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Persönlicher Blog

  • Sexbulimie

    Und weil’s so schön war, gleich noch einmal.

    Sexbulimie

    Es ist spät am Abend.

    Ich komme psychisch kaputt von der Arbeit, lege mich auf die Couch, lasse mir von meinem Kater in die Füße beißen und schaue mir eine überflüssige TV-Sendung an, die nicht meinem Geschmack entspricht.

    Während ich geistig abschalte, versuche ich ein wenig Vorfreude aufkommen zu lassen, denn mein Freund kommt gleich. Wir haben uns spontan verabredet, da er viel arbeitet und wenig Zeit hat. Meistens arbeitet er nachts.

    Bald klingelt es an der Tür und mein Kater ist schneller dort, als ich. Er schaut erwartungsvoll zur Türklinke hoch und wittert Freiheit. Seine Augen werden ganz groß.

    Mein erster Gedanke ist Sex.

    Als ich die Tür öffne, reicht mir mein Freund zuerst eine Flasche Rotwein entgegen, bevor er mich begrüßt. Mein Kater sieht den offenen Türspalt und ich schiebe ihn leicht mit dem Fuß in Sicherheit. Einmal schaffte er es schon, zu entkommen und war flott auf der Treppe in Richtung Eingangstür unterwegs. Ein ziemlicher Schreck, da ich gleich in der ersten Etage wohne und gerade zur Arbeit musste. Da er damals noch klein war, ließ er sich noch rechtzeitig einfangen. Ein Glück, mein Herz schlug mir in dem Fluchtmoment bis zum Kopf. Die Angst, den halbwüchsigen Kater nicht aufhalten zu können, war riesig. Heute kenne ich sein Verhalten bestens und sehe die Gefahren, bevor sie zur Realität werden.

    Ich stelle die Flasche auf der Anrichte in der Küche ab. Ein guter Wein, stelle ich fest, als ich prüfend auf das Etikett sehe, um die Qualität abzuchecken. Aber eigentlich habe ich keine Ahnung, worum es sich tatsächlich handelt. Alkohol ist mir egal, ich probiere alles gerne aus.

    Wir sind zum Kochen verabredet, da darf Alkohol natürlich nicht fehlen. Ein Glas Rotwein genügt schon, um den Kochabend zu vergessen und meine Körpertemperatur ansteigen zu lassen. Weiß nur keiner, außer ich.

    Ich habe alles für einen perfekten Abend vorbereitet und sogar einen Kuchen gebacken. Einen Schokokuchen aus einer Fertigbackmischung und Muffins. Einfach anspruchslos, aber lecker. Den Unterschied merkt sowieso keiner.

    Heute Abend soll es Nudeln geben. Nudeln sind immer gut und können mit viel Fantasie für erotische Assoziationen sorgen, wenn man sie nett anrichtet.

    Ansonsten fällt der Rest unserer Begrüßung recht kurz und bescheiden aus.

    Wir schauen uns in die Augen und leiten den Abend mit einer eher freundschaftlichen Umarmung ein. Mein Kater beschnuppert meinen Freund ausgiebig am Hosenbein und schleicht um ihn herum. Die beiden kennen sich noch nicht.

    Wir gehen in die Wohnstube und unterhalten uns über den Tag. Klar gibt es viel zu erzählen, aber es kommt nicht dazu. Irgendwas steht in der Luft, ich merke es gleich. Nach zehn Minuten fallen wir wild übereinander her. Wahrscheinlich habe ich wieder zu eindeutige Signale durch mein Aussehen gesendet. Mein Freund schwärmt immer von meinen süßen Lippen.

    Auf einmal fange ich an zu lachen, obwohl wir uns mitten in einer Knutscherei befinden. Ich sehe, wie mein Kater uns mit weit aufgerissenen Augen beobachtet und ziemlich kritisch dabei aussieht. Oben auf seinem Kratzbaum sitzt er. Ich fühle mich ein bisschen komisch dabei, obwohl ich weiß, dass meinem Kater der menschliche Verstand fehlt. Aber sein feiner Instinkt und sein Geruchssinn überschatten uns. Wir küssen trotzdem weiter, da es Unsinn ist, sich von einem Tier beeinflussen zu lassen.

    Irgendwann reicht es mir. Ich schlage vor, ins Schlafzimmer zu gehen, obwohl ich eigentlich noch gar nicht will. Schließlich weiß ich schon, wie es dann weitergeht. Schlafzimmer bedeutet immer Sex, ob man will oder nicht. Ich bin an diesem Abend sowieso nicht der Herr der Lage und habe nichts zu sagen. An diesem Abend werde ich verführt und zwar richtig. Ich kann meinen Freund jetzt nicht daran erinnern, dass wir kochen wollten. Nein, ich gebe mich der Situation so hin, wie sie gerade kommt. Es läuft nicht immer alles nach Plan, es muss auch Platz für Spontanität sein. So wie heute.

