Hallo, wer bin ich?

Alles ist nicht genug.

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Ich wache ein paar Minuten vor dem Weckerklingeln auf. Es ist 6:40 Uhr, um 7 sollte der Wecker klingeln. Ich denke über den Traum von eben nach. Es ging um ein Kriegs-U-Boot, das zuletzt von Fischen aufgefressen wurde. So, als würde es aus Plankton bestehen. Was für ein Quatsch..?!

Mehrere Minuten liege ich völlig verdutzt im Bett und google nach, was ein U-Boot im Traum bedeutet. Angeblich befinde ich mich gerade auf einer Reise in mein Inneres und will mich selbst erkunden. Das könnte tatsächlich stimmen, denn ich wollte heute zum Arzt gehen, weil irgendetwas in mir komisch ist, obwohl ich die Antwort eigentlich schon kenne. Aber diesmal fühlt es sich besonders komisch an. Wahrscheinlich dauert dieser Zustand nur wenige Stunden, aber trotzdem. Ich bin aufgeregt und habe deswegen nachts kaum geschlafen, bevor ich die Unterwasserwelt erkundet habe. Warum ich aufgeregt bin, weiß ich jedoch nicht. Es gibt keinen bestimmten Grund. Zumindest keinen Grund, der normale Menschen beunruhigen würde.

Mein Zimmer hängt voll mit Wäsche, die an den offenen Schranktüren trocknet und zwei bunte Lichterketten sind an. Eine mit Tannenbäumen und eine mit glitzernden Schneeflocken. Ausmachen wollte ich sie nicht, obwohl es zum Schlafen sicher besser gewesen wäre. Aber ich wollte es einfach nicht. Die Zeit der bunten Lichter geht so schnell wieder vorbei.

Eigentlich möchte ich überhaupt nicht zum Arzt gehen, wenn ich daran denke, wie voll das Wartezimmer ist und wie viele Stunden ich jedes Mal warten muss. Zeit genug, um darüber nachzudenken, was ich sagen werde, denn das fällt mir jedes Mal schwer. Weil es keinen Ausdruck für das gibt, was in mir vorgeht. Vor allem, weil es sich nur um Momente handelt. Genauer gesagt: Kurzschlussmomente. Meist gehe ich nur zum Arzt, wenn ich richtig krank bin. Aber diesmal bin ich nicht richtig krank. Also nicht körperlich krank. Nicht so wie die anderen Patienten um mich herum, die es viel nötiger haben, weil deren Leben wirklich in Gefahr ist. Manchmal würde ich tatsächlich gerne mit ihnen tauschen. Ich weiß nicht, warum. Aber ich denke, dass deren Leben besser ist.

Gegen 7 Uhr stehe ich auf und ziehe mich an. Mehr tue ich nicht, weil ich keine Lust habe, mich zu schminken und gerade denke, dass sowieso alles total scheiße ist, obwohl gar nichts passiert ist, um solche Gedanken in meinem Kopf zu haben. Wenn ich mich schminken würde, würde der Arzt außerdem denken, dass es mir doch gar nicht so schlecht geht. Ich kämme mir nur die Haare und das war’s. Dennoch stehen sie zu allen Seiten ab, weil das immer so ist. Ich stehe auf meine Bad-Hair-Days. Das passt schließlich zu mir. Mit einem Grinsen stehe ich vor dem Spiegel und denke, dass ich auch ohne Schminke nicht so hässlich aussehe, wie manch anderer oder besser gesagt: manch andere. Ich bin ja schließlich kein Typ. Ein Glück auch..? Ja, wahrscheinlich schon, sonst wäre ich nicht so, wie ich bin. Typen neigen ja nicht häufig zu solchen Charakteren, wie den, den ich habe und manchmal bin ich schon ein wenig stolz drauf, wenn ich mich nicht gerade dafür hasse.

Meine Klamotten sind wohl arzttauglich. Lässige dunkle Jogginghose und ein roter Strickpullover, damit ich dem warmen Wartezimmer nicht friere, falls jemand das Fenster aufreißt. Unter dem Pullover trage ich noch ein weißes T-Shirt mit einem Glitzersaum. Auf meinen Socken befinden sich aufgedruckte Weihnachtsmänner, passend zur Jahreszeit. Ist nunmal so. Die Socken wird wohl niemand sehen, weil meine Hose auch im Sitzen lang genug ist.

Dann nehme ich meine Handtasche und gehe los. Bis zum Arzt sind es nur zehn Minuten. Aber wenn es einem richtig schlecht geht, dann ist das meist schon zu viel. Ich erinnere mich daran, wie ich schon zwei Mal fast zusammengebrochen wäre, als ich krank war. Einmal im Wartezimmervorflur und einmal fast in der Apotheke, sodass mir dort sofort geholfen werden musste, als ich ausdrücklich sagte, dass es mir gerade sehr schlecht geht und ich dass ich gleich umkippe. Die Apothekenfrau handelte schnell, als sie meinen Zustand vernahm. Das war ziemlich dramatisch, als mir dann noch ein Taxi angeboten wurde, nachdem mir ein Glas Wasser gereicht wurde und ich auf der Apotheken-VIP-Bank für Altersschwäche so lange Platz nehmen durfte, wie ich wollte. Nach dem Glas Wasser und einer Viertelstunde auf der Bank ging es mir dann besser. Im Nachhinein habe ich sehr darüber gelacht. Weil das wirklich unmöglich von mir war. Aber es ging mir halt schlecht. Dafür muss man sich nicht rechtfertigen.

Natürlich ist es beim Arzt wieder voll. Es ist kurz nach halb acht und die Nachfrage ist bereits groß. Jeder der hier ist, dachte, er wäre der Erste. Ich denke an so etwas nicht mehr. Meist geht es sowieso nicht nach Reihenfolge, sondern nach anderen Prinzipien. Ich hatte mal ein Praktikum in einer Arztpraxis, deswegen kenne ich die internen Vorgänge. Die anderen Leute sehen auch alle nicht besonders krank aus. Sieht eher aus, als wären sie hier, um zu reden und um Freunde zu treffen. In dem Vorflur gibt es nur drei Sitzplätze, die natürlich schon vergeben sind. Dort sitzen drei Omas, die sich angeregt unterhalten und sich scheinbar gerade kennenlernen, für den späteren Kaffeeplausch.

Ich stehe im Gang und es geht mir gut, weil ich diesmal keine Kreislaufprobleme und Hitzewallungen habe. Wenn ich aus dem Fenster schaue, sehe ich nur das trostlose Dach mit Unkraut bewachsen. Es gibt nicht viel zu sehen. Es ist langweilig, wenn man hier warten muss, bis um acht die Tür zum Wartezimmer geöffnet wird und es alle eilig haben, um ihre Jacken auszuziehen und um ihre Rollatoren in der Garderobe zu verstauen, weil da nicht viel Platz ist. Ich lasse meine Jacke nie in der Garderobe, sondern behalte sie auf meinem Schoß. Dort ist sie sicher. Ich habe oft Angst, dass Sachen von mir geklaut werden, da sie meist viel gekostet haben und Kenner nach solchen Details Ausschau halten.

Punkt acht wird die Tür aufgemacht und der Alltag geht los. Bis ich zur Anmeldung komme, dauert es ewig. Es tauchen zu viele Fragen auf, die noch geklärt werden müssen. Alle sind irgendwie genervt. Die Schwestern müssen sich immer wieder die selben Dinge anhören und die Patienten merken eh nichts mehr. Auch, wenn sie sich anstrengen. Als ich endlich rankomme, geht alles ganz schnell und ich kann mich hinsetzen. Wie ich diese Zeit hasse. Ich werde bestimmt erst ganz spät herankommen und solange kann ich mir meine Gedankenfetzen in passender Reihenfolge zurecht legen, sodass der Grund, warum ich heute hier bin, irgendwie sinnvoll wird. Letztendlich werden meine Sätze eh anders klingen und kommen spontan aus mir heraus. So hoffe ich es, weil es besser ist.

Ich sitze zwei Stunden passiv im Wartezimmer und die Zeit vergeht, wenn auch auf eine andere Art. Ohne Zeitung lesen, ohne Handy, ohne alles. Ich beobachte die Leute, das ist interessant. Achte auf ihre Mimik, Gestik und auf ihren Stimmen. Oder gucke dabei zu, was sie tun. Oder wer kommt und geht.

Irgendwann höre ich meinen Namen und mache mich auf dem Weg ins Arztzimmer. Oh Mann.

Der Arzt begrüßt mich und sagt: „Nehmen Sie schon mal Platz, ich komme gleich.“

„Okay.“

Ich setze mich auf den Stuhl und versuche eine angenehme Pose zu finden, rutsche dabei auf dem Sitz hin und her und suche einen Ort für meine Hände. Offene Posen sind perfekt. Alles, was verschränkt und miteinander verhakt ist, wirkt distanziert. Also versuche ich, mich irgendwie zu öffnen. Füße nebeneinander und Hände locker auf dem Schoß. Fühlt sich komisch an in dieser Situation. Also schlage ich die Beine übereinander und verschränke die Arme vor meinem Bauch. Auweia. Aber egal, ich muss mich jetzt wohlfühlen und bin nicht auf Arbeit, sondern selbst Patient. Es dauert eine Weile, bis der Arzt kommt, wahrscheinlich muss er erst Rezepte unterschreiben. Im Arztzimmer hat sich nichts verändert, noch immer die gleichen Bücher, die dort eher als Deko dienen und immer noch die gleichen Bilder an den Wänden. Ich schaue auf den Computerbildschirm, dort steht mein Name und leere Zeilen. Auf dem Tisch liegt meine Akte, die gut gefüllt ist mit speziellem Infomaterial von mir. Es liest sich an mancher Stelle bestimmt wie ein Psychothriller. Ich weiß nicht, ob sich der Arzt manchmal darüber amüsiert. Aber es kann mir auch egal sein. Dann kommt der Arzt zurück und ich kriege plötzlich Herzklopfen und leichte Panik. Was soll ich dem jetzt eigentlich genau erzählen?

„Hallo“ sage ich und lächele kurz.

Er lächelt kurz zurück und verhält sich natürlich recht professionell in Gegenwart meiner Schüchternheit. Eigentlich bin ich sonst ja anders.

„Hallo, weswegen sind Sie denn heute hier?“

War ja klar, dass die Frage kommt.

„Ich fühl mich einfach nur total komisch.“

„Aha.“

Er guckt mich natürlich an und sucht nach äußeren Auffälligkeiten.

„Wissen Sie, wie viel so momentan wiegen?“

„Ja, glaub schon…53 Kilo..vielleicht. Also ich denk schon, dass ich auf jeden Fall zugenommen hab.“

Er zeigt auf die Waage in einer Ecke des Raumes: „Stellen Sie sich da bitte mal rauf.“

Etwas zögernd gehe ich zur Waage, wie ich das hasse. Ich will die Zahl nicht wissen, weil die Waage dann bestimmt auf die 57 springt.

Als ich drauf stehe, versuche ich nicht raufzugucken, aber am Ende schaffe ich es nicht.

„47, 2 Kilo“, notiert der Arzt verbal. „Das ist zu wenig. Ein Kilo weniger, als beim letzten Mal. Erinnern Sie sich daran?“

Ich denke kurz nach. „Nee, nicht wirklich. Ich sehe mich anders. Also ich würde mich persönlich jetzt nicht als untergewichtig sehen.“

„Sie können sich wieder hinsetzen.“

Dann legt er mir standardgemäß die Blutdruckmanschette um den Arm.

„Der Blutdruck ist auch recht niedrig. Und Ihr Puls rast. Haben Sie Fieber?“

„Ja, zwischendurch immer mal. Vor allem, wenn ich mich über Dinge aufrege.“

„Worüber regen Sie sich auf?“

„Ich weiß es nicht. Über mein Leben, obwohl eigentlich alles stimmt. Innere Unruhe eben. Und der Gedanke, ständig etwas tun zu müssen, damit ich von der Ruhe nicht bedrängt werde. Wenn ich frei hab, drehe ich immer ziemlich am Rad, weil ich denke, etwas zu verpassen. Deswegen kann ich nicht alleine sein,..obwohl ich gerne alleine bin..Ich mag keine Ruhe. Und das macht mich unruhig. Ruhe entspannt mich nicht. Sie macht mich nervös. Ich hasse es, nichts zu tun. Ruhe stört mich. Ich kann die Ruhe eher genießen, wenn ich nicht alleine bin.“

Ich höre auf zu reden, weil ich selber merke, wie verwirrend der Schwachsinn ist, den ich rede. Dabei sage ich nur, was innerlich in mir vorgeht.

Mein Arzt sitzt nur da und hört mir zu, ohne zu urteilen.

„Haben Sie heute schon Frühstück gegessen?“

„Nein..“

Wahrscheinlich ahnt er, dass mein Blutzucker im Keller ist und ich deswegen so einen Schwachsinn rede.

„Wann war Ihre letzte Mahlzeit?“

Ich denke nach, aber irgendwie erinnere ich mich kaum.

„Weiß nicht…wahrscheinlich gestern früh…oder so..“

„Trinken Sie genug?“

„Naja,..ich glaub nicht..wahrscheinlich nur knapp einen Liter am Tag und davon die Hälfte Kaffee. Ich hab einfach keinen Durst und keinen Appetit. Ich hab keine Bedürfnisse…“

Er schreibt währenddessen alles auf.

„Haben Sie ein schlechtes Gewissen nach dem Essen?“

Was für eine Frage.

„Ja, es passt nicht zu mir, würde ich sagen. Essen ist ein Fremdkörper in meinem Bauch. Und..wer isst hat keine Kontrolle über sich selbst…“

„Warum nicht? Also warum passt Essen nicht zu Ihnen?“

„Weil ich mich danach fett fühle. Sehr beklemmend.“

Inzwischen antworte ich spontan. Ich merke, dass ich gar nicht nachdenken muss, wenn er mir Fragen stellt.

„Wie oft haben Sie ungefähr Fieber?“

„2-3 Mal pro Woche. Und es vergeht meist schnell wieder.“

„Leiden Sie unter Panikattacken?“

„Ich weiß nicht, ob man es so nennen kann. Panik hab ich irgendwie ständig. Aber ich kann’s nicht so richtig einordnen.“

„Fühlen Sie sich vielleicht verfolgt?“

„Nein, das nicht. Aber mir passieren komische Sachen, die mir manchmal Angst machen.“

„Was ist Ihnen denn passiert?“

Ich glaube, jetzt wird er erst recht aufmerksam.

