#Der Hipster-Krankenschwester 

…after Nachtschicht.


Rückblick: ein fremder Nachbar nahm gestern Nachmittag gleich 2 Pakete für mich an! Identität (männlich/weiblich) unbekannt! Oh Mann….

Heute war es soweit. Nach dem gestrigen Paket-Fauxpas beschloss ich, der Sache ein Ende zu setzen und meine beiden Pakete in meine Wohnung zu holen. Klar überlegte ich, welche Uhrzeit am günstigsten wäre, da ich um Gottes willen definitiv niemanden stören möchte. Schon gar nicht am Wochenende. Also ging ich erst einmal meinen ’normalen‘ Tagesablauf nach. Schminken, Frühstück essen….auf die Uhr gucken – und auf den idealen Moment warten.

10 Uhr war eine gute Zeit. Nicht zu früh, um jemanden zu belästigen. Rentner waren schon um 7 wach und halbausgeschlafene Jugendliche frühestens jetzt. Dabei steckte ich mir den Abholzettel (Name des !vermeidlichen! Empfängers) in die Tasche, um Misstrauen seinerseits zu vermeiden. Schließlich waren wir fremde Nachbarn auf fernen Etagen. 

Ich klingelte 3x. Nach 1x klingeln hörte ich keinen Ton, beim 2. Klingeln auch nicht. Schlussfolgerung: Wurde die Klingel absichtlich ausgestellt? Ich überlegte, was ich nun tun sollte. Lag ich mit meiner Vorahnung doch richtig, dass etwas schief laufen wird!! 

Ich klingelte ein letztes Mal und drückte richtig doll auf die verdammte Klingel. Und dann gab diese auch ihr übliches Klingelgeräusch von sich. Wow! Jetzt musste nur noch der willkommene Nachbar vor mir erscheinen, um diese blöde Situation zu beenden. Aber nein, so geschah es nicht. 

Von meiner Vermutung bestätigt lief ich runter zum nächsten Nachbarn – der/die mit dem Hermespaket. Meine Nachbarin öffnete natürlich sofort nach einer Sekunde die Haustür und strahlte mich optimistisch an, so wie es gewohnt war. Wie immer machte sie sich große Sorgen um meine Arbeit und um mein Privatleben. Aus ihrer Sicht alles zu gefährlich, was ich mache.  Ich verneinte selbstverständlich alles und fühlte mich glücklich, wie sonst auch. Mir geht es nun mal nicht schlecht. Deswegen beruhigte ich sie und führte das Gespräch schnell zum Ende. Gewusst wie. Sie hakte auch nicht weiter nach und bot mir zum Schluss noch ihre Hilfe an, falls mal etwas ist oder ich ein besonderes Anliegen habe. Wirklich sehr nett. Aber ich bin mir sicher, dass es dazu nicht kommen wird. (Außerdem fragt sich meine Nachbarin, warum es in meiner Wohnung immer so wahnsinnig ruhig ist. Ich glaube, sie findet mich seltsam und mysteriös.)

Ich packte das Paket schnell aus und war zufrieden. Alles wie gewollt. Love. Nur innerlich herrschte weiterhin Unruhe, wegen des anderen Nachbarn. Es sah ganz danach aus, als müsse ich aktuell jemanden hinterherrennen. Das bedeutete sofort zeitlich emotionale Abhängigkeit. Denn: ich wollte meine beiden Pakete gerne jetzt haben und blieb angespannt.

Eine Stunde später versuchte ich es wieder. Diesmal drückte ich gleich kräftig drauf. Ich lauschte, aber nichts passierte. Was war da bloß los? War derjenige etwa auch arbeiten? Dann hätte er mein Paket echt nicht annehmen sollen, wenn sein Terminplan auch so voll ist…. ohne Platz für andere Menschen.

Nach weiteren 2 Stunden des angepissten Wartens wieder ein Versuch. Hoffnungslos. Es tat sich gar nichts hinter der Tür. So ein Mist, das machte mich natürlich wieder ärgerlich. Was wäre, wenn das am nächsten Tag auch noch so laufen würde oder die Person über’s Wochenende verreist ist? 

Um 14 Uhr klingelte es bei mir. Der Postmann, der wieder 2 Kleinigkeiten für mich hatte. Ich schlussfolgerte, dass der Nachbar nun zu Hause sein könnte, wenn er gestern um diese Uhrzeit auch in der Lage war, mein Zeug anzunehmen.

Anschließend lief ich zum 4. Mal wieder ins 4. Stockwert, in Jacke und Straßenschuhen. Ganz leger und äußerlich entspannt, damit man mir meinen Zorn nicht gleich anmerkte. Denn theoretisch ist es ja nett und freundlich, wenn Nachbarn Pakete annehmen.

Ich klingelte. Indirekt vernahm ich leise Geräusche hinter der Tür. Beobachtete mich etwa jemand und amüsierte sich über die Situation der hilflosen Paketabholerin? Mir kam das ziemlich doof vor. Es schlurfte hinter der Tür, ganz leise und dennoch hektisch. Rascheln, flinke Bewegungen…Es tat sich da drinnen recht viel und ich wartete ab, was passiert oder ob sich jemand nur einen üblen Scherz erlaubt. In meinen Gedanken tauchte das Wort ‚Anzeige‘ auf. Aber wen würde ich anzeigen? Den Nachbarn oder die Post? Bevor ich weiterdenken konnte, öffnete sich tatsächlich überraschend die Tür und die imaginäre Anzeige verwandelte sich in Scham.

Erster Gedanke: unangenehm. Vor mir stand der Typ, den ich schon mal unten um 5 Uhr im Keller gesehen hatte, als ich zur Frühschicht musste und er vielleicht auch. Diesen Typen habe ich schon ewig nicht mehr gesehen und dachte, er wäre ausgezogen. Nun stand er knapp angezogen vor mir. In langen weiten Karo-Boxershorts und Shirt. Sein rotblondes Haar war lang und verzottelt, genau wie sein Bart. Nur dass der über keine markanten Geheimratsecken verfügte. Es sah aus, als hätte er sich fix schlampig angezogen. Aber was bedeutete das? P.S.: Den Hintergrund seiner Wohnung konnte ich nicht erkennen, weil die Situation auf Grund ihrer Peinlichkeit prompt in den Vordergrund rückte.

Warum sah der Typ so aus? Was war los?

#1. Entweder hatte er gestern Party gemacht und war nun total verkatert/bekifft.

#2. Er vögelte gerade mit einer Frau und zog sich schnell an, um endlich die verfickten Pakete und seine Pflicht mir gegenüber loszuwerden.

#3. Er hatte Nachtschicht und war völlig verpennt von der scheiß Klingel wach geworden. Vormittags hatte er sie wahrscheinlich nicht gehört, wegen Tiefschlafphase. 

