Das alte Leben weggeben

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Dass ich noch einmal umziehe, hätte ich nicht gedacht. Obwohl ich immer von einer anderen und tolleren Wohnung träumte, hatte ich mich dann doch mit 47 qm abgefunden. Ich richtete alles so ein, bis sich das Wohnungsflair gut genug anfühlte. Aber dennoch war es nie wirklich perfekt. Weil es die falsche Wohnung war, um sich auszuleben und um ‚richtig‘ zu leben. Trotzdem war ich lange genug der Meinung, dass ich darin irgendwann, wenn ich sehr alt bin, mal sterben würde. Und niemand mich findet. Eine Horrorvorstellung, die leider zur Realität werden kann, wenn man ein anonymes Leben führt und gerne seine Ruhe hat.

In 5 Wochen ziehe ich um. Weg aus der Gesundheitsbranche, weg aus Rostock und rein ins Urlaubsparadies Usedom in meine Traumwohnung, die ich tatsächlich mit einer Menge Glück gefunden habe. Diesmal war es einfaches Glück: Kurze Suche, schnelle Zusage – und zwar am selben Tag der Besichtigung. Das muss man auf Usedom erst einmal schaffen. Es ist echt toll, seinen Umzug über ein halbes Jahr verteilt zu planen. Gerade, wenn man Umzüge hasst. Viel Organisation, viel Chaos… da den Überblick zu behalten macht keinen Spaß. Ich bin jedes Mal froh, wenn ich einen Notizzettel löschen kann oder ein komplizierter Anruf geklärt ist. Diesmal habe ich jedoch dazugelernt, dass Telefonieren doch ganz sinnvoll sein kann und man sich Umwege erspart. Manche Angelegenheiten lassen sich nur per Anruf klären und es ist gar nicht so schlimm, wie ich immer dachte. Trotzdem versuche ich es zuerst lieber mit langen E-Mails.

Heute bin ich ziemlich müde und kaputt. Mein Kopf fühlt sich voll an und mir ist extrem warm, dazu noch eine handvoll Kopfschmerzen. Krankgeschrieben bin ich auch, aber nicht deswegen. Trotz alledem schreibe ich diesen Beitrag. Ich möchte gerne bestimmte Momente festhalten, die mich innerlich ziemlich bewegen und nachdenklich machen, da man in solch eine Situation eher selten kommt. Außerdem möchte ich wieder mehr schreiben. In den letzten Monaten war mein Leben beruflich zu zerwühlt, um zum Schreiben noch genug Zeit und Nerven zu haben. Ich möchte gerne schreiben, aber nicht unter Stress. Ich denke, die Zukunft sieht da besser aus.

Gerade bin ich dabei, mein altes Leben in fremde Hände wegzugeben. Einige Möbel kann ich nicht in meine neue Wohnung mitnehmen, da sie entweder nicht passen oder meinen Geschmack nicht mehr treffen (manchmal ist es doof, wenn man anspruchsvoll ist). Dennoch sind es gute Möbel, über die man sich vor paar Jahren mal den Kopf zerbrochen hat. Jedes Möbelstück war gut überlegt und war mit vielen Gedanken verbunden. Ich habe ewig gebraucht, den ‚perfekten‘ TV-Schrank zu finden und die richtige Küche. Nach passenden Möbeln zu suchen und sich dann zu entscheiden, kann sehr nervig sein. Ich mag es, mich neu einzurichten, aber stressen tut es mich genauso. Zu viel Auswahl quält mich oft. Ich schaue mir gerne Möbel an und mag es, mich inspirieren zu lassen, aber ich kann es nicht genießen. Entspannen kann ich mich dabei nicht und teilweise ist es schwierig, dabei positive Gefühle zu haben, wenn man weiß, dass die Sachen noch geliefert und aufgebaut werden müssen. Dazu kommt noch Preis und ein kleiner Zweifel.

