Der Auslöser

In einem Monat ist viel passiert. Eigentlich schon seit mehreren Monaten. Passiert nicht im Sinne von real, sondern es ist gedanklich sehr viel geschehen. Zuerst war es nur ein undefinierbares Chaos aus vielen kleinen Gedanken, die kein Ganzes ergaben. Aber irgendetwas schlummerte in mir und machte mich unruhig. Das Schlimme daran war, dass ich nicht wusste, was da genau in mir schlummert. Ich spürte nur die Auswirkungen dessen. Es war unangenehm. Da ich mich zuerst um mich selbst kümmern musste, litten mein Blog und meine Energie leider darunter. Ich füllte mich innerlich ziemlich schwarz und taub.

Ich hatte das Gefühl, etwas völlig Neues im Leben machen zu wollen – aber ich wusste nicht, WAS? Daraus entstand nach und nach eine Art von Getriebenheit, die ins Leere führte… oder eben zum Psychologen. Tausend Gedanken, die zu nichts führten. Nur Unruhe, die mich innerlich mehr und mehr zerfraß und kaputt machte. Unzufriedenheit ist Gift. Dabei war das gar keine richtige Unzufriedenheit, sondern eher eine erfolglose Suche nach meinen wahren Wünschen und Lebenszielen. Irgendwie gab es nichts Konkretes, sondern nur umnebelte Grübeleien.

Dieses Chaos beherrschte mich ungefähr ein halbes Jahr und vielleicht schon länger. Nur da spürte ich noch nicht bewusst, dass irgendetwas nicht stimmt. Es fing einfach an und ich konnte dieses Gedankenchaos kaum ertragen.

Viele der Gedanken sind inzwischen wieder vergessen. Im Nachhinein finde auch ich sie absurd und bin froh, daraus nichts gemacht zu haben, da ich Entscheidungen gerne schnell treffe und meine spontanen Ideen aktiv verarbeite.

Die ersten Gedanken waren:

Ich muss etwas machen.

Bloß kein Stillstand.

Das kann es doch jetzt nicht gewesen sein?

Ich muss eine tolle Idee haben.

Mein Leben muss anders werden. Irgendwie.

So ging das jeden Tag – ich grübelte viel, kaufte Bücher. Teilweise welche, die mich in meinen Gedanken bestärkten (Bücher über Erfolg, Finanzen…) und welche, die mich beruhigen sollten (Bücher über Achtsamkeit, Glück und Spirituelles…). Wenn man täglich den Gegensatz lebt, wird man unruhig, weil die Gefühle nicht zueinanderpassen und sich abstoßen. Ich konnte mich nicht entscheiden zwischen Aktivität und Entspannung. Im Nachhinein fällt es mir schwer, darüber zu schreiben, weil ich nicht beschreiben kann, was vor einigen Monaten in meinem Kopf vorging. Es fühlte sich wie eine Krankheit an. Mein Denken war krank und zerstört. Irgendwie hätte ich mir zu dem Zeitpunkt schon Hilfe suchen sollen, damit es wieder mehr Klarheit in mir gegeben hätte. Meine Begründung für mein Befinden ist, dass ich vielleicht manisch war. Im normalen Leben befinde ich mich ja auch meist an der Grenze zur Manie. Vielleicht erklärt das diese verwirrten Episoden, an die ich mich später kaum richtig erinnern kann, wenn alles wieder in Ordnung ist und Ruhe einkehrt.

Berufliche Ideen die ich hatte: einen Modeladen haben, Parapsychologe werden, der Traum vom Künstler (wie auch immer), …und zum Schluss Seelsorger… und all das am besten nebenberuflich, da ich mit meinem Hauptjob zufrieden bin oder ab jetzt – war.

Mir wurde von allem abgeraten und ich stimme dem zu. Auch, wenn es zuerst nicht ganz leicht war und meine Sturheit eine Weile anhielt, bis ich kapierte, dass mein Kopfkino verloren hatte. Manchmal dauert die Einsicht ein wenig länger.