    Und außerdem habe ich heute schon Mittag gegessen, vor vielen Stunden. Das reicht.

    Meinetwegen hätten wir noch eine Weile reden können. Nur über was?

    Ein komischer Abend. Wir hatten uns diesmal nichts zu sagen.

    Im Schlafzimmer geht es unmittelbar weiter in die nächste Runde.

    Das Licht muss ich aus Sicherheitsgründen auslassen, denn mein Zimmer ist nicht erwachsenentauglich eingerichtet. Wozu auch, ist schließlich meine Wohnung und wenn ich einen Spleen für Schafe habe, dann ist das nun mal so. Im Dunkeln sieht sie niemand, höchstens die Leuchtsticker an der Wand, wenn sie vorher lange genug von der Nachttischlampe angestrahlt wurden. Denn damit sie leuchten können, brauchen sie vorher viel Licht. Licht, das es heute nicht mehr geben wird.

    Wir küssen uns sehr lange. Ich frage mich, wie lange das noch gehen soll und ob ich nicht vielleicht etwas dagegen tun kann, damit es aufhört. Zu lange Küssen törnt mich ab.

    Nach und nach wird aus der Küsserei ein ewiges Vorspiel, das kein Ende nimmt. Ich warte ab, was passiert und verhalte mich so, als ob ich wahnsinnig geduldig wäre. Unsere Hände graben und streicheln sich wild und neugierig über unsere Körper

    Irgendwann, nach einer gefühlten Stunde, haben wir Sex. Endlich.

    Hart, heftig und voller Hingabe. Beziehungsweise völlige Selbstaufgabe, denn ich kann nicht anders, als in die Passivität abzurutschen.

    Endlich werden meine Vergewaltigungsfantasien befriedigt und ich merke, wie ich zeitlich an meine Grenzen komme. Dieses Liebesprogramm dauert mir zu lange. Die pure Leidenschaft die Leiden schafft. Nun weiß ich, was an diesem Spruch dran ist.

    Ich hätte nie gedacht, dass Männer ab vierzig noch so viel Ausdauer besitzen. Mit zunehmenden Potenzproblemen hätte ich schon eher gerechnet. Vor allem bei Rauchern. Aber da es überall Ausnahmen gibt, sollte man Männer nicht alle zusammen in einen Topf schmeißen.

    Der Sex will kein Ende nehmen. Kaum zu fassen, dass ich solch lustlose Gedanken habe, obwohl ich Sex immer zu meinen Hobbys gezählt habe und überzeugt davon war, Spaß daran zu haben.

    Ich fange an, innerlich zu kochen und sage:“Hör‘ sofort auf, sonst scheuer‘ ich dir eine! Ich kann nicht mehr und hätte nie gedacht, dass Männer in deinem Alter noch so viel Energie haben. Das ist echt unmöglich, so ein Endlos-Lover zu sein.“

    Mein Freund guckt mich lächelnd an und sagt:“Ich hab‘ dir doch gesagt, dass ich topfit bin, überall.“

    Danach dreht er sich ohne weitere Wiederworte auf die Seite und ist nicht einmal böse auf mich. Andere Männer wären sicher eingeschnappt, wenn sie im Liebesspiel unterbrochen werden und wären bestenfalls sogar enorm beleidigt. Mein Freund betrachtet den Abbruch jedoch sehr gelassen und fast ein wenig oberflächlich.

    Er hat keine weiteren Argumente mehr und nimmt es so hin, dass ich ihn in seiner maßlosen Erregung gestört und sie beendet habe. Zufrieden wirkt er trotzdem und zeigt sich entspannt.

    Danach legt er sich neben mir auf die Seite, mit der schweigenden Andeutung, dass er schlafen will.

    Insgesamt ein Abend, an dem wir kaum geredet haben. Ehrlich gesagt fällt mir auch nichts mehr ein, da ich immer noch fassungslos und geflasht bin.

    Mein Freund schläft bald laut schnarchend ein. Insgeheim hatte ich gehofft, dass er es nicht tun würde und zu den Nicht-Schnarchern gehört, denn ich wache schon bei jedem leisen Geräusch auf oder kann erst gar nicht einschlafen.

    Andererseits versuche ich, mich dem Takt seines Schnarchens anzupassen und dabei einzuschlafen. Es klappt nicht.

    Ich liege sehr lange wach im Bett, bis sich ein gewisses Gefühl in mir breitmacht. Es fängt mit leisen Kopfschmerzen an, die nach und nach pochend und penetrant laut werden. Ziemlich lästig, aber ich nehme es hin, weil es nur Kopfschmerzen sind, die wieder vergehen. Bald hoffentlich.

    Auch mein Magen meldet sich zu Wort. Aus dem sanften innerlichen Beben wird ein Vulkan, der auf seinen Ausbruch wartet.