Gestern wurde mein gut ausgewählter TV-Schrank abgeholt und heute meine Küche samt Roller-Couch-Tisch. Einfach weg. Weg vom langjährigen Platz, weg aus meinem Leben. Irgendwie fühlt es sich komisch an. Vor kurzem war meine Einrichtung noch vollständig, dekoriert und genutzt…alles hatte seinen Platz, der dafür wie zugeschnitten war… und jetzt wohne ich in einer Wohnung mit fehlender Vergangenheit. Meine Vergangenheit wurde mir freiwillig genommen. Jetzt klafft in meiner Küche ein Loch, dort, wo der Büffetschrank stand und in der Wohnstube, in der nun Tisch, Anbauwand und TV-Schrank fehlen. Alles weg. Und das kostenlos. Weil die Möbel für den Sperrmüll zu schade waren und die Leute im Internet nicht wirklich Lust darauf haben, gebrauchte Möbel zu kaufen, die sie auch noch selber abholen müssen.

Ich habe kein Problem damit, Sachen zu verschenken. Mir gefällt das besser, als wenn ich sie wegschmeißen würde. Das wäre Verschwendung, wenn der Zustand noch fast wie neu ist. Ich freue mich lieber daran, wenn Leute Freude an den Dingen haben, die ich verschenke und das Verschenkte dadurch ein neues Leben bekommt. In einem anderen Haushalt, mit anderen Menschen.

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Shpock und Wunschdenken

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An einem Samstagabend war ich ganz euphorisch, nachdem ich mir die App herunterlud. Ich wollte unbedingt mein Handy verkaufen – ohne Ebay und ohne Ankaufportal. Sondern ganz alleine und am besten schnell. Shpock schien dafür perfekt zu sein, schnell und easy.
Also machte ich ein paar Fotos vom Handy und beschrieb kurz alle Details.

Ich war mir sicher, dass ich das Handy bald verkaufte. Vielleicht sogar innerhalb einer Woche, da es wie neu war und perfekt funktionierte. Es war wirklich perfekt neuwertig mit Originalverpackung, ungebrauchtem Zubehör und Schutzhüllen. Ein Traum für 400€.
Was sollte da schiefgehen?
Nach 5 Minuten war alles fertig, der Verkauf konnte losgehen und ich war zufrieden.

Natürlich trudelten wenig später schon die ersten Fragen ein, ob es auch billiger geht und der erste Deal begrüßte mich: 300€
Ich lehnte ab. Für so ein neuwertiges Handy waren 300€ ein Witz.

So ging es an dem Abend weiter.
Immer wieder dieselben Fragen, ob das Handy noch zu haben ist oder ob man preislich noch etwas machen kann. Dazwischen vereinzelt Tauschangebote, ob ich das Handy gegen eine Playstation tausche oder ob ich nicht vielleicht ein Samsung Handy dafür haben möchte…

Am nächsten Abend machte mir ein nettes Mädel Hoffnungen. Sie fand die 400€ okay, und fragte, ob sie es auch für 380€ haben könne. Sie würde es dann am nächsten Tag gleich abholen. Sie machte ein Angebot – 380€ – und ich willigte ein. Danach musste sie nur noch einwilligen und der Kauf stand. Aber sie willigte nicht ein und meldete sich nicht mehr.

Dann kam noch jemand mit einem Deal für 380€. Ich willigte ein und er brach alles wieder ab.
Deal abgebrochen. Welch ein blöder Satz!
Warum macht denn jemand erst ein Angebot, wenn er davon doch nicht überzeugt ist? Diese Logik verstand ich nicht.

Mehr als das passierte bei Shpock nicht. Angebote für 300€ und diverse Abbrüche.
Lauter Deals, die nicht stattfanden. Im Handel würde so ein Handy viel mehr kosten. Wenn man etwas wirklich will, kauft man es. Meist ohne viel zu überlegen.
Ich habe im Sommer mal ein T-Shirt für 120€ gekauft, weil ich es unbedingt haben wollte und das Shirt fast ausverkauft war. In dem Moment gab mein Verstand keine Warnsignale, weil der Wunsch einfach stärker war, als die Vernunft. Ich kaufte es und bereue es bis heute nicht, obwohl ich es nur selten trage.