„Naja, einmal bin ich nachts wachgeworden, weil der Rauchmelder anging. Ich habe dieses laute Piepen gehört, ich bin dann wachgeworden, völlig erschrocken. Als ich dann richtig wach war, war er aber wieder aus. Er hat nur einmal gepiept, denke ich. Ich war auf dem Flur gucken, aber da war nichts. Bis auf dieses unangenehme Gefühl. Es war extrem unangenehm.“

„Sehr interessant. Haben Sie noch etwas erlebt?“

„Ich erlebe die komischsten Sachen immer nur nachts. Einmal bin ich vom Telefon wachgeworden. Als ich ranging, rauschte es nur. Ich kenne sowas auch aus Horrorgeschichten und war deswegen umso ängstlicher. Besonders, als das Telefon paar Minuten danach nochmal klingelte, und ich wieder nur dieses Rauschen hörte. Am nächsten Tag hab ich das Telefon dann abgebaut, weil ich es sowieso nicht nutzte und ich so etwas nicht nochmal erleben wollte. Ich fand das schon echt gruselig. Und ich dachte, dass ich vielleicht irgendwas anziehe oder so..Wenn man Angst hat, zieht man verstärkt die Dinge an, vor denen man Angst hat. Und das hat mich nachdenklich gemacht.“

„Sind Ihnen noch andere Dinge passiert?“

„Nein, das waren die beiden Sachen, die mich bis jetzt beunruhigt haben.“

„Was denken Sie, was Sie verpassen, wenn Sie alleine sind?“

„Schwierige Frage. Das Leben der anderen wahrscheinlich.“

„Und was ist mit Ihrem Leben?“

„Manchmal denke ich, dass ich kein Leben hab..oder nicht richtig am Leben bin..irgendwas dazwischen. Also ich fühle mich oft nicht. Nicht als ich. Ich spüre mich nicht.“

„Was macht Ihre Persönlichkeit aus?“

„Ich weiß es nicht. Ich weiß manchmal nicht, wer ich bin oder was ich soll. Oder zu was oder wem ich gehöre. Ich weiß nicht, was mir wirklich wichtig ist.“

„Was ist an anderen Menschen anders?“

„Dass sie ein Leben haben, das anders ist als meins.“

„Und was haben Sie? Haben Sie denn etwa kein Leben?“

„Doch wahrscheinlich schon, sonst würde ich nicht hier sitzen. Aber ich spüre mein Leben nicht, wenn ich alleine zu Hause bin.“

„Wie fühlt es sich an, wenn Sie alleine sind?“

„Leer und unruhig. Herzrasen, oft begleitet mit Fieber. Ich hasse es, wenn ich Freizeit hab. Gerade jetzt im Winter.“

„So, wie ich Sie kenne, haben Sie aber gar nicht viel Freizeit. In Ihrem Lebenslauf steht, dass Sie 3 Jobs haben, darunter einen Vollzeitjob, der Sie ziemlich ausfüllt. Andere Leute würden schon längst an Burnout leiden. Und Sie? Für Sie ist all das immer noch nicht genug?“

„Ja, das stimmt. Aber das alles reicht nicht. Ich habe trotzdem noch genug Freizeit, um nicht zu leben und um mich tot zu fühlen. Ich mache immer noch nicht genug, obwohl ich schon viel erreicht hab. Mehr als andere. Aber..wie gesagt..ich spüre sowas nicht wirklich. Es ist mir nicht richtig bewusst.“

„Wie fühlt sich tot an?“

„Freudlos und unglücklich. Völlige Leere, ..dunkel.“

„Warum denken Sie, dass andere Menschen leben und Sie nicht?“

„Weil die anders sind.“

„Was ist an anderen Menschen anders, als bei Ihnen?“

„Dass sie wissen, wer sie sind und Dinge unternehmen, die mir nichts bedeuten,..oder mich nicht wirklich glücklich machen, obwohl sie das sollten. Die leben ihr Leben, haben Spaß und ich weiß nicht, welches Leben ich lebe. Oder wo es mich hinzieht.“

„Wann haben Sie das letzte Mal etwas mit Freunden unternommen?“

„Vor paar Tagen, wir waren was trinken und haben lange zusammengesessen. Alle haben sich für den schönen Abend bedankt und ich dachte nur: Warum? Letztendlich ist doch eh wieder jeder alleine und für sich. Ich fand den Abend jetzt nicht so besonders toll, weil danach meist alles wieder egal ist. Und jeder seinen Weg geht.“

„Das ist normal. Jeder geht seinen Weg und Sie tun das genauso, wie jeder andere auch. Und ich denke, dass gerade Sie dafür von anderen bewundert werden. Ich kenne und begleite Sie schon eine Weile, vergessen Sie das nicht.“

Natürlich bin ich in dem Moment den Tränen nahe. Gerade, weil ich seine Worte eben NICHT verstehe. Ich verstehe ihn nicht.

„Sie wissen also, wer ich bin“, sage ich fast trotzig. „Sie kennen mich also besser, als ich mich, oder wie..?!“

„Ja, und anscheinend sehe ich in Ihnen viel mehr, als Sie in sich sehen. Ich kann Ihnen nur sagen, dass es gar keinen Grund für Ihre Zweifel gibt.“

„Schön, dass Sie mich sehen. Aber ich sehe mich nicht.“

„Ja, und das ist das Problem. Sie sollten offen dafür sein, sich selbst kennenzulernen und herauszufinden, wer Sie sind und was Sie wollen. Ein anderer wird Ihnen dabei kaum helfen können. Und all die Leute um Sie herum dienen als Spiegel. Das kann hilfreich sein. Aber Sie müssen Ihren eigenen Weg finden. Kopieren bringt nichts und den Idealen anderer nachzueifern, auch nicht.“

„Letzte Nacht dachte ich verzweifelt daran, dass ich tot sein will, damit das alles endlich zu Ende ist. Mir wäre es lieber, wenn ich bei dem Unfall vor paar Wochen, gestorben wäre. Stattdessen war ich wieder ziemlich schnell fit, obwohl andere Leute danach länger gebraucht hätten. Mir ging es körperlich schnell wieder gut. Das war seltsam.“

„Sehen Sie, allein das zeigt schon, dass es für Sie noch nicht so weit ist und Sie noch Aufgaben haben, die nur für Sie sind und die Sie erledigen sollten, bevor sie wirklich sterben.“

„Ich will aber tot sein. Egal, wie toll ich und wichtig ich für andere sein sollte, was ich sowieso nicht verstehe. Ich bin nicht toll. Ich gehöre hier nicht mehr hin. Ich kann mich über nichts mehr freuen. Früher hab ich mich über neue Klamotten gefreut und heute kann ich mich vor Klamotten nicht mehr retten, weil ich mit meiner Shoppingssucht andere Lücken ausfülle. Was eigentlich totaler Quatsch ist. Aber eine Sucht ersetzt ja immer irgendeinen Mangel.“

„Welchen Mangel versuchen Sie denn zu ersetzen?“

„Ich weiß nicht, welchen…Ich hab es bisher nicht richtig rausgefunden. Ich weiß nur, dass ich alles hab und mir nichts fehlt. Ich kann mir alles kaufen, materiell. Aber alles kann man nicht kaufen. Nicht alles..und die Dinge, die ich nicht kaufen kann, ersetze ich wahrscheinlich mit meinem Konsum.“

„Gibt es Tage, an denen Sie Fressanfälle haben?“

Wie kommt er denn jetzt wieder auf das Thema zurück?

„Nein, eigentlich nicht. Und wenn, dann nur selten oder wenn ich meine Tage kriege.“

Er lacht kurz auf, vielleicht kennt er das von zu Hause.

„Wissen Sie vielleicht jetzt, um was für einen Mangel es geht?“

„Naja, den Mangel an Essen versuche ich jedenfalls nicht zu übershoppen. Das ist ja ein Mangel, den ich will.“

„Ich nehme an, Sie wohnen immer noch alleine, ohne Partner, oder?“

„Ja, daran hat sich nichts geändert.“

Blöde Frage. Ich hasse ihn dafür. Lasse mir aber nichts anmerken.

„Empfinden Sie das als Mangel? Also das Single-Sein?“

„Nein, irgendwie ist es auch nicht das. Wenn ich einen Freund hätte, würde es mir innerlich auch nicht viel anders gehen. Früher hatte ich mich ja auch nur gestritten und immer für neuen Zündstoff gesorgt, soweit ich mich dran erinnere. Irgendwas war immer. Ich war nie wirklich zufrieden. Aber das war auch keine echte Beziehung.“

„Kann es nicht sein, dass die Unzufriedenheit Ihr Mangel ist?“

„Keine Ahnung,..es ist komisch. Da es ja nie einen Grund gab, unzufrieden zu sein. Ich hatte ja immer alles, schon als Kind. Ich wurde ziemlich verwöhnt, stand immer an erster Stelle und alles lief nach mir. Aber es gab auch andere Situationen. Wo ich ignoriert und verletzt wurde. Oder wo ich Angst hatte. Es war alles immer sehr sehr zwiespältig. Sicher fühlte ich mich nie. Eher wie in so einem Krimi. Also ich hatte alles, aber das Emotionale bekam ich nie. Nicht mal eine Umarmung. Diese normalen Kleinigkeiten fehlten. Und viel Streit und andere Unstimmigkeiten zwischen meinem Papa und mir. Ich hab ihn wirklich oft gehasst und seine Worte haben sich in mir eingebrannt.“

„Das sind typische Ursachen für Ihr Krankheitsbild, das wissen Sie. Oder?“

„Ja,..schon.“

„Sie sollten wissen, dass Sie daran keine Schuld haben und Ihr Gefühlsleben eigentlich nur Ihre Erfahrungen widerspiegelt. Sie kennen es ja nicht anders, wenn Sie in so einem Zwiespalt aufgewachsen sind, der noch weitaus tiefer geht, wenn ich an unsere vorigen Gespräche denke. Aber wichtig ist nicht die Vergangenheit, sondern das Jetzt. Wichtig ist, was Sie jetzt daraus machen. Ihre Vergangenheit ist sozusagen Ihr Mangel. Aber die Vergangenheit ist nicht mehr real.“

„Ein Mangel an Liebe.“

„Sie müssen sich die Liebe selbst geben, ganz einfach. Wenn Sie das nicht selbst können, kann das auch kein anderer. Und schon gar nicht Klamotten. Die können diese Lücke auch nicht füllen. Sie täuschen nur. Und wenn Sie selbst meinen, dass es Sie nicht besonders glücklich macht…“

„Nein, meist ziehe ich sie noch nicht mal an. Alles stapelt sich im Schlafzimmer. Andere wären froh darüber und für mich ist es nur ein Zeichen von Einsamkeit.“

„Einsamkeit haben Sie bisher aber noch nicht angesprochen. Sie meinten jedes Mal, Sie fühlen sich nicht einsam.“

„Nein, ..doch..naja, nicht wirklich eigentlich. Wenn ich verabredet bin, geht es mir meist auch nicht viel besser und dann kann man das auch als einsam bezeichnen. Man sagt ja oft genug, man wäre zu zweit einsam. Aber es gab seltene Ausnahmen und ich wusste nicht, wie die Leute es geschafft haben, so etwas wie Glück in mir auszulösen, wenn ich mit ihnen zusammen war. Das waren halt Blitzlichter. Einmalige kurze Momente, die auch länger hätten anhalten können.“

„Und dann unternehmen Sie alles, damit es nicht aufhört, stimmt’s?“

„Ja, natürlich. Das ist normal. Weil mir das zeigt, wer oder was mir wichtig ist.“

„Und davon sind Sie überzeugt? Das sind auch nur Menschen, wie Sie und ich. Vielleicht sind sie sogar langweiliger, als Sie denken. Haben Sie daran schon mal gedacht?“

„Nein, die sind nicht langweilig. Sonst würde ich sie nicht mögen.“

„Was überzeugt Sie so davon? Kennen Sie die Leute persönlich oder ist das vielleicht nur ein Wunschgedanke?“

„Ich weiß es einfach. Ich kann mein Gefühl dafür nicht erklären. Es ist nunmal so und ich bin mir sicher, dass ich recht hab mit meiner Vermutung. Ich bin schließlich nicht dumm.“

Er lächelt.

„Das sind Sie tatsächlich nicht. Aber teilweise sind Ihre Aussagen schon sehr naiv. Sie denken, dass die Leute so sind, wie Sie es gerne hätten. Das ist Quatsch. Meist sind sie anders und ich bin mir sicher, dass Sie bald umso mehr enttäuscht wären, je näher Sie bestimmte Personen kennenlernen. Die sind schließlich normaler als Sie denken. Wären Sie dann noch interessant für Sie?“

„Ja klar, wenn ich jemanden toll finde, dann finde ich ihn toll. Dann sind mir auch die schlechten Seiten egal. Egal, was. Derjenige bleibt toll.“

„Und was ist, wenn derjenige nachher gar nicht so toll ist und viel mehr negative Seiten hat, als positive? Wären Sie dann noch beeindruckt oder würden Sie es sich einreden? Sie wollen die Wahrheit doch gar nicht wissen. Glauben Sie mir, Sie wären enttäuscht!“

Versucht er mich die ganze Zeit zu provozieren? Ich weiß gar nicht mehr, was ich sagen soll. Es fängt wieder leicht an, in mir zu kochen.

„Wollen Sie mich damit zum Nachdenken anregen oder wollen Sie sehen, wie schnell ich wütend werde und ausraste?“

„Nein, ich will Ihnen sagen, dass vieles nur Illusion ist. Jeder Mensch wird damit täglich konfrontiert und die meisten merken es nicht. Schauen Sie sich doch nur die Medien an. Was denken Sie, welcher Bruchteil davon am Ende wahr ist?“

„Das weiß ich. Aber wir reden hier grad nicht von Medien und TV.“

„Ich wollte damit sagen, dass Menschen auch Illusion sind. Sie denken oft an das Leben anderer. Was soll an deren Leben besser sein, als an Ihrem Leben? Da fängt die Illusion doch schon an!“

„Ich frag mich halt immer, was andere Leute privat so machen und ob die glücklich sind.“

„Wichtig ist doch, was Sie privat machen und ob Sie glücklich sind. Oder in Ihrem Fall..kümmern Sie sich selber darum, wie Sie glücklich werden. Alle anderen spielen doch dabei überhaupt keine Rolle. Man kann doch nicht alle Leben miteinander verknüpfen, obwohl letztendlich natürlich alles Eins ist auf der Welt und alles zusammengehört..und verbunden ist, wenn Sie der Gedanke beruhigt.“

„Ja, das sind alles Sachen, die ich weiß. Es fällt mir nur alles so schwer. Es fällt schwer, mich zu finden. Immer, wenn ich denke, alles ist gut, ist einige Stunden später wieder alles kaputt. Es wechselt immer so stark hin und her.“

„Ja, das sind Ihre Stimmungsschwankungen. Aber die werden wahrscheinlich immer präsent sein. Sie müssen versuchen, damit umzugehen und sich nicht unterkriegen zu lassen. Stabil bleiben, egal, was kommt. Sie sind nicht Ihre Stimmungen. Tauchen Sie mal tiefer in Ihre Seele, dann werden Sie sehr viel mehr finden.“

„Das ist schwierig, weil auch das mich fertig macht. Diese Schwankungen sind meist stärker als ich. Und Seele..ja, blah blah,..das ist alles nicht so einfach, wie gesagt.“

„Und warum denken Sie denn, dass Sie tot sind, wenn Sie so oft mit solch lebendigen Emotionen konfrontiert werden, die Sie so aufwühlen?“

„Weil mein inneres Gefühl trotzdem stumpf ist, nachdem ich mich so abgekämpft hab.“

„Das ist normal, wenn man erschöpft ist. Haben Sie Probleme, morgens aus dem Bett zu kommen?“

„Ja, aber ich bin generell kein Frühaufsteher. Außer, wenn ich um vier aufstehe, wenn ich zur Arbeit muss. Dann geht es irgendwie. Das ist auch was anderes.“

„Wie viel Stunden Schlaf brauchen Sie im Durchschnitt?“

„9-10 Stunden.“

„Und sind Sie danach fit?“

„Unterschiedlich, kommt auf die Jahreszeit an.“

„Denken Sie, dass es Ihnen im Winter psychisch schlechter geht, als im Sommer?“

„Ja, auf jeden Fall, obwohl ich den Herbst und Winter am liebsten mag.“

Der Arzt runzelt die Stirn.

„Sie wirken sehr ambivalent, besonders im Unterton. Sie wissen das wahrscheinlich, oder?“

„Ich weiß es nicht nur, ich fühle es permanent. Und ich hasse es.“

„Ja, Sie sind zwiegespalten. Und dennoch sehr festgelegt, was manche Dinge betrifft, sodass Sie sich nicht von anderen Meinungen überzeugen lassen. Das ist schwierig. Wenig Einsicht. Wie soll man da helfen? Sagen Sie es mir?“

„Sie sind der Arzt. Ich kann Ihnen nicht sagen, wie Sie mit mir umgehen müssen, damit es mir besser geht. Ich kann Ihnen nicht sagen, wie Sie mir helfen sollen. Versuchen Sie es einfach.“

„Es wird Ihnen erst dann besser gehen, wenn Sie sich selbst verstehen und sich dann selbst helfen können.“

„Ich verstehe mich seit 20 Jahren nicht.“

„Ich weiß. Und deswegen führen wir fast immer wieder dieselben Gespräche, merken Sie das?“

„Nein, für mich ist es jedes Mal wieder ein Anfang, überhaupt hier her zu kommen, wenn ich mich komisch fühle. Ich muss mich eigentlich jedes Mal überwinden, um mit Ihnen zu reden. Und dann können Sie mir nicht helfen?“

„Nein. Sie erzählen mir seit Jahren das Gleiche und zeigen keine Fortschritte. Die Therapie haben Sie abgelehnt, weil die nicht Ihrem Interesse entsprach. Essen tun Sie weiterhin nicht, trotz Ernährungsberatung. Die Bücher, die ich Ihnen gab, haben Sie gelesen, aber deren Inhalt nicht verstanden. Jedes Mal gebe ich Ihnen den Rat, sich selbst zu finden und jedes Mal fragen Sie mich, wer Sie eigentlich sind und was der Sinn Ihres Lebens ist. Obwohl Sie, meiner Ansicht nach, wirklich glücklich sein müssten mit Ihrem Leben. Sie haben alles, nur Sie sind zu blind, um es zu sehen. Das tut mir Leid dafür. Nutzen Sie die Chancen, die Ihnen einfach so zufliegen und freuen Sie sich endlich darüber. Nehmen Sie sie wahr. Andere Leute wären froh darüber, so ein Leben zu führen. Aber dauernd sind andere Menschen wichtiger, als Sie. Noch einmal: Fangen Sie endlich bei sich an. Ich würde mich über Ihre Fortschritte wirklich freuen. Zeigen Sie mir, wer Sie sind! Erst dann möchte ich Sie wiedersehen. Alles andere bringt nichts.“

Ich fange an zu weinen. Das ist mir alles echt zu viel. Ich kann gar nicht glauben, dass wir seit Jahren über die gleichen Sachen reden. Das kann nicht wahr sein. Ich stehe vom Stuhl auf und sage auch nichts weiter dazu. Was soll ich noch sagen?

