Sommer Abenteuer: Am Strand und bei den Brombeeren

Ausblick auf die rauschende Ostsee

Gestern waren wir nach einem ausgiebigen Frühstück am Strand. Wir fuhren um die Mittagszeit mit unseren Fahrrädern los und nahmen den ruhigeren Weg durch den Wald, der sich am Ende als sehr beschwerlich erwies. Er führte nämlich durch sandige Wege, die mit dem Rad nicht befahrbar waren und hohe Sandberge überraschten uns. Nein, Dünen waren es noch nicht. Fand ich alles natürlich nicht so toll und schwitzte mich ab… So unkomfortabel zum Strand zu kommen war gar nicht mein Ding. Und das nur, um den Kurtaxen-Mann zu umgehen…. Aber okay, wir kamen bald zum Ziel und es standen sogar andere Fahrräder am Strandaufgang, die sicher auch keine allzu bequeme Anreise genossen.

Der Strand war in der ‚Abteilung‘ dünn besiedelt und wir mussten nicht weit laufen, um einen guten Platz zu finden. Der Mainstream-Strand war viel weiter vorne, in zentraler Ortsnähe. Dort wo wir waren gab es nicht einmal einen Rettungsturm. Wir mussten also auf uns aufpassen.

Wir bauten unsere Strandmuschel auf, die eigentlich ein riesiger Strandzelt war. Es dauerte nicht lange und wir konnten uns hereinlegen. Die Muschel baute sich selber auf, wir mussten sie nur im Sand feststecken, damit sie nicht wegfliegt. Es war recht windig. Da es windig war, fühlte sich die Luft auch weniger warm an, sondern kühl. Und ich hatte meine maritime Sweatjacke nicht mit – welch großer Ärger an dem Tag! Sonst hatte ich immer alles dabei. Ich bereute es mehrmals… die schöne Kuscheljacke…

Das Zelt war blau, allein die Farbe kühlte schon. Eine Decke aus Fleece wärmte uns und wir aßen kurz nach der Strandankunft eine Tüte Haribo Marshmallows. Sehr sehr lecker, lange nicht mehr gegessen. Sollten wir viel öfter kaufen. Die Bauchschmerzen kamen dann am späteren Nachmittag. Zu viel des Guten!

Wir dösten vor uns hin und genossen das Geräusch der brausenden Wellen, denn die waren an dem Tag besonders lebendig und rollten schaumig ans Land. Na klar gingen viele Leute ins Wasser und stürzten sich in die Fluten. Nur wir waren uns nach und nach nicht mehr sicher, ob wir das auch wollten. Uns beiden war irgendwie kalt. Es war eben kein heißer Sommertag, an dem wir eine Abkühlung brauchten. Ich fand es letztes Jahr schon kalt im Wasser. Irgendwie und leider bin ich empfindlicher geworden, was das Baden betrifft. Mittelmeer oder Karibik fände ich bestimmt gemütlicher!

Gegen Ende gingen wir mit den Füßen ins Wasser und das reichte uns. Vielleicht kommt noch mal ein anderer Tag, an dem es heißer oder windstill ist. Dann kann man es wagen, in die Ostsee zu gehen. Trotz alledem war es ein schöner Tag am Strand. Es kommt selten vor, da wir nicht so die Strandgänger sind. Da reichen uns schon 3 Stunden. Viele Leute machen hier Urlaub und wir wohnen hier. Schon blöd, wenn der Strand uns nicht so oft in Badesachen sieht!

Heute waren wir natürlich auch unterwegs: Nach Peenemünde zu den Brombeersträuchern. Jetzt im August sind sie reif und das dürfen wir nicht verpassen, geht die Saison doch wieder schnell zu Ende.

Der Radweg nach Peenemünde ist einer unserer Lieblingsradwege. Durch Wälder und Wiesen, das ist toll. Und der Weg hat einfach etwas Besonderes in jeder Jahreszeit. Dort ist nicht zu viel los und man ist direkt in der Natur. Ich mag am liebsten die Wälder und der Herbst steht bald vor der Tür, dann wird es noch besser. Alles bunt und regnerische Waldluft…

Als wir zu den Brombeersträuchern kamen, sahen wir schon andere Leute, die fleißig am Pflücken waren. Na toll, dachte ich, da wird ja nicht mehr viel dran sein…Eine Frau hatte einen kleinen Eimer dabei, in dem schon viel drin war. Es gibt noch andere Leute, die Bescheid wissen, dass es dort Brombeeren gibt. Die warten da genauso drauf, wie wir! Und dann gibt es noch Familien und andere Menschen, die einfach vorbeifahren und andere Pläne haben. Für manche ist das nicht so interessant, die fahren nicht extra hin. Die sagen nur: Guck mal, Brombeeren…und fahren passiv weiter.

Wir blieben eine Weile und aßen uns satt – Mann, war das heiß heute! Sonne und kein Wind. Heute wäre der ideale Strandtag gewesen. Aber heute wollten wir nicht mehr. Die Brombeeren waren wichtiger und gesünder. Ich hoffe, ich habe mir keinen Fuchsbandwurm eingefangen, bei all den ungewaschenen Beeren, teils auch aus der unteren Strauchregion. Aber es wird wohl alles gut sein. Das Essen von Brombeeren in der Sonne ist ein richtiges Sommererlebnis, das mochte ich als Kind schon.

Anschließend machten wir einen Spaziergang durch Peenemünde und es war wirklich zu heiß. Die Hitze machte uns träge. Deshalb hielten wir uns dort nicht allzu lange auf. Schöne Restaurants, die nach Fisch riechen, sind an stickigen Tagen jedenfalls nicht so prickelnd. Appetit habe ich nur auf Eis, Getränke und matschige Lebensmittel, die man nicht mehr kauen muss.

Deswegen fuhren wir auf dem Rückweg zu Edeka, um all das zu kaufen. Getränke und Matschkram waren heute das Richtige für mich. Und als wir zu Hause ankamen, trank ich gleich einen Liter erfrischenden Saft und aß ein paar Kekse. Und danach: Intervallfasten ab 17:15 Uhr bis morgen Nachmittag. Das wird gut tun.

Auf der Insel kann man vieles machen. Auch wenn man hier wohnt, kann man hier gut eine Woche zu Hause machen. Jeden Tag ein anderer Plan und immer etwas zu tun. Die kleinen Dinge machen übrigens am meisten Spaß. Es muss nicht immer eine große oder teure Unternehmung sein. Es ist toll, mit dem Fahrrad die Insel zu erkunden oder einfach mal spazieren zu gehen und sich dabei aufmerksam umzuschauen.


Brombeeren im Sommer
Lieblingsort
Segelschiff Weiße Düne – gut besucht

Hafen Peenemünde

Zurück zu Hause! :)

Der Alltag hat mich wieder. Zusammen mit meinem Freund, den ich gestern nach der Arbeit pünktlich vom Bahnhof abholte, begrüßte ich meine lichterfüllte und von der Sonne aufgewärmte Wohnung. Ein doppelt so schönes Gefühl: Nach Hause kommen und sich nach 3 Wochen wieder sehen. Da war die Vorfreude umso höher. Es gab viel zu erzählen, auch wenn ich mich teilweise wiederholte und wir am Telefon schon genug Erlebnisse austauschten.

Wir packten unser Gepäck aus, ich schmiss sofort die Waschmaschine an und anschließend legten wir uns auf die Couch, tranken Kaffee und redeten weiter. Am Abend gingen wir einkaufen, denn der Kühlschrank war leer. Zur Zeit ist das sehr nervenaufreibend, bei all den Touris und den spärlich besetzten Kassen, an denen gestresste Kassierer sitzen, die keine Zeit haben. Ein Kind schmiss obendrein einen Becher Sahne auf den Boden, der dann selbstverständlich kaputt ging und auslief. Die Kasse, an der wir über 10 Minuten warteten, wurde nach dem Vorfall geschlossen und wir sollten uns woanders anstellen – toll!!

Für mich endete der Spaß mit Kreislaufproblemen – ich zitterte, schwitzte und fühlte mich komisch. Typisch…Unterzuckerung….Eigentlich war ich gar nicht mehr richtig da und stand neben mir. Lag jedoch eher daran, dass ich zu wenig gegessen und getrunken hatte… sollte man nicht machen, wenn man im Sommer zur Rush Hour einkaufen geht …und salzige Reiswaffeln sind keine vollwertige Mittagsmahlzeit.

Vollbepackt mussten wir unsere großzügigen Einkäufe nach Hause schleppen, da können 10 Minuten Fußmarsch schon zur absoluten Tortur werden. Blöderweise trug ich hohe Schuhe mit Keilabsatz, die plötzlich ziemlich unpraktisch waren. Als wir endlich zu Hause ankamen, war ich glücklich und erleichtert. Musste nur noch alles in Schränke und im Kühlschrank verstauen… Danach war ich frei und aß in der Badewanne Schokolade und mein Freund spendierte mein Glas Kirsch Cola mit Zero Zucker. Das tat gut!

Danach schaute ich GZSZ zum Entspannen und trank eine Dose Holunder Cider, oder wie das hieß. Jedenfalls niedrig dosierten Alkohol mit Koffein. Trinke ich normalerweise nicht, aber an dem Abend war ich so platt, dass es unmöglich war, davon hellwach zu werden. Sonst putscht mich Alkohol eher auf und sorgt für schlaflose Nächte und schlechte Laune am nächsten Tag.

Heute berichtete jeder von seinem Urlaub. Meine Familie und ich waren froh, wieder im gewohnten Umfeld zu hausen. Urlaub zu haben ist ein schönes Erlebnis, aber wenn er vorbei ist, ist es auch okay. Home sweet home eben.


Im Riesenrad

…sometimes

Einhorn auf’s Brot!

Heute entdeckt und sofort verliebt…Freue mich auf das Magic Breakfast morgen…

Manche Hunde…

…so wie dieser. Er sitzt treu neben dir, beobachtet dich interessiert während du isst. All das mit einer Zunge, die viel zu lang ist für sein Maul. Er liebt es, wenn man sein Fell + Speckröllchen im Nacken grob rubbelt und japst nach Luft. Leider.

Ich war sofort verliebt ❤️ Ohne mich gerade an seinen Namen zu erinnern. That’s love. 

August, 1 Jahr später


Diese Seite verstummt, ich weiß. Eigentlich gibt es viel zu sagen, würde ich mich nicht so verdammt gelähmt fühlen. Innerlich. Alles ist lahm geworden, dabei passiert in meinem Leben so viel. So viel Aufregendes. Neuer Job, neue Figur, neues Aussehen – all sowas. Dinge, über die man sich freuen kann und die für viele Menschen erstrebenswert sind. Ich habe so vieles erreicht. Und dennoch: Richtig gut geht es mir seit einem Jahr nicht mehr. 
Eigentlich gibt es für diese starke Melancholie, die ich spüre, gar keinen Grund, weil eigentlich alles nahezu perfekt ist. Ich müsste also glücklich und fröhlich sein, den ganzen Tag lächeln…
Der Knackpunkt ist eigentlich. Eigentlich, eigentlich, eigentlich. Wie soll ich etwas erklären, für das es eigentlich keine vernünftige Erklärung gibt. Unvernünftig ist der passendste Ausdruck für mein Verhalten. Naiv, gar kindisch. Irgendwie. Etwas stimmt einfach nicht und dieser ewige Kreislauf nimmt kein Ende, weil das Erlebnis vom vergangenen Sommer so sehr an mir haftet. Es klebt an mir und ich kann mich nicht davon befreien. Dabei ist es so schädlich, an der Vergangenheit zu kleben. Weil sie nicht mehr aktuell ist und sich Dinge nicht mehr rückgängig machen lassen. 

Was zurückbleibt ist Zerstreuung. Ich versuche mich jeden Zag zu ordnen, aber bis jetzt habe ich es an keinem Tag geschafft. Zumindest nie so, wie es sein sollte. Ich sollte in der Gegenwart leben und nicht jeden Abend in diese Traurigkeit und Sehnsucht abdriften. So gut ich mich jeden Tag auch ablenke, es funktioniert niemals vollständig. Die Wehmut findet immer zurück zu mir. Dann liege ich im Bett, starre minutenlang Gegenstände an und verschwinde in der Verlorenheit. Das passiert mir immer häufiger, dass ich einfach nur daliege und gar nichts tue. Oder morgens schlecht aus dem Bett komme und immer wieder die Decke über den Kopf ziehe, um im Dunkeln zu liegen. Oder die Rollos den ganzen Tag unten zu lassen, weil mir die Dunkelheit mehr zusagt und mein Innerstes widerspiegelt. Ich fühle mich wohl im Dunkeln. Vor einem Jahr war das noch anders. Da war ich energiegeladener und nicht so komisch drauf, wie jetzt. Mein jetziger Zustand beschreibt eher den Rückzug, der von der völligen Isolation trotzdem noch weit genug entfernt ist, denke ich.

Heute, vor genau einem Jahr hatte ich dieses Treffen, das mich emotional so sehr veränderte, dass ich mich kaum noch mit früher vergleichen kann. Manche Erlebnisse sind einfach einschneidend, auch wenn es übertrieben scheint, zu behaupten, dass man sich sofort in jemanden ‚verlieben‘ kann. Aber irgendwie kann man es. Obwohl es mehr als absurd klingt. Ich weiß…
Dabei ging das Treffen nur knapp drei Stunden und ich wurde danach aus ‚geschäftlichen‘ Gründen nach Hause geschickt. Ich wurde sogar fast vor die Straße gesetzt, ohne zu wissen, ob ich mit dem Zug noch um die Zeit nach Hause komme. Aber er war so nett und fuhr mich dann doch noch zum Bahnhof, nachdem ich mich so hilflos und weinerlich verhielt. Klingt also nicht gerade nach einem Super-Date. Genau das ist eben das Absurde daran. Eigentlich hat nichts weiter stattgefunden als: Abholen/Bahnhof/Spaziergang – Erzählen/Gin/Blickkontakt – Verabschieden/Vespa/Bahnhof. Jeder Part davon dauerte aufgeteilt also jeweils eine Stunde. Und der Blickkontakt hat es mir am meisten angetan. 

Alles so banal, und doch so wahnsinnig gravierend für mich. Weil er mich so verdammt anzog, mit allem. Seiner Persönlichkeit, seinem Aussehen, seinem Charakter.. Und dass, obwohl ich ihn so gut wie gar nicht kannte, sondern nur erahnen konnte, wie er wohl wäre,..mit all meiner Menschenkenntnis war ich der Annahme, mir von vornherein ein exaktes Bild von ihm machen zu können. Welch dummer Gedanke,..eigentlich.
Es klingt alles so schwachsinnig, obwohl ich meine Gefühle und Gedanken damit nicht verleugnen möchte. Weil sie immer noch so präsent sind, wie damals. Meine Gefühle sind immer noch da, trotz all der Umstände. 

Klar fand ich es nicht toll, als ich nach drei Stunden spontan nach Hause geschickt wurde, trotz seines tollen Gästezimmers. Aber es hatte nichts mit mir zu tun, sondern mit einem Meeting, das sich ziemlich rasch via PC aufdrängelte. Wie auch immer..Vielleicht gab es im Nachhinein doch ganz andere Gründe. Wahrscheinlich war er auch zu dem Zeitpunkt schon in einer Beziehung. Ich habe keine Ahnung. Immerhin sagte er später oft genug, er sei vieles nicht wert. Schon gar nicht, dass ich ihn mag und ihn so begehre. Entweder litt er an falscher Bescheidenheit oder weil er wusste, dass er gerne mal Frauen betrügt. Ich wüsste gerne, was damals genau passierte. Eigentlich wüsste ich am liebsten noch viel mehr über ihn. Ich hätte ich so gerne kennengelernt, insgesamt. 
Heute vor einem Jahr war noch alles in Ordnung. Ein gewöhnlicher Samstagvormittag mit meinen Lieblings-TV-Serien und einer gewaltigen Portion Aufregung. Nebenbei texteten wir miteinander und erzählten davon, was wir alles miteinander vorhatten an diesem Abend. 
Alles war super und klang eindeutig nach Happy End. Etwas anderes wäre undenkbar gewesen, da alles zwischen uns perfekt war. 

Heute weiß ich, dass es perfekt nicht mehr gibt. Er war perfekt. Aber seit ungefähr zwei Monaten brach er den Kontakt ab, da er meine seltsamen Liebeserklärungen und mein bettelndes Verhalten nicht mehr länger ertrug. Verständlich. Warum habe ich mich nicht endlich mal zusammen gerissen? Er ist schließlich in einer Beziehung und scheint diese Frau mehr zu mögen, als mich. Denn wäre es anders, hätte er sich für mich entschieden. Dieser Fakt schmerzt. Seit zwei Monaten wohne ich auf seiner Blockierliste, da ich es einfach nicht verstehen wollte, dass er jeglichen Kontakt zu mir ablehnte. Da es nicht gut für ihn war und für mich sowieso nicht. Leider wollte ich nichts davon verstehen. Ich lebte immer noch in der Überzeugung, ihn umstimmen zu können. 