    Die nächsten Vorboten eines unvermeidbaren Brechanfalls machen sich bemerkbar.

    Das Karussell in meinem Kopf dreht sich immer schneller und droht im Speichelfluss zu ertrinken.

    Jetzt aber flott flott! Ich muss den Run zum rettenden Klo rechtzeitig schaffen, damit es nicht zu einer ekelhaften Blamage im Bett kommt.

    Schnell ziehe ich meine Hotpants und mein Herzchenhemd an, um nicht nackt durch die Wohnung zu laufen.

    Ich muss aufpassen, dass ich in der Dunkelheit nicht über meinen Freund stolpere, da ich die Allüren eines Tollpatsches habe. Konzentriert schreite ich fix über ihn hinweg und renne ins Bad, das sich zum Glück gleich neben dem Schlafzimmer befindet.

    Das Nachtlicht glimmt in einem sanften Blau vor sich hin und zeigt mir den Weg zur Toilette.

    Doch auf einmal geht gar nichts mehr. Noch bevor ich das Klo erreiche, bricht es schon aus mir heraus. Mitten auf dem Teppich vor meiner Dusche.

    Scheiße!

    Bitte nicht, denke ich im selben Moment, in dem es schon zu spät ist.

    Da liegt nun also der Orangenreis mit verkochtem Spargel aus der Kantine in Form von Erbrochenen vor mir. Serviert mit vereinzelt ganzen Stücken. Sieht noch fast genauso aus, wie vorher, nur etwas matschiger.

    Ich nehme mir reflexartig einen Waschlappen und wische die Fliesen sauber.

    Ohne weiter nachzudenken, rolle ich den Teppich samt Inhalt zusammen und stopfe ihn in die Waschmaschine, die direkt daneben steht. Soll das Zeug dort drinnen stinken, ich werde morgen die Waschmaschine anschmeißen und hoffen, dass danach alles wieder in Ordnung ist. Erbrochenes habe ich noch nie gewaschen. Ich bin gespannt.

    Danach hocke ich mich vor die Toilette und warte auf die nächste Ladung, weil ich merke, dass mein Bauch noch mehr Saures übrig hat. Endlich habe ich genug Zeit, in Ruhe meine Klobrille zu betrachten, für die ich mal richtig viel Geld bezahlt habe. Nun bekommt sie meine volle Aufmerksamkeit und Wertschätzung. Ich schaue mir die Muscheln an, den Sand und alle anderen Details, die darin eingearbeitet sind.

    In diesem stillen Moment des Bewusstseins merke ich, wie sehr ich zittere. In meinen Fingern habe ich einen nicht-alkoholinduzierten Tremor und ich friere am ganzen Körper. Ich messe meinen Puls, um meinen instabilen Kreislauf abzuchecken. Mein Puls ist schwach und rast, als ginge es um Leben und Tod. Als ich in den Spiegel schaue, sehe ich aus, wie ein Heroin-Chic-Schneewittchen. Blasser als sonst mit verwischter Schminke und ziemlich fertig im Gesicht.

    Im Bad ist es kalt, trotz des Sommers draußen und schließe das offene Fenster, um dann die Heizung anzumachen. Danach setze ich mich wieder still vor die Toilette und warte auf Erlösung. Aber im Bauch tut sich vorerst nichts. Ich beschließe, dass es erst mal nichts bringt, die Zeit im Bad zu verschwenden und stehe wieder auf. Meine Beine fühlen sich an, wie warmer Pudding, ganz schwammig und schwach. Aber ich kann laufen, das funktioniert.

    Ich gehe in die Küche und als ich die Muffins sehe, spüre ich, dass ich Hunger habe. Schließlich liegt meine letzte Mahlzeit mehr als zwölf Stunden zurück und die Reste davon gammeln in der Waschmaschine vor sich hin.

    Ich beiße ein Stück ab und bin nach einem Happs satt, da mein Bauch, trotz Hunger, noch nicht aufnahmefähig ist. Mein Bauch zeigt mir deutlich, was er will. Er hat seinen eigenen Verstand und denkt anders, als mein Gehirn.

    Da ich mir sicher bin, dass ich in der Nacht noch mehrmals die Toilette besuchen werde, lege ich mich auf die Couch, um meinen Freund nicht zu stören. Ich wundere mich, dass er nicht wach geworden ist und mich gefragt hat, was los ist. Schließlich war ich ziemlich laut und Bad und habe damit gerechnet, dass er wach wird, bei dem brechenden Krach. Durch die kahlen Fliesen hallt es im Bad schön und die Wände sind nicht gerade schalldicht. Aber was soll’s, ich hätte ich nicht gewusst, wie ich ihm die peinliche Situation erklären soll. Wer muss schon nach dem Sex kotzen. Das ist das Letzte und die beste Demütigung für jeden Mann. Denn Kotzen ist die non-verbale und ehrliche Antwort für Missfallen.