Er reicht mir die Hand verabschiedet sich und ich schaue ihm dabei nur flüchtig in die Augen. Sein Blick ist tatsächlich wohlwollend, und nicht gemein oder gehässig oder gleichgültig. Er meint es gut mit mir. Nur ich kann es nicht erwidern, weil ich wieder am Anfang stehe. Mit mir.

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Gin Toxic

Meine Suche war längst beendet, bevor ich dazu gezwungen wurde, wieder ganz von vorne anzufangen.

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Eigentlich hatte El Achim einen Tisch in einem angesagten Restaurant reserviert. Aber als wir dort ankamen, war trotzdem keiner der geschätzten zwölf Plätze frei. El Achim stellte einen vorbeilaufenden Mitarbeiter zur Rede und als dieser meinte, dass telefonische Reservierungen hier nicht möglich wären, gingen wir wieder. Für El Achim war das anscheinend eine miese Enttäuschung, aber für mich nicht. Das Restaurant war winzig und ich fand es nicht besonders toll.
„Was ist das überhaupt für ein Restaurant“, fragte ich El Achim neugierig.
„Hier gibt’s veganes Essen.“
„Aber ich bin kein Veganer…Die Leute, die da drinne sitzen, haben das Essen nötiger, als wir.“
„Wir können ja später nochmal vorbeischauen. Du hast bestimmt Hunger, oder?“
„Naja, den hab ich eigentlich fast nie. Wenn ich unterwegs bin, hab ich andere Sachen im Kopf, als essen.“
Und dass, obwohl ich an dem Tag erst eine halbe Tafel Schokolade gegessen hatte. Normalerweise hätte ich Hunger haben müssen. Aber mein Körper lief wohl schon auf Sparflamme und stellte keine großen genüsslichen Ansprüche mehr.
„Lass uns erstmal was trinken gehen“, schlug El Achim vor und ersetzte damit seinen Plan.
In der Straße gab es eine Bar neben der anderen und unterschiedliche Restaurants für Nicht-Veganer. Es blieben also noch genug Möglichkeiten offen, den restlichen Abend irgendwo im Warmen zu verbringen.
El Achim zog mich an der Hand über die Straße und führte mich vor eine Bar, in der noch einige Tische frei waren.
„Wollen wir reingehen? Ich war hier schon mal. Ist ganz gut.“
„Ja, mir ist eh alles egal. Ich finde eigentlich jede Bar toll.“
Ich fand tatsächlich jede Bar toll, so lange die Getränkekarte lang war und viel zu bieten hatte.
Wir setzten uns an einen Tisch, der direkt vor der Tür stand und El Achim bekam jedes Mal einen kalten Windzug ab, wenn die Tür aufging. Auf dem runden Tisch stand eine lange weiße Kerze, genau zwischen uns. Als Zeichen, dass wir symbolisch immer noch zwei getrennte Menschen waren, die sich erst vor ein paar Minuten zufällig kennenlernten und nichts voneinander wussten. Gar nichts. Außer, dass er alt und einen Touch klassisch war.
El Achim reichte mir höflich die Getränkekarte und das erste Wort, das mir ins Auge fiel, hieß ‚Cornflakes‘. Insgeheim das Frühstück, auf das ich am meisten stehe. Ein abendliches Frühstück wäre prima gewesen. Dazu ein Glas Alkohol – perfekt. Aber ich behielt diesen kindischen Gedanken für mich und blätterte mich durch die dünne Pappkarte. Ich war etwas enttäuscht, denn das Cocktailangebot war sparsam mit seinen acht Standardsorten, die mich nicht besonders überzeugten, sondern eher langweilten. Letztendlich langweilte mich die ganze Karte, was dazu führte, dass mir die Entscheidung schwerfiel. Ich suchte nach Absinth. Aber den gab es leider nicht. Als ich mich mehrmals  vergewisserte, dass er in dieser Bar wirklich nicht angeboten wurde, gab ich auf.  El Achim wirkte so, als hätte er sich schnell entschieden, denn er schaute mir die ganze Zeit zu.
„Hast du schon was“, fragte ich.
„Ja, und du?“
„Nein, keine Ahnung. Kann mich nicht entscheiden.“
Es dauerte nicht lange, bis die Bedienung wissen wollte, was los ist.
„Ähm…Hugo, bitte“, antwortete ich überspontan aus der Not heraus. Letztendlich hätte man mir alles an Alkohol servieren können.
El Achim nahm einen Orangensaft mit Vodka. Das war auch eine akzeptable Lösung.
Da uns die Bedienung die Getränkekarten gleich wieder wegnahm, hatten wir nichts mehr, wohinter wir uns verstecken konnten. Während wir auf unsere Bestellung warteten, waren wir miteinander konfrontiert und mussten etwas Passendes finden, worüber wir uns unterhalten konnten.
Ich schaute ihn eingehend an und versuchte etwas an und in ihm zu finden. Es war diese seltene Faszination, die ich suchte. Aber noch konnte ich nichts Anziehendes erkennen, so sehr ich mit meinem Blick in ihn eintauchte. Also stufte ich El Achim erst einmal als neutrale männliche Persönlichkeit mit eventueller Bonusoption ein.
In unserem Small-Talk ging es hauptsächlich um Urlaub und um meine beruflichen Angelegenheiten. Er fragte mich aus und bekam teils oberflächliche Antworten, die ihm nur eine mickrige Auskunft über meine Pläne gewährten. Außerdem fanden wir heraus, dass wir beruflich völlig anders tickten und weit voneinander entfernt waren.
„Hast du denn keine Leidenschaft, für die du brennst“, fragte ich ihn fast ein wenig empört.
„Nein, da gibt es nichts. Mein Job macht mir auch nicht viel Spaß. Ich arbeite nur, weil ich muss. Mehr ist das nicht.“
„Krass..sowas könnte ich nicht. Ich muss immer völlig mit dem Herzen dabei sein. Pläne und Ziele haben. Sonst könnte ich nicht leben. Ich arbeite gerne viel und es belastet mich nicht.“
„Ja, das ist natürlich schön. Aber bei mir ist es leider nicht so. Dafür fange ich ja demnächst mit einem Malkurs an, um mal zu gucken, ob es irgendwas gibt, das mir Spaß macht“, meinte El Achim.
„Wäre natürlich schön, wenn du auch Hobbys hättest.“
Nur komisch, dass man die in seinem Alter erst finden muss, dachte ich skeptisch.
„Ja, ich weiß selber, dass ich zu oft planlos vor dem Fernseher sitze. Aber mir fällt eben nichts anderes ein. Und wenn ich von der Arbeit nach Hause komme, hab ich zu nichts Lust mehr und bin kaputt.Feierabend eben.“
„Das ist wirklich sehr schade“, sagte ich. „Das ist für mich Zeitverschwendung. Ich gucke selten Fernsehen. Dafür ab und zu mal gerne DVD’s oder Kino.“
Innerlich krachte in mir schon einiges zusammen. Ich hatte jemanden vor mir sitzen, der wohl absolut nicht in meiner Welt lebte und anscheinend ein sehr bequemes Leben ohne Ehrgeiz und Träume führte. Für mich war das ein trauriger Zustand. Aber ich gab mir Mühe, tolerant zu sein und ihn so zu akzeptieren, denn er war freundlich und zuvorkommend. Trotzdem erhielt er das Prädikat ‚Langweiler‘ als oberflächliche Titelvergabe von mir. Schubladendenken eben. Vielleicht sollte ich durch ihn lernen, dass auch andere Dinge wie Normalität zählen. Nicht nur Job, Status, Kreativität und starker Charakter. Aber es ist schwierig, alte Prinzipien abzuwerfen, die sich über viele Jahre verinnerlicht haben, dank strenger Erziehung und Erfahrung.

Es dauerte nicht lange, bis unsere Getränke kamen.
Endlich etwas Gutes. Sein Glas war lang mit einer Zitrone verziert und meins war kugelig und beherbergte ein ertrunkenes Minzblatt in sich, das in einem frischen Grün durch das Glas strahlte. In beiden Gläsern schwammen außerdem einige runde Eiswürfel, um mehr Spannung beim Trinken zu erzeugen. Bestenfalls hätten sie für eine Abkühlung nach einem heißen Flirt gesorgt. Aber heiß war mir leider gar nicht.
Wir nahmen unsere Gläser und stießen mit einem leisen Klirren auf einen schönen Abend an. Trotz unserer komischen Gespräche lächelte ich verhältnismäßig viel. Wahrscheinlich wegen der freudigen Restwirkung vom Meeting davor. Oder vielleicht, weil alles so aufregend und neu in Berlin war. Manchmal lächelt man aus undefinierbaren Gründen. Oder, weil man sich einfach nur gut fühlt, obwohl man eigentlich krank ist.
Mein Hugo schmeckte nicht außergewöhnlich anders als sonst, sondern so wie immer. Als ob ich ihn zu Hause trinken würde, nur teurer und in einem gut besuchten Raum mit geometrischen Mustern an der Decke.
El Achim fand ebenfalls Gefallen an seinem Getränk, wollte meinen Hugo jedoch trotzdem kurz probieren. Komischerweise hatte ich zwei Strohhalme bekommen und nicht nur einen, so wie er. El Achim mochte meinen Hugo. Ich hingegen ignorierte seinen Orangen-Cocktail, obwohl ich immer wieder hinstarrte. Er trank schneller, als ich. Ob er neuen Mut brauchte, um es mit mir auszuhalten? Oder ob er etwas anderes plante?

Nach kurzer Zeit bildete ich mir ein, ein bisschen von der alkoholischen Wirkung zu spüren. Mein Herz und meine Adern öffneten sich und waren empfänglicher für zweideutige Botschaften, die er mir nicht deutlich genug sendete. Vielleicht vernahm ich auch ein leichtes Kribbeln im Körper und verhielt mich empathisch genug, um ihn eine Chance für ein weiteres Kennenlernen zu geben. Ich wusste nicht, wie sich das alles noch entwickeln sollte. El Achim war irgendwo zwischen gut und schlecht. Mit einer Tendenz ins Negative. Daran änderte auch Hugo nicht viel. Mein Blick und mein Verstand waren immer noch klar genug, um mich nicht in betrunkenen Traumgeflechten zu verfangen. Hugo reichte nicht, um mir El Achim schön zu trinken.
Ich beobachtete El Achim, während ich mit dem Strohhalm spielte und die Eiswürfel mit der Minze gegen die Glaswand drückte. Ein spannendes Spiel, bei dem auch er nicht weggucken konnte. El Achim saß ganz anständig vor mir und hatte rein gar nichts Gefährliches an sich. Nicht mal sein schwarzes Hemd überzeugte mich. El Achim war vernünftig und damit bekam er den nächsten Stempel. Außerdem blieb er stets ruhig. Egal, was ich sagte, nichts brachte ihn aus der Fassung. Kein Hauch von Aggression und Wut. Er war nett und gutmütig. Außerdem ging er sonntags gerne zum familiären Kaffeekränzchen, freute sich über ein Stück Kuchen und über Kaffee mit Milch. Ich fand das in Ordnung und war neugierig, wo er seine Schattenseiten versteckte.

Als wir mit unseren Getränken fertig waren, machte El Achim die Bedienung darauf aufmerksam, dass wir zahlen wollten. Er musste nur einmal mit der Hand wedeln und schon kam jemand.
Als der Beleg auf den Tisch gelegt wurde, zog El Achim sein Portemonnaie aus der Tasche und zahlte wie selbstverständlich für mich mit.
„Bist du sicher, dass du das alles bezahlen willst“, fragte ich unsicher.
„Ja, na klar. Mach du dir mal keine Gedanken. Du hast heute schon genug bezahlt“, meinte er mit einem Augenzwinkern.
„Ja, okay. Aber mir ist das immer bisschen unangenehm. Ich kann alles selber bezahlen. Hab genug Geld mit.“
„Aber ich hab dich eingeladen. Wir brauchen nicht weiter diskutieren.“
„Okay. Danke.“
Damit hatte ich das letzte Wort. Eine doofe Angewohnheit, die ich mir seit der Kindheit nicht mehr abgewöhnt habe, obwohl es meinem Papa so wichtig war. Schließlich gehörte ihm das letzte Wort, idealerweise.
Dann zogen wir unsere Jacken an und als wir gingen, sah ich, dass die Bar inzwischen voll war.
Es war kalt und der Wind pfiff in meine zerlöcherte Spitzenleggings, ohne dass ich fror. In meinem Körper war noch Wärme übrig. Als wir wieder auf die andere Straßenseite gingen, passte El Achim auf, dass ich es noch vor dem Auto schaffte, das sich gerade ziemlich schnell näherte.

Und schon standen wir wieder vor dem veganen Restaurant, das immer noch genauso voll war, wie eine halbe Stunde vorher. El Achim wollte es trotzdem noch einmal versuchen, obwohl ich schon wusste, dass er mit seinen schwachen Argumenten keine Chance hatte.
Wieder sprach El Achim den gleichen Mitarbeiter an, der ihm natürlich erneut eine Absage gab, aber uns dafür ein anderes Angebot vorschlug. Es gab noch einen kleinen Abstelltisch vor der Eingangstür, an dem noch Platz für zwei schlanke Leute war. Der Tisch sah aus, wie ein größerer Hocker. El Achim schaute mich mich fragend an und ich schoss sofort ein klares Nein aus meinem Mund. So schön fand ich dieses Restaurant schließlich nicht und ich hatte nicht das Gefühl, etwas Großartiges zu verpassen. Ich habe selber vegane Kochbücher zu Hause, wenn ich unbedingt extravagant biologisch kochen möchte. Ein letztes Mal streifte mein Blick die exotischen Gesichter der gesunden Veganer und dann ergriffen wir endgültig die Flucht aus diesem stickigen Kabuff.

