Jemand und Gin 4

[…]

Ich muss lächeln, als ich mich an meine früheren Wutanfälle erinnere, wo ich sämtliche Klamotten zerrissen habe. Am liebsten Unterhemden, weil ich die richtig hasste. Jeder, der mich heute kennenlernt, kann sich glücklich schätzen, dass diese Zeiten vorbei sind und ich andere Bewältigungsmechanismen verwende. Unter anderem Arbeiten. Aber nicht nur das. 
Türen schlagen ist übrigens auch lange out. Genauso wie eine volle Kellogg’s-Schale auf dem Küchentisch zerschmettern zu lassen. Ich weiß nicht mehr, warum. Eigentlich reichte manchmal nur ein einziges falsches Wort, welches sich dann als Missverständnis entpuppte. Früher konnte ich mit Kritik nicht umgehen, deswegen wurde ich schnell Klassenbeste, damit niemand mehr etwas zu sagen hatte. Perfektion motivierte mich enorm und ich bekam umso mehr Taschengeld, welches ich für Plüschtiere ausgab. Und für Chupa Chups Lutscher, sowie deren Apparaturen, wo man sie reinstecken konnte.

Die weiße Decke, unter der ich liege, fühlt sich angenehm an. Sie riecht nicht so muffig, wie manch andere Decke, unter der ich schon geschlafen habe. Ich finde die Aura der Decke bezaubernd. Meine Handtasche liegt auf dem Fußboden. Ich krabbel mit der linken Hand rein und versuche blind die Pillendose zu ertasten, weil ich meinen Kopf unter der Decke lasse und nichts sehen kann. Zwischen all dem Kram finde ich sie nicht, weil sie wahrscheinlich ganz unten liegt. Alles liegt unten, wenn man etwas sucht. Das ist mit den Akten auf Arbeit nicht anders.  Aber ich will nicht unter der Decke hervorkommen, um nachzugucken.

In dem Moment geht das Licht an, meine Hand erstarrt in der Tasche. Dann herrscht einen Atemzug völlige Ruhe.

„Was machst du denn da“, herrscht er mich an.

Ich weiß nicht, was er sich bei dem Anblick denkt. Wenn er zehn Minuten später gekommen wäre, wäre vielleicht alles gut. Aber er hat zu früh das Zimmer betreten, weil ich immer noch etwas durcheinander bin und nicht weiß, was mit mir los ist. Deswegen wollte ich meine Pillen haben. Die hätten mich zurück ins Gleichgewicht gebracht.

„Also, was ist los“, fragt er. 

Er hat eine logische Antwort verdient. Aber die kann ich ihm jetzt nicht geben.

„Mein Unterbewusstsein ist los.“

Für mich die logischste Antwort. Anders lassen sich spontane Stimmungsschwankungen nicht beschreiben. Sie kommen und gehen unangekündigt, wenn irgendwas in mir ausgelöst wird, ohne zu wissen, was.

„Und was machst du da in deiner Tasche?“

„Ich suche etwas.“

Er lacht kurz. Dann macht er das Licht wieder aus und unter der Decke wird es so dunkel, wie vorher.

Dass er so schnell geht, hätte ich nicht gedacht. Vor allem, weil es inzwischen ziemlich spät sein muss. Irgendwann wird er sicher ins Bett wollen. Als es auf einmal klingelt, werde ich aus meinen Was-wäre-wenn-Gedanken herausgerissen.

Ich schaue auf mein Handy. Es ist 23 Uhr. Später, als ich dachte. Dass ich schon einige Stunden hier bin, kann ich mir gar nicht vorstellen und ich bin nicht einmal müde.

Viel wichtiger ist: Wer ist da an der Tür? 