Es schmerzt. Kein Kontakt mehr, keine Möglichkeiten, kein Wiedersehen. Nie mehr. Dabei versprach er mir, dass wir uns im August wiedersehen. Ein Jahr später, ganz unverbindlich. Kaffee trinken, ganz kurz. Hauptsache, wir sehen uns. Aber daraus wurde nichts und meine Traurigkeit wuchs dadurch umso mehr. Wie sehr hatte ich mich auf dieses Treffen gefreut…jeder einzelne Moment hätte für mich gezählt und mich glücklich gemacht. Jede Sekunde ist wertvoll.
Seitdem herrscht in mir Leere, emotionale Leere. Diesen Abbruch verkrafte ich nicht. Ich spüre genau, dass er mir extrem fehlt. Mir fehlt diese eigentlich fremde Person, die immer zu mir sagte, er wäre eine Projektion. So etwas, wie ein Fantasiegebilde. Vielleicht war er das auch, und dennoch kann ich ihm nicht zustimmen. Für mich war er mehr. Manche Männer muss man nicht kennen, um zu wissen, dass sie die richtigen sind. Man weiß es einfach aus dem Herzen. 

Diese Story hört sich nach einem einzigen Chaos an. Und ja, es gibt tatsächlich kaum Worte und eine Erklärung dazu. Für mich ist es auch Chaos. Diese Story ist einfach nur Gefühl und beinhaltet diese starke unerfüllte Sehnsucht, die vielleicht niemand mehr stillen kann. Es ist schwer. 
Dieses Treffen spielt sich in meinem Kopf jedes Mal wie ein Film ab. Gerade heute. Ich erinnere mich genau daran, was ich wann getan habe, wann ich wann wo war… Dieser ganze Tag ist komplett in mir abgespeichert, mit all seinen Szenen und Wort- und Gedankenfetzen. Ich habe nur Schnipsel im Kopf. Auch der damalige Chat schläft auf meinem Handy. Alles ist so frisch, obwohl es schon ein Jahr her ist und ich frage mich, ob ich jemals aus dieser Endlosschleife flüchten kann, wenn ich doch so sehr an ihm hänge. Obwohl es überhaupt gar nichts bringt. Aber diesen Gedanken verdränge ich… 

Das 5 Minuten Date

 

klein

„Ich dachte, du wohnst in Warnemünde“, schrieb Alex.
Ich saß auf meiner Couch und schaute Nachrichten, als die Mitteilung als vibrierendes Glockenping eintraf. Normalerweise schaltete ich mein Handy meist auf stumm, um nicht genervt zu werden. Aber diesmal wartete ich auf Ablenkung, egal in welcher Form. Inzwischen war ich auf alles gefasst und der Unterschied zwischen guten und schlechten Erfahrungen verwandelte sich allmählich in neutrale Oberflächlichkeit. Eine Mischung aus großem Interesse und dem nötigen Abstand zur unnötigen Vorfreude. Denn letztendlich muss man sich auf nichts freuen, was im Herzen noch gar nicht existiert.

„Nee, aber fast“, antwortete ich nach ein paar Minuten. „Warum?“
„Na weil ich jetzt in Warnemünde auf dich warte. Hab die richtige Straße im Navi eingegeben, aber den falschen Ort. Und nun bin ich hier gelandet.“
Okay, das bedeutete spontane Planänderung.
„Na gut, ist nicht schlimm. Bin in einer Stunde in Warnemünde, falls du so lange warten willst.“
„Sehr gut, dann kann ich noch einige Dinge besorgen, mein Wagen ist leer.“
„Würde vorschlagen, wir treffen uns am Bahnhof. Okay?“
„In Ordnung! Bis später.“

Kurz darauf klingelte mein Handy wieder. Meine beste Freundin schickte mir ein Video von unserem letzten gemeinsamen Urlaub in Moskau, als ich vor Lachen kaum noch atmen konnte.
Sie schrieb: „Ich liebe dein Lachen, mein Herz! Du machst mich so glücklich!“
„Ich liebe dich auch, Süße“, schrieb ich grinsend zurück und freute mich.
Wir machten uns fast täglich Liebeserklärungen, das war normal.
Aber von meinem Blinddate erzählte ich ihr nichts. Irgendwie wollte ich nicht darüber reden. Weil ich noch selber nicht wusste, was ich davon halten sollte. Immerhin war der Typ nur zwei Jahre älter als ich. Das hieß, es war das erste Date mit einem Gleichaltrigen und entsprach absolut nicht meinem Schema. Aber ich wollte mal sehen, wie es ist.

Natürlich finde ich es immer besser, wenn man sich nicht zu Hause trifft.
Ich mag es nicht, wenn jemand in mein kreatives Revier eindringt und die Harmonie meiner Wohnung stört. Allerdings wollte ich es diesmal wagen und wissen, wie es ist, einen fremden Mann direkt in meiner Wohnung kennenzulernen. Einfach aus Neugier, Bequemlichkeit und um mir zu beweisen, wie extrem locker ich sein kann. Als Frau sollte man eigentlich auf solche gefährlichen Experimente verzichten. Immerhin kann man durch fremde Typen schnell umgebracht werden, falls man versehentlich seinen Mörder datet. Dennoch kamen mir solche Ängste nie ins Bewusstsein, weil ich nicht ängstlich bin und nicht Monika heiße.

Also schnappte ich mir noch ein paar Gummitiere und machte mich fertig. Zehn Minuten stand ich nachdenklich im Flur, weil mir die letzten Entscheidungen unglaublich schwer fielen: Welche Jacke? Welche Schuhe? Vielleicht sollte ich meinen Konsum endlich einmal einschränken. Viel zu haben macht das Leben nicht unbedingt leichter. Ich entschied mich für bequeme Strand-Schuhe und einer femininen Militärjacke, die ich erst eine Woche hatte. Die liebte ich sofort, weil sie unvernünftig teuer war.

Bevor ich aus dem Haus ging, fragte ich mich, ob man es mir ansah, dass ich innerhalb einer Woche ein Glas Nutella vernichtet hatte. Jeden Tag Nutella zwischen zwei Scheiben Weizenbrot mit Vollkornanteil. Meine ausgelaugten Fettzellen freuten sich bestimmt. Ich zog abrupt mein Shirt hoch, kniff mir in den Bauch und stellte beruhigt fest, dass meine Figur perfekt ist.
Danach plante ich trotzdem eine Detox-Woche mit viel Sport, um den ganzen Müll wieder aus dem Körper zu spülen. Ich kaufte mir die wichtigsten Detox-Produkte und war begeistert, was diese Dinge nach wenigen Tagen im Körper bewirkten. Ich fühlte mich besser und glücklicher, als sonst. Detox-Tee und Detox-Creme gehörten von da an zum Alltag dazu, obwohl ich nicht behaupten würde, dass es bei mir einen gewöhnlichen Alltag gibt.

Ich fuhr mit der Straßenbahn, weil ich keine Lust auf den Feierabendverkehr hatte. Außerdem brauchte ich mein Auto nur für die Arbeit und für die Insel, wenn ich mal einige Tage frei hatte.
In der Straßenbahn saßen einige Menschen, die auch ohne Feierabendverkehr gestresst wirkten. Vielleicht hatten sie nicht so tolle Arbeitsstellen oder Stress mit ihren Partnern oder waren mit sich unzufrieden. Wie auch immer. Beobachten mochte ich gerne. Die Aktionen auf meinem Handy beobachtete ich allerdings kaum. So kam es, dass ich in Warnemünde ankam und nicht wusste, nach wem ich eigentlich Ausschau halten soll. Ich suchte einen Fremden.

Mir kamen viele Leute entgegen und alle wuselten um mich herum. Dazwischen ein Mann, der mir gleich auffiel. Groß, mit Sonnenbrille, Mütze und schwarzem Parka. Ich sprach ihn nicht an, ärgerte mich über meine seltsame Schüchternheit und lief weiter. Immer noch auf der Suche nach Mr. Unbekannt, der Alex hieß.
Am Bahnhof stand niemand, der auf mich wartete.
Aber um ehrlich zu sein, wollte ich gar nicht zu genau hingucken. Es gehörte nicht zu meinem Talent, offensiv nach Personen Ausschau zu halten und zu suchen.
Es dauerte nicht lange, und der Bahnhof leerte sich wieder. Die Leute aus dem Zug tummelten sich auf den Wegen des Hafengeländes und strebten mit Essen in der Hand zum Wasser.
Ich ging woanders hin und setzte mich auf eine Steinmauer. Es war ziemlich kalt, der Wind zog durch meinen Parka und kroch unter mein sommerliches Blumenshirt. Ich fror so sehr, dass ich spürte, wie ich blass anlief und wieder dieses ungesunde Aussehen annahm, das durch die Nutella-Woche noch verstärkt wurde.

Mein Handy lag immer noch unbeachtet in der Handtasche. Als mir immer kälter wurde, stand ich auf, irrte verfroren zum Bahnhof zurück und landete dort auf einer Bank aus Metall. Die kältere Steigerung. Der nächste Zug kam und wieder stiegen zig Leute aus, die alle spazieren gehen und Fischbrötchen essen wollten. Viel mehr konnte man in Warnemünde im Frühling nicht machen. Essen, Shoppen und Wasser, das waren die Hauptattraktionen. Gefolgt von Kaffeetrinken und den beliebten Schlagerpartys im Sommer.

Dann schaute ich auf mein Handy.
Die letzten beiden Nachrichten von Alex waren zwanzig Minuten her.
„Schwarzer Parka.“
„Warte am Bahnhof auf dich!“
Okay, hätte ich vielleicht doch mal früher mein Handy benutzen sollen.
Ich schrieb: „Hab dich vorhin gesehen.. bin vorbeigelaufen..zu spät…wo bist du nun?“
Danach wartete ich auf seine Antwort. Er war eine ganze Weile online, las meine Nachricht, aber nichts kam. Seltsam.
Ich versuchte ihn anzurufen, aber die Computerstimme am anderen Ende meinte, dass er gerade nicht erreichbar wäre. Noch komischer. Zum Schluss sendete ich ihm eine altertümliche SMS und hatte somit alles unternommen, um Kontakt aufzunehmen. Aber keine Antwort.

Wollte er mich jetzt etwa verarschen? Ich fand das alles sehr merkwürdig. Aber dennoch störte es mich nicht besonders. Schließlich störte mich überhaupt nichts mehr. Ich nahm es so hin, wie es war. Was soll mich an einem Fremden stören? Diese anonyme Funkstille passte doch super zum Image eines Fremden! Der Krimi konnte beginnen. Aber mir wurde diese Situation schnell zu blöd.

Ich ging zum Ticketautomaten und kaufte die Rückfahrt, denn länger einsam frieren wollte ich nicht. Die Bahn fuhr in zwei Minuten und als ich mich auf den Weg dorthin machte, meldete sich Alex plötzlich.
„Sorry, mein Handy ist abgestürzt.“
Wie kann denn so etwas passieren, dachte ich mir. Welch ungewöhnlicher Zufall.
„Hmm, ich wollte gerade nach Hause, weil ich dachte, das wäre alles nur ein Scherz.“
„Waaaas? Quatsch…hatte am Bahnhof gewartet und als ich dich nicht sah, bin ich woanders hingegangen.“
Er schickte mir seinen aktuellen Standort, der sich in der Nähe befand. Trotzdem wusste ich erst einmal nicht genau, wie ich dort hinkam und lief in die entgegengesetzte Richtung. Navis waren nämlich nicht so mein Ding.
„Sitze draußen im Café.“
„Na gut, ich komme gleich.“
Das Café war nach einigen Orientierungsfehlversuchen schnell gefunden, aber ich wollte nicht über diesen menschenbesiedelten Vorplatz laufen und ihn irgendwo in der Menge suchen.
„Trink du mal deinen Kaffee aus, ich sitze an der Seite bei den Büschen.“
Ich fand es gut, dort zu sitzen und zu warten, was passiert. Sonst hatte ich mit Büschen ja nicht viel zu tun.

Nach einer Minute kam Alex schon die Straße entlang gelaufen und fand mich. Er lachte. War mein verlorener Anblick etwa so lustig?
Keine Spur von Aufregung bei mir, weil seine Sonnenbrille zu schwarz war und ich insgesamt nicht viel von ihm erkennen konnte, bis auf die Größe und seine Stimme, die ziemlich normal war. Er war schließlich erst dreißig. Was sollte ich also erwarten?
Alles war unauffällig und seine schwarze Mütze versteckte den Rest. Alles schwarz, bis auf die Jeans. Damit hatte er mit gewissen Branchen doch gar nichts zu tun.
Außerdem war er viel dicker angezogen, als ich. Konnte Mann eigentlich noch mehr übertreiben? Ich dachte immer, Männer wären nicht solche sensiblen Frostbeulen. Als er dann noch sagte, es ist ganz schön kalt und windig, rollte ich heimlich mit den Augen.

Wir gingen am Hafen entlang und endeten an der Ostsee vorm Leuchtturm. Sein Blick fiel gleich auf die Wassersportler, die seine vollste Aufmerksamkeit erregten. Alex war schließlich ein vielfältiger Abenteurer, der mit wenig Geld auskam und sogar auf ein richtiges Zuhause verzichtete. Das war ihm alles nichts, er wollte Freiheit und in den Tag hineinleben. Immer woanders sein, ohne richtigen Job und ohne Verpflichtungen. Außerdem war das Meer seine Leidenschaft. Alex war ein moderner Robinson Crusoe und somit wieder jemand, der völlig anders tickte.
Man denkt immer, man kennt alle Arten von Typen, bis man neu überrascht wird. Ich hörte zu, ohne mir ein Urteil zu bilden. Einfach nur zuhören mit keinen Zwischentönen im Kopf. Ich verhielt mich entspannt.
Bis er mir eine Frage stellte: „Und du so?“
„Ich bin deine Nicht-Wellenlänge“, antwortete ich knapp, weil mein Leben komplett anders war.
Daraufhin folgte ein Schweigen, das erst an einem Fischbrötchenstand wieder gebrochen wurde.
„Kannst du mir eine Sorte empfehlen? Du musst doch Ahnung haben, wenn du am Meer wohnst.“
„Nein, ich hab da keine Vorlieben. Ich esse alles, was aus dem Wasser kommt. Auch Muscheln und Mini-Hummer.“
Muscheln gab es am Stand leider nicht.
Alex guckte von links nach rechts und war sichtlich überfordert mit der Auswahl.
Dann nahm er ein geräuchertes Makrelenfischbrötchen.
„Und was möchtest du?“
„Nichts, danke.“
„Wie nichts?“
„Ich hab keinen Hunger, weil ich noch satt bin.“
„Wirklich nicht?“
„Nein, danke, hab vorhin zu Hause Mittag gekocht.“ Mein Mittag war eine Tüte Gummibärchen und zwei Kekse.
„Na gut..ich kann jedenfalls immer sehr viel essen und hab immer Hunger.“
Wie unterschiedlich Männer und Frauen doch ticken. Frauen sind Künstlerinnen in Zurückhaltung und Disziplin. Manchmal jedoch auch im Lügen.
„Willst du dich nicht hinsetzen beim Essen?“
„Nein, stört mich nicht, wenn wir laufen.“

Dann liefen wir einfach ohne Ziel und ohne Plan durch Warnemünde. Zusammen mit einer Menge Gesprächsstoff, trotz der Ungemeinsamkeiten.
Alex wollte gerne Kaffeetrinken und bevorzugte den besten Laden, den es gab. Er wollte den besten Kaffee und guckte sich jede Kaffeemaschine von draußen an.
Nach all der Sucherei setzten wir uns doch in ein recht einfaches Bäcker-Café. Dann nahm er endlich mal seine Brille ab. Ich hatte schon Angst, dass er sie nie abnehmen würde. Es gab schließlich keinen Grund, so undercover unterwegs zu sein.

Erst, als er die Brille abnahm, begann für mich das richtige Date. Er hatte so tolle Augen, dass ich nicht verstand, warum er sie so versteckte. Gerade, weil die Sonne an dem Tag gar nicht schien. Alex hatte ungewöhnlich strahlend blaue Augen. Fast so, als würde sich das Meer permanent darin befinden.
Ich bestellte einen schwarzen Kaffee und Alex einen Cappuccino.
„Mist, ich hab so gut wie nie Bargeld dabei“, gestand ich Alex, als ich nachguckte, wie viel Geld ich überhaupt mit hatte. Es waren 5 Euro.
„Ich bezahle sowieso alles, ist doch selbstverständlich.“
„Wollen Sie den Kaffee hier trinken, oder mitnehmen“, fragte die Frau, die neben Getränken auch Kuchen und andere Backwaren verkaufte.
„Zum hier trinken“, sagte ich fix, bevor Alex die aktivere Variante vorschlug. Denn ich hatte keine Lust, den Kaffee beim Spazierengehen im Wind zu trinken.
Alex nahm das Tablett mit den beiden Tassen und als wir den Tisch erreichten, floss die oberste Schicht meines Kaffees auf dem Tablett und umarmte den Boden der weißen Porzellantasse.
Sein Cappuccino hingegen blieb in Topform, denn der Schaum beschützte den wertvollen Inhalt.