Wir liefen einige Meter und schon standen wir vor dem nächsten Restaurant mit besseren Aussichten auf eine warme Mahlzeit. Der Italiener hatte noch freie Tische und die Bedienung, die uns galant am Eingang empfing, begleitete uns gleich zu einer gemütlichen Ecke vor dem Fenster. El Achim fragte, wo ich sitzen wollte und ich überließ ihm die Entscheidung. Er setzte sich dann mit dem Rücken vor das Fenster und ich konnte die Straße hinter ihm beobachten. Wir bekamen eine Karte und waren auf der Suche nach einem Gericht, das zu unserem Appetit passte. Ein wenig Hunger hatte ich inzwischen schon, denn irgendwann war es selbst bei mir soweit, dass ich etwas brauchte, um meine lodernde Energie aufrecht zu erhalten. Ich zählte eher zum Kohlenhydrat-Typ, der viel Zucker brauchte, um perfekt zu funktionieren.
Während wir uns durch die Karte lasen, wurde das Pärchen neben uns mit einer übergroßen Pizza bedient. Die selbstgemachten Pizzen hatten mit denen aus der Tiefkühltruhe kaum Ähnlichkeit. Ich staunte. Jetzt wusste ich, dass ich keine Pizza essen wollte, sondern lieber Pasta. Ich hoffte, dass die Nudelgerichte kleiner waren. El Achim bestellte trotzdem eine Pizza, obwohl er auch über die Größe staunte und Bedenken hatte, sie nicht alleine zu schaffen. Außerdem bestellten wir ein Getränk, damit die Mahlzeit vollständig war. Er nahm ein Bier und ich überlegte wieder eine ganze Weile, bis ich dem Wirt beim Vorbeigehen einfach ‚Gin Tonic‘ zurief und er mir anerkennend zunickte.
Dann folgten Minuten des Wartens und der nächste Smalltalk-Versuch startete. Was sollte man jemandem erzählen, der sehr viel anders ist, als man selbst?
Also sprachen wir über das Essen, denn das Thema bot sich gerade auf Grund der aktuellen Situation an.
„Kannst du kochen“, wollte ich wissen.
„Nein, gar nicht. Und du?“
„Überhaupt nicht?“, hakte ich nach.
„Nein. Außerdem lohnt es sich nicht, wenn man alleine ist.“
Die übliche Antwort, die ich schon von zig verschiedenen Leuten hörte, die anfällig für Vermeidungsverhalten sind und lieber passiv leben. Leute, die der Meinung sind, dass sich gar nichts lohnt, wenn man alleine ist. Alles lohnt sich nur zu zweit. Vor allem leben sie mit dieser Einstellung auch meist ungesünder. Dabei ist Kochen gar nicht besonders kompliziert. Ab einem gewissen Alter sollte man zumindest wissen, wie man Nudeln, Reis oder Kartoffeln mit Sauce kocht. Das konnte ich schon mit sieben.
„Okay. Ja, ich kann kochen. Das ist nicht schwer und macht Spaß.“ Mehr konnte ich nicht sagen. Die Frage nach Lieblingsgerichten fand ich in diesem Sinne überflüssig, da ich mir sicher war, dass es auch dort keine Gemeinsamkeiten gab. Sushi ist garantiert nicht seine Welt, das verriet mir mein Bauchgefühl.

Und wieder einmal stießen wir die Gläser aneinander, als unsere Getränke serviert wurden.
Auf einen wiederholt schönen Abend. Prost.
Trank ich tatsächlich gerade einen Gin Tonic? Der Gedanke brach mir im Kopf eine Scherbe aus dem Glas, als ein Schluck der Erinnerung in mir hochstieg. Okay, es war ein Gin Tonic und kein Gin mit Apfelsaft. Alles gut.
Gedankenverloren fragte ich El Achim, was Gin Tonic eigentlich ist und woraus das Getränk genau besteht. Wie sollte er die dumme Frage auch vernünftig beantworten, ohne meine Intelligenz in Frage zu stellen. El Achim versuchte mir dennoch zu helfen, indem er sagte, dass Gin Tonic aus Gin und aus Tonic besteht.
Ich war mir absolut nicht sicher, was Tonic überhaupt ist. Auch das versuchte er mir verständlich zu erklären. Allerdings war meine Frage so dämlich, dass er kaum Worte fand.
Danach beschloss ich, mir beides zu kaufen, wenn ich wieder zu Hause war, damit ich herumexperimentieren konnte und schlauer aus diesem brisanten Getränk wurde. Ich assoziierte Gin Tonic mit einem Zauber, der vor einem halben Jahr begann und bis heute in meinem Leben herumschleicht. Unvergessen.
Das war unser erstes tiefgründiges, nahezu philosophisches Gespräch an diesem Abend. Ich warf einen Blick auf die Uhr, um mein Zeitgefühl zu aktualisieren. Es war spät und eigentlich war es viel zu spät, um noch so viel zu essen. Ich war sowieso kein Abendesser und musste an die Cornflakes denken, die jetzt weitaus verdaulicher gewesen wären.
„Bist du Linkshänder“, wollte El Achim wissen. Wie aufmerksam.
„Ja, bin ich. Aber ich schreibe mit rechts, weil wir das damals so lernten. Ansonsten alles links. Warum fragst du das?“
„Weil du deine Uhr auf der falschen Seite trägst.“
„Ah okay. Bei mir ist eh alles falsch rum. Meine Gedanken sind es oft auch. Durcheinander eben. Alles nicht völlig normal.“
„Oh interessant“, versuchte El Achim überzeugend hervorzubringen. „In deinem Beruf ist das alles wohl auch notwendig.“
„Das stimmt. Wir brauchen Chaoten. Die kommen bei uns am besten klar.“
Unsere Kommunikation kam ins Fließen und bald darauf stellte der Wirt uns unser Essen vor die Nase. El Achim bekam die große Pizza und ich eine ordentliche Portion Pesto. Meine Portion hatte die richtige Größe für mich. Sie war überschaubarer, als der belegte Teigfladen mit dem aufgepumpten Rand auf dem Teller gegenüber.
Wir wünschten uns einen guten Appetit und der anstrengende Verdauungsprozess begann genüsslich in der Mundhöhle. Ich hatte schon lange keine Nudeln mehr gegessen. Pizza hingegen maximal einmal im Monat. Ich gab mir Mühe, dass ich nicht so schnell wie ein Staubsauger aß und die Nudeln mit den Pinienkernen genoss. Immerhin ist ein Restaurant keine Imbissbude. Ich schaute immer wieder, wie weit El Achim mit seinem Essen war und staunte, dass er viel schneller aß, als ich. Auf seinem Teller lag fast nur noch der Rand von der Pizza, den er nicht mehr herunterbekam. Der knusprige Rand aus stopfendem Weizenmehl hätte ihm bestimmt den Rest gegeben. Obwohl der Rand eigentlich sehr lecker aussah.
„Du bist wohl auch so ein Schnell-Esser“, bemerkte ich beiläufig.
„Ja, das stimmt.“
„Ich sonst auch. Aber heute wollte ich mich zusammenreißen.“
„Es ist ja auch besser, wenn man nicht so schlingt.“
„Genau.“
In dem Moment musste ich daran denken, wie meine Oma die Kartoffeln mit dem Mund einzelnd vom Teller schnappt und den Teller nach dem Mittagessen immer ableckt. Ich musste mir mit Anstrengung das Lachen verkneifen. Das war zu viel Kopfkino, diese Szene lief wie ein komischer Film vor mir ab, der sofort endete, als ich mich zurück die Wirklichkeit zwang.
Als ich meine Portion aufgegessen hatte, nahm ich noch zwei Stücken von dem Ciabatta Brot, welches als Vorspeise diente, und sog damit den Rest der Sauce auf. Ich war zwar satt, aber nie so satt, dass ich gar nichts mehr essen konnte. Den Rand von El Achims Pizza hätte mein Bauch noch vertragen und eigentlich hätte es zum Nachtisch ein Stück warmen Kuchen geben können oder eine interessante Pudding-Kreation. Ein guter Nachtisch macht eine Mahlzeit perfekt. Und manchmal ist der Nachtisch sogar besser, als das Hauptmenü.
Am Ende dachte ich darüber nach, wie viel Pesto noch an meinen Vorderzähnen hing und vermied es, mit offenem Mund zu lächeln. Pesto war genauso fatal wie Petersilie oder der unsichtbare Geruch von Knoblauch.
Der Wirt hatte einen fürsorglichen Blick für seine Kundschaft und räumte gleich die Teller weg. Jetzt wendeten wir uns unseren Getränken zu, um noch ein paar zarte Prozente zu gewinnen. El Achim hatte sein Bier bereits ausgetrunken und mein Glas war noch halbvoll. Ich schaffte es nicht, den Gin Tonic schneller zu trinken, da der Geschmack zu bitter war. Nach jedem kleinen Schluck machte ich eine Pause und suchte nach neuem Gesprächsstoff. El Achim zeigte ebenso Initiative und sprach mich immer wieder auf berufliche Geschichten an, die mir zu privat waren und über deren Inhalte ich keine Auskunft geben wollte. Für solche speziellen Informationen war mir El Achim einfach zu fremd.
Er selber hatte nicht viel zu erzählen, da er nur mit Zahlen und Finanzen zu tun hatte. Für eine Person wie mich ein unbegreifliches Gebiet, das ich nie verstehen werde. Also gab es auch keine Fragen, die ich ihm stellen konnte. Mir war das alles zu trocken.
Unser Smalltalk artete dann eher in einem Durcheinander aus. Wir sprachen über alles, was oberflächlich genug war, damit wir uns gegenseitig nicht mit Tabuthemen konfrontierten.
Irgendwann kam er auf die doofe Idee, mich nach vergangenen Dates und Männern zu fragen. Absolut tabu. Und genau das erzählte ich ihm mit halbwegs gelassener Stimme, obwohl ich innerlich kochte. Keine Geschichten über Ex-Leute und anderen Begebenheiten. Er sah das etwas lockerer und erzählte mir, dass er mit Dates immer Pech hatte und schon lange Single ist. El Achim war der Meinung, dass in seinem Alter die Möglichkeiten geringer sind, um eine tolle Frau kennen zu lernen. Die meisten davon wären angeblich zu sehr vorbelastet von ihren Ex-Männern und in ihren Mustern gefangen. Ja, das war ich auch – gefangen. Aber das ging El Achim nichts an.
Nach der Datingfalle herrschte erst einmal Funkstille und ich trank meinen Gin weiter. Diesmal mehrere Schlucke ohne Pause, denn ich wollte weg. Schon wieder meldete sich mein Fluchtreflex. Aber ich versuchte vernünftig zu bleiben. Ich wollte nicht wieder orientierungslos auf der Straße landen, unwissend darüber, wohin ich gehöre. Mir war bewusst, was passiert, wenn ich davonlaufe. Davonlaufen macht es nur schlimmer und trotzdem musste ich mich anstrengen, auf dem Stuhl sitzen zu bleiben, denn mein Herz raste. El Achim hatte mich unbeabsichtigt mit dem falschen Thema getroffen, das sich wie eine offene Wunde anfühlt, die nicht heilt. Sie wird niemals heilen.
„Ist was mit dir? Du wirkst so unruhig“ erkundigte er sich besorgt. Ich merkte gar nicht, dass meine innere Unruhe äußerlich so auffällig war.
„Nee, schon gut. Aber sprech mich nicht auf Männer an, okay? Das geht wirklich nicht. Ich rede mit niemandem drüber. Keiner weiß, was los ist. Das ist echt nicht mein Lieblingsthema.“
„Nicht mal deine beste Freundin weiß Bescheid?“
„Nein.“
„Tut mir Leid.“
„Nicht deine Schuld.“
Ich trank meinen Gin aus und El Achim ließ den Wirt mit einer Geste wissen, dass wir die Rechnung wollten. El Achim sagte gleich, dass er bezahlt und ich nahm es so hin, denn eigentlich kenne ich es auch nicht anders. Fast jeder Mann will bezahlen, weil sich das so gehört. Deswegen musste ich noch nie bezahlen und hatte nur selten die Gelegenheit mit meinem Studentenausweis Rabatt zu kriegen. Außer im Kino und am Ticketschalter.
El Achim war schon fast am Ausgang, als ich noch damit beschäftigt war, meinen Mantel anzuziehen und meinen Schal ordentlich umzubinden. Ich fragte mich, wie es jetzt wohl weitergeht und ob er noch irgendwo mit mir hin will. Ich hatte Lust auf einen Club und auf gute Musik, die meine Stimmung hebt. Aber ich fragte ihn nicht, sondern wartete ab, was wir machen. Es war erst Mitternacht. Irgendwie hatte ich jedoch das Gefühl, dass er nach Hause wollte. Und zwar mit mir.

Draußen war es nach wie vor kalt. Winter.
„Ich merke überhaupt nichts vom Alkohol“, sagte ich, um anzudeuten, dass ich nahezu immun gegen Alkohol bin und weitaus mehr vertrage, ohne dass Mann mir etwas anmerkt.
„Oh“, er grinste nur, während er das sagte.
Ich schaute mir die vollen Läden an und dachte daran, wie die Leute jetzt Valentinstag feiern und Spaß haben. Einen Freund hätte ich auch gerne. Alle sahen glücklich und amüsiert aus. Zumindest bildete ich es mir ein, denn zu genau wollte ich gar nicht hinsehen. Wichtiger war, was sich gerade bei mir abspielte und die Vorstellung war nicht besonders rosig. Ich war mit jemandem unterwegs, der nicht der war, den ich wollte und musste mich damit abfinden, weil es nicht anders ging. El Achim war nur eine bedeutungslose Alternative und nicht mein Traummann.
Als gerade eine Straßenbahn kam, fand er es genau passend und wir fuhren per Stehplatz weiter. Normalerweise gar nicht so gut, da ich in der Bahn zu tollpatschigen Gleichgewichtsstörungen neige. Er stand einen Meter weiter weg und musste sich nicht festhalten, so sicher fühlte er sich. Aber da er täglich mit Straßenbahn fuhr, hatte er darin mehr Übung als ich, die immer mit dem Rad oder zu Fuß unterwegs ist. Oder mit dem Auto, wenn ich Lust darauf hatte.
Ich versuchte ihn nicht weiter anzugucken, da ich es mittlerweile etwas komisch fand und immer mehr die Vorahnung hatte, dass er nach Hause wollte und mir das nicht geheuer war. Ich wollte nicht schweigend in seinen privaten Räumlichkeiten herumsitzen und hatte Angst vor zu viel Nähe. In einer fremden Wohnung ist man wie gefangen.
Zwischendurch trafen sich unsere Blicke und ich motivierte mich mit geschlossenen Lippen zu lächeln. Ich sagte nichts mehr.
Als die Straßenbahn das nächste Mal hielt, wurden ein paar Plätze frei.
El Achim setzte sich sogar auch hin und gab seine selbstbewusste Poser-Position auf. Vor uns saßen zwei junge Männer, die sich wie tussige Frauen verhielten und sie redeten mit einem gehobenen Akzent über Wohnungen. Man konnte gleich erkennen, wo deren sexuelle Präferenzen lagen. An der Tür stand ein Mann, der mit seinem Handy verspielte Gespräche führte und einen sehr zufriedenen Eindruck machte. Wahrscheinlich traf er gleich seine Freundin, die in Unterwäsche auf ihn wartete. Ich musste bei dem Gedanken weggucken, damit ich positiv gestimmt blieb.
Nach ungefähr zehn Minuten sagte El Achim, dass wir nun aussteigen. In diesem Stadtteil war es genauso ruhig, wie in meiner Heimatstadt und es sah auch ein bisschen so aus, wie bei mir zu Hause. Leere Straßen und eine Menge Altbauwohnungen mit einer grau-braunen Fassade, die in größeren Stücken dekadent vom Haus abblätterte. Jetzt wusste ich, dass wir in keinen Club mehr gehen und dass für heute Feierabend war. Zumindest in der Öffentlichkeit. Dabei war ich nicht einmal müde, sondern voller Energie. So, wie es bei mir meist üblich ist. Ich habe kein Problem damit, wenn Tageszeiten durcheinander geraten. Allerdings schien es bei El Achim anders zu sein, da sein Tagesablauf stets strukturiert und einfach monoton war: Arbeiten – Mittagessen in der Kantine – arbeiten – fernsehen – schlafen. Aber El Achim sagte selber, dass er zu alt ist für zu viel Action und nicht mehr so viel Power hat. Ich tolerierte das, da mir persönliche Burnout-Momente in besonderen Belastungssituationen bekannt waren. Unter anderem, wenn ich kaputt von Liebeskummergefühlen war und genug geweint hatte. In solchen Situationen fühlte ich mich ausgelaugt und tot.
El Achim und ich mussten nicht weit laufen, bis wir das Haus erreichten. In mir machten sich einige unangenehme und leicht mulmige Gefühle breit. Wenn ich von hier aus flüchten würde, würde ich wohl kaum alleine zum Hauptbahnhof finden. Das war alles viel zu weit weg. Allein das machte mir Angst. Irgendwo zu sein, wo ich mich gar nicht mehr auskannte. Und die U-Bahn war nachts auch nicht mein Fall. Es war klar, dass Abhauen hier sinnlos war und dass ich die Nacht überstehen musste. So schlimm war El Achim zum Glück nicht. Normalerweise wäre ich jetzt bei einer Bekannten gewesen, die ausnahmsweise noch einen Platz auf der Couch frei hatte. Aber es kam spontan anders und ich landete bei ihm.
El Achim ließ mich durch die Eingangstür und ich schaute mir das tolle Altbauhaus von innen an. Überall große Holztüren mit gesprenkeltem gelben Glas und knackende abgetretene Treppenstufen. Wir liefen tatsächlich bis nach ganz oben. Fast, denn das Dachgeschoss war nicht ausgebaut. Ich fühlte mich zunehmend seltsamer. Als ich in seine Wohnung kam, stellte ich fest, dass er natürlich viel weniger Schuhe hatte, als ich. Inzwischen gehöre ich leider auch zu den Frauen, die das Schuhklischee einigermaßen erfüllen und es dennoch nicht mit der Sammelleidenschaft übertreiben. Ich achtete nicht einmal darauf, was er für Schuhe trug. An bunte abgelatschte Sportschuhe erinnere ich mich jedenfalls nicht. Wahrscheinlich waren es schwarze Dandy-Schuhe.

