Shpock und Wunschdenken

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An einem Samstagabend war ich ganz euphorisch, nachdem ich mir die App herunterlud. Ich wollte unbedingt mein Handy verkaufen – ohne Ebay und ohne Ankaufportal. Sondern ganz alleine und am besten schnell. Shpock schien dafür perfekt zu sein, schnell und easy.
Also machte ich ein paar Fotos vom Handy und beschrieb kurz alle Details.

Ich war mir sicher, dass ich das Handy bald verkaufte. Vielleicht sogar innerhalb einer Woche, da es wie neu war und perfekt funktionierte. Es war wirklich perfekt neuwertig mit Originalverpackung, ungebrauchtem Zubehör und Schutzhüllen. Ein Traum für 400€.
Was sollte da schiefgehen?
Nach 5 Minuten war alles fertig, der Verkauf konnte losgehen und ich war zufrieden.

Natürlich trudelten wenig später schon die ersten Fragen ein, ob es auch billiger geht und der erste Deal begrüßte mich: 300€
Ich lehnte ab. Für so ein neuwertiges Handy waren 300€ ein Witz.

So ging es an dem Abend weiter.
Immer wieder dieselben Fragen, ob das Handy noch zu haben ist oder ob man preislich noch etwas machen kann. Dazwischen vereinzelt Tauschangebote, ob ich das Handy gegen eine Playstation tausche oder ob ich nicht vielleicht ein Samsung Handy dafür haben möchte…

Am nächsten Abend machte mir ein nettes Mädel Hoffnungen. Sie fand die 400€ okay, und fragte, ob sie es auch für 380€ haben könne. Sie würde es dann am nächsten Tag gleich abholen. Sie machte ein Angebot – 380€ – und ich willigte ein. Danach musste sie nur noch einwilligen und der Kauf stand. Aber sie willigte nicht ein und meldete sich nicht mehr.

Dann kam noch jemand mit einem Deal für 380€. Ich willigte ein und er brach alles wieder ab.
Deal abgebrochen. Welch ein blöder Satz!
Warum macht denn jemand erst ein Angebot, wenn er davon doch nicht überzeugt ist? Diese Logik verstand ich nicht.

Mehr als das passierte bei Shpock nicht. Angebote für 300€ und diverse Abbrüche.
Lauter Deals, die nicht stattfanden. Im Handel würde so ein Handy viel mehr kosten. Wenn man etwas wirklich will, kauft man es. Meist ohne viel zu überlegen.
Ich habe im Sommer mal ein T-Shirt für 120€ gekauft, weil ich es unbedingt haben wollte und das Shirt fast ausverkauft war. In dem Moment gab mein Verstand keine Warnsignale, weil der Wunsch einfach stärker war, als die Vernunft. Ich kaufte es und bereue es bis heute nicht, obwohl ich es nur selten trage.

Ich wurde mein Handy nicht los, da ich keine Lust mehr hatte, mit dummen Leuten zu verhandeln. Entweder ja oder nein. Niemand sagte JA, sondern bekam Schiss.
Am liebsten würden die Käufer bei Shpock alles geschenkt kriegen und nach Hause gebracht bekommen. So mein Eindruck. Ich verschenke mein iPhone und bringe es zu dir nach Hause. Ja, das wollen sie.

Aber ich wollte nicht nur mein Handy verkaufen, sondern auch Bücher, die ich nicht brauchte.
Ich verkaufte jedes Buch für 2€.
Eine Frau interessierte sich für ein Buch. Sie wollte wissen, wie teuer es mit Versandkosten wäre.
4,20€
Danach hörte ich nichts mehr von ihr.

Dann gab es noch jemanden, der auch an einem Buch interessiert war und er machte gleich einen Deal.
Er fragte anschließend nach den Versandkosten und alles war gut.
Er schrieb, er würde mir die 5,80€ sofort überweisen.
Smile.
Er tat es nicht.

Nun frage ich mich: Was soll der Mist?
Haben die Leute alle kein Geld, dass sie nicht einmal 5€ bezahlen können? Was ist los mit denen?
Woanders sind Bücher viel teurer.

Fazit: Das Portal eignet sich für Kriminelle und für Leute, die das Talent haben, so lange zu feilschen, bis es kostenlos ist.

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2017

Ich wünsche euch ein frohes neues Jahr, obwohl ich diese ganzen Sprüche selber nicht mehr hören kann und vor allem: nicht hören will. Weil…es nervt mich langsam. Die letzte Woche eines Jahres ist immer der Horror für mich. Plötzlich melden sich Leute, von denen man ewig nichts gehört hat und wünschen einen alles Gute. Was soll das? Diese gespielte Freundlichkeit..furchtbar. Und andererseits geht es im Dezember immer nur ums Kaufen. Kaufen, kaufen, kaufen,…kochen. Am Ende wundern sich die Leute, warum sie so fett geworden sind. Und prompt taucht im TV Werbung von Weight Watchers auf…

Es ist doch immer der gleiche Wahnsinn 🙄 Zum Glück mache ich da nicht mit.

Hallo, wer bin ich?

Alles ist nicht genug.

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Ich wache ein paar Minuten vor dem Weckerklingeln auf. Es ist 6:40 Uhr, um 7 sollte der Wecker klingeln. Ich denke über den Traum von eben nach. Es ging um ein Kriegs-U-Boot, das zuletzt von Fischen aufgefressen wurde. So, als würde es aus Plankton bestehen. Was für ein Quatsch..?!

Mehrere Minuten liege ich völlig verdutzt im Bett und google nach, was ein U-Boot im Traum bedeutet. Angeblich befinde ich mich gerade auf einer Reise in mein Inneres und will mich selbst erkunden. Das könnte tatsächlich stimmen, denn ich wollte heute zum Arzt gehen, weil irgendetwas in mir komisch ist, obwohl ich die Antwort eigentlich schon kenne. Aber diesmal fühlt es sich besonders komisch an. Wahrscheinlich dauert dieser Zustand nur wenige Stunden, aber trotzdem. Ich bin aufgeregt und habe deswegen nachts kaum geschlafen, bevor ich die Unterwasserwelt erkundet habe. Warum ich aufgeregt bin, weiß ich jedoch nicht. Es gibt keinen bestimmten Grund. Zumindest keinen Grund, der normale Menschen beunruhigen würde.

Mein Zimmer hängt voll mit Wäsche, die an den offenen Schranktüren trocknet und zwei bunte Lichterketten sind an. Eine mit Tannenbäumen und eine mit glitzernden Schneeflocken. Ausmachen wollte ich sie nicht, obwohl es zum Schlafen sicher besser gewesen wäre. Aber ich wollte es einfach nicht. Die Zeit der bunten Lichter geht so schnell wieder vorbei.

Eigentlich möchte ich überhaupt nicht zum Arzt gehen, wenn ich daran denke, wie voll das Wartezimmer ist und wie viele Stunden ich jedes Mal warten muss. Zeit genug, um darüber nachzudenken, was ich sagen werde, denn das fällt mir jedes Mal schwer. Weil es keinen Ausdruck für das gibt, was in mir vorgeht. Vor allem, weil es sich nur um Momente handelt. Genauer gesagt: Kurzschlussmomente. Meist gehe ich nur zum Arzt, wenn ich richtig krank bin. Aber diesmal bin ich nicht richtig krank. Also nicht körperlich krank. Nicht so wie die anderen Patienten um mich herum, die es viel nötiger haben, weil deren Leben wirklich in Gefahr ist. Manchmal würde ich tatsächlich gerne mit ihnen tauschen. Ich weiß nicht, warum. Aber ich denke, dass deren Leben besser ist.

Gegen 7 Uhr stehe ich auf und ziehe mich an. Mehr tue ich nicht, weil ich keine Lust habe, mich zu schminken und gerade denke, dass sowieso alles total scheiße ist, obwohl gar nichts passiert ist, um solche Gedanken in meinem Kopf zu haben. Wenn ich mich schminken würde, würde der Arzt außerdem denken, dass es mir doch gar nicht so schlecht geht. Ich kämme mir nur die Haare und das war’s. Dennoch stehen sie zu allen Seiten ab, weil das immer so ist. Ich stehe auf meine Bad-Hair-Days. Das passt schließlich zu mir. Mit einem Grinsen stehe ich vor dem Spiegel und denke, dass ich auch ohne Schminke nicht so hässlich aussehe, wie manch anderer oder besser gesagt: manch andere. Ich bin ja schließlich kein Typ. Ein Glück auch..? Ja, wahrscheinlich schon, sonst wäre ich nicht so, wie ich bin. Typen neigen ja nicht häufig zu solchen Charakteren, wie den, den ich habe und manchmal bin ich schon ein wenig stolz drauf, wenn ich mich nicht gerade dafür hasse.

Meine Klamotten sind wohl arzttauglich. Lässige dunkle Jogginghose und ein roter Strickpullover, damit ich dem warmen Wartezimmer nicht friere, falls jemand das Fenster aufreißt. Unter dem Pullover trage ich noch ein weißes T-Shirt mit einem Glitzersaum. Auf meinen Socken befinden sich aufgedruckte Weihnachtsmänner, passend zur Jahreszeit. Ist nunmal so. Die Socken wird wohl niemand sehen, weil meine Hose auch im Sitzen lang genug ist.

Dann nehme ich meine Handtasche und gehe los. Bis zum Arzt sind es nur zehn Minuten. Aber wenn es einem richtig schlecht geht, dann ist das meist schon zu viel. Ich erinnere mich daran, wie ich schon zwei Mal fast zusammengebrochen wäre, als ich krank war. Einmal im Wartezimmervorflur und einmal fast in der Apotheke, sodass mir dort sofort geholfen werden musste, als ich ausdrücklich sagte, dass es mir gerade sehr schlecht geht und ich dass ich gleich umkippe. Die Apothekenfrau handelte schnell, als sie meinen Zustand vernahm. Das war ziemlich dramatisch, als mir dann noch ein Taxi angeboten wurde, nachdem mir ein Glas Wasser gereicht wurde und ich auf der Apotheken-VIP-Bank für Altersschwäche so lange Platz nehmen durfte, wie ich wollte. Nach dem Glas Wasser und einer Viertelstunde auf der Bank ging es mir dann besser. Im Nachhinein habe ich sehr darüber gelacht. Weil das wirklich unmöglich von mir war. Aber es ging mir halt schlecht. Dafür muss man sich nicht rechtfertigen.

Natürlich ist es beim Arzt wieder voll. Es ist kurz nach halb acht und die Nachfrage ist bereits groß. Jeder der hier ist, dachte, er wäre der Erste. Ich denke an so etwas nicht mehr. Meist geht es sowieso nicht nach Reihenfolge, sondern nach anderen Prinzipien. Ich hatte mal ein Praktikum in einer Arztpraxis, deswegen kenne ich die internen Vorgänge. Die anderen Leute sehen auch alle nicht besonders krank aus. Sieht eher aus, als wären sie hier, um zu reden und um Freunde zu treffen. In dem Vorflur gibt es nur drei Sitzplätze, die natürlich schon vergeben sind. Dort sitzen drei Omas, die sich angeregt unterhalten und sich scheinbar gerade kennenlernen, für den späteren Kaffeeplausch.

Ich stehe im Gang und es geht mir gut, weil ich diesmal keine Kreislaufprobleme und Hitzewallungen habe. Wenn ich aus dem Fenster schaue, sehe ich nur das trostlose Dach mit Unkraut bewachsen. Es gibt nicht viel zu sehen. Es ist langweilig, wenn man hier warten muss, bis um acht die Tür zum Wartezimmer geöffnet wird und es alle eilig haben, um ihre Jacken auszuziehen und um ihre Rollatoren in der Garderobe zu verstauen, weil da nicht viel Platz ist. Ich lasse meine Jacke nie in der Garderobe, sondern behalte sie auf meinem Schoß. Dort ist sie sicher. Ich habe oft Angst, dass Sachen von mir geklaut werden, da sie meist viel gekostet haben und Kenner nach solchen Details Ausschau halten.

Punkt acht wird die Tür aufgemacht und der Alltag geht los. Bis ich zur Anmeldung komme, dauert es ewig. Es tauchen zu viele Fragen auf, die noch geklärt werden müssen. Alle sind irgendwie genervt. Die Schwestern müssen sich immer wieder die selben Dinge anhören und die Patienten merken eh nichts mehr. Auch, wenn sie sich anstrengen. Als ich endlich rankomme, geht alles ganz schnell und ich kann mich hinsetzen. Wie ich diese Zeit hasse. Ich werde bestimmt erst ganz spät herankommen und solange kann ich mir meine Gedankenfetzen in passender Reihenfolge zurecht legen, sodass der Grund, warum ich heute hier bin, irgendwie sinnvoll wird. Letztendlich werden meine Sätze eh anders klingen und kommen spontan aus mir heraus. So hoffe ich es, weil es besser ist.

Ich sitze zwei Stunden passiv im Wartezimmer und die Zeit vergeht, wenn auch auf eine andere Art. Ohne Zeitung lesen, ohne Handy, ohne alles. Ich beobachte die Leute, das ist interessant. Achte auf ihre Mimik, Gestik und auf ihren Stimmen. Oder gucke dabei zu, was sie tun. Oder wer kommt und geht.

Irgendwann höre ich meinen Namen und mache mich auf dem Weg ins Arztzimmer. Oh Mann.

Der Arzt begrüßt mich und sagt: „Nehmen Sie schon mal Platz, ich komme gleich.“

„Okay.“

Ich setze mich auf den Stuhl und versuche eine angenehme Pose zu finden, rutsche dabei auf dem Sitz hin und her und suche einen Ort für meine Hände. Offene Posen sind perfekt. Alles, was verschränkt und miteinander verhakt ist, wirkt distanziert. Also versuche ich, mich irgendwie zu öffnen. Füße nebeneinander und Hände locker auf dem Schoß. Fühlt sich komisch an in dieser Situation. Also schlage ich die Beine übereinander und verschränke die Arme vor meinem Bauch. Auweia. Aber egal, ich muss mich jetzt wohlfühlen und bin nicht auf Arbeit, sondern selbst Patient. Es dauert eine Weile, bis der Arzt kommt, wahrscheinlich muss er erst Rezepte unterschreiben. Im Arztzimmer hat sich nichts verändert, noch immer die gleichen Bücher, die dort eher als Deko dienen und immer noch die gleichen Bilder an den Wänden. Ich schaue auf den Computerbildschirm, dort steht mein Name und leere Zeilen. Auf dem Tisch liegt meine Akte, die gut gefüllt ist mit speziellem Infomaterial von mir. Es liest sich an mancher Stelle bestimmt wie ein Psychothriller. Ich weiß nicht, ob sich der Arzt manchmal darüber amüsiert. Aber es kann mir auch egal sein. Dann kommt der Arzt zurück und ich kriege plötzlich Herzklopfen und leichte Panik. Was soll ich dem jetzt eigentlich genau erzählen?

„Hallo“ sage ich und lächele kurz.

Er lächelt kurz zurück und verhält sich natürlich recht professionell in Gegenwart meiner Schüchternheit. Eigentlich bin ich sonst ja anders.

