Be happy day 

Wenn die Stimmung mal aus unrealistischen Gründen im Keller ist, zieh dich wenigstens richtig an.

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Actually me.

Jemand und Gin 2


[…]

Doch irgendwann in der Nacht wache ich von einem leisen Piepen auf. Ich bin sofort hellwach und schalte die Lampe auf dem Fensterbrett an. Es ist 2:37 Uhr, als ich auf den Wecker neben mir schaue. Ich wundere mich und weiß im ersten Moment nicht, was das für ein komisches Piepen war. Als ich auf mein Handy gucken möchte, merke ich, dass es nicht angeht, obwohl es am Abend voll aufgeladen war. Vor dem Schlafen zeigte es 100% an. Und jetzt? Ich versuche es mehrmals anzukriegen. Aber es funktioniert nicht und ich vermute, dass der Akku tatsächlich leer ist, ohne Grund. Das Piepen war also nur der Hinweis, dass sich das Handy gleich ausschaltet. 

Danach fühle ich mich seltsam und mir wird kalt. Mehrere Minuten sitze ich verwundert im Bett und beobachte meine Umgebung. Ich starre zur Tür oder warte darauf, dass ich im Augenwinkel irgendeinen Schatten sehe. Es passiert nichts. Ich denke noch ein paar Minuten darüber nach, dass sich Akkus nicht ohne Grund leerfressen. Aber letztendlich macht es keinen Sinn, weiter darüber nachzudenken. Ich lasse einfach das Licht an, damit das unangenehme Gefühl in mir nicht zu stark wird. Mit Licht fühlt man sich irgendwie besser. Wahrscheinlich brauche ich tatsächlich diesen Marienkäfer, der bunte Sterne an die Wand wirft, damit ich beruhigter einschlafen kann.
Irgendwie will ich meiner Freundin noch schreiben, dass hier gerade merkwürdige Dinge passieren, aber ich bin schlau genug, um mir die Nachricht zu verkneifen. Erstens, weil sie schläft und zweitens, weil es gar nicht so schlimm ist. Eigentlich wäre es doch super interessant, wenn mal etwas Gruseliges passiert und ich mittendrin bin.
Am nächsten Morgen frage ich mich, ob das wieder so ein Traum war. Manche Leute klagen ja über mirtazapininduzierte Alpträume und überraschendem Übergewicht. Aber als ich sehe, dass das Handy immer noch leer ist, weiß ich, dass ich nicht geträumt habe. Das heißt, der wahre Traum vom eingebildeten Feueralarm bleibt auf Platz eins.
Ich hole mein Ladegerät und mein Handy frisst frische Energie aus der Küchensteckdose neben dem Kaffeeautomaten. Ansonsten lasse ich das Handy erst einmal aus. Irgendwie bin ich heute zu entspannt, um neugierig auf neue Nachrichten zu sein. Ich bin froh, wenn mir öfter mal einiges egal ist und ich nicht unter Spannung stehe. Deswegen mache ich heute alles in Ruhe. In Ruhe anziehen, in Ruhe schminken und in Ruhe essen. Vanille-Soyamilch und Kellogg’s, dazu Kaffee und Schokocappuccino. Das Tolle daran: Das Frühstück macht fast den ganzen Tag satt. Oder weil ich einfach nichts brauche. 

Der Morgen vergeht schnell und gegen Mittag leuchtet die grüne Lampe auf meinem Handy. Fertig geladen. Ich schalte das Handy an, worauf es kurz vibriert und sich langsam hochfährt. Code eingeben, warten. Wenn ich ungeduldig bin, dauert mir all das zu lange. Aber inzwischen habe ich mehr Ahnung von Geduld. 
Als die Internetverbindung hergestellt ist, treffen viele Nachrichten auf einmal ein. Alle von meinem Lieblingsmann aus Berlin. Ich bin sehr überrascht über die ganzen Nachrichten und freue mich schon, sie zu lesen. Vielleicht weiß er ja nun genau, wann wir uns treffen können oder er hat noch ein paar andere Ideen. Als ich im Chat nachschauen will, ist keine neue Nachricht zu finden. Auch sein Profilbild ist weg. Mir wird ganz anders. Was soll das denn jetzt? Und vor allem: Was ist mit den vielen Nachrichten, die auf dem Display erschienen? Die können doch nicht einfach weg sein. Ich klicke auf die leere Stelle, wo sonst das Profilbild erscheint. Kein Status. Nur die Daten, die ich gespeichert habe. 