Seine Wohnung war groß und hatte zwei Zimmer. Im Flur hing ein Fahrrad mit Strohhut an der Wand und ich wusste nicht, was das sollte. Er erklärte mir, dass er sein Rad nicht in den Keller stellen wollte, da im Haus viel geklaut wurde. Aber scheinbar diente sein Fahrrad sowieso nur als staubige Dekoration an der Wand, weil es zu selten gebraucht wurde. Ich schaute mich in der Wohnung um, während El Achim meinen Mantel entführte und ihn in seiner Flurgarderobe versteckte. Der ganze Fußboden war aus rauem Holz und die breiteren Ritzen boten Unterschlupf für Brotkrümel, die ich in der Küche entdeckte. Der Holzfußboden war toll, aber er hatte unsaubere Schwachpunkte. Ich dachte darüber nach, wie man den Fußboden am besten reinigt und erwischte mich dabei, dass ich mir gerade über Dinge Gedanken machte, die nicht mein Problem waren. Dieses Problem hätte ich außerdem auch nicht haben wollen und hielt mich deswegen nicht länger in der Küche auf. Ich guckte kurz ins Schlafzimmer und ging dann in die Wohnstube, die kaum eingerichtet war. Mir fehlte die Individualität. Diese Leere war der allgemeine Ausdruck von Interesselosigkeit und nicht vorhandener Kreativität. Die Wohnstube bestand aus einem Fernseher, einer Couch, zwei kleinen Tischen und aus einem Regal, das voll mit Englischheften war. What the fuck. Ansonsten gab es nicht viel zu sehen. Ich war mir sicher, dass El Achim gleich den Fernseher einschalten würde, da die Fernsehzeitung direkt vor mir lag und anscheinend eine wichtige Funktion hatte. Ich persönlich habe mir noch nie eine Fernsehzeitung gekauft, sondern nutze lieber Apps für solche Sachen.
Al Achim schaltete nicht den Fernseher ein, sondern er drehte an einem Lautsprecher neben dem Fernseher, der danach stumm blieb. Ich sah nur die Lautsprecher und kein Radio in der Nähe. Aber dann informierte mich El Achim darüber, dass die Lautsprecher Musik vom Handy wiedergeben. So so, dachte ich mir. Das funktionierte auch alles per App. Diese Art von Technik war mir bis dato unbekannt.
Was dann folgte, war Musik und ich ließ mich darauf ein. Wir schauten also keinen Film, sondern hörten Musik. War das nicht der perfekte Einklang für zwiespältige Annäherungen? Ich ahnte, dass er begann, sich gefühlsmäßig einzustimmen und anschließend kam auch schon die Frage, die chronologisch folgerichtig genau jetzt gestellt werden musste: „Was willst du trinken“, fragte er.
Ich schaute ihn an und war leicht verunsichert.
„Hmm, was hast du denn da?“
„Eigentlich so gut wie alles.“
„Okay. Dann mach mir einfach irgendwas fertig. Bin da ganz anspruchslos.“ Egal wie immer.
„Na gut. Dann bis gleich.“
Mit den Worten verschwand er in der Küche, die am Ende des Flures und außer Sichtweite lag.

Ich saß auf der Couch und schaute mich um. Allerdings konnte ich nichts Interessantes finden und hörte der Jazz-Musik zu, die auch nicht meinem Geschmack entsprach. Aber ich war ein artiger Gast und von daher war es in Ordnung. Es muss nicht immer Club-Musik oder Rock sein.
Ich ging zur Balkontür und sah eine bunte Lampionkette draußen hängen, von links nach rechts am Blumenkasten entlang. Schade, dass der Sommer noch so fern war.
Nach dieser wehmütigen Feststellung setzte ich mich wieder friedlich auf die Couch und wartete auf den Alkohol. Ich war gespannt, was er mir anbot.
Wenige Minuten später kam er mit einem Glas mit pinkem Trinkhalm und Eiswürfeln zurück.
„Oh, das ist ja wie in der Bar“, bemerkte ich fröhlich.
„Ja. Ich hoffe, es gefällt dir.“
Er stellte das Glas vor mir auf den Tisch und ging zurück in die Küche, um sich ebenfalls mit Alkohol zu versorgen. Alles andere wäre unfair. Welcher Mann möchte schon nüchtern bleiben, wenn eine junge Frau trinkt?
Ich rührte mein Glas nicht an, ehe er nicht da war. Aus Anstand.
„Und, was ist das jetzt für ein Getränk“, fragte ich ihn, als er wieder kam.
„Gin Tonic. Nur etwas anders.“
Oh Mann, schon wieder Gin, dachte ich. Aus der Nummer kam ich nicht mehr heraus.
„Aber das ist nicht zufällig Gin aus London, oder?“
„Doch..warum? Hast du den schon mal getrunken?“
„Ja.“
„Und?“
„Nur so. Nicht so wichtig.“
Wenn El Achim gewusst hätte, was sein Gin für Erinnerungen in mir auslöst. Zumindest kam er nicht auf die dumme Idee, mir obendrein noch Apfelsaft anzubieten. Dann wäre es wahrscheinlich sehr emotional geworden und vielleicht hätte ich das Glas sogar zu Boden geschmissen.

Wir stießen zum dritten Mal an diesem Abend an und der Gin machte mich immer trauriger. Eigentlich hätte ich nicht bei El Achim sein sollen, war die Botschaft, die mir der Gin eindeutig vermittelte. Ich versuchte den Gedanken hinunterzuschlucken, damit er nicht zu aufdringlich wurde und mich nicht zu Kurzschlussreaktionen hinriss, denn innerlich spürte ich den Reiz des Abschieds von El Achim. Klar wollte ich weg. Aber ich hatte keine Wahl und musste bleiben. Ich wollte zumindest einmal versuchen, auch unangenehme Situationen auszuhalten. Zusammen mit dem Gin, der mich dazu verleitete, jemanden zu vermissen, der sich irgendwo entfernt in der Nähe aufhielt.
„Schmeckt gut“, sagte ich und fühlte mich wie eine gute Lügnerin.
„Das freut mich.“
Wie sollte er auf so einen verlogenen Satz auch anders antworten.
„Wenn du wüsstest, was du mir damit gerade antust.“ Ich konnte diese kleine Andeutung einfach nicht seinlassen. Es gelang mir nicht, die Erinnerungen zu unterdrücken, die gerade wieder so präsent waren.
„Inwiefern?“
Ich schwieg und ließ die Aussage so stehen, wie sie war.
Genau an diesem Tag war es ein halbes Jahr her, dass die Reste vom Gin einige Stunden später ungewollt in die Toilette gespuckt wurden. Von mir.
„Verträgst du das Zeug nicht“ hakte er weiter nach.
„Doch doch, schon. Aber warum gerade Gin? Du hast doch noch so viele andere Sorten.“
„Ja. Aber ich dachte, der ist ganz gut für dich.“
„Okay, du hast bestimmt recht.“
Wir tranken weiter, bevor ich mich immer tiefer in dieses Thema grub.
Alles war alles heikel, so lange die Atmosphäre nur aus Musik und Gin bestand. Fast so ähnlich wie damals, es kam mir vor wie ein Déjà-vu. Nur mit einer anderen Person neben mir.
Ich war gespannt, wie es weiterging. Am liebsten hätte ich vorgeschlagen, ins Bett zu gehen und zwar jeder für sich, ohne Körperkontakt. Aber diesen Vorschlag konnte ich nicht bringen. Schließlich war ich nur der Gast, der eventuell etwas offener sein könnte.
Ich klammerte mich am Glas fest, damit nichts anderes passieren konnte. Aber diese Taktik war nicht gut gewählt, denn El Achim machte die ersten vorsichtigen Annäherungsversuche, die ich lieber übersehen hätte. El Achim sagte nichts weiter und fuhr mit seiner Hand über meinen rechten Oberschenkel, während ich meinen Gin trank. Ich dachte nur daran, dass er mich in Ruhe lassen sollte.
„Tolle Hose“, erwähnte er.
„Ich weiß, danke.“ Mehr fiel mir dazu nicht ein. Vielleicht hätte ich doch besser eine Jeans anziehen sollen.
„Auf sowas steh ich ja“, fuhr er weiter fort.
„Aha…“
Ich zog zügig noch mehr Gin aus dem Strohhalm.
Es dauerte nicht lange, bis El Achim das Maß überschritt und mich wie selbstverständlich küsste. Er kam einfach näher, ohne nachzudenken. Ich erwiderte den Kuss nur deshalb, weil ich in dem Moment sowieso keine andere Wahl hatte. Wäre schließlich doof gewesen, den Kopf kurz davor schnell wegzudrehen. In mir tat sich nichts. Es war ein emotionsloser Kuss für mich, der für ein winziges Kribbeln nicht ausreichte. El Achim züngelte wie eine Schlange und ich fand diese Art des Küssens schrecklich irritierend und unerotisch. Wie konnte ein Mann nur so schlecht küssen? Mich überkam kein Hauch von Lust. Zwischendurch entfernte ich mich von El Achim, um mich meinem Gin Tonic zu widmen, den ich inzwischen deutlich besser fand. Besser, als El Achim.
Danach fing El Achim wieder mit dem Küssen an und ich war ein Opfer, weil ich Angst hatte, auf der Straße zu landen, wenn ich mich nicht benahm. Doch dann sah ich eine kurzfristige Lösung.

„Ich muss mal auf’s Klo. Könnte aber etwas länger dauern, weil ich woanders immer nicht kann.“
El Achim guckte mich lächelnd an und sagte verständnisvoll: „Ist okay, du kannst dir so viel Zeit lassen, wie du willst.“
„Darf ich alle Türen zumachen?“
„Warum?“
„Weil es leise sein muss, wenn ich auf Klo bin und weil ich nicht das Gefühl haben will, dass jemand draußen wartet.“
„Klar, mach alles zu. Aber die Stubentür musst du bisschen mit Gewalt ranziehen.“
„Okay.“
El Achim akzeptierte meine Klomacke und ich konnte erleichtert das Wohnzimmer verlassen und mich aus der zudringlichen Situation entfernen.
Die Tür bekam ich tatsächlich nicht zu, da sie immer wieder aufging. Ich war genervt.
„Ich krieg die Tür nicht zu!“
Dann kam El Achim und knallte sie mit einem energischen Ruck zu, sodass es kurz ziemlich laut wurde.

Als ich mich im Bad einschloss, spürte ich endlich mal wieder ein bisschen Privatsphäre. Trotzdem war es nicht mein Bad und ich fühlte mich fremd. Es war eines dieser schlauchförmigen Badezimmer, in denen das Klo – hinter Waschbecken und Badewanne – ganz am Ende neben dem Fenster stand. Ich ging zum Klo und blickte auf einen grünen Froschdeckel. Der Frosch hatte große braune Augen und saß wie erstarrt auf einem Blatt. Ich stopfte das Klo mit Klopapier aus und setzte mich rauf. Das Klo war höher als meins und für meine Größe etwas unbequem. In dem Winkel konnte ich schlechter pullern und ließ mich deswegen leichter durch meine Umgebung ablenken. Ich roch an seinen Parfüms, die neben mir im Regal standen und entdeckte noch einige andere Dinge, die irgendwie interessant für mich waren. El Achim hatte sogar einen Föhn auf dem Fensterbrett liegen. Ein Gerät, das ich nie brauche.
Als ich zehn Minuten auf dem Klo saß, lief es endlich. Trotz Klopapier hörte man es ordentlich plätschern. Solche Toiletten konnte ich absolut nicht leiden. Viel zu indiskret.
Ich war froh, als es klappte und sich der Urinstau mit kleineren Unterbrechungen auflöste.
Hätte ich mir den Abschluss dieses Abends aussuchen können, wäre ich auf jeden Fall baden gegangen. Das hätte ich gebraucht und hoffte, dass ich noch die Gelegenheit dazu bekam.
Als ich wieder ins Wohnzimmer kam, war El Achim mit seiner Musikauswahl auf dem Handy beschäftigt und hatte Kerzen angezündet.
„Und, hat’s geklappt“, fragte ich mich lachend.
„Ja, alles gut.“
Ich setzte mich wieder zu ihm auf die Couch und dann ging es weiter mit küssen. So, als ob ich gerade gar nicht auf dem Klo gewesen wäre.
„Kannst du dein Oberteil nicht ausziehen?“ Der Pullover war ziemlich oversized und gemütlich. Außerdem konnte ich mich schön darin verstecken und fühlte mich sicher. Und: er war rosa.
El Achim provozierte mich und ich antwortete spröde: „Nein, mir ist kalt.“
„Dir ist kalt? Dann sollten wir vielleicht ins Bett gehen.“
Tolle Idee, wenn es dabei bleiben sollte, dass jeder auf seiner Seite schläft und nichts anderes läuft. Ich wollte keine Fortsetzung.
„Gut, dann gehen wir eben ins Bett.“
Ich hatte sowieso keine Lust mehr, nachts um zwei müde im Wohnzimmer herumzusitzen und unfreiwillig zu knutschen.
„Wir können die Kerzen ja mit ins Schlafzimmer nehmen“, schlug El Achim vor.
Normalerweise perfekt, um eine romantische Stimmung aufzubauen. Aber El Achim war einfach nicht mein Typ, auf den ich abfuhr und der etwas in mir bewegte.

Wir nahmen beide jeweils zwei Kerzen und stellten sie auf ein Regal im Schlafzimmer. Das Schlafzimmer war groß und am meisten stach der fast komplett verspiegelte Kleiderschrank hervor, der direkt vor dem Bett stand. So so, dachte ich. Die perfekte Option, sich gleichzeitig von allen Seiten zu präsentieren, während man im Bett aktiv ist. Dann der nächste Gedanke: Warum hat ein Mann so einen riesigen Kleiderschrank?
El Achim sorgte dafür, dass auch im Schlafzimmer Musik lief. Darauf hätte ich verzichten können. Aber El Achim dachte anscheinend, dass Musik die Stimmung verzaubert.
Als wir voreinander standen, artete das Küssen gleich ins Ausziehen aus.
Er zog mir einfach den Pullover aus, ohne etwas zu sagen. Kurz darauf lagen auch all meine restlichen Klamotten auf dem Boden. Alles, bis auf die Unterwäsche, die ich mir nicht ausziehen ließ.
Noch immer war ich kein bisschen scharf auf El Achim. In mir tat sich weiterhin überhaupt nichts. Er hatte keine anziehende Wirkung auf mich und es herrschte keine Spannung zwischen uns. Wir waren zwei sehr unterschiedliche Persönlichkeiten, ohne etwas gemeinsam zu haben.