Ich schätze, er war Krankenschwester und hatte Nachtschicht. Einfach nur, wegen unserer früheren Kellerbegegnungen. Bestimmte Uhrzeiten sind einfach branchenspezifisch. 

Wenn ich Nachtdienst habe und Pakete erwarte, dann bin ich immer angezogen, weil ich auf diese Hektik, wie sie der Nachbar heute erlebt hat, keinen Bock habe. Und weil ich keineswegs so aussehen möchte, wie mein Nachbar: unfertig. 


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Ungeliebte Paket-Freundschaft

Wenn Nachbarn meine Pakete annehmen, finde ich das echt mies.


Eigentlich sollten meine Pakete schon gestern ankommen, als ich frei hatte. So stand es ursprünglich auch in der Sendungsauskunft. Ich plane meine Bestellungen immer so gut es geht und sofern es möglich ist. Nur leider bin ich nicht die Post und habe selten die völlige Kontrolle über die Lieferungen. Ich hatte gehofft, dass meine Pakete noch heute Vormittag kommen. Manchmal klappt das, kurz bevor ich zum Spätdienst fahre. Dann bin ich jedes Mal super erleichtert und kann mit einem guten Gefühl zur Arbeit fahren. Immerhin wird dann niemand gestört und ich fühle mich wohler, wenn sich keiner um meine Pakete kümmern muss. Am liebsten würde ich den Postleuten meinen Dienstplan geben, damit sie immer zur richtigen Zeit kommen und nicht paar Minuten später. Oft ist es so, dass wir uns knapp verfehlen und das ist sehr ärgerlich.

Genau wie heute. Im Laufe des Nachmittags bekam ich eine Email, dass meine Pakete bei unterschiedlichen Nachbarn eingetroffen sind. Zwei DHL-Pakete und einmal Hermes. Das eine Paket bei meiner Lieblingsnachbarin, die sogar zufällig eine Vollmacht hat und die anderen beiden bei einem Nachbarn, den ich gar nicht kenne. Er wohnt im 4. Stockwerk und ich im 1. Da hat sich der Postmann also tatsächlich bis ganz nach oben begeben, um meine Pakete woanders loszuwerden. Unglaublich. Ich habe keine Ahnung, was mich da oben erwartet. 

Auf dem Weg nach Hause kochte ich vor Wut. Einfach weil es mich nervt. Ich bestelle oft und belästige dann meine Nachbarn mit der Ware. Ich nehme schließlich auch nichts für andere an, da ich in unterschiedlichen Schichten arbeite und nie weiß, wann ich zu Hause bin und wann der Nachbar kommt, um sich sein Zeug abzuholen. Ich mag diese scheiß Abhängigkeit nicht. Und die Warterei auch nicht. 

Und nun haben die Nachbarn den ganzen Nachmittag und Abend gewartet, bis ich meine Pakete abhole und nicht kam. Tolle Verarsche. Aber um 23 Uhr klingele ich nicht mehr, das ist unhöflich. Erstens sind die Leute hier zu 80% alt und zweitens könnte man es als Belästigung auslegen. Pakete sind sowieso immer ätzend für andere. Aber selbst schuld, wenn sie Ja sagen und brav annehmen. Aber meist nur, weil ihnen nichts anderes übrig bleibt und viele nicht Nein sagen können. Ich habe mich schon mehrmals davor geweigert und nehme Pakete nur dann an, wenn ich weiß, dass ich für längere Zeit in meiner Wohnung bin und mir danach ist. Meist sage ich, dass ich gleich weg bin.

Morgen muss ich dann den Vormittag damit verbringen, meine Pakete einzusammeln und freundlich zu sein. Mal gucken, was das für eine Person im 4. Stock ist. Mir sagt der Name nichts. Ich hoffe, derjenige ist da, denn ich habe keine Lust, diesem Nachbarn hinterherzurennen und mehrmals zu verschiedenen Zeitpunkten klingeln zu müssen, wie es schon einmal der Fall war. Mit meiner Nachbarin von nebenan muss ich dann wieder sehr viel erzählen, weil das immer so ist. Dabei geht es um meine Arbeit und um das Wetter. Es gibt kaum andere Themen zur Auswahl. Dann bin ich gespielt freundlich und hoffe, dass die Unterhaltung bald vorbei ist. Zwar hat diese Nachbarin eine Vollmacht, was meine Pakete angeht, aber das war eher unfreiwillig – mal so nebenbei. 

Am besten wäre es, sich sein Zeug direkt von der Post abzuholen. Dann würde ich mich weniger gequält und freier fühlen. Kein Zwang mehr und keine komischen Gespräche, die total angespannt sind, auch, wenn man es mir nicht anmerkt. Aber ich will einfach nichts mit meinen Nachbarn zu tun haben. Ich will mir in meiner Freizeit selbst aussuchen, mit wem ich Kontakt haben möchte. Außerdem kann ich diese gezwungen Pläuschchen nicht leiden. Ich bin noch keine Rentnerin und keine lockere Hausfrau, die nebenbei Mutti ist. 

Deswegen ist mir die Sache mit den Paketen echt unangenehm, weil man sich irgendwie gegenseitig nervt und insgeheim niemand gerne Pakete annimmt. 

Das Gespräch

Lieber bisschen drunter, als bisschen drüber.

Heute war ein sehr wichtiger Tag und ich war zum ersten Mal seit langer Zeit extrem aufgeregt. Zum Glück konnte ich in der Nacht gut schlafen, nachdem ich mich eingehend im Netz über Vorstellungsgespräche und deren Tücken informierte.

Meine letzte große Aufregung ist inzwischen über ein halbes Jahr her, als ich das ‚beste Date‘ meines Lebens hatte. Eigentlich mehr imaginär, als echt…und eine angebliche Projektion. Das waren seine späteren Worte in Bezug auf meine Vorstellungen und Wünsche. An dem Tag war ich genauso aufgeregt und enorm glücklich. Ja, das waren tolle Gefühle, die ich heute noch einmal in einer etwas abgewandelten Form erleben durfte. Danke!

Allerdings kann ich im Nachhinein sagen, dass ein Vorstellungsgespräch viel schlimmer ist, als ein Date. Es geht um die Liebe zum Beruf (bzw. zur Berufung) und mit dem ist man meist länger verbunden, als mit einem Mann. Eine Trennung vom Traumberuf ist eher unwahrscheinlich und man hat keine Lust, fremdzugehen, wenn man das tut, was man unbedingt mit Leidenschaft tun will. Mein Beruf ist zugleich mein Hobby. Aber es gibt dennoch eine Menge Gemeinsamkeiten für diese beiden Ausnahmesituationen der Gefühle zwischen Mann und Beruf. Liebe verbindet letztendlich alles miteinander.