Ich lese die letzte Nachricht: ‚Wann wollen wir uns treffen?‘ Die Nachricht, die ich gestern Abend schrieb. Er hat sie gelesen. Und dann? 

Ich schreibe eine kurze Nachricht, um zu gucken, ob sie durchkommt.

‚Hey‘

Natürlich erscheint nur ein graues Häkchen, welches auch eine Stunde noch einsam und grau ist. 
Ich rufe meine Freundin an und sie nimmt gleich ab.

„Hallo?“

„Hey, hallo…ich bin’s..“

„Ja, dachte ich mir schon. Ist irgendwas bei dir passiert?“

„Ja, mir geht’s scheiße.“

„Was ist denn, Süße?“

„Ach, ganz komisch alles. Letzte Nacht ist mein Handy einfach so abgekackt. Akku leer…und heute ist der Typ einfach so verschwunden.“

„Wie jetzt? Was für’n Typ?“

„Na der, von dem ich dir erzählt hab, letztens..“

„Ach so, ja, ich weiß. Warum, was ist denn passiert?“

„Vorhin hatte ich ganz viele Nachrichten von ihm auf dem Display und als ich nachgucken wollte, war alles weg. Total komisch.“

„Hmm? Wie geht das denn? Bist du sicher, dass die von ihm waren?“

„Ja, klar…aber nun steht da nur meine letzte Nachricht von gestern. Und anscheinend hat er mich blockiert, ohne Grund. Versteh ich nicht.“

„Das ist ja komisch. Vielleicht ist es nur eine technische Störung oder so. Warte erstmal ab.“

„Glaub ich nicht. Das war noch nie so.“

„Hmm. Aber mehr kannst du wohl erstmal nicht machen. Oder du versuchst mal, ihn anzurufen?“

„Ja, könnte ich vielleicht noch probieren. Aber bin da nicht so ein Fan von. Du weißt doch, dass ich nicht so auf Telen stehe.“

„Probier’s doch einfach mal. Dann siehst du, was passiert.“

„Ja, okay, dann mach ich das gleich mal. Ich schreib dir dann.“

„Okay, bis gleich. Wird schon!“

„Ja, hoffe ich…“

Ich drücke meine Freundin schnell weg, um dann ihren Tipp zu testen und bin dabei ganz aufgeregt. Irgendwie schnürt mir die Situation gerade den Hals gewaltig zu. Auf jeden Fall fühle ich mich unwohl, als ich seine Nummer anklicke. Ich mag sowas nicht. Aber immer noch besser als diese bescheuerte Unwissenheit, auf die ich noch weniger stehe.
Es klingelt einmal und dann geht sein Anrufbeantworter an. Scheiße! Das ist doch ein eindeutiges Zeichen, dass ich auf der BlackList stehe!

Ich schreibe meiner Freundin: Blockiert.
Sie antwortet nur mit: Waaaaaaas???!?!?!??????

Und ich denke nur: WARUM?

Ich gehe gedanklich die letzten tollen Wochen durch und ich erinnere mich an nichts Negatives. Es ist nichts passiert. 

Dann gucke ich mein ganzes Handy durch und versuche die Nachrichten, die kurz auf dem Display erschienen, per Suchfunktion zu finden. Mein Handy findet nur die Texte, die ich schon kannte. Nichts Neues. Ich lese mir die alten Nachrichten durch und komme sofort wieder ins Schwärmen. Umso weniger verstehe ich die Blockierung. Ich starre das leere Profilbild an, als könnte ich damit etwas bezwecken. 

