Ungeliebte Paket-Freundschaft

Wenn Nachbarn meine Pakete annehmen, finde ich das echt mies.


Eigentlich sollten meine Pakete schon gestern ankommen, als ich frei hatte. So stand es ursprünglich auch in der Sendungsauskunft. Ich plane meine Bestellungen immer so gut es geht und sofern es möglich ist. Nur leider bin ich nicht die Post und habe selten die völlige Kontrolle über die Lieferungen. Ich hatte gehofft, dass meine Pakete noch heute Vormittag kommen. Manchmal klappt das, kurz bevor ich zum Spätdienst fahre. Dann bin ich jedes Mal super erleichtert und kann mit einem guten Gefühl zur Arbeit fahren. Immerhin wird dann niemand gestört und ich fühle mich wohler, wenn sich keiner um meine Pakete kümmern muss. Am liebsten würde ich den Postleuten meinen Dienstplan geben, damit sie immer zur richtigen Zeit kommen und nicht paar Minuten später. Oft ist es so, dass wir uns knapp verfehlen und das ist sehr ärgerlich.

Genau wie heute. Im Laufe des Nachmittags bekam ich eine Email, dass meine Pakete bei unterschiedlichen Nachbarn eingetroffen sind. Zwei DHL-Pakete und einmal Hermes. Das eine Paket bei meiner Lieblingsnachbarin, die sogar zufällig eine Vollmacht hat und die anderen beiden bei einem Nachbarn, den ich gar nicht kenne. Er wohnt im 4. Stockwerk und ich im 1. Da hat sich der Postmann also tatsächlich bis ganz nach oben begeben, um meine Pakete woanders loszuwerden. Unglaublich. Ich habe keine Ahnung, was mich da oben erwartet. 

Auf dem Weg nach Hause kochte ich vor Wut. Einfach weil es mich nervt. Ich bestelle oft und belästige dann meine Nachbarn mit der Ware. Ich nehme schließlich auch nichts für andere an, da ich in unterschiedlichen Schichten arbeite und nie weiß, wann ich zu Hause bin und wann der Nachbar kommt, um sich sein Zeug abzuholen. Ich mag diese scheiß Abhängigkeit nicht. Und die Warterei auch nicht. 

Und nun haben die Nachbarn den ganzen Nachmittag und Abend gewartet, bis ich meine Pakete abhole und nicht kam. Tolle Verarsche. Aber um 23 Uhr klingele ich nicht mehr, das ist unhöflich. Erstens sind die Leute hier zu 80% alt und zweitens könnte man es als Belästigung auslegen. Pakete sind sowieso immer ätzend für andere. Aber selbst schuld, wenn sie Ja sagen und brav annehmen. Aber meist nur, weil ihnen nichts anderes übrig bleibt und viele nicht Nein sagen können. Ich habe mich schon mehrmals davor geweigert und nehme Pakete nur dann an, wenn ich weiß, dass ich für längere Zeit in meiner Wohnung bin und mir danach ist. Meist sage ich, dass ich gleich weg bin.

Morgen muss ich dann den Vormittag damit verbringen, meine Pakete einzusammeln und freundlich zu sein. Mal gucken, was das für eine Person im 4. Stock ist. Mir sagt der Name nichts. Ich hoffe, derjenige ist da, denn ich habe keine Lust, diesem Nachbarn hinterherzurennen und mehrmals zu verschiedenen Zeitpunkten klingeln zu müssen, wie es schon einmal der Fall war. Mit meiner Nachbarin von nebenan muss ich dann wieder sehr viel erzählen, weil das immer so ist. Dabei geht es um meine Arbeit und um das Wetter. Es gibt kaum andere Themen zur Auswahl. Dann bin ich gespielt freundlich und hoffe, dass die Unterhaltung bald vorbei ist. Zwar hat diese Nachbarin eine Vollmacht, was meine Pakete angeht, aber das war eher unfreiwillig – mal so nebenbei. 

Am besten wäre es, sich sein Zeug direkt von der Post abzuholen. Dann würde ich mich weniger gequält und freier fühlen. Kein Zwang mehr und keine komischen Gespräche, die total angespannt sind, auch, wenn man es mir nicht anmerkt. Aber ich will einfach nichts mit meinen Nachbarn zu tun haben. Ich will mir in meiner Freizeit selbst aussuchen, mit wem ich Kontakt haben möchte. Außerdem kann ich diese gezwungen Pläuschchen nicht leiden. Ich bin noch keine Rentnerin und keine lockere Hausfrau, die nebenbei Mutti ist. 

Deswegen ist mir die Sache mit den Paketen echt unangenehm, weil man sich irgendwie gegenseitig nervt und insgeheim niemand gerne Pakete annimmt. 

Hallo, wer bin ich?

Alles ist nicht genug.

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Ich wache ein paar Minuten vor dem Weckerklingeln auf. Es ist 6:40 Uhr, um 7 sollte der Wecker klingeln. Ich denke über den Traum von eben nach. Es ging um ein Kriegs-U-Boot, das zuletzt von Fischen aufgefressen wurde. So, als würde es aus Plankton bestehen. Was für ein Quatsch..?!

Mehrere Minuten liege ich völlig verdutzt im Bett und google nach, was ein U-Boot im Traum bedeutet. Angeblich befinde ich mich gerade auf einer Reise in mein Inneres und will mich selbst erkunden. Das könnte tatsächlich stimmen, denn ich wollte heute zum Arzt gehen, weil irgendetwas in mir komisch ist, obwohl ich die Antwort eigentlich schon kenne. Aber diesmal fühlt es sich besonders komisch an. Wahrscheinlich dauert dieser Zustand nur wenige Stunden, aber trotzdem. Ich bin aufgeregt und habe deswegen nachts kaum geschlafen, bevor ich die Unterwasserwelt erkundet habe. Warum ich aufgeregt bin, weiß ich jedoch nicht. Es gibt keinen bestimmten Grund. Zumindest keinen Grund, der normale Menschen beunruhigen würde.

Mein Zimmer hängt voll mit Wäsche, die an den offenen Schranktüren trocknet und zwei bunte Lichterketten sind an. Eine mit Tannenbäumen und eine mit glitzernden Schneeflocken. Ausmachen wollte ich sie nicht, obwohl es zum Schlafen sicher besser gewesen wäre. Aber ich wollte es einfach nicht. Die Zeit der bunten Lichter geht so schnell wieder vorbei.

Eigentlich möchte ich überhaupt nicht zum Arzt gehen, wenn ich daran denke, wie voll das Wartezimmer ist und wie viele Stunden ich jedes Mal warten muss. Zeit genug, um darüber nachzudenken, was ich sagen werde, denn das fällt mir jedes Mal schwer. Weil es keinen Ausdruck für das gibt, was in mir vorgeht. Vor allem, weil es sich nur um Momente handelt. Genauer gesagt: Kurzschlussmomente. Meist gehe ich nur zum Arzt, wenn ich richtig krank bin. Aber diesmal bin ich nicht richtig krank. Also nicht körperlich krank. Nicht so wie die anderen Patienten um mich herum, die es viel nötiger haben, weil deren Leben wirklich in Gefahr ist. Manchmal würde ich tatsächlich gerne mit ihnen tauschen. Ich weiß nicht, warum. Aber ich denke, dass deren Leben besser ist.