Ich wurde mein Handy nicht los, da ich keine Lust mehr hatte, mit dummen Leuten zu verhandeln. Entweder ja oder nein. Niemand sagte JA, sondern bekam Schiss.
Am liebsten würden die Käufer bei Shpock alles geschenkt kriegen und nach Hause gebracht bekommen. So mein Eindruck. Ich verschenke mein iPhone und bringe es zu dir nach Hause. Ja, das wollen sie.

Aber ich wollte nicht nur mein Handy verkaufen, sondern auch Bücher, die ich nicht brauchte.
Ich verkaufte jedes Buch für 2€.
Eine Frau interessierte sich für ein Buch. Sie wollte wissen, wie teuer es mit Versandkosten wäre.
4,20€
Danach hörte ich nichts mehr von ihr.

Dann gab es noch jemanden, der auch an einem Buch interessiert war und er machte gleich einen Deal.
Er fragte anschließend nach den Versandkosten und alles war gut.
Er schrieb, er würde mir die 5,80€ sofort überweisen.
Smile.
Er tat es nicht.

Nun frage ich mich: Was soll der Mist?
Haben die Leute alle kein Geld, dass sie nicht einmal 5€ bezahlen können? Was ist los mit denen?
Woanders sind Bücher viel teurer.

Fazit: Das Portal eignet sich für Kriminelle und für Leute, die das Talent haben, so lange zu feilschen, bis es kostenlos ist.

Ich wisch dich weg

  
Manchmal habe ich das Gefühl, dass sich Dating immer mehr zum Trend entwickelt. Zum oberflächlichen Trend, in dem es kaum noch um echte Gefühle geht, sondern um ein knallhartes Auswahlverfahren, welches durch spezielle Apps verstärkt und erleichtert wird. Der Slogan ‚…wisch und weg‘ bekommt dabei eine ganz neue Bedeutung. Wenn ein Bild mit einem Mann erscheint, habe ich die Wahl, was als nächstes passiert. Wer mir nicht gefällt, wird unliebsam weggewischt, als ob es sich dabei um ein Objekt handelt und nicht um einen Menschen. Es ist, als würde man jemanden in die stinkende Mülltonne schmeißen..minderwertige Ware, sozusagen. Ignoranz. Oder der Gedanke: Hoffentlich meldet der sich nicht zurück. Gefällt mir hingegen jemand, wird er angeklickt und als grünes Häkchen in den Dating-Warenkorb gelegt. Oder in der Merkliste für später gespeichert. Immer nach Reihenfolge, da man nicht mehrere Dates gleichzeitig haben kann. Dann heißt es: Abarbeiten. Die richtig interessanten Leute zuerst und danach die, die sympathisch sind oder in echt richtig gut aussehen könnten, denn Bilder täuschen natürlich oft. Zumindest bei Frauen. Männer haben mehr Talent, sich auf Selfies authentischer darzustellen, da sie es einfach zu kitschig finden, die Bilder danach mit verschiedenen Filtern aufzubessern. 
Wie man sieht, könnte man Dating via App ein bisschen mit Shopping vergleichen. Kostenlos oder auf Kosten der Gefühle des anderen oder der eigenen Gefühle, sofern sich etwas entwickelt und Enttäuschung durch einseitiges Verknalltsein droht. Das kann alles vorkommen und es gibt zig Varianten, wie es nach einem Date weitergeht. 
Aber kann sich überhaupt etwas entwickeln, wenn man immer die Hoffnung hat, noch jemand Besseren zu finden?
Ich denke, dann würde man ewig suchen oder nie richtig glücklich sein, mit dem, den man gerade hat.
Allerdings können Dating-Apps tatsächlich Hoffnungen aufrechterhalten. Schließlich melden sich jeden Tag genug neue Leute an und dann geht das Klick-Auswahlverfahren von vorne los. 
Wisch – wisch – wisch – klick – wisch – wisch – wisch ….
Stellt sich die Frage: Was macht man mehr – klicken oder wischen?