„Hallo, weswegen sind Sie denn heute hier?“

War ja klar, dass die Frage kommt.

„Ich fühl mich einfach nur total komisch.“

„Aha.“

Er guckt mich natürlich an und sucht nach äußeren Auffälligkeiten.

„Wissen Sie, wie viel so momentan wiegen?“

„Ja, glaub schon…53 Kilo..vielleicht. Also ich denk schon, dass ich auf jeden Fall zugenommen hab.“

Er zeigt auf die Waage in einer Ecke des Raumes: „Stellen Sie sich da bitte mal rauf.“

Etwas zögernd gehe ich zur Waage, wie ich das hasse. Ich will die Zahl nicht wissen, weil die Waage dann bestimmt auf die 57 springt.

Als ich drauf stehe, versuche ich nicht raufzugucken, aber am Ende schaffe ich es nicht.

„47, 2 Kilo“, notiert der Arzt verbal. „Das ist zu wenig. Ein Kilo weniger, als beim letzten Mal. Erinnern Sie sich daran?“

Ich denke kurz nach. „Nee, nicht wirklich. Ich sehe mich anders. Also ich würde mich persönlich jetzt nicht als untergewichtig sehen.“

„Sie können sich wieder hinsetzen.“

Dann legt er mir standardgemäß die Blutdruckmanschette um den Arm.

„Der Blutdruck ist auch recht niedrig. Und Ihr Puls rast. Haben Sie Fieber?“

„Ja, zwischendurch immer mal. Vor allem, wenn ich mich über Dinge aufrege.“

„Worüber regen Sie sich auf?“

„Ich weiß es nicht. Über mein Leben, obwohl eigentlich alles stimmt. Innere Unruhe eben. Und der Gedanke, ständig etwas tun zu müssen, damit ich von der Ruhe nicht bedrängt werde. Wenn ich frei hab, drehe ich immer ziemlich am Rad, weil ich denke, etwas zu verpassen. Deswegen kann ich nicht alleine sein,..obwohl ich gerne alleine bin..Ich mag keine Ruhe. Und das macht mich unruhig. Ruhe entspannt mich nicht. Sie macht mich nervös. Ich hasse es, nichts zu tun. Ruhe stört mich. Ich kann die Ruhe eher genießen, wenn ich nicht alleine bin.“

Ich höre auf zu reden, weil ich selber merke, wie verwirrend der Schwachsinn ist, den ich rede. Dabei sage ich nur, was innerlich in mir vorgeht.

Mein Arzt sitzt nur da und hört mir zu, ohne zu urteilen.

„Haben Sie heute schon Frühstück gegessen?“

„Nein..“

Wahrscheinlich ahnt er, dass mein Blutzucker im Keller ist und ich deswegen so einen Schwachsinn rede.

„Wann war Ihre letzte Mahlzeit?“

Ich denke nach, aber irgendwie erinnere ich mich kaum.

„Weiß nicht…wahrscheinlich gestern früh…oder so..“

„Trinken Sie genug?“

„Naja,..ich glaub nicht..wahrscheinlich nur knapp einen Liter am Tag und davon die Hälfte Kaffee. Ich hab einfach keinen Durst und keinen Appetit. Ich hab keine Bedürfnisse…“

Er schreibt währenddessen alles auf.

„Haben Sie ein schlechtes Gewissen nach dem Essen?“

Was für eine Frage.

„Ja, es passt nicht zu mir, würde ich sagen. Essen ist ein Fremdkörper in meinem Bauch. Und..wer isst hat keine Kontrolle über sich selbst…“

„Warum nicht? Also warum passt Essen nicht zu Ihnen?“

„Weil ich mich danach fett fühle. Sehr beklemmend.“

Inzwischen antworte ich spontan. Ich merke, dass ich gar nicht nachdenken muss, wenn er mir Fragen stellt.

„Wie oft haben Sie ungefähr Fieber?“

„2-3 Mal pro Woche. Und es vergeht meist schnell wieder.“

„Leiden Sie unter Panikattacken?“

„Ich weiß nicht, ob man es so nennen kann. Panik hab ich irgendwie ständig. Aber ich kann’s nicht so richtig einordnen.“

„Fühlen Sie sich vielleicht verfolgt?“

„Nein, das nicht. Aber mir passieren komische Sachen, die mir manchmal Angst machen.“

„Was ist Ihnen denn passiert?“

Ich glaube, jetzt wird er erst recht aufmerksam.

„Naja, einmal bin ich nachts wachgeworden, weil der Rauchmelder anging. Ich habe dieses laute Piepen gehört, ich bin dann wachgeworden, völlig erschrocken. Als ich dann richtig wach war, war er aber wieder aus. Er hat nur einmal gepiept, denke ich. Ich war auf dem Flur gucken, aber da war nichts. Bis auf dieses unangenehme Gefühl. Es war extrem unangenehm.“

„Sehr interessant. Haben Sie noch etwas erlebt?“

„Ich erlebe die komischsten Sachen immer nur nachts. Einmal bin ich vom Telefon wachgeworden. Als ich ranging, rauschte es nur. Ich kenne sowas auch aus Horrorgeschichten und war deswegen umso ängstlicher. Besonders, als das Telefon paar Minuten danach nochmal klingelte, und ich wieder nur dieses Rauschen hörte. Am nächsten Tag hab ich das Telefon dann abgebaut, weil ich es sowieso nicht nutzte und ich so etwas nicht nochmal erleben wollte. Ich fand das schon echt gruselig. Und ich dachte, dass ich vielleicht irgendwas anziehe oder so..Wenn man Angst hat, zieht man verstärkt die Dinge an, vor denen man Angst hat. Und das hat mich nachdenklich gemacht.“

„Sind Ihnen noch andere Dinge passiert?“

„Nein, das waren die beiden Sachen, die mich bis jetzt beunruhigt haben.“

„Was denken Sie, was Sie verpassen, wenn Sie alleine sind?“

„Schwierige Frage. Das Leben der anderen wahrscheinlich.“

„Und was ist mit Ihrem Leben?“

„Manchmal denke ich, dass ich kein Leben hab..oder nicht richtig am Leben bin..irgendwas dazwischen. Also ich fühle mich oft nicht. Nicht als ich. Ich spüre mich nicht.“

„Was macht Ihre Persönlichkeit aus?“

„Ich weiß es nicht. Ich weiß manchmal nicht, wer ich bin oder was ich soll. Oder zu was oder wem ich gehöre. Ich weiß nicht, was mir wirklich wichtig ist.“

„Was ist an anderen Menschen anders?“

„Dass sie ein Leben haben, das anders ist als meins.“

„Und was haben Sie? Haben Sie denn etwa kein Leben?“

„Doch wahrscheinlich schon, sonst würde ich nicht hier sitzen. Aber ich spüre mein Leben nicht, wenn ich alleine zu Hause bin.“

„Wie fühlt es sich an, wenn Sie alleine sind?“

„Leer und unruhig. Herzrasen, oft begleitet mit Fieber. Ich hasse es, wenn ich Freizeit hab. Gerade jetzt im Winter.“

„So, wie ich Sie kenne, haben Sie aber gar nicht viel Freizeit. In Ihrem Lebenslauf steht, dass Sie 3 Jobs haben, darunter einen Vollzeitjob, der Sie ziemlich ausfüllt. Andere Leute würden schon längst an Burnout leiden. Und Sie? Für Sie ist all das immer noch nicht genug?“

„Ja, das stimmt. Aber das alles reicht nicht. Ich habe trotzdem noch genug Freizeit, um nicht zu leben und um mich tot zu fühlen. Ich mache immer noch nicht genug, obwohl ich schon viel erreicht hab. Mehr als andere. Aber..wie gesagt..ich spüre sowas nicht wirklich. Es ist mir nicht richtig bewusst.“

„Wie fühlt sich tot an?“

„Freudlos und unglücklich. Völlige Leere, ..dunkel.“

„Warum denken Sie, dass andere Menschen leben und Sie nicht?“

„Weil die anders sind.“

„Was ist an anderen Menschen anders, als bei Ihnen?“

„Dass sie wissen, wer sie sind und Dinge unternehmen, die mir nichts bedeuten,..oder mich nicht wirklich glücklich machen, obwohl sie das sollten. Die leben ihr Leben, haben Spaß und ich weiß nicht, welches Leben ich lebe. Oder wo es mich hinzieht.“

„Wann haben Sie das letzte Mal etwas mit Freunden unternommen?“

„Vor paar Tagen, wir waren was trinken und haben lange zusammengesessen. Alle haben sich für den schönen Abend bedankt und ich dachte nur: Warum? Letztendlich ist doch eh wieder jeder alleine und für sich. Ich fand den Abend jetzt nicht so besonders toll, weil danach meist alles wieder egal ist. Und jeder seinen Weg geht.“

„Das ist normal. Jeder geht seinen Weg und Sie tun das genauso, wie jeder andere auch. Und ich denke, dass gerade Sie dafür von anderen bewundert werden. Ich kenne und begleite Sie schon eine Weile, vergessen Sie das nicht.“

Natürlich bin ich in dem Moment den Tränen nahe. Gerade, weil ich seine Worte eben NICHT verstehe. Ich verstehe ihn nicht.

„Sie wissen also, wer ich bin“, sage ich fast trotzig. „Sie kennen mich also besser, als ich mich, oder wie..?!“

„Ja, und anscheinend sehe ich in Ihnen viel mehr, als Sie in sich sehen. Ich kann Ihnen nur sagen, dass es gar keinen Grund für Ihre Zweifel gibt.“

„Schön, dass Sie mich sehen. Aber ich sehe mich nicht.“

„Ja, und das ist das Problem. Sie sollten offen dafür sein, sich selbst kennenzulernen und herauszufinden, wer Sie sind und was Sie wollen. Ein anderer wird Ihnen dabei kaum helfen können. Und all die Leute um Sie herum dienen als Spiegel. Das kann hilfreich sein. Aber Sie müssen Ihren eigenen Weg finden. Kopieren bringt nichts und den Idealen anderer nachzueifern, auch nicht.“

„Letzte Nacht dachte ich verzweifelt daran, dass ich tot sein will, damit das alles endlich zu Ende ist. Mir wäre es lieber, wenn ich bei dem Unfall vor paar Wochen, gestorben wäre. Stattdessen war ich wieder ziemlich schnell fit, obwohl andere Leute danach länger gebraucht hätten. Mir ging es körperlich schnell wieder gut. Das war seltsam.“

„Sehen Sie, allein das zeigt schon, dass es für Sie noch nicht so weit ist und Sie noch Aufgaben haben, die nur für Sie sind und die Sie erledigen sollten, bevor sie wirklich sterben.“

„Ich will aber tot sein. Egal, wie toll ich und wichtig ich für andere sein sollte, was ich sowieso nicht verstehe. Ich bin nicht toll. Ich gehöre hier nicht mehr hin. Ich kann mich über nichts mehr freuen. Früher hab ich mich über neue Klamotten gefreut und heute kann ich mich vor Klamotten nicht mehr retten, weil ich mit meiner Shoppingssucht andere Lücken ausfülle. Was eigentlich totaler Quatsch ist. Aber eine Sucht ersetzt ja immer irgendeinen Mangel.“

„Welchen Mangel versuchen Sie denn zu ersetzen?“

„Ich weiß nicht, welchen…Ich hab es bisher nicht richtig rausgefunden. Ich weiß nur, dass ich alles hab und mir nichts fehlt. Ich kann mir alles kaufen, materiell. Aber alles kann man nicht kaufen. Nicht alles..und die Dinge, die ich nicht kaufen kann, ersetze ich wahrscheinlich mit meinem Konsum.“

„Gibt es Tage, an denen Sie Fressanfälle haben?“

Wie kommt er denn jetzt wieder auf das Thema zurück?

„Nein, eigentlich nicht. Und wenn, dann nur selten oder wenn ich meine Tage kriege.“

Er lacht kurz auf, vielleicht kennt er das von zu Hause.

„Wissen Sie vielleicht jetzt, um was für einen Mangel es geht?“

„Naja, den Mangel an Essen versuche ich jedenfalls nicht zu übershoppen. Das ist ja ein Mangel, den ich will.“

„Ich nehme an, Sie wohnen immer noch alleine, ohne Partner, oder?“

„Ja, daran hat sich nichts geändert.“

Blöde Frage. Ich hasse ihn dafür. Lasse mir aber nichts anmerken.

„Empfinden Sie das als Mangel? Also das Single-Sein?“

„Nein, irgendwie ist es auch nicht das. Wenn ich einen Freund hätte, würde es mir innerlich auch nicht viel anders gehen. Früher hatte ich mich ja auch nur gestritten und immer für neuen Zündstoff gesorgt, soweit ich mich dran erinnere. Irgendwas war immer. Ich war nie wirklich zufrieden. Aber das war auch keine echte Beziehung.“

„Kann es nicht sein, dass die Unzufriedenheit Ihr Mangel ist?“

„Keine Ahnung,..es ist komisch. Da es ja nie einen Grund gab, unzufrieden zu sein. Ich hatte ja immer alles, schon als Kind. Ich wurde ziemlich verwöhnt, stand immer an erster Stelle und alles lief nach mir. Aber es gab auch andere Situationen. Wo ich ignoriert und verletzt wurde. Oder wo ich Angst hatte. Es war alles immer sehr sehr zwiespältig. Sicher fühlte ich mich nie. Eher wie in so einem Krimi. Also ich hatte alles, aber das Emotionale bekam ich nie. Nicht mal eine Umarmung. Diese normalen Kleinigkeiten fehlten. Und viel Streit und andere Unstimmigkeiten zwischen meinem Papa und mir. Ich hab ihn wirklich oft gehasst und seine Worte haben sich in mir eingebrannt.“

„Das sind typische Ursachen für Ihr Krankheitsbild, das wissen Sie. Oder?“

„Ja,..schon.“

„Sie sollten wissen, dass Sie daran keine Schuld haben und Ihr Gefühlsleben eigentlich nur Ihre Erfahrungen widerspiegelt. Sie kennen es ja nicht anders, wenn Sie in so einem Zwiespalt aufgewachsen sind, der noch weitaus tiefer geht, wenn ich an unsere vorigen Gespräche denke. Aber wichtig ist nicht die Vergangenheit, sondern das Jetzt. Wichtig ist, was Sie jetzt daraus machen. Ihre Vergangenheit ist sozusagen Ihr Mangel. Aber die Vergangenheit ist nicht mehr real.“

„Ein Mangel an Liebe.“

„Sie müssen sich die Liebe selbst geben, ganz einfach. Wenn Sie das nicht selbst können, kann das auch kein anderer. Und schon gar nicht Klamotten. Die können diese Lücke auch nicht füllen. Sie täuschen nur. Und wenn Sie selbst meinen, dass es Sie nicht besonders glücklich macht…“

„Nein, meist ziehe ich sie noch nicht mal an. Alles stapelt sich im Schlafzimmer. Andere wären froh darüber und für mich ist es nur ein Zeichen von Einsamkeit.“

„Einsamkeit haben Sie bisher aber noch nicht angesprochen. Sie meinten jedes Mal, Sie fühlen sich nicht einsam.“

„Nein, ..doch..naja, nicht wirklich eigentlich. Wenn ich verabredet bin, geht es mir meist auch nicht viel besser und dann kann man das auch als einsam bezeichnen. Man sagt ja oft genug, man wäre zu zweit einsam. Aber es gab seltene Ausnahmen und ich wusste nicht, wie die Leute es geschafft haben, so etwas wie Glück in mir auszulösen, wenn ich mit ihnen zusammen war. Das waren halt Blitzlichter. Einmalige kurze Momente, die auch länger hätten anhalten können.“

„Und dann unternehmen Sie alles, damit es nicht aufhört, stimmt’s?“

„Ja, natürlich. Das ist normal. Weil mir das zeigt, wer oder was mir wichtig ist.“

„Und davon sind Sie überzeugt? Das sind auch nur Menschen, wie Sie und ich. Vielleicht sind sie sogar langweiliger, als Sie denken. Haben Sie daran schon mal gedacht?“

„Nein, die sind nicht langweilig. Sonst würde ich sie nicht mögen.“

„Was überzeugt Sie so davon? Kennen Sie die Leute persönlich oder ist das vielleicht nur ein Wunschgedanke?“

„Ich weiß es einfach. Ich kann mein Gefühl dafür nicht erklären. Es ist nunmal so und ich bin mir sicher, dass ich recht hab mit meiner Vermutung. Ich bin schließlich nicht dumm.“

Er lächelt.