Gegen 7 Uhr stehe ich auf und ziehe mich an. Mehr tue ich nicht, weil ich keine Lust habe, mich zu schminken und gerade denke, dass sowieso alles total scheiße ist, obwohl gar nichts passiert ist, um solche Gedanken in meinem Kopf zu haben. Wenn ich mich schminken würde, würde der Arzt außerdem denken, dass es mir doch gar nicht so schlecht geht. Ich kämme mir nur die Haare und das war’s. Dennoch stehen sie zu allen Seiten ab, weil das immer so ist. Ich stehe auf meine Bad-Hair-Days. Das passt schließlich zu mir. Mit einem Grinsen stehe ich vor dem Spiegel und denke, dass ich auch ohne Schminke nicht so hässlich aussehe, wie manch anderer oder besser gesagt: manch andere. Ich bin ja schließlich kein Typ. Ein Glück auch..? Ja, wahrscheinlich schon, sonst wäre ich nicht so, wie ich bin. Typen neigen ja nicht häufig zu solchen Charakteren, wie den, den ich habe und manchmal bin ich schon ein wenig stolz drauf, wenn ich mich nicht gerade dafür hasse.

Meine Klamotten sind wohl arzttauglich. Lässige dunkle Jogginghose und ein roter Strickpullover, damit ich dem warmen Wartezimmer nicht friere, falls jemand das Fenster aufreißt. Unter dem Pullover trage ich noch ein weißes T-Shirt mit einem Glitzersaum. Auf meinen Socken befinden sich aufgedruckte Weihnachtsmänner, passend zur Jahreszeit. Ist nunmal so. Die Socken wird wohl niemand sehen, weil meine Hose auch im Sitzen lang genug ist.

Dann nehme ich meine Handtasche und gehe los. Bis zum Arzt sind es nur zehn Minuten. Aber wenn es einem richtig schlecht geht, dann ist das meist schon zu viel. Ich erinnere mich daran, wie ich schon zwei Mal fast zusammengebrochen wäre, als ich krank war. Einmal im Wartezimmervorflur und einmal fast in der Apotheke, sodass mir dort sofort geholfen werden musste, als ich ausdrücklich sagte, dass es mir gerade sehr schlecht geht und ich dass ich gleich umkippe. Die Apothekenfrau handelte schnell, als sie meinen Zustand vernahm. Das war ziemlich dramatisch, als mir dann noch ein Taxi angeboten wurde, nachdem mir ein Glas Wasser gereicht wurde und ich auf der Apotheken-VIP-Bank für Altersschwäche so lange Platz nehmen durfte, wie ich wollte. Nach dem Glas Wasser und einer Viertelstunde auf der Bank ging es mir dann besser. Im Nachhinein habe ich sehr darüber gelacht. Weil das wirklich unmöglich von mir war. Aber es ging mir halt schlecht. Dafür muss man sich nicht rechtfertigen.

Natürlich ist es beim Arzt wieder voll. Es ist kurz nach halb acht und die Nachfrage ist bereits groß. Jeder der hier ist, dachte, er wäre der Erste. Ich denke an so etwas nicht mehr. Meist geht es sowieso nicht nach Reihenfolge, sondern nach anderen Prinzipien. Ich hatte mal ein Praktikum in einer Arztpraxis, deswegen kenne ich die internen Vorgänge. Die anderen Leute sehen auch alle nicht besonders krank aus. Sieht eher aus, als wären sie hier, um zu reden und um Freunde zu treffen. In dem Vorflur gibt es nur drei Sitzplätze, die natürlich schon vergeben sind. Dort sitzen drei Omas, die sich angeregt unterhalten und sich scheinbar gerade kennenlernen, für den späteren Kaffeeplausch.

Ich stehe im Gang und es geht mir gut, weil ich diesmal keine Kreislaufprobleme und Hitzewallungen habe. Wenn ich aus dem Fenster schaue, sehe ich nur das trostlose Dach mit Unkraut bewachsen. Es gibt nicht viel zu sehen. Es ist langweilig, wenn man hier warten muss, bis um acht die Tür zum Wartezimmer geöffnet wird und es alle eilig haben, um ihre Jacken auszuziehen und um ihre Rollatoren in der Garderobe zu verstauen, weil da nicht viel Platz ist. Ich lasse meine Jacke nie in der Garderobe, sondern behalte sie auf meinem Schoß. Dort ist sie sicher. Ich habe oft Angst, dass Sachen von mir geklaut werden, da sie meist viel gekostet haben und Kenner nach solchen Details Ausschau halten.

Punkt acht wird die Tür aufgemacht und der Alltag geht los. Bis ich zur Anmeldung komme, dauert es ewig. Es tauchen zu viele Fragen auf, die noch geklärt werden müssen. Alle sind irgendwie genervt. Die Schwestern müssen sich immer wieder die selben Dinge anhören und die Patienten merken eh nichts mehr. Auch, wenn sie sich anstrengen. Als ich endlich rankomme, geht alles ganz schnell und ich kann mich hinsetzen. Wie ich diese Zeit hasse. Ich werde bestimmt erst ganz spät herankommen und solange kann ich mir meine Gedankenfetzen in passender Reihenfolge zurecht legen, sodass der Grund, warum ich heute hier bin, irgendwie sinnvoll wird. Letztendlich werden meine Sätze eh anders klingen und kommen spontan aus mir heraus. So hoffe ich es, weil es besser ist.

Ich sitze zwei Stunden passiv im Wartezimmer und die Zeit vergeht, wenn auch auf eine andere Art. Ohne Zeitung lesen, ohne Handy, ohne alles. Ich beobachte die Leute, das ist interessant. Achte auf ihre Mimik, Gestik und auf ihren Stimmen. Oder gucke dabei zu, was sie tun. Oder wer kommt und geht.

Irgendwann höre ich meinen Namen und mache mich auf dem Weg ins Arztzimmer. Oh Mann.

Der Arzt begrüßt mich und sagt: „Nehmen Sie schon mal Platz, ich komme gleich.“

„Okay.“

Ich setze mich auf den Stuhl und versuche eine angenehme Pose zu finden, rutsche dabei auf dem Sitz hin und her und suche einen Ort für meine Hände. Offene Posen sind perfekt. Alles, was verschränkt und miteinander verhakt ist, wirkt distanziert. Also versuche ich, mich irgendwie zu öffnen. Füße nebeneinander und Hände locker auf dem Schoß. Fühlt sich komisch an in dieser Situation. Also schlage ich die Beine übereinander und verschränke die Arme vor meinem Bauch. Auweia. Aber egal, ich muss mich jetzt wohlfühlen und bin nicht auf Arbeit, sondern selbst Patient. Es dauert eine Weile, bis der Arzt kommt, wahrscheinlich muss er erst Rezepte unterschreiben. Im Arztzimmer hat sich nichts verändert, noch immer die gleichen Bücher, die dort eher als Deko dienen und immer noch die gleichen Bilder an den Wänden. Ich schaue auf den Computerbildschirm, dort steht mein Name und leere Zeilen. Auf dem Tisch liegt meine Akte, die gut gefüllt ist mit speziellem Infomaterial von mir. Es liest sich an mancher Stelle bestimmt wie ein Psychothriller. Ich weiß nicht, ob sich der Arzt manchmal darüber amüsiert. Aber es kann mir auch egal sein. Dann kommt der Arzt zurück und ich kriege plötzlich Herzklopfen und leichte Panik. Was soll ich dem jetzt eigentlich genau erzählen?