Dann kam wieder diese Situation: Das intime Gegenübersitzen zwischen zwei Fremden. Oft erlebt, aber immer wieder unterschiedlich. Jeder Mann ist nicht gleich und schenkt mir diverse Erfahrungen im Bereich meiner persönlichen Männerpsychologie.
Ich konnte nicht anders, als Alex genau zu beobachten und starrte ihn regelrecht an. Vor allem seine Augen, die so toll waren mit den dunklen dichten Augenbrauen. Faszinierend! Diese Augen zogen mich an. Danach analysierte ich seine Mimik und Gestik, obwohl ich mir das langsam einmal abgewöhnen sollte, da ich mich nicht auf der Arbeit befand. Dabei möchte ich meinen Job so gerne heiraten.

Alex trank seinen Cappuccino, obwohl er noch heiß war. Dann stand Alex plötzlich auf und ging nicht zur Toilette, sondern holte sich einen Löffel, damit sich der Schaum besser essen ließ. Er stippte den Löffel in den Schaum und leckte den Löffel ab. Ich empfand das als interessantes Schauspiel und ließ meinen penetranten Blick nicht von ihm. Scheinbar hatte Alex auch kein Problem damit. Mein limbisches System hatte sich schon etwas auf Alex eingeschossen, denn ich fand ich einfach richtig toll, ohne es erklären zu können. Es war eben so. Plötzlich auftretende Gefühle unterliegen keiner Rechtfertigung.

Ich trank meinen Kaffee, der nicht so heiß war, wie ich dachte. Alex erzählte währenddessen von seiner letzten aufregenden Weltreise und von Kopi Luwak, den ich auch gerne mal trinken wollte.
Als ich sah, dass Alex mit seinem Cappuccino fertig war, trank ich meinen Kaffee umso schneller aus.
Alex musste lachen, als er feststellte, dass in Warnemünde nur alte Leute in Funktionskleidung herumliefen, das kannte er gar nicht. Und meist trugen sie diese Kleidung im Partnerlook.

Das Kaffeetrinken war unser kurzes Hauptdate. Innerlich fühlte ich mich zwar euphorisch, aber diese Euphorie sprudelte nicht über, sondern ebbte schnell ab. Alex passte nicht zu mir, meine Begeisterung für ihn lebte nur kurz. Es war komisch und ich merkte, wie sehr mich meine innere Schutzmauer im Griff hat und meine Emotionen immer mehr abschwächt, damit nichts zu stark für mich wird. Ich spürte diese Schutzmauer zum ersten Mal in ihrer vollsten Intensität und fühlte mich beschützt.
Alex zog seine Jacke an und ließ das Tablett einfach auf dem Tisch stehen, bis ich es nahm und es in die dafür vorgesehene Ablage schob. Als Gast kann man sich schließlich auch benehmen und selber den Tisch abräumen. Zumal wir uns auch nicht in einem Restaurant befanden.

Draußen war es immer noch windig und bewölkt. Nicht gerade mein Lieblingswetter.
„Ich muss noch mal zur Sparkasse. Ich brauche Bargeld“, sagte ich.
„Okay, danach können wir ja wieder zum Strand.“
„Gerne!“
Ich ging in die Sparkasse und Alex spielte draußen mit seinem Handy. Es war ein gutes Gefühl, wieder echtes Geld bei sich zu haben, als immer nur mit Kreditkarten unterwegs zu sein, obwohl es bequemer ist, weil man seltener nachdenkt.

Die Sparkasse war leer und geräumig. Ich schaute mich um und danach zu Alex, der beschäftigt war.
Dann sah ich noch einen zweiten Ausgang. Ich musste nicht lange überlegen, was ich als nächstes tun würde. Der zweite Ausgang rettete mich und ich schlich mich unbemerkt aus diesem weniger erfolgsversprechenden Dating-Verhältnis. Es handelte sich um einen einseitigen Kompromiss, dessen Folgen nicht weiter schlimm sein würden. Ich wollte nicht wieder mit Vollgas im nächsten Gefühlschaos landen. Vor allem lohnte sich dieses Chaos bei diesem chaotischen Typen noch nicht einmal. Außerdem war mir Alex bedeutend zu jung.

Ich suchte mir ein anderes Café zum Verweilen und hoffte, dass Alex mich nicht suchen würde. Aber da er Warnemünde eh nicht kannte, hatte er schon verloren. Ich bestellte mir wieder einen großen Kaffee und ein Stück Quarkkuchen. Mein Handy bekam natürlich keine Beachtung.
Im Café war nicht viel los, da die Saison noch nicht begonnen hatte. Deswegen konnte ich die Ruhe um mich herum genießen. Ich nahm mein Notizbuch aus der Tasche und schrieb die wichtigsten Gedanken, die mir in den Kopf kamen, wie gewöhnlich auf. Diese Notizen sind oft nützliche Bruchstücke, die mein Leben mit neuen Inspirationen füllen. Zumal ich auch nervös werde, wenn ich mein Notizbuch nicht dabei habe. Zu Hause hatte ich 184 volle Notizbücher, die sich seit meinem 9. Lebensjahr ansammelten. Ich hatte schon eine Menge Gedanken.

Was Alex jetzt wohl machte? Inzwischen musste er bemerkt haben, dass ich nicht mehr anwesend war und mir einen anderen Ausweg suchte.
Ich schaute kurz auf mein Handy, auf dem ‚Wo bist du?‘ stand. Zwar war es gemein, einfach abzuhauen. Aber ob man nun abhaut oder gleich sagt, dass man kein Interesse hat, ist doch das gleiche. Das Band zwischen zwei Fremden ist unverbindlich und ich wollte daraus nicht mehr werden lassen, weil ich wusste, dass es nicht gut ist. Alex ist ein Weltenbummler. Dem macht es sicher nichts aus, wenn er kein menschliches Souvenir mit sich herumtragen muss. Wenn er stets Unabhängigkeit wollte, so durfte er diese auch behalten. Bindung wäre eine Sackgasse mit Zaun auf seiner Reise.

Nach einer Stunde ging ich zurück zum Bahnhof und da die Züge ständig fuhren, musste ich auch nicht warten. Alex sah ich nirgendwo. Wahrscheinlich fuhr er zu anderen Freunden, da er überall jemanden kannte, der ihn aufnahm und sich freute, ihn zu sehen. Schließlich war er selten in Deutschland. Im Zug war ich wie erstarrt, da mein Zustand immer noch vage zwischen Begeisterung und Ablehnung pendelte. Wenn aus zwei extrem gegensätzlichen Gefühlen ein Gefühl wird, dann ist es meistens die feine Apathie. Eine gute Lösung, um mit emotionalen Widersprüchen klarzukommen und um wieder zu sich zu finden. Apathie macht alles ein wenig einfacher, da man Dinge so hinnimmt, wie sie sind und oft anfängt, zu träumen.

Als ich zu Hause war, schmiss ich mich auf die Couch, lag minutenlang einfach so da und schaute mir das surreale Ölbild mit den Schafen an. Das drückte meine Stimmung immer perfekt aus, da es nach meinen Vorstellungen gemalt wurde.
Danach schaute ich mir einen Film an und freute mich mit einem Glas Champagner auf den Rest des Abends.
Alex schrieb: „Was ist denn los mit dir? Geht’s dir gut? Was machst du?“
Dann schaute ich den Film weiter, ohne weitere innere Regung und ohne Antwort. Meine Konzentration galt nur dem Film, der war spannender und wirkte bei mir besser, als Alex.
Anschließend machte ich noch ein bisschen Bauchtraining und ging duschen. Ich verblieb eine ganze Weile im Bad, da ich regelmäßig einen Wellnesstag mit Komplettprogramm einlegte. Gerade nach dem Date mit Alex war das auf jeden Fall nötig.
Als ich im Bett lag, beschloss ich, Alex zu antworten, damit er sich keine Sorgen machte.
„Mein Herz ist woanders“, schrieb ich, machte die Augen zu und schlief bald darauf ein.

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Ich wisch dich weg

  
Manchmal habe ich das Gefühl, dass sich Dating immer mehr zum Trend entwickelt. Zum oberflächlichen Trend, in dem es kaum noch um echte Gefühle geht, sondern um ein knallhartes Auswahlverfahren, welches durch spezielle Apps verstärkt und erleichtert wird. Der Slogan ‚…wisch und weg‘ bekommt dabei eine ganz neue Bedeutung. Wenn ein Bild mit einem Mann erscheint, habe ich die Wahl, was als nächstes passiert. Wer mir nicht gefällt, wird unliebsam weggewischt, als ob es sich dabei um ein Objekt handelt und nicht um einen Menschen. Es ist, als würde man jemanden in die stinkende Mülltonne schmeißen..minderwertige Ware, sozusagen. Ignoranz. Oder der Gedanke: Hoffentlich meldet der sich nicht zurück. Gefällt mir hingegen jemand, wird er angeklickt und als grünes Häkchen in den Dating-Warenkorb gelegt. Oder in der Merkliste für später gespeichert. Immer nach Reihenfolge, da man nicht mehrere Dates gleichzeitig haben kann. Dann heißt es: Abarbeiten. Die richtig interessanten Leute zuerst und danach die, die sympathisch sind oder in echt richtig gut aussehen könnten, denn Bilder täuschen natürlich oft. Zumindest bei Frauen. Männer haben mehr Talent, sich auf Selfies authentischer darzustellen, da sie es einfach zu kitschig finden, die Bilder danach mit verschiedenen Filtern aufzubessern. 
Wie man sieht, könnte man Dating via App ein bisschen mit Shopping vergleichen. Kostenlos oder auf Kosten der Gefühle des anderen oder der eigenen Gefühle, sofern sich etwas entwickelt und Enttäuschung durch einseitiges Verknalltsein droht. Das kann alles vorkommen und es gibt zig Varianten, wie es nach einem Date weitergeht. 
Aber kann sich überhaupt etwas entwickeln, wenn man immer die Hoffnung hat, noch jemand Besseren zu finden?
Ich denke, dann würde man ewig suchen oder nie richtig glücklich sein, mit dem, den man gerade hat.
Allerdings können Dating-Apps tatsächlich Hoffnungen aufrechterhalten. Schließlich melden sich jeden Tag genug neue Leute an und dann geht das Klick-Auswahlverfahren von vorne los. 
Wisch – wisch – wisch – klick – wisch – wisch – wisch ….
Stellt sich die Frage: Was macht man mehr – klicken oder wischen?

Berlin’s Straßen

 

Nach einem Blitzgedanken folgt sofort eine Tat.

So war es auch diesmal, als ich meine Wut und Enttäuschung über den misslungenen Abend nicht mehr verdrängen konnte und das Gefühl bekam, ausbrechen zu müssen. 

Weg, weg, weg!

Weg aus diesem Zimmer, weg aus dieser Situation und weg von diesem Mann.

Während ich im Bett auf dem Rücken lag und fassungslos an die Wand mit dem rot flimmernden LED-Streifen starrte, erinnerte mich das Licht an meine innere Wut, die erbarmungslos in mir hochstieg und wie eine Flasche Cola mit Corega Tabs sprudelte. Ich hasste dieses Gefühl, denn ich wusste, dass ich nicht in der Lage war, es zu kontrollieren und zu drosseln. 

Das war nicht der Abend, den ich mir vorstellte, denn dieses Rot verursachte mittlerweile keine Erotik mehr, sondern förderte meine Aggression und meinen Fluchtreflex. 

Ich haue ab. 

Dieser Gedanke war so schnell da, dass ich eine Sekunde später schon handelte. Ohne weitere Worte zog ich meinen Schlafanzug aus und suchte mein Kleid, das irgendwo neben dem Bett lag. Danach sammelte ich das Bett nach meinen Ohrsteckern ab, die verstreut unter dem Kopfkissen und am Fußende lagen. Mir war alles egal, außer, dass ich nichts in dieser Wohnung vergessen wollte, da ich beschloss, nie wieder zurückzukommen. Für mich war es jetzt nur noch die Wohnung eines impotenten Verlierers und nicht die eines potentiellen Lovers.

Mehrmals checkte ich meine XXL-Handtasche, ob auch alles drin war. Vor Aufregung war ich völlig unkonzentriert und meine Hände zitterten. Auch mein Herz zitterte, weil es dehydriert war und meinen Puls rasen ließ. Ich hatte seit mehreren Stunden nichts gegessen und nichts getrunken. Mein Kreislauf litt spürbar, aber ich ignorierte meinen Körper und versuchte nur meiner verletzten Seele zu helfen, indem ich einen Ausweg suchte.

Als ich mir sicher war, dass der Inhalt meiner Tasche komplett war, verabschiedete ich mich von dem Mann, der keinen hochbekam und der nicht wusste, was los ist. Schließlich war er bekifft und in einer anderen Dimension, die nicht meine war. Er war in einem psychedelischen Dämmerzustand, in dem alles immer so schön ist. Alles so schön unrealistisch vor allem. Ich konnte dieses Hippie-Gerede nicht mehr ertragen und die verweichlichten Folgen im Genitalbereich schon gar nicht. Hippies wollen nur kuscheln, denn zu mehr sind sie gar nicht fähig. 

Mein Abschied bestand aus einem Satz, in dem ich sagte: „Sowas hab ich noch nie erlebt, du Arsch.“ Am liebsten hätte ich dabei noch auf sein schlaffes Ding gezeigt, um den Satz bedeutender zu machen. Aber da er seinen Kopf im Kopfkissen vergrub, war er sowieso blind. Und taub. Er gab mir keine Antwort. Wahrscheinlich dachte er, dass alles nur ein Traum ist und dass ich, wenn er wach wird, nackt neben ihm liege und ihn sanft streichele. Schließlich ist jede Berührung ein Geschenk und ein kleiner Orgasmus. Kiffende Männer brauchen nämlich keinen Penis mehr, weil Kuscheln der bessere Sex ist. 

…Definitiv…

Ich zog ab, ohne noch einmal einen Blick in den Badezimmerspiegel zu werfen. Da ich kaum geschminkt war, hatte ich nichts zu befürchten. Nur unsichtbare Spucke und ein paar Stressflecken im Gesicht. Aber in Berlin guckt dich eh niemand an, wenn du im Chaos der Stadt untergehst. 

Ich war froh, dass ich die passende Kleidung trug, die meinen Oberkörper und meine Füße warmhielt. Meine Beine mussten sich allerdings an die niedrigen Temperaturen gewöhnen, da sie nur von einer dünnen Strumpfhose bedeckt wurden. Eigentlich sollte ich um diese Zeit unter einer warmen Bettdecke neben einer voll aufgedrehten Heizung liegen. Aber ich entschied mich für die harten Konsequenzen einer spontanen Flucht. 

Es war eine Flucht ins Unbekannte. Hinaus aus einer vertrauten Wohnung eines bekannten Kiffers und hinaus in das Leben fremder Penner, die auf der Straße ihren Schlafplatz haben und einem gierig hinterherschauen oder obszöne Begriffe von sich geben.

Es war zwar nicht das erste Mal, dass ich eine Nacht auf der Straße verbrachte. Aber es war trotzdem anders. Ein Winter ohne Schnee kann auch kalt sein, wenn man nicht viel Speck mit sich herumträgt und alleine ist. Wenn man nur sich hat und durch niemanden abgelenkt wird. 

Ich wusste nicht, wo ich hin sollte. Diesmal setzte ich mich auf keine Bank, auf der ich verharrte und geduldig wartete, bis der Morgen anfing. Es war zu kalt, um zu warten und es war zu kalt, um sich irgendwo hinzulegen. Hier war es nachts überall laut. Das kannte ich von zu Hause nicht. Da war es nachts still und die Straßenbahn fuhr erst ab vier Uhr, außer am Wochenende.

Eigentlich hätte ich mir ein Hotel suchen können, bei all der Auswahl um mich herum. Vielleicht wäre eines dabei gewesen, das nicht mein ganzes Budget vernichtet hätte. Aber ich bin einfach kein Hotelmensch, wenn es nicht gerade um Urlaub geht. Ich wollte nicht für paar Stunden ins Hotel, denn für mich war das Geldverschwendung. Es lohnte sich einfach nicht und die fehlende Nacht konnte ich zu Hause auf meiner Couch unter meiner extrawarmen Decke nachholen. Darauf freute ich mich schon und musste bei dem Gedanken grinsen.

Also ging ich ziellos die Straßen entlang, um die nächsten acht Stunden herumzukriegen und um in Bewegung zu bleiben, damit mir nicht kalt wurde. Das Gefühl, so orientierungslos zu sein, machte mir Angst. Allerdings konnte ich mein Handy auch nicht die ganze Nacht anlassen, da ich später noch genug Akku brauchte, um den Busfahrer auf dem Display mein Ticket zu zeigen, das per App funktionierte. Mein Handy frisst viel Akku. Deshalb nutzte ich mein Handy-Navi nur sporadisch und laut Navi war die Bushaltestelle für mich unendlich weit entfernt. Aber dennoch zu Fuß erreichbar. Für jemanden, der sich auskannte, war das keine Herausforderung. Aber dieser Jemand war ich leider nicht. Sondern ich war eher ein Niemand.

Die nächtliche Kälte zog stur an meinem Körper und ich fror langsam. Es war nicht windstill, verdammt..!