    Ich gehe in die Wohnstube und lege mich auf die Couch.

    Mein Kater ist wach und schaut mich an, als wüsste er, dass etwas nicht stimmt. Es ist so, als wüsste er genau, was gerade los ist. Er nimmt Sicherheitsabstand und betrachtet mich eingehend aus der Ferne. Ich gucke auf mein Handy, um ein Gefühl für die Uhrzeit zu bekommen, dass ich inzwischen völlig verloren habe.

    Es ist nachts um drei, die Nacht wird noch lang sein, wird mir klar.

    Mir ist wieder eiskalt und Kälteschauer laufen mir über den Rücken. Außerdem drängen sich die pochenden Kopfschmerzen wieder in den Vordergrund, die stärker geworden sind, nachdem ich mit dem Kopf über dem Klo hing.

    Um der elendigen Kälte ein Ende zu setzen, stehe ich auf und suche meinen Kapuzenhoody mit Bandprint, den ich im Flur in der Garderobe finde. Schon beim Anziehen fühle ich mich gleich wie ein Rockstar auf Entzug.

    Ich setze mir die Kapuze auf und verkrümel mich zurück auf die Couch, wo ich unter der braunen Fake-Felldecke verschwinde, damit mir endlich warm wird. Das ist die Lieblingsdecke meines Katers und ich beschlagnahme somit sein Eigentum, da er jede Nacht auf dieser Decke schläft. Sie fühlt sich für ihn an, wie eine Katze und er liebt sie.

    Als ich unter der Decke liege, merke ich, dass noch etwas fehlt: Mein iPod. Ich muss mich dringend mit Rockmusik ablenken, um diese schreckliche Nacht überleben zu können. Im ersten Moment weiß ich gar nicht, wo er liegt. Zuerst gucke ich in der Kommode im Flur nach. Da ist er nicht.

    Dann suche ich in der Küche weiter, denn woanders kann er nicht sein. Sonst liegt er immer bei mir im Bett. Aber auf der Stelle schläft heute mein Freund, der lauter schnarcht, als die Songs auf dem iPod. In der Küche werde ich fündig. Ich finde ihn in meiner Arbeitstasche, die am Stuhl hängt.

    Nun kann ich meinen angeschlagenen Allgemeinzustand mit Musik untermalen. Damit dürfte meinem Wohlbefinden nichts mehr im Weg stehen. Bis auf die Übelkeit, die sich wieder anbahnt, als ich gerade bequem auf der Couch liege.

    Ab geht es ins Bad. Dort ist es nun wärmer, da die Heizung mittlerweile den Raum mit Wärme gefüllt hat. Ich setze mich vor die Toilette und muss nicht lange warten. Ich spucke die nächste Mittagsportion ins Klo und das Stück vom Muffin ist sicher auch mit dabei.

    Früher fand ich Kotzen schlimm und hatte Angst davor. Heute weiß ich, dass dabei nicht viel schiefgehen kann und alles ganz automatisch abläuft. Man wartet auf die Übelkeitswelle, macht den Mund auf und hustet, was das Zeug hält. Nebenbei konzentriert man sich auf die Klobrille und auf den latenten Geruch vom Duftstein, der irgendwo gut sichtbar an der Seite hängt. Gegebenenfalls natürlich. Nicht jeder gibt für solche Extras Geld aus.

    Danach herrscht wieder Ruhe. Ich bin geschwächt und frage mich, wie lange dieser Akt noch gehen soll und wie viel mein Magen noch hergibt. Schließlich war die Mittagsmahlzeit nicht besonders groß. Ich habe bisher mehr ausgekotzt, als ich überhaupt gegessen habe, fällt mir auf. Wie kann das sein? Zum Glück haben wir abends nicht mehr gekocht und auch den Wein ungeöffnet stehen gelassen. Sonst wäre alles umsonst gewesen und ich hätte es gar nicht mehr vom Klo geschafft.

    Jetzt kann ich wenigstens die Pausen zwischendurch genießen und mich meinem Kopfschmerz widmen.

    Mein Freund schläft immer noch tief und fest, der kriegt gar nichts mit. Würde ich einen Kollaps bekommen, könnte niemand mir helfen. Und ich bin sehr anfällig für Kreislaufprobleme, da ich nicht viel Fleisch auf den Rippen habe und nicht viel Stress vertrage. Okay, vertragen schon. Aber ich bin empfindlich, manchmal. Besonders jetzt, wo ich merke, dass mein Freund nicht im geringsten checkt, was los ist. Egal, ich werde ihn deswegen nicht mit Absicht wecken. Er braucht seinen Schlaf, damit er noch mehr vor Energie strotzt.

    Soll ich nun neben der Toilette schlafen oder nicht?