„Das sind Sie tatsächlich nicht. Aber teilweise sind Ihre Aussagen schon sehr naiv. Sie denken, dass die Leute so sind, wie Sie es gerne hätten. Das ist Quatsch. Meist sind sie anders und ich bin mir sicher, dass Sie bald umso mehr enttäuscht wären, je näher Sie bestimmte Personen kennenlernen. Die sind schließlich normaler als Sie denken. Wären Sie dann noch interessant für Sie?“

„Ja klar, wenn ich jemanden toll finde, dann finde ich ihn toll. Dann sind mir auch die schlechten Seiten egal. Egal, was. Derjenige bleibt toll.“

„Und was ist, wenn derjenige nachher gar nicht so toll ist und viel mehr negative Seiten hat, als positive? Wären Sie dann noch beeindruckt oder würden Sie es sich einreden? Sie wollen die Wahrheit doch gar nicht wissen. Glauben Sie mir, Sie wären enttäuscht!“

Versucht er mich die ganze Zeit zu provozieren? Ich weiß gar nicht mehr, was ich sagen soll. Es fängt wieder leicht an, in mir zu kochen.

„Wollen Sie mich damit zum Nachdenken anregen oder wollen Sie sehen, wie schnell ich wütend werde und ausraste?“

„Nein, ich will Ihnen sagen, dass vieles nur Illusion ist. Jeder Mensch wird damit täglich konfrontiert und die meisten merken es nicht. Schauen Sie sich doch nur die Medien an. Was denken Sie, welcher Bruchteil davon am Ende wahr ist?“

„Das weiß ich. Aber wir reden hier grad nicht von Medien und TV.“

„Ich wollte damit sagen, dass Menschen auch Illusion sind. Sie denken oft an das Leben anderer. Was soll an deren Leben besser sein, als an Ihrem Leben? Da fängt die Illusion doch schon an!“

„Ich frag mich halt immer, was andere Leute privat so machen und ob die glücklich sind.“

„Wichtig ist doch, was Sie privat machen und ob Sie glücklich sind. Oder in Ihrem Fall..kümmern Sie sich selber darum, wie Sie glücklich werden. Alle anderen spielen doch dabei überhaupt keine Rolle. Man kann doch nicht alle Leben miteinander verknüpfen, obwohl letztendlich natürlich alles Eins ist auf der Welt und alles zusammengehört..und verbunden ist, wenn Sie der Gedanke beruhigt.“

„Ja, das sind alles Sachen, die ich weiß. Es fällt mir nur alles so schwer. Es fällt schwer, mich zu finden. Immer, wenn ich denke, alles ist gut, ist einige Stunden später wieder alles kaputt. Es wechselt immer so stark hin und her.“

„Ja, das sind Ihre Stimmungsschwankungen. Aber die werden wahrscheinlich immer präsent sein. Sie müssen versuchen, damit umzugehen und sich nicht unterkriegen zu lassen. Stabil bleiben, egal, was kommt. Sie sind nicht Ihre Stimmungen. Tauchen Sie mal tiefer in Ihre Seele, dann werden Sie sehr viel mehr finden.“

„Das ist schwierig, weil auch das mich fertig macht. Diese Schwankungen sind meist stärker als ich. Und Seele..ja, blah blah,..das ist alles nicht so einfach, wie gesagt.“

„Und warum denken Sie denn, dass Sie tot sind, wenn Sie so oft mit solch lebendigen Emotionen konfrontiert werden, die Sie so aufwühlen?“

„Weil mein inneres Gefühl trotzdem stumpf ist, nachdem ich mich so abgekämpft hab.“

„Das ist normal, wenn man erschöpft ist. Haben Sie Probleme, morgens aus dem Bett zu kommen?“

„Ja, aber ich bin generell kein Frühaufsteher. Außer, wenn ich um vier aufstehe, wenn ich zur Arbeit muss. Dann geht es irgendwie. Das ist auch was anderes.“

„Wie viel Stunden Schlaf brauchen Sie im Durchschnitt?“

„9-10 Stunden.“

„Und sind Sie danach fit?“

„Unterschiedlich, kommt auf die Jahreszeit an.“

„Denken Sie, dass es Ihnen im Winter psychisch schlechter geht, als im Sommer?“

„Ja, auf jeden Fall, obwohl ich den Herbst und Winter am liebsten mag.“

Der Arzt runzelt die Stirn.

„Sie wirken sehr ambivalent, besonders im Unterton. Sie wissen das wahrscheinlich, oder?“

„Ich weiß es nicht nur, ich fühle es permanent. Und ich hasse es.“

„Ja, Sie sind zwiegespalten. Und dennoch sehr festgelegt, was manche Dinge betrifft, sodass Sie sich nicht von anderen Meinungen überzeugen lassen. Das ist schwierig. Wenig Einsicht. Wie soll man da helfen? Sagen Sie es mir?“

„Sie sind der Arzt. Ich kann Ihnen nicht sagen, wie Sie mit mir umgehen müssen, damit es mir besser geht. Ich kann Ihnen nicht sagen, wie Sie mir helfen sollen. Versuchen Sie es einfach.“

„Es wird Ihnen erst dann besser gehen, wenn Sie sich selbst verstehen und sich dann selbst helfen können.“

„Ich verstehe mich seit 20 Jahren nicht.“

„Ich weiß. Und deswegen führen wir fast immer wieder dieselben Gespräche, merken Sie das?“

„Nein, für mich ist es jedes Mal wieder ein Anfang, überhaupt hier her zu kommen, wenn ich mich komisch fühle. Ich muss mich eigentlich jedes Mal überwinden, um mit Ihnen zu reden. Und dann können Sie mir nicht helfen?“

„Nein. Sie erzählen mir seit Jahren das Gleiche und zeigen keine Fortschritte. Die Therapie haben Sie abgelehnt, weil die nicht Ihrem Interesse entsprach. Essen tun Sie weiterhin nicht, trotz Ernährungsberatung. Die Bücher, die ich Ihnen gab, haben Sie gelesen, aber deren Inhalt nicht verstanden. Jedes Mal gebe ich Ihnen den Rat, sich selbst zu finden und jedes Mal fragen Sie mich, wer Sie eigentlich sind und was der Sinn Ihres Lebens ist. Obwohl Sie, meiner Ansicht nach, wirklich glücklich sein müssten mit Ihrem Leben. Sie haben alles, nur Sie sind zu blind, um es zu sehen. Das tut mir Leid dafür. Nutzen Sie die Chancen, die Ihnen einfach so zufliegen und freuen Sie sich endlich darüber. Nehmen Sie sie wahr. Andere Leute wären froh darüber, so ein Leben zu führen. Aber dauernd sind andere Menschen wichtiger, als Sie. Noch einmal: Fangen Sie endlich bei sich an. Ich würde mich über Ihre Fortschritte wirklich freuen. Zeigen Sie mir, wer Sie sind! Erst dann möchte ich Sie wiedersehen. Alles andere bringt nichts.“

Ich fange an zu weinen. Das ist mir alles echt zu viel. Ich kann gar nicht glauben, dass wir seit Jahren über die gleichen Sachen reden. Das kann nicht wahr sein. Ich stehe vom Stuhl auf und sage auch nichts weiter dazu. Was soll ich noch sagen?

Er reicht mir die Hand verabschiedet sich und ich schaue ihm dabei nur flüchtig in die Augen. Sein Blick ist tatsächlich wohlwollend, und nicht gemein oder gehässig oder gleichgültig. Er meint es gut mit mir. Nur ich kann es nicht erwidern, weil ich wieder am Anfang stehe. Mit mir.

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Horror-Clowns

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Ich habe mich schon oft gefragt, wovor ich Angst habe und kam nie auf eine klare Antwort. Viele Leute fragen mich, warum ich mich nicht fürchte, wenn ich spät abends mit dem Fahrrad unterwegs bin. Auf Radwegen mit Büschen neben einsamen Straßen. Schließlich könnte mir irgendjemand auflauern, mich belästigen oder sogar umbringen. Nur dieser Gedanke ist mir ziemlich fern. Verbrecher und Kriminelle gehörten nie in mein Leben und werden deswegen perfekt ausgeblendet. Ist mir zu krank. Ich denke nicht im Geringsten daran, dass die Psychothriller, die ich mir bevorzugt im Kino anschaue, zur wahren Bedrohung meines Lebens werden könnten. Nein, das sind nur Filme, deren Wahrheit für mich nicht stattfindet. Ich bin nicht ängstlich. Wer vor allem Angst hat, kann kein normales Leben führen, da in jedem Moment alles passieren könnte. Der Schrecken steckt überall und jedes Weltuntergangsszenario besitzt eine gewisse Tendenz zur Realität. Doch wer jeden Tag daran denkt, kann sein Leben nicht mehr genießen, wenn er denkt, dass alles umsonst ist und sich die Shoppingtouren nicht mehr lohnen, da man bald sowieso alles verliert, wenn die Welt nicht mehr existiert. Oder: Man genießt das Leben umso mehr – ganz nach der alten Floskel: Jeder Tag könnte dein Letzter sein.

Momentan blicke jedoch auch ich verschreckt auf die aktuellen Geschehnisse in den Medien. Der Hype mit den Clowns gefällt mir gar nicht. Vor allem, seitdem sie auch in meiner Stadt auftauchen und andere Leute angreifen. Mit Baseballschläger. What the fuck… Und das genau in dem Stadtteil, durch den ich muss, wenn ich mit dem Rad zur Arbeit fahre. Da ich in Schichten arbeite und zu jeder Tageszeit unterwegs bin, ist das kein schöner Gedanke. Ich habe keine Lust, dass plötzlich jemand aus dem Gebüsch springt, sich mir in den Weg stellt und mich dann vom Fahrrad schlägt oder mich meterweit verfolgt. Da ich ein Adrenalintyp bin, würde ich wahrscheinlich so viel Energie aufbringen, dass mir so ein Clown nichts antun könnte. Aber da ich mir nicht wirklich sicher bin, ist das nur pure Fantasie. Jedoch kann ich mir nicht vorstellen, dass ich vor Schreck erstarren würde und machtlos wäre. Am liebsten möchte ich mit dieser grenzwertigen Situation  niemals konfrontiert werden.

Wahrscheinlich ist es ein tolles Gefühl für viele, sich als Clown zu verkleiden. Diese Anonymität gibt ihnen Macht, Selbstbewusstsein und die Erlaubnis, andere Menschen schlimmstenfalls zu verletzen. Niemand kann solchen Clowns etwas antun, nicht einmal eine Anzeige gegen Unbekannt kann etwas bewirken. Das einzige, was hilft wäre, frisch ertappt zu werden und die Leute dann in den Medien zu enttarnen. Fahndungsanzeigen mit Clownsmasken würden nichts bringen, sie wären nur ein Statement dieser morbiden Lächerlichkeit.

Ich hoffe, dass dieser kriminelle Quatsch bald aufhört, wobei ich denke, dass dieser Hype an Halloween noch einmal einen richtig makaberen Höhepunkt erleben wird und ich an diesem Abend Nachtschicht habe.

Meeting Heidelberg

Der Anlass für meine Reise war ein Job. Aber ich erlebte noch viel mehr.

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1. Tag/Donnerstag: Anreise & Stadtrundgang

Frühstück:
– 1 Vanille-Pudding mit Sahne
– 3 kleine Schokoriegel
Vormittag/Nachmittags:
– 1 Tüte Gummibärchen
Abends:
1 Veggie-Sandwich mit Chili-Sauce
Tonic

9 Stunden in einem Zug mit reserviertem Sitzplatz am Fenster – das konnte nur gemütlich werden! Zumindest blieb ich verschont von Verspätungen, kurzen Umsteigezeiten oder Sitzplatzgedrängel.
Der Platz neben mir blieb frei. Ich war gespannt, wie lange das so bleiben würde.
Nach ungefähr einer Stunde bekam ich einen Sitznachbarn – einen älteren Herrn Ende 60. Er war höflich und fragte sogar, ob der Platz noch frei wäre. Dann legte er sein Gepäck auf die Ablage über mir ab und verhielt sich still. Seitdem er da war, hatte ich den Geruch von Alkohol in der Nase. Auf seinen Füßen stand eine Tüte. Aber ich konnte den Inhalt nicht erkennen.

Bis Hamburg fuhr ich rückwärts und irgendwie gewöhnte ich mich daran. Mit der Hoffnung, dass sich die Fahrtrichtung später noch änderte.
Als der Zug in Hamburg hielt und sich der Mann neben mir kurz abmeldete, schaffte ich es endlich, die Tüte mit den Süßigkeiten aufzumachen. So konnte ich wenigstens niemanden mit diesem Tütengeraschel belästigen und in Ruhe essen, so lange der Mann weg war. Mein Papa hasste es früher, wenn ich aus ‚knisternden Tüten‘ aß. Ich durfte es nicht und mache es heute immer noch heimlich. Er sagte: „Ich will nicht, dass du dick, hässlich und dumm wirst.“
Die Macht der Erziehung. Mein Papa war Kapitän und Lehrer, da gab es keine Widerrede. Ich höre seine Worte noch heute jeden Tag in mir.
Als der Mann wiederkam, versteckte ich die Tüte schnell in der Handtasche. Ich hatte keine Ahnung, von wo er kam. Vielleicht war er draußen rauchen oder auf der Toilette.
Als der Zug nach einer halben Stunde wieder seine Fahrt fortsetzte, ging es zum Glück in Fahrtrichtung weiter. Das entspannte mich sehr.