Außerdem kamen Zweifel auf, nachdem ich ungefähr zwei Stunden pausenlos unterwegs war. Hätte ich die paar Stunden nicht doch noch bei ihm aushalten können? Immerhin war nichts Schlimmes passiert, bei all seiner lethargischen Inaktivität. Ich war lediglich wütend auf sein verkuscheltes und stumpfsinniges Verhalten. Aber es war nicht lebensbedrohlich und somit kein richtiger Grund, abzuhauen. 

Und dennoch hielt ich es nicht aus. Ich hätte dort keine einzige Stunde mehr verbringen können, weil ich mich nicht wohlfühlte zwischen den Räucherstäbchen und dem Kiffzeug, das man überall roch. Mir waren die giftigen Abgase der Stadt lieber, die ich unwillkürlich inhalierte und den Geruch nur unbewusst durch meine Nase aufnahm. Die Großstadt roch besser, als dieses von Drogen vernebelte kleine Zimmer.

Ich durchquerte viele Straßen und passte an jeder Ampel auf, nicht vor ein unaufmerksames Auto zu geraten, da die Farben der Ampeln hier teilweise von den Autofahrern ignoriert wurden. Irgendwie waren es die Taxifahrer, die gern etwas drängelten, weil sie unter Zeitdruck standen.

Wenn ich nicht gerade eine Kreuzung überquerte, was sehr oft vorkam, schaute ich mir flüchtig die Schaufenster an. Denn davon gab es auch genug. Berlin hat ein Überangebot an Konsumartikeln. 

In der Nacht fiel es mir leichter, an Schmuckläden vorbeizugehen, da sie alle geschlossen hatten und ich somit nicht in Versuchung kam, etwas zu kaufen, so wie sonst immer. Ich komme an keinem dieser Läden vorbei. Jetzt konnte ich nur stehenbleiben und fasziniert beobachten, wie die Diamanten im Licht des Schaufensters in allen Farben schimmerten. Für mich ein fast hypnotisierender Anblick. Ich liebe Diamanten.

Die Stunden vergingen trotzdem wie in Zeitlupe und mein Blick huschte regelmäßig auf die Uhr, um zu gucken, wie lange ich noch durchhalten muss. Die Zeit verging nicht und ich rechnete aus, in wie vielen Stunden ich zu Hause bin oder was ich in einem Tag um diese Uhrzeit mache: Arbeiten. Morgen musste ich also unbedingt wieder zu Hause sein, denn sonst konnte ich mich auf eine Abmahnung freuen.

Immer wieder kamen mir auch andere Menschen entgegen, die nicht so verwirrt waren, wie ich. Ich hätte niemanden nach dem Weg zum Busbahnhof fragen brauchen, es hätte mir eh nicht geholfen. Die vielen Straßen und die bunten Lichter brachten mich einfach durcheinander. Überall leuchteten Lampen und die Stadt gab rauschende Geräusche von sich. Um mich herum herrschte fremde Anonymität. Ich musste alleine zusehen, wie ich klarkomme. Sehr bedrückend. 

Nach einer Weile schaltete ich mein Handy wieder ein. Es kamen einige Nachrichten an, aber nicht von meinem Fluchtort. Dort blieb es still und niemand machte sich Sorgen um mein Wohlergehen. 

Mein Navi zeigte mir an, wo ich war und wo ich hinmusste. Ich sah einen langen roten Strich, der meist nur geradeaus ging. Eigentlich nicht besonders schwierig. Ich setzte mich kurz auf eine Treppe, damit ich besser und entspannter nachdenken konnte. Auf dem Navi sah gerade alles so einfach aus und die Uhrzeit verdeutlichte mir, dass ich inzwischen schon recht lange unterwegs war. Es war fünf Uhr morgens und ich irrte bereits einige Stunden sexuell unterkühlt durch die Stadt. Mein Bus fuhr um neun Uhr. Damit war ein Ende langsam in Sicht, wenn ich es bis dahin schaffte, die Haltestelle zu finden.

Allmählich merkte ich auch, wie erschöpft ich war. Mein Bauch war leer und ab und zu machte sich ein leichtes Schwindelgefühl breit. Es fühlte sich alles so dumpf und komisch in mir an. Außerdem schwitzte ich. Auf meiner Stirn versammelten sich unzählige kleinperlige Tröpfchen. Ich war kaltschweißig und das war ein Zeichen, dass gerade alles zu viel für meinen zierlichen Körper war, dessen wertvolle Bedürfnisse ich in dieser Nacht missachtete. Ein fortschreitender Schockzustand kündigte sich an. Und mir war klar, was ich brauchte: Essen und Trinken.

Ich hatte Lust auf einen Mc Flurry von Mc Donald’s und stellte mir vor, dieses Eis jetzt in dieser Kälte zu essen. Eis im Winter, irgendwo auf einer Bank unter einer Laterne. Ich wollte nichts anderes, als das, obwohl mir kalt war. Diesen widersprüchlichen Gedanken konnte ich mir nicht erklären, da ich Kälte ansonsten nicht mochte. Aber ich hatte einfach Heißhunger auf etwas Süßes und Durst auf Milch. Wahrscheinlich war mein Kreislauf schon so zerstört, dass solche Notgelüste daraus resultierten. Ich hoffte, dass ich diese Lust bald am Busbahnhof befriedigen konnte, denn dort gab es einen Mc Donald’s, der von außen aussah, wie eine normale Imbissbude. 

Die Straßen wurden zusehends voller und der Berufsverkehr erwachte. Dadurch fühlte ich mich bald weniger allein und das beförderte mich wieder mehr ins normale Alltagsleben zurück. Auch in den Häusern sah ich Licht und es beruhigte mich, dass ich meinen Schlaf bald im Bus nachholen konnte, wenn all diese Leute zur Arbeit mussten. 

Meine zunehmende Müdigkeit und Schwäche sorgten dafür, dass ich in einem psychischen Ausnahmezustand war, der mich überreizte. Ich spürte, dass jeder neue Eindruck zu viel war und dass alles anfing, mich zu nerven. Auf einmal hasste ich diese hupenden Autos, die mit ihren Reifen auf der Straße quietschten, weil sie schnell bremsen mussten.

Der ganze Verkehr war Stress für mich und ich war mir sicher, dass ich meinen Führerschein in dieser Stadt vergessen konnte. Dieses riskante Abenteuer würde ich niemals wagen. 

Wieder schaute ich auf mein Navi und auf die Uhr. Je mehr draußen los war, umso schneller verging alles. Zum Glück war es bis zum Ziel nicht mehr allzu weit. Irgendwann nahm ich den Gehweg nur noch durch einen engen Tunnelblick wahr. Nur selten verflüchtigte sich mein Blick auf andere Personen, da ich mich sowieso unwohl fühlte, in meiner schläfrigen und verpeilten Verfassung. Aber wahrscheinlich wäre dieser Anblick auch jedem egal gewesen, da in Berlin weitaus schlimmere Gestalten herumlaufen und ich wohl noch zu den halbwegs ‚Normalen‘ zählte.

Ich näherte mich dem Busbahnhof, den ich von weitem durch Schilder erkennen konnte. Okay, jetzt konnte ich ihn nicht mehr verfehlen und spürte endlich wieder eine aufkommende Sicherheit in mir. Ich war nicht mehr verloren und mein Handyakku reichte noch für die restliche Stunde. 

Als ich dichter an den Bahnhof kam, wurde die ganze Lage wieder etwas unübersichtlich, da ich den Bahnhof zuerst mit einem anderen Gebäude verwechselte. Erst als ich vorsichtig zur rechten Seite schaute, merkte ich, dass ich auf der falschen Straßenseite war. Zu meiner absoluten Sicherheit sah ich auch schon einige Busse dort rechts an den Haltestellen stehen. Anschließend suchte ich nach einer passenden Stelle, um über die riesige Straße zu kommen. Die nächste Ampel war noch mehrere Meter entfernt. Aber Hauptsache, sie war da, denn ich hatte große Angst, erneut über die gefährliche Straße laufen zu müssen.

Ich war erleichtert, als ich mein Ziel erreichte. Mein Körper rebellierte unheimlich. Meine letzte Kraft verschwand sofort bei meiner Ankunft. Und dennoch konnte ich nicht ruhen, da ich erst wissen wollte, von welcher Stelle der Bus genau fuhr. Ich hatte nämlich keine Lust, noch länger hier sitzen zu bleiben und eine weitere Stunde zu warten.

Aber ab jetzt war alles einfach. Die Anzeigetafel und die Lautsprecheransagen waren meine Helfer und ich konnte endlich mit meinem kranken Gesichtsausdruck zu Mc Donald’s gehen. Kurz fühlte ich mich wie bei einem Arztbesuch, bei dem meine Medizin aus zwei Varianten bestand. 

Der Mc Flurry stand immer noch in der engeren Auswahl. Aber ich entschied mich spontan für einen großen Vanille-Milchshake. Das war Eis und Milch zusammen, in einem unkomplizierten Becher zum Trinken mit Strohhalm. Optimal für meinen geschwächten Körper, der jetzt nur noch eine Hand zum Halten brauchte. 

Ich stellte mich mit meinem Getränk ins Abseits und beobachtete müde das Geschehen. Allerdings konnte ich auch diesmal nicht ruhig bleiben und ging von einer Haltestelle zur anderen und verglich die Abfahrten mit der Nummer auf meinem Ticket. Dabei merkte ich, dass Abfahrzeit und Nummer nicht übereinstimmten. Aber da noch genug Zeit war, machte ich mir keine unnötigen Gedanken und setzte mich in die beheizte Wartehalle, in der ich alles exakt im Überblick hatte. Mein Blick fixierte danach fast nur noch die orange leuchtende Anzeigetafel, um keine wichtige Änderung zu verpassen. 

Zum anderen tat es gut, zwischen all den fremden Menschen zu sitzen und nicht mehr so einsam zu sein. Wahrscheinlich froren sie auch alle und kannten unangenehme Erfahrungen. Vielleicht waren sie auch gerade auf einer Flucht, denn teilweise sah es ganz danach aus.

Nach einer Viertelstunde kam die lang erwartete Ansage meines Busses und ich war happy, dass diese frustrierende Reise nun ein Ende hatte. 

Beim Einchecken gab es keine Probleme und der Fahrer heiterte mich mit seiner lockeren Art etwas auf. Wahrscheinlich war sein Leben auch nicht immer leicht. Aber alles geht weiter und manchmal auch viel besser, als vorher. Zumindest bei anderen Menschen. 

Als ich im Bus saß, spürte ich, wie mein Körper in den Sitz sackte und meine Beine kribbelten. Es war eine enorme Erleichterung, in den nächsten zwei Stunden nichts machen zu müssen und vielleicht ein bisschen schlafen zu können. Der Platz neben mir blieb frei und meine letzte Hoffnung erfüllte sich damit. Ich wollte einfach nur noch meine Ruhe haben und von niemandem mehr angequatscht werden. 

Nachdem ich wieder etwas zu mir kam, nahm ich mein Handy und löschte selbstbewusst seine Nummer. Denn ich hatte keinen Bock auf weiteren Kontakt. Für mich hatte sich die Sache nach der bescheuerten Nacht erledigt und ich wusste, dass er sich nicht ändern würde und weiterhin so verkifft blieb. Als die Nummer weg war, fühlte ich mich besser und losgelöster. Irgendwie war ich nicht einmal traurig, denn ich hatte nichts verloren.

Sugar Mummy

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Sandy träumte schon lange von Veränderungen. Sie lebte jahrelang mit ihrem älteren Sohn Jan alleine im Haus und sehnte sich nun nach einer stabilen Partnerschaft. Alle Frauen in ihrem Alter waren glücklich verheiratet und hatten Familie. Bisher hatte sie immer nur Pech mit Männern und gab die Suche langsam auf. Sie passte eher in die Rolle der erfolgreichen Geschäftsfrau, in der Liebe anscheinend keinen Platz fand.
Eines Tages lernte sie jedoch endlich einen Mann kennen – im Supermarkt an der Kasse. Er stand hinter ihr und als ein Apfel vom Fließband kullerte, trafen sich ihre Blicke. Sandy hatte sich sofort verguckt und der Mann, namens Kurt, wirkte auch sehr entzückt. Die beiden trafen sich von nun an regelmäßig. Sandy hatte das Gefühl, dass Kurt sie so akzeptierte, wie sie war und seine Nähe fühlte sich gut an. Genau danach hatte sie sich so lange gesehnt.
Außerdem verstand Kurt sich super mit Jan. Aber das war noch nicht alles. Kurt hatte auch einen Sohn, der Paul hieß und in Jans Alter war. Sandy hatte damit überhaupt kein Problem. Schließlich änderte es nichts an ihren Gefühlen und Paul war wirklich nett, wenn auch ein bisschen faul. Aber das würde sich sicher noch ändern, wenn er erst einmal eine Ausbildungsstelle finden würde.
Nach einem halben Jahr war Sandy sich sicher: Kurt und sie gehörten zusammen, und zwar richtig.
Warum sollten sie es also nicht wagen, zusammenzuziehen? Immerhin war Sandy’s Haus groß genug und viele Räume standen sowieso leer und warteten auf Leben.
An jenem Abend lud Sandy Kurt zum Essen ein, um das Thema bei Kerzenlicht anzusprechen. Sie war gespannt, wie Kurt darauf reagierte. Ob er auch bereit wäre, sein Leben zu verändern?
Sandy war überglücklich, als Kurt sagte, dass er insgeheim auch schon davon geträumt hatte. Jetzt würden sie eine moderne Patchwork-Familie werden und ein ganz neues Leben anfangen.
Kurz darauf zogen Kurt und Paul auch schon in das Haus ein. Alles verlief ganz stressfrei.
Paul hatte sein Zimmer gleich neben Jans. Wobei Sandy schon schmunzeln musste, wie unterschiedlich die beiden Jungs waren. Ihr Sohn hatte viel mehr Elan, war aktiv und machte eine anspruchsvolle Ausbildung. Paul hingegen war eher passiv, einsam und hockte am liebsten vor dem Computer oder vor einer seiner vielen unterschiedlichen Spielkonsolen, von denen Sandy keine Ahnung hatte.
Am Anfang war alles spannend und aufregend, da sich Sandy und Kurt noch nach Monaten im Kennlernprozess befanden und immer wieder neue Seiten an sich fanden. Manches war positiv, manches eher negativ.
Sandys Wunsch nach Veränderung schlug mit dem Einzug von Kurt und Paul wie ein Donnerschlag ein. Auf einmal war nichts wie vorher und Sandy genoss diesen frischen Aufschwung, zuerst.
Nach und nach kehrte allmählich Routine ein, wobei die Rollenverteilung immer deutlicher wurde. Sandy war alleine für den Haushalt verantwortlich und Kurt sorgte sich um die handwerklichen Sachen. Kurt war nicht nur ein kleiner Macho, sondern ein großer. Sandy tröstete sich damit, dass Männer nun mal so sein müssen und dass sie den Haushalt ohnehin lieber alleine schmiss, bevor Kurt irgendetwas falsch machte oder nicht gründlich genug war.
Kurze Zeit nach dem Einzug wurde Kurt arbeitslos. Sandy hatte zwar einen gut bezahlten Job, aber die Situation machte ihr bald Sorgen, als sie spürte, dass Kurt die freie Zeit genoss und gerne den ganzen Nachmittag vor dem Fernseher auf der Couch schlief. Allein der Gedanke, dass sie den ganzen Tag arbeitete und er faul zu Hause seine Zeit verbrachte, machte sie innerlich wütend, denn sie verachtete Faulheit. Aber sie behielt ihre Wut für sich, um den Frieden nicht zu stören und hoffte, dass Kurt sich bald neue Arbeit suchte.
Als Sandy eines Abends nach Hause kam und in den Kühlschrank guckte, war sie fassungslos. Im Kühlschrank herrschte völlige Leere, obwohl sie vor zwei Tagen erst einkaufen war. Bis auf Butter und Milch gab es nichts mehr.
Als sie entschlossen und schnellen Schrittes in die Wohnstube lief, um Kurt energisch darauf anzusprechen, erwartete sie das nächste Szenario: Kurt und Paul schliefen friedlich auf der Couch und mittendrin ruhte der dicke Familienkater Felix von Nachbarin Kathi, der sich obendrein noch übergeben hatte.
Sandy wusste nicht, ob sie bei diesem Anblick lachen oder weinen sollte, da alles so dämlich aussah. Alle schienen satt und glücklich zu sein, nur Sandys Bauch war gefüllt mit Wut, die langsam anfing zu brodeln.
Sie würde die Herren später zur Rede stellen, bevor sie ihrem Ärger freien Lauf ließ und vielleicht überreagierte. Stattdessen beschloss sie, sich beim Einkaufen abzureagieren. Der Einkauf war anders als sonst. Sie schmiss die Ware lieblos in den Wagen und riss frustriert die Blätter vom Blumenkohl, den, außer sie, eh niemand aß, da die Männer lieber Fast Food verzehrten. Als Sandy an der Kasse stand, ließ sie ihrem Frust freien Lauf und sagte überreizt: „Ja, ich kaufe viel mehr ein als sonst. Wir haben ja auch jetzt zwei Mäuler mehr zu stopfen.“ Jan kaufte auch manchmal ein, wenn die Vorräte zu knapp wurden.
Einige Leute schauten sie voller Mitleid an, da Sandy in dem Moment pures Unglück ausstrahlte.
Als Sandy mit vollbeladenen Kofferraum wieder im Auto saß, stiegen ihr die Tränen in die Augen und ihr wurde klar, dass Veränderungen zwar interessant sein können, aber nicht immer schön sind.