Impulsgesteuert wie früher, setze ich mich in den nächsten Zug, der alle zwei Stunden nach Berlin durchfährt. Selbst, wenn ich mein Auto im vergangenen Herbst nicht zu Schrott gefahren hätte, hätte ich es heute nicht angerührt. Man sollte die Hände von Autos lassen, so lange man sich angepisst fühlt. Mein Fahrschullehrer konnte mir das damals leider nicht glaubhaft beibringen. 
Ich saß im Zug, wie ich gerade war. Manchmal ist es einfach nicht nötig, sich Gedanken über die passenden Klamotten und Schmuck zu machen. Manchmal reicht es, wenn man einfach so ist, wie man ist. Ohne Gedanken. Zerstreut beschreibt den richtigen Ausdruck für meinen Zustand im Zug. Eigentlich denke ich nichts. Ich denke nicht mehr, als: warum. 
Mein Handy bleibt reaktionslos. Der blockierte Kontakt, alias ich, bewegt sich nun selbständig nach Berlin. Ohne zu wissen, was dann passiert. Naiv ohne Konsequenz. 

Nach einigen Stunden sitze ich tatsächlich auf einer Bank beim Alexanderplatz. Die wichtigsten Anlaufstellen befinden sich gleich in der Nähe: Essen, Kino und Hotel. Ich weiß noch nicht, ob ich ein Hotel brauche. Aber immerhin ist es schon abends. 
Eigentlich weiß ich nun gar nicht, was ich machen soll. Ein wenig verloren bin ich in Berlin schon. Manchmal. Es dauert nicht lange, bis ich nach und nach von Leuten angesprochen werde, die Geld haben wollen. War ja irgendwie klar. Aber da ich kein Bargeld dabei habe, kann ich nicht viel machen. Im Nachhinein bemerke ich, wie die Leute hübsche Handys aus ihren Hosentaschen ziehen und recht gut angezogen sind. So so.

Aber was mache ich jetzt? Auf meinem Handy tut sich nichts. Das Einzige, was ich tun kann, ist, mir ein Taxi zu rufen und zu der Adresse zu fahren, wo mein Lieblingsmann wohnt. Aus genau dem Grund bin ich schließlich nach Berlin gefahren. Und jetzt werde ich nervös. Ob das so eine gute Idee ist? Wer weiß, was mich dort erwartet und ob ich das alles sehen will. Aber okay, was habe ich schon zu verlieren? Eventuell meine Hoffnung. Aber die könnte ich auch woanders wiedergewinnen, wenn ich mich mehr anstrengen und mehr Männern ein winzige Chance geben würde. 
– Zeitverschwendung – 

Ein Taxifahrer parkt direkt in meiner Nähe und wartet auf mich. Ich sage ihm, wo es hingehen soll und er nickt. Nach zwanzig Minuten sind wir da. 
Ich stehe vor der Tür meiner Zieladresse. 

Meine innere Stimme sagt: Alles egal, alles egal. Und ich versuche ihr zu glauben. 

Alles egal. 

Die Haustür unten ist auf und ich gehe hinein, ohne zu zögern. Es ist nur ein Haus mit Menschen drin. Als ob mich sowas schon jemals gestört hätte. An jeder Tür steht ein Name dran, auch völlig normal. Bis ich vor der wichtigsten Tür stehe – seiner Tür. Mich schaudert es ein wenig. Schließlich bin ich diejenige, die unangemeldet davor steht. Ich komme mir sofort illegal vor und es würde sich verboten anfühlen, wenn ich gleich klingeln würde. Aber wofür habe ich mir sonst den weiten Weg gemacht? Eigentlich ist es doch echt egal, was ich in den nächsten Minuten tun werde. Es kann nur gut oder schlecht werden, denn dazwischen gibt es nichts. Es gibt nur zwei Optionen. 

Ja oder nein.

