Jemand und Gin 2


[…]

Doch irgendwann in der Nacht wache ich von einem leisen Piepen auf. Ich bin sofort hellwach und schalte die Lampe auf dem Fensterbrett an. Es ist 2:37 Uhr, als ich auf den Wecker neben mir schaue. Ich wundere mich und weiß im ersten Moment nicht, was das für ein komisches Piepen war. Als ich auf mein Handy gucken möchte, merke ich, dass es nicht angeht, obwohl es am Abend voll aufgeladen war. Vor dem Schlafen zeigte es 100% an. Und jetzt? Ich versuche es mehrmals anzukriegen. Aber es funktioniert nicht und ich vermute, dass der Akku tatsächlich leer ist, ohne Grund. Das Piepen war also nur der Hinweis, dass sich das Handy gleich ausschaltet. 

Danach fühle ich mich seltsam und mir wird kalt. Mehrere Minuten sitze ich verwundert im Bett und beobachte meine Umgebung. Ich starre zur Tür oder warte darauf, dass ich im Augenwinkel irgendeinen Schatten sehe. Es passiert nichts. Ich denke noch ein paar Minuten darüber nach, dass sich Akkus nicht ohne Grund leerfressen. Aber letztendlich macht es keinen Sinn, weiter darüber nachzudenken. Ich lasse einfach das Licht an, damit das unangenehme Gefühl in mir nicht zu stark wird. Mit Licht fühlt man sich irgendwie besser. Wahrscheinlich brauche ich tatsächlich diesen Marienkäfer, der bunte Sterne an die Wand wirft, damit ich beruhigter einschlafen kann.
Irgendwie will ich meiner Freundin noch schreiben, dass hier gerade merkwürdige Dinge passieren, aber ich bin schlau genug, um mir die Nachricht zu verkneifen. Erstens, weil sie schläft und zweitens, weil es gar nicht so schlimm ist. Eigentlich wäre es doch super interessant, wenn mal etwas Gruseliges passiert und ich mittendrin bin.
Am nächsten Morgen frage ich mich, ob das wieder so ein Traum war. Manche Leute klagen ja über mirtazapininduzierte Alpträume und überraschendem Übergewicht. Aber als ich sehe, dass das Handy immer noch leer ist, weiß ich, dass ich nicht geträumt habe. Das heißt, der wahre Traum vom eingebildeten Feueralarm bleibt auf Platz eins.
Ich hole mein Ladegerät und mein Handy frisst frische Energie aus der Küchensteckdose neben dem Kaffeeautomaten. Ansonsten lasse ich das Handy erst einmal aus. Irgendwie bin ich heute zu entspannt, um neugierig auf neue Nachrichten zu sein. Ich bin froh, wenn mir öfter mal einiges egal ist und ich nicht unter Spannung stehe. Deswegen mache ich heute alles in Ruhe. In Ruhe anziehen, in Ruhe schminken und in Ruhe essen. Vanille-Soyamilch und Kellogg’s, dazu Kaffee und Schokocappuccino. Das Tolle daran: Das Frühstück macht fast den ganzen Tag satt. Oder weil ich einfach nichts brauche. 

Der Morgen vergeht schnell und gegen Mittag leuchtet die grüne Lampe auf meinem Handy. Fertig geladen. Ich schalte das Handy an, worauf es kurz vibriert und sich langsam hochfährt. Code eingeben, warten. Wenn ich ungeduldig bin, dauert mir all das zu lange. Aber inzwischen habe ich mehr Ahnung von Geduld. 
Als die Internetverbindung hergestellt ist, treffen viele Nachrichten auf einmal ein. Alle von meinem Lieblingsmann aus Berlin. Ich bin sehr überrascht über die ganzen Nachrichten und freue mich schon, sie zu lesen. Vielleicht weiß er ja nun genau, wann wir uns treffen können oder er hat noch ein paar andere Ideen. Als ich im Chat nachschauen will, ist keine neue Nachricht zu finden. Auch sein Profilbild ist weg. Mir wird ganz anders. Was soll das denn jetzt? Und vor allem: Was ist mit den vielen Nachrichten, die auf dem Display erschienen? Die können doch nicht einfach weg sein. Ich klicke auf die leere Stelle, wo sonst das Profilbild erscheint. Kein Status. Nur die Daten, die ich gespeichert habe. 

Ich lese die letzte Nachricht: ‚Wann wollen wir uns treffen?‘ Die Nachricht, die ich gestern Abend schrieb. Er hat sie gelesen. Und dann? 

Ich schreibe eine kurze Nachricht, um zu gucken, ob sie durchkommt.

‚Hey‘

Natürlich erscheint nur ein graues Häkchen, welches auch eine Stunde noch einsam und grau ist. 
Ich rufe meine Freundin an und sie nimmt gleich ab.

„Hallo?“

„Hey, hallo…ich bin’s..“

„Ja, dachte ich mir schon. Ist irgendwas bei dir passiert?“

„Ja, mir geht’s scheiße.“

„Was ist denn, Süße?“

„Ach, ganz komisch alles. Letzte Nacht ist mein Handy einfach so abgekackt. Akku leer…und heute ist der Typ einfach so verschwunden.“

„Wie jetzt? Was für’n Typ?“

„Na der, von dem ich dir erzählt hab, letztens..“

„Ach so, ja, ich weiß. Warum, was ist denn passiert?“

„Vorhin hatte ich ganz viele Nachrichten von ihm auf dem Display und als ich nachgucken wollte, war alles weg. Total komisch.“

„Hmm? Wie geht das denn? Bist du sicher, dass die von ihm waren?“

„Ja, klar…aber nun steht da nur meine letzte Nachricht von gestern. Und anscheinend hat er mich blockiert, ohne Grund. Versteh ich nicht.“

„Das ist ja komisch. Vielleicht ist es nur eine technische Störung oder so. Warte erstmal ab.“

„Glaub ich nicht. Das war noch nie so.“

„Hmm. Aber mehr kannst du wohl erstmal nicht machen. Oder du versuchst mal, ihn anzurufen?“

„Ja, könnte ich vielleicht noch probieren. Aber bin da nicht so ein Fan von. Du weißt doch, dass ich nicht so auf Telen stehe.“

„Probier’s doch einfach mal. Dann siehst du, was passiert.“

„Ja, okay, dann mach ich das gleich mal. Ich schreib dir dann.“

„Okay, bis gleich. Wird schon!“

„Ja, hoffe ich…“

Ich drücke meine Freundin schnell weg, um dann ihren Tipp zu testen und bin dabei ganz aufgeregt. Irgendwie schnürt mir die Situation gerade den Hals gewaltig zu. Auf jeden Fall fühle ich mich unwohl, als ich seine Nummer anklicke. Ich mag sowas nicht. Aber immer noch besser als diese bescheuerte Unwissenheit, auf die ich noch weniger stehe.
Es klingelt einmal und dann geht sein Anrufbeantworter an. Scheiße! Das ist doch ein eindeutiges Zeichen, dass ich auf der BlackList stehe!

Ich schreibe meiner Freundin: Blockiert.
Sie antwortet nur mit: Waaaaaaas???!?!?!??????

Und ich denke nur: WARUM?

Ich gehe gedanklich die letzten tollen Wochen durch und ich erinnere mich an nichts Negatives. Es ist nichts passiert. 

Dann gucke ich mein ganzes Handy durch und versuche die Nachrichten, die kurz auf dem Display erschienen, per Suchfunktion zu finden. Mein Handy findet nur die Texte, die ich schon kannte. Nichts Neues. Ich lese mir die alten Nachrichten durch und komme sofort wieder ins Schwärmen. Umso weniger verstehe ich die Blockierung. Ich starre das leere Profilbild an, als könnte ich damit etwas bezwecken. 