    Eine Frage, die ihre Berechtigung hat. Theoretisch könnte ich es mir hier gemütlich machen. Der kuschelige Teppich vor dem Klo ist aus weicher Baumwolle in nachtblauer Farbe. Die optimale Einladung für beruhigende Träume. Hätte ich eine Fußbodenheizung, würde ich dies sogar in Erwägung ziehen. Aber die weißen Fließen sind mir zu kalt, zu glatt und zu hart. Die Nacht hat mich schon genug geschunden.

    Ich tapse auf wackeligen Beinen zurück zur Couch.

    Mein Körper ist ziemlich geschädigt. Trotzdem muss ich am Nachmittag wohl oder übel zur Arbeit. Bis dahin muss alles wieder gut sein. Aber so wie ich mich kenne, werde ich die Kurve kriegen und fit sein. Auf Arbeit darf ich mir nichts anmerken lassen, denn das könnte fatale Folgen haben, bei dem Klientel, mit dem ich arbeite. Die merken alles. Vor allem, wenn etwas nicht stimmt oder anders ist, als sonst. In wenigen Stunden bin ich dem feinen Gespür fremder Leute ausgeliefert, die davon überzeugt sind, mich besser zu kennen, als ich mich selbst kenne. Fremde Leute, die ich jeden Tag sehe und mich persönlich um sie kümmere. Fremde Leute, die auf eine Art von mir anhängig sind, weil ich für sie sorgen muss, da sie es selbst nicht können oder nicht wollen. Wie auch immer.

    Auf jeden Fall muss nachher alles mit mir in Ordnung sein. Ein Krankenschein würde den gesamten Arbeitsablauf extrem durcheinander bringen und unmöglich machen. Also bin ich gezwungen, mich auszukotzen und meine Gesundheit wieder zu gewinnen. Ich möchte niemandem detailliert erklären, warum es mir so schlecht geht. Mein Arzt würde bei dieser Story knallrot anlaufen. Oder er müsste sich eventuell das Lachen verkneifen, um einigermaßen ernst zu wirken.

    Unter der Kuscheldecke fühle ich mich wohl und denke über den bevorstehenden Tag nach. Letztendlich schließe ich einfach, dass es unnötig ist, weiter darüber nachzudenken. Ich werde alles auf mich zukommen lassen.

    Ich höre den dumpfen Geräuschen meines Kopfes stattdessen lieber zu. Achtsamkeitstraining mal anders. Ich konzentriere mich nur auf meinen Kopf. Er pocht und klopft unaufhörlich. Natürlich kann ich auch eine Tablette schlucken, aber allein bei der Vorstellung wird mir übel. Mein Bauch muss erst mal von weiteren Ballast verschont bleiben. Auch eine winzige Tablette ist Ballast. Außerdem haben meine Schmerztabletten das Mindesthaltbarkeitsdatum bereits überschritten, weil ich zu selten krank bin. Würde ich sie einnehmen, könnten sie doppelt so gut wirken oder eben gar nicht. Dennoch denke ich nicht daran, sie wegzuschmeißen.

    Ich schließe meine Augen und versuche, in den Schlaf zu finden.

    Ja, ich bin müde, aber meine Symptome halten mich davon ab, einzuschlafen. Schließlich darf ich mir diese körperlichen Highlights nicht entgehen lassen, so selten, wie ich sie spüre. Ich fühle mich wie in einem farbenfrohen Feuerwerk aus Gedanken, Schmerzen und anderen Beschwerden.

    Vielleicht übertreibe ich auch ein bisschen.

    Draußen wird es inzwischen allmählich hell und die Vögel kündigen den Morgen an. Die dunkelbraunen Vorhänge in meinem Wohnzimmer filtern das Licht auf eine dezente Weise. Ich mag es lieber es dunkler und unaufdringlicher in meiner Wohnung.

    Irgendwann, wohl gegen sechs Uhr, schlafe ich ein, ohne es zu merken. Ich hätte nicht gedacht, dass ich es noch schaffe, paar Stunden Schlaf abzukriegen. Aber ich bin einfach nebenbei eingeschlummert.

    Dann werde ich wieder wach, weil ich ein leises Geräusch hinter mir wahrnehme. Zuerst bin ich mir nicht sicher, ob ich etwas gehört habe und bin ein wenig verwirrt, bis ich meinen Freund an der Wohnstubentür stehen sehe. Er wundert sich bestimmt, was ich hier allein auf der Couch suche und warum ich nicht im Bett bin.

    „Guten Morgen“, sagt er und ich antworte mit den gleichen Worten. Ich schaue auf die Uhr. Es ist gerade mal um acht. Dann fällt mir sofort wieder ein, dass ich um dreizehn Uhr arbeiten muss und denke an den fehlenden Schlaf.

    Die Kopfschmerzen sind weg, das ist das Erste, was ich spüre. Aber insgesamt fühle ich mich nicht gut.