„Hallo“ sage ich und lächele kurz.

Er lächelt kurz zurück und verhält sich natürlich recht professionell in Gegenwart meiner Schüchternheit. Eigentlich bin ich sonst ja anders.

„Hallo, weswegen sind Sie denn heute hier?“

War ja klar, dass die Frage kommt.

„Ich fühl mich einfach nur total komisch.“

„Aha.“

Er guckt mich natürlich an und sucht nach äußeren Auffälligkeiten.

„Wissen Sie, wie viel so momentan wiegen?“

„Ja, glaub schon…53 Kilo..vielleicht. Also ich denk schon, dass ich auf jeden Fall zugenommen hab.“

Er zeigt auf die Waage in einer Ecke des Raumes: „Stellen Sie sich da bitte mal rauf.“

Etwas zögernd gehe ich zur Waage, wie ich das hasse. Ich will die Zahl nicht wissen, weil die Waage dann bestimmt auf die 57 springt.

Als ich drauf stehe, versuche ich nicht raufzugucken, aber am Ende schaffe ich es nicht.

„47, 2 Kilo“, notiert der Arzt verbal. „Das ist zu wenig. Ein Kilo weniger, als beim letzten Mal. Erinnern Sie sich daran?“

Ich denke kurz nach. „Nee, nicht wirklich. Ich sehe mich anders. Also ich würde mich persönlich jetzt nicht als untergewichtig sehen.“

„Sie können sich wieder hinsetzen.“

Dann legt er mir standardgemäß die Blutdruckmanschette um den Arm.

„Der Blutdruck ist auch recht niedrig. Und Ihr Puls rast. Haben Sie Fieber?“

„Ja, zwischendurch immer mal. Vor allem, wenn ich mich über Dinge aufrege.“

„Worüber regen Sie sich auf?“

„Ich weiß es nicht. Über mein Leben, obwohl eigentlich alles stimmt. Innere Unruhe eben. Und der Gedanke, ständig etwas tun zu müssen, damit ich von der Ruhe nicht bedrängt werde. Wenn ich frei hab, drehe ich immer ziemlich am Rad, weil ich denke, etwas zu verpassen. Deswegen kann ich nicht alleine sein,..obwohl ich gerne alleine bin..Ich mag keine Ruhe. Und das macht mich unruhig. Ruhe entspannt mich nicht. Sie macht mich nervös. Ich hasse es, nichts zu tun. Ruhe stört mich. Ich kann die Ruhe eher genießen, wenn ich nicht alleine bin.“

Ich höre auf zu reden, weil ich selber merke, wie verwirrend der Schwachsinn ist, den ich rede. Dabei sage ich nur, was innerlich in mir vorgeht.

Mein Arzt sitzt nur da und hört mir zu, ohne zu urteilen.

„Haben Sie heute schon Frühstück gegessen?“

„Nein..“

Wahrscheinlich ahnt er, dass mein Blutzucker im Keller ist und ich deswegen so einen Schwachsinn rede.

„Wann war Ihre letzte Mahlzeit?“

Ich denke nach, aber irgendwie erinnere ich mich kaum.

„Weiß nicht…wahrscheinlich gestern früh…oder so..“

„Trinken Sie genug?“

„Naja,..ich glaub nicht..wahrscheinlich nur knapp einen Liter am Tag und davon die Hälfte Kaffee. Ich hab einfach keinen Durst und keinen Appetit. Ich hab keine Bedürfnisse…“

Er schreibt währenddessen alles auf.

„Haben Sie ein schlechtes Gewissen nach dem Essen?“

Was für eine Frage.

„Ja, es passt nicht zu mir, würde ich sagen. Essen ist ein Fremdkörper in meinem Bauch. Und..wer isst hat keine Kontrolle über sich selbst…“

„Warum nicht? Also warum passt Essen nicht zu Ihnen?“

„Weil ich mich danach fett fühle. Sehr beklemmend.“

Inzwischen antworte ich spontan. Ich merke, dass ich gar nicht nachdenken muss, wenn er mir Fragen stellt.

„Wie oft haben Sie ungefähr Fieber?“

„2-3 Mal pro Woche. Und es vergeht meist schnell wieder.“

„Leiden Sie unter Panikattacken?“

„Ich weiß nicht, ob man es so nennen kann. Panik hab ich irgendwie ständig. Aber ich kann’s nicht so richtig einordnen.“

„Fühlen Sie sich vielleicht verfolgt?“

„Nein, das nicht. Aber mir passieren komische Sachen, die mir manchmal Angst machen.“

„Was ist Ihnen denn passiert?“

Ich glaube, jetzt wird er erst recht aufmerksam.

„Naja, einmal bin ich nachts wachgeworden, weil der Rauchmelder anging. Ich habe dieses laute Piepen gehört, ich bin dann wachgeworden, völlig erschrocken. Als ich dann richtig wach war, war er aber wieder aus. Er hat nur einmal gepiept, denke ich. Ich war auf dem Flur gucken, aber da war nichts. Bis auf dieses unangenehme Gefühl. Es war extrem unangenehm.“

„Sehr interessant. Haben Sie noch etwas erlebt?“

„Ich erlebe die komischsten Sachen immer nur nachts. Einmal bin ich vom Telefon wachgeworden. Als ich ranging, rauschte es nur. Ich kenne sowas auch aus Horrorgeschichten und war deswegen umso ängstlicher. Besonders, als das Telefon paar Minuten danach nochmal klingelte, und ich wieder nur dieses Rauschen hörte. Am nächsten Tag hab ich das Telefon dann abgebaut, weil ich es sowieso nicht nutzte und ich so etwas nicht nochmal erleben wollte. Ich fand das schon echt gruselig. Und ich dachte, dass ich vielleicht irgendwas anziehe oder so..Wenn man Angst hat, zieht man verstärkt die Dinge an, vor denen man Angst hat. Und das hat mich nachdenklich gemacht.“

„Sind Ihnen noch andere Dinge passiert?“

„Nein, das waren die beiden Sachen, die mich bis jetzt beunruhigt haben.“

„Was denken Sie, was Sie verpassen, wenn Sie alleine sind?“

„Schwierige Frage. Das Leben der anderen wahrscheinlich.“

„Und was ist mit Ihrem Leben?“

„Manchmal denke ich, dass ich kein Leben hab..oder nicht richtig am Leben bin..irgendwas dazwischen. Also ich fühle mich oft nicht. Nicht als ich. Ich spüre mich nicht.“