Impulsgesteuert wie früher, setze ich mich in den nächsten Zug, der alle zwei Stunden nach Berlin durchfährt. Selbst, wenn ich mein Auto im vergangenen Herbst nicht zu Schrott gefahren hätte, hätte ich es heute nicht angerührt. Man sollte die Hände von Autos lassen, so lange man sich angepisst fühlt. Mein Fahrschullehrer konnte mir das damals leider nicht glaubhaft beibringen. 
Ich saß im Zug, wie ich gerade war. Manchmal ist es einfach nicht nötig, sich Gedanken über die passenden Klamotten und Schmuck zu machen. Manchmal reicht es, wenn man einfach so ist, wie man ist. Ohne Gedanken. Zerstreut beschreibt den richtigen Ausdruck für meinen Zustand im Zug. Eigentlich denke ich nichts. Ich denke nicht mehr, als: warum. 
Mein Handy bleibt reaktionslos. Der blockierte Kontakt, alias ich, bewegt sich nun selbständig nach Berlin. Ohne zu wissen, was dann passiert. Naiv ohne Konsequenz. 

Nach einigen Stunden sitze ich tatsächlich auf einer Bank beim Alexanderplatz. Die wichtigsten Anlaufstellen befinden sich gleich in der Nähe: Essen, Kino und Hotel. Ich weiß noch nicht, ob ich ein Hotel brauche. Aber immerhin ist es schon abends. 
Eigentlich weiß ich nun gar nicht, was ich machen soll. Ein wenig verloren bin ich in Berlin schon. Manchmal. Es dauert nicht lange, bis ich nach und nach von Leuten angesprochen werde, die Geld haben wollen. War ja irgendwie klar. Aber da ich kein Bargeld dabei habe, kann ich nicht viel machen. Im Nachhinein bemerke ich, wie die Leute hübsche Handys aus ihren Hosentaschen ziehen und recht gut angezogen sind. So so.

Aber was mache ich jetzt? Auf meinem Handy tut sich nichts. Das Einzige, was ich tun kann, ist, mir ein Taxi zu rufen und zu der Adresse zu fahren, wo mein Lieblingsmann wohnt. Aus genau dem Grund bin ich schließlich nach Berlin gefahren. Und jetzt werde ich nervös. Ob das so eine gute Idee ist? Wer weiß, was mich dort erwartet und ob ich das alles sehen will. Aber okay, was habe ich schon zu verlieren? Eventuell meine Hoffnung. Aber die könnte ich auch woanders wiedergewinnen, wenn ich mich mehr anstrengen und mehr Männern ein winzige Chance geben würde. 
– Zeitverschwendung – 

Ein Taxifahrer parkt direkt in meiner Nähe und wartet auf mich. Ich sage ihm, wo es hingehen soll und er nickt. Nach zwanzig Minuten sind wir da. 
Ich stehe vor der Tür meiner Zieladresse. 

Meine innere Stimme sagt: Alles egal, alles egal. Und ich versuche ihr zu glauben. 

Alles egal. 

Die Haustür unten ist auf und ich gehe hinein, ohne zu zögern. Es ist nur ein Haus mit Menschen drin. Als ob mich sowas schon jemals gestört hätte. An jeder Tür steht ein Name dran, auch völlig normal. Bis ich vor der wichtigsten Tür stehe – seiner Tür. Mich schaudert es ein wenig. Schließlich bin ich diejenige, die unangemeldet davor steht. Ich komme mir sofort illegal vor und es würde sich verboten anfühlen, wenn ich gleich klingeln würde. Aber wofür habe ich mir sonst den weiten Weg gemacht? Eigentlich ist es doch echt egal, was ich in den nächsten Minuten tun werde. Es kann nur gut oder schlecht werden, denn dazwischen gibt es nichts. Es gibt nur zwei Optionen. 

Ja oder nein.

An der Tür hängt nichts weiter, bis auf das Schild mit dem Namen drauf. Die Tür macht auf mich einen kalten Eindruck. Irgendwie versucht sie mich auf Abstand zu halten. Wenn ich mich noch weiter in die Sache hineinsteigere, warnt sie mich sogar davor, zu klingeln. Ich kneife die Augen zusammen und meine Stirn faltet sich automatisch, um meine Mimik noch kritischer darzustellen. 
Dann läuft eine Person aus dem Haus an mir entlang. Es ist ein Mann, er bemerkt wohl meinen Gesichtsausdruck und fragt: „Suchst du irgendwas?“

Warum du, ist mein erster Gedanke. Sehe ich wie ‚du‘ aus…? Das wäre ja keine Überraschung, nach all den Jahren des Nicht-Alterns.
„Nein, ich überlege nur.“

Ich fühle mich gerade wie in einem Laden, in dem mich die Verkäuferin nach meinen Vorlieben fragt und mich dringend beraten möchte.

Der Mann geht wieder. Er kann nichts für mich tun. 

Ich bleibe vor der Tür und überlege mir die Fortsetzung. Es liegt an mir, was ich aus dieser Sache mache, denn mein Lieblingsmann ignoriert mich. Auf meinem Handy tut sich weiterhin nichts. 

Okay, ich bewege meine Finger vorsichtig in Richtung Klingel. Gleich wird alles noch illegaler. Die Klingel ist der letzte Schritt, der mir helfen kann. Mein Zeigefinger berührt den Knopf, nur das Drücken fällt noch schwer. Dann, ganz langsam, drücke ich den Knopf rein und ich weiß nun, wie es sich anfühlt, wenn man bewusst die Backenzähne fest aufeinanderpresst. 
Irgendwie ist das gerade eine ziemlich unangenehme Situation und mein Herz rebelliert auf jeden Fall. Alles ist ganz leise, ich höre nichts von drinnen. Vielleicht ist er nicht da. Kann sein, dass er arbeitet und nicht zu Hause ist. Ich warte angespannte zwei Minuten, bis mir klar wird, dass niemand zu Hause ist. Klar könnte ich nun etwas durchatmen, aber ich bin dennoch wie erstarrt und mein Herz kriegt sich eh nicht so schnell ein, wenn es aufregend wird. 

Dann höre ich, wie sich jemand annähert und ich denke, dass es wieder einer der Nachbarn ist. Ich möchte sehen, ob es wieder der Mann von eben ist und drehe mich um. Und dann steht plötzlich der Mann aus Berlin vor mir, wegen dem ich hier bin. 
[…]

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Flucht ins Kino 


Welch seltsamer, emotional belastender Tag, der nun endlich zu Ende ist.
Wobei ich mich vor einem Jahr noch auf dem Rückweg nach Hause befand, mit Anflügen von Übelkeit im Zug. Ich erinnere mich gerade genau, wie der Apfelsaft-Gin mir dort fast zum Verhängnis wurde, ich mich jedoch beherrschen konnte, indem ich mich auf die Musik aus meinen Ohrstöpseln konzentrierte. Danach machte ich mitten in der Nacht einen Spaziergang vom Bahnhof nach Hause, da keine Straßenbahn mehr fuhr. Somit hatte ich auch gleich genug frische Luft. War ein gutes Mittel gegen die Übelkeit, die zu Hause ihren Ausbruch im Klo fand. Schönes Treffen, schöne Nacht. Herrlich. Da war noch alles in Ordnung.