An der Tür hängt nichts weiter, bis auf das Schild mit dem Namen drauf. Die Tür macht auf mich einen kalten Eindruck. Irgendwie versucht sie mich auf Abstand zu halten. Wenn ich mich noch weiter in die Sache hineinsteigere, warnt sie mich sogar davor, zu klingeln. Ich kneife die Augen zusammen und meine Stirn faltet sich automatisch, um meine Mimik noch kritischer darzustellen. 
Dann läuft eine Person aus dem Haus an mir entlang. Es ist ein Mann, er bemerkt wohl meinen Gesichtsausdruck und fragt: „Suchst du irgendwas?“

Warum du, ist mein erster Gedanke. Sehe ich wie ‚du‘ aus…? Das wäre ja keine Überraschung, nach all den Jahren des Nicht-Alterns.
„Nein, ich überlege nur.“

Ich fühle mich gerade wie in einem Laden, in dem mich die Verkäuferin nach meinen Vorlieben fragt und mich dringend beraten möchte.

Der Mann geht wieder. Er kann nichts für mich tun. 

Ich bleibe vor der Tür und überlege mir die Fortsetzung. Es liegt an mir, was ich aus dieser Sache mache, denn mein Lieblingsmann ignoriert mich. Auf meinem Handy tut sich weiterhin nichts. 

Okay, ich bewege meine Finger vorsichtig in Richtung Klingel. Gleich wird alles noch illegaler. Die Klingel ist der letzte Schritt, der mir helfen kann. Mein Zeigefinger berührt den Knopf, nur das Drücken fällt noch schwer. Dann, ganz langsam, drücke ich den Knopf rein und ich weiß nun, wie es sich anfühlt, wenn man bewusst die Backenzähne fest aufeinanderpresst. 
Irgendwie ist das gerade eine ziemlich unangenehme Situation und mein Herz rebelliert auf jeden Fall. Alles ist ganz leise, ich höre nichts von drinnen. Vielleicht ist er nicht da. Kann sein, dass er arbeitet und nicht zu Hause ist. Ich warte angespannte zwei Minuten, bis mir klar wird, dass niemand zu Hause ist. Klar könnte ich nun etwas durchatmen, aber ich bin dennoch wie erstarrt und mein Herz kriegt sich eh nicht so schnell ein, wenn es aufregend wird. 

Dann höre ich, wie sich jemand annähert und ich denke, dass es wieder einer der Nachbarn ist. Ich möchte sehen, ob es wieder der Mann von eben ist und drehe mich um. Und dann steht plötzlich der Mann aus Berlin vor mir, wegen dem ich hier bin. 
[…]

Herzengel

Die erste Woche des Jahres gut überstanden. Und: jeder Mensch hat einen Engel.

August, 1 Jahr später


Diese Seite verstummt, ich weiß. Eigentlich gibt es viel zu sagen, würde ich mich nicht so verdammt gelähmt fühlen. Innerlich. Alles ist lahm geworden, dabei passiert in meinem Leben so viel. So viel Aufregendes. Neuer Job, neue Figur, neues Aussehen – all sowas. Dinge, über die man sich freuen kann und die für viele Menschen erstrebenswert sind. Ich habe so vieles erreicht. Und dennoch: Richtig gut geht es mir seit einem Jahr nicht mehr. 
Eigentlich gibt es für diese starke Melancholie, die ich spüre, gar keinen Grund, weil eigentlich alles nahezu perfekt ist. Ich müsste also glücklich und fröhlich sein, den ganzen Tag lächeln…
Der Knackpunkt ist eigentlich. Eigentlich, eigentlich, eigentlich. Wie soll ich etwas erklären, für das es eigentlich keine vernünftige Erklärung gibt. Unvernünftig ist der passendste Ausdruck für mein Verhalten. Naiv, gar kindisch. Irgendwie. Etwas stimmt einfach nicht und dieser ewige Kreislauf nimmt kein Ende, weil das Erlebnis vom vergangenen Sommer so sehr an mir haftet. Es klebt an mir und ich kann mich nicht davon befreien. Dabei ist es so schädlich, an der Vergangenheit zu kleben. Weil sie nicht mehr aktuell ist und sich Dinge nicht mehr rückgängig machen lassen. 