Ich legte mich in Unterwäsche ins Bett und El Achim folgte mir, nachdem er sich Hemd und Jeans vor meinen Augen auszog. El Achim schien wohl keine Probleme damit zu haben. Die Arbeit konnte ich ihm jedoch nicht abnehmen, da ich nicht den Drang verspürte, das zu tun. Ich wollte ihn nicht ausziehen, weil es mich nicht interessierte, wie er nackt aussah. Meinetwegen hätten wir endlich schlafen gehen können, ohne schlechtes Gewissen.
Aber El Achim war aber anderer Meinung. Er kuschelte sich direkt an mich heran und ließ mir keinen Freiraum zum Atmen, da sein Mund gleich wieder auf meinem klebte und seine Zunge sich den Weg freischlängelte.
Ich versuchte ihm zu zeigen, wie man ‚richtig‘ küsst. Aber er checkte es nicht. Anscheinend merkte er nicht, dass ich ganz anders küsste und blieb bei seiner gewohnten Variante.
Mein Slip blieb trocken und ich war mehr gelangweilt, als scharf.
El Achim konnte mich als Person nicht überzeugen. Nicht einmal halbnackt.
Trotzdem wollte El Achim mehr und fasste mich überall an. Ich konnte verstehen, dass es schwierig war, mir zu widerstehen, bei all meinen Reizen.
„Hattest du eigentlich schon mal so ein junges Mädel im Bett“, wollte ich wissen.
„Nein.“
Damit war es kein Wunder, dass er mich unbedingt herumkriegen wollte, wenn ich seine Premiere war und er machte den Eindruck, als wenn er schon länger keinen Sex mehr hatte. Genau wie ich, nur dass ich lustlos war und mich absichtlich frigide verhielt, um ihn abzuschrecken. Aber das störte ihn nicht. Er nahm keine Rücksicht auf mein passives Verhalten. Vielleicht empfand er es als Herausforderung.
Letztendlich befreite er mich von meiner Unterwäsche und wäre wahrscheinlich allein wegen des Anblicks schon fast gekommen. Auch das hätte ich verstanden und gut akzeptieren können.
„Du hast echt schöne Brüste“, bemerkte er, als er mich nackt vor sich liegen hatte.
„Ja, ich weiß. Danke.“ Wie oft ich den Satz schon hörte. Als ob es nichts anderes gäbe. Entweder oben, oder unten. Toller Arsch, oder tolle Brüste. Oder beides. Danach folgen Augen, Lippen und Hände. Erstklassig, aber zweitrangig.
El Achim fand das alles sehr spannend und ich schaute ihm matt dabei zu.
Obwohl ich länger keinen Sex mehr hatte, fand ich seine Berührungen nicht erregend. Weil El Achim einfach ein Langweiler war, deswegen. Vielleicht fand er mich auch langweilig, da ich nicht viel Lust hatte, ihn anzufassen und hoffte, dass das alles bald ein Ende hatte. El Achim verlor sich nämlich allmählich in einem stereotypen Verhalten, das aus einem Wechsel aus Küssen und Berührungen bestand. Alles wiederholte sich und führte zu keinem Fortschritt. Das Einzige, was meine Aufmerksamkeit reizte, war mein Armband, wenn es sich mit seinen Zacken im Bettlaken verfing. Der Gedanke, dass teurer Schmuck nicht so schnell kaputt geht, beruhigte mich nicht und ich schaute immer wieder nach, ob das Armband noch heil war und keiner der kleinen Steine verloren ging.

Nach einer gefühlten Stunde zog El Achim meinen Slip aus. Einfach so, damit es anders wurde und den Eindruck verlieh, als würde bald etwas Großes im Bett passieren. Nachdem er meinen Slip neben das Bett warf, entfernte er auch seinen. Ich bekam nicht einmal mit, was er trug, weil ich nicht das Bedürfnis hatte, hin zu schauen. Wahrscheinlich war es eine typische schwarze Boxershorts mit Knöpfen.
El Achim war heiß und stürzte sich mit seiner zitterigen Zunge wieder in meinen Mund. Als er nackt auf mir lag spürte ich immer noch mein Desinteresse. Vor allem, weil seine Küsse so unsexy waren, wie die Wanderung eines Wurms vor einer hungrigen Kröte.
El Achim kam langsam in Hochform und sagte:„Stellungswechsel.“
Noch vor dem Anfang? Kapierte ich nicht.
Meine innere Stimme fragte ich mich, was der Vorschlag soll und die Frage drang nach außen.
„Und das heißt?“
„Du oben.“
Ich oben – hahaha….verrückt!
Ich nahm es so hin und versuchte diese verkehrte Rolle nicht weiter zu beurteilen. Obwohl ich oben lag, gab ich mir einen Ruck, das Beste aus dieser Lage herauszuholen und bemühte mich, die Antipathie auszublenden. Es wurde entspannter, nachdem ich nicht mehr über alles nachdachte. Ich ließ mich einigermaßen gehen und schaltete den Kopf auf Stand-By. Genau wie die Musik im Hintergrund, die längst nicht mehr zu mir durchkam und ignoriert wurde.
El Achim schien es zu mögen, als ich so auf ihn drauf lag und so tat, als würde ich etwas Tolles mit ihm tun. Trotzdem war er still und ziemlich gehemmt. Bis er einen bestimmten Satz äußerte:„Ich will, dass du mir einen bläst.“
Auf jeden Fall eine unmissverständliche Ansage, obwohl ich bisher noch keinen weiteren Kontakt mit seinem Schwanz hatte. Und dann gleich blasen? Ich war immerhin kein bisschen in El Achim verliebt. Somit war der BlowJob theoretisch unmöglich für mich und eine schwierige Aufgabe. Außerdem blieb mir nach der Ansage fast nichts anderes übrig, da sie sehr überzeugend wirkte. So fernab von schüchtern und nett. Vielleicht war El Achim ja doch nicht so devot, wie ich es anfangs vermutete.

Ich gab ohne Worte nach und widmete mich unfreiwillig dem BlowJob. Immer mit der Angst, dass mir schlecht dabei wird. Einfach nicht nachdenken, ermahnte ich mich und machte die Augen zu, damit ich nicht allzu viel mitbekam und El Achim unsichtbar wurde. Mit geschlossenen Augen konnte ich mir den BlowJob schönträumen und mir vorstellen, dass ich gerade eine mit Haut überzogene Gurke ablecke, die mein Gesicht mit ihren Haaren zärtlich begrüßt.
Es dauerte nicht lange bis ich in seinem Schwanz ein Zucken spürte, das zaghaft anfing und immer weiter pulsierte, bis ich cremigen Gurkensaft im Mund hatte. Es war viel. Ich ekelte mich und hätte am liebsten alles sofort ins Bett gespuckt. Der Gurkensaft, der eigentlich markant nach Champignon schmeckte, gehörte nicht in meinen Mund und ich weigerte mich, ihn herunterzuschlucken. Aber ich brachte es auch nicht fertig, ihn anders loszuwerden. Langsam wurde es bitter im Mund und noch ekelhafter, da sich der Saft bald zersetzte. Ich überlegte, schnell ins Bad zu rennen. Aber ich tat nichts, sondern war wie gelähmt vor Ekel. Um El Achim mit meinem spermaablehnenden Verhalten nicht zu demütigen, schluckte ich alles. Schließlich dauerte das Schlucken nur eine Sekunde und ich übertrat die Schwelle der Abscheu. Es war mehr als nur ekelhaft. Normalerweise hätte ich es unter solchen Umständen niemals gemacht, da ich El Achim nicht wollte.
Warum war er überhaupt so fies, mir das Zeug ohne Vorankündigung in den Mund zu schießen? Für mich ein Tabubruch.
El Achim ging es gut und ich kämpfte innerlich, obwohl ich Pilze ansonsten gerne aß.
Dann ging er nackt zur Toilette, um sich seinen eingespeichelten Schwanz mit Kleenex-Tüchern abzutupfen und um seinen Urin loszuwerden, der sich seit einer Stunde in der Warteschleife befand.

Ich lag im Bett und war platt. Bevor El Achim auf den Gedanken kam, mich weiter zu belästigen, zog ich meine Klamotten wieder an und konnte mich dabei genau im Spiegel beobachten. Etwas verstörend, wenn ich mir vorstellte, wie El Achim mich darin von allen Seiten begutachtete. Während des BlowJob’s.
El Achim verweilte nicht lange im Bad und kam leider gleich wieder.
Ich grinste und zeigte mich freundlich. Als wir beide zusammen im Bett lagen, blieb es nicht lange still. Anscheinend war El Achim noch nicht müde, trotz seines befriedigenden Höhepunkts. Er kam mir nahe und unter meine Decke. Wieder fing er an, mich zu befummeln. Nein, er hatte noch nicht genug. Der BlowJob war erst der Anfang und das Vorspiel. El Achim wiederholte sein gesamtes Programm und seine Zunge landete suchend in meinem Mund, während er mit der Hand meine Brüste streichelte, die durch meine Gänsehaut ziemlich spitz wurden. Dabei war die Gänsehaut nur der Ausdruck eines Alptraums. Der Alptraum einer nicht endenden Nacht. Vor allem, weil ich müde war, nachts um halb drei. Sowie unmerklich angetrunken.

„Ich will mit dir schlafen“, stieß El Achim plötzlich hervor. Meine Intuition verriet es mir aber schon vorher.
Ich sagte nichts, weil ich wusste, dass es daraus hinausläuft. Sex war nichts Schlimmes, ganz im Gegenteil. Nur hätte ich mir in diesem Moment einen anderen Mann vorgestellt und nicht El Achim. Mir kam es falsch vor, mit ihm ins Bett zu gehen. So, als würde ich mich selbst belügen. Aber ich wehrte mich nicht und akzeptierte seinen Wunsch.
Ich versuchte zu lächeln.
El Achim krabbelte zur anderen Seite des Bettes, um die Gummis aus einem Karton hervorzukramen. Ich fragte mich, ob er öfter andere Frauen abschleppt. Oder ob die Kondome dort schon länger liegen und auf ihren Einsatz warten. Okay, ich habe auch Kondome unter meinem Bett, fiel mir ein und ich beschloss, dass es völlig normal ist, welche zu haben.
Dann hatte El Achim ein tiefblaues Kondom in der Hand und ich schaute ihm dabei zu, wie er es sich überstreifte. Wahrscheinlich hätte er es lieber gemocht, wenn ich das getan hätte. Aber da ich sowieso desinteressiert war, blieb meine Eigeninitiative fern. El Achim guckte mich dabei erwartungsvoll an, als ob er hoffte, dass ich doch noch aktiv werde und ihm helfe. Aber es war mir egal. Sein Schwanz wurde etwas lasch und schaffte es nicht, hart zu bleiben. War ihm wohl doch zu viel. Oder vielleicht, weil Kondome ein perfekter Abtörner sind. El Achim holte sich selber einen runter, damit sein Schwanz wieder stand und mehr Blut hineinschoss. Und nach und nach konnte ich dabei zusehen, wie er seinen Schwanz vor dem Erschlaffen rettete. Als er einsatzbereit war, verlor El Achim keine Zeit und positionierte sich zwischen meine Beine. Etwas anderes fiel ihm nicht ein.
Noch immer kein Anflug von Erregung bei mir. El Achim blieb für mich unerotisch. Ich musste nicht einmal feucht sein, da das Kondom nass genug war. Das war mein Glück. Trotzdem empfand ich sein Eindringen als unangenehm, da er es ohne meine Hilfe nicht auf die Reihe bekam und sich ungeschickt anstellte. Wohl kein Mann mit viel Erfahrung, das merkte ich gleich.

Dann hatten wir Sex. Und ich dachte nur daran, dass das alles nicht sein muss und mich kalt lässt. Genau so fühlte es sich an: kalt und ohne. Ohne Gefühl. El Achim legte sich mächtig ins Zeug und versuchte, eine harte Nummer durchzuziehen, die jedoch eher kaputt und verzweifelt wirkte. Er brachte es einfach nicht und blieb verbal völlig stumm. Er schwitzte nicht einmal. Wahrscheinlich, weil ihm die Bettwäsche zu schade dafür war und weil er Schweiß nicht mochte. Immerhin mochte er auch keine Tiere in der Wohnung. Vielleicht war er zu reinlich und zu straight.
Nach einigen Minuten deutete er wieder diesen bescheuerten Stellungswechsel an. Ich tat es mit nicht viel Begeisterung und schaute ihm dabei ins Gesicht. Er sah aus, als würde er gerne kommen. Aber durch seinen vorigen Orgasmus dauerte es jetzt natürlich länger. Sein Schwanz war noch blockiert.
Irgendwann hatte ich keine Lust mehr auf den Mist und rollte mich von ihm herunter, auf die rechte Seite des Bettes, die in dieser Nacht mir gehörte. Ich fand es sinnlos, weiterzumachen, weil die Stimmung fehlte und ich sagte kein einziges Wort mehr. Der Sex war zu schlecht und ich war eingeschnappt. Gerne hätte ich ihm mitgeteilt, wie scheiße ich alles finde. Aber ich blieb vernünftig.
El Achim äußerte sich nicht zu meinem Verhalten. Immerhin hatte er kein Recht, mich zu zwingen und etwas von mir zu erwarten. Schon gar nicht, dass ich oben liegen soll. Für mich ein großer Lustkiller.

Meine Blase war voll, der Gin Tonic sammelte sich. Aber es brachte nichts, nach dem Sex zur Toilette zu gehen, da sich alles gereizt und überstrapaziert anfühlte.
El Achim machte die Musik aus und es kehrte endlich Ruhe rein. Außer dass mein Intimbereich brannte. Zuerst hielt El Achim beim Einschlafen meine Hand fest. Ich ließ es mir diese innige Kuschelstimmung einige Minuten gefallen, aber da ich so nicht schlafen konnte, löste ich mich von seinem Griff und drehte mich von ihm weg, um wieder frei zu sein. Immerhin waren wir kein verliebtes Pärchen und er hatte keinen Anspruch auf mich.
Lange blieb ich wach und war mir sicher, dass El Achim bestimmt längst schlief, da er ruhig war und langsam atmete. Wie im Schlaf eben. Ich war zwar müde, konnte aber nicht schlafen. Die Bettdecke war mit Daunen gefüllt und ich schwitzte bald. Mir war sowieso unnormal warm und meine Halsschmerzen, die ich schon seit zwei Wochen hatte, kamen wieder zum Vorschein. Jetzt wusste ich, dass die Hitze wahrscheinlich vom Fieber kam, denn ich hatte oft Fieber. El Achim hatte mir zuvor noch eine Flasche Selters ans Bett gestellt, falls ich in der Nacht Durst bekam. Nur irgendwie war ich zu faul, mich aus dem hohen Bett herunterzubeugen und sie aufzumachen. Außerdem wollte ich El Achim nicht mit dem Krach wecken. Auch mein Handy war nicht griffbereit, es lag in meiner Handtasche, die ebenfalls unerreichbar war.
In meiner Handtasche lagen auch meine Halstabletten, die ich gerade gebrauchen konnte. Aber nein, ich tat nichts, um mir zu helfen, sondern litt weiter, weil es irgendwie auch schön war, diese Schmerzen im Hals zu haben. Sie waren so gleichmäßig und das machte mich ruhig. Am meisten störte mich die Schlaflosigkeit.
Ich wartete ab, bis es hell wurde. Oder darauf, dass El Achim wach wurde und etwas an dieser Situation änderte. Nur wie?

El Achim wurde tatsächlich gegen fünf Uhr wach und ging zur Toilette. In diesem Moment machte ich mich bemerkbar und richtete mich auf.
Als er wiederkam sagte ich: „Hey!“
„Hey, konntest du schlafen?“
„Nein, war bis jetzt die ganze Zeit wach und hab Halsschmerzen. Und mir ist total warm.“
„Oh nein, das ist nicht gut. Willst du Tabletten von mir?“
„Nein, danke. Hab selber welche mit.“
„Okay, aber wenn du doch welche brauchst, sag Bescheid.“
„Ja. Ich muss jetzt auch erstmal auf’s Klo. Und ich lass mir Zeit.“
„Gut, mach das.“
Dann schlich ich in der Dunkelheit des Morgens ins Bad. Das Bad war geheizt und ich fühlte mich sofort wohl. Wieder füllte ich die Toilette mit ausreichend Klopapier. Ich saß eine ganze Weile, bis es tröpfchenweise ins Klopapier sickerte. Nach einer Viertelstunde kam ich zurück ins Zimmer. Es war so dunkel, dass ich nichts mehr sah und mich übervorsichtig in Richtung Bett begab, obwohl nichts schiefgehen konnte. Schließlich waren es nur zwei barrierefreie Meter. Anschließend suchte ich in meiner Handtasche die Bon Bons. Mein Handy lag auch verlockend nahe. Aber die Mails waren auch später noch im Posteingang und erst einmal Nebensache. Ich war froh, dass ich die Halstabletten dabei hatte. Sie gaben mir wenigstens ein kleines Gefühl der Sicherheit, denn die Halsschmerzen waren nicht ewig schön.
El Achim blieb still auf seiner Seite. Es gab nichts, was in dieser Nacht noch gesagt werden musste. Meine Halsschmerzen machten mir dies auch nicht gerade leicht, da sie sich nach einer Weile wirklich ätzend anfühlten, nachdem sie verstärkt zurückkamen. Meine Stimme war außerdem sehr brüchig. Die Bon Bons schmeckten nach Kirsche und hatten diese betäubende Wirkung, die ich hasste. Mein Hals fühlte sich dadurch pelzig und taub an. Ich lutschte diesen Bon Bon fast eine Stunde lang, sodass er am Ende ganz winzig war. So lange hielt es noch kein Bon Bon in meinem Mund aus. Und das nur, weil ich El Achim nicht mit diesem Knacken stören wollte. Normalerweise zerkaue ich jeden Bon Bon fast sofort.