Er war besoffen

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Er war besoffen und am Ende beides: besoffen und ekelhaft.

‚Ich bin in 15-20 Mins da‘, schrieb ich ihm per SMS.
‚Okay, bis gleich‘, war seine Antwort.

Ich saß im Zug und freute mich auf das Treffen. Dabei hatte ich zuerst keine Lust, weil ich müde und kaputt von der Arbeit war. Während der Zugfahrt wurde ich zum Glück wieder etwas munterer und schaute mir die verschneite Landschaft an, die im Sonnenlicht blitzte.
Als ich am Bahnhof ankam, ging ich langsamer als sonst, da ich die Winteridylle noch etwas genießen und nicht früher da sein wollte, als abgemacht. Ich hatte mich zeitlich ein wenig verschätzt, 5-10 Minuten wären exakter gewesen.

Vom Bahnhof war es nicht mehr weit zu ihm – meinem Freund (Kumpel).
Nachdem ich zwei Mal an der Tür klingelte und seinen Hund schon aufgedreht bellen hörte, machte er endlich die Tür auf. Hatte mich schon gewundert, was da los war.
Eine richtige Begrüßung gab es in dem Moment nicht, da er damit beschäftigt war, seinen nervigen Hund beiseite zu räumen. Sein Hund begrüßte mich freudig, indem er mich ansprang und mich fröhlich anschaute. Von seinem Herrchen hätte ich das mehr erwartet. Danach passierte erst einmal nichts mehr. Kaffee trinken und TV gucken stand auf dem Programm, schön gemütlich alles und sehr neutral. In einer Wohnung, in der die Heizung auch im Winter aus blieb – trotz Frauenbesuch. Ich musste mir also warme Gedanken machen und die regte ich an, indem ich die ausstehende Begrüßung einfach spontan nachholte und ihn umarmte. Er reagierte eher emotionslos und gelassen, obwohl ich das bei meinem Outfit nicht verstehen konnte. Normalerweise war das die Garantie für ein vielversprechendes Treffen. Statt mit Nähe und Geborgenheit wurde die Leere mit Gesprächen über die vergangenen Wochen gefüllt. Wir sprachen über ganz normale Dinge, als er im Sessel saß und ich neben ihm auf der provisorischen Couch lag. Er fragte mich, ob ich auch was naschen wollte. Er hatte Schokokugeln, die mit Nougat gefüllt waren. Ich mochte Nougat nicht besonders, mir war das zu cremig. Außerdem hatte ich wie immer keinen Appetit auf Ungesundes. Schokolade ging mir schon lange am Arsch vorbei. Selbst an Weihnachten. Er hingegen klagte darüber, wie sehr er über die Festtage zugenommen hatte. Er konnte schlecht damit umgehen, wenn er Süßes im Haus hatte und sah sich gewissermaßen dazu gezwungen, es zu essen. Schlimm. Mir konnte das nicht passieren. Meinen bunten Teller hatte ich immer noch und konnte mich beherrschen.
Er fragte mich, ob ich ein Glas Sekt trinken wollte und ich verneinte sein Angebot. Mir war es noch zu früh für Alkohol. Dann lieber Kaffee.

Im Laufe des Nachmittags erledigten wir einige alltägliche Dinge in der Stadt, die alle nichts mit einem romantischen Date zu tun hatten. Schließlich war es auch kein Date, sondern ein freundschaftliches Treffen, bei dem einer verknallt war und der andere nicht. Ich war diejenige, die hierbei die Arschkarte gezogen hatte. Konnte mich aber damit abfinden, wenn ich die Sache mit genug Abstand betrachtete. Sein Hund kam auch mit und drängte sich zwischen unsere Zweisamkeit.
Er besorgte sich Geld, dann holten wir sein fertiges Auto von der Werkstatt ab und danach fuhren wir billig einkaufen, denn es musste immer gespart werden. Ganz zum Schluss ging es noch in den Getränkeladen, um einen Kasten Bier für die nächste Feierlichkeit zu besorgen.
Als wir gegen Abend wieder zu Hause waren, ging es zurück auf die Couch und unter die Hundedecke, weil mir langsam kalt wurde. Das Wort ‚Heizung‘ zu erwähnen war mir zu peinlich. Die anfallenden Heizkosten hätten sein Budget gesprengt.

Abends bot er mir erneut eine Flasche trockenen Rotkäppchensekt an, von der er ein ganzes Six-Pack in der Küche stehen hatte. Das war der Rest von Weihnachten, da er selber keinen Sekt trank, sondern in hasste. Frauenkram eben.
Da ich den ganzen Tag noch nichts gegessen hatte, war mir klar, dass der Sekt diesmal besonders gut anschlagen würde. Zudem wurde mir auch klar, dass ich Sekt immer sehr gut vertragen hatte, egal unter welchen Umständen. Also trank ich ein Glas nach dem anderen. Aus Frust, aus Langeweile und auf die Hoffnung, dass der Abend nett endet. Geschmeckt hatte er mir jedoch auch. Der Sekt war prickelnd genug und das Erste, was mein Bauch an dem Tag zu sich nahm.
Wie würde es jetzt wohl weitergehen, dachte ich. Abwarten.
Er holte in der Zeit seinen konservierten Hechtkopf hervor und fing an, ihn sorgfältig mit Ölfarben anzumalen. Ich schaute weiterhin meine Lieblingssendungen im TV. Wir beide gingen unseren eigenen Beschäftigungen nach, was auch gut war. Man musste ja nicht ständig alles zusammen machen.
Meine insgeheime Frage wurde nach einer Stunde prompt beantwortet. Es kam der Vorschlag in unsere Lieblingskneipe zu gehen. Davon gab es zwei. Ich ließ mich überraschen.
Er räumte seinen Hechtkopf wieder weg, dem er die Kiemen knallrot angemalt hatte, sodass es insgesamt ziemlich unecht aussah. Auch mit der weißen Farbe auf der Unterseite hatte er zu sehr übertrieben. Der Hechtkopf sah unnatürlich und plastisch aus, bis er auf die Idee kam, die Farbe nochmals mit Terpentin zu verdünnen. Danach wirkte der Hechtkopf schon etwas echter und transparenter. Mein Vorschlag, ihn pink anzumalen, kam nicht durch. Schade, es wäre mal etwas anderes gewesen.
Nun musste die Farbe erst einmal trocknen. Wer weiß, wann mein Freund das nächste Mal Zeit für die Bemalung hatte. Irgendwie stand der Hechtkopf schon ewig in der Küche und wartete auf Vollendung. Er fing kurzzeitig sogar schon einmal an zu schimmeln. Mein Freund konnte den Prozess aber noch rechtzeitig aufhalten. Der Hecht hatte also bereits eine Menge durch.

Wir rauchten noch eine und betrachteten dabei den Hecht aus geringer Entfernung. Eigentlich wusste ich gar nicht, was ich zu dem Teil noch sagen sollte, da ich nicht nachvollziehen konnte, warum man tote Tiere anmalt und sie dann als Deko an die Wand hängt.
Anschließend ging es raus aus der Wohnung, ohne Hund. Er hatte heute genug Auslauf gehabt und schlief nur noch. Der Hund war fix und fertig, aber zum Kratzen hatte er noch genug Kraft.
Endlich wieder frische Luft! In seiner Bude hielt ich es kaum aus. Dort roch es undefinierbar nach Hund und ich hatte das Gefühl, dass auch der Geruch von Alkohol in der Luft stand. Aber ich war mir nicht sicher. Auf jeden Fall lag der Geruch nah an der Kopfschmerzgrenze bei längerem Aufenthalt. In meiner Wohnung roch es anders, meist nach Duftölen.
Draußen war es angenehm mild, trotz Winter und Schnee.
Bis zur Kneipe war es nicht weit und drinnen war es nicht gerade voll, wie man von außen erkennen konnte. Von daher war auch unser Stammplatz frei.
Direkt bei uns auf der Bank saß noch ein Typ. Mein Freund fragte, ob wir uns dazusetzen durften. Die beiden kannten sich von irgendwoher flüchtig und fingen gleich ein Gespräch über das Gitarrespielen an. Dort konnte ich mich leider nicht einmischen, da ich keine Ahnung davon hatte. Mein bestelltes Bier kam erst nach einigen Minuten, sodass ich mich kaum ablenken konnte. Aber die Zigaretten taten dafür in der Zwischenzeit ihr Bestes.
Nachdem mein Bier endlich kam, rauchte und trank ich gleichzeitig. Ich versuchte mit Absicht cool zu wirken, im Halbdunkel der Kneipe. Im Hintergrund lief die ganze Zeit Rockmusik, die meine Grundstimmung unterstützte: Sex, drugs and rock’n’roll. Nur war von Sex momentan nichts zu merken, da auch ans Küssen nicht zu denken war. Unbewusst strahlte mein Freund Lustlosigkeit aus. Ich bemerkte die blaue Lichterkette über ihn.
„War die letztes Mal auch schon da?“, fragte ich und deutete mit dem Blick an die Decke.
„Nein, die ist wohl neu“, antwortete mein Freund und fand auch ein wenig Interesse an der Beleuchtung. Sie schimmerte so schön blau.

Irgendwann unterhielt sich der Typ neben mir mit anderen Leuten, da ihm wohl klar wurde, dass er uns auf eine Art störte. Ich war froh, dass wir nun unsere Ruhe hatten und uns angetrunken unterhalten konnten. Diese Gespräche sind oft sehr ehrlich und sinnvoll, da es immer darum geht, warum wir uns eigentlich treffen.
Er dachte jedes Mal, dass das keine gute Sache wäre. Weil ich verknallt war und er nicht.
Aber wir mochten uns trotzdem.
Er sagte: „Du quälst dich doch nur selber, wenn wir uns treffen. Das ist nicht gut und ich fühl mich auch nicht wohl dabei.“
„Doch, ist schon okay. Schließlich kann ich das selber entscheiden. Für mich wär’s schlimmer, wenn wir uns gar nicht mehr sehen würden. Dann lieber so wie jetzt. Auch, wenn’s nicht richtig ist. Nichts ist richtig bei uns“, antwortete ich schnell. Dabei wusste ich selber, dass das alles hier nicht in Ordnung und dass es für ihn auch nicht gerade leicht war.
Dann fragte er mich:“Was wäre, wenn ich jetzt eine Frau treffen würde, die mir gefällt und ich sie hier vor deinen Augen ansprechen würde?“
Tja, scheiß Frage, dachte ich.
„Natürlich wäre das scheiße, was sonst?“, sagte ich genervt. „Das kannst du machen, wenn du alleine bist, aber nicht, wenn ich zu Besuch bin.“
Danach stellte er mir noch einmal diese Was-wäre-wenn-Frage. Da wurde mir bewusst, dass das tatsächlich passieren konnte und ich nicht einmal ein Recht darauf hätte, ihn davon abzuhalten, andere Frauen anzuquatschen, die ich nicht toll fand.
Trotzdem wollte ich daran nicht denken. Unsere anderen Treffen liefen auch alle entspannt ab, ohne solche Fragen und ohne Dates, die nebenbei liefen.
Natürlich konnte er machen, was er wollte. Ich war nicht seine Freundin und hatte keinen Anspruch auf ihn. Selbst meine Bedürfnisse musste er nicht befriedigen.
Es gab immer nur diese eine Antwort auf alles: Wir beide waren kein Paar und eine normale Freundschaft war es auch nicht, wenn wir im Bett landeten. Es war viel mehr ein Gefühlschaos, das ich mir selber eingebrockt hatte, weil ich wahrscheinlich irgendwie masochistisch veranlagt war oder was auch immer. Sonst hätte ich mir so etwas wohl nicht angetan. Welche normale Frau ließ sich so von ihren Gefühlen herunterzuziehen und ausnutzen.

Unsere angetrunkenen Gespräche hatten also immer den gleichen armseligen Inhalt.
Die Sache mit uns und der damit verbundenen Hoffnungslosigkeit, die ich mittlerweile einigermaßen akzeptieren konnte.
Jedes Mal erklärte er mir ausführlich, dass sein Bauch gegen mich war und dass er keine Macht gegen seine Gefühle hatte. Sein Bauch sagte nein und er glaubte ihm fromm. Sein Bauch hatte mehr Macht als sein Herz und sein Gehirn. So kam es mir vor. Das Schlimmste war, dass es danach aussah, als hätte sein Bauch seinen Verstand komplett verloren.
Aber ich akzeptierte es, was blieb mir anderes übrig. Seine Meinung stand fest. Meine Vorteile konnten ihn nicht überzeugen. Jedes Mal erklärte ich ihm, dass andere Frauen ihn und sein Leben nicht tolerieren könnten und zählte dabei jeden einzelnen Grund auf, warum es mit anderen Frauen auch nicht funktionieren konnte. Ich fand meine Erklärungen gut gelungen und sehr überzeugend. Vor allem war jeder Punkt nachvollziehbar und insgeheim wusste er vielleicht, dass ich recht hatte.
Aber weil sein Bauch trotz allem nein sagte, blieb er eisern bei seiner Meinung. Schließlich hatte er genug schlechte Erfahrungen mit Frauen gesammelt. Diesmal wollte er vorsichtiger sein und lieber gleich auf sein Gefühl hören, bevor alles zu spät war. Er wurde schon zig Mal verlassen.

Ich trank nach dem Gespräch artig mein Bier aus ohne zu heulen.
Die Tränen wären umsonst gewesen, von denen gab es in den letzten Wochen schon genug. Ich konnte nicht immer wegen der gleichen aussichtslosen Sache heulen.
Als ich mein zweites Bier bestellte, ließ ich es mit Sekt mischen. Ich brauchte das.
Danach folgten wieder anstrengende Gespräche über Liebe, Zukunft und Familie. Wir schafften es nie, uns über andere Dinge zu unterhalten, da ich noch zu viele offene Fragen hatte, deren Antwort ich eigentlich längst wusste, wenn ich in mich hineinhorchte und mir eingestand, dass wir doch sehr unterschiedlich waren, was gewisse Wünsche anging.
Es waren lange Gespräche, über die Hoffnung, dass alles besser wird. Wirklich alles. Nichts ist zu spät, alles ist möglich. Ich hörte Sätze, die mir bekannt und egal waren, da ich das alles selber wusste. Dennoch konnte ich damit nichts anfangen. Meine Sturheit war einfach stärker, obwohl mir klar war, wie recht er mit jedem Satz hatte. Ich wollte es nur nicht hören, weil ich ihn wollte, anstatt mit jemand anderem glücklich zu werden, der viel besser zu mir passte.
Ich hatte mich so in meinen Freund festgebissen, dass ich nicht mehr loslassen wollte. Dabei war mir völlig klar, dass es noch viel bessere Typen da draußen gab. Ich musste sie nur finden, oder sie mich und das war keine leichte Angelegenheit.

Nun waren auch die Zigaretten im Big-Pack alle, das wir uns beide teilten, weil er keine gekauft hatte. Mein Sekt-Bier stieg mir langsam zu Kopf und ich wollte es nicht mehr trinken. Ich wusste genau, wann Schluss ist und ich war für keinen weiteren Schluck bereit. Das Glas war noch fast voll. Er hingegen trank wohl schon sein 5. Bier. Ich hatte nicht mehr gezählt, weil das Trinken bei ihm schnell ging.
Kurz nach Mitternacht schlug er vor, noch in die andere Kneipe zu gehen. Ich fand es schon sehr spät und hatte eigentlich ganz andere Gedanken. Ich wollte nach Hause, sagte aber nichts. Er wäre sicher nicht begeistert gewesen. Ich ließ Sekt-Bier stehen, denn er hasste dieses Zeug und konnte mir nicht beim Austrinken helfen. Vielleicht wäre es besser gewesen, wenn ich es nicht bestellt hätte.
Trotzdem war ich bereit, der Bedienung noch genug Trinkgeld zu geben. Dann gingen wir raus in die Nacht. Auf der Straße war nichts mehr los.
Ich war etwas wackelig auf den Beinen und meine Zunge war beim Sprechen schon ziemlich lasch. Aber ich hatte noch alles perfekt unter Kontrolle, weil ich mir Mühe gab.

Die nächste Kneipe befand sich in einer anderen Nebenstraße, die nicht weit entfernt war. Dort war bisschen mehr los.
Ich sagte gleich, dass ich nur einen Orangensaft will, da ich keinen Bock mehr auf Alkohol hatte. Er bestellte dagegen sein nächstes Bier. O-Saft wurde dort bestimmt sehr selten bestellt.
In der Kneipe war es bequem, überall standen alte Polstermöbel und abgewetzte Sofas. Vergilbte, angerissene Tapeten an den Wänden und viel Ramsch, der schon einige Jahre hinter sich hatte und teilweise unvorteilhaft im Weg stand. Man konnte sagen, es wirkte schäbig und möhlig. Es war eben eine sehr alternative Kneipe und ich fühlte mich zumindest wohl auf dem Sofa. Die Kerzen waren in Flaschen gesteckt und der mit leeren Bierflaschen zugestellte Tisch vom Vorgänger wurde noch nicht aufgeräumt. Dem Betrieb war das anscheinend egal, da wurde nicht besonders auf Regeln und Sauberkeit geachtet. Voller Aschenbecher? Kümmer‘ dich selber drum!
Ich hatte nichts dagegen, denn ich hatte diesen Laden nie anders kennengelernt. Von dem Flair war auch ich sehr angetan. Es war eben eine Kneipe, die ich sympathisch fand, weil sie nicht perfekt war.