Ich bleibe im Bett, denn alles andere wäre zu gewagt. Besucher haben sich im Hintergrund zu halten. Ich bilde mir ein, eine Frauenstimme zu hören. Was auch sonst. Zwei Stimmen wechseln sich ab. Er und sie. Ich fühle mich wie ein versteinerter Vulkan, weil ich ausbrechen will und nicht darf. Es wäre ja sowieso viel zu übertrieben, da ich nicht weiß, worum es geht und alles nur Kopfsache ist. Und weil es mich eigentlich absolut nichts angeht. Aber die Neugier bleibt. 

Ich stelle mich still vor die Schlafzimmertür, um durch den offenen Spalt mehr mitzukriegen. Mein Strickpullover klebt. Entweder habe ich unter der Decke zu sehr geschwitzt oder der Vulkan findet sein Ventil und läuft gerade in Form von Angst an mir hinunter. Wut ist es nicht, sondern Angst vor Verlust.

Nach ewigen Minuten ist das Gespräch an der Tür vorbei. Es geht mir nicht besser und nicht schlechter. Ich befinde mich nun eher in dieser Egal-Stimmung, die mir ganz gut gefällt. Lieber so, als zu viel Emotionen. Letztendlich kann ich doch sowieso nichts ändern und muss die Dinge so hinnehmen, wie sie sind.
Ich komme vorsichtig aus dem Zimmer, wie nach einem Streit zwischen zwei Erwachsenen, der gerade an der Haustür beendet wurde. Die Luft ist rein und das nächste Drama könnte beginnen.

„War das die mit dem Duschbad?“, frage ich zusammenhangslos.

Er schaut mich irritiert an. 

„Ich meine, ob das pinke Duschbad auf dem Wannenrand von ihr ist.“

Irgendwie gibt es dafür wohl keine Antwort, die mich etwas angeht. Oder er weiß nicht, wovon ich rede.

Ein Glück, dass ich innerlich gerade stumm bin und nicht das Bedürfnis habe, sehr viele Fragen zu stellen. Die beantworte ich mir lieber selber in meiner Fantasie, denn die Wahrheit will ich echt nicht wissen. Ich weiß nicht, wie meine Wohnung dann aussehen würde und ob mich der Gin Toxic aus meiner Küche vernichten könnte, wenn mir vorher nicht schlecht wird. Mit Apfelsaft hätte er gute Chancen, zusammen mit einer anschließenden Zugfahrt. Das hat schon einmal geklappt. 

Nach meinem Statement gehe ich zurück ins Schlafzimmer. Ich trotte eher lässig zurück. So, als ob ich bei ihm wohnen würde. Dabei könnte er mich immer noch rausschmeißen, wenn ich zu anstrengend werde. 
Wieder liege ich unter der Decke. Bis er sie wegnimmt und es wieder richtig hell wird. 

„Jetzt ist Schluss. Du machst jetzt, was ich sage. Ist das klar?“

Er sieht ernst aus und ich spüre sofort, dass es keine leere Drohung ist. Mir ist sowieso schon die ganze Zeit bewusst, dass ich mit meinem Verhalten zu weit gehe. Ich wollte nur testen, wie weit ich gehen kann. Und jetzt muss ich artig sein und mich benehmen. Seine Wohnung, seine Regeln. Ich der Gast.

Aber wahrscheinlich testet er mich. Er hat solche Sachen schon einmal erwähnt und behauptet, er würde mich testen. Es ist schon länger her, aber ich weiß es.

Er guckt mich an, ohne seinen Blick aufzulockern und zeigt mir, dass ich Grenzen überschritten habe. 
„Jetzt komm unter der Decke vor, ich will dich sehen, Kleine.“

Ich mache was er sagt und schaue zu ihm hoch. Alles wie beim letzten Mal, nur dass das hier kein Abschied ist, sondern die Fortsetzung. 

„Und jetzt zieh dich aus. Das solltest du vorhin schon tun.“

Ich halte kurz inne, ziehe zuerst die Leggings und dann den Pullover aus. 

Diesmal trage ich pastellfarbene Reizwäsche in weiß und rosa. Passt ja auch perfekt, wenn man blass und unvorbereitet ist. 