Ich habe mir viele Gedanken über mein Outfit gemacht, denn das sollte man für so einen besonderen Anlass selbstverständlich tun. Lange überlegen musste ich als Mode-Victim nicht und entschied mich für ein leger schickes Business-Outfit. Das entsprach meinem Stil und meiner Persönlichkeit, ohne dass ich verkleidet wirkte oder mich unecht darin fühlte. Meine Klamotten besorgte ich mir gleich, nachdem ich die Bewerbung abschickte, da ich mir sicher war, dass ich eingeladen werde. Ich dachte mir, dass sich für diesen Job sowieso fast niemand bewirbt, da er zu speziell und gefährlich ist. Eventuell. Also ging ich recht selbstbewusst an die Sache heran. Ich wusste einfach, dass ich es dorthin schaffen werde und nach zwei Wochen bekam ich die Bestätigung meiner Vorahnung per Post. Die Freude war riesig und ich war überglücklich, eine Chance bekommen zu haben, mich in dieser fremden neuen Welt präsentieren zu dürfen, denn ich brauche dringend ein anderes Umfeld und eine spannende Herausforderung.

Meine Business-Klamotten wurden bereits vor dem Vorstellungsgespräch eingeweiht und zwar in Berlin, beim Shoppen. Es gab mir ein besseres Gefühl, die Sachen schon einmal getragen zu haben und ins Leben zu bringen, bevor es richtig ernst wurde. Das Wochenende in Berlin machte Spaß und ich fühlte mich wohl in dieser eleganten dunkelblauen Hose. Ich ging in diesen Klamotten abends ins Kino und genoss anschließend das Berliner Nachtleben. Danach fiel ich kaputt ins Hotelbett. Schlafen konnte ich vor Aufgedrehtheit jedoch nicht. Die Klamotten waren jedenfalls bewerbungstauglich. Diese Erinnerung an das Wochenende in Berlin mochte ich.

Heute Morgen stand ich um sieben auf, da ich um acht los musste. Ich wurde ein Viertelstunde vorher wach, da meine innere Uhr wirklich gut funktioniert. Etwas müde war ich noch, da das normalerweise nicht meine normale Aufstehzeit ist und ich mich nicht unbedingt als fröhlichen Morgenmenschen bezeichnen würde. Außer im Sommer, wenn die Sonne schon morgens scheint.

Als ich mich anzog, hatte ich keine Zweifel, zwecks meines Aussehens. Ich spürte, dass es immer noch das perfekte Outfit war und kein bisschen zu abgehoben. Der Blazer bestand nämlich aus Bouclé-Stoff mit eingewebten dezenten Goldfäden und ein wenig Kunstleder an den Rändern. Jedoch fernab von Extravaganz. Insgesamt war alles stimmig.

Mein Make-Up blieb zurückhaltend, denn zu viel Schminke ist in der Branche nicht angesehen und macht einen oberflächlichen Eindruck. Man sollte sich fragen, wie man am besten Vertrauen erweckt und wie man sein Selbstbewusstsein angemessen zum Ausdruck bringt. Natürlichkeit ist die Lösung. Auf zu viel Schmuck verzichtete ich natürlich auch und setzte auf Bescheidenheit. Als ich meine Haare zum Schluss mit Glanzspray einsprühte, war ich zufrieden. So konnte ich mich sehen lassen.

Danach gab es ein großes Frühstück und eine kleine Tasse Kaffee, damit sich meine Nervosität nicht steigerte. Ein ausgiebiges Frühstück ist in solchen Fällen immer gut, denn man hat das Gefühl, dass man dadurch mit genug Energie versorgt ist und diese Aufregung besser durchhält. Außerdem hat Essen oft eine beruhigende Wirkung. Bananen und Schokolade sind da ein passendes Mittel. Oder Haferflocken und Nüsse.

Bei mir gab es Joghurt mit Kuchengeschmack und ein warmes Käsebrötchen. Danach blieb mir nicht mehr viel Zeit und ich machte mich auf den Weg zur Straßenbahn. Draußen war es ziemlich windig und kalt. Ich trug keinen Schal und nur eine dünne Jacke, weil ich nicht schwitzen wollte. Aber es war definitiv zu kalt in den Sachen. Ich war froh, dass ich wenigstens dicke Winterstrümpfe trug, die meine Füße wärmten, denn meine Hände waren bereits nach wenigen Schritten eiskalt. Wenn ich so jemanden mit der Hand begrüßte, würde das keinen guten Eindruck machen. Kalt vor Angst, könnte man annehmen.

In der Straßenbahn fühlte ich mich wieder entspannt und ausgeglichen. Alles war recht normal und ich konnte die Nervosität ausblenden. Die halbe Stunde Fahrt, die mir sonst so lang vorkam, war schnell vorbei und ich wunderte mich, wo die Zeit geblieben war. Schon erreichte ich das Ziel und hatte noch eine halbe Stunde Zeit bis zum Gespräch. Ich war mir nicht sicher, ob ich so lange in der Kälte warten sollte oder lieber im Zielgebäude.

Wie sieht das denn aus, wenn man viel zu früh bei einem Termin erscheint?

Und vor allem: Was würde mich in dieser fremden und abgesperrten Umgebung erwarten?

Ich hatte keine Ahnung, was mir bevorstand.

Außerdem wollte ich keinen schüchternen verängstigten Eindruck hinterlassen. Ich wollte auch in unbekannter Umgebung selbstbewusst sein – denn ich bin selbstbewusst.

Ich entschied mich und ging zum Ziel meiner Träume. Die Zeit war mir dann egal, weil: Lieber zu früh, als zu spät. Kurz, bevor ich am Eingang klingeln wollte, sah ich eine Mitarbeiterin, die ich nett begrüßte und die mich in diese Sperrzone begleitete. Ich war froh, dass gerade jemand kam und ich nicht ganz alleine dastand. Bei der Wache gab ich meinen Ausweis ab und kurz, nachdem ich mich in den Wartebereich setzte, kam eine Frau, die mich woandershin begleitete, wo ich weiter warten musste.

Halb zehn hatte ich das Gespräch. Neben mir saß meine Konkurrentin, die sich auch auf diese Stelle bewarb – das konnte ich kaum glauben. Es gab tatsächlich noch andere Bewerber für diesen Beruf! Unfassbar. Ich scannte diese Frau beim Vorbeigehen kurz ab, ohne sie direkt anzuschauen. Aber man kann auch indirekt vieles wahrnehmen. Auf jeden Fall war sie etwas lockerer gekleidet. Scheinbar nicht ganz so ausgewählt, sondern eher Alltagslook. Sie trug einen roten Pullover. Dabei habe ich gelesen, dass man diese Farbe in Vorstellungsgesprächen eher meiden soll, da sie zu dominant ist und teilweise erotische Andeutungen macht. Die Frau hatte lange blonde offene Haare und saß mit überschlagenen Beinen auf ihren Stuhl.