Kurz nachdem wir uns auf das Sofa in der Ecke setzten, bekamen wir schon Besuch von einem Typen, der völlig drüber war und binnen weniger Minuten seine ganze verkorkste Lebensgeschichte erzählte, ohne dass es ihm peinlich war. Er merkte nicht, dass seine Anwesenheit unsere Zweisamkeit enorm störte. Der checkte gar nichts mehr, sondern erzählte ohne eine Pause zu machen eine Story nach der anderen. Wir fragten uns, was der wohl genommen hatte? Mit Sicherheit war es nicht nur Alkohol. Der fremde Typ war überdreht und verrückt, wie man an seiner Mimik und Gestik unschwer erkennen konnte. Wir bekamen von ihm auch Getränke und Zigaretten spendiert, einfach so, weil er nicht ganz dicht war.
Er sagte mir, er hätte einen Psychiatrieüberweisungsschein vom Arzt bekommen und fragte, ob ich ihm ein paar Tipps geben könnte. Beruflich ja, aber privat wollte ich mit solchen Problemen nicht allzu viel zu tun haben. Noch ehe ich antworten konnte, erzählte er schon andere Dinge und schweifte ab.
Seine Klopausen nutzten wir, um uns über private Dinge zu unterhalten und darüber zu lästern, wie dämlich sich der Typ benahm. Leider kam er jedes Mal zu schnell zurück und nervte uns weiter. Wir ließen uns das sehr lange gefallen. Bis der nächste verrückte Typ dazu kam, der wie eine Kopie des anderen wirkte. Wir wussten nicht, ob die beiden sich kannten. Der neue verrückte Typ war sogar noch härter und prahlte, wie viele Strafen er hatte und zwischendurch auch im Knast saß. Dieser Typ geizte auch nicht mit Komplimenten, die an mich gerichtet waren. Ich ging nicht weiter darauf ein, sondern grinste ihn nur gespielt an. Wahrscheinlich machte er jede Frau mit den gleichen Sprüchen an, da sie altmodisch nach Standard klangen.
Auf die die Frage:„Wie heißt du?“, entgegnete ich zickig: „Geht dich nichts an.“
Ich wollte meine Ruhe haben und nicht mit kranken Männern flirten, die notgeil waren.
Mein Freund hingegen machte kein Geheimnis aus seinem Namen.

Die beiden Verrückten verwickelten meinen Freund in komplizierte Gespräche, in denen es um Hartz IV und aktuelle Lebenssituationen ging. Anspruchsvolle Themen im betrunkenen Zustand. Ich hatte Angst, dass das ausartet und sich mein Freund um Kopf und Kragen redet. Er versuchte sich zu rechtfertigen, obwohl er das gar nicht nötig hatte. Vor allem ging das niemandem etwas an, wie mein Freund bisher in seinem Leben scheiterte. Er erzählte ihnen einige private Dinge aus seinem Lebenslauf. Ich fand es traurig und musste ohne Worte zugucken. Mir wurde das alles unangenehm und ich spürte, wie ich diesen Abend immer bescheuerter fand. Es kam mir vor, wie in einem Alptraum. Ich war mit einem Freund verabredet, damit wir uns einen schönen Abend machen konnten und andauernd wurden wir von verrückten Fremden, die nicht alle Tassen im Schrank hatten, gestört und angeflirtet. Es konnte nicht wahr sein. Vor allem diese dämlichen Gespräche die ganze Zeit. Ich war wenigstens so schlau, nicht darauf einzugehen.

Als es meinem Freund endgültig zu viel mit den beiden wurde, schlug er vor, dass wir nach vorne an den Tresen gehen. Ich fand die Idee gar nicht gut, da es dort voll war und man nicht sitzen konnte. Die Leute standen alle eng aneinandergequetscht am Tresen, der in einer Ecke endete und ich hatte keine Lust darauf, mich dort auch noch hineinzustopfen und keinen Platz zu haben. Ich hasste sowas! Aber ich ließ nach und ging mit ihm dort hin, obwohl ich mir gewünscht hätte, nach Hause zu gehen, da es fast halb drei war. Wie sollte es hier noch weitergehen? Warum wollte er unbedingt zum Tresen?

Ich stand doof herum und mein Freund fand schnell Anschluss unter all den anderen Betrunkenen. Er traf einen Bekannten und die beiden starteten eine angeregte Unterhaltung. Mein Freund war angetrunken genug, um seinen Kumpel zu erzählen, wie sympathisch er ihn fand und all solchen Kram. Nebenbei hörte ich die Worte ‚Frauen‘ und ‚Verkupplung‘ heraus und merkte, dass es hier um Sachen ging, die ich nie hören wollte. Obendrein wurde ich in meiner Anwesenheit gar nicht mehr beachtet und kam mir vor, als wäre ich gerade nicht gewollt. Ich beobachtete diese Situation noch ungefähr zwei Minuten, bis ich mich kurz und knapp mit ‚ich gehe‘ verabschiedete. Ohne über die Konsequenzen nachzudenken. Ich hatte schon Minuten davor mit diesem Gedanken gespielt, hatte mir aber eingeredet, mich zusammenzureißen und nicht überzureagieren. Es klappte nicht, weil ich innerlich platzte.
Ich ging einfach, dabei hatte ich nicht einmal meinen O-Saft bezahlt. Mein Freund würde das schon übernehmen. Wer sonst. Die Apfelsaftschorle hatte mir ja der andere Typ spendiert. Hoffentlich wusste er es noch.

Ohne einen Schlüssel zu haben ging ich nach Hause.
Natürlich war ich der Meinung, dass mein Freund mir gleich folgen würde. Auf dem Weg nach Hause dachte ich an gar nichts mehr. Ich war völlig leer und ging wie apathisch durch die ausgestorbene Fußgängerzone. Nicht einmal weinen konnte ich, da ich nichts mehr spürte. Ich merkte nur, wie der Wind an meinen Beinen entlangzog und sah das fahle Licht der Laternen.
Als ich zu Hause ankam, setzte ich mich auf die kalte Steintreppe vor der Tür, wie ein ausgesetzter Penner. Ich trug nur eine dünne Strumpfhose und Hotpants. In meiner dunkelgrünen Winterjacke sah ich äußerlich aus wie eine Tanne und sie wärmte mich auch so. Ich konnte nicht behaupten, dass mir kalt war. Nach einer Weile zog ich meine Handschuhe an, was sollten die auch länger nutzlos in der Tasche bleiben. Die Kälte des Bodens zog sich allmählich durch die Sohle meiner Boots und ich fing an, leicht zu frösteln. Aber richtig kalt war mir immer noch nicht. Hin und wieder hörte ich Schritte durch die Straßen hallen, es kam aber nie jemand in meine Nähe.
Ob mich jemand aus dem Haus von gegenüber beobachtete? Mir war es egal. Sollten die anderen Leute denken, was sie wollten. Wahrscheinlich sah mich niemand, um die Zeit schliefen alle.
Dennoch schaute ich mich suchend nach anderen Menschen um. Aus manchen Fenstern brannte noch Licht. Ansonsten herrschte überall Stille.

Ich hoffte, dass mein Freund bald auftauchen würde und schaute andauernd auf die Uhr, während die Zeit kaum merkbar voranschritt. Es konnte doch nicht sein, dass er sich keine Sorgen macht? Ich rechnete in jeder Minute mit ihm und versuchte, ob ich seine Stimme aus der Ferne hören konnte. Aber nie war es seine, obwohl ich mir das eine Mal fast sicher war.
Normalerweise hätte er längst da sein müssen. Er wusste doch, dass ich nicht woanders hinkonnte und keinen Schlüssel hatte. Wie konnte er mich nur so lange sitzen lassen und mich vergessen?
Ich wartete ungefähr eine Stunde in der Kälte und versuchte ihn zwei Mal anzurufen, wobei ich jedes Mal das Angebot bekam, mit seiner Mailbox zu sprechen. Eine Stunde hatte ich auf der Treppe gesessen, ich konnte es kaum glauben, denn es kam mir gar nicht so lange war. Das lag wohl daran, dass ich selber nicht völlig nüchtern war und sich mein Empfinden verändert hatte.
Mir reichte es. Das war respekt- und rücksichtslos, mich alleine in der Kälte stehen zu lassen! Sicherlich war das meine eigene Schuld, da ich einfach abgehauen war, aber es gab einen Grund dafür. Ignoranz und zerstörerische Themen, von denen ich nichts wissen wollte. Welche Frau würde sich so etwas antun?

Ich beschloss, dass ich wieder zurück in die Kneipe musste.
Hier draußen hatte ich nichts mehr verloren und er würde wahrscheinlich nicht von alleine nach Hause kommen. Also ging ich durch die ganze Stadt und suchte diese verdammte Kneipe, wobei ich mich nicht genau daran erinnern konnte, wo sie war. Mir wurde wieder wärmer, als ich mich bewegte. Ich lief schnellen Schrittes einige Seitenstraßen ab und suchte auf der Straße nach bunten Lichtern, die sich vor der Kneipe befanden. Aber sie waren nirgendwo zu sehen. Vielleicht leuchteten sie nicht die ganze Nacht. Ich lief die Straßen auf und ab. Letztendlich folgte ich meinem Bauchgefühl und bog in eine ganz andere Straße ein. Mehr Möglichkeiten gab es nicht mehr.
Nachdem ich ungefähr zwanzig Minuten nervös gesucht hatte, fand ich endlich diese beschissene Kneipe und sie war noch geöffnet. Hoffentlich war mein Freund noch da, denn es wäre blöd gewesen, wenn wir uns verfehlt hätten.
Ich hatte keine Ahnung, was mich dort drinnen erwarten würde und ging mit einem flauen Gefühl in diesen Laden, der inzwischen wieder richtig voll geworden war.
Was ist in dieser einen Stunde passiert?
Wo kamen all diese Leute auf einmal her?
Es war mitten in der Nacht und in dem Laden war mehr Stimmung, als je zuvor. Ich schaute in der Menschenmenge am Tresen nach meinem Freund und sah ihn ganz versteckt in der Ecke stehen, umzingelt von anderen Leuten. Er sah mich wohl auch gleich. Ich drängte mich wütend durch die Enge und mir war es egal, wen ich dabei anrempelte. Pech, wenn kein Platz war, aber ich musste durch. Was mussten die da auch alle dicht an dicht stehen.

Ich sah, dass er sich mit einem anderen Mädel unterhielt, das am Tresen saß und er nahm einen Zug von ihrer Zigarette, warum auch immer. Sie trug eine hellblaue Jeans, eine schwarze Sweatjacke und eine schwarze Mütze auf ihrem blonden Kurzhaarschnitt. Sehr lässig. Und sie hatte ein hübsches Gesicht, mit einem lieblichen Ausdruck. Ganz entzückend.
Das Mädel hatte jedoch noch mehr Flirtpartner an jeder Seite, wirkte aber nicht allzu interessiert daran. Als ich bei meinem Freund ankam, fragte er mich nur, wo ich war und ich sagte, dass ich draußen vor der Tür herumgesessen hatte und jetzt nach Hause wollte – schon seit zwei Stunden. Laut seiner Aussage war er mir noch kurz hinterhergelaufen, als ich abhaute und ist dann wieder zurück in die Kneipe gegangen, weil es dort schöner war, als zu Hause im Bett.
Da er nichts kapierte, fragte er mich gleich noch einmal danach, ob ich nach Hause will. Das passierte noch einige Male und meine Antwort kam nicht im geringsten zu ihm durch, weil sein Hirn schon voll mit Alkohol und er verballert war. Irgendwann ist jedes Bier ein Bier zu viel. Ich schätzte, dass er inzwischen schon zwölf Biere intus hatte.

Ich stand die ganze Zeit neben all den anderen Leuten angepisst neben ihm und zog eine Fresse, die jeden vernichtete. Als er sah, dass ich nicht glücklich war, zupfte er zuerst ein paar Mal an meiner Mütze, bevor er sie mir vom Kopf zog und stupste mich liebevoll mit seinem Arm an. Das Stupsen wurde nach und nach immer stärker. Ich ignorierte all diese Zeichen und hasste es umso mehr, dass er nichts mehr merkte.
Die Musik wurde immer lauter und die anderen Leute grölten wie bekloppt und schrien zudem auch noch wie grunzende Schweine. Ich war wahrscheinlich die Einzige, die in diesem Laden noch nüchtern war und die Sache mit Abstand neutral beobachten konnte. Irgendwann wurde ein Sex-Song aus der Anlage geschossen, der alle noch einmal richtig ausrasten ließ. Ein besoffenes Mädel stieg auf den Tresen, zusammen mit einem Typen, der eventuell ihr Freund war und machten sich dort komplett zum Affen, wobei sie nicht die einzigen Affen waren, denn der ganze Laden war voll von ihnen. Mein Freund stand mit einer neuen Flasche Bier in der Hand still da und guckte heimlich zu, wobei er an meiner fiesen Fresse nicht vorbeikam. Mir konnte niemand ein Lächeln von den Lippen locken, ich zog mein Ding durch, die Stimmung wenigstens ein bisschen zu verderben und die Aufmerksamkeit meines Freundes auf mich zu ziehen. Wie konnte er nur dabei zu sehen, wie es mir immer schlechter ging? Warum konnte er nicht endlich einsehen, dass jetzt Schluss war?

Dann brodelte es wieder in mir und ich lief durch die Masse Richtung Ausgang. Im gleichen Moment wurde mir bewusst, dass ich das vorhin schon einmal gemacht hatte und dass es keine Chance gab, woanders hinzugehen. Ich wollte nicht wieder draußen in der Kälte ausgesetzt auf einer Treppe hocken und alleine sein. Mist.
Also stopfte ich mich wieder zurück durch die Menge, während mein Freund mit der hübschen Frau redete. Bei dem verletzenden Anblick quetschte ich mich prompt wieder Richtung Ausgang, weil ich keine Ahnung hatte, was ich machen und wie ich damit umgehen sollte.
Auf halbem Weg nach draußen ging wieder zurück, weil ich leider keine andere Wahl hatte.
Die anderen Gäste zeigten mir deutlich, dass ihnen dieses Durchgequetsche und Geschubse langsam auf die Nerven ging. Aber mich störte es nicht, wir kannten uns alle nicht und ich konnte mich so daneben benehmen, wie ich wollte. An diese Nacht konnte sich eh niemand mehr erinnern.

Dann stand ich wieder machtlos neben ihm.
Mir reichte das alles dermaßen, dass ich ihn erneut darauf ansprach und ihn fast darum anflehte, endlich abzuhauen, es war schon spät. Ein bisschen drang zu ihm durch und er sagte:„Ich bring dich nach Hause.“
Er ging mit mir Richtung Tür, nahm aber nicht seine Jacke mit.
„Und was ist mit dir? Du musst deine Jacke doch noch mitnehmen! Mann!“
„Ich komme nachher nochmal wieder, ich bring dich jetzt nur nach Hause und dann komm ich wieder her.“
Ich sah ihn mit großen Augen an und wollte ihn fast anspringen.
„ Du kannst mich doch jetzt nicht alleine zu Hause lassen? Wir beide waren heute verabredet und ich war dein Besuch! Das kannst du doch jetzt nicht machen?! Du kannst mich doch jetzt hier nicht so stehen lassen? Dauernd ignorierst du mich!“, und ich brach in Tränen aus.
„Ich will aber noch hier bleiben und Spaß haben. Ich will noch nicht nach Hause“, sagte er, wobei er sein Gleichgewicht kaum noch halten konnte, und nach hinten kippte.
„Du kannst doch gar nicht mehr richtig stehen! Guck dich doch mal an, du bist total dicht!“
Seine Augen waren schon ganz klein und er hielt sie beim Sprechen geschlossen, weil das alles anstrengend war.
„Ich will aber noch hier bleiben.“

So ging unser Gespräch mindestens fünfzehn Minuten. Es war sinnlos und deprimierend.
Mir schossen immer mehr Tränen in die Augen, weil ich sein Verhalten nicht verstehen konnte. Noch nie hatte er sich bei einem unserer Treffen so verhalten. Inzwischen war es halb fünf und es wäre Zeit gewesen, dass wir beide nach Hause gehen. Aber er wollte noch Spaß haben und trinken.
Noch mehr! Wie viel wollte er noch trinken, wenn jetzt schon nichts mehr ging?
Dann kam einer dieser verrückten Typen von vorher auf uns zu, weil er sah, dass wir Stress hatten und erklärte meinem Freund, dass er mich gefälligst nach Hause bringen soll. Er versuchte, auf ihn einzureden, aber erklärte auch deutlich, dass er sich nicht weiter in unsere Beziehungsangelegenheiten einmischen wollte. Er dachte immerhin, dass wir ein Paar wären, das Streit hat. Danach machte er sich mit einem Kompliment an mich langsam vom Acker.
„Deine Augen sind echt gefährlich“, sagte er mir zum vierten Mal.
Ich zeigte wütend auf meinen Freund und sagte: „Er ist an allem Schuld“, und schubste ihn.
„Sorry, was immer da gerade passiert, regel das, mein Freund. Ich kann Frauen nicht weinen sehen“, war sein letzter Satz. Danach war der verrückte Typ weg und stellte sich an den Tresen.