Dann kam die Schaffnerin. Als ich ihr mein Handy hinhielt und sie das Ticket mit einem Blitzgerät abscannte, staunte der alte Mann.
Er kommentierte: „Mit dieser neuen Technik würde ich nie zurecht kommen und das will ich auch gar nicht. Diese komischen Codes sind nichts für mich. Das ist alles kompliziert. Da sind die normalen Fahrkarten immer noch am besten. Aber Sie sind ja noch sehr jung. Sie verstehen das sicher alles, oder?“
„Klar, sonst hätte ich nicht so ein Ticket“, antwortete ich. Aber auch für mich war es eine Premiere – mein erstes Handyticket und ich war mir nicht sicher, ob das wirklich problemlos funktionierte.
„Ja, Sie sind noch sehr jung.“
Gehörte dieser Satz schon in die Kategorie der semi-charmanten Anzüglichkeiten? Mir kam es ein bisschen so vor. Immerhin hatte der Mann inzwischen eine angefangene Bierdose in der Hand. Im Alter verträgt man nicht mehr so viel Alkohol und übertritt Grenzen. Besonders in Verbindung mit beginnendem Alzheimer. Da kommt es leicht zur Selbstüberschätzung und man fühlt sich plötzlich viel jünger, wenn die Vergangenheit wieder zur Gegenwart wird.
Ich sagte nur: „Ja, bin ich“, und drehte mich zum Fenster, um durch meine Körpersprache Desinteresse zu verkünden.
„Okay, dann hören Sie mal weiter Musik. Ich will Sie nicht weiter belästigen.“
Oh, er verstand mich und ich musste lächeln.
„Sie hören doch Musik, oder“, hakte er noch einmal neugierig nach.
„Ja.“
Danach sagte er kein Wort mehr und nippte an seiner Büchse Alkohol.
Fand ich nicht gerade prickelnd. Musste das im Zug sein?
In Osnabrück stieg er aus. Mit den Worten: „Ich wünsche Ihnen noch eine schöne Reise und viel Spaß!“
Das war freundlich von ihm und mein abweisendes Verhalten tat mir in dem Moment etwas leid.
„Danke! Gleichfalls“, erwiderte ich. Dann war er weg.

Ein wenig später kam der nächste Mann, der neben mir sitzen wollte. Er fragte nicht und sagte kein Wort. Er war dick und nahm den ganzen Sitz ein. Außerdem hatte er ein Buch, worin er mit einem Kugelschreiber einzelne Sätze unterstrich. Ich konnte nicht entziffern, was das für ein Buch war. Aber der Mann blieb nicht lange und stieg nach zwei Stationen wieder aus.

Mein Platz neben mir blieb nie lange frei. Aber wenn er frei war, nutzte ich die Zeit, um etwas zu essen. Ich brauchte Zucker, da ich langsam müde wurde. In der vorigen Nacht schlief ich kaum und der Mangel machte sich nun allmählich bemerkbar. Dennoch wollte ich im Zug nicht schlafen, um nichts zu verpassen und zählte die Stunden bis zur Ankunft. Es waren viele Stunden, die schnell vergingen. Wahrscheinlich, weil ich mich nie langweilte.

Dann bekam ich ausnahmsweise Gesellschaft von einer Frau. Auch diese erkundigte sich erst einmal nach der Verfügbarkeit des Platzes. Ich nickte ihr zu. Sie sah aus, als würde sie bei RTL arbeiten und sie stieg passend in Köln wieder aus.

Im Ruhrpott war viel los, der Zug war ständig voll und die Gäste wechselten im Stationentakt. Ich konnte mich also darauf gefasst machen, dass ich sensorisch bald wieder einen neuen Nachbarn kennenlernte. Selbstverständlich kam ein Mann. Ohne zu fragen, ohne Worte und sehr neutral. Ich hatte nichts an ihm auszusetzen und hatte auch keine Lust mehr, ihn in irgendeine Schublade zu stecken. Meine Beobachtungen endeten und ich achtete umso mehr auf die Landschaft, die sich inzwischen stark veränderte – zum Flachland zum Bergland. Der Zug fuhr nun direkt am Neckar entlang, mit all seinen verträumten bunten Häusern mit vielerlei Schnörkeln. Es war wie eine andere Welt. Wie ein kleines Märchen. Ich war schon mehrmals in dieser Gegend und jedes Mal machte diese Idylle mich glücklich.
Zwischendurch kam der Schaffner durch die Reihen. Jedes Mal fragte er im Pfälzer Dialekt: „Servus! Ist noch irgendwer zugestiegen?“ Er klang schon beinahe genervt, als die Gäste sich desinteressiert verhielten, sich absichtlich in ihre Zeitungen vertieften und sich niemand angesprochen fühlte.

Die restlichen 1.5 Stunden Fahrt verbrachte ich alleine mit meiner Handtasche neben mir, da inzwischen genug andere Plätze frei waren. Es wurde deutlich ruhiger im Zug und es gab keinen Stress mehr an den Bahnhöfen. Ich aß ungestört die restlichen Gummibärchen. Zwischendurch checkte ich mit dem Handy die Lage meines Hotels, das sich direkt in der Innenstadt befand. Wäre also kein Problem, es zu finden. Ich konnte es kaum erwarten, endlich dort zu sein. Meine Beine wurden schon lahm. Flüssigkeits- und Bewegungsmangel sowie die Einnahme der Pille zählten zu den perfekten Thrombose-Risikofaktoren. Ich könnte bald Patient werden, die Heidelberger Uni-Klinik ist bestimmt aufregend!

Als ich am Abend in Heidelberg ankam, war der Bahnhof überfüllt mit Menschen. Es irritierte mich. So viele Menschen. Zu viele. Erster Eindruck: Heidelberg ist eine sehr internationale Stadt. Zweiter Eindruck: Viel Verkehr und das Hochhaus mit dem Namen ‚Print Media Academy‘ verlieh der Stadt einen außergewöhnlich wichtigen Touch.
Während ich an den zahlreichen Ampeln wartete, stellte ich fest, dass Mercedes, Audi und BMW die Hauptvertreter der Verkehrsmittel waren. Zwischendurch schlich sich auch mal ein Ferrari ein.

Ziemlich erschöpft erreichte ich bald das Hotel. Eigentlich war ich völlig fertig. Beim Einchecken wurde ich gefragt, ob ich jeden Tag Frühstück essen will und in welcher Form ich gerne bezahlen möchte. Dabei war ich mir sicher, dass ich diese Angaben schon bei der Buchung machte.
Also sagte ich: „Ich hab mit Frühstück und mit Kreditkarte gebucht.“
Aber irgendwie waren die Daten wohl nicht vollständig angekommen. Dann kam mir plötzlich der Gedanke auf, dass die Karte vielleicht nicht mehr richtig funktioniert. Oder dass alles am Ende doppelt abgebucht wird. Ich wartete erst einmal ab. Dann steckte die Frau an der Rezeption meine Karte ins Gerät und als ich sie wiederbekam fragte ich: „Hat alles geklappt? Also mit der Karte?“ Die Frau schaute mich etwas verwundert an und sagte dann: „Alles in Ordnung. Hier ist der Beleg.“
Dann gab sie mir den Schlüssel und ich huschte eilig die Treppen hoch. Die Tür bekam ich erst beim vierten Versuch auf. Ein Glück, dass mich in solchen Momenten nie jemand beobachtete.

Das Zimmer in der 2. Etage war perfekt. Rosa Wände, lila Vorhänge, Nachttischlampen mit Schirmen in Perlmutt und ein Boxspringbett mit einer winzigen Tüte Gummibärchen auf der Bettdecke. Und dass, obwohl ich noch zwei Tüten in der Tasche hatte. Eine Tüte reichte schon, um nicht mehr davon essen zu wollen. Die Lust auf Süßigkeiten verschwand schnell wieder.
Der Schreibtisch war super, denn den brauchte ich zum Arbeiten. Der große Flachbildfernseher hing direkt darüber. Ich musste sofort an einen Freund denken und sendete ihm ein Bild vom TV: ‚Den Fernseher würdest du lieben, du Freak.‘ Er schrieb gleich zurück: ‚Oh jaaaaa…….‘ Dann schickte er mir Bilder von seinem gestrigen Filmabend. Im Vordergrund standen einige Flaschen Alkohol, Nüsse und Chips.
‚Das erinnert mich an deine Nussgeschichte‘, antwortete ich. Danach rief er mich an und wir lachten uns über diese Geschichte tot. Heidelberg wurde kurz zur Nebensache. Am Ende des Gesprächs gab er mir jedoch die Aufgabe, genug Fotos zu machen.
Leider hatte das Zimmer keine Badewanne. Leider. Aber so konnte ich mich abends besser auf die Arbeit konzentrieren. Obwohl Baden ein schöner Ausklang gewesen wäre.

Nachdem ich meine Sachen ausgepackt und mich genug ausgeruht hatte, machte ich meinen ersten Rundgang durch die Stadt, um mir eine Gesamtorientierung zu verschaffen, damit ich wusste, was mich in den nächsten Tagen erwartete und wo ich überall hinmusste.
Zuerst schaute ich mich in der Weststadt um und danach in der Altstadt, wo viel mehr los war. Abends wirkte die Stadt leicht orientalisch und ich bildete mir ein, ständig den Geruch von Gewürzen in der Nase zu haben. Ein Stück Indien und in einer anderen Ecke wieder ein Hauch Asien. Mein Blick war mal wieder wie erstarrt, als ich die ganzen Menschen sah. Die Restaurants waren auch alle voll.

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Die Geschäftsstraße (Hauptstraße) war ewig lang. Mir kam sie endlos vor. Sie ist tatsächlich die längste Shoppingmeile Deutschlands mit einer Länge von über 2 km. Die Läden machten mich fertig, es waren zu viele und sorgten bei mir für eine alarmierende Reizüberflutung, auf die ich lieber verzichten sollte. Mir wurde etwas schwindlig. Aber das lag wahrscheinlich eher daran, dass ich nach der langen Anreise etwas essen musste.

Ich hatte Hunger und konnte das Gefühl nicht länger ignorieren. Aber ich wollte in kein Restaurant. Ich wollte etwas Einfaches, aber auch kein Fast Food. Letztendlich stand ich wieder vor dem üblichen Desaster: Ich wusste nicht, was ich will – wie immer, wenn ich richtig Hunger habe. Bevor ich mit Nichts wieder zurück ins Hotel ging, holte ich mir ein warmes Veggie-Vollkorn-Sandwich.
Danach ging ich bis zum Ende der Hauptstraße und kehrte um. Die Leute waren teilweise sehr komisch und beängstigend, deswegen wollte ich den Abend auf der Straße nicht allzu lange hinauszögern, da ich alleine unterwegs war und somit genug Angriffsfläche bot.

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Gegen 20 Uhr war ich zurück im Hotel, aß mein Sandwich und es machte wahnsinnig satt. Ich fühlte mich, als hätte ich einen Stein gegessen. Mit diesem Stein im Bauch ging ich duschen. Eine Viertelstunde goss ich mir viel zu heißes Wasser über den Körper und fand es entspannend. Mein gestörtes Schmerzempfinden war daran Schuld, dass ich es toll fand.
Nach dem Duschen war das halbe Bad überschwemmt und voller Dampf. Die weißen Handtücher wurden nach dem Abtrocknen als Bodenwischer und Teppich zweckentfremdet.

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(22 – 1 Uhr Meeting)

Nach dem Meeting endete der lange Tag und ich schlief sofort ein. Ohne meiner besten Freundin weitere Infos zu geben.

2. Tag/Freitag: Altstadt, Schloss & Bergbahn
Frühstück:
1 Brötchen mit Käse und Nutella
Vanille Quark
Banane
Mini-Quarkschnecke
Kaffee, Multi-Saft
Nachmittags:
Kaffee + Vanille-Eis + Sahne
Abends:
1 Kurfürstenkugel
Tonic

Am 2. Tag wurde ich gegen 4 Uhr wach, so, wie es neuerdings üblich ist. Danach folgte ein Halbschlaf: Ich träumte die Gedanken, die gerade in meinem Kopf aufblitzten. Schön, wenn man seine Träume so beeinflussen kann.
Gegen 7:30 Uhr klingelte mein Wecker und holte mich aus einem erotischen Wachtraum, in dem es um einen Mann ging. Ich atmete erst einmal tief durch, bevor ich aufstand und zum Frühstück ging.
Auf das Buffet war ich gespannt, da das Frühstück hier den Part der Hauptmahlzeit übernahm.
Das Bad war immer noch nass vom letzten Abend. Aber ich schaffte es irgendwie, nicht darin auszurutschen und ich schaffte es auch nicht, über diese kleine Stufe zu stolpern, die sich genau in der Mitte zwischen Klo und Dusche befand. Ich stieß mir nur kurz den Zeh daran und merkte es mir für die nächsten Tage.

Dann ging ich zum Frühstück. Meine Schuhe machten ungewöhnliche Geräusche, als ich die Treppen hinunterging. Die Sohlen waren mit Luft gefüllt und ließen bei jeder Stufe Dampf ab. Nach jeder Stufe ertönte ein leichtes luftiges Zischen.
Ich begrüßte die Frau an der Rezeption so, als wäre ich kein Morgenmuffel und bog zum Frühstücksraum ab, in dem nur vier Leute saßen. Alles Männer mit Notebooks und Handys. So so…
Ich hatte mein Handy nicht dabei. Grund: Achtsamkeitstraining.
Das Buffet war in Ordnung. Es gab Dinge, die ich sonst auch esse. Aber es gab auch Dinge, die sie nicht hatten. Ich war trotzdem zufrieden, da essen ja nicht so wichtig ist.

Nach dem Frühstück blieb ich nicht mehr lange im Hotel, sondern ging durch die Stadt. Es waren weniger Leute unterwegs, als am vorigen Abend. Viele Läden machten erst um 10 Uhr auf. Ich lief flüchtig die Straße entlang und schaute, welche Läden mich interessierten. Es waren nicht viele, da es die meisten davon auch in meiner Stadt gab und ich sowieso Königin im Internet-Shopping bin, weil ich zum ‚richtigen‘ Shoppen einfach zu wenig Zeit habe.

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In Heidelberg sah man viele Asiaten, die ständig Selfies von sich machten und denen nichts zu peinlich war. Ich konnte es kaum fassen, wie verrückt die waren, mit ihren Metallstäben in der Hand und dem Handy dran. Immer wieder beobachtete ich diese Grüppchen, die kichernd sich und alles knipsten. Einfach so. Und jedes Mal zog ich die Augenbrauen hoch, wenn direkt vor mir schon wieder Selfies gemacht wurden. Verrückt. Was war bloß los mit diesen Leuten? Ich würde schlechte Laune kriegen, wenn ich dauernd Bilder von mir machen würde. Vor allem: Was macht man mit diesen Bildern, die alle gleich aussehen? Für ein Fotoalbum ziemlich langweilig.
Okay, ich versuchte, mich nicht zu sehr auf diese Leute zu fixieren, obwohl mich deren Verhalten teilweise sehr schockierte.