Ich hingegen saß völlig entspannt dort und verschränkte meine Körperteile nicht. Jedem, der an mir vorbeikam, sagte ich lächelnd ‚Guten Morgen‘. Sie lächelten zurück. Einmal rutschte mir sogar ein leises ‚Hallo‘ heraus. Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass jeder an mir interessiert wäre, der mich dort sitzen sah und ich fühlte mich empfangen. Ich wollte ein Teil dieser Klinik sein und dazugehören. Um jeden Preis sogar.

Bald wurde die Frau neben mir aufgerufen und ich konnte sie gedämpft durch die Tür reden hören. Sie erzählte viel und ich hörte einen osteuropäischen Dialekt heraus. Allerdings konnte ich nicht verstehen, worüber gerade gesprochen wurde. Ich war ziemlich neugierig, was meine Konkurrenz zu bieten hatte und ob sie ‚besser‘ war, als ich. Ihr Gespräch dauerte knapp zwanzig Minuten und sie war pünktlich um halb zehn wieder draußen, mit einem Strahlen im Gesicht und der Aussage, dass sie nun Urlaub hat.

Als ich aufstehen wollte, wurde ich gebeten, noch ein wenig zu warten. Ich war zu übereifrig, freudig und aufgedreht. Die Nervosität war immer noch weg und ich war froh darüber. Nach weiteren fünf Minuten durfte ich den Begegnungsraum betreten und es überraschte mich, dass dort noch zwei andere Personen saßen. Ich ging nämlich davon aus, dass ich mich nur auf eine Person konzentrieren muss. Das bereitete mir erst einmal einen kleinen Schock, obwohl in meinen bisherigen Gesprächen immer ca. 3-4 Personen saßen. Aber diesmal ging es um das wichtigste Gespräch überhaupt und zu viele Personen empfand ich als irritierend.

Ich legte meine Jacke und meine Handtasche auf den Stuhl und setzte mich drauf. Sehr gelassen und nicht hastig. Aber ich glaube, sie sahen meinen Hintern etwas zu lange. Alle begrüßten mich, aber keiner reichte mir die Hand. Also tat ich es auch nicht, weil man das nicht tun soll, wenn es die Vorgesetzten einem nicht anbieten. Immerhin war ich die Unterlegene. Ich atmete tief ein und schaute mir die Leute an, die am Tisch saßen. Alles okay. Alle mit Pokerface.

Das Gespräch begann damit, dass ich mich vorstellen sollte. In dem Moment begann die pure Aufregung wieder und ich hatte die absolut schwärzesten Blackouts. Ich wusste eigentlich nichts mehr und konnte so gut wie gar nichts von alledem sagen, was mich ausmacht und wie meine Motivation für diese besondere Stelle lautet. Obwohl ich die Antworten alle sehr genau wusste und überzeugt von mir war. Ich wusste, warum ich diese Stelle wollte. Aber mir fehlten die Worte, um mich auszudrücken. Stattdessen stammelte und stotterte ich abgebrochene Sätze, sowie einzelne Wortfetzen vor mich hin. So etwas würde mir bei einem Date zum Beispiel niemals passieren. Von meiner Eloquenz blieb nicht mehr viel übrig. Alles vergessen, der ganze Wortschatz verschwand. Ich kam mir vor, wie ein Trottel, der sich selbstüberschätzte und sich für eine Stelle bewarb, die sie sein Niveau stark überstieg. Ständig wiederholte ich Worte wie ‚manchmal‘, ‚vielleicht‘, ‚immer‘ und andere fantasielose Füllwörter. Der Chef hat also nicht erfahren, warum ich diese Stelle unbedingt möchte, was ich mir vorstelle und was mich ausmacht. Er hat nicht viel von meiner Persönlichkeit kennengelernt und weiß trotz des Gespräches immer noch nichts von mir. Allerdings hat er meine Persönlichkeit gesehen und wahrgenommen. Und ich habe die gestellten Fragen einfühlend, ehrlich und gut durchdacht beantwortet.

Natürlich habe ich auch erwähnt, wie aufgeregt ich bin und dass ich mich unter normalen Umständen ganz anders verhalte. Klar, das kann jeder sagen. Eigentlich muss man immer so sein, wie man ist. Egal, in welcher Situation. Selbstbewusste Leute würden sich wohl kaum etwas von ihrer Aufregung anmerken lassen. Von daher verhielt ich mich in deren Augen bestimmt ziemlich widersprüchlich und fragwürdig. Aber ich weiß nicht, was sie wirklich dachten. Vielleicht bin ich auch zu hart zu mir selber.

Nach meinem Geständnis wurde ich ein bisschen lockerer und entspannter. Für den Chef waren meine kurzen Antworten scheinbar nachvollziehbar und die anderen Leute brachten mir mit Zunicken Vertrauen entgegen. Außerdem bekam ich die Rückmeldung, dass die Dinge gut waren, die ich sagte. Ich hätte am Anfang einfach einen kleinen Small Talk gebraucht. Das hätte mich aufgetaut.

Aber nun ist alles so, wie es ist und ich akzeptiere das. Allerdings finde ich es sehr schade, dass die Aufregung mich so kaputt gemacht hat, sodass ich völlig neben mir stand und mich in den ersten Minuten wie gelähmt fühlte. Ich war so apathisch, als stände ich unter Drogen. Das ergab ein blödes Bild von mir, das mir nicht entsprach. Dennoch wirkten alle recht interessiert und waren freundlich. Zwischendurch goss ich das Glas mit Wasser voll und trank es bis zur Hälfte aus. Den Rest hinterließ ich nach dem Abschied, ohne Lippenstiftabdrücke.

Kekse standen leider nicht auf dem Tisch. Ich hätte sie auch nicht angerührt, obwohl ich Kekse über alles liebe. Denn wer Kekse im Gespräch isst, hat keine Manieren. Kekse dienen also nur zum Test.

Das Gespräch dauerte knapp vierzig Minuten und endete mit den Schlussworten: Wir melden uns. Angeblich soll das heißen, dass ich eine Absage erwarten kann. Aber das denke ich nach diesem Satz nicht, schließlich wollten noch andere Bewerber im Gespräch überzeugen. Ich konnte also noch keine direkte Zusage bekommen, denn das wäre nicht fair.