„Was macht Ihre Persönlichkeit aus?“

„Ich weiß es nicht. Ich weiß manchmal nicht, wer ich bin oder was ich soll. Oder zu was oder wem ich gehöre. Ich weiß nicht, was mir wirklich wichtig ist.“

„Was ist an anderen Menschen anders?“

„Dass sie ein Leben haben, das anders ist als meins.“

„Und was haben Sie? Haben Sie denn etwa kein Leben?“

„Doch wahrscheinlich schon, sonst würde ich nicht hier sitzen. Aber ich spüre mein Leben nicht, wenn ich alleine zu Hause bin.“

„Wie fühlt es sich an, wenn Sie alleine sind?“

„Leer und unruhig. Herzrasen, oft begleitet mit Fieber. Ich hasse es, wenn ich Freizeit hab. Gerade jetzt im Winter.“

„So, wie ich Sie kenne, haben Sie aber gar nicht viel Freizeit. In Ihrem Lebenslauf steht, dass Sie 3 Jobs haben, darunter einen Vollzeitjob, der Sie ziemlich ausfüllt. Andere Leute würden schon längst an Burnout leiden. Und Sie? Für Sie ist all das immer noch nicht genug?“

„Ja, das stimmt. Aber das alles reicht nicht. Ich habe trotzdem noch genug Freizeit, um nicht zu leben und um mich tot zu fühlen. Ich mache immer noch nicht genug, obwohl ich schon viel erreicht hab. Mehr als andere. Aber..wie gesagt..ich spüre sowas nicht wirklich. Es ist mir nicht richtig bewusst.“

„Wie fühlt sich tot an?“

„Freudlos und unglücklich. Völlige Leere, ..dunkel.“

„Warum denken Sie, dass andere Menschen leben und Sie nicht?“

„Weil die anders sind.“

„Was ist an anderen Menschen anders, als bei Ihnen?“

„Dass sie wissen, wer sie sind und Dinge unternehmen, die mir nichts bedeuten,..oder mich nicht wirklich glücklich machen, obwohl sie das sollten. Die leben ihr Leben, haben Spaß und ich weiß nicht, welches Leben ich lebe. Oder wo es mich hinzieht.“

„Wann haben Sie das letzte Mal etwas mit Freunden unternommen?“

„Vor paar Tagen, wir waren was trinken und haben lange zusammengesessen. Alle haben sich für den schönen Abend bedankt und ich dachte nur: Warum? Letztendlich ist doch eh wieder jeder alleine und für sich. Ich fand den Abend jetzt nicht so besonders toll, weil danach meist alles wieder egal ist. Und jeder seinen Weg geht.“

„Das ist normal. Jeder geht seinen Weg und Sie tun das genauso, wie jeder andere auch. Und ich denke, dass gerade Sie dafür von anderen bewundert werden. Ich kenne und begleite Sie schon eine Weile, vergessen Sie das nicht.“

Natürlich bin ich in dem Moment den Tränen nahe. Gerade, weil ich seine Worte eben NICHT verstehe. Ich verstehe ihn nicht.

„Sie wissen also, wer ich bin“, sage ich fast trotzig. „Sie kennen mich also besser, als ich mich, oder wie..?!“

„Ja, und anscheinend sehe ich in Ihnen viel mehr, als Sie in sich sehen. Ich kann Ihnen nur sagen, dass es gar keinen Grund für Ihre Zweifel gibt.“

„Schön, dass Sie mich sehen. Aber ich sehe mich nicht.“

„Ja, und das ist das Problem. Sie sollten offen dafür sein, sich selbst kennenzulernen und herauszufinden, wer Sie sind und was Sie wollen. Ein anderer wird Ihnen dabei kaum helfen können. Und all die Leute um Sie herum dienen als Spiegel. Das kann hilfreich sein. Aber Sie müssen Ihren eigenen Weg finden. Kopieren bringt nichts und den Idealen anderer nachzueifern, auch nicht.“

„Letzte Nacht dachte ich verzweifelt daran, dass ich tot sein will, damit das alles endlich zu Ende ist. Mir wäre es lieber, wenn ich bei dem Unfall vor paar Wochen, gestorben wäre. Stattdessen war ich wieder ziemlich schnell fit, obwohl andere Leute danach länger gebraucht hätten. Mir ging es körperlich schnell wieder gut. Das war seltsam.“

„Sehen Sie, allein das zeigt schon, dass es für Sie noch nicht so weit ist und Sie noch Aufgaben haben, die nur für Sie sind und die Sie erledigen sollten, bevor sie wirklich sterben.“

„Ich will aber tot sein. Egal, wie toll ich und wichtig ich für andere sein sollte, was ich sowieso nicht verstehe. Ich bin nicht toll. Ich gehöre hier nicht mehr hin. Ich kann mich über nichts mehr freuen. Früher hab ich mich über neue Klamotten gefreut und heute kann ich mich vor Klamotten nicht mehr retten, weil ich mit meiner Shoppingssucht andere Lücken ausfülle. Was eigentlich totaler Quatsch ist. Aber eine Sucht ersetzt ja immer irgendeinen Mangel.“

„Welchen Mangel versuchen Sie denn zu ersetzen?“

„Ich weiß nicht, welchen…Ich hab es bisher nicht richtig rausgefunden. Ich weiß nur, dass ich alles hab und mir nichts fehlt. Ich kann mir alles kaufen, materiell. Aber alles kann man nicht kaufen. Nicht alles..und die Dinge, die ich nicht kaufen kann, ersetze ich wahrscheinlich mit meinem Konsum.“

„Gibt es Tage, an denen Sie Fressanfälle haben?“

Wie kommt er denn jetzt wieder auf das Thema zurück?

„Nein, eigentlich nicht. Und wenn, dann nur selten oder wenn ich meine Tage kriege.“

Er lacht kurz auf, vielleicht kennt er das von zu Hause.

„Wissen Sie vielleicht jetzt, um was für einen Mangel es geht?“

„Naja, den Mangel an Essen versuche ich jedenfalls nicht zu übershoppen. Das ist ja ein Mangel, den ich will.“

„Ich nehme an, Sie wohnen immer noch alleine, ohne Partner, oder?“

„Ja, daran hat sich nichts geändert.“

Blöde Frage. Ich hasse ihn dafür. Lasse mir aber nichts anmerken.