Was zurückbleibt ist Zerstreuung. Ich versuche mich jeden Zag zu ordnen, aber bis jetzt habe ich es an keinem Tag geschafft. Zumindest nie so, wie es sein sollte. Ich sollte in der Gegenwart leben und nicht jeden Abend in diese Traurigkeit und Sehnsucht abdriften. So gut ich mich jeden Tag auch ablenke, es funktioniert niemals vollständig. Die Wehmut findet immer zurück zu mir. Dann liege ich im Bett, starre minutenlang Gegenstände an und verschwinde in der Verlorenheit. Das passiert mir immer häufiger, dass ich einfach nur daliege und gar nichts tue. Oder morgens schlecht aus dem Bett komme und immer wieder die Decke über den Kopf ziehe, um im Dunkeln zu liegen. Oder die Rollos den ganzen Tag unten zu lassen, weil mir die Dunkelheit mehr zusagt und mein Innerstes widerspiegelt. Ich fühle mich wohl im Dunkeln. Vor einem Jahr war das noch anders. Da war ich energiegeladener und nicht so komisch drauf, wie jetzt. Mein jetziger Zustand beschreibt eher den Rückzug, der von der völligen Isolation trotzdem noch weit genug entfernt ist, denke ich.

Heute, vor genau einem Jahr hatte ich dieses Treffen, das mich emotional so sehr veränderte, dass ich mich kaum noch mit früher vergleichen kann. Manche Erlebnisse sind einfach einschneidend, auch wenn es übertrieben scheint, zu behaupten, dass man sich sofort in jemanden ‚verlieben‘ kann. Aber irgendwie kann man es. Obwohl es mehr als absurd klingt. Ich weiß…
Dabei ging das Treffen nur knapp drei Stunden und ich wurde danach aus ‚geschäftlichen‘ Gründen nach Hause geschickt. Ich wurde sogar fast vor die Straße gesetzt, ohne zu wissen, ob ich mit dem Zug noch um die Zeit nach Hause komme. Aber er war so nett und fuhr mich dann doch noch zum Bahnhof, nachdem ich mich so hilflos und weinerlich verhielt. Klingt also nicht gerade nach einem Super-Date. Genau das ist eben das Absurde daran. Eigentlich hat nichts weiter stattgefunden als: Abholen/Bahnhof/Spaziergang – Erzählen/Gin/Blickkontakt – Verabschieden/Vespa/Bahnhof. Jeder Part davon dauerte aufgeteilt also jeweils eine Stunde. Und der Blickkontakt hat es mir am meisten angetan. 

Alles so banal, und doch so wahnsinnig gravierend für mich. Weil er mich so verdammt anzog, mit allem. Seiner Persönlichkeit, seinem Aussehen, seinem Charakter.. Und dass, obwohl ich ihn so gut wie gar nicht kannte, sondern nur erahnen konnte, wie er wohl wäre,..mit all meiner Menschenkenntnis war ich der Annahme, mir von vornherein ein exaktes Bild von ihm machen zu können. Welch dummer Gedanke,..eigentlich.
Es klingt alles so schwachsinnig, obwohl ich meine Gefühle und Gedanken damit nicht verleugnen möchte. Weil sie immer noch so präsent sind, wie damals. Meine Gefühle sind immer noch da, trotz all der Umstände. 