Ich zelebrierte diesen gestrigen besonderen Samstag tatsächlich melancholisch im Bett, mit einer Duftkerze und im abgedunkelten Zimmer. Die Sonne schien sowieso nicht. Umso dunkler war es mit heruntergelassenem Rollo. Ich schwelgte in Gedanken und Erinnerungen. Viel zu viel. Und zugleich spürte ich diese gewisse Leere, die mich permanent erfüllt. Widersprüche gehören zu meinem Leben eben dazu, das ist meine Normalität. Ich wünschte, meine Gefühle wären insgesamt nicht so extrem, sondern auch normaler. Aber dann wäre ich vielleicht eine Langweilerin, was ich auch sehr ätzend fände. Langweilig mag ich nicht, war nie mein Ding.
Zwischendurch ging ich kurz shoppen, las drei kleine Kapitel eines spannenden Buches und zappte durch meinen iPod. Auch Lieblingssongs übersprang ich. Innerlich völlig unruhig und aufgewühlt. Ich fand in keiner Tätigkeit Ruhe, nicht einmal beim Mandala ausmalen. Nichts konnte mich gedanklich ablenken und nichts machte richtig Spaß, sondern endete in Zerfahrenheit. Schaute nur auf die Uhr und sah die Szenen des vergangenen Jahres. Wie krank sich das anhört,..oder? Ich klinge wie eine ewig verheiratete Witwe. Oder nach einer Frau, die nach zehn Jahren Beziehung wieder Single ist. Dabei handelt es sich in meinem Fall nur um ein dreistündiges Treffen. Kein Anlass für all diese dramatische Trauer. Und dennoch geht es mir so bescheuert. Vielleicht bin ich jetzt auch durch mit dem Thema, da ich schon dabei bin, mein unsinniges Verknalltsein hier in der Öffentlichkeit ins Lächerliche zu ziehen und es mir dadurch umso bewusster wird, wie dämlich es eigentlich ist. Aber es hat mich leider erwischt. Man erlebt ja auch mal krankhafte Episoden im Leben. Eigentlich eher auf Depressionen bezogen, aber bei mir nennt sich das anders. Emotional instabil…
Abends ging ich ins Kino. Alleine. Ich wusste, dass das die beste Idee ist, um anderen Input zu bekommen. Alleine in Gesellschaft fremder Mensche, zusammen in einem gemütlichen Kino ist immer eine gute Wahl. Kino ist mein zweites Wohnzimmer. Neben mir saß niemand und ich fühlte mich, bis auf das vereinzelte Popcorngeraschel, gut und ungestört. Der Gruselfilm lenkte mich komplett ab, obwohl er gar nicht so toll war. Aber es reichte und es war besser für mich, den Abend nicht alleine zu Hause zu verbringen. Sonst hätte ich diesen nur stumm im Bett verbracht und hätte wieder teilnahmslos die Decke angestarrt. Ich musste unbedingt herauskommen aus diesem Stumpfsinn. Gegen 23 Uhr kam ich nach Hause und war froh, als dieser schräge Tag fast vorbei war. Die letzte Stunde verbrachte ich mit Nachrichten schreiben..an Freunde, bei denen ich mich lange nicht mehr gemeldet habe. Mal wieder mit der Hoffnung auf Ablenkung. Mir war egal, was sie schrieben. Hauptsache, ich fühlte mich in dieser Stunde nicht so einsam. Was tut man nicht alles aus Verzweiflung. Shit. 
Ich hoffe, dass es mir bald besser geht und ich mich privat emotional wieder positiv verändere. Immer wieder rede ich mir ein, dass es keinen Grund gibt, traurig zu sein und dass alles gut so ist, wie es ist und dass andere tolle Männer auf mich warten. Es muss nur einfach mal richtig in meinem Hirn ankommen. Und in meinem Herzen. 

Abends tickt die Uhr lauter

  
Gerade fühlt es sich an, als hätte ich mir im Hals eine Ader verrenkt, weil ich meinen Kopf falsch gedreht habe. Aber es vergeht, das kam schon mal vor. Damals hatte ich noch Angst. Nun nicht mehr. Wovor soll ich noch Angst haben? Das Schlimmste ist gestern passiert. Wie jeden Abend liege ich im Bett. Versuche mich mit Lernen abzulenken, in dem ich anspruchsvolle Texte lese und danach zum Roman greife, um mich zu entspannen.

Aber heute funktioniert es nicht. Meine Gedanken schweifen ständig ab und ich bin nicht bei der Sache. Alle Wörter, die ich lese, fließen still durch mich hindurch und treiben in die Leere. Ich kann mich nicht auf mein Studium konzentrieren, mit dem ich mich jeden Abend beschäftige. Der Stoff lässt sich nur schwer in meinem Hirn abspeichern, da der Speicher voll von dem Mann ist, in dem ich heimlich verknallt bin. In meinem Kopf stecken viele unerfüllte Träume fest, die ich jeden Tag gedanklich durchspiele und erstmal keinen praktischen Ausweg sehe.

Den halben Tag habe ich mich auf der Arbeit verbissen abgelenkt und nun wo langsam Ruhe einkehrt, wird es gefühlsmäßig wieder dramatisch. Sobald es ruhig wird, tickt die Uhr lauter. Ich höre nur sie, im Takt meiner Gedanken. Ansonsten Stille um mich herum, weil die Nachbarn auch nicht jeden Abend Sex haben.

Auch heute bekam ich keine Nachricht und eigentlich habe ich darauf auch gar nicht gewartet, sondern mich irgendwie abgelenkt. Wobei ich gar nicht mehr sagen kann, wie. Mit vielen kleinen Tätigkeiten, die halbherzig erledigt wurden. Nur, um etwas zu machen. Meine Gefühle sind durcheinander und manchmal mache ich mir Sorgen, nicht mehr klar denken zu können oder blind für andere Männer zu sein, die sicher auch toll sind, aber nicht ER sind. 

Für mich herrscht Chaos. Es ist nichts, wie vorher. Irgendwas in meinem Inneren hat sich wahnsinnig verändert und hofft darauf, wieder in Ordnung gebracht zu werden. Aber durch wen?

Wahrscheinlich werde ich gleich neben dem Ticken der Uhr einschlafen. Im Moment der einzige Halt, denn die Uhr gab es schon, bevor ich ihn kannte. Ich habe sie knapp eine Woche vorher gekauft.

Abschied von dir

 
Jetzt sitze ich hier alleine an deinem Geburtstag und kann nichts tun, denn vor einigen Stunden habe ich ernsthaft beschlossen, dich ab jetzt in Ruhe zu lassen. Bis du dich meldest. Irgendwann vielleicht. Oder auch nicht. Du entscheidest. Ich dachte, es ist die einzig beste Lösung – momentan. Aber noch habe ich keine Ahnung, wie lange dieser Moment dauern wird. Wahrscheinlich Monate, oder länger, wenn du mich vergisst. Dir wird es sicher leichter fallen, als mir. Weil ich nicht weiß, wie ich dich je vergessen soll. Obwohl wir uns gar nicht richtig kannten, dabei hätte ich gerne mehr über dich erfahren.