Er betrachtet mich und sein Blick gleitet von oben nach unten und wieder zurück.

„Dreh dich mal.“

Nachdem ich mich einmal gedreht habe, positioniert er mich so, dass ich mit dem Hintern vor ihm stehe. Dann zieht er mir den Slip runter und streichelt meinen Po. Es fühlt sich so angenehm an, dass mir warm wird. Am liebsten würde ich mich umdrehen und ihn umarmen. Aber das geht nicht. Seine Hände zu spüren ist toll. Mein kleiner Po passt genau in seine großen Hände. 

Dann macht er meinen BH auf. So geschickt und zart, dass ich es kaum bemerke. 

Ich drehe mich wieder zu ihm, um ihn sehen zu können. Seine Augen sind so faszinierend blau und tief. Ich las einmal ein Buch über Charisma. Er könnte es geschrieben haben, denn er besitzt davon reichlich. 

Ich liebe es, wie er mich anschaut und dabei ernst bleibt. Er steht selbstbewusst in Jeans und Hemd vor mir und ich bin völlig nackt. Seine Blicke scheinen keine Stelle meines Körpers auszulassen. Er nimmt mich mit zu dem Stuhl, der immer noch mitten im Raum steht.

„Setz dich dort hin“, befiehlt er. 

Der Stuhl ist aus Holz und fühlt sich kalt an, unter meiner warmen Haut. Er steht angelehnt an der Tischkante und beobachtet mich, ohne einen Hauch von Mimik. Er hat das Sagen und ich habe nicht mehr das Bedürfnis, etwas zu tun, was dem widerspricht. Ich habe mich wieder unter Kontrolle, so lange er den Ton angibt und direkte Ansagen macht. Ich möchte ihn nicht provozieren. Ich will nichts kaputt machen. Nicht wieder.

Er sitzt minutenlang einfach nur da und schaut mich an. Ich kann seinen Blick nicht halten und schaue Weg. Dennoch sagt er dazu nichts. 

Dann kommt er zu mir. 

„Und jetzt guck mich an!“

Seine Stimme ist trotzdem leise und ruhig. 

Während er mich anguckt denke ich ‚fick mich‘. Ich denke es die ganze Zeit, bis ich es ausspreche:“Fick mich.“

Ich spüre, dass es ihn sofort anmacht. Es ist, als würden seine Augen etwas aufblitzen, ohne dass man es wirklich sieht. Ich kann es nur spüren. Sein Blick wirkt danach noch eindringlicher. 

„So so“, sagt er nur. „Und wie heißt das richtig?“

„Fick mich,..bitte.“

„Schon besser, Kleine.“

Ich verstehe nicht, warum ich noch auf diesem Stuhl sitze, anstatt mit ihm sofort ins Bett zu gehen. Innerlich bin ich unruhig und heiß geladen. Ich gucke ihn flehend an und merke, dass es ihm nicht anders geht. 

Ungefähr eine Viertelstunde sitze ich auf diesem Stuhl mit der Hoffnung, dass es gleich weiter geht. Dann klingelt sein Handy. Es ist längst Nacht! Wer ruft denn da noch an? Ich ahne gleich, dass das alles irgendwie nicht gut ist. Er verzieht sich mit dem Handy ins Schlafzimmer, damit ich nicht zu viel mitkriege von seiner Arbeit. Ich höre seine Stimme, aber keine Worte. Inzwischen fühle ich mich unwohl. Meine Sachen liegen direkt vor der Schlafzimmertür und kann sie nicht holen, da ich sonst zu nah am Telefongeschehen wäre. Er würde denken, dass ich neugierig bin. 
Aber weil ich mich zunehmend unbehaglicher fühle, hole ich schnell meine Sachen und entferne mich gleich wieder von der Tür.