Klar fand ich es nicht toll, als ich nach drei Stunden spontan nach Hause geschickt wurde, trotz seines tollen Gästezimmers. Aber es hatte nichts mit mir zu tun, sondern mit einem Meeting, das sich ziemlich rasch via PC aufdrängelte. Wie auch immer..Vielleicht gab es im Nachhinein doch ganz andere Gründe. Wahrscheinlich war er auch zu dem Zeitpunkt schon in einer Beziehung. Ich habe keine Ahnung. Immerhin sagte er später oft genug, er sei vieles nicht wert. Schon gar nicht, dass ich ihn mag und ihn so begehre. Entweder litt er an falscher Bescheidenheit oder weil er wusste, dass er gerne mal Frauen betrügt. Ich wüsste gerne, was damals genau passierte. Eigentlich wüsste ich am liebsten noch viel mehr über ihn. Ich hätte ich so gerne kennengelernt, insgesamt. 
Heute vor einem Jahr war noch alles in Ordnung. Ein gewöhnlicher Samstagvormittag mit meinen Lieblings-TV-Serien und einer gewaltigen Portion Aufregung. Nebenbei texteten wir miteinander und erzählten davon, was wir alles miteinander vorhatten an diesem Abend. 
Alles war super und klang eindeutig nach Happy End. Etwas anderes wäre undenkbar gewesen, da alles zwischen uns perfekt war. 

Heute weiß ich, dass es perfekt nicht mehr gibt. Er war perfekt. Aber seit ungefähr zwei Monaten brach er den Kontakt ab, da er meine seltsamen Liebeserklärungen und mein bettelndes Verhalten nicht mehr länger ertrug. Verständlich. Warum habe ich mich nicht endlich mal zusammen gerissen? Er ist schließlich in einer Beziehung und scheint diese Frau mehr zu mögen, als mich. Denn wäre es anders, hätte er sich für mich entschieden. Dieser Fakt schmerzt. Seit zwei Monaten wohne ich auf seiner Blockierliste, da ich es einfach nicht verstehen wollte, dass er jeglichen Kontakt zu mir ablehnte. Da es nicht gut für ihn war und für mich sowieso nicht. Leider wollte ich nichts davon verstehen. Ich lebte immer noch in der Überzeugung, ihn umstimmen zu können. 

Es schmerzt. Kein Kontakt mehr, keine Möglichkeiten, kein Wiedersehen. Nie mehr. Dabei versprach er mir, dass wir uns im August wiedersehen. Ein Jahr später, ganz unverbindlich. Kaffee trinken, ganz kurz. Hauptsache, wir sehen uns. Aber daraus wurde nichts und meine Traurigkeit wuchs dadurch umso mehr. Wie sehr hatte ich mich auf dieses Treffen gefreut…jeder einzelne Moment hätte für mich gezählt und mich glücklich gemacht. Jede Sekunde ist wertvoll.
Seitdem herrscht in mir Leere, emotionale Leere. Diesen Abbruch verkrafte ich nicht. Ich spüre genau, dass er mir extrem fehlt. Mir fehlt diese eigentlich fremde Person, die immer zu mir sagte, er wäre eine Projektion. So etwas, wie ein Fantasiegebilde. Vielleicht war er das auch, und dennoch kann ich ihm nicht zustimmen. Für mich war er mehr. Manche Männer muss man nicht kennen, um zu wissen, dass sie die richtigen sind. Man weiß es einfach aus dem Herzen. 

Diese Story hört sich nach einem einzigen Chaos an. Und ja, es gibt tatsächlich kaum Worte und eine Erklärung dazu. Für mich ist es auch Chaos. Diese Story ist einfach nur Gefühl und beinhaltet diese starke unerfüllte Sehnsucht, die vielleicht niemand mehr stillen kann. Es ist schwer. 
Dieses Treffen spielt sich in meinem Kopf jedes Mal wie ein Film ab. Gerade heute. Ich erinnere mich genau daran, was ich wann getan habe, wann ich wann wo war… Dieser ganze Tag ist komplett in mir abgespeichert, mit all seinen Szenen und Wort- und Gedankenfetzen. Ich habe nur Schnipsel im Kopf. Auch der damalige Chat schläft auf meinem Handy. Alles ist so frisch, obwohl es schon ein Jahr her ist und ich frage mich, ob ich jemals aus dieser Endlosschleife flüchten kann, wenn ich doch so sehr an ihm hänge. Obwohl es überhaupt gar nichts bringt. Aber diesen Gedanken verdränge ich… 