Immer wieder schaute ich auf meine Armbanduhr, deren Zeiger im Dunkeln blassgrün leuchteten. Die Zeit verging zwar, aber ich spürte es nicht. Ich gab mir Mühe beim Einschlafen, als die Halsschmerzen schwächer wurden und suchte nach der perfekten Schlafposition. Die ich in diesem Bett nicht fand, obwohl es sehr bequem war. Es war sogar bequemer als mein eigenes Bett. Aber es war fremd und die Decke war viel zu dick. Ich streckte mein Bein heraus und dann die Arme, ohne mich dabei zu hektisch zu verhalten, denn El Achim war regungslos. Er schnarchte nicht einmal. Eigentlich war er gar nicht da.
Letztendlich schlief ich die ganze Nacht nicht und döste am Morgen wach vor mich hin. Die Sonne schien durch die beigefarbenen Vorhänge und im Zimmer wurde es hell. Zu hell, um weiter im Bett liegen bleiben zu wollen. El Achim wurde auch zeitig wach und erkundigte sich, ob ich noch schlief.
„Schläfst du?“
„Nein. War fast nur wach.“
„Ich auch. Hab auch kaum geschlafen“, sagte er.
Ach was, das ließ er sich gar nicht anmerken. Also war er genauso wach wie ich? Komisch. Immerhin war er zu Hause. Aber ich war ein ungewohnter Gast, der weiblich und jung war. Eventuell musste er seinen krassen Orgasmus erst einmal in Ruhe verarbeiten.
El Achim machte wieder Annäherungen und zog mich zu ihm. Er trug ein Shirt und Shorts. Ich kuschelte mich an ihn heran, schließlich war ich immer noch müde und ziemlich gedämpft.
El Achim küsste mich und krabbelte mit seiner Hand über meinen Körper. Meinen Po beachtete er gar nicht. Als ob es ihn gar nicht gäbe. Meine Brüste und mein Bauch waren interessanter. Bei El Achim war ich mir nicht sicher, was mir an ihm gefiel, da ich kaum darüber nachdachte. Attraktivität bedeutete für mich etwas anderes und sah anders aus, als er. Obwohl er trotzdem nicht schlecht war, ganz im Gegenteil. Aber ich fand bei El Achim nichts Attraktives. Nicht das, was ich eigentlich suchte. Dieses Besondere, für das es keine Beschreibung gibt.
Vielleicht mochte ich seinen Bart, seine Unterarme und seine Augen, als ich angetrunken vom Gin Tonic war. Oder vielleicht andere Kleinigkeiten, wenn ich nicht so verblendet und stur gewesen wäre. Verblendet durch jemand anderen.

Wir lagen lange still nebeneinander, wie zwei vertraute Menschen. Aber dennoch mit einer extremen Distanz dazwischen, die auch immer bleiben wird. El Achim zog sein Shirt aus und fragte mich, ob ich meinen Schlafanzug ausziehe – ohne wäre es schöner. Wieder musste ich mein Versteckspiel beenden.
„Ich will nochmal deine Nähe spüren“, sagte er.
Ich sagte nichts und tat das, was er sagte. Es war nun eh alles egal. So wie von Anfang an. Manchmal könnte ‚egal‘ mein Motto sein.
Dieses Kuscheln am Morgen war in Ordnung. Kuscheln gab es bei mir noch seltener, als Sex. Ich stehe da nicht so drauf. Aber manchmal kann ich es aushalten. Ob ich es genoss? Nein. Weil es El Achim war. Im Sinne von nur. Ich wollte weg und vor allem raus aus diesem Bett der unerwünschten Versuchungen.
„Ich würde gerne noch baden gehen. Ist das okay?“ Der Wunsch brannte schon die ganzen Stunden in mir und ich wollte gerne alleine sein, um zu mir zu kommen. Die letzte Nacht sollte im Badewasser verschwinden.
„Kannst du. Aber ich möchte gerne nochmal mit dir schlafen.“
Wie jetzt? War er nicht schon zu alt, um so viel Lust zu haben? So langsam wurde aus dem ruhigen Typen ein notgeiler Bock, der das Glück ausnutzte, dass ich sein Gast war. Allerdings war ihm nicht bewusst, was Glück wirklich heißt, wenn ich gut drauf bin und Sex will.
Der Satz ‚Ich möchte mit dir schlafen‘ hallte wie ein Echo in meinem Kopf. Bitte nicht, ich fühlte mich unwohl, als er mir diese ernsthaften Worte sagte. Ich konnte zwar verstehen, dass er auf mich stand. Aber da es nicht auf Gegenseitigkeit beruhte, fand ich seinen Wunsch unpassend.
Warum ich mir den Sex trotzdem noch einmal antat, weiß ich nicht. Ich weiß nicht, warum ich nicht nein sagen konnte, obwohl ich es normalerweise so oft tat. Meist aus Prinzip, nur um paar Stunden später meine Meinung zu ändern. Aber diesmal stimmte ich zu, obwohl ich nicht wollte. Unbegreiflich.

El Achim widerte mich danach immer mehr an. Der Sex war genauso wie letzte Nacht, nur dass El Achim alles an Härte aus sich herausholte und mir zeigte, dass er wirklich nicht der richtige Mann dafür war. Es fehlte die Überzeugung, er spielte nur eine Rolle, in der er sich sonst nicht befand. Er war anders und brachte es nicht fertig, mich zu schlagen. Dafür reichte seine gespielte Dominanz nicht mehr aus und er kam schnell an seine Grenzen. El Achim war ein Fake. Er war nie das, was er in angedeuteten Anspielungen vorgab, zu sein. Im Allgemeinen war er sehr schüchtern und hatte überhaupt nichts zu sagen. Nicht mal im Job und bei Frauen erst recht nicht. Sein Selbstbewusstsein wurde auch immer kleiner, je mehr Dinge er mir von sich erzählte, die bei mir keinen Respekt erzielten, weil sie zu normal waren und keine Spannung aufkam.

El Achim bekam beim Sex seinen zweiten Orgasmus, während ich mich mit meinen Fingern in die Matratze krallte. Er kam am Ende sogar auf die bezaubernde Idee, mich von hinten zu nehmen und das sehr heftig. Teilweise tat es so weh, dass ich laut aufschrie und El Achim machte sich daraus nichts. Wäre auch dumm gewesen, wenn er gefragt hätte, ob alles in Ordnung ist. In meiner Gedankenwelt war nichts in Ordnung. Aber der körperliche Schmerz tat mir gut und lenkte mich ab. So lange es weh tat, war alles gut. Mir war klar, dass ich noch Tage später etwas von den intimen Nachwirkungen spüren werde.

Mein Armband war immer noch heil, nur mein Nagellack splitterte ein wenig.
Ich lag da und war leicht durcheinander, weil es zum Schluss sehr anstrengend wurde. Mir tat alles weh und ich hatte ziemlich oft geschrien. Die ältere Nachbarin, die unter uns laut Fernsehen schaute, hatte mich wegen ihrer Schwerhörigkeit bestimmt nicht gehört.
El Achim machte sich anschließend im Bad frisch und ich freute mich auf die Wanne. Jetzt stand dem Vergnügen nichts mehr im Weg. Ich zog mich wieder an, setzte mich auf die Bettkante, ging in mich und versuchte zu mir zu kommen. Das dauerte ungefähr fünf Minuten. Danach redete ich mir ein, dass ich fit bin. Immerhin waren auch die Halsschmerzen inzwischen weg und mir war nicht mehr warm, sondern kalt. Ich spürte, dass ich ein bisschen zitterte.
Während er immer noch im Bad beschäftigt war, ging ich noch einmal durch jedes Zimmer seiner Wohnung und guckte mich neugierig um. Es gab nichts zu entdecken, was meine Aufmerksamkeit erregte. Also schaute ich durch die Fenster und sah, dass am Sonntag nicht viel los war in Berlin. Die Straßen waren leer in dieser Gegend. Es war etwas nebelig, aber die Sonne kam trotzdem durch und die Stadt schien in einem strahlenden zarten Grau. Genau die Stimmung, die ich mochte. Völlige Ruhe und etwas Bedrückendes.
Als El Achim zurückkam, saß ich wieder anständig mit einem kleinen Lächeln auf dem Bett.
„Das Bad ist nun frei. Du kannst baden gehen und ich gehe dann danach duschen. Wie die Dusche funktioniert weißt du bestimmt, oder?“
„Ja, na klar. Freu mich, dass ich endlich mal wieder baden kann!“
„Wann musst du nochmal los?“
„Um vier muss ich am Bahnhof sein.“
„Okay, ist ja noch genug Zeit. Wir essen nachher erstmal Frühstück, okay?“
„Ja, ist gut. Aber Hunger hab ich noch nicht.“
„Aber eine Kleinigkeit schaffst du bestimmt.“
„Bestimmt.. Hab ja schließlich noch eine lange Fahrt vor mir.“

Ich nahm meine Tasche und ging ins Bad. Dort ließ ich gleich das Wasser laufen, damit ich in Ruhe auf dem Klo sitzen konnte und El Achim davon nichts mitbekam. Es lief sofort bei mir. Wasserrauschen ist immer gut, wenn man solche Probleme hat. Mein Intimbereich fühlte sich ziemlich demoliert an und es brannte noch mehr.
Danach verteilte ich den ganzen Inhalt meiner Tasche auf der blauen Badgarnitur vor der Wanne. Ich hatte alles mit, da brauchte ich El Achim’s Antischuppenshampoo nicht und all die männlichen Duschbäder, die nebeneinander auf dem Wannenrand standen. Als ich in den Spiegel sah, bemerkte ich blaue Punkte auf meinen Lippen. Oh nein, dass war noch die Zahnpasta, mit der ich mir am Abend die Zähne geputzt hatte. Ich wusste nicht, dass die so an den Lippen hängen blieb und El Achim war zu feige, es mir zu sagen. Schließlich war es seine Zahnpasta. Er hatte vier Sorten zur Auswahl und ich fand die blaue Tube mit dem Gold am schönsten. Sie schmeckte genauso gut, wie sie aussah. Kristallig und frisch.
Das Wasser lief extrem langsam in die Wanne. Ich verstellte den Hebel an der Armatur, aber nichts veränderte sich. El Achim badete nur selten, das konnte ich gar nicht verstehen. Mein Schaum roch nach Karamell und löste Wohlbefinden in mir aus. Endlich war ich alleine und niemand störte mich, weil ich die Tür abschloss. Ich hatte Angst, dass El Achim plötzlich hereinkommen würde, um mich noch einmal nackt zu sehen. Zum ersten Mal nahm ich mein Handy wieder in die Hand. Es tat sich viel, als alle Mails und Nachrichten auf einmal eintrudelten, dazu noch sechs verpasste Anrufe. Aber die Nachricht, die mir am besten gefallen hätte, war nicht dabei. Anders hatte ich es auch nicht erwartet. Die stupiden Dating-Apps warteten darauf, dass ich reagiere. Aber die waren das Letzte für mich. Ich hatte genug von Männern und solchen Treffen, die mir nichts brachten. Die Männer waren nicht das, was ich wirklich brauchte. Sondern nur eine Form der oberflächlichen Ablenkung, die ich gar nicht nötig hatte. Fakt war: Sie waren alle nicht das, was ich wollte.

Immer wieder stellte ich mir bestimmte Fragen.
Was mache ich hier eigentlich?
Ständig treffe ich mich mit Männern, von denen ich überhaupt nichts will und die deswegen nicht gut für mich sind.
Gibt es das, was ich suche, überhaupt nochmal irgendwo anders?
Was/wer ist ideal?
Warum tue ich mir so etwas an?
Ich habe gar kein Interesse…
Warum bin ich hier gelandet?
Sex ist ein Ventil..aber wofür?
Muss das alles sein…?
Warum quatschen die mich alle an?
Ich habe genug von Männern. Es reicht. Alles reicht. Ich will das nicht mehr länger mitmachen. Nein!
Idioten.
Arschloch.
Hassliebe…!!
Aber jeder Mann ist auch nur ein Mensch, selbst der idealste.
Am Ende wird man von jedem enttäuscht.

Danach weinte ich kurz aus Selbstmitleid, weil mir das alles zu viel wurde und ich am liebsten niemals bei El Achim gewesen wäre. Auf all das hätte ich verzichten können. Diese Erfahrung brauchte ich nicht. Auch, wenn blöde Erfahrungen ebenso wichtig sind, wie gute. Ich saß ewig in der Wanne und wäre auch gerne länger abgetaucht. Aber die Zeit verriet mir, dass die Heimfahrt nahte. Außerdem wollte El Achim auch noch duschen und mit mir essen. Ich war gespannt, was es gab. Das Wasser in der Wanne und die Wärme der Heizung waren so heiß, dass ich Kreislaufschwierigkeiten bekam, als ich aufstand. Das kannte ich schon von mir und ich versuchte diese Gefahr immer zu vermeiden. Aber diesmal vergaß ich, dass ich empfindlich auf Hitze reagiere und stand viel zu schnell auf. In dem Moment fühlte ich mich komisch und mir wurde kurzzeitig schwarz vor Augen. Ich stützte mich mit den Händen kopfüber auf die Knie, damit ich mich wieder zirkulieren konnte, atmete tief durch und hielt in dieser Position inne. Allmählich ging es mir besser und ich trocknete mich sehr langsam ab. Im Bad herrschten tropische Temperaturen und ich beeilte mich mit bedachten Bewegungen, damit ich dieser Hitze bald entkam. Ich hielt es kaum noch aus. Während ich mich eincremte und anzog, fühlte ich mich sehr geschwächt. Eigentlich hatte ich gar keine Lust, mich zu schminken, da mein Gesicht zu schweißig war. Aber ohne Schminke wollte ich nicht nach Hause fahren. So konnte ich mich nicht blicken lassen. Ich lasse mich doch nicht gehen, dachte ich.
Also trocknete ich rasch mein Gesicht ab und schminkte mich im Schnelldurchgang, wonach es am Ende auch aussah. Der Spiegel war von der Hitze völlig beschlagen und meine Schminke landete nur oberflächlich an den richtigen Stellen. Nach drei Minuten war ich fertig und so sah ich auch aus. Zuletzt besprühte ich mich noch reichlich mit Parfüm – Moschino ‚Stars‘. Beinahe hätte ich auch wirklich Sterne im Bad gesehen.
Als ich ins Schlafzimmer kam, verhielt sich El Achim besorgt.

„Hey, ist alles okay mit dir?“
Sah er etwa, dass ich vor paar Minuten geweint habe?
„Ja, klar. Wieso?“
„Wegen deinen Halsschmerzen und du siehst so krank aus.“
„Nee, alles gut, wirklich. Bin nur fertig und müde. Bin total durch. Und….ach egal..“
Dabei war ich viel mehr als das. Ich war so etwas wie ein Opfer und El Achim fühlte sich glücklich, weil er mich ins Bett bekam. Aber ich fühlte unglücklich. Und krank. Mein Spiegelbild zeigte es mir deutlich und ich war erschrocken über meinen Anblick. So sieht also ein Mädel aus, das am Ende ist.
El Achim merkte, dass es keinen Zweck hat, mich auf Probleme anzusprechen, da ich am liebsten schwieg. Er ging danach ins Bad und duschte ausgiebig. Ich blieb im Schlafzimmer und betrachtete mich weiterhin schockiert im Spiegel. Warum war ich nur so blass? Und meine Augen sahen aus, als hätte zu viel Zeit im Berghain verbracht. Ich stellte mich genau vor den Spiegel, zog meinen Pullover hoch und kontrollierte, ob ich zu dick bin. Meine Hüftknochen zeigten mir, dass ich es wohl nicht bin. Ich fuhr mit den Händen mehrmals durch die nassen Haare, damit sie schneller trockneten. Aber irgendwie sahen auch meine Haare krank aus. Alles krank. In dem Zustand wollte ich mich gar nicht mehr in der Öffentlichkeit sehen lassen. Lieber wäre ich im Auto nach Hause gefahren, als Beifahrer. Aber El Achim besaß nicht mal ein Auto.