Es dauert nicht lange, bis er fertig ist und ich angezogen auf dem Stuhl warte. 
„Es tut mir Leid, aber du musst gehen. Ich habe noch zu tun.“

„Wie jetzt? Mitten in der Nacht? Wo soll ich denn hin? Ich kann doch hier bleiben.“

„Nein, es kommen gleich ein paar Kollegen, wir haben was zu besprechen.“

Ich kann das fast gar nicht glauben, aber ich versuche es zu verstehen. 

„Ich weiß nicht, wo ich hin soll.“

„Nehme dir ein Hotel, ich bezahle es.“

„Nein, brauchst du nicht. Ich hab genug Geld. Aber ich find es nicht gut, jetzt gehen zu müssen.“

„Ich auch nicht. Ich habe mir die Nacht auch anders vorgestellt. Aber es ist wichtig. Nehme es bitte nicht persönlich, okay?“

Ich schweige und gucke betreten weg. Mir gefällt das nicht.

„Wie soll es denn weitergehen? Sehen wir uns wieder?“

„Ja, auf jeden Fall. Mach dir keine Gedanken. Versprochen?“

„Es wird mir schwerfallen. Aber ich versuche es.“

„Du musst jetzt gehen, Kleine.“

Ich strenge mich an, die Tränen zu verdrängen. Es fällt mir jedoch enorm schwer. 

„Meldest du dich dann bitte wieder bei mir? Ich meine, du hast mich blockiert, was ich nicht verstehe.“

„Ja, dafür gibt es andere Gründe. Ich werde mich bei dir melden, wenn ich mehr Zeit habe. Und bitte warte nicht auf mich, sondern genieße dein Leben bis dahin.“

„Das macht mich traurig.“

„Nicht doch, dafür gibt es keinen Grund. Ist doch alles toll!“

Alles toll. Jaja. Ich hole enttäuscht meine Tasche aus dem Schlafzimmer und ziehe mich an. Mit dem Taschentuch trockene ich mir die Tränen ab, bevor sie sichtbar herunterkullern. Das will ich nicht. Er soll nicht denken, dass ich labil bin oder klammere. Oder sonst was.

Ich gucke ihn an und es bricht mir fast das Herz, jetzt von ihm nach Hause geschickt zu werden.

„Darf ich dich umarmen?“, frage ich.

Und dann tue ich es einfach. Es fühlt sich so gut, wie bei keinem anderen. Ich würde aus diesem Moment gerne eine Stunde machen. Aber es geht nicht, er löst sich aus der Umarmung. 

„Bis zum nächsten Mal?“, frage ich leise.

„Ja, bis bald.“

Ich werde versuchen, mir keine Hoffnungen zu machen, wann bald ist. Bald kann auch irgendwann sein. Oder vielleicht sogar nie. 

Dann lässt er mich aus der Wohnung und hinaus in die Nacht. Ich drehe mich nicht noch einmal um, denn das würde wehtun. 

In meiner Tasche liegt mein iPod. Er ist noch an und steht seit dem Lied ‚Never be like you‘ von Flume auf Pause. Schöner Song, der gerade gut passt. In der anderen Jackentasche befindet sich mein kleiner Notizblock, der für unterwegs immer wichtig ist, um Gedanken sofort aufzuschreiben. Leider habe ich diesmal keinen Stift dabei. Mein Ausflug war ja nicht geplant.
Ansonsten bin ich gerade mitten in Berlin, auf der Suche nach irgendeinem Hotel, welches mir den Abschiedsschmerz nimmt und mir einen verträumten Schlaf schenkt. Leider werde ich so ein Hotel niemals finden. 

Mein Handy vibriert in der Tasche. Ich hole es sofort heraus und erwache schnell wieder aus meiner Traurigkeit, als ich die Nachricht lese.

‚Komm gut nach Hause, Süße. Du warst bezaubernd.‘
Ich bin glücklich und warte mit Sehnsucht auf unser Wiedersehen. Irgendwann. 

– Ende –

Werbeanzeigen