Dann stand ich völlig ohne Ideen und ohne Ziele da. In mir völlige Leere und wenig Motivation. Wenn ich kein Ziel habe, kehrt die Gleichgültigkeit in mir ein. Alles so zu akzeptieren, wie es ist und damit zufrieden zu sein. […Bloß nicht zu viel nachdenken. ist doch eh egal…] Das ist natürlich nicht verkehrt und man kann damit leben. Aber in mir fehlte trotzdem etwas. So normal kann ich einfach nicht leben. Ohne Ziele fühle ich mich ziemlich tot. Wenn ich mich frage, wohin mich dieses ’normale Leben‘ führt, dann sehe ich da keine große Motivation. Was gibt es da für mich zu erreichen? Antwort: Nichts. Auf meiner Arbeit gibt es nichts mehr zu erreichen. Es gibt keinen Fortschritt, der mich reizen würde. Stationsleitung ist nicht mein Ding und Co-Therapeut auch nicht. Ich arbeite also nur, ohne Steigerung und ohne Happy End. Ich bin Mitarbeiter, Vollzeit bis zur Rente. Wahrscheinlich wird es mit zunehmendem Alter nur viel anstrengender dort. Ich arbeite in der Geronto-Psychiatrie, die in den nächsten Jahren noch erweitert wird. Soll ich da wirklich bis zur Rente bleiben und jeden Tag ungefähr 20 Kilometer mit dem Rad zur Arbeit fahren? Bei Wind und Wetter? Ein Auto will ich nicht, weil ich den Führerschein gar nicht verdient habe und in einer Großstadt eine Gefahr für mich und andere bin. Und öffentliche Verkehrsmittel schließe ich sowieso aus, weil ich es nicht mag, von Zeiten abhängig zu sein und mehrmals umsteigen zu müssen. All das hindert mich nur in meiner Unabhängigkeit. Es passt alles nicht mehr so gut zueinander. Ich sehe da nicht mehr so viel Glücks-Potential.

Vor einigen Wochen hat sich ein neuer Gedanke unbewusst in mir eingenistet. Ich wusste nicht, welches Ausmaß er noch annehmen wird. Meine Mutter ist Künstlerin und führt den Laden meines Bruders. Sie hat dort etliche selbst gemalte Bilder und vieles anderes. Als ich einmal mit meiner Mutter telefonierte, kamen wir auf das Thema zu sprechen, was eigentlich mit dem Laden und den Bildern passiert, wenn sie in Rente geht. Sie meinte, dann wird es den Laden nicht mehr geben und man muss sehen, was mit den Bildern passiert. Die Vorstellung tat mir sehr Leid, da es den Laden seit fast 30 Jahren gibt und ich damit aufgewachsen bin. Ich kenne die ganze Entstehung und das Wachstum. Daran zu denken, all das in wenigen Jahren aufzulösen, ist Horror für mich. Ich dachte nur: Das geht nicht… Aber über eine Lösung machte ich mir vorerst keine Gedanken, da es noch nicht soweit ist.

Mir war immer klar, dass die Arbeit als komplett Selbständiger nichts für mich wäre, weil man weniger Sicherheit hat, als wenn man als Angestellter arbeiten würde. Deswegen hatte ich kein Interesse daran, das Gleiche wie meine Eltern zu machen und wurde lieber Krankenschwester. Ein Beruf, mit dem man überall zurecht kommt und keine Angst haben muss, dass man keine Arbeit findet. Sicherheit war mir immer wichtig. Obwohl ich als Krankenschwester zuerst völlig ungeeignet war. Hätte ich mich nicht weiter entwickelt, hätte ich das tatsächlich vergessen könne. Ich war damals extrem schüchtern und hatte Schwierigkeiten, mit fremden Menschen zu reden und offen mit ihnen umzugehen. In meinem ersten Praktikum bekam ich eine sehr schlechte Beurteilung, weil ich mich mehr mit dem Befüllen des Wäschewagens beschäftigte, als mit den Patienten. Ich hatte überhaupt keinen Draht zu hilflosen Menschen, die krank waren. Aber in kurzer Zeit entwickelte ich mich zu einem anderen Menschen, der nicht mehr so schüchtern war und hatte insgesamt weniger Probleme.

