicht zustimmen. Für mich war er mehr. Manche Männer muss man nicht kennen, um zu wissen, dass sie die richtigen sind. Man weiß es einfach aus dem Herzen. 

Diese Story hört sich nach einem einzigen Chaos an. Und ja, es gibt tatsächlich kaum Worte und eine Erklärung dazu. Für mich ist es auch Chaos. Diese Story ist einfach nur Gefühl und beinhaltet diese starke unerfüllte Sehnsucht, die vielleicht niemand mehr stillen kann. Es ist schwer. 
Dieses Treffen spielt sich in meinem Kopf jedes Mal wie ein Film ab. Gerade heute. Ich erinnere mich genau daran, was ich wann getan habe, wann ich wann wo war… Dieser ganze Tag ist komplett in mir abgespeichert, mit all seinen Szenen und Wort- und Gedankenfetzen. Ich habe nur Schnipsel im Kopf. Auch der damalige Chat schläft auf meinem Handy. Alles ist so frisch, obwohl es schon ein Jahr her ist und ich frage mich, ob ich jemals aus dieser Endlosschleife flüchten kann, wenn ich doch so sehr an ihm hänge. Obwohl es überhaupt gar nichts bringt. Aber diesen Gedanken verdränge ich… 

Das 5 Minuten Date

 

klein

„Ich dachte, du wohnst in Warnemünde“, schrieb Alex.
Ich saß auf meiner Couch und schaute Nachrichten, als die Mitteilung als vibrierendes Glockenping eintraf. Normalerweise schaltete ich mein Handy meist auf stumm, um nicht genervt zu werden. Aber diesmal wartete ich auf Ablenkung, egal in welcher Form. Inzwischen war ich auf alles gefasst und der Unterschied zwischen guten und schlechten Erfahrungen verwandelte sich allmählich in neutrale Oberflächlichkeit. Eine Mischung aus großem Interesse und dem nötigen Abstand zur unnötigen Vorfreude. Denn letztendlich muss man sich auf nichts freuen, was im Herzen noch gar nicht existiert.

„Nee, aber fast“, antwortete ich nach ein paar Minuten. „Warum?“
„Na weil ich jetzt in Warnemünde auf dich warte. Hab die richtige Straße im Navi eingegeben, aber den falschen Ort. Und nun bin ich hier gelandet.“
Okay, das bedeutete spontane Planänderung.
„Na gut, ist nicht schlimm. Bin in einer Stunde in Warnemünde, falls du so lange warten willst.“
„Sehr gut, dann kann ich noch einige Dinge besorgen, mein Wagen ist leer.“
„Würde vorschlagen, wir treffen uns am Bahnhof. Okay?“
„In Ordnung! Bis später.“

Kurz darauf klingelte mein Handy wieder. Meine beste Freundin schickte mir ein Video von unserem letzten gemeinsamen Urlaub in Moskau, als ich vor Lachen kaum noch atmen konnte.
Sie schrieb: „Ich liebe dein Lachen, mein Herz! Du machst mich so glücklich!“
„Ich liebe dich auch, Süße“, schrieb ich grinsend zurück und freute mich.
Wir machten uns fast täglich Liebeserklärungen, das war normal.
Aber von meinem Blinddate erzählte ich ihr nichts. Irgendwie wollte ich nicht darüber reden. Weil ich noch selber nicht wusste, was ich davon halten sollte. Immerhin war der Typ nur zwei Jahre älter als ich. Das hieß, es war das erste Date mit einem Gleichaltrigen und entsprach absolut nicht meinem Schema. Aber ich wollte mal sehen, wie es ist.

Natürlich finde ich es immer besser, wenn man sich nicht zu Hause trifft.
Ich mag es nicht, wenn jemand in mein kreatives Revier eindringt und die Harmonie meiner Wohnung stört. Allerdings wollte ich es diesmal wagen und wissen, wie es ist, einen fremden Mann direkt in meiner Wohnung kennenzulernen. Einfach aus Neugier, Bequemlichkeit und um mir zu beweisen, wie extrem locker ich sein kann. Als Frau sollte man eigentlich auf solche gefährlichen Experimente verzichten. Immerhin kann man durch fremde Typen schnell umgebracht werden, falls man versehentlich seinen Mörder datet. Dennoch kamen mir solche Ängste nie ins Bewusstsein, weil ich nicht ängstlich bin und nicht Monika heiße.

Also schnappte ich mir noch ein paar Gummitiere und machte mich fertig. Zehn Minuten stand ich nachdenklich im Flur, weil mir die letzten Entscheidungen unglaublich schwer fielen: Welche Jacke? Welche Schuhe? Vielleicht sollte ich meinen Konsum endlich einmal einschränken. Viel zu haben macht das Leben nicht unbedingt leichter. Ich entschied mich für bequeme Strand-Schuhe und einer femininen Militärjacke, die ich erst eine Woche hatte. Die liebte ich sofort, weil sie unvernünftig teuer war.

Bevor ich aus dem Haus ging, fragte ich mich, ob man es mir ansah, dass ich innerhalb einer Woche ein Glas Nutella vernichtet hatte. Jeden Tag Nutella zwischen zwei Scheiben Weizenbrot mit Vollkornanteil. Meine ausgelaugten Fettzellen freuten sich bestimmt. Ich zog abrupt mein Shirt hoch, kniff mir in den Bauch und stellte beruhigt fest, dass meine Figur perfekt ist.
Danach plante ich trotzdem eine Detox-Woche mit viel Sport, um den ganzen Müll wieder aus dem Körper zu spülen. Ich kaufte mir die wichtigsten Detox-Produkte und war begeistert, was diese Dinge nach wenigen Tagen im Körper bewirkten. Ich fühlte mich besser und glücklicher, als sonst. Detox-Tee und Detox-Creme gehörten von da an zum Alltag dazu, obwohl ich nicht behaupten würde, dass es bei mir einen gewöhnlichen Alltag gibt.

Ich fuhr mit der Straßenbahn, weil ich keine Lust auf den Feierabendverkehr hatte. Außerdem brauchte ich mein Auto nur für die Arbeit und für die Insel, wenn ich mal einige Tage frei hatte.
In der Straßenbahn saßen einige Menschen, die auch ohne Feierabendverkehr gestresst wirkten. Vielleicht hatten sie nicht so tolle Arbeitsstellen oder Stress mit ihren Partnern oder waren mit sich unzufrieden. Wie auch immer. Beobachten mochte ich gerne. Die Aktionen auf meinem Handy beobachtete ich allerdings kaum. So kam es, dass ich in Warnemünde ankam und nicht wusste, nach wem ich eigentlich Ausschau halten soll. Ich suchte einen Fremden.

Mir kamen viele Leute entgegen und alle wuselten um mich herum. Dazwischen ein Mann, der mir gleich auffiel. Groß, mit Sonnenbrille, Mütze und schwarzem Parka. Ich sprach ihn nicht an, ärgerte mich über meine seltsame Schüchternheit und lief weiter. Immer noch auf der Suche nach Mr. Unbekannt, der Alex hieß.
Am Bahnhof stand niemand, der auf mich wartete.
Aber um ehrlich zu sein, wollte ich gar nicht zu genau hingucken. Es gehörte nicht zu meinem Talent, offensiv nach Personen Ausschau zu halten und zu suchen.
Es dauerte nicht lange, und der Bahnhof leerte sich wieder. Die Leute aus dem Zug tummelten sich auf den Wegen des Hafengeländes und strebten mit Essen in der Hand zum Wasser.
Ich ging woanders hin und setzte mich auf eine Steinmauer. Es war ziemlich kalt, der Wind zog durch meinen Parka und kroch unter mein sommerliches Blumenshirt. Ich fror so sehr, dass ich spürte, wie ich blass anlief und wieder dieses ungesunde Aussehen annahm, das durch die Nutella-Woche noch verstärkt wurde.

Mein Handy lag immer noch unbeachtet in der Handtasche. Als mir immer kälter wurde, stand ich auf, irrte verfroren zum Bahnhof zurück und landete dort auf einer Bank aus Metall. Die kältere Steigerung. Der nächste Zug kam und wieder stiegen zig Leute aus, die alle spazieren gehen und Fischbrötchen essen wollten. Viel mehr konnte man in Warnemünde im Frühling nicht machen. Essen, Shoppen und Wasser, das waren die Hauptattraktionen. Gefolgt von Kaffeetrinken und den beliebten Schlagerpartys im Sommer.

Dann schaute ich auf mein Handy.
Die letzten beiden Nachrichten von Alex waren zwanzig Minuten her.
„Schwarzer Parka.“
„Warte am Bahnhof auf dich!“
Okay, hätte ich vielleicht doch mal früher mein Handy benutzen sollen.
Ich schrieb: „Hab dich vorhin gesehen.. bin vorbeigelaufen..zu spät…wo bist du nun?“
Danach wartete ich auf seine Antwort. Er war eine ganze Weile online, las meine Nachricht, aber nichts kam. Seltsam.
Ich versuchte ihn anzurufen, aber die Computerstimme am anderen Ende meinte, dass er gerade nicht erreichbar wäre. Noch komischer. Zum Schluss sendete ich ihm eine altertümliche SMS und hatte somit alles unternommen, um Kontakt aufzunehmen. Aber keine Antwort.

Wollte er mich jetzt etwa verarschen? Ich fand das alles sehr merkwürdig. Aber dennoch störte es mich nicht besonders. Schließlich störte mich überhaupt nichts mehr. Ich nahm es so hin, wie es war. Was soll mich an einem Fremden stören? Diese anonyme Funkstille passte doch super zum Image eines Fremden! Der Krimi konnte beginnen. Aber mir wurde diese Situation schnell zu blöd.

Ich ging zum Ticketautomaten und kaufte die Rückfahrt, denn länger einsam frieren wollte ich nicht. Die Bahn fuhr in zwei Minuten und als ich mich auf den Weg dorthin machte, meldete sich Alex plötzlich.
„Sorry, mein Handy ist abgestürzt.“
Wie kann denn so etwas passieren, dachte ich mir. Welch ungewöhnlicher Zufall.
„Hmm, ich wollte gerade nach Hause, weil ich dachte, das wäre alles nur ein Scherz.“
„Waaaas? Quatsch…hatte am Bahnhof gewartet und als ich dich nicht sah, bin ich woanders hingegangen.“
Er schickte mir seinen aktuellen Standort, der sich in der Nähe befand. Trotzdem wusste ich erst einmal nicht genau, wie ich dort hinkam und lief in die entgegengesetzte Richtung. Navis waren nämlich nicht so mein Ding.
„Sitze draußen im Café.“
„Na gut, ich komme gleich.“
Das Café war nach einigen Orientierungsfehlversuchen schnell gefunden, aber ich wollte nicht über diesen menschenbesiedelten Vorplatz laufen und ihn irgendwo in der Menge suchen.
„Trink du mal deinen Kaffee aus, ich sitze an der Seite bei den Büschen.“
Ich fand es gut, dort zu sitzen und zu warten, was passiert. Sonst hatte ich mit Büschen ja nicht viel zu tun.

Nach einer Minute kam Alex schon die Straße entlang gelaufen und fand mich. Er lachte. War mein verlorener Anblick etwa so lustig?
Keine Spur von Aufregung bei mir, weil seine Sonnenbrille zu schwarz war und ich insgesamt nicht viel von ihm erkennen konnte, bis auf die Größe und seine Stimme, die ziemlich normal war. Er war schließlich erst dreißig. Was sollte ich also erwarten?
Alles war unauffällig und seine schwarze Mütze versteckte den Rest. Alles schwarz, bis auf die Jeans. Damit hatte er mit gewissen Branchen doch gar nichts zu tun.
Außerdem war er viel dicker angezogen, als ich. Konnte Mann eigentlich noch mehr übertreiben? Ich dachte immer, Männer wären nicht solche sensiblen Frostbeulen. Als er dann noch sagte, es ist ganz schön kalt und windig, rollte ich heimlich mit den Augen.

Wir gingen am Hafen entlang und endeten an der Ostsee vorm Leuchtturm. Sein Blick fiel gleich auf die Wassersportler, die seine vollste Aufmerksamkeit erregten. Alex war schließlich ein vielfältiger Abenteurer, der mit wenig Geld auskam und sogar auf ein richtiges Zuhause verzichtete. Das war ihm alles nichts, er wollte Freiheit und in den Tag hineinleben. Immer woanders sein, ohne richtigen Job und ohne Verpflichtungen. Außerdem war das Meer seine Leidenschaft. Alex war ein moderner Robinson Crusoe und somit wieder jemand, der völlig anders tickte.
Man denkt immer, man kennt alle Arten von Typen, bis man neu überrascht wird. Ich hörte zu, ohne mir ein Urteil zu bilden. Einfach nur zuhören mit keinen Zwischentönen im Kopf. Ich verhielt mich entspannt.
Bis er mir eine Frage stellte: „Und du so?“
„Ich bin deine Nicht-Wellenlänge“, antwortete ich knapp, weil mein Leben komplett anders war.
Daraufhin folgte ein Schweigen, das erst an einem Fischbrötchenstand wieder gebrochen wurde.
„Kannst du mir eine Sorte empfehlen? Du musst doch Ahnung haben, wenn du am Meer wohnst.“
„Nein, ich hab da keine Vorlieben. Ich esse alles, was aus dem Wasser kommt. Auch Muscheln und Mini-Hummer.“
Muscheln gab es am Stand leider nicht.
Alex guckte von links nach rechts und war sichtlich überfordert mit der Auswahl.
Dann nahm er ein geräuchertes Makrelenfischbrötchen.
„Und was möchtest du?“
„Nichts, danke.“
„Wie nichts?“
„Ich hab keinen Hunger, weil ich noch satt bin.“
„Wirklich nicht?“
„Nein, danke, hab vorhin zu Hause Mittag gekocht.“ Mein Mittag war eine Tüte Gummibärchen und zwei Kekse.
„Na gut..ich kann jedenfalls immer sehr viel essen und hab immer Hunger.“
Wie unterschiedlich Männer und Frauen doch ticken. Frauen sind Künstlerinnen in Zurückhaltung und Disziplin. Manchmal jedoch auch im Lügen.
„Willst du dich nicht hinsetzen beim Essen?“
„Nein, stört mich nicht, wenn wir laufen.“

Dann liefen wir einfach ohne Ziel und ohne Plan durch Warnemünde. Zusammen mit einer Menge Gesprächsstoff, trotz der Ungemeinsamkeiten.
Alex wollte gerne Kaffeetrinken und bevorzugte den besten Laden, den es gab. Er wollte den besten Kaffee und guckte sich jede Kaffeemaschine von draußen an.
Nach all der Sucherei setzten wir uns doch in ein recht einfaches Bäcker-Café. Dann nahm er endlich mal seine Brille ab. Ich hatte schon Angst, dass er sie nie abnehmen würde. Es gab schließlich keinen Grund, so undercover unterwegs zu sein.

Erst, als er die Brille abnahm, begann für mich das richtige Date. Er hatte so tolle Augen, dass ich nicht verstand, warum er sie so versteckte. Gerade, weil die Sonne an dem Tag gar nicht schien. Alex hatte ungewöhnlich strahlend blaue Augen. Fast so, als würde sich das Meer permanent darin befinden.
Ich bestellte einen schwarzen Kaffee und Alex einen Cappuccino.
„Mist, ich hab so gut wie nie Bargeld dabei“, gestand ich Alex, als ich nachguckte, wie viel Geld ich überhaupt mit hatte. Es waren 5 Euro.
„Ich bezahle sowieso alles, ist doch selbstverständlich.“
„Wollen Sie den Kaffee hier trinken, oder mitnehmen“, fragte die Frau, die neben Getränken auch Kuchen und andere Backwaren verkaufte.
„Zum hier trinken“, sagte ich fix, bevor Alex die aktivere Variante vorschlug. Denn ich hatte keine Lust, den Kaffee beim Spazierengehen im Wind zu trinken.
Alex nahm das Tablett mit den beiden Tassen und als wir den Tisch erreichten, floss die oberste Schicht meines Kaffees auf dem Tablett und umarmte den Boden der weißen Porzellantasse.
Sein Cappuccino hingegen blieb in Topform, denn der Schaum beschützte den wertvollen Inhalt.

Dann kam wieder diese Situation: Das intime Gegenübersitzen zwischen zwei Fremden. Oft erlebt, aber immer wieder unterschiedlich. Jeder Mann ist nicht gleich und schenkt mir diverse Erfahrungen im Bereich meiner persönlichen Männerpsychologie.
Ich konnte nicht anders, als Alex genau zu beobachten und starrte ihn regelrecht an. Vor allem seine Augen, die so toll waren mit den dunklen dichten Augenbrauen. Faszinierend! Diese Augen zogen mich an. Danach analysierte ich seine Mimik und Gestik, obwohl ich mir das langsam einmal abgewöhnen sollte, da ich mich nicht auf der Arbeit befand. Dabei möchte ich meinen Job so gerne heiraten.