Dann kam El Achim frisch geduscht zurück. Er sah genauso aus, wie vorher.
„Soll ich uns jetzt Frühstück machen? Willst du einen Kaffee oder was anderes?“
„Mach einfach. Kaffee ist immer gut.“
Ich lief ihm hinterher in die Küche. Zuerst fiel mir das große Regal auf, dass mit Sperrholzbrettern verbarrikadiert war. Warum? Sollte der Inhalt versteckt werden? Ich fragte nicht weiter, es ging mich nichts an. Es war nicht meine Wohnung. Die Küche war in Ordnung, wirkte aber nicht so, als wäre sie in Gebrauch. Stimmt, denn El Achim konnte nicht kochen und das sah man. Wahrscheinlich ist er ein ewiger Junggeselle.
„Was willst du essen? Brötchen oder Müsli?“
„Was für Müsli? Ich mag sowas.“
Er holte eine lange Röhre vom Schrank, wo fett ‚Müsli‘ drauf stand. Ich kannte die Sorte, aber sie gefiel mir nicht.
„Ist nicht mehr viel drin“, bemerkte er, als er hineinschaute.
„Die Sorte mag ich eh nicht. Dann esse ich Brötchen.“
Dann tat er etwas, das mich irritierte. Er legte die Brötchen in eine Pfanne.
„Was soll das? Wieso machst du die in die Pfanne?“ Ich verstand gar nichts. Das habe ich noch nie gesehen.
„Weil ich nicht weiß, wie der Ofen funktioniert. Ist alles mit Gas hier. Und von dem Ofen hab ich keine Ahnung.“
Oh Mann, dachte ich. Das kann doch nicht wahr sein. Er als Mann muss so etwas doch wissen. Es ist seine Küche.
Ich schaute mir den Herd und dann den Ofen an. Aber da ich Gasbetrieb hasste, hielt ich mich da raus und konnte auch nicht helfen. Es war nämlich tatsächlich nicht so offensichtlich, wie der Ofen anging. Da waren nur sechs schwarze Drehknöpfe, ohne Symbole. Ich drehte einmal kurz, aber nichts geschah.
Trotzdem fragte ich mich, wie das mit den Brötchen in der Pfanne gutgehen soll und wie sie schmecken, wenn sie schwarz sind.
El Achim machte mir inzwischen den Kaffee mit einer modernen Kapselmaschine im Miniformat fertig. Sah wirklich niedlich aus. Das erinnerte mich an die Zeit, als ich eine Kaffeepadmaschine geschenkt bekam und mir mit dem übermäßigen Kaffeekonsum eine Gastritis zuzog. Das war schlimmer, als Nasenbluten. Danach brachte ich die Maschine in den Keller.
„Möchtest du noch Saft?“
„Ja, gerne.“
Er machte den Orangensaft auf und er schmeckte wie abgelaufen, was immer noch an der Halsschmerztablette lag, die mein gesamtes Geschmacksempfinden veränderte. Auch der Kaffee schmeckte nicht wie sonst, sondern genauso fade. Dabei hatte ich mich so darauf gefreut.

El Achim und ich saßen am Tisch. Jetzt hatten wir noch einmal die Chance, uns ganz nüchtern gegenüber zu sitzen und zu reden. Zwei Londontassen standen auf dem Tisch und ich fing grundlos an zu lachen, weil ich die Tassen auf einmal richtig dämlich fand. Sie passten einfach zu El Achim und bestätigten den Stempel, den ich ihm längst verpasst hatte. Stilloser Standard-Langweiler.
„Warum lachst du so?“ Er war sehr verwirrt über meine unangemessene Reaktion.
„Sorry, aber die Tassen…ich find sie so lustig. Aber ich kann dir nicht sagen, warum. Ich find diese Londontassen einfach sehr sehr komisch. Sie erinnern mich ein bisschen an meine russisch-sprechende Englischlehrerin von früher.“ Mir liefen vor Lachen Tränen aus den Augen, die ich sofort abwischte.
„Ja, die hab ich aus London.“ El Achim sprach diesen Satz so trocken und ehrlich aus, dass mein Lachen endgültig ausbrach und ich konnte mich nicht mehr zusammenreißen.
„Ja, schon klar…“ Ich wischte mir weiter die Tränen aus den Augen, es hörte nicht mehr auf.
„Ich hab da mal eine zeitlang gelebt.“
„Ach, und warum?“
Studium.“
Jetzt war ich gespannt auf seine Antwort.
„Was hast du denn studiert?“
„BWL. Das, was alle studieren, wenn sie nichts anderes können und keine Interessen haben.“
BWL. Oh mein Gott. Für mich das absolute Schock-Studium und die Bestätigung, dass ich wirklich absolut falsch bei ihm bin. Mir fiel keine passende Antwort mehr ein. BWL ging gar nicht. Aber was ihn betrifft, hätte er nichts Besseres finden können, denn BWL spiegelt seine Persönlichkeit wider.
„Achso“, sagte ich sichtlich unberührt und ohne aufsteigende Faszination. Damit konnte er die Kurve erst recht nicht mehr kriegen und war durch bei mir. Der rote Schlussstrich wurde gezogen. Ich amüsierte mich weiter über die Tassen.

Die Brötchen in der Pfanne waren schneller fertig, als gedacht. Er fragte mich, welches Brötchen ich haben will. Eigentlich sahen fast alle drei gleich aus. Mir war es egal, aber ich entschied mich dann für das mit den größeren Körnen. Einfach so, es hätte auch ein anderes sein können. Ich hatte eh keinen Hunger.
„Das Beste“, kommentierte er. Wahrscheinlich hatte er das Brötchen schon im Visier.
„Ja? Die sind doch alle ähnlich. Wir können auch tauschen.“
„Nein, schon gut. Guten Appetit!“
Die Brötchen sahen optisch normal aus, wie aus dem Ofen. Das hatte ich nicht erwartet. El Achim hatte echte irische Butter und drei verschiedene Käsesorten von einer Käsetheke. Nichts Abgepacktes aus dem Kühlfach, sondern richtig guter Käse zum Selbstabschneiden. Er setzte scheinbar mehr auf Qualität.
„Solchen Käse kaufe ich nie. Aber ich finde es toll, ihn mal zu probieren“, sagte ich.
„Ich bin ein großer Käseliebhaber und kenne mich da sehr gut aus. Anderen Käse würde ich gar nicht kaufen.“
Der Käse roch lecker und ließ sich schwer abschneiden. Ich stellte mich ziemlich unbegabt dabei an. Aber ich hatte auch kaum noch Kraft.
Beide Brötchenhälften bekamen unterschiedlichen Käse, damit ich jede Sorte einmal probiert hatte. Es schmeckte sehr gut und ich beschloss, mir auch mal besseren Käse zu kaufen, da der geschmackliche Unterschied recht groß war. Es ist nicht verkehrt, dafür mehr Geld auszugeben, stellte ich fest. Aber letztendlich mache ich mir darüber kaum Gedanken und lege weniger Wert auf Käse.
Eigentlich hätte mir ein Brötchen gereicht, aber El Achim bot mir noch ein halbes an. In der Zeit, wo ich ein Brötchen aß, hatte er schon zwei verschlungen. Er isst immer schnell – das sagte er gestern Abend schon. Aber ich war beim Essen mehr mit der Verarbeitung meiner Eindrücke beschäftigt und dementsprechend gehemmt.
Die letzte Brötchenhälfte bestrich ich mit Marmelade und El Achim machte es mir nach. Es war Sauerkirschmarmelade. Hoffentlich nicht zu sauer. Schnell stellte sich heraus, dass Käse besser gewesen wäre. Sauerkirsche war nicht mein Fall und das Gelee war mir zu bröckelig.

Inzwischen war es kurz vor drei und ich wollte rechtzeitig los, denn von El Achim bis zum Bahnhof waren es noch einige U-Bahnstationen. El Achim sagte, er kommt meist immer etwas später. So etwas würde mir nie passieren. Dafür war meine Panik vor den Konsequenzen zu groß.
„Hast du deinen Gin Tonic gestern eigentlich ausgetrunken“, fragte mich El Achim ganz unerwartet.
„Nein, der Rest steht noch in der Stube. Aber da hab ich jetzt richtig Bock drauf.“
Ich huschte ins Wohnzimmer und holte das Glas. Es war noch halbvoll.
Abgestanden schmeckte es mir sogar besser und ich trank den Rest fast in einem Zug aus. Wenn ich das nächste Mal Gin Tonic trinke, dann lasse ich ihn einen halben Tag stehen. Nachdem das Glas leer war, befand ich mich in freudiger Aufbruchstimmung.
„Wollen wir jetzt los“, fragte ich ungeduldig.
„Ja, aber es ist noch früh.“
„Trotzdem. Ich möchte lieber früher dort sein.“
„Gut.“
Ich holte meine Tasche und zog meine Schuhe an.
„Schöne Schuhe“, äußerte El Achim. Ich trug schwarze Boots mit Wollkragen, sehr gemütlich.
„Ja, falls es schneit, dachte ich. Die halten schön warm.“
Zum Schluss half mir El Achim in den Mantel wie ein Gentleman. Sehr nett. So gefiel es mir, denn ich mochte gutes Benehmen.

Im Treppenhaus war es dunkel und ruhig, genau wie draußen. Von der Sonne war nichts mehr zu sehen. Dafür hingen Regenwolken über uns. Die Straßen wirkten auch am Nachmittag verlassen. Für mich hatte das nicht mehr viel mit Berlin zu tun. Aber es war schön. Es waren nur wenige Schritte bis zur U-Bahnstation und El Achim wollte lieber den Fahrstuhl nehmen, als die paar Treppenstufen. Faul, dachte ich und ich drückte ihm den letzten Stempel auf die Stirn.
Als wir ankamen, verpassten wir schon die erste Bahn. Na toll! Aber El Achim meinte, die Bahn käme im Fünf-Minuten-Takt. Nun standen wir da und versuchten die Stille wieder mit sinnlosen Worten zu füllen. Es entstanden keine vernünftigen Gespräche mehr, sondern nur einzelne Worte als Lückenfüller. Keiner von uns sprach über die vergangenen Stunden. Das Treffen schien jetzt schon vergessen. Es war nur ein oberflächlicher Besuch ohne tiefere Fortsetzung. Wir beide wussten es.
Die nächste Bahn kam bald. El Achim hatte ein Monatsticket und ich konnte angeblich mit seinem Ticket am Wochenende als Gast mitfahren. Aber wirklich sicher war er sich nicht, das gestand er mir.

In der Bahn hatten wir ein letztes Mal näheren Körperkontakt, da er dicht neben mir saß. Aber zu zarten Berührungen kam es nicht mehr. Es folgte ein Gespräch über Berlin’s U-Bahnnetz und über Berlin’s Fortschritt. El Achim war ein alter Ureinwohner und wusste über solche Themen bestens Bescheid. Ich fand es einigermaßen spannend, für mich war U-Bahn sowieso eine fremde Welt und dann noch so tief vertunnelt unter der Straße. Teilweise sehr gruselig und beängstigend, im Untergrund gefangen zu sein.
Wir fuhren nicht lange und liefen den Rest zu Fuß. Im Zentrum war deutlich mehr los und ich verlor schnell den Überblick. Aber El Achim führte mich und ich fühlte mich sicher, weil er sich auskannte. Ich war froh, dass er mich zum Bahnhof brachte und mich nicht allein stehen ließ. Immerhin war ich nicht seine Freundin. Ich war noch nicht mal eine Bekannte, sondern nur ein flüchtiger One-Night-Stand. Er musste sich also in keinster Weise für mich verantwortlich fühlen. Aber er tat es und ich hoffte, dass er keine Gefühle für mich hatte und es deswegen tat.
Als wir am Bahnhof waren, fing es an zu regnen und ich liebte es. Der Regen beruhigte und befreite mich. Es war so friedlich. Die Bahn kam noch nicht und wir standen schweigend voreinander. Aber so konnte es nicht weitergehen. Draußen wirkte El Achim viel schüchterner, als in der eigenen Wohnung.
„War schön bei dir und danke für die Einladung zum Essen“, sagte ich.
„Ja, ich fand’s auch schön. War interessant, so jemanden wie dich kennenzulernen.“
„Danke.“ Ich konnte seine Worte leider nicht erwidern.
An sich war es ein kühler Abschied und unsere letzte Umarmung war kurz. Wir hatten uns nichts mehr zu sagen. Bevor ich in den Zug stieg, gab es noch einen kleinen Kuss auf die Wange. Das war natürlich besser, als ein großer Kuss mit Zunge. Wir verabschiedeten uns beide mit einem lockeren ‚Tschüß‘. Ganz unverbindlich, ohne missverständliche Andeutungen. Plötzlich war es so, als hätten wir nie Sex gehabt. Das war nach dem Abschied ein völlig absurder Gedanke. Die letzte Nacht war wie weg. Aber die Schmerzen im Intimbereich erinnerten mich daran, dass es kein schlechter Traum war.
Als ich im Zug aus dem Fenster schaute, war El Achim ohne zu winken im Regen verschwunden und ich wusste, dass ich ihn nie wieder sehen werde.

Ich saß neben einer jüngeren Frau, weil kein anderer Platz mehr frei war. Sie sagte nichts und gab mir auch nicht den Tipp, meinen Mantel und meine Wollmütze auszuziehen, obwohl es warm genug im Zug war und alle in Strickpullovern um mich herum saßen. Während ich in eine Art apathischen Trancezustand verfiel, spielten andere Leute mit ihren Handys oder schrieben permanent Nachrichten. Aber mir war nicht danach, mir war mein Handy vorläufig egal, so wie jede Nachricht, die ankam. Ich wollte gar nichts wissen, nur Musik hören und dem Geschehen entfliehen.
Die Lichter draußen verschwammen und ich versank allmählich in einen Schockzustand, nachdem ich die letzten Stunden immer mehr realisierte und Revue passieren ließ. Mir wurde klar, was ich in Berlin getan hatte und ich ekelte mich. Aber es war zu spät, um alles zu bereuen. Schließlich war es meine Schuld, dass ich ungewollt mit El Achim ins Bett ging. Normalerweise bin ich kompliziert und ausgerechnet ihm habe ich es leicht gemacht.
Ich nahm die Zugfahrt wie einen Film wahr, sowie meine Gedanken. Es kam mir alles so verdammt unecht vor und trotzdem wusste ich, dass alles so stattfand, wie es mir meine Erinnerung abspielte. Ich fühlte mich schmutzig und bedauerte es, dass ich bei El Achim mein Selbstbewusstsein verlor und mich so mühelos verführen ließ.
Nach drei Stunden war ich zu Hause, sehr kaputt und noch kranker, als zuvor. Diesmal vor allem seelisch. Obwohl ich bei El Achim bereits gebadet hatte, stand ich zu Hause noch einmal eine halbe Stunde unter der Dusche und schrubbte mich grob mit meinem Duschschwamm mehrmals ab. Danach setzte ich mich unter den heißen Wasserstrahl und regte mich nicht mehr. Es war so heiß, dass es wehtat. Und genau das gefiel mir in dem Moment. Das heiße Wasser entspannte mich, weil es auf meiner Haut piekte. Es war diese gewisse Bestrafung, die ich gerade brauchte und die mir guttat.
Nach dem Duschen ging ich sofort ins Bett. Ich wollte meine Ruhe und mich zurückziehen. Im Bett bekam ich Schüttelfrost – ein gewohntes Warnzeichen. Es zeigte mir, dass alles zu viel war und ich Abstand vom Leben brauchte, um wieder klarzukommen.
Das einzig Richtige war: Handy ausschalten und alleine sein.
Am nächsten Tag kaufte ich mir Gin, Tonic und Apfelsaft.
Es war schön alleine. Schön kaputt.

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