Zum Schluss bedankte ich mich nochmals und wünschte den Leuten einen schönen Tag. Den Spruch ‚Frohe Ostern‘ verkniff ich mir. Humor und komische Sprüche passten nicht zur Situation. Damit hätte ich mich lächerlich gemacht. Meine einzelnen Wortbrocken waren schon schlimm genug.

Jetzt sitze ich zu Hause und bin noch aufgeregter, als vor dem Gespräch. Ich denke ständig darüber nach, was gut lief und was nicht. Grübele darüber, wie ich äußerlich und persönlich herüberkam und google im Internet nach Fehlern im Vorstellungsgespräch. Sicherlich wäre es ohne Aufregung anders gelaufen. Aber auch, wenn es diesmal nichts wird: Es wird nächstes Mal was.

Wenn ich eine Absage bekomme, werde ich anrufen und sagen, dass sie meine Bewerbung aufheben können. Jemand hat mich daran erinnert, dass alles seine Zeit hat und davon bin auch ich überzeugt. Vielleicht muss ich noch ein wenig an mir arbeiten, damit ich richtig reif für diesen Job bin. Aber vielleicht muss ich auch gar nichts tun und werde aufgrund von vielen Sympathiepunkten gleich genommen. Das wäre ein Traum. Und ich hoffe, der Chef hat es erkannt.

Nun heißt es warten. Wie lange, das weiß ich nicht. Aber wahrscheinlich wird es nicht lange dauern, da sie sich nach dem Gespräch beraten und sich die Bewerbung hoffentlich noch einmal genauer angeschaut haben. Letztendlich habe ich verbal all das wiederholt, was ohnehin schon drin stand. Meine Worte waren also nachlesbar.

Eine Zusage wäre mein bestes Ostergeschenk.

Nach dem Gespräch kaufte ich mir Schminke und Klamotten, um wieder halbwegs auf das Normallevel zu kommen. Einen Grund zum Shoppen gibt’s immer…

Zu Hause gab es dann noch Schokolade zur Beruhigung und ‚The Way‘ von Gigi D’agostino. Leider wirkungslos.

Traumnachricht

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Heute ist ein schwieriger und zugleich toller Tag.

Zuerst träume ich, dass mir eine bestimmte männliche Person eine Nachricht schreibt.

Eine Person, zu der ich bis August keinen Kontakt haben möchte, weil es besser für uns ist. Das war meine Idee, weil ich keinen anderen Ausweg wusste, zwecks Neuanfang, der eigentlich keiner ist. Aber wer weiß, was letztendlich daraus wird? Komplizierte Sache. Aber Aufgeben lohnt sich hierbei nicht.

Anders ausgedrückt: Wir haben uns eine bewusste Auszeit genommen, damit die ‚Beziehung‘ zwischen uns nicht eskaliert und ich nicht ständig in Dramastimmung verfalle, wenn er nicht auf meine Nachrichten antwortet, obwohl er sie liest. Ich fange dann schnell an, Dinge neu zu interpretieren, die jedoch völlig anders sind, als in meiner Fantasie. Ich reagiere über und das nervt ihn. Er will so etwas nicht immer wieder mit mir erleben. Drama, Drama, Drama. Sorry!

Der Traum war so echt, dass ich morgens gleich auf mein Handy schaute, um die Nachricht zu lesen.

Aber da war keine.

Dabei träumte ich fast detailliert, wie er mir bei whatsapp diese Nachricht schrieb, als ich online war.

Er schrieb sogar ‚Hey Süße‘, mehr konnte ich nicht sehen. Diese ersten Worte klangen also sehr versöhnlich und ich war gespannt auf seine Nachricht.

Ich war enttäuscht, als mir klar wurde, dass das nur ein ziemlich echter Traum war. Leider.

Wahrscheinlich kommt er in den nächsten fünf Monaten nicht auf den Gedanken, mir zu schreiben. Vielleicht möchte er auch sehen, ob ich mein Versprechen wirklich halte und wie diszipliniert ich bin. Ich habe mir fest geschworen, mich vorher nicht bei ihm zu melden – diesmal wirklich! Zu oft bin ich an meinen Versprechen gescheitert. Aber nun bleibe ich stark, um ihn zu überraschen und ihm eine andere Seite von mir zu zeigen. Die entspannte und lockere Seite, die ich ihm bisher zu selten offenbart habe.

Oft genug sage ich, wie schnell die Zeit vergeht. Also werden fünf Monate auch schneller vergehen, als gedacht. Im August kann ich stolz auf mich sein, wenn ich meinen Ruhe-Plan durchgehalten habe.

Zum anderen bekam ich heute tatsächlich noch eine reale Traumnachricht.

In meinem Briefkasten befand sich endlich der Brief, auf den ich knapp zwei Wochen ungeduldig wartete. Ich war nicht nur ungeduldig, sondern hibbelig und teilweise sogar überreizt. Man kann nicht immer locker bleiben. Gerade, wenn es um wichtige Dinge geht. Es geht um einen Traumjob.

Es war die ersehnte Einladung zum Vorstellungsgespräch in einer psychiatrischen Einrichtung.

Natürlich hatte ich auch gleich wieder das Bedürfnis, damit die Kontaktsperre aufzubrechen. Aber ich kann mit dieser Mitteilung auch bis August warten, sagt mir mein Verstand. Bis dahin hat sich bestimmt so viel angesammelt, dass unser nächstes Treffen sehr überraschend verlaufen wird und spannend wird.

Und ich werde nicht schwach. Dazu habe ich meinen Blog. Hier kann ich alles loswerden, was ich bei ihm (noch) nicht loswerden darf. Außerdem macht es die Situation nicht besser, wenn ich ihm ständig mitteile, was los ist. Es ändert gerade nichts an unserem Verhältnis.

Jetzt heißt es: Geduld haben und Loslassen.

Berlin’s Straßen

 

Nach einem Blitzgedanken folgt sofort eine Tat.

So war es auch diesmal, als ich meine Wut und Enttäuschung über den misslungenen Abend nicht mehr verdrängen konnte und das Gefühl bekam, ausbrechen zu müssen. 

Weg, weg, weg!

Weg aus diesem Zimmer, weg aus dieser Situation und weg von diesem Mann.

Während ich im Bett auf dem Rücken lag und fassungslos an die Wand mit dem rot flimmernden LED-Streifen starrte, erinnerte mich das Licht an meine innere Wut, die erbarmungslos in mir hochstieg und wie eine Flasche Cola mit Corega Tabs sprudelte. Ich hasste dieses Gefühl, denn ich wusste, dass ich nicht in der Lage war, es zu kontrollieren und zu drosseln. 

Das war nicht der Abend, den ich mir vorstellte, denn dieses Rot verursachte mittlerweile keine Erotik mehr, sondern förderte meine Aggression und meinen Fluchtreflex. 

Ich haue ab. 