Mein Freund ging anschließend mit mir nach draußen, wir hatten uns lange genug drinnen angefaucht, sodass es alle mitkriegen konnten. Auf der Straße ging der selbe Alptraum weiter. Er hatte keine Einsichtsfähigkeit und ich versuchte ihm die Situation deutlich zu schildern. Ich wurde dabei sehr laut und teilweise ungehalten, aber es kam bei ihm nichts durch. Er merkte nicht, wie daneben er sich insgesamt verhielt.
Weitersaufen, obwohl schon längst das Maß überschritten war.
Weitersaufen, obwohl er eigentlich keine Kohle hatte und das Geld für andere wichtige Dinge brauchte.
Weitersaufen, obwohl er kaum noch vernünftig stehen und sprechen konnte.
Was hatte das alles mit Spaß zu tun? Eine Frau, die er im betrunkenen Zustand kennenlernen würde, wäre am nächsten Tag wieder Geschichte, da Betrunkensein mit der Realität nichts zu tun hatte. Alles nur Scheinwelt und noch mehr Probleme.

„Ich hatte mir den Abend anders vorgestellt und nicht so beschissen“, schrie ich ihn wütend an, „so scheiße hast du dich noch nie verhalten. Du merkst echt gar nichts mehr. Guck dich doch mal an! Das ist total erbärmlich!“
Er stand regungslos vor mir mit einem gleichgültigen Gesichtsausdruck.
„Ich will aber noch feiern! Spaß haben, da ist Stimmung.“
Als er immer wieder den selben Satz sagte und sich unsere Gespräche nur im Kreis drehten, gab ich endgültig auf und wusste, dass ich nicht erwünscht und völlig umsonst hier war. Ich war enttäuscht, so von ihm missachtet zu werden. Keine Spur von Sozialkompetenz und Empathie. Er war völlig anders, als er vorgab, zu sein. Wahrscheinlich war er mehr besoffen, als nüchtern, da die Kneipe sein Lieblingsort war. Ein Ort der Täuschung, nichts Wahres.

Ich war wütend und traurig auf ihn, aber ich konnte mich nicht ständig wiederholen.
„Entweder gibst du mir jetzt den Schlüssel oder du kommst mit“, sagte ich entschlossen.
„Wenn ich mich drauf verlassen kann, dass du mich nachher reinlässt und nicht einfach abhaust, dann ja.“
Ich wurde immer lauter:„Ich würde gerne sofort abhauen. Komm doch einfach mit jetzt, du Arschloch!“, und stampfte dabei mit den Füßen auf den Boden wie ein kleines Kind.
Schon blühte die Diskussion erneut auf.
„Nein“, sagte er emotionslos.
„Ich hasse besoffene Männer, die sind echt zum Kotzen. Ich hätte echt nie gedacht, dass du genauso scheiße bist. Du bist echt zum Kotzen. Und jetzt gib mir den ollen scheiß Schlüssel!“
Er war so betrunken, dass es ihn nicht mehr störte, wie ich ihn beleidigte und anschrie. Ich war sogar kurz davor, ihm eine zu knallen. Wäre das besser gewesen? Vielleicht hätte das ein bisschen geholfen, um ihn wach zu kriegen.
Während unseres Streits wurde er am Anfang eines Wortes kurz laut, um seine Macht kurzzeitig zum Ausdruck zu bringen. Danach wurde er wieder gleichgültig in seinem Suff, leise und fast stumm. Ich konnte ihn mit meinen vernichtenden Worten nicht erschlagen und kränken. Wäre er nüchtern gewesen, hätte er sich das niemals gefallen lassen und hätte sich dagegen gewehrt.
Dann gab er mir den Schlüssel und ging wankend zurück in die Kneipe.
An seinem Schlüsselbund hing ein kleines Sorgenfresserplüschtier. Das hatte vorne am Maul einen Reißverschluss und sollte symbolisch all die Sorgen fressen, die man hatte. Wahrscheinlich war dieses Plüschtier längst tot, bei solch gravierenden Sorgen, die mein Freund hatte.
Wieder einmal überkam mich Mitleid.

Die Polizei fuhr im Schneckentempo durch die Fußgängerzone und ich hoffte, dass sie mich nicht aufhalten würden, weil meine Schminke so verwischt war und ich fertig aussah. Ich blickte extra auf den Boden, damit mich niemand sieht.
Ja, ich war mit den Nerven am Ende. Schließlich hatte in der vorigen Nacht nur zwei Stunden geschlafen, nichts gegessen und mich nur im Toleranzbereich betrunken. Ich hatte die Schnauze voll und wollte, dass alles endlich zu Ende ist und ich wieder nach Hause fahren konnte. Die Bullen hätten meinen Freund mal mitnehmen sollen, dachte ich.

Als ich in seiner Wohnung war, atmete ich gleich wieder diesen unangenehmen Geruch ein. Was war das nur?
Dann kam sein Hund bellend auf mich zugerannt und ich stieß ihn abrupt mit dem Fuß weg. Er war das Letzte, was ich jetzt wollte. Oller Köter. Ich hatte nur wenig Liebe für ihn übrig, da er zu der Sorte gehörte, die jeden gleich anbellte und belästigte. Der Hund war ungezogen und böse veranlagt. Ich sperrte ihn in die Wohnstube, damit er mich in Ruhe ließ und nicht mit ins Bett konnte, so, wie er es sonst gewohnt war. Tiere im Bett gingen gar nicht. Er roch nicht gut und kratzte sich ständig wie besessen. Aber das Geld für einen Tierarztbesuch fehlte nun mal und der Hund musste darunter leiden.

Eigentlich wäre ich gerne Baden gegangen, um mich aufzuwärmen. Zu Hause hatte ich leider keine Wanne. Aber da ich nicht wusste, wann mein Freund kommt, ließ ich es sein. Ich zog meine aufreizenden Klamotten aus und holte mein nächstes Outfit aus dem Rucksack. Eine wärmende schwarze Cordhose, auf der man gut die weißen Haare des Hundes erkennen konnte, die überall herumlagen und einen weichen grauen Wollpullover mit bunten Pailletten. In meinem kurzen Schlafsachen hätte ich nur noch mehr gefroren. Normalerweise hätte ich gehofft, dass ich jetzt jemanden zum Kuscheln gehabt hätte. So war das eigentlich auch geplant.
Ich ging noch schnell ins Bad und schminkte mich ab, obwohl ich keine Lust hatte, mir die Wahrheit im Spiegel anzugucken. Ich sah blass und traurig aus. Die Haare lagen auch scheiße. Alles an mir wirkte enttäuscht und gestresst. Egal, mich sah sowieso keiner mehr. Dann legte ich mich auf die karge Matratze auf dem Fußboden, denn ein richtiges Bett gab es nicht.
Viele wichtige Dinge fehlten in seiner Wohnung. Das meiste war vom Sperrmüll oder alte Möbel von der Ex-Ex-Freundin, die kaputt waren. Auch der Lichtschalter war mit Klebeband lose an der Wand befestigt und machte den Eindruck, dass man ihn lieber nicht benutzen sollte.
Nichts war in der Wohnung perfekt. Nicht mal abwaschen konnte man in der Spüle, da etwas mit der Wasserleitung nicht stimmte und somit nicht funktionierte. Also wurde das winzige Waschbecken im Bad für den Abwasch missbraucht. Das Geschirr wurde dabei auf dem Klodeckel abgelegt. Alles sehr hygienisch. So what, mir war das ziemlich egal, anfangs. Ich hätte sein Leben schließlich komplett verändern können. Alles wäre mit mir anders und schöner gewesen. Aber er hatte mich abgelehnt und somit würde sein Leben vorerst so bemitleidenswert bleiben.

Ich legte mich erschöpft ins Bett und zog mir die zerlöcherte Decke über den Kopf, die der Hund in seinen Wahn zerbissen hatte. Mir war kalt, trotz der warmen Sachen und mein Kopf tat weh. Ich wusste, dass die Kopfschmerzen von dieser blöden Kneipe kamen und von der fast ausgetrunkenen Flasche Sekt am Abend. Die Kopfschmerzen waren zwar mild, aber sie störten mich trotzdem. Bei jeder Bewegung, die ich langsam ausführte, entwickelte sich ein leichter Schwindel. Ich war froh, nicht mehr getrunken zu haben, denn sonst wäre es mir jetzt richtig schlecht gegangen.
Schlafen konnte ich nicht. Ich sah ständig auf die Uhr und wartete, bis mein Freund kam. Irgendwann musste dieser Laden doch auch mal dicht machen. Sonst hatten die auch schon eher geschlossen und uns einmal fast herausgeworfen, weil wir um eins die Letzten waren. Nur diesmal waren die Inhaber selber zu besoffen und hatten Spaß an der ausschweifenden Stimmung.

Ich hatte nur noch einen einzigen Gedanken: Wann fahre ich nach Hause? Schnell überprüfte ich mit dem Handy die Zugverbindungen und musste mich zwischen Ausschlafen mit Wohlbefinden oder Abhauen mit Unwohlsein entscheiden.
Am liebsten hätte ich ausgeschlafen, da ich es jedes Mal übel fand, mit körperlichen Beschwerden nach Hause zu fahren. Dazu gehörten meist Übelkeit, Kopfschmerzen und starke Müdigkeit.
Würde ich gleich morgens einen der ersten Züge nehmen, müsste ich diese miesen Gefühle in Kauf nehmen.
Also stellte ich meinen Wecker vorerst zu um zwölf, das dürfte reichen, um halbwegs fit zu sein.
Mit den Gedanken, wann ich abhauen will, war ich eine ganze Weile beschäftigt.
Zwischendurch schloss ich die Augen, die inzwischen vor Müdigkeit wehtaten. Aber schlafen konnte ich trotzdem nicht, bei all der Aufregung.

Irgendwann, gegen fünf Uhr morgens kam er nach Hause.
Er musste klingeln, um in seine eigene Wohnung zu kommen und ich sprang sofort auf. Weil er so voll war, klingelte er gleich zwei Mal kurz hintereinander. Er hatte wohl Angst, dass ich nicht die Tür öffnete oder schon weg war. Ich wartete gespannt am Türspalt, während er sich die paar Treppen bis zur zweiten Etage hochschleppte. Aber er schaffte es ohne zu stürzen.
Als er den Flur betrat, sagte ich nichts und ging wieder angenervt ins Bett. Ich schaute ihn nicht einmal an, darauf konnte ich verzichten.
Im Bett lauschte ich dem Gepolter in der Wohnung und dachte, er würde jeden Moment hinfallen und sich den Kopf aufschlagen. Dann kam er zu mir ins Schlafzimmer, im Flur brannte noch das Licht und auch der Köter stürzte sich gleich mit ins Bett.
Mein Freund ließ sich wie ein alter Sack quer auf das Bett fallen, seine Beine gaben nun endgültig nach und konnten ihn nicht mehr halten. Welch Wunder, dass er es überhaupt nach Hause geschafft hatte, denn der Weg war unter diesen Umständen recht weit.
Da lag er nun, auf meinen Füßen. Er machte auf seine Art eine indirekte Andeutung, dass er mehr wollte. Das erkannte ich daran, wie er sich mit seinem Kopf in meine zugedeckten Füße wühlte und meine Beine über der Decke streichelte. Sehr offensichtlich und ein kleines bisschen offensiv. Merkte der echt gar nichts mehr?
Ich strampelte meine Füße weg und sagte genervt:„Lass das!“
Er war nicht in der Lage zu antworten.

Dann wurde es plötzlich ruhig, es regte sich nichts mehr und ich hörte nichts.
Das einzige was ich hörte, war ein Atmen gemischt mit einem leisen Schnarchen. Ich fragte mich, von wem das kam. Machte der Hund solche Geräusche oder mein Freund? Nachschauen wollte ich jedenfalls nicht und wartete, bis ich die Geräusche besser identifizieren konnte, da sie sich immer weiter ausprägten in ihrem Sound.
Dann war mir klar, dass diese Schnarchatmung von meinem Freund kam, der in einer ungünstigen Pose eingeschlafen war. Ich guckte vorsichtig unter der Decke hervor, um das Elend neugierig zu betrachten.
Mein Freund lag besoffen am Fußende in einer Position, die aussah, als hätte ihn jemand überfahren. Alle Gliedmaßen von sich gestreckt und den Kopf in die Matratze gedreht. Seine langen Haare verdeckten sein Gesicht teilweise. Ich hoffte nur, dass er nicht auch noch eingepullert hatte. Solche Dinge konnten leicht passieren, wenn man unter Kontrollverlust litt.
Er schnarchte so laut wie noch nie und sein Atem überschlug sich regelrecht. Es machte mir etwas Angst. Die ganze Situation war mir nicht geheuer. Ich guckte wieder dauernd auf die Uhr, an Schlaf war nicht mehr zu denken. Stattdessen stellte ich mir vor, was ich nachher zu Hause mache und wie ich unter meiner Kuscheldecke auf der Couch liege. Außerdem hatte ich Lust auf warme Pizza und Sojamilch mit Vanillegeschmack.
Der Handywecker von meinem Freund klingelte ab sieben Uhr in regelmäßigen Abständen. Es lag im Flur und ich wollte nicht aufstehen. Beim letzten Treffen erlaubte er mir, dass ich es ausschalten durfte, wenn es mich störte. Er hörte den lauten Wecker nicht und ich hoffte, dass er irgendwann von alleine ausging und das tat er. Paar Minuten später ging das ganze Gedudel von vorne los. Der Wecker stresste mich mit seinem Gute-Laune-Guten-Morgen-Sound, der so gar nicht in diese triste Umgebung passte.

Ich versuchte trotz Wecker ein wenig zu schlummern und mich auf zu Hause zu freuen.
Nun war mir klar, dass ich nicht erst mittags fahren wollte, sondern so früh wie möglich. Meine Kopfschmerzen konnte ich später auskurieren, die zwei Stunden Fahrt würde ich noch aushalten, wenn mich niemand ansprach und etwas von mir wollte. Ich hatte schon schlimmere Sachen durch, wie zum Beispiel mich völlig verheult und mit starken Kopfschmerzen in der Öffentlichkeit blicken zu lassen. Mit der Tatsache, dass ich an dem besagten Tag obendrein auf Schienenersatzverkehr angewiesen war. Das war mies.
Ich stellte meinen überflüssigen Wecker zu um acht, damit ich gegen neun losfahren konnte. Die Zeit davor brauchte ich, um mich zu schminken und um mich eventuell zu verabschieden.

Mein Freund schnarchte und schnarchte.
Bis er auf einmal wach wurde, kurz lachte und aufstand.
Was war jetzt los, dachte ich. Er polterte in der Küche herum und wühlte im Kühlschrank, wobei es teilweise ziemlich klirrte. Bekam er nun einen Fress-Flash, so wie es oft üblich ist, wenn man verkatert ist? Konnte er überhaupt richtig gucken, bei dem verschwommenen Tunnelblick?
Dann ging er ins Bad und ich hörte, wie er sich seine Jeans auszog. War sie etwa doch vollgepullert? Nein, wahrscheinlich zog er sich nur seine Jogginghose an, damit es bequemer ist, denn die hatte er zu Hause immer an. Die Jeans war nach Weihnachten zu eng geworden und kniff ordentlich am Bauch. Das mochte er gar nicht. Dagegen musste er dringend etwas tun. Deswegen machte er sich jetzt sein Frühstück fertig.
Ich hörte ein schrilles ‚Ping‘ aus der Küche. Ah ja, er hatte sich Brötchen aus der Tüte warm gemacht. Es gab Frühstück für ihn und er fragte mich diesmal nicht, da ich Nahrung eh immer ablehnte. Heute gab es sowieso keinen Grund mehr, mich nach meinen Wünschen zu fragen. Wir hatten uns nichts mehr zu sagen. Mein Freund hielt sich lange in der Küche auf. Dabei konnte ich mir nicht vorstellen, dass er schon ausgeschlafen hatte.
Bevor mein Wecker klingelte, stand ich auf und ging ohne eine Begrüßung ins Bad, in dem noch das Licht brannte. Ich fragte nicht, ob er fertig war. Hauptsache, ich konnte bald nach Hause und diese Bude verlassen.
Ich sah immer noch kacke aus, wie immer, wenn ich ungeschminkt war. Aber das änderte sich gleich und nach ein paar Minuten war ich wieder richtig zufrieden mit mir. Was Schminke alles kann…Auch meine Haare lagen wieder besser, dank Haarspray.