    Mein Freund ist gerade abgelenkt und vergnügt sich mit meinem Kater, der morgens besonders in Spiellaune ist. Nebenbei versuche ich meinem Freund zu erklären, was los ist und versuche, den richtigen Einstieg zu finden.

    Ich sage: „Warum bist du schon so früh wach?“

    Er sagt: „Ich stehe meistens so früh auf und heute muss ich noch einiges zu Hause tun.“

    Ich: „Okay, verstehe. Sorry, wegen letzter Nacht. Ich weiß ja nicht, ob du irgendwas mitgekriegt hast?“

    Er: „Nee, warum? Ist was passiert?“

    Ich: „Naja, mir ging’s nicht so gut und ich hab‘ die Nacht auf dem Klo verbracht.“

    Er: „Oh, das ist aber nicht schön! Hast du vielleicht was Falsches gegessen?“

    Ich: „Keine Ahnung. Mir ging’s auf einmal total schlecht. Wurde immer schlimmer.“

    Während ich erzähle, freut sich mein Kater über seinen neuen Spielgefährten. Die beiden lassen sich durch meinen angeknacksten Zustand nicht stören. Ich schaue dabei zu, wie sie sich amüsieren und versuche gleichzeitig, mich zu verstecken, weil ich mich so unwohl und hässlich fühle. Wie schlecht ich aussehe, kann ich mir schließlich denken, denn dafür kenne ich mich zu gut.

    Dennis sagt: „Okay, dann versuche noch ein bisschen zu schlafen. Schließlich musst du nachher zur Arbeit. Deswegen will ich dich jetzt nicht weiter stören und dich von deinem Tagesablauf abhalten.“,

    Das ist ein guter Vorschlag von ihm, obwohl ich mir gestern noch vorgestellt habe, wie wir zusammen frühstücken und noch seine üblichen Standard-Frühstücks-Lebensmittel besorgt habe. Ja, ich habe mir vor dem Treffen richtig Gedanken gemacht. Daran sieht man, dass nichts planbar ist. Es kann immer etwas Unerwartetes dazwischen kommen.

    Ich stehe von der Couch auf, um mich gleich von Dennis verabschieden zu können. Meine Beine wollen noch nicht so richtig in die Gänge kommen und insgesamt fühle ich mich wie ein ferngesteuerter Roboter, ohne Herz und Gehirn. Ich stehe völlig neben mir. Alles wirkt unecht, weil alles anders ist, als erwartet.

    Da in der Küche noch die Muffins und der Kuchen stehen, biete ich meinen Freund an, alles mit nach Hause zu nehmen. Eigentlich bestehe ich sogar darauf, denn ich habe das Zeug nur für ihn gebacken, weil er so gerne Süßes mag und ich habe schon vorher angekündigt, dass ich eine Überraschung für ihn habe. Auch seine Lieblingsschokoriegel, auf die er sonst so heiß ist, liegen unangerührt auf dem Tablett. Was ist nur los? Ich hätte eher mit einem Fress-Flash gerechnet, als mit Ignoranz.

    Wir beide stehen in der Küche und gucken uns das verlassene Backwerk an.

    Dennis nimmt ein Stück Kuchen und einen Muffin. Beides wird noch vor Ort verspeist und mit einem ‚Lecker‘ kommentiert.

    Ich sage: „Du kannst das alles mitnehmen“

    Aber dann steht Dennis schon im Flur und zieht sich seine Schuhe an.

    Okayyy, denke ich. Mein bester Kumpel ist da anders, der nimmt den Kuchen immer mit. Allerdings hat er mich schon als Mutti beschimpft, wenn auch gut gemeint.

    Ich gehe mit gesenktem Blick zu Dennis in den Flur, um mich bei ihm zu verabschieden. Mit meinem schrecklichen Aussehen im Hinterkopf. Hoffentlich verträgt er die ungeschminkte Wahrheit, denn ich weiß nicht, ob er mich ungeschminkt schon mal gesehen hat, da ich sonst morgens rechtzeitig im Bad verschwinde.

    Der morgendliche Abschied fällt genauso kurz aus wie die abendliche Begrüßung.

    Kurze Umarmung, Küsschen und ab geht’s. Blitzschnell ist er weg und lässt mich im Flur zurück.

    Mir ist das gerade relativ egal, weil ich nur an mich denke. Meine Bedürfnisse übertrumpfen meine Gefühle gnadenlos.

    Dann besuche ich wieder den meist besuchten Ort, das Bad. Die nächtlichen Gerüche sind bereits verflogen und nichts erinnert mehr an das Brech-Massaker, bis ich den fehlenden Teppich vermisse, der mich daran erinnert, die Waschmaschine anzuschalten. Kein Ding, schnell erledigt.

    Danach geht es endlich unter die Dusche, die ich dringend brauche, um mir die dreckige Nacht von der Haut zu schäumen. Wenn sie vollständig im Abfluss verschwunden ist, dann ist alles gut.