Dieser Gedanke war so schnell da, dass ich eine Sekunde später schon handelte. Ohne weitere Worte zog ich meinen Schlafanzug aus und suchte mein Kleid, das irgendwo neben dem Bett lag. Danach sammelte ich das Bett nach meinen Ohrsteckern ab, die verstreut unter dem Kopfkissen und am Fußende lagen. Mir war alles egal, außer, dass ich nichts in dieser Wohnung vergessen wollte, da ich beschloss, nie wieder zurückzukommen. Für mich war es jetzt nur noch die Wohnung eines impotenten Verlierers und nicht die eines potentiellen Lovers.

Mehrmals checkte ich meine XXL-Handtasche, ob auch alles drin war. Vor Aufregung war ich völlig unkonzentriert und meine Hände zitterten. Auch mein Herz zitterte, weil es dehydriert war und meinen Puls rasen ließ. Ich hatte seit mehreren Stunden nichts gegessen und nichts getrunken. Mein Kreislauf litt spürbar, aber ich ignorierte meinen Körper und versuchte nur meiner verletzten Seele zu helfen, indem ich einen Ausweg suchte.

Als ich mir sicher war, dass der Inhalt meiner Tasche komplett war, verabschiedete ich mich von dem Mann, der keinen hochbekam und der nicht wusste, was los ist. Schließlich war er bekifft und in einer anderen Dimension, die nicht meine war. Er war in einem psychedelischen Dämmerzustand, in dem alles immer so schön ist. Alles so schön unrealistisch vor allem. Ich konnte dieses Hippie-Gerede nicht mehr ertragen und die verweichlichten Folgen im Genitalbereich schon gar nicht. Hippies wollen nur kuscheln, denn zu mehr sind sie gar nicht fähig. 

Mein Abschied bestand aus einem Satz, in dem ich sagte: „Sowas hab ich noch nie erlebt, du Arsch.“ Am liebsten hätte ich dabei noch auf sein schlaffes Ding gezeigt, um den Satz bedeutender zu machen. Aber da er seinen Kopf im Kopfkissen vergrub, war er sowieso blind. Und taub. Er gab mir keine Antwort. Wahrscheinlich dachte er, dass alles nur ein Traum ist und dass ich, wenn er wach wird, nackt neben ihm liege und ihn sanft streichele. Schließlich ist jede Berührung ein Geschenk und ein kleiner Orgasmus. Kiffende Männer brauchen nämlich keinen Penis mehr, weil Kuscheln der bessere Sex ist. 

…Definitiv…

Ich zog ab, ohne noch einmal einen Blick in den Badezimmerspiegel zu werfen. Da ich kaum geschminkt war, hatte ich nichts zu befürchten. Nur unsichtbare Spucke und ein paar Stressflecken im Gesicht. Aber in Berlin guckt dich eh niemand an, wenn du im Chaos der Stadt untergehst. 

Ich war froh, dass ich die passende Kleidung trug, die meinen Oberkörper und meine Füße warmhielt. Meine Beine mussten sich allerdings an die niedrigen Temperaturen gewöhnen, da sie nur von einer dünnen Strumpfhose bedeckt wurden. Eigentlich sollte ich um diese Zeit unter einer warmen Bettdecke neben einer voll aufgedrehten Heizung liegen. Aber ich entschied mich für die harten Konsequenzen einer spontanen Flucht. 

Es war eine Flucht ins Unbekannte. Hinaus aus einer vertrauten Wohnung eines bekannten Kiffers und hinaus in das Leben fremder Penner, die auf der Straße ihren Schlafplatz haben und einem gierig hinterherschauen oder obszöne Begriffe von sich geben.

Es war zwar nicht das erste Mal, dass ich eine Nacht auf der Straße verbrachte. Aber es war trotzdem anders. Ein Winter ohne Schnee kann auch kalt sein, wenn man nicht viel Speck mit sich herumträgt und alleine ist. Wenn man nur sich hat und durch niemanden abgelenkt wird. 

Ich wusste nicht, wo ich hin sollte. Diesmal setzte ich mich auf keine Bank, auf der ich verharrte und geduldig wartete, bis der Morgen anfing. Es war zu kalt, um zu warten und es war zu kalt, um sich irgendwo hinzulegen. Hier war es nachts überall laut. Das kannte ich von zu Hause nicht. Da war es nachts still und die Straßenbahn fuhr erst ab vier Uhr, außer am Wochenende.

Eigentlich hätte ich mir ein Hotel suchen können, bei all der Auswahl um mich herum. Vielleicht wäre eines dabei gewesen, das nicht mein ganzes Budget vernichtet hätte. Aber ich bin einfach kein Hotelmensch, wenn es nicht gerade um Urlaub geht. Ich wollte nicht für paar Stunden ins Hotel, denn für mich war das Geldverschwendung. Es lohnte sich einfach nicht und die fehlende Nacht konnte ich zu Hause auf meiner Couch unter meiner extrawarmen Decke nachholen. Darauf freute ich mich schon und musste bei dem Gedanken grinsen.

Also ging ich ziellos die Straßen entlang, um die nächsten acht Stunden herumzukriegen und um in Bewegung zu bleiben, damit mir nicht kalt wurde. Das Gefühl, so orientierungslos zu sein, machte mir Angst. Allerdings konnte ich mein Handy auch nicht die ganze Nacht anlassen, da ich später noch genug Akku brauchte, um den Busfahrer auf dem Display mein Ticket zu zeigen, das per App funktionierte. Mein Handy frisst viel Akku. Deshalb nutzte ich mein Handy-Navi nur sporadisch und laut Navi war die Bushaltestelle für mich unendlich weit entfernt. Aber dennoch zu Fuß erreichbar. Für jemanden, der sich auskannte, war das keine Herausforderung. Aber dieser Jemand war ich leider nicht. Sondern ich war eher ein Niemand.

Die nächtliche Kälte zog stur an meinem Körper und ich fror langsam. Es war nicht windstill, verdammt..!

Außerdem kamen Zweifel auf, nachdem ich ungefähr zwei Stunden pausenlos unterwegs war. Hätte ich die paar Stunden nicht doch noch bei ihm aushalten können? Immerhin war nichts Schlimmes passiert, bei all seiner lethargischen Inaktivität. Ich war lediglich wütend auf sein verkuscheltes und stumpfsinniges Verhalten. Aber es war nicht lebensbedrohlich und somit kein richtiger Grund, abzuhauen. 

Und dennoch hielt ich es nicht aus. Ich hätte dort keine einzige Stunde mehr verbringen können, weil ich mich nicht wohlfühlte zwischen den Räucherstäbchen und dem Kiffzeug, das man überall roch. Mir waren die giftigen Abgase der Stadt lieber, die ich unwillkürlich inhalierte und den Geruch nur unbewusst durch meine Nase aufnahm. Die Großstadt roch besser, als dieses von Drogen vernebelte kleine Zimmer.