Nun sitze ich hier am Küchentisch mit meinem halbharten Brötchen, das ich heute Morgen nicht mehr geschafft habe, da mein Appetit weg war, nachdem ich dir die Glückwünsche zum Geburtstag sendete. Du hast nicht geantwortet und wirst es bestimmt auch morgen nicht tun, wenn du wieder nüchtern bist und vielleicht mehr Zeit hättest. Und vielleicht bist du sogar froh, dass ich mich so unerwartet von dir verabschiedet habe. Endgültig. Eine Last weniger für dich und keine nervigen Mails mehr jeden Tag, in denen eh immer dasselbe stand. Ich verhielt mich manchmal wie ein Kind, das jeden Tag drängelte und deine Aufmerksamkeit wieder gewinnen wollte, die schon mal da war, anfangs. Aber ich schaffte es nicht mehr und du bliebst stumm. Aus gutem Grund, wie du meintest. Du wolltest keine Nähe, weil es nicht ging. Dein Leben befand sich im Zeitmangelzustand und andere Dinge mischten sich ein.

Jetzt kann ich nichts mehr tun. Ich habe mir selber verboten, dir zu schreiben und darf nichts mehr sagen. Nicht mal ein Foto werde ich dir schicken. Gar nichts. Es wird so sein, als wäre nie etwas gewesen zwischen uns und wir bleiben uns fremd.

Mein heutiges Versprechen muss ich einhalten, bis du mich irgendwann von diesem Schweigen erlöst und alles anders wird.

Mich erfüllt eine Leere, da mir klar ist, dass ich auf keine Nachrichten mehr warten brauche, denn du wirst dich nicht melden. Schließlich gibt es noch genug andere Frauen. Alles lässt sich ersetzen, wenn auch anders. 

Du fehlst mir. Die letzten Stunden waren komisch, und das war erst der Anfang. Es ist nicht leicht, starke Gefühle zu überwinden. 

Gefühle sind abends härter

  

Jeden Abend trage ich einen dicken Wollpullover im Bett. XXL in Rosa und viel zu lang.

Er wärmt äußerlich, aber nicht innerlich.

Die Geräusche, die von draußen durch das offene Fenster dringen, killen die Ruhe im Raum. Aber nicht meine lärmenden Gedanken.

Das regelmäßige Ticken meines Weckers täuscht Harmonie vor. Mein Herz überholt den Takt und hämmert dezent im Innenren, unregelmäßig. Es spürt meinen Kummer.

Mein Magen meldet sich zu Wort. Er nörgelt unter der Decke. Er will Arbeit, aber er bekommt keine, weil ich meinen Appetit nicht finde.

In der Küche liegen Lebkuchen, die ich jedes Mal bedürfnislos anschaue. Früher waren sie nur kurze Besucher, heute sind sie Dauergäste.

Eine Stunde liege ich wach im Bett und merke, wie mein Kopf warm wird, weil mir gleich die Tränen aus den Augen schießen und sich mein Bauch zusammenzieht.

Jeden Abend die gleiche Sehnsucht und die gleichen Tränen. Jeden Abend der gleiche Grund: Du.

Weil ich dich vermisse.

Ich stehe auf, um eine Schlaftablette im Schuhkarton zu suchen. Dabei wird mir kurz schwindelig und vor meine Augen tritt ein schwarzer Schleier, der noch durchsichtig ist. Er erinnert mich daran, dass ich heute nicht mehr als eine Tasse Kaffee getrunken habe.

Auch die Tablette schlucke ich ohne Wasser und lege mich wieder ins Bett.

Ich beobachte die bunte Lichterkette vor meinem Bett, die ihre Farben wechselt und fühle mich Minuten später leicht benommen. 

In dem Moment beginne ich, mir etwas zu wünschen.

Ich wünsche mir, dass wir uns wiedersehen und du mich in deine Arme nimmst.

Aber es wird nie passieren, weil du dich längst von mir verabschiedet hast.

 

Verbotenes Wiedersehen

Ein kurzer Anfang ist schnell gemacht. Aber ein schnelles Ende kann nicht immer kurz sein. 

Ich stehe unangemeldet vor deiner Tür und weiß nicht, was ich tue. Mein Hirn spielt wieder Verstecke und muss meinen Verstand finden. Unser letztes Treffen ist seit Ewigkeiten blühende Vergangenheit und ich habe keine Ahnung, ob dich mein Besuch erfreuen wird oder ob du dich überhaupt an mich erinnern willst. Es war viel passiert und letztendlich blieb nur ein wirrer Schrotthaufen aus emotionalen Konflikten, der sich irgendwann auflöste und in der Distanz verschwand. Ich war wieder frei und unabhängig. Bis heute.

Nun stehe ich wartend vor der Klingel, obwohl die Eingangstür offen ist, weil sich dein Haus tagsüber in ein unauffälliges Bürogebäude verwandelt. Eigentlich weiß ich nicht einmal deinen Nachnamen, aber den brauche ich nicht, da es einfach ist, mit dem Fahrstuhl in die letzte Etage zu fahren. Wenn ich es bis dahin erst einmal schaffen würde, denn noch stehe ich mit diffusen Schwarz-Weiß-Gedanken unten. Eigentlich bin ich falsch hier. Aber eigentlich ist es genau richtig so. Weil ich dich wiedersehen möchte. Auch, wenn ich es vielleicht nicht darf oder lieber nicht sollte. Obwohl du auf kleine Mädchen stehst, die manchmal vielleicht ungezogen sind und Quatsch sagen.
Es ist Freitag, ein guter Zeitpunkt, um einen Abstecher vor deine Haustür zu machen. Dabei bedeuten die Tage gar nichts. Freitag ist ein Tag, wie Montag, Mittwoch oder Sonntag, wenn man so viel arbeitet wie du. Ob ich dich antreffen werde, weiß ich also nicht. Ich hätte dir gerne eine Nachricht geschrieben, aber da du mich seit Monaten aus gutem Grund blockiert hast, geht das leider nicht mehr. Deswegen ist es umso fataler, dass ich mich überhaupt hier her traue. Mein schlechtes Gewissen sollte viel größer sein, als mein Mut.

Dann gehe ich hinein, geradeaus auf den Fahrstuhl zu. Niemand drin, außer mein Spiegelbild in kurzen gold gepunkteten Hotpants, dunkelblauer Baumwolljacke und schwarzer Glitzermütze. Ansehnlich, denke ich. Keine Zeit für Selbstzweifel, denn der Fahrstuhl ist gleich oben. 

Innerlich ist alles beim Alten geblieben: Herzrasen, Aufregung mit ein bisschen Angst vor dir. Danach wage ich die letzten Schritte bis zu deiner Tür, setze mich an die Wand und vergrabe meine Hände über den Kopf. 

Was mache ich hier, frage ich mich wieder. Mit dem Hintergedanken, ob ich schon krank bin. Als ich mein Handy in die Hand nehme, um meine Freundin anzurufen, geht die Tür neben mir plötzlich auf und ich schrecke zusammen.

Ich sage nur: „Oh“, weil ich nichts anderes herausbringen kann.

Dir geht es ebenfalls nicht anders, als du überrascht zu mir nach unten auf den Fußboden guckst. Ich hocke dort wie eine erbärmliche Klofrau, die nach dem letzten Rest Trinkgeld sucht, bevor ich mich entschließe, wieder aufzustehen, um auf Augenhöhe zu gelangen, obwohl ich viel kleiner bin, als du. 

Mein Gesicht fühlt sich knallrot an, als ich dich selbstbewusst im Türrahmen stehen sehe. 

Du sagst: „Hey, was machst du hier?“ Dabei hörst du dich deutlich entspannter an und gar nicht so empört, wie ich dachte.

„Ich..wollte dich kurz sehen..kurz…“, stammele ich verlegen, obwohl das längst nicht alles ist, was ich gerade denke.

„Hast du Zeit oder störe ich“, hake ich schüchtern nach.

