Horror-Clowns

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Ich habe mich schon oft gefragt, wovor ich Angst habe und kam nie auf eine klare Antwort. Viele Leute fragen mich, warum ich mich nicht fürchte, wenn ich spät abends mit dem Fahrrad unterwegs bin. Auf Radwegen mit Büschen neben einsamen Straßen. Schließlich könnte mir irgendjemand auflauern, mich belästigen oder sogar umbringen. Nur dieser Gedanke ist mir ziemlich fern. Verbrecher und Kriminelle gehörten nie in mein Leben und werden deswegen perfekt ausgeblendet. Ist mir zu krank. Ich denke nicht im Geringsten daran, dass die Psychothriller, die ich mir bevorzugt im Kino anschaue, zur wahren Bedrohung meines Lebens werden könnten. Nein, das sind nur Filme, deren Wahrheit für mich nicht stattfindet. Ich bin nicht ängstlich. Wer vor allem Angst hat, kann kein normales Leben führen, da in jedem Moment alles passieren könnte. Der Schrecken steckt überall und jedes Weltuntergangsszenario besitzt eine gewisse Tendenz zur Realität. Doch wer jeden Tag daran denkt, kann sein Leben nicht mehr genießen, wenn er denkt, dass alles umsonst ist und sich die Shoppingtouren nicht mehr lohnen, da man bald sowieso alles verliert, wenn die Welt nicht mehr existiert. Oder: Man genießt das Leben umso mehr – ganz nach der alten Floskel: Jeder Tag könnte dein Letzter sein.

Momentan blicke jedoch auch ich verschreckt auf die aktuellen Geschehnisse in den Medien. Der Hype mit den Clowns gefällt mir gar nicht. Vor allem, seitdem sie auch in meiner Stadt auftauchen und andere Leute angreifen. Mit Baseballschläger. What the fuck… Und das genau in dem Stadtteil, durch den ich muss, wenn ich mit dem Rad zur Arbeit fahre. Da ich in Schichten arbeite und zu jeder Tageszeit unterwegs bin, ist das kein schöner Gedanke. Ich habe keine Lust, dass plötzlich jemand aus dem Gebüsch springt, sich mir in den Weg stellt und mich dann vom Fahrrad schlägt oder mich meterweit verfolgt. Da ich ein Adrenalintyp bin, würde ich wahrscheinlich so viel Energie aufbringen, dass mir so ein Clown nichts antun könnte. Aber da ich mir nicht wirklich sicher bin, ist das nur pure Fantasie. Jedoch kann ich mir nicht vorstellen, dass ich vor Schreck erstarren würde und machtlos wäre. Am liebsten möchte ich mit dieser grenzwertigen Situation  niemals konfrontiert werden.

Wahrscheinlich ist es ein tolles Gefühl für viele, sich als Clown zu verkleiden. Diese Anonymität gibt ihnen Macht, Selbstbewusstsein und die Erlaubnis, andere Menschen schlimmstenfalls zu verletzen. Niemand kann solchen Clowns etwas antun, nicht einmal eine Anzeige gegen Unbekannt kann etwas bewirken. Das einzige, was hilft wäre, frisch ertappt zu werden und die Leute dann in den Medien zu enttarnen. Fahndungsanzeigen mit Clownsmasken würden nichts bringen, sie wären nur ein Statement dieser morbiden Lächerlichkeit.

Ich hoffe, dass dieser kriminelle Quatsch bald aufhört, wobei ich denke, dass dieser Hype an Halloween noch einmal einen richtig makaberen Höhepunkt erleben wird und ich an diesem Abend Nachtschicht habe.

Vergessener Mond

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Wie jeden Abend entspannte Herr Feddersen sich mit einem Glas Rotwein vor dem Fernseher. Der Wein beruhigte ihn und sorgte für wohlige Wärme, die sich in seinem Körper ausbreitete. In dem Zustand konnte er gut einschlafen und machte anschließend den Fernseher aus. Mit diesem Ritual war sein stets routinierter Tag gelaufen und der Stress folgte ihm nicht in seine Träume.

Mitten in der Nacht klingelte plötzlich das Telefon auf dem Nachttisch und Herr Feddersen erschrak sich fürchterlich. Er meldete sich mit einem heiseren ‚Hallo‘, aber am Ende der Leitung ertönte keine Stimme, sondern nur ein diffuses Rauschen. Feddersen lauschte kurz und legte sich mit einem Blick auf den Wecker wieder schlafen. Es war zwei Uhr und es gab keinen Grund, weiter über komische Anrufe nachzudenken, da ihm gleich wieder die Augen vor Müdigkeit zufielen.

Kurze Zeit später wurde Herr Feddersen durch eine Art Bewegung wach, die sich subtil anfühlte. Es war, als hätte etwas seinen Rücken gestreift oder gar berührt. Er drehte sich um, aber was sollte er erwarten? Schließlich schlief seit Jahren keine Frau an seiner Seite. Dennoch lag das Bettlaken seltsam in Falten. So, als ob jemand dort gesessen hätte. Er strich es glatt und zog seine Hand reflexartig wieder weg, als ihm dabei ein Schauer über den Rücken lief.

Was war hier los?

Herr Feddersen schaute sich suchend um. „Quatsch, was soll das. Ich bin doch nicht paranoid. Wer soll hier schon sein“, murmelte er vor sich hin und zog sich die Decke über den Kopf, da ihm kalt wurde. Vielleicht tat ihm der Wein diesmal nicht gut.