Ich durchquerte viele Straßen und passte an jeder Ampel auf, nicht vor ein unaufmerksames Auto zu geraten, da die Farben der Ampeln hier teilweise von den Autofahrern ignoriert wurden. Irgendwie waren es die Taxifahrer, die gern etwas drängelten, weil sie unter Zeitdruck standen.

Wenn ich nicht gerade eine Kreuzung überquerte, was sehr oft vorkam, schaute ich mir flüchtig die Schaufenster an. Denn davon gab es auch genug. Berlin hat ein Überangebot an Konsumartikeln. 

In der Nacht fiel es mir leichter, an Schmuckläden vorbeizugehen, da sie alle geschlossen hatten und ich somit nicht in Versuchung kam, etwas zu kaufen, so wie sonst immer. Ich komme an keinem dieser Läden vorbei. Jetzt konnte ich nur stehenbleiben und fasziniert beobachten, wie die Diamanten im Licht des Schaufensters in allen Farben schimmerten. Für mich ein fast hypnotisierender Anblick. Ich liebe Diamanten.

Die Stunden vergingen trotzdem wie in Zeitlupe und mein Blick huschte regelmäßig auf die Uhr, um zu gucken, wie lange ich noch durchhalten muss. Die Zeit verging nicht und ich rechnete aus, in wie vielen Stunden ich zu Hause bin oder was ich in einem Tag um diese Uhrzeit mache: Arbeiten. Morgen musste ich also unbedingt wieder zu Hause sein, denn sonst konnte ich mich auf eine Abmahnung freuen.

Immer wieder kamen mir auch andere Menschen entgegen, die nicht so verwirrt waren, wie ich. Ich hätte niemanden nach dem Weg zum Busbahnhof fragen brauchen, es hätte mir eh nicht geholfen. Die vielen Straßen und die bunten Lichter brachten mich einfach durcheinander. Überall leuchteten Lampen und die Stadt gab rauschende Geräusche von sich. Um mich herum herrschte fremde Anonymität. Ich musste alleine zusehen, wie ich klarkomme. Sehr bedrückend. 

Nach einer Weile schaltete ich mein Handy wieder ein. Es kamen einige Nachrichten an, aber nicht von meinem Fluchtort. Dort blieb es still und niemand machte sich Sorgen um mein Wohlergehen. 

Mein Navi zeigte mir an, wo ich war und wo ich hinmusste. Ich sah einen langen roten Strich, der meist nur geradeaus ging. Eigentlich nicht besonders schwierig. Ich setzte mich kurz auf eine Treppe, damit ich besser und entspannter nachdenken konnte. Auf dem Navi sah gerade alles so einfach aus und die Uhrzeit verdeutlichte mir, dass ich inzwischen schon recht lange unterwegs war. Es war fünf Uhr morgens und ich irrte bereits einige Stunden sexuell unterkühlt durch die Stadt. Mein Bus fuhr um neun Uhr. Damit war ein Ende langsam in Sicht, wenn ich es bis dahin schaffte, die Haltestelle zu finden.

Allmählich merkte ich auch, wie erschöpft ich war. Mein Bauch war leer und ab und zu machte sich ein leichtes Schwindelgefühl breit. Es fühlte sich alles so dumpf und komisch in mir an. Außerdem schwitzte ich. Auf meiner Stirn versammelten sich unzählige kleinperlige Tröpfchen. Ich war kaltschweißig und das war ein Zeichen, dass gerade alles zu viel für meinen zierlichen Körper war, dessen wertvolle Bedürfnisse ich in dieser Nacht missachtete. Ein fortschreitender Schockzustand kündigte sich an. Und mir war klar, was ich brauchte: Essen und Trinken.

Ich hatte Lust auf einen Mc Flurry von Mc Donald’s und stellte mir vor, dieses Eis jetzt in dieser Kälte zu essen. Eis im Winter, irgendwo auf einer Bank unter einer Laterne. Ich wollte nichts anderes, als das, obwohl mir kalt war. Diesen widersprüchlichen Gedanken konnte ich mir nicht erklären, da ich Kälte ansonsten nicht mochte. Aber ich hatte einfach Heißhunger auf etwas Süßes und Durst auf Milch. Wahrscheinlich war mein Kreislauf schon so zerstört, dass solche Notgelüste daraus resultierten. Ich hoffte, dass ich diese Lust bald am Busbahnhof befriedigen konnte, denn dort gab es einen Mc Donald’s, der von außen aussah, wie eine normale Imbissbude. 

Die Straßen wurden zusehends voller und der Berufsverkehr erwachte. Dadurch fühlte ich mich bald weniger allein und das beförderte mich wieder mehr ins normale Alltagsleben zurück. Auch in den Häusern sah ich Licht und es beruhigte mich, dass ich meinen Schlaf bald im Bus nachholen konnte, wenn all diese Leute zur Arbeit mussten. 

Meine zunehmende Müdigkeit und Schwäche sorgten dafür, dass ich in einem psychischen Ausnahmezustand war, der mich überreizte. Ich spürte, dass jeder neue Eindruck zu viel war und dass alles anfing, mich zu nerven. Auf einmal hasste ich diese hupenden Autos, die mit ihren Reifen auf der Straße quietschten, weil sie schnell bremsen mussten.

Der ganze Verkehr war Stress für mich und ich war mir sicher, dass ich meinen Führerschein in dieser Stadt vergessen konnte. Dieses riskante Abenteuer würde ich niemals wagen. 

Wieder schaute ich auf mein Navi und auf die Uhr. Je mehr draußen los war, umso schneller verging alles. Zum Glück war es bis zum Ziel nicht mehr allzu weit. Irgendwann nahm ich den Gehweg nur noch durch einen engen Tunnelblick wahr. Nur selten verflüchtigte sich mein Blick auf andere Personen, da ich mich sowieso unwohl fühlte, in meiner schläfrigen und verpeilten Verfassung. Aber wahrscheinlich wäre dieser Anblick auch jedem egal gewesen, da in Berlin weitaus schlimmere Gestalten herumlaufen und ich wohl noch zu den halbwegs ‚Normalen‘ zählte.

Ich näherte mich dem Busbahnhof, den ich von weitem durch Schilder erkennen konnte. Okay, jetzt konnte ich ihn nicht mehr verfehlen und spürte endlich wieder eine aufkommende Sicherheit in mir. Ich war nicht mehr verloren und mein Handyakku reichte noch für die restliche Stunde. 

