Momente

….und aktuelle Favoriten, die mein Leben verschönern 😊

#Der Hipster-Krankenschwester 

…after Nachtschicht.


Rückblick: ein fremder Nachbar nahm gestern Nachmittag gleich 2 Pakete für mich an! Identität (männlich/weiblich) unbekannt! Oh Mann….

Heute war es soweit. Nach dem gestrigen Paket-Fauxpas beschloss ich, der Sache ein Ende zu setzen und meine beiden Pakete in meine Wohnung zu holen. Klar überlegte ich, welche Uhrzeit am günstigsten wäre, da ich um Gottes willen definitiv niemanden stören möchte. Schon gar nicht am Wochenende. Also ging ich erst einmal meinen ’normalen‘ Tagesablauf nach. Schminken, Frühstück essen….auf die Uhr gucken – und auf den idealen Moment warten.

10 Uhr war eine gute Zeit. Nicht zu früh, um jemanden zu belästigen. Rentner waren schon um 7 wach und halbausgeschlafene Jugendliche frühestens jetzt. Dabei steckte ich mir den Abholzettel (Name des !vermeidlichen! Empfängers) in die Tasche, um Misstrauen seinerseits zu vermeiden. Schließlich waren wir fremde Nachbarn auf fernen Etagen. 

Ich klingelte 3x. Nach 1x klingeln hörte ich keinen Ton, beim 2. Klingeln auch nicht. Schlussfolgerung: Wurde die Klingel absichtlich ausgestellt? Ich überlegte, was ich nun tun sollte. Lag ich mit meiner Vorahnung doch richtig, dass etwas schief laufen wird!! 

Ich klingelte ein letztes Mal und drückte richtig doll auf die verdammte Klingel. Und dann gab diese auch ihr übliches Klingelgeräusch von sich. Wow! Jetzt musste nur noch der willkommene Nachbar vor mir erscheinen, um diese blöde Situation zu beenden. Aber nein, so geschah es nicht. 

Von meiner Vermutung bestätigt lief ich runter zum nächsten Nachbarn – der/die mit dem Hermespaket. Meine Nachbarin öffnete natürlich sofort nach einer Sekunde die Haustür und strahlte mich optimistisch an, so wie es gewohnt war. Wie immer machte sie sich große Sorgen um meine Arbeit und um mein Privatleben. Aus ihrer Sicht alles zu gefährlich, was ich mache.  Ich verneinte selbstverständlich alles und fühlte mich glücklich, wie sonst auch. Mir geht es nun mal nicht schlecht. Deswegen beruhigte ich sie und führte das Gespräch schnell zum Ende. Gewusst wie. Sie hakte auch nicht weiter nach und bot mir zum Schluss noch ihre Hilfe an, falls mal etwas ist oder ich ein besonderes Anliegen habe. Wirklich sehr nett. Aber ich bin mir sicher, dass es dazu nicht kommen wird. (Außerdem fragt sich meine Nachbarin, warum es in meiner Wohnung immer so wahnsinnig ruhig ist. Ich glaube, sie findet mich seltsam und mysteriös.)

Ich packte das Paket schnell aus und war zufrieden. Alles wie gewollt. Love. Nur innerlich herrschte weiterhin Unruhe, wegen des anderen Nachbarn. Es sah ganz danach aus, als müsse ich aktuell jemanden hinterherrennen. Das bedeutete sofort zeitlich emotionale Abhängigkeit. Denn: ich wollte meine beiden Pakete gerne jetzt haben und blieb angespannt.

Eine Stunde später versuchte ich es wieder. Diesmal drückte ich gleich kräftig drauf. Ich lauschte, aber nichts passierte. Was war da bloß los? War derjenige etwa auch arbeiten? Dann hätte er mein Paket echt nicht annehmen sollen, wenn sein Terminplan auch so voll ist…. ohne Platz für andere Menschen.

Nach weiteren 2 Stunden des angepissten Wartens wieder ein Versuch. Hoffnungslos. Es tat sich gar nichts hinter der Tür. So ein Mist, das machte mich natürlich wieder ärgerlich. Was wäre, wenn das am nächsten Tag auch noch so laufen würde oder die Person über’s Wochenende verreist ist? 

