Oma Irmgard


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Diese alte Frau saß mir die ganze Zeit wie versteinert gegenüber. Ich hatte natürlich nichts gegen alte Frauen, nein. Aber auf mich wirkte sie merkwürdig. So, als ob sie hier nicht hingehörte. Sie sah zwar aus, wie eine typische Oma, nur ihr Blick war wunderlich und abschweifend. Immer wieder guckte sie ins Leere oder durch mich hindurch, mit ihren dunkelblauen Augen, die aussahen, wie der Sommer am Meer. Dieser Zug war nicht der richtige Ort für sie, das spürte ich. Mich beschlich das Gefühl, als würden viele Leute im Altenheim sie schon verzweifelt suchen und musste gleich an meine liebe Oma zu Hause denken, die schon mit selbstgebackenem Kuchen auf mich wartete, der immer sehr lecker war. Ich schaute, ob die Oma auch irgendetwas dabei hatte und sah nur einen netzartigen Beutel. Man konnte alles durch die Maschen sehen: zusammengeknüllte Stofftaschentücher, dreieckig gefaltete Servietten, ein Stück Brot und einen Apfel, der nicht mehr ganz frisch aussah. Außerdem gab es noch einen größeren Klumpen aus Alufolie. Es sah aus, als würde die Oma Dinge für schlechte Zeiten sammeln, die inzwischen kaum mehr genießbar waren. Ich fragte mich, wo sie wohl hinwollte, an diesem grauen Wintertag und beobachte die Schneeflocken, die sanft gegen die Fensterscheibe flogen und Kristalle bildeten. Die Oma guckte stattdessen an die Taschenablage über ihr, wie verloren.
Ein knielanger Rock und hautfarbene Strumpfhosen mit Laufmaschen, waren die einzigen Kleidungsstücke, die ihre mageren Beine bedeckten und auf den Knien schimmerten blaue Flecken. Ihre Schuhe waren platt und ausgelaufen. Wahrscheinlich besaß sie nur dieses eine Paar Schuhe, welches kaum noch Sohle hatte. Mir tat die Oma Leid, die in diesem Winter scheinbar schon mehrmals den Boden mit ihrem gebrechlichen Körper berührte und trotzdem so robust war, um immer wieder aufzustehen. Sie gehörte wohl zu der Kategorie ‚dünn und zäh‘. Sonst würde sie nicht in diesem Zug sitzen, sondern im Krankenhaus liegen. Die Oma merkte nicht, wie ich sie die ganze Zeit neugierig beobachtete. Ihr Blick blieb fern und unnahbar, dennoch trafen sich unsere Blicke manchmal. Vielleicht, weil ich es darauf ankommen ließ und ihr Wärme mit einem Lächeln schenken wollte. Sie wirkte so einsam. Aber ihre Mundwinkel zeigten keine Veränderung, sie blieben gerade, wie ein schmaler blasser Strich, der sich durch das eingefallene Gesicht zog und fast gar nicht auffiel. Wahrscheinlich hatte sie gar kein Gebiss im Mund. Auf ihrem Wollpullover mit der hübschen Rosenstickerei entdeckte ich einen roten Marmeladen-Klecks, vom letzten Frühstück und auch paar kleine Brotkrümel hingen noch in der Wolle fest. Sie hätte sie einfach nur abstreifen müssen. Aber ihre nestelnden Finger waren zu sehr mit sich beschäftigt. Sie berührte immer wieder ihren Fingerring, schob ihn auf und ab, drehte ihn oder pulte nervös an ihren Nägeln, die schon rau und gerötet waren. Der Rest ihres Körpers wirkte friedlich.
Ich fragte mich, was die Oma bei der Kälte ohne Gepäck und in ihrer dünnen Bekleidung vorhatte. Nicht einmal eine Jacke hatte sie dabei. Jedenfalls konnte ich keine finden. Ich war so in Gedanken versunken, dass ich nicht einmal den Schaffner bemerkte, der die Fahrausweise kontrollierte. Erst, als er mir auf die Schulter tippte, nahm ich ihn wahr. „Die Fahrausweise bitte“, sagte er monoton. Danach war die Oma dran und ich war gespannt. Sie schaute ihn stumm an, ohne Reaktion und etwas bizarr. Mehr kam von ihr nicht und der Schaffner war ebenso verdutzt. Egal, was er sagte, die Oma tat nichts. Als ob sie gar nichts verstand und von einer anderen Welt wäre. Sie sagte keinen Ton und versuchte es nicht einmal. Ich malte mir langsam aus, dass die Oma taubstumm und verwirrt war. Aber sicher sein konnte ich mir nicht. Jedenfalls stimmte etwas nicht mit ihr.
Nach einigem Zögern fasste der Schaffner den Pullover der Oma an und suchte nach etwas. Er fand wie erhofft ein Etikett auf dem Name und weitere Zeilen standen: Irmgard Birnbaum, Pflegeheim ‚Unvergessen‘.
„Sie brauchen keine Angst haben“, sagte der Schaffner, „Sie werden wieder nach Hause gebracht, wo Sie sicher schon eifrig gesucht werden.“ Oma Irmgard zeigte weder Freude noch Enttäuschung. Sie saß da, ganz zurückhaltend und reglos. Bis auf ihre Finger, die keine Ruhe fanden.