„Eigentlich ist es grad schlecht, ich hab noch einen Termin.“

Genau der Satz, den ich nicht hören wollte. Nicht jetzt. Aber ich hätte es mir denken können.

„Nur ganz kurz, bitte“, sage ich, wobei der quengelige Unterton nicht zu überhören ist. Ein Wunder, dass ich mir das noch zutraue. 

Als du mich von oben bis unten anschaust, ahne ich, was in dir vorgeht. 
„Na komm“, sagst du entschlossen und schiebst mich einfach in deine Wohnung. Ein angenehmes Gefühl, mal wichtiger als ein Termin zu sein und dennoch nicht selbstverständlich.

„Alles nach deinen Regeln“, sage ich, während wir uns anschauen. 

Wir stehen so dicht beieinander, wie damals vor unserem Abschied. 

Und da ist sie wieder, diese spezielle Anziehung, die mich dazu bringt, meine Arme um dich zu schließen. Diesmal fühlt sich deine Nähe intensiver an, da so viel angestaute Sehnsucht dazwischenliegt. Ich lege meinen Kopf auf deine Brust, mache die Augen zu und höre deinen Atem. Ein unwirklicher Moment, von dem ich lange geträumt habe, wird allmählich wahr. 

Du bist ruhig und sagst kein Wort. Meine Umarmung erwiderst du nur halb, bis du dich ganz davon löst und dich abwendest. 
Du gehst zum Kühlschrank, um Alkohol zu holen, aus dem du mit ein paar anderen Getränken deine eigenen Cocktails machst und mir ein Glas hinstellst, um das Eis zwischen uns zu brechen. 

Wir sitzen uns schweigend gegenüber und trinken. Viele Worte brauchen wir nicht mehr, da schon alles gesagt ist. Vor allem, weil Worte nur kaputtmachen. 

Ich gehe zu dir, weil ich deine Nähe will. Du sitzt offen und entspannt auf deinem Stuhl, als ich mich provokant zu dir auf den Schoß setze. Deine Hose allerdings ist angespannt, das kann ich durch den dünnen Stoff meiner Hotpants gut spüren und es gefällt mir. Das habe ich vermisst. Weitere Blicke folgen. In dem Moment, als ich dich küssen will, schiebst du mich schroff vom Schoß, packst mich fest am Handgelenk und drückst mich gegen die Wand. 
„Willst du das wirklich“, fragst du eindringlich.

„Ja“, antworte ich leise. 

„Dann komm mit“, sagst du entschieden und ziehst mich energisch an deiner Hand hinterher. 

Wir gehen zum Fahrstuhl und fahren ganz nach unten ins Untergeschoss, wo sich die Keller befinden. Wir laufen einige Schritte, wobei du mich immer noch fest an der Hand hältst und mich dann in eine dunkle Nische ziehst.
„Willst du das wirklich“, fragst du wieder und ich merke dir an, dass du dich kaum noch halten kannst.

„Ja, alles, was du willst“, wobei ich deinem ernsthaften Blick nicht mehr standhalten kann und dir ausweiche.

„Hey, schau mich an!“

Dabei umfasst du mein Handgelenk so stark, dass es wehtut und ziehst mein Kinn zu dir hoch, sodass ich dich anschauen muss.

Dann nimmst du meine Hand und führst sie zu deiner Hose. Jetzt kann ich deine Erregung deutlich spüren und dein Atem wird schneller.

„Los, knie dich hin“, bestimmst du.

Mit dem Öffnen der Gürtelschnalle springen auch gleich alle Knöpfe an deiner Jeans auf. Diesen Trick beherrschst du gut. Deine Jeans und Shorts rutschen zu Boden, als du anfängst, dich vor mir zu befriedigen. Teilweise so heftig, dass ich dich am liebsten ablösen würde. Aber du lässt mich nicht. Bei dem Versuch, dir zu helfen, verpasst du mir eine gezielte Ohrfeige, die richtig scheuert.

„Hey, du machst, was ich dir sage, okay“, flüsterst du barsch.

Ich nicke eingeschüchtert.

Dann ziehst du mich zu dir hoch, legst deinen Finger auf meine Lippen und öffnest sie. Du zwingst mich an deinem Finger zu lutschen und bewegst ihn langsam in meinem Mund. Währenddessen guckst du mir die ganze Zeit dabei zu und es macht mich verdammt an. Als du genug hast, drückst du mich erneut auf die Knie.

„Mach weiter“, lautet deine Aufforderung.

Danach schiebst du mir dein Glied in den Mund und ich mache weiter, so, wie du es mir vorgibst. Du schiebst ihn immer tiefer rein und ich umschließe ihn fest mit meinem Lippen. Mit deiner Hand fasst du mir grob in den Nacken und gibst den Takt an. Es geht so tief, dass mir fast die Luft wegbleibt. Dann hältst du inne.

„Los, zier dich nicht“, befiehlst du mir in einem teils abwertenden Ton.

Ich fange an, dich zu verwöhnen. So gut, wie ich kann und merke, dass du Gefallen daran findest, als ich auf meiner Zunge einen salzig-bitteren Geschmack wahrnehme. Der erste Tropfen hat sich verabschiedet und ich genieße dieses sinnliche Gefühl und mache weiter. Ich umschließe dein Glied fest und lasse meine Zungenspitze über deine Eichel gleiten, als ich in dem Moment ein leichtes Zucken spüre. Du ziehst abrupt meinen Nacken zurück, sodass ich mein Spiel sein lasse. 
„Steh auf“, verlangst du barsch.
Ich tue, was du sagst und warte, was du als nächstes willst. Noch etwas zitterig auf den Beinen, stehe ich erwartungsvoll vor dir und schaue dir folgsam in die Augen. Dein Blick tut weh, denn er strahlt Kälte aus und du verziehst keinen Mundwinkel zu einem Lächeln, sondern bleibst rigoros. 

Meine innere Stimme redet mir ungeduldig zu: Los, küss ihn. Sonst wirst du es später wieder bereuen. Weißt du noch? – Ja, ich weiß es noch. Es fühlt sich schlecht an, einen unvergleichlich erotischen Kuss zu verpassen.

Ich lege meine Hände auf deine Schultern und lasse deine Wärme durch meinen Körper jagen. Dann berühre ich vorsichtig deinen Hals und streiche mit meinem Zeigefinger zärtlich über deinen Kehlkopf. Du lässt dir nichts anmerken und tolerierst meine Berührungen. Dein Atem erfüllt die Stille und ich höre dir zu. Deine Stimme und dein Atem verschärfen die Situation enorm. 

Dann streife ich mit meinen Fingern über deinen Bart und bin froh, dass ich dich nicht unrasiert kenne, denn dein Bart passt zu deiner Männlichkeit. Noch immer reagierst du nicht, obwohl ich weiß, dass es in dir kocht.

Langsam bewege ich mich Richtung Mund und hoffe, dass du meine Andeutung erwiderst. Doch du siehst mich nur an. Als meine Lippen deine berühren, nimmst du meine Hand und ziehst sie an dein hartes Glied. Während ich dich küsse, bewegt sich meine Hand gleichmäßig auf und ab. 

Dadurch wird mein harmloser Kuss unter deiner Erregung bestätigt und entwickelt sich zu einem wilden. Es ist der geilste Kuss, den ich je erlebt habe. Mein Körper verströmt heiße Wellen, die im Bauch stranden und ein starkes Prickeln hinterlassen. 

Die Berührung unserer Zungen macht mich wahnsinnig. Ich wünsche mir, dass es weitergeht und dass du mich in die Tiefe ziehst. Vielleicht auch in den Abgrund. Mein Slip ist inzwischen feucht und ich kann es nicht erwarten. 