Um 14 Uhr klingelte es bei mir. Der Postmann, der wieder 2 Kleinigkeiten für mich hatte. Ich schlussfolgerte, dass der Nachbar nun zu Hause sein könnte, wenn er gestern um diese Uhrzeit auch in der Lage war, mein Zeug anzunehmen.

Anschließend lief ich zum 4. Mal wieder ins 4. Stockwert, in Jacke und Straßenschuhen. Ganz leger und äußerlich entspannt, damit man mir meinen Zorn nicht gleich anmerkte. Denn theoretisch ist es ja nett und freundlich, wenn Nachbarn Pakete annehmen.

Ich klingelte. Indirekt vernahm ich leise Geräusche hinter der Tür. Beobachtete mich etwa jemand und amüsierte sich über die Situation der hilflosen Paketabholerin? Mir kam das ziemlich doof vor. Es schlurfte hinter der Tür, ganz leise und dennoch hektisch. Rascheln, flinke Bewegungen…Es tat sich da drinnen recht viel und ich wartete ab, was passiert oder ob sich jemand nur einen üblen Scherz erlaubt. In meinen Gedanken tauchte das Wort ‚Anzeige‘ auf. Aber wen würde ich anzeigen? Den Nachbarn oder die Post? Bevor ich weiterdenken konnte, öffnete sich tatsächlich überraschend die Tür und die imaginäre Anzeige verwandelte sich in Scham.

Erster Gedanke: unangenehm. Vor mir stand der Typ, den ich schon mal unten um 5 Uhr im Keller gesehen hatte, als ich zur Frühschicht musste und er vielleicht auch. Diesen Typen habe ich schon ewig nicht mehr gesehen und dachte, er wäre ausgezogen. Nun stand er knapp angezogen vor mir. In langen weiten Karo-Boxershorts und Shirt. Sein rotblondes Haar war lang und verzottelt, genau wie sein Bart. Nur dass der über keine markanten Geheimratsecken verfügte. Es sah aus, als hätte er sich fix schlampig angezogen. Aber was bedeutete das? P.S.: Den Hintergrund seiner Wohnung konnte ich nicht erkennen, weil die Situation auf Grund ihrer Peinlichkeit prompt in den Vordergrund rückte.

Warum sah der Typ so aus? Was war los?

#1. Entweder hatte er gestern Party gemacht und war nun total verkatert/bekifft.

#2. Er vögelte gerade mit einer Frau und zog sich schnell an, um endlich die verfickten Pakete und seine Pflicht mir gegenüber loszuwerden.

#3. Er hatte Nachtschicht und war völlig verpennt von der scheiß Klingel wach geworden. Vormittags hatte er sie wahrscheinlich nicht gehört, wegen Tiefschlafphase. 

Ich schätze, er war Krankenschwester und hatte Nachtschicht. Einfach nur, wegen unserer früheren Kellerbegegnungen. Bestimmte Uhrzeiten sind einfach branchenspezifisch. 

Wenn ich Nachtdienst habe und Pakete erwarte, dann bin ich immer angezogen, weil ich auf diese Hektik, wie sie der Nachbar heute erlebt hat, keinen Bock habe. Und weil ich keineswegs so aussehen möchte, wie mein Nachbar: unfertig. 