Alex trank seinen Cappuccino, obwohl er noch heiß war. Dann stand Alex plötzlich auf und ging nicht zur Toilette, sondern holte sich einen Löffel, damit sich der Schaum besser essen ließ. Er stippte den Löffel in den Schaum und leckte den Löffel ab. Ich empfand das als interessantes Schauspiel und ließ meinen penetranten Blick nicht von ihm. Scheinbar hatte Alex auch kein Problem damit. Mein limbisches System hatte sich schon etwas auf Alex eingeschossen, denn ich fand ich einfach richtig toll, ohne es erklären zu können. Es war eben so. Plötzlich auftretende Gefühle unterliegen keiner Rechtfertigung.

Ich trank meinen Kaffee, der nicht so heiß war, wie ich dachte. Alex erzählte währenddessen von seiner letzten aufregenden Weltreise und von Kopi Luwak, den ich auch gerne mal trinken wollte.
Als ich sah, dass Alex mit seinem Cappuccino fertig war, trank ich meinen Kaffee umso schneller aus.
Alex musste lachen, als er feststellte, dass in Warnemünde nur alte Leute in Funktionskleidung herumliefen, das kannte er gar nicht. Und meist trugen sie diese Kleidung im Partnerlook.

Das Kaffeetrinken war unser kurzes Hauptdate. Innerlich fühlte ich mich zwar euphorisch, aber diese Euphorie sprudelte nicht über, sondern ebbte schnell ab. Alex passte nicht zu mir, meine Begeisterung für ihn lebte nur kurz. Es war komisch und ich merkte, wie sehr mich meine innere Schutzmauer im Griff hat und meine Emotionen immer mehr abschwächt, damit nichts zu stark für mich wird. Ich spürte diese Schutzmauer zum ersten Mal in ihrer vollsten Intensität und fühlte mich beschützt.
Alex zog seine Jacke an und ließ das Tablett einfach auf dem Tisch stehen, bis ich es nahm und es in die dafür vorgesehene Ablage schob. Als Gast kann man sich schließlich auch benehmen und selber den Tisch abräumen. Zumal wir uns auch nicht in einem Restaurant befanden.

Draußen war es immer noch windig und bewölkt. Nicht gerade mein Lieblingswetter.
„Ich muss noch mal zur Sparkasse. Ich brauche Bargeld“, sagte ich.
„Okay, danach können wir ja wieder zum Strand.“
„Gerne!“
Ich ging in die Sparkasse und Alex spielte draußen mit seinem Handy. Es war ein gutes Gefühl, wieder echtes Geld bei sich zu haben, als immer nur mit Kreditkarten unterwegs zu sein, obwohl es bequemer ist, weil man seltener nachdenkt.

Die Sparkasse war leer und geräumig. Ich schaute mich um und danach zu Alex, der beschäftigt war.
Dann sah ich noch einen zweiten Ausgang. Ich musste nicht lange überlegen, was ich als nächstes tun würde. Der zweite Ausgang rettete mich und ich schlich mich unbemerkt aus diesem weniger erfolgsversprechenden Dating-Verhältnis. Es handelte sich um einen einseitigen Kompromiss, dessen Folgen nicht weiter schlimm sein würden. Ich wollte nicht wieder mit Vollgas im nächsten Gefühlschaos landen. Vor allem lohnte sich dieses Chaos bei diesem chaotischen Typen noch nicht einmal. Außerdem war mir Alex bedeutend zu jung.

Ich suchte mir ein anderes Café zum Verweilen und hoffte, dass Alex mich nicht suchen würde. Aber da er Warnemünde eh nicht kannte, hatte er schon verloren. Ich bestellte mir wieder einen großen Kaffee und ein Stück Quarkkuchen. Mein Handy bekam natürlich keine Beachtung.
Im Café war nicht viel los, da die Saison noch nicht begonnen hatte. Deswegen konnte ich die Ruhe um mich herum genießen. Ich nahm mein Notizbuch aus der Tasche und schrieb die wichtigsten Gedanken, die mir in den Kopf kamen, wie gewöhnlich auf. Diese Notizen sind oft nützliche Bruchstücke, die mein Leben mit neuen Inspirationen füllen. Zumal ich auch nervös werde, wenn ich mein Notizbuch nicht dabei habe. Zu Hause hatte ich 184 volle Notizbücher, die sich seit meinem 9. Lebensjahr ansammelten. Ich hatte schon eine Menge Gedanken.

Was Alex jetzt wohl machte? Inzwischen musste er bemerkt haben, dass ich nicht mehr anwesend war und mir einen anderen Ausweg suchte.
Ich schaute kurz auf mein Handy, auf dem ‚Wo bist du?‘ stand. Zwar war es gemein, einfach abzuhauen. Aber ob man nun abhaut oder gleich sagt, dass man kein Interesse hat, ist doch das gleiche. Das Band zwischen zwei Fremden ist unverbindlich und ich wollte daraus nicht mehr werden lassen, weil ich wusste, dass es nicht gut ist. Alex ist ein Weltenbummler. Dem macht es sicher nichts aus, wenn er kein menschliches Souvenir mit sich herumtragen muss. Wenn er stets Unabhängigkeit wollte, so durfte er diese auch behalten. Bindung wäre eine Sackgasse mit Zaun auf seiner Reise.

Nach einer Stunde ging ich zurück zum Bahnhof und da die Züge ständig fuhren, musste ich auch nicht warten. Alex sah ich nirgendwo. Wahrscheinlich fuhr er zu anderen Freunden, da er überall jemanden kannte, der ihn aufnahm und sich freute, ihn zu sehen. Schließlich war er selten in Deutschland. Im Zug war ich wie erstarrt, da mein Zustand immer noch vage zwischen Begeisterung und Ablehnung pendelte. Wenn aus zwei extrem gegensätzlichen Gefühlen ein Gefühl wird, dann ist es meistens die feine Apathie. Eine gute Lösung, um mit emotionalen Widersprüchen klarzukommen und um wieder zu sich zu finden. Apathie macht alles ein wenig einfacher, da man Dinge so hinnimmt, wie sie sind und oft anfängt, zu träumen.

Als ich zu Hause war, schmiss ich mich auf die Couch, lag minutenlang einfach so da und schaute mir das surreale Ölbild mit den Schafen an. Das drückte meine Stimmung immer perfekt aus, da es nach meinen Vorstellungen gemalt wurde.
Danach schaute ich mir einen Film an und freute mich mit einem Glas Champagner auf den Rest des Abends.
Alex schrieb: „Was ist denn los mit dir? Geht’s dir gut? Was machst du?“
Dann schaute ich den Film weiter, ohne weitere innere Regung und ohne Antwort. Meine Konzentration galt nur dem Film, der war spannender und wirkte bei mir besser, als Alex.
Anschließend machte ich noch ein bisschen Bauchtraining und ging duschen. Ich verblieb eine ganze Weile im Bad, da ich regelmäßig einen Wellnesstag mit Komplettprogramm einlegte. Gerade nach dem Date mit Alex war das auf jeden Fall nötig.
Als ich im Bett lag, beschloss ich, Alex zu antworten, damit er sich keine Sorgen machte.
„Mein Herz ist woanders“, schrieb ich, machte die Augen zu und schlief bald darauf ein.

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Gin Toxic

Meine Suche war längst beendet, bevor ich dazu gezwungen wurde, wieder ganz von vorne anzufangen.

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Eigentlich hatte El Achim einen Tisch in einem angesagten Restaurant reserviert. Aber als wir dort ankamen, war trotzdem keiner der geschätzten zwölf Plätze frei. El Achim stellte einen vorbeilaufenden Mitarbeiter zur Rede und als dieser meinte, dass telefonische Reservierungen hier nicht möglich wären, gingen wir wieder. Für El Achim war das anscheinend eine miese Enttäuschung, aber für mich nicht. Das Restaurant war winzig und ich fand es nicht besonders toll.
„Was ist das überhaupt für ein Restaurant“, fragte ich El Achim neugierig.
„Hier gibt’s veganes Essen.“
„Aber ich bin kein Veganer…Die Leute, die da drinne sitzen, haben das Essen nötiger, als wir.“
„Wir können ja später nochmal vorbeischauen. Du hast bestimmt Hunger, oder?“
„Naja, den hab ich eigentlich fast nie. Wenn ich unterwegs bin, hab ich andere Sachen im Kopf, als essen.“
Und dass, obwohl ich an dem Tag erst eine halbe Tafel Schokolade gegessen hatte. Normalerweise hätte ich Hunger haben müssen. Aber mein Körper lief wohl schon auf Sparflamme und stellte keine großen genüsslichen Ansprüche mehr.
„Lass uns erstmal was trinken gehen“, schlug El Achim vor und ersetzte damit seinen Plan.
In der Straße gab es eine Bar neben der anderen und unterschiedliche Restaurants für Nicht-Veganer. Es blieben also noch genug Möglichkeiten offen, den restlichen Abend irgendwo im Warmen zu verbringen.
El Achim zog mich an der Hand über die Straße und führte mich vor eine Bar, in der noch einige Tische frei waren.
„Wollen wir reingehen? Ich war hier schon mal. Ist ganz gut.“
„Ja, mir ist eh alles egal. Ich finde eigentlich jede Bar toll.“
Ich fand tatsächlich jede Bar toll, so lange die Getränkekarte lang war und viel zu bieten hatte.
Wir setzten uns an einen Tisch, der direkt vor der Tür stand und El Achim bekam jedes Mal einen kalten Windzug ab, wenn die Tür aufging. Auf dem runden Tisch stand eine lange weiße Kerze, genau zwischen uns. Als Zeichen, dass wir symbolisch immer noch zwei getrennte Menschen waren, die sich erst vor ein paar Minuten zufällig kennenlernten und nichts voneinander wussten. Gar nichts. Außer, dass er alt und einen Touch klassisch war.
El Achim reichte mir höflich die Getränkekarte und das erste Wort, das mir ins Auge fiel, hieß ‚Cornflakes‘. Insgeheim das Frühstück, auf das ich am meisten stehe. Ein abendliches Frühstück wäre prima gewesen. Dazu ein Glas Alkohol – perfekt. Aber ich behielt diesen kindischen Gedanken für mich und blätterte mich durch die dünne Pappkarte. Ich war etwas enttäuscht, denn das Cocktailangebot war sparsam mit seinen acht Standardsorten, die mich nicht besonders überzeugten, sondern eher langweilten. Letztendlich langweilte mich die ganze Karte, was dazu führte, dass mir die Entscheidung schwerfiel. Ich suchte nach Absinth. Aber den gab es leider nicht. Als ich mich mehrmals  vergewisserte, dass er in dieser Bar wirklich nicht angeboten wurde, gab ich auf.  El Achim wirkte so, als hätte er sich schnell entschieden, denn er schaute mir die ganze Zeit zu.
„Hast du schon was“, fragte ich.
„Ja, und du?“
„Nein, keine Ahnung. Kann mich nicht entscheiden.“
Es dauerte nicht lange, bis die Bedienung wissen wollte, was los ist.
„Ähm…Hugo, bitte“, antwortete ich überspontan aus der Not heraus. Letztendlich hätte man mir alles an Alkohol servieren können.
El Achim nahm einen Orangensaft mit Vodka. Das war auch eine akzeptable Lösung.
Da uns die Bedienung die Getränkekarten gleich wieder wegnahm, hatten wir nichts mehr, wohinter wir uns verstecken konnten. Während wir auf unsere Bestellung warteten, waren wir miteinander konfrontiert und mussten etwas Passendes finden, worüber wir uns unterhalten konnten.
Ich schaute ihn eingehend an und versuchte etwas an und in ihm zu finden. Es war diese seltene Faszination, die ich suchte. Aber noch konnte ich nichts Anziehendes erkennen, so sehr ich mit meinem Blick in ihn eintauchte. Also stufte ich El Achim erst einmal als neutrale männliche Persönlichkeit mit eventueller Bonusoption ein.
In unserem Small-Talk ging es hauptsächlich um Urlaub und um meine beruflichen Angelegenheiten. Er fragte mich aus und bekam teils oberflächliche Antworten, die ihm nur eine mickrige Auskunft über meine Pläne gewährten. Außerdem fanden wir heraus, dass wir beruflich völlig anders tickten und weit voneinander entfernt waren.
„Hast du denn keine Leidenschaft, für die du brennst“, fragte ich ihn fast ein wenig empört.
„Nein, da gibt es nichts. Mein Job macht mir auch nicht viel Spaß. Ich arbeite nur, weil ich muss. Mehr ist das nicht.“
„Krass..sowas könnte ich nicht. Ich muss immer völlig mit dem Herzen dabei sein. Pläne und Ziele haben. Sonst könnte ich nicht leben. Ich arbeite gerne viel und es belastet mich nicht.“
„Ja, das ist natürlich schön. Aber bei mir ist es leider nicht so. Dafür fange ich ja demnächst mit einem Malkurs an, um mal zu gucken, ob es irgendwas gibt, das mir Spaß macht“, meinte El Achim.
„Wäre natürlich schön, wenn du auch Hobbys hättest.“
Nur komisch, dass man die in seinem Alter erst finden muss, dachte ich skeptisch.
„Ja, ich weiß selber, dass ich zu oft planlos vor dem Fernseher sitze. Aber mir fällt eben nichts anderes ein. Und wenn ich von der Arbeit nach Hause komme, hab ich zu nichts Lust mehr und bin kaputt.Feierabend eben.“
„Das ist wirklich sehr schade“, sagte ich. „Das ist für mich Zeitverschwendung. Ich gucke selten Fernsehen. Dafür ab und zu mal gerne DVD’s oder Kino.“
Innerlich krachte in mir schon einiges zusammen. Ich hatte jemanden vor mir sitzen, der wohl absolut nicht in meiner Welt lebte und anscheinend ein sehr bequemes Leben ohne Ehrgeiz und Träume führte. Für mich war das ein trauriger Zustand. Aber ich gab mir Mühe, tolerant zu sein und ihn so zu akzeptieren, denn er war freundlich und zuvorkommend. Trotzdem erhielt er das Prädikat ‚Langweiler‘ als oberflächliche Titelvergabe von mir. Schubladendenken eben. Vielleicht sollte ich durch ihn lernen, dass auch andere Dinge wie Normalität zählen. Nicht nur Job, Status, Kreativität und starker Charakter. Aber es ist schwierig, alte Prinzipien abzuwerfen, die sich über viele Jahre verinnerlicht haben, dank strenger Erziehung und Erfahrung.

Es dauerte nicht lange, bis unsere Getränke kamen.
Endlich etwas Gutes. Sein Glas war lang mit einer Zitrone verziert und meins war kugelig und beherbergte ein ertrunkenes Minzblatt in sich, das in einem frischen Grün durch das Glas strahlte. In beiden Gläsern schwammen außerdem einige runde Eiswürfel, um mehr Spannung beim Trinken zu erzeugen. Bestenfalls hätten sie für eine Abkühlung nach einem heißen Flirt gesorgt. Aber heiß war mir leider gar nicht.
Wir nahmen unsere Gläser und stießen mit einem leisen Klirren auf einen schönen Abend an. Trotz unserer komischen Gespräche lächelte ich verhältnismäßig viel. Wahrscheinlich wegen der freudigen Restwirkung vom Meeting davor. Oder vielleicht, weil alles so aufregend und neu in Berlin war. Manchmal lächelt man aus undefinierbaren Gründen. Oder, weil man sich einfach nur gut fühlt, obwohl man eigentlich krank ist.
Mein Hugo schmeckte nicht außergewöhnlich anders als sonst, sondern so wie immer. Als ob ich ihn zu Hause trinken würde, nur teurer und in einem gut besuchten Raum mit geometrischen Mustern an der Decke.
El Achim fand ebenfalls Gefallen an seinem Getränk, wollte meinen Hugo jedoch trotzdem kurz probieren. Komischerweise hatte ich zwei Strohhalme bekommen und nicht nur einen, so wie er. El Achim mochte meinen Hugo. Ich hingegen ignorierte seinen Orangen-Cocktail, obwohl ich immer wieder hinstarrte. Er trank schneller, als ich. Ob er neuen Mut brauchte, um es mit mir auszuhalten? Oder ob er etwas anderes plante?

Nach kurzer Zeit bildete ich mir ein, ein bisschen von der alkoholischen Wirkung zu spüren. Mein Herz und meine Adern öffneten sich und waren empfänglicher für zweideutige Botschaften, die er mir nicht deutlich genug sendete. Vielleicht vernahm ich auch ein leichtes Kribbeln im Körper und verhielt mich empathisch genug, um ihn eine Chance für ein weiteres Kennenlernen zu geben. Ich wusste nicht, wie sich das alles noch entwickeln sollte. El Achim war irgendwo zwischen gut und schlecht. Mit einer Tendenz ins Negative. Daran änderte auch Hugo nicht viel. Mein Blick und mein Verstand waren immer noch klar genug, um mich nicht in betrunkenen Traumgeflechten zu verfangen. Hugo reichte nicht, um mir El Achim schön zu trinken.
Ich beobachtete El Achim, während ich mit dem Strohhalm spielte und die Eiswürfel mit der Minze gegen die Glaswand drückte. Ein spannendes Spiel, bei dem auch er nicht weggucken konnte. El Achim saß ganz anständig vor mir und hatte rein gar nichts Gefährliches an sich. Nicht mal sein schwarzes Hemd überzeugte mich. El Achim war vernünftig und damit bekam er den nächsten Stempel. Außerdem blieb er stets ruhig. Egal, was ich sagte, nichts brachte ihn aus der Fassung. Kein Hauch von Aggression und Wut. Er war nett und gutmütig. Außerdem ging er sonntags gerne zum familiären Kaffeekränzchen, freute sich über ein Stück Kuchen und über Kaffee mit Milch. Ich fand das in Ordnung und war neugierig, wo er seine Schattenseiten versteckte.