Nach dem Anruf ging alles so weiter wie sonst. Nur dass ich öfter an den Laden dachte. Und dem Untergang der Kunst. Zu einigen Bildern habe ich sogar eine emotionale Bindung. Dass der Laden von jemand anderem übernommen wird, ist für meine Familie bzw. meinem Bruder keine Option. Alles wäre irgendwann weg. Und die 30 Jahre, in denen all das entstand, hätte keine Präsenz mehr. Das wäre so schade. Ich ließ den Gedanken jedoch so stehen.

Momentan besteht kein Grund zur Sorge, meine Mutti ist noch da, jeden Tag. Das war mein vorletzter Gedanke zu dem Thema.

Aber meine Einstellung zum Traumjob in der Psychiatrie hat sich an einem Tag schlagartig und auch für mich unerwartet geändert. Auf unserer Station herrscht seit Monaten starke Unruhe, aus diversen Gründen, die ich hier nicht erwähnen muss. Ich möchte mich auch gar nicht weiter über die Situation aufregen.

Der Auslöser für einen beruflichen Neustart war der Dienstplan und alles, was damit zusammenhängt. Ich habe gemerkt, dass das Privatleben als Angestellter kaum zählt und auf manche Umstände keine Rücksicht genommen wird. Eigentlich ist man nur ein moderner Sklave, der keine Wünsche haben darf. Sollte man z.B. einen Dienstplanwunsch haben, muss man diesen genau erklären und sich dafür rechtfertigen. Man muss seinen Wunsch gut begründen können, damit man ihn sich verdient. Was für ein Scheiß?? Mich hat das absolut fertig gemacht. Wenn man merkt, dass das Privatleben egal ist und man nicht genug Tage am Stück frei bekommt, damit man sich um sein privates Glück kümmern kann. Mich hat das sehr niedergeschlagen. Mir wurde sofort klar: Das will ich nicht.

Außerdem wurde mir bewusst, dass sich alles, wonach ich insgeheim gesucht habe, bereits in meinem Leben befindet und ich gar nichts Neues erschaffen muss, aus dem sich vielleicht etwas entwickeln könnte. Nein, es ist alles schon da. Auf einmal war es für mich ganz offensichtlich: Ich übernehme in ein paar Jahren den Laden meiner Mutter. Bis dahin ist noch genug Zeit, um sich mit den Vorbereitungen zu beschäftigen. Es wird nichts überstürzt. Auch wenn die Idee sehr überraschend kommt. Aber wahrscheinlich ist das jetzt tatsächlich das Richtige für mich, weil sich die Vorstellung gut anfühlt. Ich sehe darin nichts Negatives.

Wo vorher Leere war, sind nun ganz viele Ziele. Auf einmal ist alles da, was wichtig ist. Ohne Ziele kein Halt im Leben und das zieht einen runter. Momentan bin ich euphorisch. Ich mag den Gedanken, in wenigen Jahren selbständig zu arbeiten und mein eigenes Ding zu machen. Nur ich allein bin dafür verantwortlich, was passiert. Kein Stress mehr mit Kollegen und unmöglichen Dienstplänen. Keine Feiertagsdiskussionen mehr. Sondern Freizeit und Arbeit wie ich es will. Meine Verantwortung und meine Kreativität sind gefragt und das ist der perfekte Deal.

Aber letztendlich ist das erst einmal Träumerei. Auch, wenn ich mich bereits entschieden habe, gibt es immer noch zwei andere Personen, die mitentscheiden müssen. Von deren Entscheidung hängt meine Zukunft leider ab. Deswegen hoffe ich, dass sich alles zum Guten entwickelt und mein Wunsch erfüllt wird.