Oma Irmgard


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Diese alte Frau saß mir die ganze Zeit wie versteinert gegenüber. Ich hatte natürlich nichts gegen alte Frauen, nein. Aber auf mich wirkte sie merkwürdig. So, als ob sie hier nicht hingehörte. Sie sah zwar aus, wie eine typische Oma, nur ihr Blick war wunderlich und abschweifend. Immer wieder guckte sie ins Leere oder durch mich hindurch, mit ihren dunkelblauen Augen, die aussahen, wie der Sommer am Meer. Dieser Zug war nicht der richtige Ort für sie, das spürte ich. Mich beschlich das Gefühl, als würden viele Leute im Altenheim sie schon verzweifelt suchen und musste gleich an meine liebe Oma zu Hause denken, die schon mit selbstgebackenem Kuchen auf mich wartete, der immer sehr lecker war. Ich schaute, ob die Oma auch irgendetwas dabei hatte und sah nur einen netzartigen Beutel. Man konnte alles durch die Maschen sehen: zusammengeknüllte Stofftaschentücher, dreieckig gefaltete Servietten, ein Stück Brot und einen Apfel, der nicht mehr ganz frisch aussah. Außerdem gab es noch einen größeren Klumpen aus Alufolie. Es sah aus, als würde die Oma Dinge für schlechte Zeiten sammeln, die inzwischen kaum mehr genießbar waren. Ich fragte mich, wo sie wohl hinwollte, an diesem grauen Wintertag und beobachte die Schneeflocken, die sanft gegen die Fensterscheibe flogen und Kristalle bildeten. Die Oma guckte stattdessen an die Taschenablage über ihr, wie verloren.
Ein knielanger Rock und hautfarbene Strumpfhosen mit Laufmaschen, waren die einzigen Kleidungsstücke, die ihre mageren Beine bedeckten und auf den Knien schimmerten blaue Flecken. Ihre Schuhe waren platt und ausgelaufen. Wahrscheinlich besaß sie nur dieses eine Paar Schuhe, welches kaum noch Sohle hatte. Mir tat die Oma Leid, die in diesem Winter scheinbar schon mehrmals den Boden mit ihrem gebrechlichen Körper berührte und trotzdem so robust war, um immer wieder aufzustehen. Sie gehörte wohl zu der Kategorie ‚dünn und zäh‘. Sonst würde sie nicht in diesem Zug sitzen, sondern im Krankenhaus liegen. Die Oma merkte nicht, wie ich sie die ganze Zeit neugierig beobachtete. Ihr Blick blieb fern und unnahbar, dennoch trafen sich unsere Blicke manchmal. Vielleicht, weil ich es darauf ankommen ließ und ihr Wärme mit einem Lächeln schenken wollte. Sie wirkte so einsam. Aber ihre Mundwinkel zeigten keine Veränderung, sie blieben gerade, wie ein schmaler blasser Strich, der sich durch das eingefallene Gesicht zog und fast gar nicht auffiel. Wahrscheinlich hatte sie gar kein Gebiss im Mund. Auf ihrem Wollpullover mit der hübschen Rosenstickerei entdeckte ich einen roten Marmeladen-Klecks, vom letzten Frühstück und auch paar kleine Brotkrümel hingen noch in der Wolle fest. Sie hätte sie einfach nur abstreifen müssen. Aber ihre nestelnden Finger waren zu sehr mit sich beschäftigt. Sie berührte immer wieder ihren Fingerring, schob ihn auf und ab, drehte ihn oder pulte nervös an ihren Nägeln, die schon rau und gerötet waren. Der Rest ihres Körpers wirkte friedlich.
Ich fragte mich, was die Oma bei der Kälte ohne Gepäck und in ihrer dünnen Bekleidung vorhatte. Nicht einmal eine Jacke hatte sie dabei. Jedenfalls konnte ich keine finden. Ich war so in Gedanken versunken, dass ich nicht einmal den Schaffner bemerkte, der die Fahrausweise kontrollierte. Erst, als er mir auf die Schulter tippte, nahm ich ihn wahr. „Die Fahrausweise bitte“, sagte er monoton. Danach war die Oma dran und ich war gespannt. Sie schaute ihn stumm an, ohne Reaktion und etwas bizarr. Mehr kam von ihr nicht und der Schaffner war ebenso verdutzt. Egal, was er sagte, die Oma tat nichts. Als ob sie gar nichts verstand und von einer anderen Welt wäre. Sie sagte keinen Ton und versuchte es nicht einmal. Ich malte mir langsam aus, dass die Oma taubstumm und verwirrt war. Aber sicher sein konnte ich mir nicht. Jedenfalls stimmte etwas nicht mit ihr.
Nach einigem Zögern fasste der Schaffner den Pullover der Oma an und suchte nach etwas. Er fand wie erhofft ein Etikett auf dem Name und weitere Zeilen standen: Irmgard Birnbaum, Pflegeheim ‚Unvergessen‘.
„Sie brauchen keine Angst haben“, sagte der Schaffner, „Sie werden wieder nach Hause gebracht, wo Sie sicher schon eifrig gesucht werden.“ Oma Irmgard zeigte weder Freude noch Enttäuschung. Sie saß da, ganz zurückhaltend und reglos. Bis auf ihre Finger, die keine Ruhe fanden.