„Empfinden Sie das als Mangel? Also das Single-Sein?“

„Nein, irgendwie ist es auch nicht das. Wenn ich einen Freund hätte, würde es mir innerlich auch nicht viel anders gehen. Früher hatte ich mich ja auch nur gestritten und immer für neuen Zündstoff gesorgt, soweit ich mich dran erinnere. Irgendwas war immer. Ich war nie wirklich zufrieden. Aber das war auch keine echte Beziehung.“

„Kann es nicht sein, dass die Unzufriedenheit Ihr Mangel ist?“

„Keine Ahnung,..es ist komisch. Da es ja nie einen Grund gab, unzufrieden zu sein. Ich hatte ja immer alles, schon als Kind. Ich wurde ziemlich verwöhnt, stand immer an erster Stelle und alles lief nach mir. Aber es gab auch andere Situationen. Wo ich ignoriert und verletzt wurde. Oder wo ich Angst hatte. Es war alles immer sehr sehr zwiespältig. Sicher fühlte ich mich nie. Eher wie in so einem Krimi. Also ich hatte alles, aber das Emotionale bekam ich nie. Nicht mal eine Umarmung. Diese normalen Kleinigkeiten fehlten. Und viel Streit und andere Unstimmigkeiten zwischen meinem Papa und mir. Ich hab ihn wirklich oft gehasst und seine Worte haben sich in mir eingebrannt.“

„Das sind typische Ursachen für Ihr Krankheitsbild, das wissen Sie. Oder?“

„Ja,..schon.“

„Sie sollten wissen, dass Sie daran keine Schuld haben und Ihr Gefühlsleben eigentlich nur Ihre Erfahrungen widerspiegelt. Sie kennen es ja nicht anders, wenn Sie in so einem Zwiespalt aufgewachsen sind, der noch weitaus tiefer geht, wenn ich an unsere vorigen Gespräche denke. Aber wichtig ist nicht die Vergangenheit, sondern das Jetzt. Wichtig ist, was Sie jetzt daraus machen. Ihre Vergangenheit ist sozusagen Ihr Mangel. Aber die Vergangenheit ist nicht mehr real.“

„Ein Mangel an Liebe.“

„Sie müssen sich die Liebe selbst geben, ganz einfach. Wenn Sie das nicht selbst können, kann das auch kein anderer. Und schon gar nicht Klamotten. Die können diese Lücke auch nicht füllen. Sie täuschen nur. Und wenn Sie selbst meinen, dass es Sie nicht besonders glücklich macht…“

„Nein, meist ziehe ich sie noch nicht mal an. Alles stapelt sich im Schlafzimmer. Andere wären froh darüber und für mich ist es nur ein Zeichen von Einsamkeit.“

„Einsamkeit haben Sie bisher aber noch nicht angesprochen. Sie meinten jedes Mal, Sie fühlen sich nicht einsam.“

„Nein, ..doch..naja, nicht wirklich eigentlich. Wenn ich verabredet bin, geht es mir meist auch nicht viel besser und dann kann man das auch als einsam bezeichnen. Man sagt ja oft genug, man wäre zu zweit einsam. Aber es gab seltene Ausnahmen und ich wusste nicht, wie die Leute es geschafft haben, so etwas wie Glück in mir auszulösen, wenn ich mit ihnen zusammen war. Das waren halt Blitzlichter. Einmalige kurze Momente, die auch länger hätten anhalten können.“

„Und dann unternehmen Sie alles, damit es nicht aufhört, stimmt’s?“

„Ja, natürlich. Das ist normal. Weil mir das zeigt, wer oder was mir wichtig ist.“

„Und davon sind Sie überzeugt? Das sind auch nur Menschen, wie Sie und ich. Vielleicht sind sie sogar langweiliger, als Sie denken. Haben Sie daran schon mal gedacht?“

„Nein, die sind nicht langweilig. Sonst würde ich sie nicht mögen.“

„Was überzeugt Sie so davon? Kennen Sie die Leute persönlich oder ist das vielleicht nur ein Wunschgedanke?“

„Ich weiß es einfach. Ich kann mein Gefühl dafür nicht erklären. Es ist nunmal so und ich bin mir sicher, dass ich recht hab mit meiner Vermutung. Ich bin schließlich nicht dumm.“

Er lächelt.

„Das sind Sie tatsächlich nicht. Aber teilweise sind Ihre Aussagen schon sehr naiv. Sie denken, dass die Leute so sind, wie Sie es gerne hätten. Das ist Quatsch. Meist sind sie anders und ich bin mir sicher, dass Sie bald umso mehr enttäuscht wären, je näher Sie bestimmte Personen kennenlernen. Die sind schließlich normaler als Sie denken. Wären Sie dann noch interessant für Sie?“

„Ja klar, wenn ich jemanden toll finde, dann finde ich ihn toll. Dann sind mir auch die schlechten Seiten egal. Egal, was. Derjenige bleibt toll.“

„Und was ist, wenn derjenige nachher gar nicht so toll ist und viel mehr negative Seiten hat, als positive? Wären Sie dann noch beeindruckt oder würden Sie es sich einreden? Sie wollen die Wahrheit doch gar nicht wissen. Glauben Sie mir, Sie wären enttäuscht!“

Versucht er mich die ganze Zeit zu provozieren? Ich weiß gar nicht mehr, was ich sagen soll. Es fängt wieder leicht an, in mir zu kochen.

„Wollen Sie mich damit zum Nachdenken anregen oder wollen Sie sehen, wie schnell ich wütend werde und ausraste?“

„Nein, ich will Ihnen sagen, dass vieles nur Illusion ist. Jeder Mensch wird damit täglich konfrontiert und die meisten merken es nicht. Schauen Sie sich doch nur die Medien an. Was denken Sie, welcher Bruchteil davon am Ende wahr ist?“

„Das weiß ich. Aber wir reden hier grad nicht von Medien und TV.“

„Ich wollte damit sagen, dass Menschen auch Illusion sind. Sie denken oft an das Leben anderer. Was soll an deren Leben besser sein, als an Ihrem Leben? Da fängt die Illusion doch schon an!“

„Ich frag mich halt immer, was andere Leute privat so machen und ob die glücklich sind.“

„Wichtig ist doch, was Sie privat machen und ob Sie glücklich sind. Oder in Ihrem Fall..kümmern Sie sich selber darum, wie Sie glücklich werden. Alle anderen spielen doch dabei überhaupt keine Rolle. Man kann doch nicht alle Leben miteinander verknüpfen, obwohl letztendlich natürlich alles Eins ist auf der Welt und alles zusammengehört..und verbunden ist, wenn Sie der Gedanke beruhigt.“

„Ja, das sind alles Sachen, die ich weiß. Es fällt mir nur alles so schwer. Es fällt schwer, mich zu finden. Immer, wenn ich denke, alles ist gut, ist einige Stunden später wieder alles kaputt. Es wechselt immer so stark hin und her.“

„Ja, das sind Ihre Stimmungsschwankungen. Aber die werden wahrscheinlich immer präsent sein. Sie müssen versuchen, damit umzugehen und sich nicht unterkriegen zu lassen. Stabil bleiben, egal, was kommt. Sie sind nicht Ihre Stimmungen. Tauchen Sie mal tiefer in Ihre Seele, dann werden Sie sehr viel mehr finden.“

„Das ist schwierig, weil auch das mich fertig macht. Diese Schwankungen sind meist stärker als ich. Und Seele..ja, blah blah,..das ist alles nicht so einfach, wie gesagt.“

„Und warum denken Sie denn, dass Sie tot sind, wenn Sie so oft mit solch lebendigen Emotionen konfrontiert werden, die Sie so aufwühlen?“

„Weil mein inneres Gefühl trotzdem stumpf ist, nachdem ich mich so abgekämpft hab.“

„Das ist normal, wenn man erschöpft ist. Haben Sie Probleme, morgens aus dem Bett zu kommen?“

„Ja, aber ich bin generell kein Frühaufsteher. Außer, wenn ich um vier aufstehe, wenn ich zur Arbeit muss. Dann geht es irgendwie. Das ist auch was anderes.“

„Wie viel Stunden Schlaf brauchen Sie im Durchschnitt?“

„9-10 Stunden.“

„Und sind Sie danach fit?“

„Unterschiedlich, kommt auf die Jahreszeit an.“

„Denken Sie, dass es Ihnen im Winter psychisch schlechter geht, als im Sommer?“

„Ja, auf jeden Fall, obwohl ich den Herbst und Winter am liebsten mag.“

Der Arzt runzelt die Stirn.