Als wir mit unseren Getränken fertig waren, machte El Achim die Bedienung darauf aufmerksam, dass wir zahlen wollten. Er musste nur einmal mit der Hand wedeln und schon kam jemand.
Als der Beleg auf den Tisch gelegt wurde, zog El Achim sein Portemonnaie aus der Tasche und zahlte wie selbstverständlich für mich mit.
„Bist du sicher, dass du das alles bezahlen willst“, fragte ich unsicher.
„Ja, na klar. Mach du dir mal keine Gedanken. Du hast heute schon genug bezahlt“, meinte er mit einem Augenzwinkern.
„Ja, okay. Aber mir ist das immer bisschen unangenehm. Ich kann alles selber bezahlen. Hab genug Geld mit.“
„Aber ich hab dich eingeladen. Wir brauchen nicht weiter diskutieren.“
„Okay. Danke.“
Damit hatte ich das letzte Wort. Eine doofe Angewohnheit, die ich mir seit der Kindheit nicht mehr abgewöhnt habe, obwohl es meinem Papa so wichtig war. Schließlich gehörte ihm das letzte Wort, idealerweise.
Dann zogen wir unsere Jacken an und als wir gingen, sah ich, dass die Bar inzwischen voll war.
Es war kalt und der Wind pfiff in meine zerlöcherte Spitzenleggings, ohne dass ich fror. In meinem Körper war noch Wärme übrig. Als wir wieder auf die andere Straßenseite gingen, passte El Achim auf, dass ich es noch vor dem Auto schaffte, das sich gerade ziemlich schnell näherte.

Und schon standen wir wieder vor dem veganen Restaurant, das immer noch genauso voll war, wie eine halbe Stunde vorher. El Achim wollte es trotzdem noch einmal versuchen, obwohl ich schon wusste, dass er mit seinen schwachen Argumenten keine Chance hatte.
Wieder sprach El Achim den gleichen Mitarbeiter an, der ihm natürlich erneut eine Absage gab, aber uns dafür ein anderes Angebot vorschlug. Es gab noch einen kleinen Abstelltisch vor der Eingangstür, an dem noch Platz für zwei schlanke Leute war. Der Tisch sah aus, wie ein größerer Hocker. El Achim schaute mich mich fragend an und ich schoss sofort ein klares Nein aus meinem Mund. So schön fand ich dieses Restaurant schließlich nicht und ich hatte nicht das Gefühl, etwas Großartiges zu verpassen. Ich habe selber vegane Kochbücher zu Hause, wenn ich unbedingt extravagant biologisch kochen möchte. Ein letztes Mal streifte mein Blick die exotischen Gesichter der gesunden Veganer und dann ergriffen wir endgültig die Flucht aus diesem stickigen Kabuff.

Wir liefen einige Meter und schon standen wir vor dem nächsten Restaurant mit besseren Aussichten auf eine warme Mahlzeit. Der Italiener hatte noch freie Tische und die Bedienung, die uns galant am Eingang empfing, begleitete uns gleich zu einer gemütlichen Ecke vor dem Fenster. El Achim fragte, wo ich sitzen wollte und ich überließ ihm die Entscheidung. Er setzte sich dann mit dem Rücken vor das Fenster und ich konnte die Straße hinter ihm beobachten. Wir bekamen eine Karte und waren auf der Suche nach einem Gericht, das zu unserem Appetit passte. Ein wenig Hunger hatte ich inzwischen schon, denn irgendwann war es selbst bei mir soweit, dass ich etwas brauchte, um meine lodernde Energie aufrecht zu erhalten. Ich zählte eher zum Kohlenhydrat-Typ, der viel Zucker brauchte, um perfekt zu funktionieren.
Während wir uns durch die Karte lasen, wurde das Pärchen neben uns mit einer übergroßen Pizza bedient. Die selbstgemachten Pizzen hatten mit denen aus der Tiefkühltruhe kaum Ähnlichkeit. Ich staunte. Jetzt wusste ich, dass ich keine Pizza essen wollte, sondern lieber Pasta. Ich hoffte, dass die Nudelgerichte kleiner waren. El Achim bestellte trotzdem eine Pizza, obwohl er auch über die Größe staunte und Bedenken hatte, sie nicht alleine zu schaffen. Außerdem bestellten wir ein Getränk, damit die Mahlzeit vollständig war. Er nahm ein Bier und ich überlegte wieder eine ganze Weile, bis ich dem Wirt beim Vorbeigehen einfach ‚Gin Tonic‘ zurief und er mir anerkennend zunickte.
Dann folgten Minuten des Wartens und der nächste Smalltalk-Versuch startete. Was sollte man jemandem erzählen, der sehr viel anders ist, als man selbst?
Also sprachen wir über das Essen, denn das Thema bot sich gerade auf Grund der aktuellen Situation an.
„Kannst du kochen“, wollte ich wissen.
„Nein, gar nicht. Und du?“
„Überhaupt nicht?“, hakte ich nach.
„Nein. Außerdem lohnt es sich nicht, wenn man alleine ist.“
Die übliche Antwort, die ich schon von zig verschiedenen Leuten hörte, die anfällig für Vermeidungsverhalten sind und lieber passiv leben. Leute, die der Meinung sind, dass sich gar nichts lohnt, wenn man alleine ist. Alles lohnt sich nur zu zweit. Vor allem leben sie mit dieser Einstellung auch meist ungesünder. Dabei ist Kochen gar nicht besonders kompliziert. Ab einem gewissen Alter sollte man zumindest wissen, wie man Nudeln, Reis oder Kartoffeln mit Sauce kocht. Das konnte ich schon mit sieben.
„Okay. Ja, ich kann kochen. Das ist nicht schwer und macht Spaß.“ Mehr konnte ich nicht sagen. Die Frage nach Lieblingsgerichten fand ich in diesem Sinne überflüssig, da ich mir sicher war, dass es auch dort keine Gemeinsamkeiten gab. Sushi ist garantiert nicht seine Welt, das verriet mir mein Bauchgefühl.

Und wieder einmal stießen wir die Gläser aneinander, als unsere Getränke serviert wurden.
Auf einen wiederholt schönen Abend. Prost.
Trank ich tatsächlich gerade einen Gin Tonic? Der Gedanke brach mir im Kopf eine Scherbe aus dem Glas, als ein Schluck der Erinnerung in mir hochstieg. Okay, es war ein Gin Tonic und kein Gin mit Apfelsaft. Alles gut.
Gedankenverloren fragte ich El Achim, was Gin Tonic eigentlich ist und woraus das Getränk genau besteht. Wie sollte er die dumme Frage auch vernünftig beantworten, ohne meine Intelligenz in Frage zu stellen. El Achim versuchte mir dennoch zu helfen, indem er sagte, dass Gin Tonic aus Gin und aus Tonic besteht.
Ich war mir absolut nicht sicher, was Tonic überhaupt ist. Auch das versuchte er mir verständlich zu erklären. Allerdings war meine Frage so dämlich, dass er kaum Worte fand.
Danach beschloss ich, mir beides zu kaufen, wenn ich wieder zu Hause war, damit ich herumexperimentieren konnte und schlauer aus diesem brisanten Getränk wurde. Ich assoziierte Gin Tonic mit einem Zauber, der vor einem halben Jahr begann und bis heute in meinem Leben herumschleicht. Unvergessen.
Das war unser erstes tiefgründiges, nahezu philosophisches Gespräch an diesem Abend. Ich warf einen Blick auf die Uhr, um mein Zeitgefühl zu aktualisieren. Es war spät und eigentlich war es viel zu spät, um noch so viel zu essen. Ich war sowieso kein Abendesser und musste an die Cornflakes denken, die jetzt weitaus verdaulicher gewesen wären.
„Bist du Linkshänder“, wollte El Achim wissen. Wie aufmerksam.
„Ja, bin ich. Aber ich schreibe mit rechts, weil wir das damals so lernten. Ansonsten alles links. Warum fragst du das?“
„Weil du deine Uhr auf der falschen Seite trägst.“
„Ah okay. Bei mir ist eh alles falsch rum. Meine Gedanken sind es oft auch. Durcheinander eben. Alles nicht völlig normal.“
„Oh interessant“, versuchte El Achim überzeugend hervorzubringen. „In deinem Beruf ist das alles wohl auch notwendig.“
„Das stimmt. Wir brauchen Chaoten. Die kommen bei uns am besten klar.“
Unsere Kommunikation kam ins Fließen und bald darauf stellte der Wirt uns unser Essen vor die Nase. El Achim bekam die große Pizza und ich eine ordentliche Portion Pesto. Meine Portion hatte die richtige Größe für mich. Sie war überschaubarer, als der belegte Teigfladen mit dem aufgepumpten Rand auf dem Teller gegenüber.
Wir wünschten uns einen guten Appetit und der anstrengende Verdauungsprozess begann genüsslich in der Mundhöhle. Ich hatte schon lange keine Nudeln mehr gegessen. Pizza hingegen maximal einmal im Monat. Ich gab mir Mühe, dass ich nicht so schnell wie ein Staubsauger aß und die Nudeln mit den Pinienkernen genoss. Immerhin ist ein Restaurant keine Imbissbude. Ich schaute immer wieder, wie weit El Achim mit seinem Essen war und staunte, dass er viel schneller aß, als ich. Auf seinem Teller lag fast nur noch der Rand von der Pizza, den er nicht mehr herunterbekam. Der knusprige Rand aus stopfendem Weizenmehl hätte ihm bestimmt den Rest gegeben. Obwohl der Rand eigentlich sehr lecker aussah.
„Du bist wohl auch so ein Schnell-Esser“, bemerkte ich beiläufig.
„Ja, das stimmt.“
„Ich sonst auch. Aber heute wollte ich mich zusammenreißen.“
„Es ist ja auch besser, wenn man nicht so schlingt.“
„Genau.“
In dem Moment musste ich daran denken, wie meine Oma die Kartoffeln mit dem Mund einzelnd vom Teller schnappt und den Teller nach dem Mittagessen immer ableckt. Ich musste mir mit Anstrengung das Lachen verkneifen. Das war zu viel Kopfkino, diese Szene lief wie ein komischer Film vor mir ab, der sofort endete, als ich mich zurück die Wirklichkeit zwang.
Als ich meine Portion aufgegessen hatte, nahm ich noch zwei Stücken von dem Ciabatta Brot, welches als Vorspeise diente, und sog damit den Rest der Sauce auf. Ich war zwar satt, aber nie so satt, dass ich gar nichts mehr essen konnte. Den Rand von El Achims Pizza hätte mein Bauch noch vertragen und eigentlich hätte es zum Nachtisch ein Stück warmen Kuchen geben können oder eine interessante Pudding-Kreation. Ein guter Nachtisch macht eine Mahlzeit perfekt. Und manchmal ist der Nachtisch sogar besser, als das Hauptmenü.
Am Ende dachte ich darüber nach, wie viel Pesto noch an meinen Vorderzähnen hing und vermied es, mit offenem Mund zu lächeln. Pesto war genauso fatal wie Petersilie oder der unsichtbare Geruch von Knoblauch.
Der Wirt hatte einen fürsorglichen Blick für seine Kundschaft und räumte gleich die Teller weg. Jetzt wendeten wir uns unseren Getränken zu, um noch ein paar zarte Prozente zu gewinnen. El Achim hatte sein Bier bereits ausgetrunken und mein Glas war noch halbvoll. Ich schaffte es nicht, den Gin Tonic schneller zu trinken, da der Geschmack zu bitter war. Nach jedem kleinen Schluck machte ich eine Pause und suchte nach neuem Gesprächsstoff. El Achim zeigte ebenso Initiative und sprach mich immer wieder auf berufliche Geschichten an, die mir zu privat waren und über deren Inhalte ich keine Auskunft geben wollte. Für solche speziellen Informationen war mir El Achim einfach zu fremd.
Er selber hatte nicht viel zu erzählen, da er nur mit Zahlen und Finanzen zu tun hatte. Für eine Person wie mich ein unbegreifliches Gebiet, das ich nie verstehen werde. Also gab es auch keine Fragen, die ich ihm stellen konnte. Mir war das alles zu trocken.
Unser Smalltalk artete dann eher in einem Durcheinander aus. Wir sprachen über alles, was oberflächlich genug war, damit wir uns gegenseitig nicht mit Tabuthemen konfrontierten.
Irgendwann kam er auf die doofe Idee, mich nach vergangenen Dates und Männern zu fragen. Absolut tabu. Und genau das erzählte ich ihm mit halbwegs gelassener Stimme, obwohl ich innerlich kochte. Keine Geschichten über Ex-Leute und anderen Begebenheiten. Er sah das etwas lockerer und erzählte mir, dass er mit Dates immer Pech hatte und schon lange Single ist. El Achim war der Meinung, dass in seinem Alter die Möglichkeiten geringer sind, um eine tolle Frau kennen zu lernen. Die meisten davon wären angeblich zu sehr vorbelastet von ihren Ex-Männern und in ihren Mustern gefangen. Ja, das war ich auch – gefangen. Aber das ging El Achim nichts an.
Nach der Datingfalle herrschte erst einmal Funkstille und ich trank meinen Gin weiter. Diesmal mehrere Schlucke ohne Pause, denn ich wollte weg. Schon wieder meldete sich mein Fluchtreflex. Aber ich versuchte vernünftig zu bleiben. Ich wollte nicht wieder orientierungslos auf der Straße landen, unwissend darüber, wohin ich gehöre. Mir war bewusst, was passiert, wenn ich davonlaufe. Davonlaufen macht es nur schlimmer und trotzdem musste ich mich anstrengen, auf dem Stuhl sitzen zu bleiben, denn mein Herz raste. El Achim hatte mich unbeabsichtigt mit dem falschen Thema getroffen, das sich wie eine offene Wunde anfühlt, die nicht heilt. Sie wird niemals heilen.
„Ist was mit dir? Du wirkst so unruhig“ erkundigte er sich besorgt. Ich merkte gar nicht, dass meine innere Unruhe äußerlich so auffällig war.
„Nee, schon gut. Aber sprech mich nicht auf Männer an, okay? Das geht wirklich nicht. Ich rede mit niemandem drüber. Keiner weiß, was los ist. Das ist echt nicht mein Lieblingsthema.“
„Nicht mal deine beste Freundin weiß Bescheid?“
„Nein.“
„Tut mir Leid.“
„Nicht deine Schuld.“
Ich trank meinen Gin aus und El Achim ließ den Wirt mit einer Geste wissen, dass wir die Rechnung wollten. El Achim sagte gleich, dass er bezahlt und ich nahm es so hin, denn eigentlich kenne ich es auch nicht anders. Fast jeder Mann will bezahlen, weil sich das so gehört. Deswegen musste ich noch nie bezahlen und hatte nur selten die Gelegenheit mit meinem Studentenausweis Rabatt zu kriegen. Außer im Kino und am Ticketschalter.
El Achim war schon fast am Ausgang, als ich noch damit beschäftigt war, meinen Mantel anzuziehen und meinen Schal ordentlich umzubinden. Ich fragte mich, wie es jetzt wohl weitergeht und ob er noch irgendwo mit mir hin will. Ich hatte Lust auf einen Club und auf gute Musik, die meine Stimmung hebt. Aber ich fragte ihn nicht, sondern wartete ab, was wir machen. Es war erst Mitternacht. Irgendwie hatte ich jedoch das Gefühl, dass er nach Hause wollte. Und zwar mit mir.