Jemand und Gin 4

[…]

Ich muss lächeln, als ich mich an meine früheren Wutanfälle erinnere, wo ich sämtliche Klamotten zerrissen habe. Am liebsten Unterhemden, weil ich die richtig hasste. Jeder, der mich heute kennenlernt, kann sich glücklich schätzen, dass diese Zeiten vorbei sind und ich andere Bewältigungsmechanismen verwende. Unter anderem Arbeiten. Aber nicht nur das. 
Türen schlagen ist übrigens auch lange out. Genauso wie eine volle Kellogg’s-Schale auf dem Küchentisch zerschmettern zu lassen. Ich weiß nicht mehr, warum. Eigentlich reichte manchmal nur ein einziges falsches Wort, welches sich dann als Missverständnis entpuppte. Früher konnte ich mit Kritik nicht umgehen, deswegen wurde ich schnell Klassenbeste, damit niemand mehr etwas zu sagen hatte. Perfektion motivierte mich enorm und ich bekam umso mehr Taschengeld, welches ich für Plüschtiere ausgab. Und für Chupa Chups Lutscher, sowie deren Apparaturen, wo man sie reinstecken konnte.

Die weiße Decke, unter der ich liege, fühlt sich angenehm an. Sie riecht nicht so muffig, wie manch andere Decke, unter der ich schon geschlafen habe. Ich finde die Aura der Decke bezaubernd. Meine Handtasche liegt auf dem Fußboden. Ich krabbel mit der linken Hand rein und versuche blind die Pillendose zu ertasten, weil ich meinen Kopf unter der Decke lasse und nichts sehen kann. Zwischen all dem Kram finde ich sie nicht, weil sie wahrscheinlich ganz unten liegt. Alles liegt unten, wenn man etwas sucht. Das ist mit den Akten auf Arbeit nicht anders.  Aber ich will nicht unter der Decke hervorkommen, um nachzugucken.

In dem Moment geht das Licht an, meine Hand erstarrt in der Tasche. Dann herrscht einen Atemzug völlige Ruhe.

„Was machst du denn da“, herrscht er mich an.

Ich weiß nicht, was er sich bei dem Anblick denkt. Wenn er zehn Minuten später gekommen wäre, wäre vielleicht alles gut. Aber er hat zu früh das Zimmer betreten, weil ich immer noch etwas durcheinander bin und nicht weiß, was mit mir los ist. Deswegen wollte ich meine Pillen haben. Die hätten mich zurück ins Gleichgewicht gebracht.

„Also, was ist los“, fragt er. 

Er hat eine logische Antwort verdient. Aber die kann ich ihm jetzt nicht geben.

„Mein Unterbewusstsein ist los.“

Für mich die logischste Antwort. Anders lassen sich spontane Stimmungsschwankungen nicht beschreiben. Sie kommen und gehen unangekündigt, wenn irgendwas in mir ausgelöst wird, ohne zu wissen, was.

„Und was machst du da in deiner Tasche?“

„Ich suche etwas.“

Er lacht kurz. Dann macht er das Licht wieder aus und unter der Decke wird es so dunkel, wie vorher.

Dass er so schnell geht, hätte ich nicht gedacht. Vor allem, weil es inzwischen ziemlich spät sein muss. Irgendwann wird er sicher ins Bett wollen. Als es auf einmal klingelt, werde ich aus meinen Was-wäre-wenn-Gedanken herausgerissen.

Ich schaue auf mein Handy. Es ist 23 Uhr. Später, als ich dachte. Dass ich schon einige Stunden hier bin, kann ich mir gar nicht vorstellen und ich bin nicht einmal müde.

Viel wichtiger ist: Wer ist da an der Tür? 