Dann fand ich endlich mal jemanden, den ich ansprechen konnte. Er stand neben seinem Mini-Cabriolet-Bus auf dem Karlsplatz und ich hatte Interesse an einer Sightseeingtour.
„Hey! Kann ich hier noch mitfahren?“, fragte ich etwas aufgedreht.
„Erst in einer Stunde wieder. Die Fahrten sind stündlich!“
„Okay, dann bis nachher.“

Um 11 Uhr also. Eine Stunde Zeit zum Shoppen. Die Souvenirläden waren überraschend unspektakulär. Nur teure Kuckucksuhren und verzierte Kannen aus Zinn für ältere Generationen. Erinnerte mich ein wenig an den Zinnmann aus ‚Der Zauberer von Oz‘.
Die Läden bestanden größtenteils aus Kitsch. Dinge, die man sich anschaut, ohne einen Zweck darin zu finden. Die Japaner fanden das bestimmt alles toll und aufregend. Deswegen gab es den Laden ‚Unicorn‘. Zauberhaft im ersten Moment. Aber nach Betreten des Ladens stellte sich heraus, dass dort alles in chinesischer Schrift gekennzeichnet war. Ein Paradies für die Selfie-Paparazzi.
Es gab so viele Asiaten, dass (ungefähr) zwei von ihnen beschlossen, ein eigenes Geschäft zu gründen, in dem genau die selben Dinge verkauft wurden, wie in den deutschen Läden, die sich fast genau daneben befanden. Wow! Und anscheinend hatten sie eine gute Idee, denn der Laden zog genug Besucher an. Ich hingegen war nach einer Runde schnell wieder draußen, als ich mitbekam, dass sich darin eine andere Welt ohne Buchstaben befand. Eigentlich fühlte ich mich ein bisschen unwillkommen.

Ich hatte die Nase voll. Kein Shoppen mehr!
Mittlerweile füllte sich die Stadt immer mehr mit Menschen, die wahrscheinlich besser wussten, wonach sie suchen und was sie brauchen. Mir fehlte nichts, deswegen hatte ich keine Ahnung, was ich brauche. Das einzige, was ich brauche, sind neue Erfahrungen, die sind am wertvollsten. Den Rest der Zeit vertrieb ich mir, in dem ich hin und her lief.
Kurz vor elf war ich beim Cabriolet-Sightseeing-Bus, der schon fast komplett voll war mit alten Leuten. Okay. Wenn ich Glück hatte, war noch ein Platz frei.
„Ist noch was frei?“, fragte ich den Fahrer.
„Bist du alleine?“
„Ja.“
„Dann ist noch was frei.“
„Wie teuer ist das?“
„9 Euro.“
Ich gab ihm das Geld, suchte mir einen Platz und guckte mir die anderen Fahrgäste an, die alle ein halbes Jahrhundert älter waren und mit den Kopfhörern am Sitz nicht klarkamen.
Ich entdeckte nun auch durch Zufall, dass unten ein Aufsteller (mit Preisen, Route, Abfahrtzeiten in rot) stand. Wie blind ich manchmal bin.
Bevor der Bus losfuhr, erklärte der Fahrer, wie man die Kopfhörer einstellte: 2 + (++++ je nachdem, wie taub man schon war). Mein Kopfhörer hatte ab und zu einen Wackelkontakt, wenn der Bus eine Kurve fuhr und es wurde nicht besser, wenn ich daran herumfummelte.
Die Sightseeing-Tour war toll und half mir dabei, mich auch mal wie ein Tourist zu fühlen, obwohl ich nicht zum Urlaub dort war. Der Bus fuhr durch alle Stadtteile – bei ca. 150 000 Einwohnern auch kein Problem.
Ich war als Kind schon einmal in Heidelberg, habe aber nur die Erinnerung, dass die Rutsche so heiß war, dass ich schrie und bei der Hitze ständig extremen Durst hatte. Ansonsten fehlen alle Erinnerungen, weil ich noch zu klein war.
Die Bustour ging knapp 45 Minuten. Da es sonnig und warm war, wurde auch niemand nass.

Nach der Bustour war Leerlauf.
Vor der Heiliggeistkirche standen auf einmal viele schwarze Autos. BMW, Mercedes, Audi.
Hinweis auf eine wichtige Audienz. Aber ich sah niemanden, bis auf die Leute, die alle um mich herum standen. Als ob irgendetwas gewesen wäre.
Hm.
Ich ging in die Kirche, um zu gucken, was da los war. Vielleicht fand ich dort die Leute, die zu den Autos gehörten. Und ja, sie hielten sich tatsächlich in der Kirche auf. Auf jeden Fall ging es um keine Beerdigung und um keine Hochzeit, sondern um andere Dinge.
Später, als all der Trubel weg war, ging ich noch einmal in die Kirche. Für ein paar stille Minuten.

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Danach guckte ich mich in der Stadt weiter um. Nachdem ich in zwei Läden doch noch etwas Schönes fand, ging ich zurück ins Hotel, um mich auszuruhen und um die Sachen wegzubringen, die ich nicht länger mit mir herumschleppen wollte. Ich hatte Angst, dass die Papiertüte durch die Schwere des Inhalts (2 Flaschen Alkohol) riss. Im Hotel legte ich mich hin und entspannte mich eine Stunde.

Zurück in der Stadt holte ich mir beim Bäcker (Cafe Gundel) 2 Kurfürstenkugeln, um mir rechtzeitig mein Abendbrot zu organisieren. Vor mir stand jemand, der wissen wollte, was das für runde Dinger sind und was da drin ist. Ich konnte seinen Dialekt kaum verstehen. Wisch-Wasch-Deutsch. Die Kugeln füllten die Hälfte meiner Handtasche aus und ich hoffte, dass sie nicht allzu sehr kaputt gingen, nach dem Herumgetrage in der Wärme.

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Was ich eigentlich noch machen wollte: Ich wollte zu Fuß zum Schloss hochgehen.
Aber die Bergbahn kam dazwischen, dessen Haltestelle ich zufällig groß ausgeschildert mitten in der Altstadt fand. Okay, dann mache ich das zuerst, dachte ich. Zum Schloss konnte ich später immer noch gehen. Oder morgen.
Die Warteschlange vorm Ticketschalter löste sich schnell, es war nur eine Familie mit Kindern.
Als ich dran war, bekam ich ein Kombi-Ticket: Hin- & Rückfahrt zum Königstuhl + Eintritt für das Schloss. Alles 12 Euro. Wirkte nicht nach Touristen-Abzocke.
Die Bergbahn kam nach wenigen Minuten. Ich setzte mich in einen mittleren Wagon an den Rand und wagte es einige Male, einen Blick nach unten zu werfen. Es sah komisch aus, weil die Bahn ziemlich schräg nach oben fuhr (ca. 40 % Steigung) und nur an Seilen, die sich unter den Schienen befanden, ‚hochgezogen‘ wurde. So verstand ich es jedenfalls. Über der Bahn waren keine Kabel und Masten zu sehen.
Die Bahn hielt am Schloss und ich stieg aus. Es war wahnsinnig heiß und mir wurde komisch. Kreislaufprobleme. Ich habe leider immer noch nicht gelernt, IMMER Wasser und Traubenzucker dabei zu haben. Oder mir zwischendurch einfach mal etwas zu kaufen.
Überall waren Menschen und eine Menge Asiaten, die auch hier wieder bei jeder Gelegenheit ihr typisches Selfie-Programm abzogen. Aber okay, ich gewöhnte mich langsam daran. Sie waren einfach so und ich akzeptierte es.

Das Schloss war natürlich riesig, teils gut erhalten, teils zerstört. Ich ging durch das hübsche Elisabethentor, vor dem sich die Japaner schon fleißig knipsten und landete danach mitten im Geschehen. Jedoch hatte ich mir von dem Schloss irgendwie mehr vorgestellt. Letztendlich gelangte ich zur Aussichtsplattform, die mir am besten gefiel. Man hatte den perfekten Blick über die Altstadt und ich versuchte mir vorzustellen, wie sich die Leute früher wohl gefühlt haben, als sie dort standen.

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Ins Schloss selber kam ich leider nicht. Oder ich war einfach zu blind, um den Eingang zu finden. Ich sah ’nur‘ das große Fass des Heidelberger Schlosses. Aber ich wusste nicht genau, was es damit auf sich hatte (…und ob es gefüllt war?…Mit Wein?). Es hatte jedenfalls monströse Maße. Ich konnte dem Fass nicht viel abgewinnen und entfernte mich rasch aus dem Keller, ohne mir das Fass noch einmal von oben angeschaut zu haben.
Als ich draußen war, suchte ich nach anderen Eingängen und fand nur die Tür zum Apothekenmuseum. Bevor ich dort meine Erkundungstour fortsetzte, lief ich durch den großen Schlossgarten. Enttäuschend, so ganz ohne Blumen und Prunk. Lediglich einige Baustellen waren zu sehen. Die Aussicht wurde zudem mit zugebretterten Zäunen versperrt – netterweise mit ausgestanzten Gucklöchern, damit man zumindest ein bisschen was sehen konnte. Ich hätte mir den Schlossgarten gerne weiter angeschaut, hatte aber das Gefühl, dass die Zeit drängt und ich mich beeilen müsse. Wahrscheinlich sah ich nur ein Bruchstück des Gartens. Die Schilder um mich herum zeigten mir, dass es noch andere Ecken gab.

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Auf dem Rückweg kreuzte ich eine Hochzeit, die auf dem Innenhof des Schlosses stattfand. Genau die Situation, die ich am allerliebsten meide. Leider musste ich erst einmal warten, bis der Fotograf ausreichend Fotos gemacht hatte. Also stand ich ungeduldig auf der Treppe und schaute mir ziemlich angepisst die ganze Szenerie an. Ich hasse Hochzeiten. Das ist der glänzende Weg ins Aus, obwohl ich es inzwischen manchmal auch anders sehe, mir aber trotzdem nicht sicher bin, was ich von einer Hochzeit halten soll. Selbst bei der Hochzeit meines Bruders konnte ich mich damals nicht zusammenreißen und zickte nur herum. Meine Antwort auf alle Fragen (Essen? Tanzen? Sekt?) lautete: Nein. Und dass, obwohl ich seine Trauzeugin war und für diese Aufgabe sogar mit einer ehrwürdigen Urkunde belohnt wurde. Heute weiß er, dass seine kleine Schwester mit ihrer Heiratsphilosophie recht hatte.
Als sie mit dem Hochzeits-Posing fertig waren und ich schon fast durch den Ausgang lief, bemerkte ich das Plakat mit dem Apothekenmuseum. Ich las nur: Eintritt frei. Das wusste ich vorher nicht. Da ich vorrangig in einem medizinischen Beruf arbeite, war es nicht verkehrt, sich nebenbei mal etwas weiterzubilden. Es war ein normales Museum: 50% Text und 50% ‚Anschauungsmaterial‘ (Gefäße, Pillen, Utensilien aller Art und die Gerüche alter Kräuter in der Luft). Ich hielt mich dort knapp eine Stunde auf, weil es mich einiges sehr interessierte.

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Ich stieg wieder in die Bergbahn. Beim Einsteigen vergewisserte ich mich noch einmal bei einem Opa und fragte, ob die wirklich nach oben fährt. Obwohl der LED-Pfeil es deutlich anzeigte. Der Opa nickte. Die Bahn hielt zwischendurch einmal und ein kleines Stück später musste man umsteigen in die historische Bergbahn (alte Version). Sie bestand aus Holz. Ich stieg mal wieder in ein mittleres Abteil, da die besten Plätze selbstverständlich schon belegt waren. Jeder wollte gerne entweder ganz vorne oder ganz hinten sitzen, denn das war am spannendsten. Mich erinnerte es im entferntesten Sinne an eine Achterbahnfahrt, nur in Zeitlupe und ohne Loopings. Aber vom Prinzip her ähnlich. Gemischt mit dem Gedanken, was passiert, wenn die Seile reißen. Rollt die Bergbahn dann rasant in den Abgrund oder bleibt sie stehen? Paar der Leute filmten die ganze Fahrt mit ihrem Handy. Wieder eine Sache, die ich nicht verstand. Denn: Wer will das sehen?
Die Endstation der Bergbahn rückte immer näher. Manchmal hatte ich den Eindruck, als würde sich die Station im 90° Grad-Winkel befinden. Jedes Mal, wenn man irgendwo ausstieg, musste man sein Ticket in einen Automaten stecken, damit sich die Schranke öffnete. Ich grinste, weil ich an meine Arbeit denken musste. Dort war auch alles geschlossen.
Die Aussicht auf dem Königstuhl (Berg, ca. 570 m hoch) war überwältigend. Die Häuser waren winzig, man erkannte nicht mehr viel. Aber man spürte den Wind, der deutlich kühler und stärker war. Als ich sah, dass es in den Bergen Heidelberg’s noch viel höher ging, faszinierte es mich umso mehr. Leider kam ich nicht weiter. Der Königstuhl bot an sich nicht viel. Dort stand nur ein Imbiss mit einigen Stühlen, daneben eine Falknerei und zahlreiche Wanderwege in der Umgebung. Ein schwarzer BMW fuhr an mir vorbei. Ich sah eine Mountainbikestrecke und Möglichkeiten für andere Arten des Extremsports, wie z.B. Paragliding. Daneben Schilder mit dem Vermerk, wie lebensgefährlich das alles sei.
Ungefähr 10 Minuten hielt ich mich auf dem Gelände auf. Sportler kamen mir mit ihren Mountainbikes entgegen und ich war in dem Moment neidisch auf sie, weil ich auch gerne fahren wollte. Ich hatte Lust auf Mountainbiking. Stattdessen konnte ich nur dastehen und zugucken, wie sie Spaß hatten. Etwas enttäuscht ging ich zurück zur Bergbahn. Ein letzter Blick von oben nach unten und dann hatte sich die Sache mit dem Königstuhl schon erledigt.

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Diesmal musste ich länger warten, bis die Bahn kam. Ich beobachtete einen älteren Mann in Hemd und Jeans, der dringend auf die Toilette musste und seine Familie mit seinem kindlichen Gequengel schon nervte. Seine Laune verschlechterte sich zusehends und ich amüsierte mich darüber sehr. Keiner wusste, wann die Bahn kommt und er war sich deshalb nicht sicher, ob er es schaffen würde, rechtzeitig eine Toilette zu finden. Als er es nicht länger aushalten konnte, drehte sich um und verschwand hinter der erstbesten Tür, die irgendwo hinführte. Er war weg und die Bahn kam. Alle stiegen ein, seine Familie saß mit mir im selben Abteil und auch der Mann war pünktlich wieder da. Danach quengelte er weiter. Er wollte ganz vorne im ersten Wagen sitzen, weil man da besser Fotos und Filme machen kann. Ich guckte den Mann komisch an. Er wirkte nämlich recht überdreht. Als wir beim zweiten Mal umstiegen, schaffte er es endlich, in den ersten Wagen zu gelangen und bekam zum Schluss seinen Willen. Süß.

Nach dem Erlebnis stand für mich nichts mehr an, außer das spätere Meeting. Ich wollte einfach nur noch einen Kaffee trinken und mich hinsetzen. Schließlich hatte ich bisher keine Pause gehabt.
Ich setzte mich in ein Café und trank Kaffee mit Eis. Mein Körper hatte es nötig, so unterversorgt, wie er war. Trotz meines Kreislaufproblems musste er noch einige Stunden auf diese Energiezufuhr warten. Welch selbstzerstörerischer Spleen. In meinem Magen herrschte danach Winter.