    Ungefähr eine halbe Stunde stehe ich in der Dusche. Zwischendurch setze ich mich hin, um mir das heiße Wasser über den Rücken prasseln zu lassen. Das Wasser ist so heiß, dass es mich normalerweise fast quälen würde. Aber heute tut es gut, da ich lange genug gezittert habe und Wärme brauche. Außerdem hilft mir die hohe Wassertemperatur dabei, meinen Körper so zu spüren, wie er ist: heiß.

    Als Ersatz für meinen Duschteppich, habe mir ein Handtuch auf den Fußboden gelegt. Aber das kann den Teppich längst nicht ersetzen. Das Handtuch soll lediglich die Rutschgefahr ein wenig eindämmen und mir die Füße trocknen. In meinem Bad herrschen nun tropische Temperaturen mit einer hohen Luftfeuchtigkeit, die meinen Spiegel beschlägt. Ich ziehe die Klamotten von gestern Abend an, die chaotisch zusammengeworfen auf der Waschmaschine liegen. Meine nassen Haare lasse ich erst mal so trocknen, die kann ich später notfalls immer noch föhnen. Ich habe jetzt keine Lust auf Haare und Schminken, sondern will mich einfach nur von der stressigen Liebesnacht ausruhen. Bevor ich das Bad verlasse, öffne ich wieder das Fenster, um den Dunst in die Freiheit schweben zu lassen, weil ich keinen Schimmel haben will. Wärme und Feuchtigkeit sind das beste Duo, um sich seine Wohnung zu verseuchen. Wer krank werden will, sollte sich daran unbedingt erinnern.

    Bevor ich an mich denken kann, springt mir schon mein Kater vor die Füße, der auf sein Frühstück wartet. Also gehe ich dem üblichen Ritual am Morgen nach. Ich wasche sein Porzellan-Napf gründlich aus, mache sein herzhaftes Tüten-Fleisch hinein und streue Trockenfutter als Topping rüber. Mein Kater zeigt mir seine Freude, indem er sich permanent auf den Boden rollt und knurrende, murmelnde Geräusche von sich gibt. So richtig weiß ich aber bis heute nicht, ob das wirklich ein Ausdruck von Freude ist. Vielleicht hat er auch einfach einen Schaden. Kein Wunder, wenn er sich mit mir die Wohnung teilt.

    Nachdem er versorgt ist und sein Fressen mit Vorsicht begutachtet, kann ich mich endlich um mich kümmern. Ich bevorzuge lieber die Couch, als das Bett. Kann mir gerade nicht vorstellen, mein Schlafzimmer überhaupt noch mal zu betreten, nach der wilden Aktion. Im Moment will ich gar nicht mehr an Sex denken. Ich bin satt.

    Ich verkrieche mich unter die Kuscheldecke und hoffe, dass mein Kater nicht von oben raufspringt. Dadurch gelingt es ihm immer, mich zu erschrecken und wenn er ungünstig landet, ist es sogar unangenehm. Casimir ist aber selber müde und liegt ergeben auf dem Rücken mit zusammengerollten Pfoten am Ende der Couch, wie ich sehe. Alles in Ordnung, keine Gefahr, gestört zu werden.

    Endlich Abschalten, die Uhr ist neun. Bis um elf kann ich mich entspannen.

    Ich vergewissere mich, ob iPod und Handy griffbereit neben mir liegen. Außerdem stelle ich mir den Wecker, falls ich einschlafen sollte, was gut möglich ist. Wenn ich Kopfhörer in den Ohren habe, werde ich ihn wohl kaum hören, also lege ich meine Handy auf den Bauch, um die Vibration zu spüren. Falls ich nicht zu tief schlafe. Gleichzeitig sehe ich auch, dass ich keine neue Nachricht von Dennis habe. Okay, abwarten. Er wird sich schon noch melden, um sich nach meinem bescheuerten Befinden zu erkundigen. Innerlich macht sich eine Leere breit, die meine Gedanken mit Nichtigkeit überschwemmt. In dem Augenblick weiß ich nur, dass alles egal ist und es sich nicht lohnt, zu denken. Außer an den bevorstehenden Arbeitstag.

    Die Musik verwöhnt meine Ohren und meine Seele. Ich schließe die Augen und lege meinen rechten Arm über die Stirn. Nach jedem Song merke ich, wie schnell die Zeit vergeht. Nebenbei kümmere ich mich um die Neuigkeiten auf meinem Handy, aber die Nachricht, auf die ich eigentlich warte, trifft nicht ein. Wir schreiben zwar sonst auch nicht besonders viel, weil wir die Treffen eher vorziehen, als unpersönliche Textnachrichten. Aber er er könnte wenigstens kurz zeigen, dass er da ist. Was soll’s, der Typ ist älter und hat genauso viel um die Ohren, wie ich. Obwohl ich diejenige bin, die am meisten zu tun hat. Beruflich wie privat. Und jetzt, wo es mir schlecht geht, bin ich in meiner Tätigkeit eingeschränkt.