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Urlaub mit Oma

Oban14

„Aua“, sagte ich genervt, als ich gegen Morgen aus dem Bett purzelte und mir den Kopf am robusten Nachttisch stieß. „Der Urlaub fängt ja gut an. Ich bin noch nie aus dem Bett gefallen.“
Meine Oma schaute mich amüsiert an, lachte aber nicht laut los, weil das nicht ihre Art war. Sie hielt sich selbst in komischen Situationen dezent zurück. „Hast du dir wehgetan?“, fragte sie mütterlich besorgt.
„Nur ein bisschen gestoßen. Fühlt sich an wie ’ne Beule“, sagte ich, während ich mit meinen Fingern vorsichtig die Stirn abtastete. Ich ging ins Bad und schaute prüfend in den Spiegel.
„Oh Mann, das sieht total dämlich aus. Total rot alles.“ Meine Oma konnte dazu nichts sagen, denn ohne Brille sah sie nicht besonders gut. Stattdessen wurde sie unruhig, weil gleich die Frühstückszeit unten im Saal begann. Ihre Nervosität war ansteckend, dauernd guckte sie auf ihre Uhr, die seit gestern stehengeblieben war. Aber ihre innere Uhr irrte sich nie.
„Wir müssen gleich los“, sagte sie und bewegte sich flott Richtung Tür.
„Ja, gleich. Ich muss mich doch erst mal anziehen. Du bist schon wieder viel zu früh fertig und zu schnell mit allem.“
Schnell kaschierte ich die rote Stelle an der Stirn mit Make-up und zog danach meine Schuhe an.
„Soll ich wieder den Zimmerschlüssel nehmen, Oma?“
„Ja, steck du ihn lieber ein.“
Dann betrachtete ich Oma, wie sie mit ihrer neuen, mit Vögeln verzierten Handtasche vor mir stand. Die hatte sie bei der Ankunft in Schottland gleich im ersten Gift-Shop gekauft und danach ihr Portemonnaie an der Kasse liegen lassen. Zum Glück hatte ich es noch mitbekommen und mir ihr Portemonnaie zur Sicherheit eingesteckt, damit das nicht noch einmal passierte. Ein Urlaub in Schottland war immer Omas größter Herzenswunsch gewesen, den sie sich lange nicht erfüllen konnte, da sie zu bescheiden war.
„Du schleppst schon wieder viel zu viel mit dir rum. Geld brauchst du jetzt eh nicht, Oma. Es ist schon alles bezahlt.“
„Ich nehme sie aber trotzdem mit. Man kann nie wissen.“ Danach gingen wir in den Speisesaal und gehörten wieder zu den ersten Gästen. Das Frühstück war wie immer typisch schottisch, aber wir gewöhnten uns bald daran, von ein paar Toastscheiben satt zu werden.
Anschließend ging es zurück ins Zimmer und wir beschlossen, nachher in die Stadt zu gehen, um uns ein paar Geschäfte anzuschauen. Oma fing an, ihre Tasche durchzusuchen und wurde immer ungeduldiger. „So klein diese Tasche auch ist, aber finden tut man trotzdem nichts.“
„Ja, Oma, das ist nichts Neues. Du verlegst ständig Sachen oder siehst den Wald vor lauter Bäumen nicht.“
Oma wurde zunehmend vergesslicher und reagierte gereizt, wenn ich sie darauf ansprach, denn sie wollte es nicht wahrhaben. Lieber verdrängte sie es. Sie wollte das Wort ‚Alzheimer‘ nicht hören, da sie sich mit ihren 80 Jahren oft noch wie 25 fühlte.
Auf einmal starrte Oma mich mit weit aufgerissenen Augen an. „Ich wurde beklaut. Ich kann mein Portemonnaie nicht finden. Guck“, sagte sie und hielt mir ihre zerwühlte Tasche hin.
„Das kann doch nicht wahr sein. Das war bestimmt dieser Mann, der gestern in unserem Zimmer war. Der hat uns schon so beäugt.“
Ich musste grinsen. Oma sah Sachen, die nicht immer ganz der Wirklichkeit entsprachen.
„Der Mann war harmlos, Oma. Weißt du noch vorgestern, als du deine schicke Tasche gekauft hast? Erinnerst du dich, was da passiert ist?“
„Ich weiß es nicht mehr.“
„Du hast dein Portemonnaie an der Kasse liegen lassen.“
„Ach Gott! Dann hat es bestimmt schon jemand anders mitgenommen“, sagte sie völlig außer sich vor Angst, und Unbehagen machte sich in ihr breit.
Ich holte meine Handtasche aus der Ecke hervor, zauberte unbemerkt ihr Portemonnaie heraus und versteckte es mit einer Hand geschickt hinter meinem Rücken.
„Was willst du nun machen, Oma?“, fragte ich gespannt.
„Ich bin ganz starr vor Schreck und meine Gedanken sind wie weggeblasen.“
Oma wirkte tatsächlich wie ein Häufchen Elend, das in der Vergesslichkeit zu versinken drohte.
„Sieh mal, Oma.“ Ich holte das Portemonnaie aus rotem Krokodilleder und mit goldenem Verschluss hervor und überreichte es ihr.
„Ach Gott, wie bin ich glücklich. Da ist es ja!“ Ich sah die Erleichterung in ihren Augen und sie blitzten vor Freude. „Du bist ein Engel!“
„Ja, Oma. Deswegen behalte ich ab jetzt lieber dein Portemonnaie, damit so was nicht noch mal passiert und du es nicht wieder vergisst.“
Der Urlaub mit meiner Oma war sehr schön und wir erlebten viel. Sie blühte richtig auf, als sie den schottischen Regen zum ersten Mal auf ihrer Haut spürte. Sie fing an, vor Freude im Regen zu tanzen und lachte so unbeschwert wie seit Ewigkeiten nicht mehr. Oma war glücklich und ich hoffte, dass sie einen Großteil dieses Glückes wieder mit nach Hause nahm.
Ich war froh, dass ich ihren größten Wunsch endlich erfüllen konnte, bevor sie auch diesen vergessen würde.