Ich bleibe im Bett, denn alles andere wäre zu gewagt. Besucher haben sich im Hintergrund zu halten. Ich bilde mir ein, eine Frauenstimme zu hören. Was auch sonst. Zwei Stimmen wechseln sich ab. Er und sie. Ich fühle mich wie ein versteinerter Vulkan, weil ich ausbrechen will und nicht darf. Es wäre ja sowieso viel zu übertrieben, da ich nicht weiß, worum es geht und alles nur Kopfsache ist. Und weil es mich eigentlich absolut nichts angeht. Aber die Neugier bleibt. 

Ich stelle mich still vor die Schlafzimmertür, um durch den offenen Spalt mehr mitzukriegen. Mein Strickpullover klebt. Entweder habe ich unter der Decke zu sehr geschwitzt oder der Vulkan findet sein Ventil und läuft gerade in Form von Angst an mir hinunter. Wut ist es nicht, sondern Angst vor Verlust.

Nach ewigen Minuten ist das Gespräch an der Tür vorbei. Es geht mir nicht besser und nicht schlechter. Ich befinde mich nun eher in dieser Egal-Stimmung, die mir ganz gut gefällt. Lieber so, als zu viel Emotionen. Letztendlich kann ich doch sowieso nichts ändern und muss die Dinge so hinnehmen, wie sie sind.
Ich komme vorsichtig aus dem Zimmer, wie nach einem Streit zwischen zwei Erwachsenen, der gerade an der Haustür beendet wurde. Die Luft ist rein und das nächste Drama könnte beginnen.

„War das die mit dem Duschbad?“, frage ich zusammenhangslos.

Er schaut mich irritiert an. 

„Ich meine, ob das pinke Duschbad auf dem Wannenrand von ihr ist.“

Irgendwie gibt es dafür wohl keine Antwort, die mich etwas angeht. Oder er weiß nicht, wovon ich rede.

Ein Glück, dass ich innerlich gerade stumm bin und nicht das Bedürfnis habe, sehr viele Fragen zu stellen. Die beantworte ich mir lieber selber in meiner Fantasie, denn die Wahrheit will ich echt nicht wissen. Ich weiß nicht, wie meine Wohnung dann aussehen würde und ob mich der Gin Toxic aus meiner Küche vernichten könnte, wenn mir vorher nicht schlecht wird. Mit Apfelsaft hätte er gute Chancen, zusammen mit einer anschließenden Zugfahrt. Das hat schon einmal geklappt. 

Nach meinem Statement gehe ich zurück ins Schlafzimmer. Ich trotte eher lässig zurück. So, als ob ich bei ihm wohnen würde. Dabei könnte er mich immer noch rausschmeißen, wenn ich zu anstrengend werde. 
Wieder liege ich unter der Decke. Bis er sie wegnimmt und es wieder richtig hell wird. 

„Jetzt ist Schluss. Du machst jetzt, was ich sage. Ist das klar?“

Er sieht ernst aus und ich spüre sofort, dass es keine leere Drohung ist. Mir ist sowieso schon die ganze Zeit bewusst, dass ich mit meinem Verhalten zu weit gehe. Ich wollte nur testen, wie weit ich gehen kann. Und jetzt muss ich artig sein und mich benehmen. Seine Wohnung, seine Regeln. Ich der Gast.

Aber wahrscheinlich testet er mich. Er hat solche Sachen schon einmal erwähnt und behauptet, er würde mich testen. Es ist schon länger her, aber ich weiß es.

Er guckt mich an, ohne seinen Blick aufzulockern und zeigt mir, dass ich Grenzen überschritten habe. 
„Jetzt komm unter der Decke vor, ich will dich sehen, Kleine.“

Ich mache was er sagt und schaue zu ihm hoch. Alles wie beim letzten Mal, nur dass das hier kein Abschied ist, sondern die Fortsetzung. 

„Und jetzt zieh dich aus. Das solltest du vorhin schon tun.“

Ich halte kurz inne, ziehe zuerst die Leggings und dann den Pullover aus. 