„Sie wirken sehr ambivalent, besonders im Unterton. Sie wissen das wahrscheinlich, oder?“

„Ich weiß es nicht nur, ich fühle es permanent. Und ich hasse es.“

„Ja, Sie sind zwiegespalten. Und dennoch sehr festgelegt, was manche Dinge betrifft, sodass Sie sich nicht von anderen Meinungen überzeugen lassen. Das ist schwierig. Wenig Einsicht. Wie soll man da helfen? Sagen Sie es mir?“

„Sie sind der Arzt. Ich kann Ihnen nicht sagen, wie Sie mit mir umgehen müssen, damit es mir besser geht. Ich kann Ihnen nicht sagen, wie Sie mir helfen sollen. Versuchen Sie es einfach.“

„Es wird Ihnen erst dann besser gehen, wenn Sie sich selbst verstehen und sich dann selbst helfen können.“

„Ich verstehe mich seit 20 Jahren nicht.“

„Ich weiß. Und deswegen führen wir fast immer wieder dieselben Gespräche, merken Sie das?“

„Nein, für mich ist es jedes Mal wieder ein Anfang, überhaupt hier her zu kommen, wenn ich mich komisch fühle. Ich muss mich eigentlich jedes Mal überwinden, um mit Ihnen zu reden. Und dann können Sie mir nicht helfen?“

„Nein. Sie erzählen mir seit Jahren das Gleiche und zeigen keine Fortschritte. Die Therapie haben Sie abgelehnt, weil die nicht Ihrem Interesse entsprach. Essen tun Sie weiterhin nicht, trotz Ernährungsberatung. Die Bücher, die ich Ihnen gab, haben Sie gelesen, aber deren Inhalt nicht verstanden. Jedes Mal gebe ich Ihnen den Rat, sich selbst zu finden und jedes Mal fragen Sie mich, wer Sie eigentlich sind und was der Sinn Ihres Lebens ist. Obwohl Sie, meiner Ansicht nach, wirklich glücklich sein müssten mit Ihrem Leben. Sie haben alles, nur Sie sind zu blind, um es zu sehen. Das tut mir Leid dafür. Nutzen Sie die Chancen, die Ihnen einfach so zufliegen und freuen Sie sich endlich darüber. Nehmen Sie sie wahr. Andere Leute wären froh darüber, so ein Leben zu führen. Aber dauernd sind andere Menschen wichtiger, als Sie. Noch einmal: Fangen Sie endlich bei sich an. Ich würde mich über Ihre Fortschritte wirklich freuen. Zeigen Sie mir, wer Sie sind! Erst dann möchte ich Sie wiedersehen. Alles andere bringt nichts.“

Ich fange an zu weinen. Das ist mir alles echt zu viel. Ich kann gar nicht glauben, dass wir seit Jahren über die gleichen Sachen reden. Das kann nicht wahr sein. Ich stehe vom Stuhl auf und sage auch nichts weiter dazu. Was soll ich noch sagen?

Er reicht mir die Hand verabschiedet sich und ich schaue ihm dabei nur flüchtig in die Augen. Sein Blick ist tatsächlich wohlwollend, und nicht gemein oder gehässig oder gleichgültig. Er meint es gut mit mir. Nur ich kann es nicht erwidern, weil ich wieder am Anfang stehe. Mit mir.

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Das Gespräch

Lieber bisschen drunter, als bisschen drüber.

Heute war ein sehr wichtiger Tag und ich war zum ersten Mal seit langer Zeit extrem aufgeregt. Zum Glück konnte ich in der Nacht gut schlafen, nachdem ich mich eingehend im Netz über Vorstellungsgespräche und deren Tücken informierte.

Meine letzte große Aufregung ist inzwischen über ein halbes Jahr her, als ich das ‚beste Date‘ meines Lebens hatte. Eigentlich mehr imaginär, als echt…und eine angebliche Projektion. Das waren seine späteren Worte in Bezug auf meine Vorstellungen und Wünsche. An dem Tag war ich genauso aufgeregt und enorm glücklich. Ja, das waren tolle Gefühle, die ich heute noch einmal in einer etwas abgewandelten Form erleben durfte. Danke!

Allerdings kann ich im Nachhinein sagen, dass ein Vorstellungsgespräch viel schlimmer ist, als ein Date. Es geht um die Liebe zum Beruf (bzw. zur Berufung) und mit dem ist man meist länger verbunden, als mit einem Mann. Eine Trennung vom Traumberuf ist eher unwahrscheinlich und man hat keine Lust, fremdzugehen, wenn man das tut, was man unbedingt mit Leidenschaft tun will. Mein Beruf ist zugleich mein Hobby. Aber es gibt dennoch eine Menge Gemeinsamkeiten für diese beiden Ausnahmesituationen der Gefühle zwischen Mann und Beruf. Liebe verbindet letztendlich alles miteinander.

Ich habe mir viele Gedanken über mein Outfit gemacht, denn das sollte man für so einen besonderen Anlass selbstverständlich tun. Lange überlegen musste ich als Mode-Victim nicht und entschied mich für ein leger schickes Business-Outfit. Das entsprach meinem Stil und meiner Persönlichkeit, ohne dass ich verkleidet wirkte oder mich unecht darin fühlte. Meine Klamotten besorgte ich mir gleich, nachdem ich die Bewerbung abschickte, da ich mir sicher war, dass ich eingeladen werde. Ich dachte mir, dass sich für diesen Job sowieso fast niemand bewirbt, da er zu speziell und gefährlich ist. Eventuell. Also ging ich recht selbstbewusst an die Sache heran. Ich wusste einfach, dass ich es dorthin schaffen werde und nach zwei Wochen bekam ich die Bestätigung meiner Vorahnung per Post. Die Freude war riesig und ich war überglücklich, eine Chance bekommen zu haben, mich in dieser fremden neuen Welt präsentieren zu dürfen, denn ich brauche dringend ein anderes Umfeld und eine spannende Herausforderung.

