Absackerbüro II

(Anm.: Gekürzte Abwandlung des Originals ‚Absackerbüro‘ – Frida Mai 2/2015)

  

Ich schrieb Herrn Steffens an, ohne darüber nachzudenken, ob es ihm gefiel. Schließlich war ich eine fremde Person, die er nicht kannte. Auch ich kannte ihn nicht. Aber ich fand sein Profilbild toll und musste es ihm unbedingt ohne Taktgefühl mitteilen. Dank meiner simplen Anmache kamen wir bald ins Gespräch und bauten virtuelle Nähe auf, die distanziert genug blieb, um mehr Sympathie füreinander zu empfinden, denn das wollten wir verhindern. Es gab genug andere Frauen, die sich für ihn interessierten und nur eine, die alles von ihm bekam.

Eines Tages entschied ich mich, Herrn Steffens in seinem Klub zu besuchen. Egal, ob er eine Frau hatte und egal, ob ich kilometerweit Autobahn fahren musste, obwohl ich es hasste. Die widrigen Umstände nahm ich jedoch gern auf mich, da ich Herrn Steffens nach all unseren intensiven Textgesprächen endlich kennenlernen wollte. Die Sache mit dem Anrufen lehnte er leider erfolgreich ab. Das war ihm zu persönlich. Na und? Dann kam ich eben selbst, wobei ich mögliche Konsequenzen ignorierte. Ich hatte nicht das Gefühl, als würde er sich mit einem triumphierenden Lächeln in seinem Büro einschließen, sobald sich unerwünschter Besuch anbahnte.

Mit einem Stadtplan von Berlin setzte ich mich ins Auto und fuhr wie ein naives Mädchen los. Natürlich prägte ich mir vorher lange genug die Route bei Google Maps ein und war mir sicher, dass ich das Ziel ohne Probleme erreichen würde. Während der Fahrt dachte ich nicht viel über die Sache nach, da ich zu konzentriert war. Aber ich spürte ein leichtes Kribbeln im ganzen Körper und wie sich das Innenleben meines Bauches immer wieder zusammenzog. Verbunden mit Kälteschauern, die über meinen Rücken regneten und dann wieder von der Wärme der Vorfreude getrocknet wurden.  

Als ich in Berlin ankam, suchte ich das Hotel in Berlin-Mitte, welches ich eine Woche zuvor gebucht hatte, denn ein bisschen Planung musste sein. Die Stadt war schon riesig und chaotisch genug, da wollte ich mein Schicksal nicht dem Zufall überlassen. Die Wahl meines Hotels war raffiniert. Es befand sich gleich gegenüber seines Klubs und ich konnte ihm gleich den überraschenden Besuch abstatten. Von meinem durchtriebenen Vorhaben ahnte er nichts. Seitdem bei uns Funkstille herrschte, war die Aktion umso mutiger. Ich fand diese Funkstille dämlich, weil sie mir sinnlos vorkam. Vielleicht war es ihm zu gefährlich nah zwischen uns geworden. Obwohl Herr Steffens bei mir nicht einmal entfernt Angst davor haben musste, dass ich mehr wollte. Deswegen war es nun umso spannender für mich. Ich war neugierig, was passieren würde, wenn er mich sah. Mich reizte diese unvorhersehbare Situation und vor allem seine Reaktion auf mich.  

Als ich am späten Nachmittag im Hotel eintraf, verlor ich nicht viel Zeit. Damit es für mich nicht zu schwierig wurde, hatte ich meine Lieblingsklamotten eingepackt, in denen ich mich wohlfühlte. Es waren zwar viele, aber ich konnte mich gut zwischen verschiedenen bunten Blumenprinthosen und pastellfarbenen Glitzershirts entscheiden, die zu meinen Favoriten gehörten. Ein kurzer Rock war diesmal nicht drin, weil es nur ein unscheinbarer Besuch werden sollte, bei dem es darum ging, dass ich eventuell einen hauseigenen Cocktail spendiert bekam. Immerhin war er der Chef, der das Sagen hatte. Vielleicht gab er mir die Chance, ein annähernd angenehmer Gast für ihn zu sein, der in guter Erinnerung blieb.