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Am Abend probierte ich die erste Kurfürstenkugel. Sie steckten den Transport in der Tasche nicht allzu gut weg. Immerhin waren die Kugeln dabei, als ich das Schloss besichtigte und den Königstuhl erklomm. Deshalb waren sie abends etwas angeschlagen. Egal, der Inhalt zählte.
Feines Mohrenkopfbiskuit, innen mit einem Kern aus Nugatcréme und außen köstlich von Marzipan und Schokolade umhüllt (Quelle: http://www.kurfuerstenkugel.com/cms/iwebs/default.aspx )

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Nach einer Kugel war ich so satt, dass ich die andere nicht mehr schaffte.

(19 – 22 Uhr Meeting)

3. Tag/Samstag: Philosophenweg & Neckar

Frühstück:
1 Vollkornbrötchen mit Quark, Käse und Nutella
Banane
Schoko-Gries-Pudding
1 Eclair
1 Keks
Kaffee, Saft
Nachmittags:
Cola
Abends:
Salat mit Mozzarella und getrockneten Tomaten mit Balsamico-Dressing
1 Kurfürstenkugel
Wasser

Der Tag begann wie gestern: Aufstehen, Frühstück und Planung des Tages via Handy.
Als ich beim Frühstück saß, kam plötzlich eine Horde Touristen in den Raum. Niemand wusste, ob die Plätze reichen, deswegen wurden die freien Plätze erst einmal gründlich ausgezählt. Aber irgendwie würde es wohl gehen, meinten die Leute dann. Ich war schon fast fertig mit dem Frühstück, wollte mir aber noch einen Saft holen. In der Zwischenzeit räumte die emsige Küchenhilfe schon meinen Platz ab, samt voller Tasse Kaffee, damit die anderen Gäste dort sitzen konnten. Ich rief: „Hey, ich bin noch nicht fertig! Da ist noch Kaffee drin!“ Ich hatte die Tasse eigentlich extra dort stehen lassen, damit klar war, dass ich gleich zurückkomme. Die Tasse war mein Platzhalter! Sofort stellte die Küchenhilfe alles wieder hin, bis auf das benutzte Geschirr. Sie entschuldigte sich und auch eine Frau unter den Gästen entschuldigte sich 2x bei mir. Ich sagte: „Nicht so schlimm. Alles gut.“ Lächeln.

An diesem Tag wollte ich wandern gehen. Im Odenwald auf dem Philosophenweg, der insgesamt ca. 3 km lang war und sich danach noch in andere Richtungen und Höhen schlängelte. Nur der Weg nahm dann andere Namen an.
Wie an jedem Tag musste ich dazu erst durch die gesamte Altstadt laufen, denn um die kam ich nie herum.
Meine Sonnenbrille trug ich immer. Inzwischen kannte ich die Vorteile, die man dadurch hat: Privatsphäre. Die Hauptstraße in der Altstadt war Heidelberg’s Catwalk. Jeder präsentierte sich dort und viele von ihnen leider ziemlich unvorteilhaft. Wenn man dick ist, sollte man sich nicht in einen bunten Jumpsuit quetschen, der von der Muschi gefressen wird. Aber es gab auch andere unschöne Styling-Sünden, bei denen ich nicht weggucken konnte.
Manchmal, wenn mir alles zu viel wurde, ging ich stur geradeaus – ohne nach links und nach rechts zu schauen – Kopf ein bisschen weiter nach oben, ohne Mimik im Gesicht und wartete ab, was passierte. Die Leute machten Platz und einige guckten hinterher, wobei die Gäste in den Cafés immer die Schlimmsten waren. Die waren schließlich eh nur zum Gucken da.
Manchmal, wenn mir danach war, nahm ich meine Sonnenbrille ab, suchte mir ältere Männer aus und lächelte sie einfach mal an. Da die meisten von denen Familie hatten, waren sie mit meinem Lächeln schon überfordert. Pech gehabt. Es tat mir ein wenig Leid – für sie und für mich.

Ich suchte die Gasse, durch die ich zur Alten Brücke kam. Aber ich nahm immer die falsche Gasse und ging letztendlich woanders lang, wo ich jedoch auch zum Ziel kam. Auf der Alten Brücke stand sie wieder – die Selfie-Population. Sie machten Bilder von sich und dieser dunklen Katzenstatue.
Die Brücke war mit Menschen überfüllt. Ich blieb stehen, sah herunter zum Wasser und als ich weitergehen wollte, stand vor mir ein Liebespaar, das sich knutschte. Mann, bitte nicht das auch noch, dachte ich. Die Frau war jedenfalls dick und gefiel mir nicht. Und er gefiel mir auch nicht. Nach diesem Check ging es mir gut. Wenn ich arrogant wäre, würde ich sagen: Mich darf fast niemand haben.

Von der Alten Brücke war es nicht mehr weit bis zum Philosophenweg. Einmal über die Ampel gehen und neben der Bushaltestelle begann der Weg. Zuerst ein geschachtelter Steinweg, mit groben Pflastersteinen und hohen Mauern an den Seiten. Der Weg verlief konsequent bergauf, schlängelte sich nach oben und ab und zu durfte man flache Treppen steigen. Es war anstrengend, gerade auch wegen der Hitze. Selbst ich kam aus der Puste, obwohl ich sportlich bin. Zwischendurch musste ich immer kurz innehalten und genoss die tolle Aussicht. Mittendrin gab es Aussichtsplattformen und Bänke, die aber alle schon besetzt waren. Eine längere Pause hatte ich auch nicht nötig. Nach ungefähr 12 Minuten kam ich oben an, total fertig und kaputt. Außerdem war ich komplett durchgeschwitzt und das mit 28 Jahren. Ein Grund, sich doll zu schämen. Aber ich stellte fest, dass jeder kaputt war und/oder unter Luftnot litt, der den ersten Teil des Philosophenwegs bewältigte. Alle schnieften und schwitzten. Jeder, der es nicht tat, war ein Fake oder ein ehrgeiziger Hochleistungssportler.

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Oben angekommen. Alles war wieder einfach und gut. Der Weg ging nach links und nach rechts. Ich ging zuerst in die linke Richtung. Viele Meter hoch, entlang der Stadt. Wunderschöne Aussicht und überall Bänke. Typisch für Wanderwege: Viel Grün, viel Natur. Mehr kann ich dazu nicht sagen. Der Weg gabelte sich zwischendurch in andere Richtungen. Es war nicht nur ein Weg. Ich kam an einer Imbissbude vorbei. Dort gab es Eis und Getränke. Ich lief so lange geradeaus, bis ich in einem Stadtteil wieder herauskam. In dem Stadtteil, wo die teuersten Häuser und Villen stehen. Ich ging wieder zurück, da ich den kompletten Philosophenweg erleben wollte. Der Weg führte wenig später in den Wald hinein. Dort war ich völlig alleine und ich wunderte mich, wo all die anderen Menschen waren. Mit so viel Einsamkeit rechnete ich nicht. Aber ich dachte auch nicht daran, zurückzugehen. Ich hatte keine Angst. An Männer, die einem auflauern, denke ich sowieso nicht. Trotzdem kam der Gedanke in diesem Wald immer mal wieder durch. Ich fühlte mich tatsächlich sehr alleine und drehte mich ständig um, ob nicht doch andere Leute in Sicht sind.

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In großen Abständen kamen mir Jogger und Radfahrer entgegen. Sonst niemand. Ich gab mir Mühe, nichts Negatives zu denken. Mich würde hier schon niemand umbringen, obwohl dieser Wald perfekt dazu war. Überall hohe Bäume und Vogelgezwitscher. Die Stimmung fühlte sich teilweise unwirklich an. So, als ob ich nicht wirklich da war. Meine Gefühlswelt spielte mir einen Streich. Derealisation. Dieses Gefühl, als ob man tot wäre und irgendwo anders ist. Und vor allem: Nicht im eigenen Körper. Es überwältigte mich, was dieser Weg mit mir anrichtete. Es war eine dieser intensiven Erfahrungen und dieser Weg regte einen tatsächlich dazu an, sehr nachdenklich zu werden und zu sich zu kommen – auf welche Art auch immer. Ich lief bis zum Ende. Natürlich war es längst nicht das Ende, es ging noch viel weiter. Nur wie weit? Auf meinem Navi ließ es sich nicht erkennen. Ich denke, es waren noch mehrere Kilometer. Auf Steinen standen in weißer Farbe die Namen der Wege, sodass man sich kaum verlaufen konnte.
Zumindest hatte ich mein Ziel für diesen Tag erreicht und mir qualmten die Füße. Sie taten weh. Aber Blasen waren noch nicht in Sicht.

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Auf dem Rückweg, gegen Mittag, kamen mir mehr Menschen entgegen. Der Weg füllte sich mit Leben, im Gegensatz zu morgens. Ich war erleichtert, nicht mehr alleine zu sein und wurde innerlich deutlich ruhiger, als vorher. Jetzt weiß ich, dass es doch Dinge gibt, vor denen ich Angst habe.
Als ich den Schlängelweg (eigentlich Schlangenweg) wieder hinunterging, war ich genauso platt. Auch der Abgang erwies sich als nicht allzu prickelnd. Es war auch anstrengend. Ich musste mich konzentrieren, nicht über die unebenen Steine zu stolpern oder über die Stufenkanten. Ich hielt mich wie eine alte Oma an den Seiten fest und bewegte mich nur vorsichtig. Trotzdem stolperte ich. Aber nicht so, dass ich hinfiel. Froh war ich, als ich heil vor der Alten Brücke stand.
Jetzt brauchte ich Entspannung und mir fiel spontan eine Bootstour ein. Wenn ich schon mal hier bin, dann auch AUF dem Neckar. Außerdem liebte ich Schiffe als Kapitänstochter.

Boote gab es genug. Ich entschied mich für die ‚Neckar-Sonne‘ – ein solarbetriebenes Boot mit nichtüberdachten Plätzen. Es fuhr stündlich und machte Rundfahrten über den Neckar.
Da ich noch Zeit hatte, ging ich am Neckar entlang und guckte mir die anderen Schiffe an, die alle unterschiedliche Fahrten im Angebot hatten. Unter anderem auch Burgenfahrten, die länger dauerten. Auch interessant, aber ich wollte gerade nichts Großes planen, wo man sich vorher anmelden musste. Als ich zur Neckar-Sonne zurückging, saßen schon Leute auf dem Schiff. Eine Fahrt kostete 8€ und ich suchte mir einen Platz direkt am Ende. Gleich wurde ich gefragt, ob ich was trinken möchte und ich bestellte mir eine Cola. Die Sonne schien die ganze Zeit und verursachte einen Sonnenbrand auf meinem Nacken.
Auf dem Boot war ein Mädel in meinem Alter mit einem Freund, der ungefähr 20 Jahre älter war. Ich konnte das Mädel absolut verstehen. Und ihn auch. Wie schnell ich bei dem Anblick wieder ins Schwärmen geriet – oh Mann!

Die Fahrt auf dem Schiff war normal. Nur dass die Geräusche des Motors fehlten, da solarbetrieben. Eine ruhige Fahrt und aus dem Lautsprechern wurde Heidelberg erklärt. Allerdings verstand ich kaum etwas. Das Schiff fuhr langsam über den Neckar, sodass man die Stadt von allen Seiten betrachten konnte. Eigentlich sah man nur Häuser und Teile des großen Klinikgeländes, sowie Liegewiesen und halbnackte Menschen. Wasser, Brücken und mehrere Krankenwagen und Polizei fuhren im Schnelltempo durch die Stadt. Das war die Schifffahrt. Am Ende musste ich noch meine Cola bezahlen. An Trinkgeld dachte ich allerdings nicht.

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Nach dem Ausflug ging ich Shoppen und lief durch die Weststadt zum Hotel zurück, um nicht immer die gleichen Wege zu nehmen. Auch die Weststadt bestand aus sehr schicken Häusern und war anscheinend eine beliebte Wohngegend. Ziemlich gediegen und ohne Trubel.

Abends trieb es mich zu Kaufland, das war gleich in der Nähe. Ich wollte einen Salat und hatte keine Lust mehr, mich in ein überfülltes Restaurant zu setzen. Sicherheitshalber kaufte ich noch Blasenpflaster, bevor alles zu spät war und ich nicht mehr laufen konnte. Meine Füße waren von der Wandertour schwarz. Entweder war es Dreck oder meine Schuhe färbten ab. Im Kaufland suchte ich außerdem noch eine Flasche Wasser, komischerweise fand ich nur eine Sorte. Eine andere Frau suchte auch erfolglos nach Wasser. Die hatten alles, aber nur eine Sorte Wasser? Verrückt. Den Salat musste ich genauso suchen, fand dann aber ein ganzes Regal. Mehr wollte ich auch gar nicht.

Als ich im Hotel war, aß ich den Salat samt Kurfürstenkugel und wartete auf das Meeting.

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(21 – 1 Uhr Meeting)

4. Tag/Sonntag: Bergfriedhof & Philosophenweg

Frühstück:
1 Vollkornbrötchen mit Käse und Nutella
Pfirsich Quark
kleine Portion Müsli
Kaffee, Apfelsaft
Nachmittags:
Eiskaffee mit Vanille-Sirup und Sahne
Cola
Abends:
1 Veggie-Burger
Mc Flurry

Frühstück wie immer. Nur, dass ich diesmal so clever war und mir mein Frühstück nicht stückchenweise, sondern gleich komplett holte. Für den Fall, dass mein Platz wieder zu früh abgeräumt wurde.

Dieser Tag begann auf dem Bergfriedhof. Am Eingang stand eine Tafel mit Informationen und Wegbeschreibungen.Wie sein Name schon verrät, handelt es sich um einen Berg mit Friedhof. Ich erzähle nicht viel über den Friedhof, weil Friedhöfe sich von selbst erklären. Dennoch fand ich den Friedhof aufregend. Er war aufgebaut wie ein Labyrinth. Zahlreiche Wege und manche von ihnen endeten im Nichts. Ich fand immer wieder neue Stufen und stieg immer höher auf den Berg, auf dem überall Steine, größere und kleinere Grabstellen verteilt waren. Auf diesem Friedhof lagen definitiv viele Professoren, Mediziner und sogar Erfinder. Ich war beeindruckt. Manche Treppen waren alt und verwildert. Außerdem gab es kaum Absperrungen auf den schmalen Wegen. Wenn man nicht aufpasste, konnte man leicht abrutschen und abstürzen.
Als nach 3.5 Stunden Bergfriedhof dieses seltsame Gefühl in mir aufkam, wusste ich, dass ich jetzt lieber gehen sollte. Das Gefühl von tiefer Nachdenklichkeit, körperlicher Vergänglichkeit, Mitleid und Melancholie. Wenn man sich fragt, ob man privat alles richtig macht oder was einem noch im Leben erwartet. Oder auch nicht…? Oder was ich mache, wenn ich nur noch einen Tag lebe oder krank werde,..körperlich. Oder einen Unfall habe, obwohl ich diese bisher immer mit nachfolgender Belastungsstörung überlebte. Gewisse Situationen bleiben für immer präsent und tauchen als Flashback wieder auf.
Bevor ich mich in diese Gedanken weiter hineinsteigern konnte, verließ ich den Friedhof sehr zügig. Ich wollte so schnell wie möglich weg und fand keinen Ausgang. Dabei wirkte der Friedhof zuerst noch recht überschaubar. Zum Glück fand ich den Ausgang bald.