Meine Business-Klamotten wurden bereits vor dem Vorstellungsgespräch eingeweiht und zwar in Berlin, beim Shoppen. Es gab mir ein besseres Gefühl, die Sachen schon einmal getragen zu haben und ins Leben zu bringen, bevor es richtig ernst wurde. Das Wochenende in Berlin machte Spaß und ich fühlte mich wohl in dieser eleganten dunkelblauen Hose. Ich ging in diesen Klamotten abends ins Kino und genoss anschließend das Berliner Nachtleben. Danach fiel ich kaputt ins Hotelbett. Schlafen konnte ich vor Aufgedrehtheit jedoch nicht. Die Klamotten waren jedenfalls bewerbungstauglich. Diese Erinnerung an das Wochenende in Berlin mochte ich.

Heute Morgen stand ich um sieben auf, da ich um acht los musste. Ich wurde ein Viertelstunde vorher wach, da meine innere Uhr wirklich gut funktioniert. Etwas müde war ich noch, da das normalerweise nicht meine normale Aufstehzeit ist und ich mich nicht unbedingt als fröhlichen Morgenmenschen bezeichnen würde. Außer im Sommer, wenn die Sonne schon morgens scheint.

Als ich mich anzog, hatte ich keine Zweifel, zwecks meines Aussehens. Ich spürte, dass es immer noch das perfekte Outfit war und kein bisschen zu abgehoben. Der Blazer bestand nämlich aus Bouclé-Stoff mit eingewebten dezenten Goldfäden und ein wenig Kunstleder an den Rändern. Jedoch fernab von Extravaganz. Insgesamt war alles stimmig.

Mein Make-Up blieb zurückhaltend, denn zu viel Schminke ist in der Branche nicht angesehen und macht einen oberflächlichen Eindruck. Man sollte sich fragen, wie man am besten Vertrauen erweckt und wie man sein Selbstbewusstsein angemessen zum Ausdruck bringt. Natürlichkeit ist die Lösung. Auf zu viel Schmuck verzichtete ich natürlich auch und setzte auf Bescheidenheit. Als ich meine Haare zum Schluss mit Glanzspray einsprühte, war ich zufrieden. So konnte ich mich sehen lassen.

Danach gab es ein großes Frühstück und eine kleine Tasse Kaffee, damit sich meine Nervosität nicht steigerte. Ein ausgiebiges Frühstück ist in solchen Fällen immer gut, denn man hat das Gefühl, dass man dadurch mit genug Energie versorgt ist und diese Aufregung besser durchhält. Außerdem hat Essen oft eine beruhigende Wirkung. Bananen und Schokolade sind da ein passendes Mittel. Oder Haferflocken und Nüsse.

Bei mir gab es Joghurt mit Kuchengeschmack und ein warmes Käsebrötchen. Danach blieb mir nicht mehr viel Zeit und ich machte mich auf den Weg zur Straßenbahn. Draußen war es ziemlich windig und kalt. Ich trug keinen Schal und nur eine dünne Jacke, weil ich nicht schwitzen wollte. Aber es war definitiv zu kalt in den Sachen. Ich war froh, dass ich wenigstens dicke Winterstrümpfe trug, die meine Füße wärmten, denn meine Hände waren bereits nach wenigen Schritten eiskalt. Wenn ich so jemanden mit der Hand begrüßte, würde das keinen guten Eindruck machen. Kalt vor Angst, könnte man annehmen.

In der Straßenbahn fühlte ich mich wieder entspannt und ausgeglichen. Alles war recht normal und ich konnte die Nervosität ausblenden. Die halbe Stunde Fahrt, die mir sonst so lang vorkam, war schnell vorbei und ich wunderte mich, wo die Zeit geblieben war. Schon erreichte ich das Ziel und hatte noch eine halbe Stunde Zeit bis zum Gespräch. Ich war mir nicht sicher, ob ich so lange in der Kälte warten sollte oder lieber im Zielgebäude.

Wie sieht das denn aus, wenn man viel zu früh bei einem Termin erscheint?

Und vor allem: Was würde mich in dieser fremden und abgesperrten Umgebung erwarten?

Ich hatte keine Ahnung, was mir bevorstand.

Außerdem wollte ich keinen schüchternen verängstigten Eindruck hinterlassen. Ich wollte auch in unbekannter Umgebung selbstbewusst sein – denn ich bin selbstbewusst.

Ich entschied mich und ging zum Ziel meiner Träume. Die Zeit war mir dann egal, weil: Lieber zu früh, als zu spät. Kurz, bevor ich am Eingang klingeln wollte, sah ich eine Mitarbeiterin, die ich nett begrüßte und die mich in diese Sperrzone begleitete. Ich war froh, dass gerade jemand kam und ich nicht ganz alleine dastand. Bei der Wache gab ich meinen Ausweis ab und kurz, nachdem ich mich in den Wartebereich setzte, kam eine Frau, die mich woandershin begleitete, wo ich weiter warten musste.

Halb zehn hatte ich das Gespräch. Neben mir saß meine Konkurrentin, die sich auch auf diese Stelle bewarb – das konnte ich kaum glauben. Es gab tatsächlich noch andere Bewerber für diesen Beruf! Unfassbar. Ich scannte diese Frau beim Vorbeigehen kurz ab, ohne sie direkt anzuschauen. Aber man kann auch indirekt vieles wahrnehmen. Auf jeden Fall war sie etwas lockerer gekleidet. Scheinbar nicht ganz so ausgewählt, sondern eher Alltagslook. Sie trug einen roten Pullover. Dabei habe ich gelesen, dass man diese Farbe in Vorstellungsgesprächen eher meiden soll, da sie zu dominant ist und teilweise erotische Andeutungen macht. Die Frau hatte lange blonde offene Haare und saß mit überschlagenen Beinen auf ihren Stuhl.

Ich hingegen saß völlig entspannt dort und verschränkte meine Körperteile nicht. Jedem, der an mir vorbeikam, sagte ich lächelnd ‚Guten Morgen‘. Sie lächelten zurück. Einmal rutschte mir sogar ein leises ‚Hallo‘ heraus. Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass jeder an mir interessiert wäre, der mich dort sitzen sah und ich fühlte mich empfangen. Ich wollte ein Teil dieser Klinik sein und dazugehören. Um jeden Preis sogar.

Bald wurde die Frau neben mir aufgerufen und ich konnte sie gedämpft durch die Tür reden hören. Sie erzählte viel und ich hörte einen osteuropäischen Dialekt heraus. Allerdings konnte ich nicht verstehen, worüber gerade gesprochen wurde. Ich war ziemlich neugierig, was meine Konkurrenz zu bieten hatte und ob sie ‚besser‘ war, als ich. Ihr Gespräch dauerte knapp zwanzig Minuten und sie war pünktlich um halb zehn wieder draußen, mit einem Strahlen im Gesicht und der Aussage, dass sie nun Urlaub hat.