Dann fängst du an, mich auszuziehen – komplett. In einem Tempo, das mit langsam nicht viel gemeinsam hat, obwohl du zwischendurch verharrst und kleinere Pausen riskierst, um mich noch verrückter zu machen. Innerhalb weniger Minuten bin ich nackt und wieder guckst du mich prüfend von oben bis unten an, ohne eine Miene zu verziehen.
Dann ziehst du deine Hose wieder hoch und ich bin mir zuerst nicht sicher, was ich denken soll und bin etwas durcheinander. Was soll das jetzt? Willst du mich etwa zappeln lassen? Ich traue mich nicht zu fragen und warte ab, was geschieht.

„Komm“, kommandierst du plötzlich und auch diesmal ziehst du mich forsch am Handgelenk hinterher. Weg aus der schützenden Dunkelheit der Kellernische und hinein in einen kühlen Gang, der schwach durch eine blassblaue Deckenleuchte angestrahlt wird. Alles, damit du mich besser betrachten und danach beurteilen kannst, ob ich gut genug für dein Vorhaben bin. 
In diesem kalten Licht haben deine Blicke eine viel intensivere Wirkung und fühlen sich schmerzhaft an. Es ist wie eine Demütigung. Jetzt merke ich, wie streng du sein kannst und weiß, dass das hier längst nicht alles ist. Du kennst keine Tabus und ich will auch keine kennen. Ich gehe schweigend deinen Wünschen nach.
Du holst mich zu dir ran und drückst mir mit einer Hand leicht den Hals zu, während deine andere Hand anfängt, mich zu fingern. Ich habe das Gefühl, dass mir gleich schwarz vor Augen wird, da es so einen starken Reiz in mir auslöst. Deine Finger in mir zu spüren ist tatsächlich noch geiler, als der Kuss vorher und du bist nicht gerade einfühlsam, was die Lust noch verstärkt und ausreizt. Am liebsten würde ich dich auch ausziehen. Aber ich habe verstanden, dass ich das nicht darf, weil du das Wort hast. 

Du fingerst mich so lange, bis ich fast nicht mehr kann und es brennt. Aber ich sage nichts, sondern flehe innerlich, dass du mich endlich flachlegst.

Hier auf diesem kalten Betonboden oder gleich an der Wand. Es ist mir egal. Während du mich fingerst, löst sich dein Blick nicht von meinen Augen und jedes Mal, wenn ich wegsehe, drehst du meinen Kopf wieder zu dir hin. Ich kann deinen Atem in meinem Gesicht spüren und es macht mich an. Du bist mir so nah, dass ich dir nicht entkommen und mich winden kann. Du drückst dich mit aller Gewalt an die Wand.

Dein Gürtel reibt bei jeder Bewegung meinen Bauch und deine Hose spannt. Der Jeansstoff fühlt sich dadurch noch härter und grober an. Warum ziehst du dich nicht endlich aus? Aber der Gedanke will nicht aus meinem Mund rutschen. Obwohl das sonst so leicht ist.

Auf einmal öffnest du deine Hose und reißt mich rabiat zu Boden. Du dringst mit einem tiefen Stoß fest in mich ein und übernimmst vollständig die Kontrolle. Deine Bewegungen sind teils ruckartig, teils sanft und keineswegs berechenbar. Ganz nach deinem Willen. Es tut weh, weil es heftige Stöße sind, die sehr tief gehen und hart sind. Sobald du zärtlicher wirst, kann ich es kaum ertragen, weil das zu viel für mich ist. Ich will nicht zu viel von deiner zärtlichen Seite, denn vielleicht tut das am Ende noch mehr weh. 
Ich bin überwältigt. Mit einem Mal sind alle Gedanken verschwunden. Wieder steckst du mir deine Finger in den Mund und beobachtest meine Reaktion. Der Blickkontakt macht mich fertig, da ich das Gefühl habe, mich gleich unendlich zu verlieren, weil du unheimlich scharf aussiehst und dich auch genauso anfühlst. Von wegen, du tust mir nicht gut, wie du oftmals meintest. Wie kann mir jemand nicht guttun, wenn ich mit dieser Person den erregendsten und leidenschaftlichsten Sex habe? 
Ich umarme dich die ganze Zeit innig und gleite mit meiner Hand über dein Rücken. Dieser Moment ist unwirklich. Allein dich zu spüren kann nicht wahrsein, weil das der tägliche Tagtraum von mir war, dessen Erfüllung immer verzögert wurde. Durch Termine oder von mir verursachten Stress. Wie sehr ich mir diesen Moment gewünscht habe und es immer nahezu unmöglich war.

Ich genieße jeden deiner kraftvollen Stöße und dein angedeutetes Stöhnen, da wir immer noch im Keller sind und keine weitere Aufmerksamkeit brauchen. Manchmal erinnert mich deine Stimme an die eines Löwen. Ein gar nicht allzu unpassender Vergleich.

Irgendwo im Hintergrund höre ich hallende Schritte. Sie irritieren mich, weil ich Angst habe, dass wir erwischt werden. Die Schritte kommen zwar nicht auf uns zu, aber sie sind da und wir sind nicht alleine im Keller. Zurück in die Realität. Doch du machst weiter, immer schneller und fordernder. Wieder drückst du mir den Hals zu und küsst mich mit einer Intensität, die mich alles vergessen lässt. Ich gehöre wieder vollkommen dir und lasse mich gehen. 
Während ich endgültig dahinschwinde, stöhnst du auf und lässt mich los. Dein Hemd ist ganz und gar durchgeschwitzt und du streichst dir eine Strähne aus dem Gesicht. 

„Alles gut“, fragst du.

Ich nicke nur. 

Danach verbringen wir nicht mehr viel Zeit auf dem Boden und ich ziehe meine Sachen an, die noch in der Nische liegen. Du hingegen ziehst dir nur deine Hose an und brauchst ein neues Hemd. 

Auf dem Weg zum Fahrstuhl begegnen wir niemandem. Wir beide sind noch ganz rot im Gesicht und ziemlich erschöpft. Und wir schweigen wieder. Taten sagen mehr als Worte – es stimmt tatsächlich.

Als wir zurück in deiner Wohnung sind, verpasst du mir völlig unverhofft eine Ohrfeige und sagst:“Dafür, dass du es gewagt hast, herzukommen.“

„Entschuldigung“, antworte ich leise und gucke auf den massiven Holztisch.

Bitte, Herr Maertyrer
 

Irgendwann.

  
Irgendwann hieß der Tag, an dem wir uns zuletzt sahen. Ganz spontan, an einem Tag, an dem wir für ein paar Stunden frei hatten und die nächsten Termine schon brennend, aber wie im Zeitraffer auf uns warteten. Zeit war nie, wenn genug andere Dinge wichtiger waren, als das eigene Privatleben, das oft genug auf der Strecke blieb. Irgendwie gewollt, um vor zu viel Nähe zu flüchten. Aber irgendwie auch ätzend, manchmal, wenn man denkt, man wäre verknallt oder mehr als das.
Ich packte meine Sachen, ohne sicher zu sein, was ich alles als bescheidener Gast brauchte. Schließlich wusste ich nicht, wie lange ich diesmal bleiben durfte und wann es mich zurück auf den Bahnhof zog, um dort Stunden auf den Zug zu warten. 

