Schlagwort: 42

  • Geburtstag 

     

    Der Chef hatte Geburtstag und das kleine Mädchen wollte ihm unbedingt etwas Gutes tun, da er viel Geduld besaß und versuchte, sie mit ehrlichen Worten in die richtige Richtung zu lenken. Leider vergebens, da sie in ihrem jungen Alter noch zu viel lernen musste und seinen Rat somit kaum befolgen konnte, obwohl sie dachte, sie würde sich genug anstrengen. Aber als sie merkte, dass sie dies gar nicht tat, wurde sie nachdenklich und war traurig über all ihre Worte, die eigentlich nur schillernde Seifenblasen waren. All ihre Versprechen zerplatzten noch am selben Tag und der Chef glaubte ihr bald nicht mehr. Ihm fehlten die Worte und er sah keinen Reiz mehr darin, alles erfolglos zu wiederholen. Das kleine Mädchen war enttäuscht von sich selber, da sie ihren Chef mit ihrem Verhalten immer mehr verärgerte, anstatt ihn glücklich und zufrieden zu machen. Sie schämte sich oft dafür. Und sie schämte sich immer wieder.

    Sie suchte nach passenden Worten, aber es gab keine mehr. Es gab keine Worte, die ihr teils unüberlegtes Handeln entschuldigen konnten und sie fühlte sich wehrlos. Sie war gefangen in ihrer eigenen Dramaturgie, die immer mehr in den Abgrund stürzte.

    Zwischen dem Chef und dem Mädchen herrschte ein kühles Schweigen. Jedes neue zwanghafte Versprechen wirkte nahezu lächerlich und der Chef glaubte nicht an Besserung oder gar Veränderung. Es war alles so, wie es war. Die Realität ließ sich nicht überlisten.

    Das Mädchen sollte sich lieber jemand anderen suchen, denn der Chef wollte mit Instabilität nichts mehr zu tun haben und drohte streng mit Rückzug. Akzeptanz hieß das neue Zauberwort, das wie Gift schmeckte und gar tödlich schien. Aber das Mädchen musste die bittere Akzeptanz schlucken. Zusammen mit dem Willen, sich zu ändern. Sie wusste, dass ihr nichts anderes übrig blieb, um ihren Träumen wieder näher zu kommen. Sie wollte dem Chef gefallen und ihm zeigen, dass sie zaubern und anders sein konnte. Sie wollte ihn überraschen.

    Als der Chef Geburtstag hatte, fielen dem Mädchen viele Dinge ein, die ihm Freude bereiten würden. Dinge, für die es jedoch keinen Weg gab. Also mussten es Worte sein. Aber die ließen sich auch diesmal nicht finden. Es war bereits alles gesagt, was nicht gesagt werden durfte und andersrum.

    Darum war Schweigen die bessere Alternative, bevor das kleine Mädchen mit ungezogenen Komplimenten erneut im Sog der Verbote versank und in der Ignoranz des Chef’s ertrank.

    Das Mädchen wollte dem Chef gerne etwas Großes und Bedeutungsvolles schenken. Keine Worte, sondern mehr Vernunft. Dazu gehörten Dank und Einsicht (Selbstreflexion).

    Dank für den starken Charakter und das anziehende Aussehen ihres Chefs, sowie seine sexuellen Vorlieben. 

    Und Einsicht für ihre übertrieben emotionalen Fehltritte, die sich inzwischen dreckig anhäuften. Ihr Chef empfand das alles als sehr unpassend und versuchte, das Verhältnis zwischen ihnen in einfach formulierten Sätzen zu kündigen, damit sie es besser verstand. Zum Bedauern ihres Chef’s verstand sie es nicht. Sie wollte es mit Absicht nicht verstehen und tat stattdessen etwas anderes – sie dachte über mehrere Tage tiefgründig nach und suchte nach einer Lösung. Sie brauchte ihren Chef, denn er war ihr wichtig und sie schaute insgeheim zu ihm auf.

    Als sie etwas angetrunken war, schrieb sie ihm einen persönlichen Brief.

    ‚Sehr geehrter Chef,

    Sie werden mich nie mehr wiedererkennen, weil ich ab jetzt so tun werde, als wäre ich plötzlich erwachsen..obwohl ich es nicht bin,..innerlich wie äußerlich.

    Ab jetzt bin ich das devote Mädchen, das sich lieber zurückzieht und geduldig wartet, bis Sie mich nach dem Kaffee tröpfchenweise mit Eierlikör abfüllen und wir dann in Ihrem Wohnzimmer ‚Mädchen und Chef‘ nach Ihren Regeln spielen.

    …Oh Mann, ich wäre so gern Ihr kleines Mädchen, an dem Sie sich gewaltig vergehen und sich dabei vollkommen vergessen. 

    P.S.: Eigentlich hätte ich Ihnen gerne noch gesagt, dass Sie mit zunehmendem Alter immer attraktiver werden, denn 42 Jahre wirken auf mich umso reizvoller und es gefällt mir, dass es jedes Jahr mehr Jahre werden.

    Ich wünsche Ihnen alles Gute zum Geburtstag mit viel Glück und Erfolg und bitte bleiben Sie noch ganz lange gesund, damit Sie mich als Krankenschwester niemals brauchen.‘

    Das kleine Mädchen bemühte sich von nun an sich in seiner Gegenwart zusammenreißen, denn woanders war es nicht nötig. Sie wollte nicht mehr überreagieren und ihren Chef unter Druck setzen. Sie wollte nicht mehr so sein, wie sie die letzten Monate zu ihm war. Sie wollte wieder sie selbst sein und kein gestörtes Bild mehr von sich abgeben. Der Chef sollte sie endlich so kennenlernen, wie sie – eigentlich – wirklich war.

    Das Mädchen wusste, dass sie dem Chef nur gefallen konnte, wenn sie brav war und sich dementsprechend gehorsam verhielt. 

    Sie wollte ihm zeigen, dass sich das Abwarten lohnte und in der Zwischenzeit nichts Komisches mehr geschah.

    Ihr Chef hätte zwar ihre Abhängigkeit von ihm verdient, da sie ihm gehören wollte. Aber das kleine Mädchen entschied sich für die emotionale Unabhängigkeit. 

    Danach passte es allmählich.

    ***

    Wie konnte ich mich auf Zahlen konzentrieren, als ich dir gegenüber saß und benommen deinen Gin trank. 

    ***

    Auf Wiedersehen.

    Es gibt nie falsche Zeitpunkte. Vielleicht merkst du es irgendwann, wenn du dich an mich erinnerst und spürst, dass jemand fehlt.

    Teste mich so lange, wie du willst – danach wird alles anders sein.

    Dieses Versprechen schenke ich dir.

    Du hast mir viele Chancen gegeben, die ich nicht genutzt habe und ich bereue alles so wahnsinnig, dass es wehtut.

    Ich weiß, dass du konsequent bist. Aber lass mich bitte nicht für immer gehen.