Zu Hause im Fernweh

Noch immer nicht richtig zu Hause, aber auch nicht mehr im Hotel. Die lange Strecke von Schottland zurück nach Deutschland hatte mir ganz schön mein inneres Gleichgewicht verdreht.

Mein Herz war noch nicht vollständig in der alten Heimat angekommen und meine Gefühle waren noch leicht verweht von der langen See- und Busfahrt. Ein kurzer Flug hätte sicher ähnliche Folgen gehabt, mit zusätzlichem Mini-Jetlag.
Die heimatliche Verbundenheit schlummerte noch tief in mir, wollte noch nicht erwachen. Stattdessen kribbelte das Fernweh wie verrückt. Der Urlaub in Schottland war wunderschön, sodass er mich das normale Leben erst mal vergessen ließ und ich den Eindrücken eine ganze Weile nachhing, bis ich sie halbwegs verarbeitet hatte. Zeitweise fühlte ich mich wie erschlagen von all den schönen Erlebnissen, an die ich immer wieder denken musste.
Das sofortige Basteln eines neuen Fotoalbums hätte mir sicherlich schnell Erleichterung verschafft, denn dort hätte ich meine tollen Erfahrungen einkleben und bunt gestalten können. Aber für die kreative Ballastentsorgung hatte ich leider noch keine Zeit.

Ich fühlte mich Tage später immer noch neben der Spur.
Während ich meine übliche Radtour auf gewohnten Wegen machte, fühlte ich mich seltsam. Alles um mich herum hatte einen subtilen Touch und wirkte etwas befremdlich. Hier war es längst nicht so wie in Schottland, nein. Die einzige Gemeinsamkeit war das diesig nebelige Wetter, mehr konnte ich nicht finden. Und auch die Luft roch kein bisschen nach frischem Atlantik, sondern nach ruhiger Ostsee. Darin gab es einen überraschend großen Unterschied. Die Atlantikluft war stärker, intensiver und gab mir viel mehr Kraft. Dagegen kam die Ostsee, die im Vergleich wie ein kleiner See wirkte, nicht an.

Beim Radfahren durch den einsamen Herbstwald nahm ich meine Umgebung nur gedämpft wie durch einen Filter wahr, denn vor meinen Augen tauchten wiederholt die Eindrücke meines Urlaubs auf. Ein Bild nach dem anderen, wie eine schnelle Diashow. Welch fotografisches Gedächtnis. Ein leises Gefühl der Sehnsucht beschlich mich, obwohl mir bewusst war, dass ich hier her gehörte, da jeder seinen Ursprung fest in sich trägt.

Bei uns waren die Wälder noch grün, in Schottland kehrte schon langsam zart der goldene Herbst ein. Die Straßen waren oft nass, denn es regnete nach Zufallsprinzip: Mal kurz, mal länger und dann wieder Pause. Die Sonne ließ sich seltener blicken, aber wenn, dann warfen die Wolken ihre Schatten auf die Highlands und zogen dort geheimnisvoll vorüber. Es war das reinste Schattenspiel. Die Wolken verdeckten die Sonne wieder so schnell, dass sie die Funktion eines An- und Ausschalters übernahmen. Durch sie drang die Sonne nicht mehr hindurch und sie tauchten alles in diffuse Dunkelheit.
In Schottland gab es zerklüftete Küsten, niedliche winzige Inseln, unzählige Seen, schroffe Felsen, sanfte raue Berge, Höhen mit Spitzen, versteckte Schluchten und unendliche Freiheit, die einen im Nu verschlingen konnte. In der Freiheit war es leicht, ein Niemand zu werden.
Zu Hause gab es all das nur in stark eingeschränkter Form. Und trotzdem gehörte ich hier her.

Manchmal möchte ich die stressigen Phasen des Lebens gern gegen die Einsamkeit eintauschen. Aber würde es mich auf Dauer glücklich machen? Wohl eher nicht. Ich gehöre nicht unbedingt zu den Eremiten. Trotzdem schaute ich mir mit Wehmut die stark abgelegenen Häuschen und die vergessenen Dörfer in den Highlands an. Leute, die in der Abgeschiedenheit zu Hause waren und die Natur jeden Tag aufs Neue spürten. Sie kannten es nicht anders.

Manchmal möchte ich gerne Teile des modernen Lebens zurücklassen, um wieder mehr zu mir zu finden.
Ein einfaches Leben ohne viel Technik und ein bisschen hinter der Zeit leben. Keine Leute sehen, die beim Laufen auf ihr Handy starren und zu blind sind, um die Realität um sich zu bemerken. In Schottland gab es zwar auch den technischen Fortschritt und Modernisierung, aber eher in der dezenten Variante. Ich hatte das Gefühl, Technik und Status hatten dort nicht so einen hohen Stellenwert. Die Menschen wirkten bescheiden und sehr zufrieden. Sie legten mehr Wert auf echte Gesellschaft und setzten auf die Hilfsbereitschaft ihrer Mitmenschen.
Dort zählten keine Statussymbole, sondern Nähe.
Und ich hörte oft das Wort ’sorry‘. Sie entschuldigten sich für Dinge, die eigentlich gar nicht passiert sind.