Ich wisch dich weg

  
Manchmal habe ich das Gefühl, dass sich Dating immer mehr zum Trend entwickelt. Zum oberflächlichen Trend, in dem es kaum noch um echte Gefühle geht, sondern um ein knallhartes Auswahlverfahren, welches durch spezielle Apps verstärkt und erleichtert wird. Der Slogan ‚…wisch und weg‘ bekommt dabei eine ganz neue Bedeutung. Wenn ein Bild mit einem Mann erscheint, habe ich die Wahl, was als nächstes passiert. Wer mir nicht gefällt, wird unliebsam weggewischt, als ob es sich dabei um ein Objekt handelt und nicht um einen Menschen. Es ist, als würde man jemanden in die stinkende Mülltonne schmeißen..minderwertige Ware, sozusagen. Ignoranz. Oder der Gedanke: Hoffentlich meldet der sich nicht zurück. Gefällt mir hingegen jemand, wird er angeklickt und als grünes Häkchen in den Dating-Warenkorb gelegt. Oder in der Merkliste für später gespeichert. Immer nach Reihenfolge, da man nicht mehrere Dates gleichzeitig haben kann. Dann heißt es: Abarbeiten. Die richtig interessanten Leute zuerst und danach die, die sympathisch sind oder in echt richtig gut aussehen könnten, denn Bilder täuschen natürlich oft. Zumindest bei Frauen. Männer haben mehr Talent, sich auf Selfies authentischer darzustellen, da sie es einfach zu kitschig finden, die Bilder danach mit verschiedenen Filtern aufzubessern. 
Wie man sieht, könnte man Dating via App ein bisschen mit Shopping vergleichen. Kostenlos oder auf Kosten der Gefühle des anderen oder der eigenen Gefühle, sofern sich etwas entwickelt und Enttäuschung durch einseitiges Verknalltsein droht. Das kann alles vorkommen und es gibt zig Varianten, wie es nach einem Date weitergeht. 
Aber kann sich überhaupt etwas entwickeln, wenn man immer die Hoffnung hat, noch jemand Besseren zu finden?
Ich denke, dann würde man ewig suchen oder nie richtig glücklich sein, mit dem, den man gerade hat.
Allerdings können Dating-Apps tatsächlich Hoffnungen aufrechterhalten. Schließlich melden sich jeden Tag genug neue Leute an und dann geht das Klick-Auswahlverfahren von vorne los. 
Wisch – wisch – wisch – klick – wisch – wisch – wisch ….
Stellt sich die Frage: Was macht man mehr – klicken oder wischen?

Du verdienst mich nicht

 
Nachdem ich herausfand, dass ich allergisch auf Anti-Aging-Produkte reagiere und kein Koffein mehr vertrage, verstand ich einige Dinge in meinem Leben besser. Es war wie eine Kehrtwende alter Verhaltensweisen und eine enorme Umgewöhnung, zu Gunsten meiner Gesundheit und meiner Funktion als Loverin, die wenige Tage vorher ihren spekulativen Lover verlor.
Anti-Aging-Produkte machten meine Haut genauso nervös, wie es Koffein mit dem Inneren meines Körpers tat. Beides war nicht gut für mich und das einzusehen, war ein längerer Prozess, den ich erst spät tolerierte. Eigentlich sollte ich wissen, dass ich keine Anti-Aging-Produkte brauche, um nicht zu altern, weil ich noch zu jung dafür bin. Dennoch gibt es schon leichte Anzeichen von feinen Mascara-Fältchen über den Augenbrauen, die sich nach ein paar Minuten Ruhe zum Glück wieder glätten – noch. Um diese Falten komplett zu vermeiden, müsste ich auf Schminke verzichten und würde somit einen Teil meiner Persönlichkeit beerdigen. Von daher unmöglich.