Draußen war es nach wie vor kalt. Winter.
„Ich merke überhaupt nichts vom Alkohol“, sagte ich, um anzudeuten, dass ich nahezu immun gegen Alkohol bin und weitaus mehr vertrage, ohne dass Mann mir etwas anmerkt.
„Oh“, er grinste nur, während er das sagte.
Ich schaute mir die vollen Läden an und dachte daran, wie die Leute jetzt Valentinstag feiern und Spaß haben. Einen Freund hätte ich auch gerne. Alle sahen glücklich und amüsiert aus. Zumindest bildete ich es mir ein, denn zu genau wollte ich gar nicht hinsehen. Wichtiger war, was sich gerade bei mir abspielte und die Vorstellung war nicht besonders rosig. Ich war mit jemandem unterwegs, der nicht der war, den ich wollte und musste mich damit abfinden, weil es nicht anders ging. El Achim war nur eine bedeutungslose Alternative und nicht mein Traummann.
Als gerade eine Straßenbahn kam, fand er es genau passend und wir fuhren per Stehplatz weiter. Normalerweise gar nicht so gut, da ich in der Bahn zu tollpatschigen Gleichgewichtsstörungen neige. Er stand einen Meter weiter weg und musste sich nicht festhalten, so sicher fühlte er sich. Aber da er täglich mit Straßenbahn fuhr, hatte er darin mehr Übung als ich, die immer mit dem Rad oder zu Fuß unterwegs ist. Oder mit dem Auto, wenn ich Lust darauf hatte.
Ich versuchte ihn nicht weiter anzugucken, da ich es mittlerweile etwas komisch fand und immer mehr die Vorahnung hatte, dass er nach Hause wollte und mir das nicht geheuer war. Ich wollte nicht schweigend in seinen privaten Räumlichkeiten herumsitzen und hatte Angst vor zu viel Nähe. In einer fremden Wohnung ist man wie gefangen.
Zwischendurch trafen sich unsere Blicke und ich motivierte mich mit geschlossenen Lippen zu lächeln. Ich sagte nichts mehr.
Als die Straßenbahn das nächste Mal hielt, wurden ein paar Plätze frei.
El Achim setzte sich sogar auch hin und gab seine selbstbewusste Poser-Position auf. Vor uns saßen zwei junge Männer, die sich wie tussige Frauen verhielten und sie redeten mit einem gehobenen Akzent über Wohnungen. Man konnte gleich erkennen, wo deren sexuelle Präferenzen lagen. An der Tür stand ein Mann, der mit seinem Handy verspielte Gespräche führte und einen sehr zufriedenen Eindruck machte. Wahrscheinlich traf er gleich seine Freundin, die in Unterwäsche auf ihn wartete. Ich musste bei dem Gedanken weggucken, damit ich positiv gestimmt blieb.
Nach ungefähr zehn Minuten sagte El Achim, dass wir nun aussteigen. In diesem Stadtteil war es genauso ruhig, wie in meiner Heimatstadt und es sah auch ein bisschen so aus, wie bei mir zu Hause. Leere Straßen und eine Menge Altbauwohnungen mit einer grau-braunen Fassade, die in größeren Stücken dekadent vom Haus abblätterte. Jetzt wusste ich, dass wir in keinen Club mehr gehen und dass für heute Feierabend war. Zumindest in der Öffentlichkeit. Dabei war ich nicht einmal müde, sondern voller Energie. So, wie es bei mir meist üblich ist. Ich habe kein Problem damit, wenn Tageszeiten durcheinander geraten. Allerdings schien es bei El Achim anders zu sein, da sein Tagesablauf stets strukturiert und einfach monoton war: Arbeiten – Mittagessen in der Kantine – arbeiten – fernsehen – schlafen. Aber El Achim sagte selber, dass er zu alt ist für zu viel Action und nicht mehr so viel Power hat. Ich tolerierte das, da mir persönliche Burnout-Momente in besonderen Belastungssituationen bekannt waren. Unter anderem, wenn ich kaputt von Liebeskummergefühlen war und genug geweint hatte. In solchen Situationen fühlte ich mich ausgelaugt und tot.
El Achim und ich mussten nicht weit laufen, bis wir das Haus erreichten. In mir machten sich einige unangenehme und leicht mulmige Gefühle breit. Wenn ich von hier aus flüchten würde, würde ich wohl kaum alleine zum Hauptbahnhof finden. Das war alles viel zu weit weg. Allein das machte mir Angst. Irgendwo zu sein, wo ich mich gar nicht mehr auskannte. Und die U-Bahn war nachts auch nicht mein Fall. Es war klar, dass Abhauen hier sinnlos war und dass ich die Nacht überstehen musste. So schlimm war El Achim zum Glück nicht. Normalerweise wäre ich jetzt bei einer Bekannten gewesen, die ausnahmsweise noch einen Platz auf der Couch frei hatte. Aber es kam spontan anders und ich landete bei ihm.
El Achim ließ mich durch die Eingangstür und ich schaute mir das tolle Altbauhaus von innen an. Überall große Holztüren mit gesprenkeltem gelben Glas und knackende abgetretene Treppenstufen. Wir liefen tatsächlich bis nach ganz oben. Fast, denn das Dachgeschoss war nicht ausgebaut. Ich fühlte mich zunehmend seltsamer. Als ich in seine Wohnung kam, stellte ich fest, dass er natürlich viel weniger Schuhe hatte, als ich. Inzwischen gehöre ich leider auch zu den Frauen, die das Schuhklischee einigermaßen erfüllen und es dennoch nicht mit der Sammelleidenschaft übertreiben. Ich achtete nicht einmal darauf, was er für Schuhe trug. An bunte abgelatschte Sportschuhe erinnere ich mich jedenfalls nicht. Wahrscheinlich waren es schwarze Dandy-Schuhe.

Seine Wohnung war groß und hatte zwei Zimmer. Im Flur hing ein Fahrrad mit Strohhut an der Wand und ich wusste nicht, was das sollte. Er erklärte mir, dass er sein Rad nicht in den Keller stellen wollte, da im Haus viel geklaut wurde. Aber scheinbar diente sein Fahrrad sowieso nur als staubige Dekoration an der Wand, weil es zu selten gebraucht wurde. Ich schaute mich in der Wohnung um, während El Achim meinen Mantel entführte und ihn in seiner Flurgarderobe versteckte. Der ganze Fußboden war aus rauem Holz und die breiteren Ritzen boten Unterschlupf für Brotkrümel, die ich in der Küche entdeckte. Der Holzfußboden war toll, aber er hatte unsaubere Schwachpunkte. Ich dachte darüber nach, wie man den Fußboden am besten reinigt und erwischte mich dabei, dass ich mir gerade über Dinge Gedanken machte, die nicht mein Problem waren. Dieses Problem hätte ich außerdem auch nicht haben wollen und hielt mich deswegen nicht länger in der Küche auf. Ich guckte kurz ins Schlafzimmer und ging dann in die Wohnstube, die kaum eingerichtet war. Mir fehlte die Individualität. Diese Leere war der allgemeine Ausdruck von Interesselosigkeit und nicht vorhandener Kreativität. Die Wohnstube bestand aus einem Fernseher, einer Couch, zwei kleinen Tischen und aus einem Regal, das voll mit Englischheften war. What the fuck. Ansonsten gab es nicht viel zu sehen. Ich war mir sicher, dass El Achim gleich den Fernseher einschalten würde, da die Fernsehzeitung direkt vor mir lag und anscheinend eine wichtige Funktion hatte. Ich persönlich habe mir noch nie eine Fernsehzeitung gekauft, sondern nutze lieber Apps für solche Sachen.
Al Achim schaltete nicht den Fernseher ein, sondern er drehte an einem Lautsprecher neben dem Fernseher, der danach stumm blieb. Ich sah nur die Lautsprecher und kein Radio in der Nähe. Aber dann informierte mich El Achim darüber, dass die Lautsprecher Musik vom Handy wiedergeben. So so, dachte ich mir. Das funktionierte auch alles per App. Diese Art von Technik war mir bis dato unbekannt.
Was dann folgte, war Musik und ich ließ mich darauf ein. Wir schauten also keinen Film, sondern hörten Musik. War das nicht der perfekte Einklang für zwiespältige Annäherungen? Ich ahnte, dass er begann, sich gefühlsmäßig einzustimmen und anschließend kam auch schon die Frage, die chronologisch folgerichtig genau jetzt gestellt werden musste: „Was willst du trinken“, fragte er.
Ich schaute ihn an und war leicht verunsichert.
„Hmm, was hast du denn da?“
„Eigentlich so gut wie alles.“
„Okay. Dann mach mir einfach irgendwas fertig. Bin da ganz anspruchslos.“ Egal wie immer.
„Na gut. Dann bis gleich.“
Mit den Worten verschwand er in der Küche, die am Ende des Flures und außer Sichtweite lag.

Ich saß auf der Couch und schaute mich um. Allerdings konnte ich nichts Interessantes finden und hörte der Jazz-Musik zu, die auch nicht meinem Geschmack entsprach. Aber ich war ein artiger Gast und von daher war es in Ordnung. Es muss nicht immer Club-Musik oder Rock sein.
Ich ging zur Balkontür und sah eine bunte Lampionkette draußen hängen, von links nach rechts am Blumenkasten entlang. Schade, dass der Sommer noch so fern war.
Nach dieser wehmütigen Feststellung setzte ich mich wieder friedlich auf die Couch und wartete auf den Alkohol. Ich war gespannt, was er mir anbot.
Wenige Minuten später kam er mit einem Glas mit pinkem Trinkhalm und Eiswürfeln zurück.
„Oh, das ist ja wie in der Bar“, bemerkte ich fröhlich.
„Ja. Ich hoffe, es gefällt dir.“
Er stellte das Glas vor mir auf den Tisch und ging zurück in die Küche, um sich ebenfalls mit Alkohol zu versorgen. Alles andere wäre unfair. Welcher Mann möchte schon nüchtern bleiben, wenn eine junge Frau trinkt?
Ich rührte mein Glas nicht an, ehe er nicht da war. Aus Anstand.
„Und, was ist das jetzt für ein Getränk“, fragte ich ihn, als er wieder kam.
„Gin Tonic. Nur etwas anders.“
Oh Mann, schon wieder Gin, dachte ich. Aus der Nummer kam ich nicht mehr heraus.
„Aber das ist nicht zufällig Gin aus London, oder?“
„Doch..warum? Hast du den schon mal getrunken?“
„Ja.“
„Und?“
„Nur so. Nicht so wichtig.“
Wenn El Achim gewusst hätte, was sein Gin für Erinnerungen in mir auslöst. Zumindest kam er nicht auf die dumme Idee, mir obendrein noch Apfelsaft anzubieten. Dann wäre es wahrscheinlich sehr emotional geworden und vielleicht hätte ich das Glas sogar zu Boden geschmissen.

Wir stießen zum dritten Mal an diesem Abend an und der Gin machte mich immer trauriger. Eigentlich hätte ich nicht bei El Achim sein sollen, war die Botschaft, die mir der Gin eindeutig vermittelte. Ich versuchte den Gedanken hinunterzuschlucken, damit er nicht zu aufdringlich wurde und mich nicht zu Kurzschlussreaktionen hinriss, denn innerlich spürte ich den Reiz des Abschieds von El Achim. Klar wollte ich weg. Aber ich hatte keine Wahl und musste bleiben. Ich wollte zumindest einmal versuchen, auch unangenehme Situationen auszuhalten. Zusammen mit dem Gin, der mich dazu verleitete, jemanden zu vermissen, der sich irgendwo entfernt in der Nähe aufhielt.
„Schmeckt gut“, sagte ich und fühlte mich wie eine gute Lügnerin.
„Das freut mich.“
Wie sollte er auf so einen verlogenen Satz auch anders antworten.
„Wenn du wüsstest, was du mir damit gerade antust.“ Ich konnte diese kleine Andeutung einfach nicht seinlassen. Es gelang mir nicht, die Erinnerungen zu unterdrücken, die gerade wieder so präsent waren.
„Inwiefern?“
Ich schwieg und ließ die Aussage so stehen, wie sie war.
Genau an diesem Tag war es ein halbes Jahr her, dass die Reste vom Gin einige Stunden später ungewollt in die Toilette gespuckt wurden. Von mir.
„Verträgst du das Zeug nicht“ hakte er weiter nach.
„Doch doch, schon. Aber warum gerade Gin? Du hast doch noch so viele andere Sorten.“
„Ja. Aber ich dachte, der ist ganz gut für dich.“
„Okay, du hast bestimmt recht.“
Wir tranken weiter, bevor ich mich immer tiefer in dieses Thema grub.
Alles war alles heikel, so lange die Atmosphäre nur aus Musik und Gin bestand. Fast so ähnlich wie damals, es kam mir vor wie ein Déjà-vu. Nur mit einer anderen Person neben mir.
Ich war gespannt, wie es weiterging. Am liebsten hätte ich vorgeschlagen, ins Bett zu gehen und zwar jeder für sich, ohne Körperkontakt. Aber diesen Vorschlag konnte ich nicht bringen. Schließlich war ich nur der Gast, der eventuell etwas offener sein könnte.
Ich klammerte mich am Glas fest, damit nichts anderes passieren konnte. Aber diese Taktik war nicht gut gewählt, denn El Achim machte die ersten vorsichtigen Annäherungsversuche, die ich lieber übersehen hätte. El Achim sagte nichts weiter und fuhr mit seiner Hand über meinen rechten Oberschenkel, während ich meinen Gin trank. Ich dachte nur daran, dass er mich in Ruhe lassen sollte.
„Tolle Hose“, erwähnte er.
„Ich weiß, danke.“ Mehr fiel mir dazu nicht ein. Vielleicht hätte ich doch besser eine Jeans anziehen sollen.
„Auf sowas steh ich ja“, fuhr er weiter fort.
„Aha…“
Ich zog zügig noch mehr Gin aus dem Strohhalm.
Es dauerte nicht lange, bis El Achim das Maß überschritt und mich wie selbstverständlich küsste. Er kam einfach näher, ohne nachzudenken. Ich erwiderte den Kuss nur deshalb, weil ich in dem Moment sowieso keine andere Wahl hatte. Wäre schließlich doof gewesen, den Kopf kurz davor schnell wegzudrehen. In mir tat sich nichts. Es war ein emotionsloser Kuss für mich, der für ein winziges Kribbeln nicht ausreichte. El Achim züngelte wie eine Schlange und ich fand diese Art des Küssens schrecklich irritierend und unerotisch. Wie konnte ein Mann nur so schlecht küssen? Mich überkam kein Hauch von Lust. Zwischendurch entfernte ich mich von El Achim, um mich meinem Gin Tonic zu widmen, den ich inzwischen deutlich besser fand. Besser, als El Achim.
Danach fing El Achim wieder mit dem Küssen an und ich war ein Opfer, weil ich Angst hatte, auf der Straße zu landen, wenn ich mich nicht benahm. Doch dann sah ich eine kurzfristige Lösung.

„Ich muss mal auf’s Klo. Könnte aber etwas länger dauern, weil ich woanders immer nicht kann.“
El Achim guckte mich lächelnd an und sagte verständnisvoll: „Ist okay, du kannst dir so viel Zeit lassen, wie du willst.“
„Darf ich alle Türen zumachen?“
„Warum?“
„Weil es leise sein muss, wenn ich auf Klo bin und weil ich nicht das Gefühl haben will, dass jemand draußen wartet.“
„Klar, mach alles zu. Aber die Stubentür musst du bisschen mit Gewalt ranziehen.“
„Okay.“
El Achim akzeptierte meine Klomacke und ich konnte erleichtert das Wohnzimmer verlassen und mich aus der zudringlichen Situation entfernen.
Die Tür bekam ich tatsächlich nicht zu, da sie immer wieder aufging. Ich war genervt.
„Ich krieg die Tür nicht zu!“
Dann kam El Achim und knallte sie mit einem energischen Ruck zu, sodass es kurz ziemlich laut wurde.

Als ich mich im Bad einschloss, spürte ich endlich mal wieder ein bisschen Privatsphäre. Trotzdem war es nicht mein Bad und ich fühlte mich fremd. Es war eines dieser schlauchförmigen Badezimmer, in denen das Klo – hinter Waschbecken und Badewanne – ganz am Ende neben dem Fenster stand. Ich ging zum Klo und blickte auf einen grünen Froschdeckel. Der Frosch hatte große braune Augen und saß wie erstarrt auf einem Blatt. Ich stopfte das Klo mit Klopapier aus und setzte mich rauf. Das Klo war höher als meins und für meine Größe etwas unbequem. In dem Winkel konnte ich schlechter pullern und ließ mich deswegen leichter durch meine Umgebung ablenken. Ich roch an seinen Parfüms, die neben mir im Regal standen und entdeckte noch einige andere Dinge, die irgendwie interessant für mich waren. El Achim hatte sogar einen Föhn auf dem Fensterbrett liegen. Ein Gerät, das ich nie brauche.
Als ich zehn Minuten auf dem Klo saß, lief es endlich. Trotz Klopapier hörte man es ordentlich plätschern. Solche Toiletten konnte ich absolut nicht leiden. Viel zu indiskret.
Ich war froh, als es klappte und sich der Urinstau mit kleineren Unterbrechungen auflöste.
Hätte ich mir den Abschluss dieses Abends aussuchen können, wäre ich auf jeden Fall baden gegangen. Das hätte ich gebraucht und hoffte, dass ich noch die Gelegenheit dazu bekam.
Als ich wieder ins Wohnzimmer kam, war El Achim mit seiner Musikauswahl auf dem Handy beschäftigt und hatte Kerzen angezündet.
„Und, hat’s geklappt“, fragte ich mich lachend.
„Ja, alles gut.“
Ich setzte mich wieder zu ihm auf die Couch und dann ging es weiter mit küssen. So, als ob ich gerade gar nicht auf dem Klo gewesen wäre.
„Kannst du dein Oberteil nicht ausziehen?“ Der Pullover war ziemlich oversized und gemütlich. Außerdem konnte ich mich schön darin verstecken und fühlte mich sicher. Und: er war rosa.
El Achim provozierte mich und ich antwortete spröde: „Nein, mir ist kalt.“
„Dir ist kalt? Dann sollten wir vielleicht ins Bett gehen.“
Tolle Idee, wenn es dabei bleiben sollte, dass jeder auf seiner Seite schläft und nichts anderes läuft. Ich wollte keine Fortsetzung.
„Gut, dann gehen wir eben ins Bett.“
Ich hatte sowieso keine Lust mehr, nachts um zwei müde im Wohnzimmer herumzusitzen und unfreiwillig zu knutschen.
„Wir können die Kerzen ja mit ins Schlafzimmer nehmen“, schlug El Achim vor.
Normalerweise perfekt, um eine romantische Stimmung aufzubauen. Aber El Achim war einfach nicht mein Typ, auf den ich abfuhr und der etwas in mir bewegte.