Es war drei Uhr, seine Lider waren schwer und wollten Schlaf. Herr Feddersen verfiel ab jetzt in einen unerholsamen Halbschlaf, da sich diese Nacht anders anfühlte, als sonst. Jedes kleine Knacken im Zimmer war wie ein lautes Krachen und erweckte seine ganze Aufmerksamkeit. In ihm machte sich eine gewisse Unruhe breit, er fühlte sich auf einmal beobachtet. Als ob ihn etwas anstarrte. Er spürte Blicke, die unsichtbar waren und sein Herz fing an zu rasen. Sein Körper wurde schweißig und er traute sich kaum, sich zu bewegen.

Auf einmal hörte er aus der Küche ein schepperndes Geräusch. Es konnte nur die Blumenvase vom Tisch sein, die auf dem Boden zerbrach, denn das Geschirr stand längst abgetrocknet im Schrank.

Wie konnte die Vase ohne Weiteres vom Tisch fallen? Herr Feddersens Magen zog sich fast krampfartig zusammen. Er hatte schon als Kind all diese Gruselgeschichten gehasst, da er sehr ängstlich war und er in allem eine Wahrheit sah. Nun wartete er angespannt auf weitere Geräusche oder auf Schritte oder auf irgendetwas anderes. Aber es blieb vorerst still. Kein Rascheln. Nichts. Nur Stille. Er hoffte, dass es dabei blieb.

Die Uhr zeigte auf vier und Herr Feddersen war klitschnass vor Angst.

Er beschloss, nachzuschauen, was in der Küche passiert war, getrieben von Angst, Neugierde und eingeredetem Mut. Die Vase war tatsächlich vom Tisch gefallen und lag verstreut in vielen kleinen Teilen auf dem Boden. Er nahm sie erst letzte Woche von zu Hause mit, als Geschenk von seiner Mutter, da er diese Vase sehr liebte. Die Vase war sogar einige Jahre älter als er. Und nun lag sie dort erbärmlich in Scherben, die keinen Sinn mehr ergaben. Herr Feddersen war traurig und es tat ihm im Herzen weh, die Scherben zu entsorgen. Als er zurück ins Bett ging, dauerte die Nacht noch zwei Stunden. Tatsächlich versank er noch einmal in einem tiefen festen Schlaf und nahm in diesem Zustand nichts mehr von dem wahr, was in seiner Wohnung passierte. Von dem schwerfälligen Schlurfen im Flur wurde er nicht wach. Erst, als das Schlurfen direkt in seinem Zimmer endete, ihm schroff die Decke wegzog und ihn mit einem Ruck an den Füßen aus dem Bett schleifte.

Herr Feddersen erwachte völlig gelähmt vom Schock auf dem Fußboden. Um ihn herum war alles dunkel, obwohl sich um diese Zeit schon die Sonne durch die Jalousien ankündigte. Nur heute nicht. So lag er nun da, apathisch und in voller Panik, was als nächstes passiert. Er konnte nicht einmal weglaufen, sein Körper regte sich nicht und kein einziger Schrei entglitt aus seinem Mund.

Um fünf Uhr klingelte das Telefon erneut und sein Körper tat sofort wieder das, was er sollte. Herr Feddersen stand zitterig auf und lauschte. Am anderen Hörer meldete sich mit monotoner Stimme ein Arzt, um ihm mitzuteilen, dass seine Mutter im Laufe der Nacht verstorben war. Danach legte der Arzt den Hörer wortlos auf, ohne weitere Fragen zu beantworten und die Leitung begann zu knistern.

Herr Feddersen strömten die Tränen über das Gesicht und ließen seine Augen brennen, wie ein Feuer. Er konnte sie nur noch schließen. Die Lider wurden so schwer, als würden sie sich nie mehr öffnen.

Ein tiefer Schlaf folgte nach diesem nahezu unwirklichen Moment.

Um sechs Uhr klingelte wie gewöhnlich der Wecker und Herr Feddersen war bereit, für seine alltägliche Routine. Er wusste, die Nacht war nur ein Alptraum. Denn Alpträume hatte er immer bei Vollmond. Er hatte sich nur nicht darauf vorbereitet, weil er den Vollmond jedes Mal vergaß.

Einige Minuten saß er still auf der Bettkante, damit dieses unbehagliche Gefühl verschwand, dass er im Bauch hatte. Irgendetwas war heute anders.

Dann klingelte das Telefon. Herr Feddersen schrak auf. Er war im ersten Moment irritiert und zögerte. Sonst rief niemand so früh an, dann es gab nie einen Grund für frühe Anrufe. Nachdem das Telefon fünf Mal klingelte, nahm er vorsichtig ab.

Hallo“, fragte er mit einem ängstlich gereizten Unterton.

Guten Morgen, hier ist Dr. Clement.“

Herr Feddersen spürte eine Art von Übelkeit in sich hochkommen und er erinnerte sich sofort an den geträumten Anruf von letzter Nacht. Er kannte Doktor Clement. Er war der Hausarzt seiner Mutter.

Guten Morgen, Dr. Clement.“

Herr Feddersen war auf alles gefasst. Er hatte eine Ahnung, was jetzt kommt, denn Hausärzte rufen nie an, bevor nicht alles zu spät ist.

Ich muss Ihnen leider mitteilen, dass Ihre Mutter am Morgen tot in ihrer Wohnung aufgefunden wurde, wobei die Todesursache noch ungeklärt ist. Die Nachbarn haben sie schreien gehört und haben mich dann angerufen. Die Polizei ist auch hier. Ich werde Sie benachrichtigen, wenn wir Genaueres wissen. Es tut mir sehr Leid.“

Herr Feddersen fehlten die Worte und die Sprache. Er legte wie gelähmt den Hörer auf und war nicht einmal mehr in der Lage zu weinen. Er blieb stumm auf seinem Bett sitzen. Und wartete.