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Danach schaltete ich sofort meinen MP3-Player an, um mich abzulenken.Vor dem Friedhof stand ein Lamborghini und ich war völlig geschockt, so ein Auto dort stehen zu sehen, wo ich es am allerwenigsten erwartete. Ich konnte es wirklich nicht fassen und blieb erst einmal wie erstarrt stehen. Vielleicht war der ja nur gemietet und kein Eigentum. Obwohl ich so geflasht war, schaffte ich es trotzdem, weiterzugehen. Ich musste ja nicht sehen, zu wem der gehört.

Mein nächster Weg: Altstadt – Alte Brücke – Philosophenweg.

Bevor ich mit der Wanderung anfing, machte ich einen Abstecher zum Kaffeetrinken, sonst würde ich umkippen, bei dem Durst, den ich hatte. Ich bestellte Kaffee mit Vanille-Eis, aber leider war der ausverkauft. Kein Wunder, bei der Hitze war das der begehrteste Kaffee. Mir wurde stattdessen Eiskaffee mit Vanille-Sirup angeboten. Der schmeckte zwar nicht ganz so gut, war aber okay. So wählerisch war ich nicht. Hauptsache, Kaffee – kalt.

Danach ging es sofort weiter. Obwohl man bei der Wärme auch super herumsitzen konnte. Zufällig kam ich noch an einem Wellness-Laden vorbei. Hauptthema: gesundes Essen. Bio natürlich und aus eigener Herstellung. Ich nahm Kräuter-Kräcker, denn mit Apfelchips, Vollkorn-Orangenkeksen und Saucen konnte ich nichts anfangen. Der Laden war nicht wirklich mein Fall. Zu viel Bio und Geschmacksvariationen, die nicht meine waren.

Ansonsten: Gleiches Programm wie gestern. Anstrengender Aufstieg, Schweiß und Hitze.
Unterschied: Auf dem Philosophenweg war mehr los (ab 14 Uhr).
Ich lief die gleiche Strecke, wie am Tag zuvor – nur ein Stück weiter. Überall wanderten Leute, auch tiefer im Wald. Dann kam eine Frau auf mich zu, die eine Wanderkarte in der Hand hielt: „Kennen Sie sich hier aus“, fragte sie mich.
„Nein, ich bin auch nicht von hier. Leider kann ich Ihnen nicht helfen.“
„Okay, trotzdem danke!“

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All meine Eindrücke bzw. mein Erleben auf dem Weg glichen dem Vortag: Nachdenklichkeit, Freiheit und Glück. Ich merkte, dass Wandern eine gute Entspannungsalternative ist und dass ich es öfters machen sollte, wenn ich mich seltsam fühle oder wenn sich irgendetwas in mir anbahnt. Wahrscheinlich brauche ich diese Mischung aus Ruhe und Aktivität. Vielleicht ist das für mich genauso passend, wie meine aktuellen Favoriten: Fitnessstudio, Chiasamen und Detox.

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Ich bekam wieder wahnsinnigen Durst. Natürlich hatte ich auch diesmal nichts zum Trinken mit und musste warten, bis ich wieder am einzigen Imbiss vorbeikam. Vorher war eine Pause auf der Bank nötig, da meine Füße und Beine vom vielen Laufen pulsierten. Nach 10 Minuten machte ich mich wieder auf den Weg. Jetzt fiel das Aufstehen umso schwerer, da mein ganzer Körper nur noch wehtat. Wenn ich zählte, wie viele Kilometer ich in den letzten Tagen insgesamt zurücklegte, war das kein Wunder. Am Tag kam ich locker auf 15 Km und vielleicht sogar noch mehr. Ich kaufte mir eine Cola und setzte mich auf eine etwas abgelegenere Bank in den Schatten. Dann dachte ich kurz darüber nach, dass es bis zum Hotel noch weit war und beschloss, nicht weiter daran zu denken, sondern nachher einfach zu laufen. Wenn man an unangenehme Dinge denkt, werden sie schlimmer. Ich dachte also an nichts mehr. Nur noch ans Jetzt.

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Auf dem Rückweg zog sich allmählich der Himmel zu und es wurde immer dunkler. Ich ging also genau im richtigen Moment los. In der Altstadt sah es nach Gewitter aus und es wehte plötzlich ein kühler Wind durch die Straße. Trotzdem standen die Leute Schlange, um ein Eis zu bekommen. Ich begriff nicht, warum sie so viel Geduld hatten, so lange zu warten, wenn vor ihnen schon 20 Leute bedient werden wollten. Sollte man für ein Eis so viel Zeit investieren?
Wenn sie Glück hatten, durften sie ihr Eis gleich im Regen mit Blitz und Donner essen.

Ich lief im Schnellschritt, weil ich nicht im Gewitter enden wollte. Allerdings musste ich mir noch irgendwo etwas zu essen kaufen, obwohl ich die Kräuter-Kräcker in der Tasche hatte. Nur hatte ich darauf gerade keinen Appetit und wollte etwas Anständiges.
Also lief ich auf dem Rückweg zu Mc Donald’s, da ich keine Lust auf andere Experimente und unbekannte Läden hatte. Der Bio-Shop reichte schon. Zwar der Besuch bei Mc Donald’s für mich eine Seltenheit, aber ich wusste, dass ich dort fündig werde. Ich nahm einen Veggie-Burger und einen Mc Flurry. Alles andere interessierte mich kaum. Allerdings verstand mich die Bedienung nicht richtig und fragte, welche Sorte Fleisch ich drin haben wollte. Was war an Veggie nur falsch zu verstehen? Lag vielleicht daran, dass der Typ unaufmerksam war, bei all den Geräuschen.

Im Hotel wartete ich nicht lange. Zuerst aß ich den Burger und dann das Eis. Danach Einatmen, Ausatmen, Ruhe. Und später Meeting. Plötzlich fing ich an zu weinen. Viel zu spontan, unangemessen und ziemlich ohne Grund. Oh Mann, bitte nicht schon wieder diese Emotionen, die aus dem Nichts kommen. Ungefähr 5 Minuten weinte ich heftig und ließ es einfach geschehen. Niemand sah mich, also musste ich mich nicht für meine kranke Seite rechtfertigen. Die gestörte Seite, die immer mal wieder ohne Ankündigung durchkommt und den Zustand meiner angeschickerten Seele repräsentiert. Mir war bewusst, dass es an diesem Tag eine Situation gab, die mein Unterbewusstsein triggerte. Dann wusste ich es: Es war der Friedhof, der in mir etwas auslöste. Was genau, das kann ich nicht sagen. Meine Emotion hing mit irgendeinem unbekannten Defizit und innerem Konflikt zusammen, den ich nicht kannte. Ich muss also erst herausfinden, um was für einen Defizit es sich handelt und beschloss, die Sache erst einmal ruhen zu lassen, bis sie sich von alleine löst, z.B. durch neue Erfahrungen oder mehr Reife.
Nach 5 Minuten war alles wieder in Ordnung und ich fühlte mich kein bisschen schlecht. Sondern ganz ’normal‘.

(21 – 1 Uhr Meeting)

Als ich nachts wieder zurück kam, war alles so anders, denn das war der letzte Tag in Heidelberg. Die Zeit verging – wie immer – viel zu schnell. Aber es hat gereicht, um die schönsten Orte zu sehen und ein wenig kennenzulernen. Wäre ich ein Heidelberger, würde ich jeden Tag wandern gehen. Dabei kann ich bei mir zu Hause sogar am Strand entlangwandern. Ist das nicht eigentlich auch schön? Würden das die Heidelberger nicht auch gerne tun? Man will doch immer das, was man nicht haben kann und wenn man es hat, dann ist es nicht mehr so spannend. Man schätzt die Dinge und manche Gelegenheiten einfach zu wenig.
Ich packte noch schnell die Sachen für meine Reisetasche zusammen, denn morgen früh war es mir zu spät. Zwar hatte ich nicht allzu viel mit, aber es reichte, dass die Tasche schwerer wurde, als auf der Hinfahrt. Nachdem die Tasche gepackt und ich duschen war, konnte ich mit einem ruhigen Gewissen einschlafen. Alles war reisefertig und passte in die Tasche.

Draußen regnete es, sowie abends schon. Ich hörte ein Donnern, aber letztendlich waren es nur die Geräusche eines Feuerwerks oder einer Party. In Heidelberg war abends viel los, völlig ruhig wurde es nie. Großstadtfeeling. Manchmal hörte man betrunkene Leute und manchmal war es nur das Rollen eines Koffers auf dem Asphalt. Obwohl ich in einer noch größeren Stadt lebte, war es hier anders. Lauter, kultivierter und lebendiger. Oder ich wohnte bei mir einfach in der falschen Ecke, in der es zu gediegen zuging. Im gegenüberliegenden Haus fielen die Rollläden zu. Ich schaute nach, ob es an meinem Fenster auch so etwas gab – ja.
Dann tat ich dem Nachbarn gleich und ließ sie zum ersten Mal seit meinem Aufenthalt herunter.
Anschließend ging ich zu Bett. Im Zimmer war es schwarz. Dieses Schwarz machte mir Angst, es engte mich ein und schnürte mir die Luft ab. Ich bekam Panik. Reflexartig machte ich die Nachttischlampe an und zog die Rollläden wieder hoch. Wie konnte man nur in so einem schwarzen Raum schlafen? Grausam. Mir war es lieber, das Licht der Laternen oder des Mondes zu sehen, als in dieser völligen Schwärze verschlungen zu werden und sich wie tot zu fühlen. Mit offenem Fenster und lichtdurchlässigen Vorhängen fühlte ich mich wohler.

Die Nacht war dennoch schlaflos. Innere Unruhe, viele Pläne und die unterschiedlichsten Gedanken. Es war kein Grübeln. Aber in meinem Kopf war es bunt, wie es für einen kreativen Geist üblich ist. Ich möchte viel machen und habe Angst, dass mein Leben zu kurz dafür ist. Es ist schlimm, wenn man den eigenen Erfolg nicht sieht und denkt, dass man nie genug tut, obwohl man jeden Tag überdurchschnittlich viel arbeitet. Ich bin einfach verkorkst und blind für meine Leistung, weil es für mich zu selbstverständlich ist, all das zu tun, was ich tue.

5. Tag/Montag: Abreise

Frühstück:
1 Vollkornbrötchen mit Käse, Nutella und Schinken (Sorry…Ausnahme)
Mini Quarkschnecke
Erdbeer Griespudding
1 Ecke Camembert
Kaffee
Abends:
paar Kräuter-Kräcker
Ginger Ale

Frühstück wie immer. Nur diesmal hatte ich Appetit auf Schinken und wunderte mich, warum. Warum plötzlich dieser Heißhunger auf Schinken? Es war zum Glück nur eine Scheibe.
Den Rest des Morgens verbrachte ich im Zimmer, auf dem Bett sitzend. Ohne dabei etwas anderes zu tun. Ich war also ziemlich bei mir. Neutral und abreisebereit.
Gegen 10 Uhr checkte ich aus. Mit wenigen Worten und einem Lächeln.

Am Bahnhof kam ich an dem Donut-Laden vorbei. Aber ich hatte keinen Appetit und brauchte nichts für den Zug. Bei den vielen Sorten von Donuts konnte ich mich eh wieder nicht entscheiden. Ich ging zwar kurz in den Laden, schaute über die Theke, aber es war mir zu viel. Zu viel Auswahl. Ich wollte nicht mit diesem Überangebot konfrontiert werden und hatte keine Lust, Entscheidungen zu treffen. Auch wenn es nur um einen einfachen bekloppten Donut ging. Dann lieber gar nichts. Lieber Hungern.

Ich saß 45 Minuten am Bahnhof auf der Bank. Es war trübe und kalt. Ich trug nur ein dünnes T-Shirt unter der Jacke und fing bald an zu frieren. Ekliges Wetter, so ganz ohne Sonne und mit Regenwolken. Trotzdem verging die Zeit überraschend schnell und dass, obwohl ich nicht mal mehr Gedanken im Kopf hatte, weil ich zu müde war.
Der Zug kam pünktlich und auf meinem reservierten Platz saß jemand. Ohh, dachte ich. Aber reserviert ist reserviert – ein bezahlter Platz. Also warum sollte ICH mir dann einen anderen Platz suchen? Das sah ich gar nicht ein.
Ich sagte freundlich: „Guten Morgen! Dürfte ich Sie bitten, aufzustehen? Ich habe diesen Platz reserviert [smile].“
Die Frau, die dort am Fenster saß packte in Windeseile ihre Sachen zusammen und sagte verlegen: „Oh, entschuldigen Sie! Tut mir Leid!“
Und während sie ihre Sachen packte, versuchte ich nett weiterzulächeln und tat so, als wäre alles gar nicht so schlimm.
Als sie an mir vorbeihuschte, sagte ich aufrichtig: „Danke….[smile]….Danke! [smiiiillllllllee]“
Nun konnte ich ungestört auf meinem Platz sitzen. Und dachte danach darüber nach, ob es wirklich okay war, die Frau wegzuscheuchen. Aber ich denke, jeder Anwalt wäre rechtlich auf meiner Seite gewesen. Ich versuchte also, die Sache aus den Augen meines Anwalts zu sehen und mich in sein Wissen hineinzufühlen, obwohl ich in Rechtskunde immer eine Eins auf dem Zeugnis hatte und es selber wissen musste.

Nächster Umstieg war in Frankfurt/Main.
Der ICE kam und ich stand genau vorm falschen Wagen – Wagen Nr. 14 und Wagen Nr. 2 war mein Ziel. Ich rannte so weit vor, wie ich es in der kurzen Zeit schaffte und stieg in den Wagen Nr. 4, damit der Zug nicht eher losfuhr, als ich drinnen war. Der ICE wartete immerhin nicht ewig und alle anderen Leuten waren schon eingestiegen, sodass ich draußen die Letzte war. Den Zug hätte ich nicht verpassen dürfen.
Im Abteil 2 suchte ich den Platz und mein Fuß verhedderte sich in irgendetwas. Ich befreite mich aus diesem komischen Bandsalat und die dazugehörige Person entschuldigte sich, als sie das Malheur bemerkte. Ich wusste nicht, was das war. Die Schnur war rot und es handelte sich nicht um Kopfhörer. Ich hoffte, dass ich nichts kaputt gemacht hatte. Die Person sagte nichts weiter.
Ich fand meinen Platz nicht. 116. Beim Umkehren fand ich heraus, dass Platz Nr. 116 eine 6er Kabine war. Dort saß schon eine Familie mit einem Teenie und einem Kind. Zum Glück verhielten sich alle ruhig und ließen keinen Stress aufkommen. Trotzdem war ich nicht gerade begeistert. Lieber wollte ich meine Ruhe haben, als mit anderen in so einer engen Kabine zu sitzen. Es wurde häufig gegessen und die Handys wurden dauerbespielt.
Nächste Frage: Warum muss man sein Handy permanent in der Hand haben? Geht es denn gar nicht mehr ohne? Die Frage stelle ich mir oft. Es ist so, als würde man ohne nicht mehr klarkommen. Als ob man kein eigenes Leben mehr hätte. Ständig mit anderen Menschen kommunizieren oder dumme Spiele-Apps herunterladen. Klar brauche ich mein Handy auch, um berufliche Kontakte zu knüpfen und auch für Nebensächliches. Aber ich hänge nicht daran und bin auch nicht süchtig nach Aufmerksamkeit und Gesellschaft. Man muss auch mal alleine sein können.