Am Abend schaute ich einige Male aus dem Fenster, um die Lage einzuschätzen. Aber ein günstiger Zeitpunkt ließ sich nicht ausmachen. Meinen letzten Blick schenkte ich dem beleuchteten Spiegel, bevor ich losging. Ich war mit dem zufrieden, was ich sah. Mein Aussehen ähnelte einer Kopie des Stadtbildes: Ich bot eine Mischung aus auffällig, undurchschaubar und niedlich verpeilt. 

Dann machte ich mich auf dem Weg und ging die paar Schritte bis zu seiner Bürotür. Der Eingang befand sich gleich neben dem Klub. Meine Knie verwandelten sich in einen matschigen, mit Seife durchtränkten Schwamm. Mein Herz konnte ich unter der geräuschdichten Wolljacke nicht hören. Aber ich spürte, wie es durch die Aufregung vor sich hin holperte. Dieser Zustand machte mich froh. Es war lange her, dass mein Körper die Gelegenheit bekam, mir seine besten Symptome zu offenbaren.

Als ich vor seinem Büro stand und noch einmal Namen und Adresse abcheckte, verabschiedete sich meine übliche Gelassenheit. ‚Oh Mann, was mache ich hier eigentlich?‘, war einer meiner ersten Gedanken, die mir ziellos durch den Kopf schossen.

Trotzdem wollte ich nicht mehr umkehren, obwohl mir die ganze Situation auf einmal komisch vorkam und ich diffuse Gefühle zwischen gut und schlecht im Bauch wahrnahm, die mir danach allesamt zu Kopf stiegen und mich an meinen verlorenen Verstand erinnerten.

„Boah Mädel, geh rein“, flüsterte ich gereizt vor mich hin.

Ich atmete tief ein, schloss kurz die Augen und öffnete die schwere Bürotür. 

Es war ein Büro, wie ich es von zu Hause her kannte. Nur etwas anders. Solche vertrauten Räume waren mir nicht fremd und das beruhigte mich. Kurzzeitig musste ich an das Atelier meiner Mutter denken und konnte fast die frischen Ölfarben riechen.

Danach fiel mein Blick sofort auf Herrn Steffens, was einen kurzen innerlichen Aussetzer bei mir verursachte, bevor ich ihn begrüßte. Herr Steffens sah genauso aus wie auf den Fotos, die er mir zuletzt geschickt hatte. Gekleidet in Sakko, Hemd und Jeanshose – elegant und leger. In seinem Gesicht erkannte ich nichts als neutrale Entspanntheit und ein Lächeln, das sich diskret hinter seinen Mundwinkeln versteckte. Es wirkte nicht so, als wäre er schockiert über meinen Besuch. Der Versuch, weitestgehend ernsthaft und sachlich zu bleiben, gelang ihm. Wahrscheinlich hatte er Übung darin. Da er viel älter war, sprach ich ihn selbstverständlich mit ‚Sie‘ an und es fiel mir bei seinem Anblick nicht schwer. 

Ich sagte:“Hallo“, wobei ich mir ein breites Grinsen nicht verkneifen konnte, während ich schüchtern auf ihn zustakste.

Er sagte ebenfalls „Hallo“, weil ihm bei seiner Verwunderung nichts anderes übrig blieb und da er ein Gentleman war, stand formelle Zurückhaltung ohnehin ganz oben. 

„Sorry, aber können wir gleich was trinken? Ich bin so aufgeregt.“ Meine Nervosität kam offensiv zum Vorschein und ließ sich nicht verbergen. 

„Natürlich, was möchtest du denn?“

Da ich alles gern trank, war es mir egal, obwohl in meinem Kopf prompt Captain Morgan mit Cola auftauchte.

„Machen Sie einfach irgendwas ins Glas. Völlig egal.“

Dann zuckelte er in seine Abstellkammer und kam mit einer Flasche Wein wieder heraus. Das Etikett erkannte ich nicht.