Als ich aufstehen wollte, wurde ich gebeten, noch ein wenig zu warten. Ich war zu übereifrig, freudig und aufgedreht. Die Nervosität war immer noch weg und ich war froh darüber. Nach weiteren fünf Minuten durfte ich den Begegnungsraum betreten und es überraschte mich, dass dort noch zwei andere Personen saßen. Ich ging nämlich davon aus, dass ich mich nur auf eine Person konzentrieren muss. Das bereitete mir erst einmal einen kleinen Schock, obwohl in meinen bisherigen Gesprächen immer ca. 3-4 Personen saßen. Aber diesmal ging es um das wichtigste Gespräch überhaupt und zu viele Personen empfand ich als irritierend.

Ich legte meine Jacke und meine Handtasche auf den Stuhl und setzte mich drauf. Sehr gelassen und nicht hastig. Aber ich glaube, sie sahen meinen Hintern etwas zu lange. Alle begrüßten mich, aber keiner reichte mir die Hand. Also tat ich es auch nicht, weil man das nicht tun soll, wenn es die Vorgesetzten einem nicht anbieten. Immerhin war ich die Unterlegene. Ich atmete tief ein und schaute mir die Leute an, die am Tisch saßen. Alles okay. Alle mit Pokerface.

Das Gespräch begann damit, dass ich mich vorstellen sollte. In dem Moment begann die pure Aufregung wieder und ich hatte die absolut schwärzesten Blackouts. Ich wusste eigentlich nichts mehr und konnte so gut wie gar nichts von alledem sagen, was mich ausmacht und wie meine Motivation für diese besondere Stelle lautet. Obwohl ich die Antworten alle sehr genau wusste und überzeugt von mir war. Ich wusste, warum ich diese Stelle wollte. Aber mir fehlten die Worte, um mich auszudrücken. Stattdessen stammelte und stotterte ich abgebrochene Sätze, sowie einzelne Wortfetzen vor mich hin. So etwas würde mir bei einem Date zum Beispiel niemals passieren. Von meiner Eloquenz blieb nicht mehr viel übrig. Alles vergessen, der ganze Wortschatz verschwand. Ich kam mir vor, wie ein Trottel, der sich selbstüberschätzte und sich für eine Stelle bewarb, die sie sein Niveau stark überstieg. Ständig wiederholte ich Worte wie ‚manchmal‘, ‚vielleicht‘, ‚immer‘ und andere fantasielose Füllwörter. Der Chef hat also nicht erfahren, warum ich diese Stelle unbedingt möchte, was ich mir vorstelle und was mich ausmacht. Er hat nicht viel von meiner Persönlichkeit kennengelernt und weiß trotz des Gespräches immer noch nichts von mir. Allerdings hat er meine Persönlichkeit gesehen und wahrgenommen. Und ich habe die gestellten Fragen einfühlend, ehrlich und gut durchdacht beantwortet.

Natürlich habe ich auch erwähnt, wie aufgeregt ich bin und dass ich mich unter normalen Umständen ganz anders verhalte. Klar, das kann jeder sagen. Eigentlich muss man immer so sein, wie man ist. Egal, in welcher Situation. Selbstbewusste Leute würden sich wohl kaum etwas von ihrer Aufregung anmerken lassen. Von daher verhielt ich mich in deren Augen bestimmt ziemlich widersprüchlich und fragwürdig. Aber ich weiß nicht, was sie wirklich dachten. Vielleicht bin ich auch zu hart zu mir selber.

Nach meinem Geständnis wurde ich ein bisschen lockerer und entspannter. Für den Chef waren meine kurzen Antworten scheinbar nachvollziehbar und die anderen Leute brachten mir mit Zunicken Vertrauen entgegen. Außerdem bekam ich die Rückmeldung, dass die Dinge gut waren, die ich sagte. Ich hätte am Anfang einfach einen kleinen Small Talk gebraucht. Das hätte mich aufgetaut.

Aber nun ist alles so, wie es ist und ich akzeptiere das. Allerdings finde ich es sehr schade, dass die Aufregung mich so kaputt gemacht hat, sodass ich völlig neben mir stand und mich in den ersten Minuten wie gelähmt fühlte. Ich war so apathisch, als stände ich unter Drogen. Das ergab ein blödes Bild von mir, das mir nicht entsprach. Dennoch wirkten alle recht interessiert und waren freundlich. Zwischendurch goss ich das Glas mit Wasser voll und trank es bis zur Hälfte aus. Den Rest hinterließ ich nach dem Abschied, ohne Lippenstiftabdrücke.

Kekse standen leider nicht auf dem Tisch. Ich hätte sie auch nicht angerührt, obwohl ich Kekse über alles liebe. Denn wer Kekse im Gespräch isst, hat keine Manieren. Kekse dienen also nur zum Test.

Das Gespräch dauerte knapp vierzig Minuten und endete mit den Schlussworten: Wir melden uns. Angeblich soll das heißen, dass ich eine Absage erwarten kann. Aber das denke ich nach diesem Satz nicht, schließlich wollten noch andere Bewerber im Gespräch überzeugen. Ich konnte also noch keine direkte Zusage bekommen, denn das wäre nicht fair.

Zum Schluss bedankte ich mich nochmals und wünschte den Leuten einen schönen Tag. Den Spruch ‚Frohe Ostern‘ verkniff ich mir. Humor und komische Sprüche passten nicht zur Situation. Damit hätte ich mich lächerlich gemacht. Meine einzelnen Wortbrocken waren schon schlimm genug.

Jetzt sitze ich zu Hause und bin noch aufgeregter, als vor dem Gespräch. Ich denke ständig darüber nach, was gut lief und was nicht. Grübele darüber, wie ich äußerlich und persönlich herüberkam und google im Internet nach Fehlern im Vorstellungsgespräch. Sicherlich wäre es ohne Aufregung anders gelaufen. Aber auch, wenn es diesmal nichts wird: Es wird nächstes Mal was.

Wenn ich eine Absage bekomme, werde ich anrufen und sagen, dass sie meine Bewerbung aufheben können. Jemand hat mich daran erinnert, dass alles seine Zeit hat und davon bin auch ich überzeugt. Vielleicht muss ich noch ein wenig an mir arbeiten, damit ich richtig reif für diesen Job bin. Aber vielleicht muss ich auch gar nichts tun und werde aufgrund von vielen Sympathiepunkten gleich genommen. Das wäre ein Traum. Und ich hoffe, der Chef hat es erkannt.

Nun heißt es warten. Wie lange, das weiß ich nicht. Aber wahrscheinlich wird es nicht lange dauern, da sie sich nach dem Gespräch beraten und sich die Bewerbung hoffentlich noch einmal genauer angeschaut haben. Letztendlich habe ich verbal all das wiederholt, was ohnehin schon drin stand. Meine Worte waren also nachlesbar.

Eine Zusage wäre mein bestes Ostergeschenk.

Nach dem Gespräch kaufte ich mir Schminke und Klamotten, um wieder halbwegs auf das Normallevel zu kommen. Einen Grund zum Shoppen gibt’s immer…

Zu Hause gab es dann noch Schokolade zur Beruhigung und ‚The Way‘ von Gigi D’agostino. Leider wirkungslos.