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Letzter Umstieg: Hamburg.
Dort war ich wieder auf gewohntem Boden. Mein Anschlusszug stand schon, das sah ich vom Weitem. Nun musste ich es nur noch irgendwie dorthin schaffen. Wieder schlängelte ich mich durch die Leute, die überall herum und ziemlich im Wege standen. Rolltreppe hoch und Treppe runter. All das im besonders schnellem Tempo, denn ich wollte nur noch in den Zug und die letzte Etappe starten, denn ich war körperlich und psychisch sehr angeschlagen nach der langen Fahrt. Das überraschte mich selber, denn normalerweise steckte ich Reisen bisher immer gut weg und mochte es sogar. Nur diesmal war es anders und ich kann gar nicht sagen, warum. Vielleicht wollte ich gerade einfach nicht in Hamburg sein. Nicht jedes Mal die gleichen Erinnerungen spüren, wenn ich mich dort am Hauptbahnhof befand. Sehnsucht. Nach jemandem, der in Hamburg gleich in der Nähe vom Bahnhof wohnte.

Im Zug setzte ich mich ans Fenster und in die Richtung, die meiner Meinung nach,vorwärts fuhr.
Ich schaute aus dem Fenster, nachdenklich und wehmütig. Dachte an die letzten Tage, den Job und die vielen Erlebnisse. Dann dachte ich an Hamburg und beobachtete die Menschen, die am Bahnsteig standen. Nichts Besonderes zu sehen.
Immer wieder der Gedanke: Ich möchte die Zeit um ein Jahr zurückspulen – bitte. Noch nie habe ich mir so sehr eine Zeitreise gewünscht und kam ins Träumen. Was wäre wenn…
Als der Zug nach ca. 20 Minuten losfuhr, wurde ich in die Realität zurückgeholt. Ich durfte die Fahrt mal wieder rückwärts genießen. Oh Mann! Langsam hatte ich es wirklich satt. Einen neuen Platz konnte ich mir nicht suchen, da aus meinem Blickwinkel heraus alles besetzt schien. Na gut, die drei Stunden bis nach Hause würde ich jetzt auch noch aushalten. Es dauerte nicht lange, als sich eine dicke Frau zu mir setzte und Kreuzworträtzel machte. Aber sie blieb nicht lange, sondern setzte sich nachher woanders hin, als es im Zug leerer wurde.
Die Fahrt kam mir vor, wie eine Ewigkeit, da der Zug zwischendurch immer mal wieder anhalten musste, um andere Schnellzüge vorbei zu lassen.
Ab Schwerin wurde alles wie früher, da ich diese Strecke sehr oft fuhr. Auch das weckte einige alte Erinnerungen. So schnell wird man älter, ohne es zu spüren.

Ich freute mich, als ich endlich am Bahnhof zu Hause ankam und das letzte Stück mit der Straßenbahn fuhr.
Sogar der Briefkasten war, bis auf einen Gutschein, diesmal leer. Eigentlich fühlte ich mich viel zu kaputt, um meine Tasche noch auszupacken. Aber nach einer Tasse Kaffee riss ich mich zusammen und packte meine Sachen aus. Danach war der Abend für mich gelaufen, ging duschen und verschwand anschließend sofort im Bett.
In dieser Nacht wachte ich kein einziges Mal auf.

Oma Irmgard


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Diese alte Frau saß mir die ganze Zeit wie versteinert gegenüber. Ich hatte natürlich nichts gegen alte Frauen, nein. Aber auf mich wirkte sie merkwürdig. So, als ob sie hier nicht hingehörte. Sie sah zwar aus, wie eine typische Oma, nur ihr Blick war wunderlich und abschweifend. Immer wieder guckte sie ins Leere oder durch mich hindurch, mit ihren dunkelblauen Augen, die aussahen, wie der Sommer am Meer. Dieser Zug war nicht der richtige Ort für sie, das spürte ich. Mich beschlich das Gefühl, als würden viele Leute im Altenheim sie schon verzweifelt suchen und musste gleich an meine liebe Oma zu Hause denken, die schon mit selbstgebackenem Kuchen auf mich wartete, der immer sehr lecker war. Ich schaute, ob die Oma auch irgendetwas dabei hatte und sah nur einen netzartigen Beutel. Man konnte alles durch die Maschen sehen: zusammengeknüllte Stofftaschentücher, dreieckig gefaltete Servietten, ein Stück Brot und einen Apfel, der nicht mehr ganz frisch aussah. Außerdem gab es noch einen größeren Klumpen aus Alufolie. Es sah aus, als würde die Oma Dinge für schlechte Zeiten sammeln, die inzwischen kaum mehr genießbar waren. Ich fragte mich, wo sie wohl hinwollte, an diesem grauen Wintertag und beobachte die Schneeflocken, die sanft gegen die Fensterscheibe flogen und Kristalle bildeten. Die Oma guckte stattdessen an die Taschenablage über ihr, wie verloren.
Ein knielanger Rock und hautfarbene Strumpfhosen mit Laufmaschen, waren die einzigen Kleidungsstücke, die ihre mageren Beine bedeckten und auf den Knien schimmerten blaue Flecken. Ihre Schuhe waren platt und ausgelaufen. Wahrscheinlich besaß sie nur dieses eine Paar Schuhe, welches kaum noch Sohle hatte. Mir tat die Oma Leid, die in diesem Winter scheinbar schon mehrmals den Boden mit ihrem gebrechlichen Körper berührte und trotzdem so robust war, um immer wieder aufzustehen. Sie gehörte wohl zu der Kategorie ‚dünn und zäh‘. Sonst würde sie nicht in diesem Zug sitzen, sondern im Krankenhaus liegen. Die Oma merkte nicht, wie ich sie die ganze Zeit neugierig beobachtete. Ihr Blick blieb fern und unnahbar, dennoch trafen sich unsere Blicke manchmal. Vielleicht, weil ich es darauf ankommen ließ und ihr Wärme mit einem Lächeln schenken wollte. Sie wirkte so einsam. Aber ihre Mundwinkel zeigten keine Veränderung, sie blieben gerade, wie ein schmaler blasser Strich, der sich durch das eingefallene Gesicht zog und fast gar nicht auffiel. Wahrscheinlich hatte sie gar kein Gebiss im Mund. Auf ihrem Wollpullover mit der hübschen Rosenstickerei entdeckte ich einen roten Marmeladen-Klecks, vom letzten Frühstück und auch paar kleine Brotkrümel hingen noch in der Wolle fest. Sie hätte sie einfach nur abstreifen müssen. Aber ihre nestelnden Finger waren zu sehr mit sich beschäftigt. Sie berührte immer wieder ihren Fingerring, schob ihn auf und ab, drehte ihn oder pulte nervös an ihren Nägeln, die schon rau und gerötet waren. Der Rest ihres Körpers wirkte friedlich.
Ich fragte mich, was die Oma bei der Kälte ohne Gepäck und in ihrer dünnen Bekleidung vorhatte. Nicht einmal eine Jacke hatte sie dabei. Jedenfalls konnte ich keine finden. Ich war so in Gedanken versunken, dass ich nicht einmal den Schaffner bemerkte, der die Fahrausweise kontrollierte. Erst, als er mir auf die Schulter tippte, nahm ich ihn wahr. „Die Fahrausweise bitte“, sagte er monoton. Danach war die Oma dran und ich war gespannt. Sie schaute ihn stumm an, ohne Reaktion und etwas bizarr. Mehr kam von ihr nicht und der Schaffner war ebenso verdutzt. Egal, was er sagte, die Oma tat nichts. Als ob sie gar nichts verstand und von einer anderen Welt wäre. Sie sagte keinen Ton und versuchte es nicht einmal. Ich malte mir langsam aus, dass die Oma taubstumm und verwirrt war. Aber sicher sein konnte ich mir nicht. Jedenfalls stimmte etwas nicht mit ihr.
Nach einigem Zögern fasste der Schaffner den Pullover der Oma an und suchte nach etwas. Er fand wie erhofft ein Etikett auf dem Name und weitere Zeilen standen: Irmgard Birnbaum, Pflegeheim ‚Unvergessen‘.
„Sie brauchen keine Angst haben“, sagte der Schaffner, „Sie werden wieder nach Hause gebracht, wo Sie sicher schon eifrig gesucht werden.“ Oma Irmgard zeigte weder Freude noch Enttäuschung. Sie saß da, ganz zurückhaltend und reglos. Bis auf ihre Finger, die keine Ruhe fanden.

Zu Hause im Fernweh

Noch immer nicht richtig zu Hause, aber auch nicht mehr im Hotel. Die lange Strecke von Schottland zurück nach Deutschland hatte mir ganz schön mein inneres Gleichgewicht verdreht.

Mein Herz war noch nicht vollständig in der alten Heimat angekommen und meine Gefühle waren noch leicht verweht von der langen See- und Busfahrt. Ein kurzer Flug hätte sicher ähnliche Folgen gehabt, mit zusätzlichem Mini-Jetlag.
Die heimatliche Verbundenheit schlummerte noch tief in mir, wollte noch nicht erwachen. Stattdessen kribbelte das Fernweh wie verrückt. Der Urlaub in Schottland war wunderschön, sodass er mich das normale Leben erst mal vergessen ließ und ich den Eindrücken eine ganze Weile nachhing, bis ich sie halbwegs verarbeitet hatte. Zeitweise fühlte ich mich wie erschlagen von all den schönen Erlebnissen, an die ich immer wieder denken musste.
Das sofortige Basteln eines neuen Fotoalbums hätte mir sicherlich schnell Erleichterung verschafft, denn dort hätte ich meine tollen Erfahrungen einkleben und bunt gestalten können. Aber für die kreative Ballastentsorgung hatte ich leider noch keine Zeit.

Ich fühlte mich Tage später immer noch neben der Spur.
Während ich meine übliche Radtour auf gewohnten Wegen machte, fühlte ich mich seltsam. Alles um mich herum hatte einen subtilen Touch und wirkte etwas befremdlich. Hier war es längst nicht so wie in Schottland, nein. Die einzige Gemeinsamkeit war das diesig nebelige Wetter, mehr konnte ich nicht finden. Und auch die Luft roch kein bisschen nach frischem Atlantik, sondern nach ruhiger Ostsee. Darin gab es einen überraschend großen Unterschied. Die Atlantikluft war stärker, intensiver und gab mir viel mehr Kraft. Dagegen kam die Ostsee, die im Vergleich wie ein kleiner See wirkte, nicht an.

Beim Radfahren durch den einsamen Herbstwald nahm ich meine Umgebung nur gedämpft wie durch einen Filter wahr, denn vor meinen Augen tauchten wiederholt die Eindrücke meines Urlaubs auf. Ein Bild nach dem anderen, wie eine schnelle Diashow. Welch fotografisches Gedächtnis. Ein leises Gefühl der Sehnsucht beschlich mich, obwohl mir bewusst war, dass ich hier her gehörte, da jeder seinen Ursprung fest in sich trägt.

Bei uns waren die Wälder noch grün, in Schottland kehrte schon langsam zart der goldene Herbst ein. Die Straßen waren oft nass, denn es regnete nach Zufallsprinzip: Mal kurz, mal länger und dann wieder Pause. Die Sonne ließ sich seltener blicken, aber wenn, dann warfen die Wolken ihre Schatten auf die Highlands und zogen dort geheimnisvoll vorüber. Es war das reinste Schattenspiel. Die Wolken verdeckten die Sonne wieder so schnell, dass sie die Funktion eines An- und Ausschalters übernahmen. Durch sie drang die Sonne nicht mehr hindurch und sie tauchten alles in diffuse Dunkelheit.
In Schottland gab es zerklüftete Küsten, niedliche winzige Inseln, unzählige Seen, schroffe Felsen, sanfte raue Berge, Höhen mit Spitzen, versteckte Schluchten und unendliche Freiheit, die einen im Nu verschlingen konnte. In der Freiheit war es leicht, ein Niemand zu werden.
Zu Hause gab es all das nur in stark eingeschränkter Form. Und trotzdem gehörte ich hier her.

Manchmal möchte ich die stressigen Phasen des Lebens gern gegen die Einsamkeit eintauschen. Aber würde es mich auf Dauer glücklich machen? Wohl eher nicht. Ich gehöre nicht unbedingt zu den Eremiten. Trotzdem schaute ich mir mit Wehmut die stark abgelegenen Häuschen und die vergessenen Dörfer in den Highlands an. Leute, die in der Abgeschiedenheit zu Hause waren und die Natur jeden Tag aufs Neue spürten. Sie kannten es nicht anders.

Manchmal möchte ich gerne Teile des modernen Lebens zurücklassen, um wieder mehr zu mir zu finden.
Ein einfaches Leben ohne viel Technik und ein bisschen hinter der Zeit leben. Keine Leute sehen, die beim Laufen auf ihr Handy starren und zu blind sind, um die Realität um sich zu bemerken. In Schottland gab es zwar auch den technischen Fortschritt und Modernisierung, aber eher in der dezenten Variante. Ich hatte das Gefühl, Technik und Status hatten dort nicht so einen hohen Stellenwert. Die Menschen wirkten bescheiden und sehr zufrieden. Sie legten mehr Wert auf echte Gesellschaft und setzten auf die Hilfsbereitschaft ihrer Mitmenschen.
Dort zählten keine Statussymbole, sondern Nähe.
Und ich hörte oft das Wort ’sorry‘. Sie entschuldigten sich für Dinge, die eigentlich gar nicht passiert sind.

Aus Fernweh könnte jedoch auch Heimweh werden, denn in der Ferne vermisst man nach einiger Zeit vielleicht das, was man kennt und dort womöglich nicht bekommt oder nur unter erschwerten Bedingungen.
Ich schätze das Leben in Schottland in seiner Natürlichkeit wirklich sehr. Aber die große Freiheit stellt auch Abhängigkeit dar. Die Abhängigkeit, zu überleben. Die atemberaubenden Wandertouren bergen viele Gefahren, da das Wetter unberechenbar sein und den Tod bedeuten kann.
Ohne Auto wäre man verloren, sofern man nicht in einer größeren Stadt lebt.
Und gab es nur einen Zug? Mir kam es so vor, als gäbe es nur eine eingleisige Bahnlinie in diesem Land.
Zu Hause ist alles in greifbarer Nähe, aber nicht so in Schottland – scheinbar.

Schottland ist ein Land, in dem ich gerne Gast bin und von dessen Landschaft ich träume. Aber Heimat ist da, wo ich zu Hause bin.
Ja, so ist es tatsächlich. Auch wenn ich es früher nie wahrhaben wollte.

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