Wir nahmen beide jeweils zwei Kerzen und stellten sie auf ein Regal im Schlafzimmer. Das Schlafzimmer war groß und am meisten stach der fast komplett verspiegelte Kleiderschrank hervor, der direkt vor dem Bett stand. So so, dachte ich. Die perfekte Option, sich gleichzeitig von allen Seiten zu präsentieren, während man im Bett aktiv ist. Dann der nächste Gedanke: Warum hat ein Mann so einen riesigen Kleiderschrank?
El Achim sorgte dafür, dass auch im Schlafzimmer Musik lief. Darauf hätte ich verzichten können. Aber El Achim dachte anscheinend, dass Musik die Stimmung verzaubert.
Als wir voreinander standen, artete das Küssen gleich ins Ausziehen aus.
Er zog mir einfach den Pullover aus, ohne etwas zu sagen. Kurz darauf lagen auch all meine restlichen Klamotten auf dem Boden. Alles, bis auf die Unterwäsche, die ich mir nicht ausziehen ließ.
Noch immer war ich kein bisschen scharf auf El Achim. In mir tat sich weiterhin überhaupt nichts. Er hatte keine anziehende Wirkung auf mich und es herrschte keine Spannung zwischen uns. Wir waren zwei sehr unterschiedliche Persönlichkeiten, ohne etwas gemeinsam zu haben.

Ich legte mich in Unterwäsche ins Bett und El Achim folgte mir, nachdem er sich Hemd und Jeans vor meinen Augen auszog. El Achim schien wohl keine Probleme damit zu haben. Die Arbeit konnte ich ihm jedoch nicht abnehmen, da ich nicht den Drang verspürte, das zu tun. Ich wollte ihn nicht ausziehen, weil es mich nicht interessierte, wie er nackt aussah. Meinetwegen hätten wir endlich schlafen gehen können, ohne schlechtes Gewissen.
Aber El Achim war aber anderer Meinung. Er kuschelte sich direkt an mich heran und ließ mir keinen Freiraum zum Atmen, da sein Mund gleich wieder auf meinem klebte und seine Zunge sich den Weg freischlängelte.
Ich versuchte ihm zu zeigen, wie man ‚richtig‘ küsst. Aber er checkte es nicht. Anscheinend merkte er nicht, dass ich ganz anders küsste und blieb bei seiner gewohnten Variante.
Mein Slip blieb trocken und ich war mehr gelangweilt, als scharf.
El Achim konnte mich als Person nicht überzeugen. Nicht einmal halbnackt.
Trotzdem wollte El Achim mehr und fasste mich überall an. Ich konnte verstehen, dass es schwierig war, mir zu widerstehen, bei all meinen Reizen.
„Hattest du eigentlich schon mal so ein junges Mädel im Bett“, wollte ich wissen.
„Nein.“
Damit war es kein Wunder, dass er mich unbedingt herumkriegen wollte, wenn ich seine Premiere war und er machte den Eindruck, als wenn er schon länger keinen Sex mehr hatte. Genau wie ich, nur dass ich lustlos war und mich absichtlich frigide verhielt, um ihn abzuschrecken. Aber das störte ihn nicht. Er nahm keine Rücksicht auf mein passives Verhalten. Vielleicht empfand er es als Herausforderung.
Letztendlich befreite er mich von meiner Unterwäsche und wäre wahrscheinlich allein wegen des Anblicks schon fast gekommen. Auch das hätte ich verstanden und gut akzeptieren können.
„Du hast echt schöne Brüste“, bemerkte er, als er mich nackt vor sich liegen hatte.
„Ja, ich weiß. Danke.“ Wie oft ich den Satz schon hörte. Als ob es nichts anderes gäbe. Entweder oben, oder unten. Toller Arsch, oder tolle Brüste. Oder beides. Danach folgen Augen, Lippen und Hände. Erstklassig, aber zweitrangig.
El Achim fand das alles sehr spannend und ich schaute ihm matt dabei zu.
Obwohl ich länger keinen Sex mehr hatte, fand ich seine Berührungen nicht erregend. Weil El Achim einfach ein Langweiler war, deswegen. Vielleicht fand er mich auch langweilig, da ich nicht viel Lust hatte, ihn anzufassen und hoffte, dass das alles bald ein Ende hatte. El Achim verlor sich nämlich allmählich in einem stereotypen Verhalten, das aus einem Wechsel aus Küssen und Berührungen bestand. Alles wiederholte sich und führte zu keinem Fortschritt. Das Einzige, was meine Aufmerksamkeit reizte, war mein Armband, wenn es sich mit seinen Zacken im Bettlaken verfing. Der Gedanke, dass teurer Schmuck nicht so schnell kaputt geht, beruhigte mich nicht und ich schaute immer wieder nach, ob das Armband noch heil war und keiner der kleinen Steine verloren ging.

Nach einer gefühlten Stunde zog El Achim meinen Slip aus. Einfach so, damit es anders wurde und den Eindruck verlieh, als würde bald etwas Großes im Bett passieren. Nachdem er meinen Slip neben das Bett warf, entfernte er auch seinen. Ich bekam nicht einmal mit, was er trug, weil ich nicht das Bedürfnis hatte, hin zu schauen. Wahrscheinlich war es eine typische schwarze Boxershorts mit Knöpfen.
El Achim war heiß und stürzte sich mit seiner zitterigen Zunge wieder in meinen Mund. Als er nackt auf mir lag spürte ich immer noch mein Desinteresse. Vor allem, weil seine Küsse so unsexy waren, wie die Wanderung eines Wurms vor einer hungrigen Kröte.
El Achim kam langsam in Hochform und sagte:„Stellungswechsel.“
Noch vor dem Anfang? Kapierte ich nicht.
Meine innere Stimme fragte ich mich, was der Vorschlag soll und die Frage drang nach außen.
„Und das heißt?“
„Du oben.“
Ich oben – hahaha….verrückt!
Ich nahm es so hin und versuchte diese verkehrte Rolle nicht weiter zu beurteilen. Obwohl ich oben lag, gab ich mir einen Ruck, das Beste aus dieser Lage herauszuholen und bemühte mich, die Antipathie auszublenden. Es wurde entspannter, nachdem ich nicht mehr über alles nachdachte. Ich ließ mich einigermaßen gehen und schaltete den Kopf auf Stand-By. Genau wie die Musik im Hintergrund, die längst nicht mehr zu mir durchkam und ignoriert wurde.
El Achim schien es zu mögen, als ich so auf ihn drauf lag und so tat, als würde ich etwas Tolles mit ihm tun. Trotzdem war er still und ziemlich gehemmt. Bis er einen bestimmten Satz äußerte:„Ich will, dass du mir einen bläst.“
Auf jeden Fall eine unmissverständliche Ansage, obwohl ich bisher noch keinen weiteren Kontakt mit seinem Schwanz hatte. Und dann gleich blasen? Ich war immerhin kein bisschen in El Achim verliebt. Somit war der BlowJob theoretisch unmöglich für mich und eine schwierige Aufgabe. Außerdem blieb mir nach der Ansage fast nichts anderes übrig, da sie sehr überzeugend wirkte. So fernab von schüchtern und nett. Vielleicht war El Achim ja doch nicht so devot, wie ich es anfangs vermutete.

Ich gab ohne Worte nach und widmete mich unfreiwillig dem BlowJob. Immer mit der Angst, dass mir schlecht dabei wird. Einfach nicht nachdenken, ermahnte ich mich und machte die Augen zu, damit ich nicht allzu viel mitbekam und El Achim unsichtbar wurde. Mit geschlossenen Augen konnte ich mir den BlowJob schönträumen und mir vorstellen, dass ich gerade eine mit Haut überzogene Gurke ablecke, die mein Gesicht mit ihren Haaren zärtlich begrüßt.
Es dauerte nicht lange bis ich in seinem Schwanz ein Zucken spürte, das zaghaft anfing und immer weiter pulsierte, bis ich cremigen Gurkensaft im Mund hatte. Es war viel. Ich ekelte mich und hätte am liebsten alles sofort ins Bett gespuckt. Der Gurkensaft, der eigentlich markant nach Champignon schmeckte, gehörte nicht in meinen Mund und ich weigerte mich, ihn herunterzuschlucken. Aber ich brachte es auch nicht fertig, ihn anders loszuwerden. Langsam wurde es bitter im Mund und noch ekelhafter, da sich der Saft bald zersetzte. Ich überlegte, schnell ins Bad zu rennen. Aber ich tat nichts, sondern war wie gelähmt vor Ekel. Um El Achim mit meinem spermaablehnenden Verhalten nicht zu demütigen, schluckte ich alles. Schließlich dauerte das Schlucken nur eine Sekunde und ich übertrat die Schwelle der Abscheu. Es war mehr als nur ekelhaft. Normalerweise hätte ich es unter solchen Umständen niemals gemacht, da ich El Achim nicht wollte.
Warum war er überhaupt so fies, mir das Zeug ohne Vorankündigung in den Mund zu schießen? Für mich ein Tabubruch.
El Achim ging es gut und ich kämpfte innerlich, obwohl ich Pilze ansonsten gerne aß.
Dann ging er nackt zur Toilette, um sich seinen eingespeichelten Schwanz mit Kleenex-Tüchern abzutupfen und um seinen Urin loszuwerden, der sich seit einer Stunde in der Warteschleife befand.

Ich lag im Bett und war platt. Bevor El Achim auf den Gedanken kam, mich weiter zu belästigen, zog ich meine Klamotten wieder an und konnte mich dabei genau im Spiegel beobachten. Etwas verstörend, wenn ich mir vorstellte, wie El Achim mich darin von allen Seiten begutachtete. Während des BlowJob’s.
El Achim verweilte nicht lange im Bad und kam leider gleich wieder.
Ich grinste und zeigte mich freundlich. Als wir beide zusammen im Bett lagen, blieb es nicht lange still. Anscheinend war El Achim noch nicht müde, trotz seines befriedigenden Höhepunkts. Er kam mir nahe und unter meine Decke. Wieder fing er an, mich zu befummeln. Nein, er hatte noch nicht genug. Der BlowJob war erst der Anfang und das Vorspiel. El Achim wiederholte sein gesamtes Programm und seine Zunge landete suchend in meinem Mund, während er mit der Hand meine Brüste streichelte, die durch meine Gänsehaut ziemlich spitz wurden. Dabei war die Gänsehaut nur der Ausdruck eines Alptraums. Der Alptraum einer nicht endenden Nacht. Vor allem, weil ich müde war, nachts um halb drei. Sowie unmerklich angetrunken.

„Ich will mit dir schlafen“, stieß El Achim plötzlich hervor. Meine Intuition verriet es mir aber schon vorher.
Ich sagte nichts, weil ich wusste, dass es daraus hinausläuft. Sex war nichts Schlimmes, ganz im Gegenteil. Nur hätte ich mir in diesem Moment einen anderen Mann vorgestellt und nicht El Achim. Mir kam es falsch vor, mit ihm ins Bett zu gehen. So, als würde ich mich selbst belügen. Aber ich wehrte mich nicht und akzeptierte seinen Wunsch.
Ich versuchte zu lächeln.
El Achim krabbelte zur anderen Seite des Bettes, um die Gummis aus einem Karton hervorzukramen. Ich fragte mich, ob er öfter andere Frauen abschleppt. Oder ob die Kondome dort schon länger liegen und auf ihren Einsatz warten. Okay, ich habe auch Kondome unter meinem Bett, fiel mir ein und ich beschloss, dass es völlig normal ist, welche zu haben.
Dann hatte El Achim ein tiefblaues Kondom in der Hand und ich schaute ihm dabei zu, wie er es sich überstreifte. Wahrscheinlich hätte er es lieber gemocht, wenn ich das getan hätte. Aber da ich sowieso desinteressiert war, blieb meine Eigeninitiative fern. El Achim guckte mich dabei erwartungsvoll an, als ob er hoffte, dass ich doch noch aktiv werde und ihm helfe. Aber es war mir egal. Sein Schwanz wurde etwas lasch und schaffte es nicht, hart zu bleiben. War ihm wohl doch zu viel. Oder vielleicht, weil Kondome ein perfekter Abtörner sind. El Achim holte sich selber einen runter, damit sein Schwanz wieder stand und mehr Blut hineinschoss. Und nach und nach konnte ich dabei zusehen, wie er seinen Schwanz vor dem Erschlaffen rettete. Als er einsatzbereit war, verlor El Achim keine Zeit und positionierte sich zwischen meine Beine. Etwas anderes fiel ihm nicht ein.
Noch immer kein Anflug von Erregung bei mir. El Achim blieb für mich unerotisch. Ich musste nicht einmal feucht sein, da das Kondom nass genug war. Das war mein Glück. Trotzdem empfand ich sein Eindringen als unangenehm, da er es ohne meine Hilfe nicht auf die Reihe bekam und sich ungeschickt anstellte. Wohl kein Mann mit viel Erfahrung, das merkte ich gleich.

Dann hatten wir Sex. Und ich dachte nur daran, dass das alles nicht sein muss und mich kalt lässt. Genau so fühlte es sich an: kalt und ohne. Ohne Gefühl. El Achim legte sich mächtig ins Zeug und versuchte, eine harte Nummer durchzuziehen, die jedoch eher kaputt und verzweifelt wirkte. Er brachte es einfach nicht und blieb verbal völlig stumm. Er schwitzte nicht einmal. Wahrscheinlich, weil ihm die Bettwäsche zu schade dafür war und weil er Schweiß nicht mochte. Immerhin mochte er auch keine Tiere in der Wohnung. Vielleicht war er zu reinlich und zu straight.
Nach einigen Minuten deutete er wieder diesen bescheuerten Stellungswechsel an. Ich tat es mit nicht viel Begeisterung und schaute ihm dabei ins Gesicht. Er sah aus, als würde er gerne kommen. Aber durch seinen vorigen Orgasmus dauerte es jetzt natürlich länger. Sein Schwanz war noch blockiert.
Irgendwann hatte ich keine Lust mehr auf den Mist und rollte mich von ihm herunter, auf die rechte Seite des Bettes, die in dieser Nacht mir gehörte. Ich fand es sinnlos, weiterzumachen, weil die Stimmung fehlte und ich sagte kein einziges Wort mehr. Der Sex war zu schlecht und ich war eingeschnappt. Gerne hätte ich ihm mitgeteilt, wie scheiße ich alles finde. Aber ich blieb vernünftig.
El Achim äußerte sich nicht zu meinem Verhalten. Immerhin hatte er kein Recht, mich zu zwingen und etwas von mir zu erwarten. Schon gar nicht, dass ich oben liegen soll. Für mich ein großer Lustkiller.

Meine Blase war voll, der Gin Tonic sammelte sich. Aber es brachte nichts, nach dem Sex zur Toilette zu gehen, da sich alles gereizt und überstrapaziert anfühlte.
El Achim machte die Musik aus und es kehrte endlich Ruhe rein. Außer dass mein Intimbereich brannte. Zuerst hielt El Achim beim Einschlafen meine Hand fest. Ich ließ es mir diese innige Kuschelstimmung einige Minuten gefallen, aber da ich so nicht schlafen konnte, löste ich mich von seinem Griff und drehte mich von ihm weg, um wieder frei zu sein. Immerhin waren wir kein verliebtes Pärchen und er hatte keinen Anspruch auf mich.
Lange blieb ich wach und war mir sicher, dass El Achim bestimmt längst schlief, da er ruhig war und langsam atmete. Wie im Schlaf eben. Ich war zwar müde, konnte aber nicht schlafen. Die Bettdecke war mit Daunen gefüllt und ich schwitzte bald. Mir war sowieso unnormal warm und meine Halsschmerzen, die ich schon seit zwei Wochen hatte, kamen wieder zum Vorschein. Jetzt wusste ich, dass die Hitze wahrscheinlich vom Fieber kam, denn ich hatte oft Fieber. El Achim hatte mir zuvor noch eine Flasche Selters ans Bett gestellt, falls ich in der Nacht Durst bekam. Nur irgendwie war ich zu faul, mich aus dem hohen Bett herunterzubeugen und sie aufzumachen. Außerdem wollte ich El Achim nicht mit dem Krach wecken. Auch mein Handy war nicht griffbereit, es lag in meiner Handtasche, die ebenfalls unerreichbar war.
In meiner Handtasche lagen auch meine Halstabletten, die ich gerade gebrauchen konnte. Aber nein, ich tat nichts, um mir zu helfen, sondern litt weiter, weil es irgendwie auch schön war, diese Schmerzen im Hals zu haben. Sie waren so gleichmäßig und das machte mich ruhig. Am meisten störte mich die Schlaflosigkeit.
Ich wartete ab, bis es hell wurde. Oder darauf, dass El Achim wach wurde und etwas an dieser Situation änderte. Nur wie?