Vielleicht war die pinke Zahnbürste schon zu viel, wenn unser Abend wieder vor der Nacht enden würde. Ein kurzer Abend braucht keine Zahnbürste und all den anderen Kram, mit dem ich jeden Tag wie ein Ritual beendete. Dennoch, ich hatte keine Ahnung und packte alles ein, was ich für angemessen hielt, um nicht als ungepflegt durchzugehen. Für den Fall falls. Ich konnte nicht wissen, ob ich es dort bis in die Badewanne schaffen würde. Es kam darauf an, wie viele Termine plötzlich unerwartet auftauchten und somit war der nächste Tag wie ein Überraschungspaket mit Stacheldrahtschleife.

Am Ende entschied ich mich gegen die Bodylotion, weil meine Haut mit einem alten Pfirsich nichts gemeinsam hatte und deshalb gut ohne 24-Stunden-Feuchtigkeit auskam. Trotzdem fiel es schwer, auf die Creme mit dem Erdbeerduft zu verzichten. Aber die Flasche war einfach zu groß für die Tasche. 

Nach dem Packen ging ich schlafen, ohne viel nachzudenken, weil es nichts brachte. Der erste Eindruck war schon gewonnen und mir war klar, dass die Sache mit dem großen Erwartungen nicht gut ausgehen würde, wenn ich mich zu sehr darauf versteifte. Trotzdem schweifte ich mit Vorliebe in Illusionen ab, die gar nicht mal besonders traumhaft waren. Mit dem Gedanken, für immer Single zu sein, konnte ich an diesem Abend abgeklärt einschlafen. Denn eigentlich war doch alles gut so, wie es bisher war. Wenn da nicht diese undefinierbare Sehnsucht wäre. 

Deshalb verabredeten wir uns auch nur zum Kaffeetrinken. Nur. 

Wenn aus viel nur wird, sollte man sich eventuell Gedanken machen. Nur ist harmlos, viel ist wild und vielleicht sogar unberechenbar. Ausschweifend. Nur ist scheiße. Langweilig.

Aber egal. Vielleicht war das die Alternative, meine Ansprüche zu ignorieren. Kaffeetrinken passte immer, um ein Treffen nicht mit hohen Anforderungen und Erwartungen zu sprengen. Außerdem hatte so ein gemütliches Café den Vorteil, ein unerotischer und somit völlig neutraler Treffpunkt zu sein. Von daher: Kein Platz für Gefühle und dramatische Austicker meinerseits.

Letztendlich freute ich mich, dass du mich überhaupt noch sehen wolltest, nachdem du andere Versionen meines Charakters erlebt hattest. Ich war glücklich, als ich nochmal die Chance bekam, mich weiter zu verknallen und dich auf deinen Bildern endlich wieder in echt zu erleben. 

Eigentlich wollte ich einen bunt geblümten Jumpsuit anziehen. Aber als ich merkte, wie unpraktisch diese Dinger waren, entschied ich mich dagegen. Ich wollte mich nicht gleich komplett entblößen, wenn ich nur mal kurz zur Toilette musste. Der Gedanke, nackt in BH auf der Toilette zu sitzen, während der Jumpsuit auf dem Boden liegt, gab mir so ein niederschmetterndes Unbehagen. 

Ich hatte keine Ahnung, für welche Situation sich dieser Jumpsuit überhaupt einmal in meinem Leben eignen würde. Es würde mich nicht wundern, wenn diese modische Idee ihren Ursprung im Altenheim hätte. Da hießen die Dinger Overalls, deren Aufgabe es war, schlimme Bescherungen zu vermeiden. Dementsprechend sahen sie auch aus. Zerrissen am Reißverschluss, kaputt im Schritt und an den Beinen ausgeleiert. Und das alles in biederen und verwaschenen Farben.

Ich suchte mir stattdessen ein dezenteres Outfit aus. Schließlich war es nur Kaffeetrinken. Am Ende war es der schwarze Minirock und ein lockerer Kapuzenpullover. Dazu hohe Stiefel, die gleichzeitig bequem genug waren, um damit ein bisschen durch die Stadt zu laufen. Aber hoffentlich nicht zu lange, denn das verursachte böse Flecken an den Füßen.

Im Laufe des Nachmittags machte ich mich langsam auf den Weg zum Café. Ich hatte noch Zeit, aber zu Hause hielt ich es nicht mehr aus. Dieser Herbsttag war zu schön, um die restliche Stunde vor dem Fernseher zu sitzen. Fernsehen stresste mich sowieso.

Der Herbst war meine Lieblingsjahreszeit und ich genoss es, draußen zu sein. Mehr als im Sommer. Die Luft war melancholisch kühl, es roch nach Regen und die bunten Blätter tanzten unter meinen Füßen. Endlich Herbst. Die beste Jahreszeit, um wieder für Motörhead zu schwärmen und sich von ‚Killed By Death‘ wecken zu lassen.

Ich setzte mich auf eine Bank in der Nähe des Cafés und beobachtete andere Leute, wie sie mit vollen Tüten vom Shoppen kamen. Mir fiel es auch jedes Mal schwer, an einem Schmuckladen vorbei zu laufen ohne etwas zu kaufen. Deswegen lief ich auch nie an diesen Läden vorbei, sondern ging hinein. 

Heute war es anders. Ich wollte mich nicht mit Shoppen ablenken, sondern wollte in Ruhe den Herbst einatmen und abwarten, was passiert. Diesmal malte ich keine Tagträume aus, sondern überließ die nächsten Stunden dem Fragezeichen. Ich hielt mich gedanklich lieber in der Realität. Geträumt hatte ich in den letzten Wochen viel zu viel.

Zwischendurch schaute ich zum Café herüber. Dort tat sich nicht viel und draußen saß niemand, weil an den Stühlen Regentropfen hingen. Manche Menschen ließen sich dadurch schon verscheuchen, zu ungemütlich und zu nass. Ich konnte da nur lächeln. Selbst bei Regen brauchte ich nie einen Schirm. 

Dann ging ich zum Café, um nicht zu spät zu kommen und ging hinein, weil ich nicht wusste, was ich dir wettermäßig zumuten konnte. 

Drinnen war es warm und einige Leute waren wohl auch schon tüchtig am Flirten. Vielleicht war das sonntags so üblich, seinen Kater im Café ausklingen zu lassen und den Restalkohol vom Kuchen aufsaugen zu lassen. 

Ich suchte mir einen Platz auf einer gepolsterten Eckbank und hatte immer noch zehn Minuten Zeit, obwohl ich mir Überpünktlichkeit schon lange abgewöhnen wollte. In der Zeit würde ich etwas nervös, da Warten nun meine einzige Beschäftigung war. Während die anderen Leute sich in ihren Gesprächen amüsierten, wusste ich nicht, wie ich vorteilhaft sitzen sollte, ohne angespannt zu wirken. Ich rutschte hin und her und wusste nicht, wohin mit meinen Händen. Dann kam zum Glück jemand, der mich fragte, was ich trinken wollte. Kaffee schwarz. Aber eigentlich war es mir ziemlich egal. Hauptsache ich hatte einen Becher zum Festhalten.

Dann kamst du. Ohne mich richtig gesehen zu haben, bist du gleich in die passende Richtung gelaufen. Als ob du geahnt hättest, dass ich lieber unauffällige Eckplätze bevorzuge. 