Als ich dichter an den Bahnhof kam, wurde die ganze Lage wieder etwas unübersichtlich, da ich den Bahnhof zuerst mit einem anderen Gebäude verwechselte. Erst als ich vorsichtig zur rechten Seite schaute, merkte ich, dass ich auf der falschen Straßenseite war. Zu meiner absoluten Sicherheit sah ich auch schon einige Busse dort rechts an den Haltestellen stehen. Anschließend suchte ich nach einer passenden Stelle, um über die riesige Straße zu kommen. Die nächste Ampel war noch mehrere Meter entfernt. Aber Hauptsache, sie war da, denn ich hatte große Angst, erneut über die gefährliche Straße laufen zu müssen.

Ich war erleichtert, als ich mein Ziel erreichte. Mein Körper rebellierte unheimlich. Meine letzte Kraft verschwand sofort bei meiner Ankunft. Und dennoch konnte ich nicht ruhen, da ich erst wissen wollte, von welcher Stelle der Bus genau fuhr. Ich hatte nämlich keine Lust, noch länger hier sitzen zu bleiben und eine weitere Stunde zu warten.

Aber ab jetzt war alles einfach. Die Anzeigetafel und die Lautsprecheransagen waren meine Helfer und ich konnte endlich mit meinem kranken Gesichtsausdruck zu Mc Donald’s gehen. Kurz fühlte ich mich wie bei einem Arztbesuch, bei dem meine Medizin aus zwei Varianten bestand. 

Der Mc Flurry stand immer noch in der engeren Auswahl. Aber ich entschied mich spontan für einen großen Vanille-Milchshake. Das war Eis und Milch zusammen, in einem unkomplizierten Becher zum Trinken mit Strohhalm. Optimal für meinen geschwächten Körper, der jetzt nur noch eine Hand zum Halten brauchte. 

Ich stellte mich mit meinem Getränk ins Abseits und beobachtete müde das Geschehen. Allerdings konnte ich auch diesmal nicht ruhig bleiben und ging von einer Haltestelle zur anderen und verglich die Abfahrten mit der Nummer auf meinem Ticket. Dabei merkte ich, dass Abfahrzeit und Nummer nicht übereinstimmten. Aber da noch genug Zeit war, machte ich mir keine unnötigen Gedanken und setzte mich in die beheizte Wartehalle, in der ich alles exakt im Überblick hatte. Mein Blick fixierte danach fast nur noch die orange leuchtende Anzeigetafel, um keine wichtige Änderung zu verpassen. 

Zum anderen tat es gut, zwischen all den fremden Menschen zu sitzen und nicht mehr so einsam zu sein. Wahrscheinlich froren sie auch alle und kannten unangenehme Erfahrungen. Vielleicht waren sie auch gerade auf einer Flucht, denn teilweise sah es ganz danach aus.

Nach einer Viertelstunde kam die lang erwartete Ansage meines Busses und ich war happy, dass diese frustrierende Reise nun ein Ende hatte. 

Beim Einchecken gab es keine Probleme und der Fahrer heiterte mich mit seiner lockeren Art etwas auf. Wahrscheinlich war sein Leben auch nicht immer leicht. Aber alles geht weiter und manchmal auch viel besser, als vorher. Zumindest bei anderen Menschen. 

Als ich im Bus saß, spürte ich, wie mein Körper in den Sitz sackte und meine Beine kribbelten. Es war eine enorme Erleichterung, in den nächsten zwei Stunden nichts machen zu müssen und vielleicht ein bisschen schlafen zu können. Der Platz neben mir blieb frei und meine letzte Hoffnung erfüllte sich damit. Ich wollte einfach nur noch meine Ruhe haben und von niemandem mehr angequatscht werden. 

Nachdem ich wieder etwas zu mir kam, nahm ich mein Handy und löschte selbstbewusst seine Nummer. Denn ich hatte keinen Bock auf weiteren Kontakt. Für mich hatte sich die Sache nach der bescheuerten Nacht erledigt und ich wusste, dass er sich nicht ändern würde und weiterhin so verkifft blieb. Als die Nummer weg war, fühlte ich mich besser und losgelöster. Irgendwie war ich nicht einmal traurig, denn ich hatte nichts verloren.

Abschied von dir

 
Jetzt sitze ich hier alleine an deinem Geburtstag und kann nichts tun, denn vor einigen Stunden habe ich ernsthaft beschlossen, dich ab jetzt in Ruhe zu lassen. Bis du dich meldest. Irgendwann vielleicht. Oder auch nicht. Du entscheidest. Ich dachte, es ist die einzig beste Lösung – momentan. Aber noch habe ich keine Ahnung, wie lange dieser Moment dauern wird. Wahrscheinlich Monate, oder länger, wenn du mich vergisst. Dir wird es sicher leichter fallen, als mir. Weil ich nicht weiß, wie ich dich je vergessen soll. Obwohl wir uns gar nicht richtig kannten, dabei hätte ich gerne mehr über dich erfahren.

Nun sitze ich hier am Küchentisch mit meinem halbharten Brötchen, das ich heute Morgen nicht mehr geschafft habe, da mein Appetit weg war, nachdem ich dir die Glückwünsche zum Geburtstag sendete. Du hast nicht geantwortet und wirst es bestimmt auch morgen nicht tun, wenn du wieder nüchtern bist und vielleicht mehr Zeit hättest. Und vielleicht bist du sogar froh, dass ich mich so unerwartet von dir verabschiedet habe. Endgültig. Eine Last weniger für dich und keine nervigen Mails mehr jeden Tag, in denen eh immer dasselbe stand. Ich verhielt mich manchmal wie ein Kind, das jeden Tag drängelte und deine Aufmerksamkeit wieder gewinnen wollte, die schon mal da war, anfangs. Aber ich schaffte es nicht mehr und du bliebst stumm. Aus gutem Grund, wie du meintest. Du wolltest keine Nähe, weil es nicht ging. Dein Leben befand sich im Zeitmangelzustand und andere Dinge mischten sich ein.

Jetzt kann ich nichts mehr tun. Ich habe mir selber verboten, dir zu schreiben und darf nichts mehr sagen. Nicht mal ein Foto werde ich dir schicken. Gar nichts. Es wird so sein, als wäre nie etwas gewesen zwischen uns und wir bleiben uns fremd.

Mein heutiges Versprechen muss ich einhalten, bis du mich irgendwann von diesem Schweigen erlöst und alles anders wird.

Mich erfüllt eine Leere, da mir klar ist, dass ich auf keine Nachrichten mehr warten brauche, denn du wirst dich nicht melden. Schließlich gibt es noch genug andere Frauen. Alles lässt sich ersetzen, wenn auch anders. 

Du fehlst mir. Die letzten Stunden waren komisch, und das war erst der Anfang. Es ist nicht leicht, starke Gefühle zu überwinden.