El Achim wurde tatsächlich gegen fünf Uhr wach und ging zur Toilette. In diesem Moment machte ich mich bemerkbar und richtete mich auf.
Als er wiederkam sagte ich: „Hey!“
„Hey, konntest du schlafen?“
„Nein, war bis jetzt die ganze Zeit wach und hab Halsschmerzen. Und mir ist total warm.“
„Oh nein, das ist nicht gut. Willst du Tabletten von mir?“
„Nein, danke. Hab selber welche mit.“
„Okay, aber wenn du doch welche brauchst, sag Bescheid.“
„Ja. Ich muss jetzt auch erstmal auf’s Klo. Und ich lass mir Zeit.“
„Gut, mach das.“
Dann schlich ich in der Dunkelheit des Morgens ins Bad. Das Bad war geheizt und ich fühlte mich sofort wohl. Wieder füllte ich die Toilette mit ausreichend Klopapier. Ich saß eine ganze Weile, bis es tröpfchenweise ins Klopapier sickerte. Nach einer Viertelstunde kam ich zurück ins Zimmer. Es war so dunkel, dass ich nichts mehr sah und mich übervorsichtig in Richtung Bett begab, obwohl nichts schiefgehen konnte. Schließlich waren es nur zwei barrierefreie Meter. Anschließend suchte ich in meiner Handtasche die Bon Bons. Mein Handy lag auch verlockend nahe. Aber die Mails waren auch später noch im Posteingang und erst einmal Nebensache. Ich war froh, dass ich die Halstabletten dabei hatte. Sie gaben mir wenigstens ein kleines Gefühl der Sicherheit, denn die Halsschmerzen waren nicht ewig schön.
El Achim blieb still auf seiner Seite. Es gab nichts, was in dieser Nacht noch gesagt werden musste. Meine Halsschmerzen machten mir dies auch nicht gerade leicht, da sie sich nach einer Weile wirklich ätzend anfühlten, nachdem sie verstärkt zurückkamen. Meine Stimme war außerdem sehr brüchig. Die Bon Bons schmeckten nach Kirsche und hatten diese betäubende Wirkung, die ich hasste. Mein Hals fühlte sich dadurch pelzig und taub an. Ich lutschte diesen Bon Bon fast eine Stunde lang, sodass er am Ende ganz winzig war. So lange hielt es noch kein Bon Bon in meinem Mund aus. Und das nur, weil ich El Achim nicht mit diesem Knacken stören wollte. Normalerweise zerkaue ich jeden Bon Bon fast sofort.

Immer wieder schaute ich auf meine Armbanduhr, deren Zeiger im Dunkeln blassgrün leuchteten. Die Zeit verging zwar, aber ich spürte es nicht. Ich gab mir Mühe beim Einschlafen, als die Halsschmerzen schwächer wurden und suchte nach der perfekten Schlafposition. Die ich in diesem Bett nicht fand, obwohl es sehr bequem war. Es war sogar bequemer als mein eigenes Bett. Aber es war fremd und die Decke war viel zu dick. Ich streckte mein Bein heraus und dann die Arme, ohne mich dabei zu hektisch zu verhalten, denn El Achim war regungslos. Er schnarchte nicht einmal. Eigentlich war er gar nicht da.
Letztendlich schlief ich die ganze Nacht nicht und döste am Morgen wach vor mich hin. Die Sonne schien durch die beigefarbenen Vorhänge und im Zimmer wurde es hell. Zu hell, um weiter im Bett liegen bleiben zu wollen. El Achim wurde auch zeitig wach und erkundigte sich, ob ich noch schlief.
„Schläfst du?“
„Nein. War fast nur wach.“
„Ich auch. Hab auch kaum geschlafen“, sagte er.
Ach was, das ließ er sich gar nicht anmerken. Also war er genauso wach wie ich? Komisch. Immerhin war er zu Hause. Aber ich war ein ungewohnter Gast, der weiblich und jung war. Eventuell musste er seinen krassen Orgasmus erst einmal in Ruhe verarbeiten.
El Achim machte wieder Annäherungen und zog mich zu ihm. Er trug ein Shirt und Shorts. Ich kuschelte mich an ihn heran, schließlich war ich immer noch müde und ziemlich gedämpft.
El Achim küsste mich und krabbelte mit seiner Hand über meinen Körper. Meinen Po beachtete er gar nicht. Als ob es ihn gar nicht gäbe. Meine Brüste und mein Bauch waren interessanter. Bei El Achim war ich mir nicht sicher, was mir an ihm gefiel, da ich kaum darüber nachdachte. Attraktivität bedeutete für mich etwas anderes und sah anders aus, als er. Obwohl er trotzdem nicht schlecht war, ganz im Gegenteil. Aber ich fand bei El Achim nichts Attraktives. Nicht das, was ich eigentlich suchte. Dieses Besondere, für das es keine Beschreibung gibt.
Vielleicht mochte ich seinen Bart, seine Unterarme und seine Augen, als ich angetrunken vom Gin Tonic war. Oder vielleicht andere Kleinigkeiten, wenn ich nicht so verblendet und stur gewesen wäre. Verblendet durch jemand anderen.

Wir lagen lange still nebeneinander, wie zwei vertraute Menschen. Aber dennoch mit einer extremen Distanz dazwischen, die auch immer bleiben wird. El Achim zog sein Shirt aus und fragte mich, ob ich meinen Schlafanzug ausziehe – ohne wäre es schöner. Wieder musste ich mein Versteckspiel beenden.
„Ich will nochmal deine Nähe spüren“, sagte er.
Ich sagte nichts und tat das, was er sagte. Es war nun eh alles egal. So wie von Anfang an. Manchmal könnte ‚egal‘ mein Motto sein.
Dieses Kuscheln am Morgen war in Ordnung. Kuscheln gab es bei mir noch seltener, als Sex. Ich stehe da nicht so drauf. Aber manchmal kann ich es aushalten. Ob ich es genoss? Nein. Weil es El Achim war. Im Sinne von nur. Ich wollte weg und vor allem raus aus diesem Bett der unerwünschten Versuchungen.
„Ich würde gerne noch baden gehen. Ist das okay?“ Der Wunsch brannte schon die ganzen Stunden in mir und ich wollte gerne alleine sein, um zu mir zu kommen. Die letzte Nacht sollte im Badewasser verschwinden.
„Kannst du. Aber ich möchte gerne nochmal mit dir schlafen.“
Wie jetzt? War er nicht schon zu alt, um so viel Lust zu haben? So langsam wurde aus dem ruhigen Typen ein notgeiler Bock, der das Glück ausnutzte, dass ich sein Gast war. Allerdings war ihm nicht bewusst, was Glück wirklich heißt, wenn ich gut drauf bin und Sex will.
Der Satz ‚Ich möchte mit dir schlafen‘ hallte wie ein Echo in meinem Kopf. Bitte nicht, ich fühlte mich unwohl, als er mir diese ernsthaften Worte sagte. Ich konnte zwar verstehen, dass er auf mich stand. Aber da es nicht auf Gegenseitigkeit beruhte, fand ich seinen Wunsch unpassend.
Warum ich mir den Sex trotzdem noch einmal antat, weiß ich nicht. Ich weiß nicht, warum ich nicht nein sagen konnte, obwohl ich es normalerweise so oft tat. Meist aus Prinzip, nur um paar Stunden später meine Meinung zu ändern. Aber diesmal stimmte ich zu, obwohl ich nicht wollte. Unbegreiflich.

El Achim widerte mich danach immer mehr an. Der Sex war genauso wie letzte Nacht, nur dass El Achim alles an Härte aus sich herausholte und mir zeigte, dass er wirklich nicht der richtige Mann dafür war. Es fehlte die Überzeugung, er spielte nur eine Rolle, in der er sich sonst nicht befand. Er war anders und brachte es nicht fertig, mich zu schlagen. Dafür reichte seine gespielte Dominanz nicht mehr aus und er kam schnell an seine Grenzen. El Achim war ein Fake. Er war nie das, was er in angedeuteten Anspielungen vorgab, zu sein. Im Allgemeinen war er sehr schüchtern und hatte überhaupt nichts zu sagen. Nicht mal im Job und bei Frauen erst recht nicht. Sein Selbstbewusstsein wurde auch immer kleiner, je mehr Dinge er mir von sich erzählte, die bei mir keinen Respekt erzielten, weil sie zu normal waren und keine Spannung aufkam.

El Achim bekam beim Sex seinen zweiten Orgasmus, während ich mich mit meinen Fingern in die Matratze krallte. Er kam am Ende sogar auf die bezaubernde Idee, mich von hinten zu nehmen und das sehr heftig. Teilweise tat es so weh, dass ich laut aufschrie und El Achim machte sich daraus nichts. Wäre auch dumm gewesen, wenn er gefragt hätte, ob alles in Ordnung ist. In meiner Gedankenwelt war nichts in Ordnung. Aber der körperliche Schmerz tat mir gut und lenkte mich ab. So lange es weh tat, war alles gut. Mir war klar, dass ich noch Tage später etwas von den intimen Nachwirkungen spüren werde.

Mein Armband war immer noch heil, nur mein Nagellack splitterte ein wenig.
Ich lag da und war leicht durcheinander, weil es zum Schluss sehr anstrengend wurde. Mir tat alles weh und ich hatte ziemlich oft geschrien. Die ältere Nachbarin, die unter uns laut Fernsehen schaute, hatte mich wegen ihrer Schwerhörigkeit bestimmt nicht gehört.
El Achim machte sich anschließend im Bad frisch und ich freute mich auf die Wanne. Jetzt stand dem Vergnügen nichts mehr im Weg. Ich zog mich wieder an, setzte mich auf die Bettkante, ging in mich und versuchte zu mir zu kommen. Das dauerte ungefähr fünf Minuten. Danach redete ich mir ein, dass ich fit bin. Immerhin waren auch die Halsschmerzen inzwischen weg und mir war nicht mehr warm, sondern kalt. Ich spürte, dass ich ein bisschen zitterte.
Während er immer noch im Bad beschäftigt war, ging ich noch einmal durch jedes Zimmer seiner Wohnung und guckte mich neugierig um. Es gab nichts zu entdecken, was meine Aufmerksamkeit erregte. Also schaute ich durch die Fenster und sah, dass am Sonntag nicht viel los war in Berlin. Die Straßen waren leer in dieser Gegend. Es war etwas nebelig, aber die Sonne kam trotzdem durch und die Stadt schien in einem strahlenden zarten Grau. Genau die Stimmung, die ich mochte. Völlige Ruhe und etwas Bedrückendes.
Als El Achim zurückkam, saß ich wieder anständig mit einem kleinen Lächeln auf dem Bett.
„Das Bad ist nun frei. Du kannst baden gehen und ich gehe dann danach duschen. Wie die Dusche funktioniert weißt du bestimmt, oder?“
„Ja, na klar. Freu mich, dass ich endlich mal wieder baden kann!“
„Wann musst du nochmal los?“
„Um vier muss ich am Bahnhof sein.“
„Okay, ist ja noch genug Zeit. Wir essen nachher erstmal Frühstück, okay?“
„Ja, ist gut. Aber Hunger hab ich noch nicht.“
„Aber eine Kleinigkeit schaffst du bestimmt.“
„Bestimmt.. Hab ja schließlich noch eine lange Fahrt vor mir.“

Ich nahm meine Tasche und ging ins Bad. Dort ließ ich gleich das Wasser laufen, damit ich in Ruhe auf dem Klo sitzen konnte und El Achim davon nichts mitbekam. Es lief sofort bei mir. Wasserrauschen ist immer gut, wenn man solche Probleme hat. Mein Intimbereich fühlte sich ziemlich demoliert an und es brannte noch mehr.
Danach verteilte ich den ganzen Inhalt meiner Tasche auf der blauen Badgarnitur vor der Wanne. Ich hatte alles mit, da brauchte ich El Achim’s Antischuppenshampoo nicht und all die männlichen Duschbäder, die nebeneinander auf dem Wannenrand standen. Als ich in den Spiegel sah, bemerkte ich blaue Punkte auf meinen Lippen. Oh nein, dass war noch die Zahnpasta, mit der ich mir am Abend die Zähne geputzt hatte. Ich wusste nicht, dass die so an den Lippen hängen blieb und El Achim war zu feige, es mir zu sagen. Schließlich war es seine Zahnpasta. Er hatte vier Sorten zur Auswahl und ich fand die blaue Tube mit dem Gold am schönsten. Sie schmeckte genauso gut, wie sie aussah. Kristallig und frisch.
Das Wasser lief extrem langsam in die Wanne. Ich verstellte den Hebel an der Armatur, aber nichts veränderte sich. El Achim badete nur selten, das konnte ich gar nicht verstehen. Mein Schaum roch nach Karamell und löste Wohlbefinden in mir aus. Endlich war ich alleine und niemand störte mich, weil ich die Tür abschloss. Ich hatte Angst, dass El Achim plötzlich hereinkommen würde, um mich noch einmal nackt zu sehen. Zum ersten Mal nahm ich mein Handy wieder in die Hand. Es tat sich viel, als alle Mails und Nachrichten auf einmal eintrudelten, dazu noch sechs verpasste Anrufe. Aber die Nachricht, die mir am besten gefallen hätte, war nicht dabei. Anders hatte ich es auch nicht erwartet. Die stupiden Dating-Apps warteten darauf, dass ich reagiere. Aber die waren das Letzte für mich. Ich hatte genug von Männern und solchen Treffen, die mir nichts brachten. Die Männer waren nicht das, was ich wirklich brauchte. Sondern nur eine Form der oberflächlichen Ablenkung, die ich gar nicht nötig hatte. Fakt war: Sie waren alle nicht das, was ich wollte.

Immer wieder stellte ich mir bestimmte Fragen.
Was mache ich hier eigentlich?
Ständig treffe ich mich mit Männern, von denen ich überhaupt nichts will und die deswegen nicht gut für mich sind.
Gibt es das, was ich suche, überhaupt nochmal irgendwo anders?
Was/wer ist ideal?
Warum tue ich mir so etwas an?
Ich habe gar kein Interesse…
Warum bin ich hier gelandet?
Sex ist ein Ventil..aber wofür?
Muss das alles sein…?
Warum quatschen die mich alle an?
Ich habe genug von Männern. Es reicht. Alles reicht. Ich will das nicht mehr länger mitmachen. Nein!
Idioten.
Arschloch.
Hassliebe…!!
Aber jeder Mann ist auch nur ein Mensch, selbst der idealste.
Am Ende wird man von jedem enttäuscht.

Danach weinte ich kurz aus Selbstmitleid, weil mir das alles zu viel wurde und ich am liebsten niemals bei El Achim gewesen wäre. Auf all das hätte ich verzichten können. Diese Erfahrung brauchte ich nicht. Auch, wenn blöde Erfahrungen ebenso wichtig sind, wie gute. Ich saß ewig in der Wanne und wäre auch gerne länger abgetaucht. Aber die Zeit verriet mir, dass die Heimfahrt nahte. Außerdem wollte El Achim auch noch duschen und mit mir essen. Ich war gespannt, was es gab. Das Wasser in der Wanne und die Wärme der Heizung waren so heiß, dass ich Kreislaufschwierigkeiten bekam, als ich aufstand. Das kannte ich schon von mir und ich versuchte diese Gefahr immer zu vermeiden. Aber diesmal vergaß ich, dass ich empfindlich auf Hitze reagiere und stand viel zu schnell auf. In dem Moment fühlte ich mich komisch und mir wurde kurzzeitig schwarz vor Augen. Ich stützte mich mit den Händen kopfüber auf die Knie, damit ich mich wieder zirkulieren konnte, atmete tief durch und hielt in dieser Position inne. Allmählich ging es mir besser und ich trocknete mich sehr langsam ab. Im Bad herrschten tropische Temperaturen und ich beeilte mich mit bedachten Bewegungen, damit ich dieser Hitze bald entkam. Ich hielt es kaum noch aus. Während ich mich eincremte und anzog, fühlte ich mich sehr geschwächt. Eigentlich hatte ich gar keine Lust, mich zu schminken, da mein Gesicht zu schweißig war. Aber ohne Schminke wollte ich nicht nach Hause fahren. So konnte ich mich nicht blicken lassen. Ich lasse mich doch nicht gehen, dachte ich.
Also trocknete ich rasch mein Gesicht ab und schminkte mich im Schnelldurchgang, wonach es am Ende auch aussah. Der Spiegel war von der Hitze völlig beschlagen und meine Schminke landete nur oberflächlich an den richtigen Stellen. Nach drei Minuten war ich fertig und so sah ich auch aus. Zuletzt besprühte ich mich noch reichlich mit Parfüm – Moschino ‚Stars‘. Beinahe hätte ich auch wirklich Sterne im Bad gesehen.
Als ich ins Schlafzimmer kam, verhielt sich El Achim besorgt.