Diesmal trage ich pastellfarbene Reizwäsche in weiß und rosa. Passt ja auch perfekt, wenn man blass und unvorbereitet ist. 

Er betrachtet mich und sein Blick gleitet von oben nach unten und wieder zurück.

„Dreh dich mal.“

Nachdem ich mich einmal gedreht habe, positioniert er mich so, dass ich mit dem Hintern vor ihm stehe. Dann zieht er mir den Slip runter und streichelt meinen Po. Es fühlt sich so angenehm an, dass mir warm wird. Am liebsten würde ich mich umdrehen und ihn umarmen. Aber das geht nicht. Seine Hände zu spüren ist toll. Mein kleiner Po passt genau in seine großen Hände. 

Dann macht er meinen BH auf. So geschickt und zart, dass ich es kaum bemerke. 

Ich drehe mich wieder zu ihm, um ihn sehen zu können. Seine Augen sind so faszinierend blau und tief. Ich las einmal ein Buch über Charisma. Er könnte es geschrieben haben, denn er besitzt davon reichlich. 

Ich liebe es, wie er mich anschaut und dabei ernst bleibt. Er steht selbstbewusst in Jeans und Hemd vor mir und ich bin völlig nackt. Seine Blicke scheinen keine Stelle meines Körpers auszulassen. Er nimmt mich mit zu dem Stuhl, der immer noch mitten im Raum steht.

„Setz dich dort hin“, befiehlt er. 

Der Stuhl ist aus Holz und fühlt sich kalt an, unter meiner warmen Haut. Er steht angelehnt an der Tischkante und beobachtet mich, ohne einen Hauch von Mimik. Er hat das Sagen und ich habe nicht mehr das Bedürfnis, etwas zu tun, was dem widerspricht. Ich habe mich wieder unter Kontrolle, so lange er den Ton angibt und direkte Ansagen macht. Ich möchte ihn nicht provozieren. Ich will nichts kaputt machen. Nicht wieder.

Er sitzt minutenlang einfach nur da und schaut mich an. Ich kann seinen Blick nicht halten und schaue Weg. Dennoch sagt er dazu nichts. 

Dann kommt er zu mir. 

„Und jetzt guck mich an!“

Seine Stimme ist trotzdem leise und ruhig. 

Während er mich anguckt denke ich ‚fick mich‘. Ich denke es die ganze Zeit, bis ich es ausspreche:“Fick mich.“

Ich spüre, dass es ihn sofort anmacht. Es ist, als würden seine Augen etwas aufblitzen, ohne dass man es wirklich sieht. Ich kann es nur spüren. Sein Blick wirkt danach noch eindringlicher. 

„So so“, sagt er nur. „Und wie heißt das richtig?“

„Fick mich,..bitte.“

„Schon besser, Kleine.“

Ich verstehe nicht, warum ich noch auf diesem Stuhl sitze, anstatt mit ihm sofort ins Bett zu gehen. Innerlich bin ich unruhig und heiß geladen. Ich gucke ihn flehend an und merke, dass es ihm nicht anders geht. 

Ungefähr eine Viertelstunde sitze ich auf diesem Stuhl mit der Hoffnung, dass es gleich weiter geht. Dann klingelt sein Handy. Es ist längst Nacht! Wer ruft denn da noch an? Ich ahne gleich, dass das alles irgendwie nicht gut ist. Er verzieht sich mit dem Handy ins Schlafzimmer, damit ich nicht zu viel mitkriege von seiner Arbeit. Ich höre seine Stimme, aber keine Worte. Inzwischen fühle ich mich unwohl. Meine Sachen liegen direkt vor der Schlafzimmertür und kann sie nicht holen, da ich sonst zu nah am Telefongeschehen wäre. Er würde denken, dass ich neugierig bin. 
Aber weil ich mich zunehmend unbehaglicher fühle, hole ich schnell meine Sachen und entferne mich gleich wieder von der Tür.