Als ich dich sah, bekam ich schlimmes Herzklopfen. Stärker, als beim letzten Mal und mir wurde sofort heiß in meinem Pullover. Scheiße, was für ein toller Mann. Mehr konnte ich in dem Moment nicht denken. Ich schaute dich mit einem kurzen Hallo an und das war’s. Dass wir uns gerade nur in einem Café trafen, war längst vergessen, denn die Umgebung verschwamm um mich herum, als du da warst. Jetzt befand ich mich in meinem eigenen Taumel aus Gefühlen von Verknalltsein, Angst und sinnlicher Benommenheit. Du saßt mir genau gegenüber, auf einem Holzstuhl, sodass du mich nicht aus den Augen lassen konntest. Und ich klammerte mich an meinen lauwarmen Becher Kaffee, den ich nur in Mini-Schlucken trank, damit er nicht zu schnell leer war. Du hättest dir inzwischen auch einen bestellt, damit es für den Kellner nicht zu doof aussah. Aber eigentlich war der Kaffee Nebensache, das wussten wir beide. 

Ursprünglich wollten wir beim Kaffeetrinken über unangenehme Themen sprechen, dachte ich. Aber ich fand es unpassend und sagte nichts. Ich nahm unser Treffen so hin, wie es war: extrem reizend. Negative Gespräche hatten keinen Platz. Ich wollte mit dir über gar nichts reden, sondern einfach nur da sein und deine Nähe spüren. Wenn auch nur auf Abstand. Aber ich empfand eine Vorahnung, wie es sein könnte, dir näher zu kommen. Dank dieser Vorahnung hörte mein Herzklopfen gar nicht mehr auf und wurde auch nicht weniger. 

Dir gegenüber zu sitzen war keine leichte Aufgabe. Es war eine grenzwertige Herausforderung, deine Aura zu spüren. Gerade, wenn man so schüchtern werden konnte, wie ich, wenn gewisse seltene Situationen auftauchten. Dein ständiger Blickkontakt machte mich fertig und die offenen Knöpfe deines Hemdes, aus dem einige Brusthaare hervorstachen, die mich weiter in meinen Taumel zogen. Gewisse äußerliche Kleinigkeiten waren – neben bestimmten Charaktereigenschaften – auch ein gutes Mittel, mich schneller gefügig zu machen.
Egal, auf welchen Körperteil ich meine Aufmerksamkeit lenkte, du hattest alles zu bieten, was mich schwach machte. Selbst dein Alter war dafür da, mich kleiner wirken zu lassen, was von deiner Körpergröße noch selbstverständlich unterstützt wurde.

Von daher war ich von deiner Anwesenheit auch im Café vollkommen geliefert. Du hattest aus einem langweiligen Ort etwas ganz anderes gemacht. Plötzlich war das Café so etwas wie eine leidenschaftliche Stromquelle, als du anfingst, zu reden. Über was auch immer, ich sog es auf. Ich hörte dir zu, ohne weitere Zuordnung deiner Worte. Später würde ich mich sowieso daran erinnern. 

Und wieder ging das Verknalltsein weiter. 

Mein Kaffee war längst leer, obwohl ich mir Mühe gab, langsam zu trinken. Ich wusste nicht, ob ich einen zweiten Kaffee haben wollte. In Gedanken wäre ich lieber woanders gewesen und hätte inzwischen vielleicht einen Cocktail gebraucht, um die Situation weiter zu verschärfen. Die Sitzecke im Café war nicht der richtige Ort, um mich viel zu nüchtern auf deinen Schoß zu setzen. Ich wollte den anderen Leuten schließlich auch nicht den Nachmittag mit angedeuteten Softpornos verderben. Aber ich traute mich nicht, dir etwas anderes vorzuschlagen. Entscheidungen überließ ich lieber dir. So, wie es zwischen uns abgemacht war. In Texten, die immer weniger wurden, aber deren Inhalt weiterhin blieb. Wahrscheinlich war es besser so, manche Dinge nicht zu oft zu wiederholen, wenn uns durch unterschiedliche Umstände die Zeit geklaut wurde. Und wahrscheinlich wäre es besser so, wenn ich jeden Tag gute Laune hätte. So, wie vorher, als ich noch nicht verknallt war.

Ich wühlte ziellos in meiner Handtasche, um kurz etwas anderes zu tun, als dir gegenüber zu sitzen. Es wurde mir einfach zu heftig. Die aufsteigende Hitze kam auf keinem Fall vom Kaffee. Den spontanen Weg zum Klo lehnte ich ab. Die Versuchung war zu groß, mich vor lauter Aufregung mit Schnee zu beschäftigen. 

Also blieb ich und hoffte, dass du bald einen Vorschlag machen würdest. Wobei mein Blick in deine Augen fiel und dort endgültig hängen blieb. Jetzt hattest du mich und du wusstest es.

Endlich kam der Vorschlag, woanders hinzugehen. Am besten zu dir und so kam es auch. Ab jetzt konnte es ungestört weitergehen, in deiner Wohnung, wo es nur phasenweise Nachbarn gab. 

Alles war genau wie beim letzten Mal, nur dass diesmal nichts dazwischenkam. Der Kaffee wurde nun durch Gin ersetzt und wir fingen dort an, wo wir damals aufhörten. Ich merkte, wie ich lockerer wurde und mich wohlfühlte in deiner Nähe. Nichts war komisch, sondern vertraut. Trotz unserer seltenen Treffen kamst du mir ganz und gar nicht fremd vor. Und dennoch kannte ich dich bis jetzt kaum. Eigentlich konnte ich nur ahnen, wie du bist und vermutete, dass ich damit mehr richtig als falsch lag. Aber wissen konnte ich nichts. 

Ich mochte das Gefühl von Distanz und dass ich dich kaum kannte, obwohl ich jederzeit bereit war, mehr über dich zu erfahren. Aber auch das war deine Entscheidung. Du durftest Forderungen stellen und bestimmen, wie weit das alles mit uns geht. Ich nicht. 

Nach zwei Gläsern Gin merkte ich immer noch keine Veränderung in meinem Zustand. Alles war, wie sonst auch, dachte ich. Außer, dass ich weniger redete und nur noch auf dich fixiert war. Ohne mich zu rühren saß ich da. Innerlich war ich inzwischen beim Küssen angelangt, wobei der Drang immer größer wurde, dich wirklich zu küssen und zwar jetzt. Ich wollte es mir nicht länger vorstellen, weil es mich wahnsinnig machte. Der zweite Gin trieb mich an, den nächsten Schritt zu wagen und war vielleicht auch der Grund, warum es mir immer schwerer fiel, mich völlig zurückzuhalten. Wer mich mit Alkohol abfüllt, muss damit rechnen, dass das Zeug auch bei mir enthemmend wirkt. Ich wollte nicht länger auf den Kuss warten. Lieber stürzte ich mich ins Risiko, dadurch kurzzeitig mal nicht devot zu wirken und für einen winzigen Moment die Führung zu übernehmen, die ich dann sofort wieder an dich abgab, denn nur so fühlte es sich richtig an. 

Ich ging zu dir, setzte mich auf deinen Schoß und küsste dich. Meine Hände strichen über deinen Bart und blieben auf deinen Schultern liegen. Der Kuss war wie eine Erlösung, nach den letzten Wochen voller Chaos. Und dass so ein Kuss noch längst nicht alles war, bekam ich schnell zu spüren in deiner Jeans. Wahrscheinlich war mein kurzer Rock nicht ganz unschuldig und wir waren uns dadurch körperlich gleich viel näher. Meine Hände glitten an deine Kehle und ich wartete auf dem Moment, wo du mich nahmst und stur nach deinen Vorstellungen weitergingst. Mir war klar, dass ich dich mit meinem Verhalten provozierte. Schließlich erwartete ich, dass du den Part übernahmst und endlich die Kontrolle über mich gewannst. So, wie es richtig war.