„Hey, ist alles okay mit dir?“
Sah er etwa, dass ich vor paar Minuten geweint habe?
„Ja, klar. Wieso?“
„Wegen deinen Halsschmerzen und du siehst so krank aus.“
„Nee, alles gut, wirklich. Bin nur fertig und müde. Bin total durch. Und….ach egal..“
Dabei war ich viel mehr als das. Ich war so etwas wie ein Opfer und El Achim fühlte sich glücklich, weil er mich ins Bett bekam. Aber ich fühlte unglücklich. Und krank. Mein Spiegelbild zeigte es mir deutlich und ich war erschrocken über meinen Anblick. So sieht also ein Mädel aus, das am Ende ist.
El Achim merkte, dass es keinen Zweck hat, mich auf Probleme anzusprechen, da ich am liebsten schwieg. Er ging danach ins Bad und duschte ausgiebig. Ich blieb im Schlafzimmer und betrachtete mich weiterhin schockiert im Spiegel. Warum war ich nur so blass? Und meine Augen sahen aus, als hätte zu viel Zeit im Berghain verbracht. Ich stellte mich genau vor den Spiegel, zog meinen Pullover hoch und kontrollierte, ob ich zu dick bin. Meine Hüftknochen zeigten mir, dass ich es wohl nicht bin. Ich fuhr mit den Händen mehrmals durch die nassen Haare, damit sie schneller trockneten. Aber irgendwie sahen auch meine Haare krank aus. Alles krank. In dem Zustand wollte ich mich gar nicht mehr in der Öffentlichkeit sehen lassen. Lieber wäre ich im Auto nach Hause gefahren, als Beifahrer. Aber El Achim besaß nicht mal ein Auto.

Dann kam El Achim frisch geduscht zurück. Er sah genauso aus, wie vorher.
„Soll ich uns jetzt Frühstück machen? Willst du einen Kaffee oder was anderes?“
„Mach einfach. Kaffee ist immer gut.“
Ich lief ihm hinterher in die Küche. Zuerst fiel mir das große Regal auf, dass mit Sperrholzbrettern verbarrikadiert war. Warum? Sollte der Inhalt versteckt werden? Ich fragte nicht weiter, es ging mich nichts an. Es war nicht meine Wohnung. Die Küche war in Ordnung, wirkte aber nicht so, als wäre sie in Gebrauch. Stimmt, denn El Achim konnte nicht kochen und das sah man. Wahrscheinlich ist er ein ewiger Junggeselle.
„Was willst du essen? Brötchen oder Müsli?“
„Was für Müsli? Ich mag sowas.“
Er holte eine lange Röhre vom Schrank, wo fett ‚Müsli‘ drauf stand. Ich kannte die Sorte, aber sie gefiel mir nicht.
„Ist nicht mehr viel drin“, bemerkte er, als er hineinschaute.
„Die Sorte mag ich eh nicht. Dann esse ich Brötchen.“
Dann tat er etwas, das mich irritierte. Er legte die Brötchen in eine Pfanne.
„Was soll das? Wieso machst du die in die Pfanne?“ Ich verstand gar nichts. Das habe ich noch nie gesehen.
„Weil ich nicht weiß, wie der Ofen funktioniert. Ist alles mit Gas hier. Und von dem Ofen hab ich keine Ahnung.“
Oh Mann, dachte ich. Das kann doch nicht wahr sein. Er als Mann muss so etwas doch wissen. Es ist seine Küche.
Ich schaute mir den Herd und dann den Ofen an. Aber da ich Gasbetrieb hasste, hielt ich mich da raus und konnte auch nicht helfen. Es war nämlich tatsächlich nicht so offensichtlich, wie der Ofen anging. Da waren nur sechs schwarze Drehknöpfe, ohne Symbole. Ich drehte einmal kurz, aber nichts geschah.
Trotzdem fragte ich mich, wie das mit den Brötchen in der Pfanne gutgehen soll und wie sie schmecken, wenn sie schwarz sind.
El Achim machte mir inzwischen den Kaffee mit einer modernen Kapselmaschine im Miniformat fertig. Sah wirklich niedlich aus. Das erinnerte mich an die Zeit, als ich eine Kaffeepadmaschine geschenkt bekam und mir mit dem übermäßigen Kaffeekonsum eine Gastritis zuzog. Das war schlimmer, als Nasenbluten. Danach brachte ich die Maschine in den Keller.
„Möchtest du noch Saft?“
„Ja, gerne.“
Er machte den Orangensaft auf und er schmeckte wie abgelaufen, was immer noch an der Halsschmerztablette lag, die mein gesamtes Geschmacksempfinden veränderte. Auch der Kaffee schmeckte nicht wie sonst, sondern genauso fade. Dabei hatte ich mich so darauf gefreut.

El Achim und ich saßen am Tisch. Jetzt hatten wir noch einmal die Chance, uns ganz nüchtern gegenüber zu sitzen und zu reden. Zwei Londontassen standen auf dem Tisch und ich fing grundlos an zu lachen, weil ich die Tassen auf einmal richtig dämlich fand. Sie passten einfach zu El Achim und bestätigten den Stempel, den ich ihm längst verpasst hatte. Stilloser Standard-Langweiler.
„Warum lachst du so?“ Er war sehr verwirrt über meine unangemessene Reaktion.
„Sorry, aber die Tassen…ich find sie so lustig. Aber ich kann dir nicht sagen, warum. Ich find diese Londontassen einfach sehr sehr komisch. Sie erinnern mich ein bisschen an meine russisch-sprechende Englischlehrerin von früher.“ Mir liefen vor Lachen Tränen aus den Augen, die ich sofort abwischte.
„Ja, die hab ich aus London.“ El Achim sprach diesen Satz so trocken und ehrlich aus, dass mein Lachen endgültig ausbrach und ich konnte mich nicht mehr zusammenreißen.
„Ja, schon klar…“ Ich wischte mir weiter die Tränen aus den Augen, es hörte nicht mehr auf.
„Ich hab da mal eine zeitlang gelebt.“
„Ach, und warum?“
Studium.“
Jetzt war ich gespannt auf seine Antwort.
„Was hast du denn studiert?“
„BWL. Das, was alle studieren, wenn sie nichts anderes können und keine Interessen haben.“
BWL. Oh mein Gott. Für mich das absolute Schock-Studium und die Bestätigung, dass ich wirklich absolut falsch bei ihm bin. Mir fiel keine passende Antwort mehr ein. BWL ging gar nicht. Aber was ihn betrifft, hätte er nichts Besseres finden können, denn BWL spiegelt seine Persönlichkeit wider.
„Achso“, sagte ich sichtlich unberührt und ohne aufsteigende Faszination. Damit konnte er die Kurve erst recht nicht mehr kriegen und war durch bei mir. Der rote Schlussstrich wurde gezogen. Ich amüsierte mich weiter über die Tassen.

Die Brötchen in der Pfanne waren schneller fertig, als gedacht. Er fragte mich, welches Brötchen ich haben will. Eigentlich sahen fast alle drei gleich aus. Mir war es egal, aber ich entschied mich dann für das mit den größeren Körnen. Einfach so, es hätte auch ein anderes sein können. Ich hatte eh keinen Hunger.
„Das Beste“, kommentierte er. Wahrscheinlich hatte er das Brötchen schon im Visier.
„Ja? Die sind doch alle ähnlich. Wir können auch tauschen.“
„Nein, schon gut. Guten Appetit!“
Die Brötchen sahen optisch normal aus, wie aus dem Ofen. Das hatte ich nicht erwartet. El Achim hatte echte irische Butter und drei verschiedene Käsesorten von einer Käsetheke. Nichts Abgepacktes aus dem Kühlfach, sondern richtig guter Käse zum Selbstabschneiden. Er setzte scheinbar mehr auf Qualität.
„Solchen Käse kaufe ich nie. Aber ich finde es toll, ihn mal zu probieren“, sagte ich.
„Ich bin ein großer Käseliebhaber und kenne mich da sehr gut aus. Anderen Käse würde ich gar nicht kaufen.“
Der Käse roch lecker und ließ sich schwer abschneiden. Ich stellte mich ziemlich unbegabt dabei an. Aber ich hatte auch kaum noch Kraft.
Beide Brötchenhälften bekamen unterschiedlichen Käse, damit ich jede Sorte einmal probiert hatte. Es schmeckte sehr gut und ich beschloss, mir auch mal besseren Käse zu kaufen, da der geschmackliche Unterschied recht groß war. Es ist nicht verkehrt, dafür mehr Geld auszugeben, stellte ich fest. Aber letztendlich mache ich mir darüber kaum Gedanken und lege weniger Wert auf Käse.
Eigentlich hätte mir ein Brötchen gereicht, aber El Achim bot mir noch ein halbes an. In der Zeit, wo ich ein Brötchen aß, hatte er schon zwei verschlungen. Er isst immer schnell – das sagte er gestern Abend schon. Aber ich war beim Essen mehr mit der Verarbeitung meiner Eindrücke beschäftigt und dementsprechend gehemmt.
Die letzte Brötchenhälfte bestrich ich mit Marmelade und El Achim machte es mir nach. Es war Sauerkirschmarmelade. Hoffentlich nicht zu sauer. Schnell stellte sich heraus, dass Käse besser gewesen wäre. Sauerkirsche war nicht mein Fall und das Gelee war mir zu bröckelig.

Inzwischen war es kurz vor drei und ich wollte rechtzeitig los, denn von El Achim bis zum Bahnhof waren es noch einige U-Bahnstationen. El Achim sagte, er kommt meist immer etwas später. So etwas würde mir nie passieren. Dafür war meine Panik vor den Konsequenzen zu groß.
„Hast du deinen Gin Tonic gestern eigentlich ausgetrunken“, fragte mich El Achim ganz unerwartet.
„Nein, der Rest steht noch in der Stube. Aber da hab ich jetzt richtig Bock drauf.“
Ich huschte ins Wohnzimmer und holte das Glas. Es war noch halbvoll.
Abgestanden schmeckte es mir sogar besser und ich trank den Rest fast in einem Zug aus. Wenn ich das nächste Mal Gin Tonic trinke, dann lasse ich ihn einen halben Tag stehen. Nachdem das Glas leer war, befand ich mich in freudiger Aufbruchstimmung.
„Wollen wir jetzt los“, fragte ich ungeduldig.
„Ja, aber es ist noch früh.“
„Trotzdem. Ich möchte lieber früher dort sein.“
„Gut.“
Ich holte meine Tasche und zog meine Schuhe an.
„Schöne Schuhe“, äußerte El Achim. Ich trug schwarze Boots mit Wollkragen, sehr gemütlich.
„Ja, falls es schneit, dachte ich. Die halten schön warm.“
Zum Schluss half mir El Achim in den Mantel wie ein Gentleman. Sehr nett. So gefiel es mir, denn ich mochte gutes Benehmen.

Im Treppenhaus war es dunkel und ruhig, genau wie draußen. Von der Sonne war nichts mehr zu sehen. Dafür hingen Regenwolken über uns. Die Straßen wirkten auch am Nachmittag verlassen. Für mich hatte das nicht mehr viel mit Berlin zu tun. Aber es war schön. Es waren nur wenige Schritte bis zur U-Bahnstation und El Achim wollte lieber den Fahrstuhl nehmen, als die paar Treppenstufen. Faul, dachte ich und ich drückte ihm den letzten Stempel auf die Stirn.
Als wir ankamen, verpassten wir schon die erste Bahn. Na toll! Aber El Achim meinte, die Bahn käme im Fünf-Minuten-Takt. Nun standen wir da und versuchten die Stille wieder mit sinnlosen Worten zu füllen. Es entstanden keine vernünftigen Gespräche mehr, sondern nur einzelne Worte als Lückenfüller. Keiner von uns sprach über die vergangenen Stunden. Das Treffen schien jetzt schon vergessen. Es war nur ein oberflächlicher Besuch ohne tiefere Fortsetzung. Wir beide wussten es.
Die nächste Bahn kam bald. El Achim hatte ein Monatsticket und ich konnte angeblich mit seinem Ticket am Wochenende als Gast mitfahren. Aber wirklich sicher war er sich nicht, das gestand er mir.

In der Bahn hatten wir ein letztes Mal näheren Körperkontakt, da er dicht neben mir saß. Aber zu zarten Berührungen kam es nicht mehr. Es folgte ein Gespräch über Berlin’s U-Bahnnetz und über Berlin’s Fortschritt. El Achim war ein alter Ureinwohner und wusste über solche Themen bestens Bescheid. Ich fand es einigermaßen spannend, für mich war U-Bahn sowieso eine fremde Welt und dann noch so tief vertunnelt unter der Straße. Teilweise sehr gruselig und beängstigend, im Untergrund gefangen zu sein.
Wir fuhren nicht lange und liefen den Rest zu Fuß. Im Zentrum war deutlich mehr los und ich verlor schnell den Überblick. Aber El Achim führte mich und ich fühlte mich sicher, weil er sich auskannte. Ich war froh, dass er mich zum Bahnhof brachte und mich nicht allein stehen ließ. Immerhin war ich nicht seine Freundin. Ich war noch nicht mal eine Bekannte, sondern nur ein flüchtiger One-Night-Stand. Er musste sich also in keinster Weise für mich verantwortlich fühlen. Aber er tat es und ich hoffte, dass er keine Gefühle für mich hatte und es deswegen tat.
Als wir am Bahnhof waren, fing es an zu regnen und ich liebte es. Der Regen beruhigte und befreite mich. Es war so friedlich. Die Bahn kam noch nicht und wir standen schweigend voreinander. Aber so konnte es nicht weitergehen. Draußen wirkte El Achim viel schüchterner, als in der eigenen Wohnung.
„War schön bei dir und danke für die Einladung zum Essen“, sagte ich.
„Ja, ich fand’s auch schön. War interessant, so jemanden wie dich kennenzulernen.“
„Danke.“ Ich konnte seine Worte leider nicht erwidern.
An sich war es ein kühler Abschied und unsere letzte Umarmung war kurz. Wir hatten uns nichts mehr zu sagen. Bevor ich in den Zug stieg, gab es noch einen kleinen Kuss auf die Wange. Das war natürlich besser, als ein großer Kuss mit Zunge. Wir verabschiedeten uns beide mit einem lockeren ‚Tschüß‘. Ganz unverbindlich, ohne missverständliche Andeutungen. Plötzlich war es so, als hätten wir nie Sex gehabt. Das war nach dem Abschied ein völlig absurder Gedanke. Die letzte Nacht war wie weg. Aber die Schmerzen im Intimbereich erinnerten mich daran, dass es kein schlechter Traum war.
Als ich im Zug aus dem Fenster schaute, war El Achim ohne zu winken im Regen verschwunden und ich wusste, dass ich ihn nie wieder sehen werde.

Ich saß neben einer jüngeren Frau, weil kein anderer Platz mehr frei war. Sie sagte nichts und gab mir auch nicht den Tipp, meinen Mantel und meine Wollmütze auszuziehen, obwohl es warm genug im Zug war und alle in Strickpullovern um mich herum saßen. Während ich in eine Art apathischen Trancezustand verfiel, spielten andere Leute mit ihren Handys oder schrieben permanent Nachrichten. Aber mir war nicht danach, mir war mein Handy vorläufig egal, so wie jede Nachricht, die ankam. Ich wollte gar nichts wissen, nur Musik hören und dem Geschehen entfliehen.
Die Lichter draußen verschwammen und ich versank allmählich in einen Schockzustand, nachdem ich die letzten Stunden immer mehr realisierte und Revue passieren ließ. Mir wurde klar, was ich in Berlin getan hatte und ich ekelte mich. Aber es war zu spät, um alles zu bereuen. Schließlich war es meine Schuld, dass ich ungewollt mit El Achim ins Bett ging. Normalerweise bin ich kompliziert und ausgerechnet ihm habe ich es leicht gemacht.
Ich nahm die Zugfahrt wie einen Film wahr, sowie meine Gedanken. Es kam mir alles so verdammt unecht vor und trotzdem wusste ich, dass alles so stattfand, wie es mir meine Erinnerung abspielte. Ich fühlte mich schmutzig und bedauerte es, dass ich bei El Achim mein Selbstbewusstsein verlor und mich so mühelos verführen ließ.
Nach drei Stunden war ich zu Hause, sehr kaputt und noch kranker, als zuvor. Diesmal vor allem seelisch. Obwohl ich bei El Achim bereits gebadet hatte, stand ich zu Hause noch einmal eine halbe Stunde unter der Dusche und schrubbte mich grob mit meinem Duschschwamm mehrmals ab. Danach setzte ich mich unter den heißen Wasserstrahl und regte mich nicht mehr. Es war so heiß, dass es wehtat. Und genau das gefiel mir in dem Moment. Das heiße Wasser entspannte mich, weil es auf meiner Haut piekte. Es war diese gewisse Bestrafung, die ich gerade brauchte und die mir guttat.
Nach dem Duschen ging ich sofort ins Bett. Ich wollte meine Ruhe und mich zurückziehen. Im Bett bekam ich Schüttelfrost – ein gewohntes Warnzeichen. Es zeigte mir, dass alles zu viel war und ich Abstand vom Leben brauchte, um wieder klarzukommen.
Das einzig Richtige war: Handy ausschalten und alleine sein.
Am nächsten Tag kaufte ich mir Gin, Tonic und Apfelsaft.
Es war schön alleine. Schön kaputt.