„Okay, das ist gut“, sagte ich. „Wenn ich genug getrunken hab, können wir uns gern mal über alles unterhalten, finde ich.“

Er guckte mich nur an und wusste scheinbar nicht, was er spontan darauf antworten sollte. Im nächsten Moment beurteilte ich meine Aussage als peinlich. 

Ich beobachtete Herrn Steffens, wie er den Wein in das nostalgische Glas mit dem Goldrand kippte und schweifte gedanklich ab. Mein Blick streifte seine Designer-Uhr, die fest am Handgelenk lag und die silbrigen Manschettenknöpfe seines Sakkos, auf denen sich ein kleines verschnörkeltes Muster befand, welches an eine Blume erinnerte. Die Kleidung sah teuer und stilvoll aus. Er schwamm damit nicht gerade im Mainstream, sondern hob sich optisch von anderen Männern enorm ab.

Dann schaute ich mir seine Hände an und sah überall kleine dunkle Härchen, die ihn noch männlicher wirken ließen. Nur etwas fehlte: Er trug keinen Ring. 

Nachdem beide Gläser randvoll mit Wein gefüllt waren, saß er mir direkt gegenüber und ich merkte, wie meine Wangen warm wurden, obwohl ich noch nichts getrunken hatte.

Seine Nähe war aufregend und ich fühlte mich ihm auf eine Art ausgeliefert, obwohl gar nichts geschah bis auf den Blickkontakt. Seine passive Anwesenheit reichte schon, um mich verlegen zu machen und einzuschüchtern. Die Luft in seinem Büro lud sich spürbar mit Spannung auf. Es fehlte nur der Alkohol, der für eine Explosion der Befangenheit sorgte.

Wir stießen dezent unsere Weingläser aneinander und tranken den ersten Schluck mit unterschiedlichen Erwartungen. Ein erotischer Moment begann, während die gedämpften Geräusche des Straßenverkehrs uns umgaben und irgendwo ein Handy vibrierte. Natürlich war Herr Steffens ein viel beschäftigter Mann und das machte ihn zusätzlich attraktiv. Er war Chef und hatte die freie Wahl, wie er sein interessantes Leben am besten gestaltete. Genauso gut konnte er mich jede Minute aus seinem Büro schmeißen, wenn ich seinen optischen und persönlichen Anforderungen nicht entsprach. Aber er sagte nichts, da er seine Rolle als Gentleman immer noch sehr gut beherrschte. 

Als ich ein Gespräch mit ihm beginnen wollte und mir schon alles zurechtgelegt hatte, brachte ich kein vernünftiges Wort heraus. Meine Zunge fühlte sich taub an und mein Gehirn in seiner Gegenwart wie gelähmt. Wahrscheinlich lag das an der ausgeprägten Aura von Herrn Steffens. Er machte einen autoritären Eindruck mit einem Hauch von Gutmütigkeit, wenn ich ihn lange genug mit meinem teils kindlichen Charme weichkochte. 

Dann brachte ich doch einen Satz heraus:“Sind Sie gar nicht überrascht, dass ich hier bin?“

„Nein, jeder kann mich besuchen. Schließlich ist mein Büro die zentrale Anlaufstelle für alles. Allerdings habe ich mir gedacht, dass du zu naiv und durchgeknallt bist, um den Besuch wirklich durchzuziehen. Aber eigentlich wollte ich das nicht. Nicht unbedingt.“

Natürlich rechnete ich mit der Antwort schon vorher. Wer will schon, dass aus Schreiben harte Realität wird? Nichts ist peinlicher, als eine jüngere weibliche Verehrerin zu haben, die nichts weiter will außer reden und eine platonische Affäre mit einem Chef, der die Wahl zwischen Ja und Nein hat. Eigentlich wollte ich wirklich etwas von ihm. Aber das war mein Geheimnis für einsame Nächte.

Ich fasste den Entschluss, dass ein schweigsames und leicht unterkühltes Treffen besser sei als ein Treffen mit großen Worten und Erklärungen. Wichtiger war es, den Augenblick zu genießen. Es war ein so unwirklicher Moment, dass es mich an einen wunderschönen Traum erinnerte, aus dem ich nie erwachen wollte.

Hoffentlich blieb es nicht bei einem Treffen.

              

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