Mit dem Koffeinverzicht war es komplizierter, weil ich Kaffee liebte und die Nachtschichten mit Energydrinks amüsanter und euphorischer waren. Aber nach der Einsicht, dass Koffein mich aggressiver und risikofreudiger machte, musste ich diesem Konsum ein Ende setzen, damit keiner meiner Mitmenschen wegen mir litt oder ich mir mein Leben mit meinen Stimmungsschwankungen selber viel zu schwer machte.

Die Anti-Aging-Produkte wurden bald durch hautfreundliche und sensible Cremes ersetzt und der Kaffee bekam einen neuen Partner, der sich Tee nannte. Oder ich trank koffeinfreien Pseudo-Kaffee, der geschmacklich nicht vom Original zu unterscheiden war.
Meine innere Unruhe verwandelte sich allmählich in inneren Frieden und sorgte für allgemeine Ausgeglichenheit. Ich lebte ohne Stress und ohne Ärger, alles war leichter als sonst. Außerdem gab es keinen Druck mehr, irgendetwas tun zu müssen, das andere Leute eventuell provozierte oder mich zu sehr aufputschte. Seit der Abstinenz konnte ich mein Leben mit einem Wort beschreiben: Zufriedenheit.

Alles andere, was mich sonst aufdrehte und unruhig machte, war am Verblassen, je unwichtiger es mit der Zeit wurde. Jegliche aufwühlende Geschichten verloren an Bedeutung und wurden durch neue Erlebnisse enthusiastisch überdeckt. Vergangenheit ist Vergangenheit. Daran sollte man sich lieber öfter erinnern, denn die Vergangenheit hat mit der Gegenwart nichts gemeinsam.

Mein schadstofffreies Bewusstsein machte mich stärker und meine Anti-Koffein-Einstellung galt als mein persönliches Resilienz-Training. Ich konnte von alten Dingen und Menschen loslassen, die nicht mehr in mein Leben passten bzw. ein gefühlter Bestandteil von mir waren. Abschied war keine Herausforderung mehr, sondern ein Neuanfang. Ein Abschied öffnet im Bestfall die Tür für drei neue Menschen – eine nicht gerade schlechte Option.
Nach einigen Wochen der Umstellung war ich gelassener und fand, dass ich ohne mein unglückliches Verknalltsein in einen unerreichbaren Typen, wieder zu einem normaleren Menschen wurde, der vernünftig denken konnte und nicht mehr zu spontanen Affekthandlungen tendierte, die auch nie halfen.
Getrost konnte ich mich mit dem Gedanken arrangieren, eine von mir hochbegehrte Person stückchenweise zu vergessen, indem ich sie mit neuen Erfahrungen einfach überblendete. Und nicht nur das: Mir wurde endlich klar, dass Leute, die sich von alleine nicht melden, wirklich (!) kein Interesse haben, weil sie längst heimlich vergeben sind und der zeitfressende Beruf manchmal nur ein glaubwürdiges Alibi für die neue Freundin ist. Solche Leute haben mich nicht verdient.

Niemand, der mich ignoriert, verdient mich.

Niemand, dem ich unwichtig bin, verdient mich.

Niemand, der nach anderen (‚besseren‘) Frauen Ausschau hält, verdient mich.

Niemand, der mich nicht zu schätzen weiß, verdient mich.

Niemand, der sich von mir genervt fühlt, verdient mich.

Niemand, der von Kreativität keine Ahnung hat, verdient mich.

Niemand, der mich ausnutzt, verdient mich.

Niemand, der mich anlügt, verdient mich.

Niemand, der mir etwas vorspielt, verdient mich.

Oberflächlichkeit verdient mich nicht.

Im Moment kann ich nur lächeln. Über alles, was in den letzten Monaten passierte und über gewisse Menschen, die mir interessante Erkenntnisse bescherten. Ich bin dankbar für negative Erfahrungen, denn ohne sie wüsste ich nicht, was ich wirklich will und welche Wünsche mir tatsächlich etwas bedeuten.