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Das Gespräch

Lieber bisschen drunter, als bisschen drüber.

Heute war ein sehr wichtiger Tag und ich war zum ersten Mal seit langer Zeit extrem aufgeregt. Zum Glück konnte ich in der Nacht gut schlafen, nachdem ich mich eingehend im Netz über Vorstellungsgespräche und deren Tücken informierte.

Meine letzte große Aufregung ist inzwischen über ein halbes Jahr her, als ich das ‚beste Date‘ meines Lebens hatte. Eigentlich mehr imaginär, als echt…und eine angebliche Projektion. Das waren seine späteren Worte in Bezug auf meine Vorstellungen und Wünsche. An dem Tag war ich genauso aufgeregt und enorm glücklich. Ja, das waren tolle Gefühle, die ich heute noch einmal in einer etwas abgewandelten Form erleben durfte. Danke!

Allerdings kann ich im Nachhinein sagen, dass ein Vorstellungsgespräch viel schlimmer ist, als ein Date. Es geht um die Liebe zum Beruf (bzw. zur Berufung) und mit dem ist man meist länger verbunden, als mit einem Mann. Eine Trennung vom Traumberuf ist eher unwahrscheinlich und man hat keine Lust, fremdzugehen, wenn man das tut, was man unbedingt mit Leidenschaft tun will. Mein Beruf ist zugleich mein Hobby. Aber es gibt dennoch eine Menge Gemeinsamkeiten für diese beiden Ausnahmesituationen der Gefühle zwischen Mann und Beruf. Liebe verbindet letztendlich alles miteinander.

Ich habe mir viele Gedanken über mein Outfit gemacht, denn das sollte man für so einen besonderen Anlass selbstverständlich tun. Lange überlegen musste ich als Mode-Victim nicht und entschied mich für ein leger schickes Business-Outfit. Das entsprach meinem Stil und meiner Persönlichkeit, ohne dass ich verkleidet wirkte oder mich unecht darin fühlte. Meine Klamotten besorgte ich mir gleich, nachdem ich die Bewerbung abschickte, da ich mir sicher war, dass ich eingeladen werde. Ich dachte mir, dass sich für diesen Job sowieso fast niemand bewirbt, da er zu speziell und gefährlich ist. Eventuell. Also ging ich recht selbstbewusst an die Sache heran. Ich wusste einfach, dass ich es dorthin schaffen werde und nach zwei Wochen bekam ich die Bestätigung meiner Vorahnung per Post. Die Freude war riesig und ich war überglücklich, eine Chance bekommen zu haben, mich in dieser fremden neuen Welt präsentieren zu dürfen, denn ich brauche dringend ein anderes Umfeld und eine spannende Herausforderung.

Meine Business-Klamotten wurden bereits vor dem Vorstellungsgespräch eingeweiht und zwar in Berlin, beim Shoppen. Es gab mir ein besseres Gefühl, die Sachen schon einmal getragen zu haben und ins Leben zu bringen, bevor es richtig ernst wurde. Das Wochenende in Berlin machte Spaß und ich fühlte mich wohl in dieser eleganten dunkelblauen Hose. Ich ging in diesen Klamotten abends ins Kino und genoss anschließend das Berliner Nachtleben. Danach fiel ich kaputt ins Hotelbett. Schlafen konnte ich vor Aufgedrehtheit jedoch nicht. Die Klamotten waren jedenfalls bewerbungstauglich. Diese Erinnerung an das Wochenende in Berlin mochte ich.

Heute Morgen stand ich um sieben auf, da ich um acht los musste. Ich wurde ein Viertelstunde vorher wach, da meine innere Uhr wirklich gut funktioniert. Etwas müde war ich noch, da das normalerweise nicht meine normale Aufstehzeit ist und ich mich nicht unbedingt als fröhlichen Morgenmenschen bezeichnen würde. Außer im Sommer, wenn die Sonne schon morgens scheint.

Als ich mich anzog, hatte ich keine Zweifel, zwecks meines Aussehens. Ich spürte, dass es immer noch das perfekte Outfit war und kein bisschen zu abgehoben. Der Blazer bestand nämlich aus Bouclé-Stoff mit eingewebten dezenten Goldfäden und ein wenig Kunstleder an den Rändern. Jedoch fernab von Extravaganz. Insgesamt war alles stimmig.

Mein Make-Up blieb zurückhaltend, denn zu viel Schminke ist in der Branche nicht angesehen und macht einen oberflächlichen Eindruck. Man sollte sich fragen, wie man am besten Vertrauen erweckt und wie man sein Selbstbewusstsein angemessen zum Ausdruck bringt. Natürlichkeit ist die Lösung. Auf zu viel Schmuck verzichtete ich natürlich auch und setzte auf Bescheidenheit. Als ich meine Haare zum Schluss mit Glanzspray einsprühte, war ich zufrieden. So konnte ich mich sehen lassen.

Danach gab es ein großes Frühstück und eine kleine Tasse Kaffee, damit sich meine Nervosität nicht steigerte. Ein ausgiebiges Frühstück ist in solchen Fällen immer gut, denn man hat das Gefühl, dass man dadurch mit genug Energie versorgt ist und diese Aufregung besser durchhält. Außerdem hat Essen oft eine beruhigende Wirkung. Bananen und Schokolade sind da ein passendes Mittel. Oder Haferflocken und Nüsse.

Bei mir gab es Joghurt mit Kuchengeschmack und ein warmes Käsebrötchen. Danach blieb mir nicht mehr viel Zeit und ich machte mich auf den Weg zur Straßenbahn. Draußen war es ziemlich windig und kalt. Ich trug keinen Schal und nur eine dünne Jacke, weil ich nicht schwitzen wollte. Aber es war definitiv zu kalt in den Sachen. Ich war froh, dass ich wenigstens dicke Winterstrümpfe trug, die meine Füße wärmten, denn meine Hände waren bereits nach wenigen Schritten eiskalt. Wenn ich so jemanden mit der Hand begrüßte, würde das keinen guten Eindruck machen. Kalt vor Angst, könnte man annehmen.

In der Straßenbahn fühlte ich mich wieder entspannt und ausgeglichen. Alles war recht normal und ich konnte die Nervosität ausblenden. Die halbe Stunde Fahrt, die mir sonst so lang vorkam, war schnell vorbei und ich wunderte mich, wo die Zeit geblieben war. Schon erreichte ich das Ziel und hatte noch eine halbe Stunde Zeit bis zum Gespräch. Ich war mir nicht sicher, ob ich so lange in der Kälte warten sollte oder lieber im Zielgebäude.

Wie sieht das denn aus, wenn man viel zu früh bei einem Termin erscheint?

Und vor allem: Was würde mich in dieser fremden und abgesperrten Umgebung erwarten?

Ich hatte keine Ahnung, was mir bevorstand.

Außerdem wollte ich keinen schüchternen verängstigten Eindruck hinterlassen. Ich wollte auch in unbekannter Umgebung selbstbewusst sein – denn ich bin selbstbewusst.

Ich entschied mich und ging zum Ziel meiner Träume. Die Zeit war mir dann egal, weil: Lieber zu früh, als zu spät. Kurz, bevor ich am Eingang klingeln wollte, sah ich eine Mitarbeiterin, die ich nett begrüßte und die mich in diese Sperrzone begleitete. Ich war froh, dass gerade jemand kam und ich nicht ganz alleine dastand. Bei der Wache gab ich meinen Ausweis ab und kurz, nachdem ich mich in den Wartebereich setzte, kam eine Frau, die mich woandershin begleitete, wo ich weiter warten musste.

Halb zehn hatte ich das Gespräch. Neben mir saß meine Konkurrentin, die sich auch auf diese Stelle bewarb – das konnte ich kaum glauben. Es gab tatsächlich noch andere Bewerber für diesen Beruf! Unfassbar. Ich scannte diese Frau beim Vorbeigehen kurz ab, ohne sie direkt anzuschauen. Aber man kann auch indirekt vieles wahrnehmen. Auf jeden Fall war sie etwas lockerer gekleidet. Scheinbar nicht ganz so ausgewählt, sondern eher Alltagslook. Sie trug einen roten Pullover. Dabei habe ich gelesen, dass man diese Farbe in Vorstellungsgesprächen eher meiden soll, da sie zu dominant ist und teilweise erotische Andeutungen macht. Die Frau hatte lange blonde offene Haare und saß mit überschlagenen Beinen auf ihren Stuhl.

Ich hingegen saß völlig entspannt dort und verschränkte meine Körperteile nicht. Jedem, der an mir vorbeikam, sagte ich lächelnd ‚Guten Morgen‘. Sie lächelten zurück. Einmal rutschte mir sogar ein leises ‚Hallo‘ heraus. Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass jeder an mir interessiert wäre, der mich dort sitzen sah und ich fühlte mich empfangen. Ich wollte ein Teil dieser Klinik sein und dazugehören. Um jeden Preis sogar.

Bald wurde die Frau neben mir aufgerufen und ich konnte sie gedämpft durch die Tür reden hören. Sie erzählte viel und ich hörte einen osteuropäischen Dialekt heraus. Allerdings konnte ich nicht verstehen, worüber gerade gesprochen wurde. Ich war ziemlich neugierig, was meine Konkurrenz zu bieten hatte und ob sie ‚besser‘ war, als ich. Ihr Gespräch dauerte knapp zwanzig Minuten und sie war pünktlich um halb zehn wieder draußen, mit einem Strahlen im Gesicht und der Aussage, dass sie nun Urlaub hat.

Als ich aufstehen wollte, wurde ich gebeten, noch ein wenig zu warten. Ich war zu übereifrig, freudig und aufgedreht. Die Nervosität war immer noch weg und ich war froh darüber. Nach weiteren fünf Minuten durfte ich den Begegnungsraum betreten und es überraschte mich, dass dort noch zwei andere Personen saßen. Ich ging nämlich davon aus, dass ich mich nur auf eine Person konzentrieren muss. Das bereitete mir erst einmal einen kleinen Schock, obwohl in meinen bisherigen Gesprächen immer ca. 3-4 Personen saßen. Aber diesmal ging es um das wichtigste Gespräch überhaupt und zu viele Personen empfand ich als irritierend.

Ich legte meine Jacke und meine Handtasche auf den Stuhl und setzte mich drauf. Sehr gelassen und nicht hastig. Aber ich glaube, sie sahen meinen Hintern etwas zu lange. Alle begrüßten mich, aber keiner reichte mir die Hand. Also tat ich es auch nicht, weil man das nicht tun soll, wenn es die Vorgesetzten einem nicht anbieten. Immerhin war ich die Unterlegene. Ich atmete tief ein und schaute mir die Leute an, die am Tisch saßen. Alles okay. Alle mit Pokerface.

Das Gespräch begann damit, dass ich mich vorstellen sollte. In dem Moment begann die pure Aufregung wieder und ich hatte die absolut schwärzesten Blackouts. Ich wusste eigentlich nichts mehr und konnte so gut wie gar nichts von alledem sagen, was mich ausmacht und wie meine Motivation für diese besondere Stelle lautet. Obwohl ich die Antworten alle sehr genau wusste und überzeugt von mir war. Ich wusste, warum ich diese Stelle wollte. Aber mir fehlten die Worte, um mich auszudrücken. Stattdessen stammelte und stotterte ich abgebrochene Sätze, sowie einzelne Wortfetzen vor mich hin. So etwas würde mir bei einem Date zum Beispiel niemals passieren. Von meiner Eloquenz blieb nicht mehr viel übrig. Alles vergessen, der ganze Wortschatz verschwand. Ich kam mir vor, wie ein Trottel, der sich selbstüberschätzte und sich für eine Stelle bewarb, die sie sein Niveau stark überstieg. Ständig wiederholte ich Worte wie ‚manchmal‘, ‚vielleicht‘, ‚immer‘ und andere fantasielose Füllwörter. Der Chef hat also nicht erfahren, warum ich diese Stelle unbedingt möchte, was ich mir vorstelle und was mich ausmacht. Er hat nicht viel von meiner Persönlichkeit kennengelernt und weiß trotz des Gespräches immer noch nichts von mir. Allerdings hat er meine Persönlichkeit gesehen und wahrgenommen. Und ich habe die gestellten Fragen einfühlend, ehrlich und gut durchdacht beantwortet.

Natürlich habe ich auch erwähnt, wie aufgeregt ich bin und dass ich mich unter normalen Umständen ganz anders verhalte. Klar, das kann jeder sagen. Eigentlich muss man immer so sein, wie man ist. Egal, in welcher Situation. Selbstbewusste Leute würden sich wohl kaum etwas von ihrer Aufregung anmerken lassen. Von daher verhielt ich mich in deren Augen bestimmt ziemlich widersprüchlich und fragwürdig. Aber ich weiß nicht, was sie wirklich dachten. Vielleicht bin ich auch zu hart zu mir selber.

Nach meinem Geständnis wurde ich ein bisschen lockerer und entspannter. Für den Chef waren meine kurzen Antworten scheinbar nachvollziehbar und die anderen Leute brachten mir mit Zunicken Vertrauen entgegen. Außerdem bekam ich die Rückmeldung, dass die Dinge gut waren, die ich sagte. Ich hätte am Anfang einfach einen kleinen Small Talk gebraucht. Das hätte mich aufgetaut.

Aber nun ist alles so, wie es ist und ich akzeptiere das. Allerdings finde ich es sehr schade, dass die Aufregung mich so kaputt gemacht hat, sodass ich völlig neben mir stand und mich in den ersten Minuten wie gelähmt fühlte. Ich war so apathisch, als stände ich unter Drogen. Das ergab ein blödes Bild von mir, das mir nicht entsprach. Dennoch wirkten alle recht interessiert und waren freundlich. Zwischendurch goss ich das Glas mit Wasser voll und trank es bis zur Hälfte aus. Den Rest hinterließ ich nach dem Abschied, ohne Lippenstiftabdrücke.

Kekse standen leider nicht auf dem Tisch. Ich hätte sie auch nicht angerührt, obwohl ich Kekse über alles liebe. Denn wer Kekse im Gespräch isst, hat keine Manieren. Kekse dienen also nur zum Test.

Das Gespräch dauerte knapp vierzig Minuten und endete mit den Schlussworten: Wir melden uns. Angeblich soll das heißen, dass ich eine Absage erwarten kann. Aber das denke ich nach diesem Satz nicht, schließlich wollten noch andere Bewerber im Gespräch überzeugen. Ich konnte also noch keine direkte Zusage bekommen, denn das wäre nicht fair.

Zum Schluss bedankte ich mich nochmals und wünschte den Leuten einen schönen Tag. Den Spruch ‚Frohe Ostern‘ verkniff ich mir. Humor und komische Sprüche passten nicht zur Situation. Damit hätte ich mich lächerlich gemacht. Meine einzelnen Wortbrocken waren schon schlimm genug.

Jetzt sitze ich zu Hause und bin noch aufgeregter, als vor dem Gespräch. Ich denke ständig darüber nach, was gut lief und was nicht. Grübele darüber, wie ich äußerlich und persönlich herüberkam und google im Internet nach Fehlern im Vorstellungsgespräch. Sicherlich wäre es ohne Aufregung anders gelaufen. Aber auch, wenn es diesmal nichts wird: Es wird nächstes Mal was.

Wenn ich eine Absage bekomme, werde ich anrufen und sagen, dass sie meine Bewerbung aufheben können. Jemand hat mich daran erinnert, dass alles seine Zeit hat und davon bin auch ich überzeugt. Vielleicht muss ich noch ein wenig an mir arbeiten, damit ich richtig reif für diesen Job bin. Aber vielleicht muss ich auch gar nichts tun und werde aufgrund von vielen Sympathiepunkten gleich genommen. Das wäre ein Traum. Und ich hoffe, der Chef hat es erkannt.

Nun heißt es warten. Wie lange, das weiß ich nicht. Aber wahrscheinlich wird es nicht lange dauern, da sie sich nach dem Gespräch beraten und sich die Bewerbung hoffentlich noch einmal genauer angeschaut haben. Letztendlich habe ich verbal all das wiederholt, was ohnehin schon drin stand. Meine Worte waren also nachlesbar.

Eine Zusage wäre mein bestes Ostergeschenk.

Nach dem Gespräch kaufte ich mir Schminke und Klamotten, um wieder halbwegs auf das Normallevel zu kommen. Einen Grund zum Shoppen gibt’s immer…

Zu Hause gab es dann noch Schokolade zur Beruhigung und ‚The Way‘ von Gigi D’agostino. Leider wirkungslos.