Es dauert nicht lange, bis er fertig ist und ich angezogen auf dem Stuhl warte. 
„Es tut mir Leid, aber du musst gehen. Ich habe noch zu tun.“

„Wie jetzt? Mitten in der Nacht? Wo soll ich denn hin? Ich kann doch hier bleiben.“

„Nein, es kommen gleich ein paar Kollegen, wir haben was zu besprechen.“

Ich kann das fast gar nicht glauben, aber ich versuche es zu verstehen. 

„Ich weiß nicht, wo ich hin soll.“

„Nehme dir ein Hotel, ich bezahle es.“

„Nein, brauchst du nicht. Ich hab genug Geld. Aber ich find es nicht gut, jetzt gehen zu müssen.“

„Ich auch nicht. Ich habe mir die Nacht auch anders vorgestellt. Aber es ist wichtig. Nehme es bitte nicht persönlich, okay?“

Ich schweige und gucke betreten weg. Mir gefällt das nicht.

„Wie soll es denn weitergehen? Sehen wir uns wieder?“

„Ja, auf jeden Fall. Mach dir keine Gedanken. Versprochen?“

„Es wird mir schwerfallen. Aber ich versuche es.“

„Du musst jetzt gehen, Kleine.“

Ich strenge mich an, die Tränen zu verdrängen. Es fällt mir jedoch enorm schwer. 

„Meldest du dich dann bitte wieder bei mir? Ich meine, du hast mich blockiert, was ich nicht verstehe.“

„Ja, dafür gibt es andere Gründe. Ich werde mich bei dir melden, wenn ich mehr Zeit habe. Und bitte warte nicht auf mich, sondern genieße dein Leben bis dahin.“

„Das macht mich traurig.“

„Nicht doch, dafür gibt es keinen Grund. Ist doch alles toll!“

Alles toll. Jaja. Ich hole enttäuscht meine Tasche aus dem Schlafzimmer und ziehe mich an. Mit dem Taschentuch trockene ich mir die Tränen ab, bevor sie sichtbar herunterkullern. Das will ich nicht. Er soll nicht denken, dass ich labil bin oder klammere. Oder sonst was.

Ich gucke ihn an und es bricht mir fast das Herz, jetzt von ihm nach Hause geschickt zu werden.

„Darf ich dich umarmen?“, frage ich.

Und dann tue ich es einfach. Es fühlt sich so gut, wie bei keinem anderen. Ich würde aus diesem Moment gerne eine Stunde machen. Aber es geht nicht, er löst sich aus der Umarmung. 

„Bis zum nächsten Mal?“, frage ich leise.

„Ja, bis bald.“

Ich werde versuchen, mir keine Hoffnungen zu machen, wann bald ist. Bald kann auch irgendwann sein. Oder vielleicht sogar nie. 

Dann lässt er mich aus der Wohnung und hinaus in die Nacht. Ich drehe mich nicht noch einmal um, denn das würde wehtun. 

In meiner Tasche liegt mein iPod. Er ist noch an und steht seit dem Lied ‚Never be like you‘ von Flume auf Pause. Schöner Song, der gerade gut passt. In der anderen Jackentasche befindet sich mein kleiner Notizblock, der für unterwegs immer wichtig ist, um Gedanken sofort aufzuschreiben. Leider habe ich diesmal keinen Stift dabei. Mein Ausflug war ja nicht geplant.
Ansonsten bin ich gerade mitten in Berlin, auf der Suche nach irgendeinem Hotel, welches mir den Abschiedsschmerz nimmt und mir einen verträumten Schlaf schenkt. Leider werde ich so ein Hotel niemals finden. 

Mein Handy vibriert in der Tasche. Ich hole es sofort heraus und erwache schnell wieder aus meiner Traurigkeit, als ich die Nachricht lese.

‚Komm gut nach Hause, Süße. Du warst bezaubernd.‘
Ich bin glücklich und warte mit Sehnsucht auf unser Wiedersehen. Irgendwann. 

– Ende –