Aus Fernweh könnte jedoch auch Heimweh werden, denn in der Ferne vermisst man nach einiger Zeit vielleicht das, was man kennt und dort womöglich nicht bekommt oder nur unter erschwerten Bedingungen.
Ich schätze das Leben in Schottland in seiner Natürlichkeit wirklich sehr. Aber die große Freiheit stellt auch Abhängigkeit dar. Die Abhängigkeit, zu überleben. Die atemberaubenden Wandertouren bergen viele Gefahren, da das Wetter unberechenbar sein und den Tod bedeuten kann.
Ohne Auto wäre man verloren, sofern man nicht in einer größeren Stadt lebt.
Und gab es nur einen Zug? Mir kam es so vor, als gäbe es nur eine eingleisige Bahnlinie in diesem Land.
Zu Hause ist alles in greifbarer Nähe, aber nicht so in Schottland – scheinbar.

Schottland ist ein Land, in dem ich gerne Gast bin und von dessen Landschaft ich träume. Aber Heimat ist da, wo ich zu Hause bin.
Ja, so ist es tatsächlich. Auch wenn ich es früher nie wahrhaben wollte.

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Alte Wege

Heute war ich zu Besuch in meiner alten Heimatstadt.
Eine Stadt, in der ich meine Freiheiten genoss, wie nie zuvor und in der ich vier Jahre emotionale Achterbahn fuhr.
Ein Auf und Ab zwischen Ausbildung, erster großer Liebe, erster Arbeitsstelle, Unabhängigkeit und ersten Liebeskummer. Der normale Teenie-Alltag.
Es war eine Stadt, in der ich erwachsen wurde, mich Herausforderungen stellen musste und alle Entscheidungen alleine traf.

Ich stieg aus dem Zug und schon waren sie da, die alten Gefühle und Eindrücke. Ein Bild nach dem anderen kam mir ins Gedächtnis. Diese kleine Stadt war voll mit Erinnerungen, die an jeder Ecke lauerten und auf mich warteten. Wiedersehen und Abschied geliebter Menschen und der Blick vom Bahnhof auf meine erste Wohnung, die nur paar Meter entfernt lag. Aber ich beschloss, nicht dorthin zu gehen, weil ich wusste, was ich mir damit antue. 
Wehmut an verlorenes Glück und Schmerz, sowie schöne Momente im Sommer und schlechte Laune im Winter, wenn ich mein Fahrrad durch den matschigen Schnee schieben musste.

Der Bahnhof hatte sich kaum verändert, selbst die Baustellen sind geblieben. Die ganze Stadt war eine ewige Baustelle.
Mit jedem Atemzug atmete ich einen Hauch Vergangenheit ein, es roch nach Frühling und nach Veränderung. 
Der Frühling steht für Neuanfang und ich bin froh darüber. 
Die Bäume waren hier schon viel grüner, als zu Hause und ich war überrascht. 
Die Sonne schien und ließ das helle Grün der Bäume in ihrem Licht strahlen. Die Vögel zwitscherten und leiteten mit ihrem Gesang den Frühling ein. Es war schön, alles war so wie früher. 
Die Gerüche, die Luft und die Menschen, die sich um mich herum tummelten, in ihrem Stress, in den Zug zu kommen und sich die besten Plätze zu sichern. 

Ich spazierte durch den nahe liegenden Park, in dem ich mich früher gerne aufhielt und ging die Wege, die ich damals mit meinem Freund ging. Meistens war das abends, als die Frösche aufwachten und lautstark ihr Froschkonzert im dunklen Teich gaben. Tagsüber war von ihnen nichts zu hören, nur das leichte Plätschern des Wassers oder Geräusche aus dem Tierpark.
Heute ging ich diese Wege alleine und jeder Schritt erinnerte mich daran, wie es damals war und welche Gespräche wir führten. An manchen Stellen konnte ich mich sogar noch genau an einige Sätze erinnern, die er sagte. Absurd.

Und all das soll schon fast zehn Jahre her sein? Ich konnte es kaum glauben und war ein bisschen entsetzt. Alles fühlte sich so an, als wäre es erst gestern gewesen. Die Erinnerungen sind im Gedächtnis frisch geblieben und jederzeit abrufbar.
Das machte mich nachdenklich und ich fragte mich, wie es wohl heute wäre? Zu zweit, mit ihm.
Und vor allem: Warum habe ich damals eigentlich Schluss gemacht?