Als ich aus dem Bad kam, lag mein Freund wieder brav im Bett.
Wahrscheinlich alles Taktik, damit er mir aus dem Weg gehen konnte. Er lag genau dort, wo ich vorher gelegen hatte. Der Platz war noch warm. Ebenso gut hätte er gleich mit mir kuscheln können, wenn wir beide viel eher nach Hause gegangen wären. Er hätte alles in dieser Nacht haben können. Aber nein, es sollte nicht so sein.
Nun lag er da, ganz selig mit dem Kopf in sein Kissen gegraben mit dem Blick zur Tür gerichtet. Seine Augen waren geschlossen, damit er mich nicht sehen musste.
Ich packte meine Schminksachen in den Rücksack und schaute nach, ob ich nichts vergessen hatte. Das wäre ärgerlich gewesen, denn ich wollte nie wieder hier her kommen. In der Dunkelheit konnte ich jedoch nicht allzu viel erkennen. Eigentlich hatte ich ja auch nur mein Ladekabel ausgepackt, sonst nichts. Also, was sollte ich schon vergessen haben.
Dann ging ich in den Flur und zog mich in Zeitlupe an. In einer Lautstärke, bei der ich mir erhoffte, dass er aufmerksam wird und sich anständig von mir verabschiedete. Ich raschelte und polterte, schlug die Tür von der Schrankgarderobe zu und tritt mit den Schuhen robust auf den Boden. Aber im Schlafzimmer tat sich nichts. Okay.
Ich schaute nochmal nach, ob ich alles hatte und wühlte meine große Handtasche durch, in der sich nur wenig Inhalt befand.
Als ich bereit zum Aufbruch war, ging ich in sein Zimmer und sagte energisch:„Ciao. Wir sehen uns nie wieder.“ Danach schlug ich die Zimmertür hastig zu. Aber leider war es nicht laut genug.
Das mit dem Niewiedersehen hatte ich beim vorletzten Mal zwar auch schon gesagt, aber diesmal meinte ich es ernst. Ich wollte diese Bude nie wieder betreten und von diesem ganzen Elend nichts mehr mitbekommen. Dieses Treffen war eine Schocktherapie.
Ich hatte mehr Mitleid, als alles andere und mir war klar, dass ich mein Leben mit niemandem tauschen möchte, da ich jetzt einsah, wie viel Glück ich hatte. Es gab keinen Grund, mit dem unzufrieden zu sein, was ich hatte.
Sein Leben war nicht beneidenswert – nichts davon, nicht einmal im Ansatz. Sein Leben erinnerte mich eher an trauriges Scheitern, fernab von Glück und Gesundheit. Die Freude und der Spaß kamen nur durch das Trinken.
Ich fragte mich in der schlaflosen Nacht oft, was ich eigentlich so toll an ihm gefunden hatte und ich konnte keine Antwort finden. Ich wusste es nicht. Wahrscheinlich war das alles nur eine Illusion und ich hatte mich in ihm getäuscht.

Er reagierte nicht auf meine letzten Worte und lag da, ohne sich zu regen.
Er schaute mich nicht einmal an. Ihm war es egal, dass ich für immer ging. Heute Abend gab es schließlich wieder genug zum Saufen und unser Treffen geriet somit für ihn schnell in Vergessenheit. Vielleicht wusste er dann gar nicht mehr, dass wir uns überhaupt getroffen hatten.
Ich schlug die Haustür extra laut zu, als letzten Gruß. Meinetwegen hätte es noch lauter sein können, sodass das Schloss kaputt gegangen wäre. Wäre mir egal gewesen, er hatte ja meine Adresse nicht. Zum letzten Mal lief ich diese Treppen hinunter, vorbei an seinem Briefkasten ohne Schloss und raus aus diesem Haus Nummer 11.
Danach ging ich zum Bahnhof, es war noch viel zu früh. Aber ich konnte nicht mehr bei ihm zu Hause warten. Ich wollte einfach nicht länger dort bleiben und viel wärmer war es in der Wohnung schließlich auch nicht. Also wartete ich eine dreiviertel Stunde in der kühlen Bahnhofshalle und schrieb eine letzte SMS:

P.S.: Du warst echt ekelhaft letzte Nacht. Unterstes Niveau. Du hast recht, ich gehöre nicht in dein Leben und ich will es auch nicht mehr. Du hast mich völlig abgeschreckt und angewidert in den letzten Stunden. Sorry für meine Ehrlichkeit, aber so jemand passt dann doch tatsächlich gar nicht zu mir.

Eine Antwort gab es dazu nicht mehr. Er war schon wieder mit Saufen und Party beschäftigt. Auf der Suche nach der perfekten Frau, die er nie fand.

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Rot

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Fast geräuschlos glitt der letzte Nachtzug aus der Halle. Der Bahnsteig war leer, bis auf einen einzelnen Mann. Er hatte sich eine Zigarette angezündet und starrte dem Zug nach, dessen rote Schlusslichter rasch kleiner wurden.

Auch als der Zug längst verschwunden war, blickte Lennard dem Nichts hinterher. Als die Bahnhofsuhr zwei Mal dumpf schlug, zuckte er zusammen. Zwei Uhr, mitten in der Nacht im Winter. Die Kälte zog bis in die Halle. Er empfand nichts außer dem Schmerz, der sich tief in seine Seele fraß. Eine Stunde lang stand er wie gelähmt in der Halle und rauchte eine Zigarette nach der anderen, bis die Schachtel leer war. Der Qualm konnte seine Gefühle nicht betäuben. Dafür brachte er Übelkeit hervor und Lennard beschloss, langsam nach Hause zu gehen. Der eisige Wind fuhr durch seine langen Haare und kühlte sein vor Kummer glühendes Gesicht. Die zarten Schneeflocken auf seinen Wangen spürte er nicht. Küsse fühlten sich für ihn anders an. Aber die Küsse, nach denen er sich sehnte, bekam er nicht mehr.
An der Haustür erwartete ihn bereits seine aufgeregte Mutter. Sie trug nur ein leichtes Nachthemd und war ganz blass vor Schreck.
„Lenni, wo warst du? Ich habe mir solche Sorgen gemacht! Du kannst doch nicht einfach so abhauen!“
„Geh weg, ich will niemanden sehen jetzt“, sagte Lennard gereizt und schubste seine Mutter sanft beiseite.
„Lenni!“
Doch Lennard hörte ihr nicht mehr zu und ging in sein Zimmer, wo er sich gleich auf sein Bett fallen ließ, in seinem verschneiten Parka und mit den matschigen Straßenschuhen. Ihm war alles egal. Als er das rote Stand-By-Lämpchen an seinem Fernseher leuchten sah, erinnerte er sich wieder an die roten Lichter des abfahrenden Zuges. Für ihn war dieser Abschied der schlimmste Moment seines Lebens gewesen. Es war der Abschied von seiner ersten richtigen Freundin und ersten großen Liebe – Frieda. Sie war sehr spontan und rebellisch, das liebte er an ihr. Aber diesmal hasste er es. Ihr letzter Satz brannte sich in sein Gehirn: Es gibt mehrere große Lieben im Leben, man muss nur die Richtige finden. 
Er war nicht der Richtige für sie, trotz der drei langen aufregenden Jahre. Noch nie hatte sein Herz so wehgetan wie jetzt. Weinen konnte er nicht, das war Mädchenkram für ihn.
Als sein Handy leise in der Tasche vibrierte, hoffte er, dass es eine SMS von Frieda war. Auf dem Display stand: Hey, koppf hoch,..Wirst schon drüba hinwegkommen. Du findest schon ne andere, jeder ist doch iwie austauschbar, oder? lg
Lennard beschloss, nicht zu antworten und zu schweigen. Er konnte nichts an ihrer Entscheidung ändern und musste ihre Meinung akzeptieren. So oberflächlich sie auch klang, als ob er ihr nichts bedeutete. Er war zutiefst enttäuscht und gekränkt.
Dennoch liebte er sie, mit all ihren verrückten Fehlern und wahnsinnigen Stärken. Lennard hatte keine Ahnung, wie er die Nacht verbringen sollte, ohne an sie zu denken. Er griff unter sein Bett und holte eine Flasche Bier hervor, obwohl er gerade Lust auf etwas Härteres gehabt hätte. Irgendwann schlief er erschöpft ein.

Am nächsten Morgen klopfte seine Mutter an seine Zimmertür. 
„Lennard, guck mal, wer hier ist. Besuch für dich.“ 
Vor ihm stand Frieda, die über das ganze Gesicht strahlte, mit all den glitzernden Schneeflocken auf der grünen Strickmütze. Ihr Mantel war genauso rot wie die Lampen vom Zug. 
„Ich hab dich so vermisst, Lenni“, sagte Frieda und umarmte Lennard innig, „das Taxi steht noch vor der Tür. Hast du bisschen Kohle?“
Lennard nahm Frieda in den Arm und sagte: „Du durftest mich gerne arm machen, solange ich dich behalten konnte. Du bist mein größter Reichtum. Gewesen.“ 
Mit diesen Worten ging Lennard entschlossen in sein Zimmer, auch wenn es ihm schwerfiel. Ihr sprunghaftes Verhalten konnte er Frieda jedoch nicht verzeihen. Der Zweifel an ihrer Liebe und ihr sprunghaftes Verhalten war ein großer Vertrauensbruch, der ihre Beziehung in der Basis zerstörte. Lennard konnte das nicht zulassen und wollte seinen Stolz nicht verlieren. Er konnte ihr nicht verzeihen. Männer müssen so etwas verkraften können, dachte er sich. Auf welche Art auch immer. 
Eines Abends ging Lennard wieder zum Bahnhof. Er liebte dieses Gefühl der Sehnsucht, wenn die Nachtzüge den Bahnhof verlassen und er liebte das Gefühl der Hoffnung, dort eines neues Mädchen kennenzulernen. Ein Mädchen in einem roten Mantel. Liebevoll, charmant und vielleicht ein bisschen verrückt.

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Tränenkuchen

Ich backe dir einen Kuchen, mit all meinen Tränen, die ich voller Kummer in den Teig weine. Weil du Geburtstag hast und ich nicht mehr eingeladen bin.
Erstens muss ich an dem Wochenende arbeiten und zweitens hast du keine Gefühle für mich, wie du mir per Mail erklärt hast. Ein Schock, nach all der Hoffnung, die du über Wochen in mir geweckt hast. Vor einigen Tagen waren wir uns noch so vertraut und nun sind wir distanzierte Fremde. Oder enge Freunde. Wie es immer üblich ist, wenn es für eine ernsthafte Beziehung nicht reicht und man die Schmerzphase überwunden hat
Gründe konntest du mir nicht nennen, nein. Aber dein Bauch ist der Meinung, dass ich nicht zu dir passe. Und du glaubst ihm. Gegenseitige Sympathie und Attraktivität werden ausgeblendet, weil dein Bauch recht hat. Basta.
Kann dein Bauch sehen?
Kann dein Bauch mehr fühlen, als dein Hirn?
Warum vertraust du deinem Bauch mehr, als uns?
Ich kapiere es nicht. Akzeptieren muss ich es trotzdem.
Weinend sitze ich auf dem Küchenstuhl, mit der traurigen Teigschüssel vor mir. Mein verschwommener Blick starrt auf deine letzte Mail, die ich immer und immer wieder durchlese und mit jedem Satz neu interpretiere, um doch noch etwas Positives zu finden. Aber es gibt nichts.
Kurz nach Mitternacht schiebe ich den Teig in den Ofen, völlig apathisch. Ich ziehe die Küchenuhr auf, damit der Kuchen nicht anbrennt, in meiner geistigen Abwesenheit. Dennoch wird er an einer Ecke schwarz. Was soll’s, die Schokoglasur wird den Fehler schon vertuschen.
Das wird der erste Kuchen sein, den ich im Paket verschicken werde und wahrscheinlich wird es keinen Anlass geben, so etwas nochmal zu tun. Wer verschickt schon verderbliche Lebensmittel mit der Post…
Damit der Kuchen nicht alleine reisen muss, kann er die Gesellschaft netter Worte, die auf Papier geschrieben sind, genießen und darf sich von Konfetti schmücken lassen, dass ich in den Karton streue. Lauter Herzchen und Kleeblättchen als Symbol, wie sehr ich dich mag.
Zum Schluss wird er in Servietten eingebettet, die ihn vor groben Stößen schützen. Außerdem habe ich nebenbei auch 18 Muffins gebacken, die als Airbag dienen.
Ob der Kuchen salzig geschmeckt hat, werde ich nie erfahren, da er nie bei dir angekommen ist (trotz Sendungsverfolgung) und die Liebe nie deinen Magen erreicht hat.
Ein vergessenes Paket und unerwiderte Gefühle, die nach und nach sterben werden, damit die Freundschaft Platz hat, die mit der nächsten festen Freundin aufhört.

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Langweilige Arschkriecher

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So sind Männer am schlimmsten. Für mich.

Ich schaue auf mein Handy. Ein Blick genügt, um es genervt wieder in die Hosentasche zu stecken.
Schon wieder fünf neue Nachrichten, obwohl ich gerade mal vor drei Stunden geantwortet habe!
Es sind Antworten auf immer die selben Fragen. Und meine Antworten auf seine Fragen ändern sich auch nach drei verdammten Stunden nicht gravierend.

Um einige beliebte Beispiele zu nennen:

‚Na, wie geht’s dir?‘
‚Was machst du gerade?‘
‚Bist du immer noch auf Arbeit?‘
‚Was machst du nach der Arbeit?‘
‚Schläfst du schon?‘
(-> situationsbedingte Frage, wenn ich spät abends nicht mehr antworte, obwohl ich selbstverständlich noch wach bin, da ich erst sehr spät ins Bett gehe)

Was sollen all diese belanglosen Fragen?
Es sind Fragen von einem Kerl, den ich eigentlich kaum kenne. Aber er tut alles dafür, um mich besser kennenzulernen und er tut es auf die anhängliche Art, die ich nicht leiden kann.
Ich hingegen habe ihn längst durchschaut, ohne viele Fragen stellen zu müssen. Und trotzdem bin ich mir sicher, ihn inzwischen bestens zu kennen.
Ein Mann aus Glas. Ich muss ihn nur anschauen, um das Wichtigste zu wissen.

Wie es mir geht, ist oft undefinierbar. Zwischen gut und schlecht ist alles möglich.
Aber ich mache fast jeden Tag die selben Dinge.
Nämlich 12-14 h arbeiten, und mich nebenbei um Hobbys und Freunde kümmern.
Deshalb bekommt er jeden Tag die selben Antworten von mir. Nur er checkt es nicht. Er checkt nicht, dass ich Ziele und Pläne habe, die ohne einen Mann genauso gut funktionieren. Das nennt man Unabhängigkeit.
Das Beste an der Sache ist, dass wir nicht mal ein Paar sind. Er hat nicht das Recht, mich mit seiner Nähe und seiner Neugier zu bedrängen.
Er ist wie ein Teddybär, der geknuddelt werden will. Am besten auf der Couch vor dem Fernseher. Mit einer Tüte Chips und einer Cola.
– Ohne mich.

Er passt genau in die Schablone: Liebevoller Langweiler, der eine durchgeknallte Frau braucht, um sich nicht mehr zu langweilen.
Vor allem spielt er sich wie ein verklemmter Kumpel auf, der bei dem Wort ‚Sex‘ gleich rot anläuft, weil es ihm peinlich ist, darüber zu reden.
Geht gar nicht, da kann ich nur verachtend den Kopf schütteln.
Kuscheln statt Sex? – No way.
Ich bin nur sein platonischer Zeitvertreib, damit sein Leben wieder ein bisschen mehr Sinn macht.
Mein Leben macht auch ohne ihn Sinn und ich bin mir nicht sicher, wozu ich ihn überhaupt brauche.

Er macht auch jeden Tag das Gleiche – sich langweilen, was sonst.
Weil er keine gescheiten Hobbys hat und seine Freunde anscheinend auf Abstand gehen, wenn er nicht gerade auf deren Hochzeiten eingeladen wird.
Warum wohl?
Vielleicht weil er nervt und alleine mit sich nichts anfangen kann?
Er hat kein eigenes Leben, das ist das Problem.

Ich finde es schlimm, wenn jemand mit sich alleine nicht klarkommt und gar nicht weiß, was er vor lauter Langeweile tun soll. Für mich gibt es eigentlich nichts Schlimmeres, als solche Menschen. Leider gibt es viele von denen und ich akzeptiere es, aus der Ferne betrachtet.
Und wenn es sich dabei um Männer handelt, ist das noch viel schlimmer.
Ist doch bescheuert, wenn Männer bei ihrer Freizeitgestaltung auf das Mitwirken von Frauen hoffen und auf nette Worte warten.
Andersrum wäre es, meiner Meinung nach, deutlich spannender.

Wäre er ein ignorantes Arschloch, würde er bestimmt etwas mehr Beachtung von mir kriegen.
Mit Provokation und Rebellion könnte er mich mehr beeindrucken.
Und natürlich sollte er einen interessanten Job haben und so gut wie nie erreichbar sein.
Das wären für mich sehr zufriedenstellende Umstände.

Also: Wer mich haben will, der sollte mich lieber in Ruhe lassen.
Oder abwarten, bis ich konkrete Wünsche äußere oder aus Eigeninitiative anzügliche Annäherungsversuche mache.
Alles andere zieht bei mir nicht.