    Meine Stunden der Entspannung sind also auch mit Minuten der Warterei gefüllt. Oder wohl eher mit Erwartung, denn Warten an sich tue ich selten. Ich nehme alles so hin, wie es gerade kommt. Ob gut, ob schlecht, nichts passiert ohne Grund.

    Gegen elf mache ich mich im Bad fertig, obwohl ich immer noch der Meinung bin, dass es nichts zu retten gibt, wenn ich in mein Gesicht blicke. Inzwischen sieht es wieder lebendiger aus, aber die frische Gesundheit lässt sich darin nicht erkennen. Höchstens, wenn man einen Profi-Make-Up-Artisten an seiner Seite hat, der zaubern kann. Ich wasche mein Gesicht mit kaltem Wasser, um die Durchblutung ein bisschen anzuregen, damit es einen leicht rosigen Teint bekommt. Das anschließende Seesand-Peeling setzt noch einen drauf und sorgt für ein super Ergebnis. Mein Gesicht ist tatsächlich nicht mehr ganz so blass. Dann lasse ich die hautverjüngende Creme einziehen und setzte mit der Schminke die letzten Akzente der Schönheit. Auf der Creme ist nicht einmal eine Altersbegrenzung vermerkt und ich bin noch nicht mal dreißig. Zwar habe ich keine Falten, aber weil ich trotzdem wissen wollte, ob sie wirkt, habe ich sie gekauft. Ich bilde mir ein, jünger zu sein, als ich bin. Aber das funktioniert auch ohne Creme sehr gut.

    Danach föhne ich mir die Feuchtigkeit aus den Haaren und stecke sie zu einem Zopf zusammen, damit ich mir das lange Kämmen sparen kann, aus zeitlichen Gründen. Die Musik aus dem Radio, die die ganze Zeit im Hintergrund lief, hat mich geistig richtig auf Trapp gebracht und ich bin wach.

    Eigentlich ist nun alles so, wie sonst auch. Nur die Erinnerung bleibt erhalten.

    Ich gehe in die Küche, um mein Wohlbefinden kurzzeitig mit Kuchen zu steigern und langfristig zu ruinieren. Der Kuchen und die Muffins wurden von mir für meinen Freund gebacken, nicht für mich.

    Warum konnte er ihn nicht einfach mitnehmen. Jetzt stopfe ich mir die Hälfte des Kuchens binnen weniger Minuten in den Mund und wie immer fällt der Genuss kürzer aus, als das schlechte Gewissen und der Hass, den Überblick über die Kalorien zu verlieren. Danach nehme ich mir fast zwanghaft noch drei Muffins und verzehre sie, ohne sie zu achten. Ich stehe wie ein gieriger Fresssack in der Küche und fresse mit abgeschalteten Gehirn. Theoretisch ist es richtig, was ich tue, weil mein Körper Energie braucht. Aber diese Energie in Form von Fett und Zucker ist falsch, denn leere Energie macht dick und mein Körper kriegt keine wichtigen Nährstoffe, die er heute gebraucht hätte. Die Obstschale steht auf dem Tisch. Sie steht dort und ich sehe sie. Aber den Kuchen nehme ich intensiver wahr, denn der Kuchen ist meine Obsession, der manchmal besser schmeckt, als Sex.

    Bei Kuchen verliere ich den Verstand, egal, wie viel ich über seine Zutaten weiß. Die werden so lange ausgeblendet, bis ich satt bin und zwar erst, wenn der ganze Kuchen in meinem Bauch ist.

    Dennis hätte ich diesen Fress-Flash eher gegönnt. Wir sind zwar beide schlank, aber er hat kein schlechtes Gewissen danach. Das ist der Unterschied. Neben dem Kuchen steht noch das Tablett mit den Schokoriegeln. Die Sorte mag ich zwar nicht besonders, aber das zählt gerade nicht. Hauptsache Schokolade, das ist alles, was ich nach dieser Nacht mehr oder weniger brauche. Ich brauche den Schokokram, um seelische Missstände zu begleichen. Die körperlichen Defizite rücken erst mal dezent in den Hintergrund. Morgen werde ich mich um sie kümmern und sie mit Vitaminen versorgen. Aber heute fresse ich mich mit Schokolade voll.

    Von den Muffins lasse ich mir ein paar für den Abend übrig. Wenn ich jetzt noch mehr esse, bin ich zu voll, um mich den anspruchsvollen Anforderungen auf Arbeit gerecht zu werden und kann mich nicht mehr schnell genug bewegen, wenn es heikel wird. Bei uns ist es immer heikel und überall lauert die Gefahr. Ich gehe einem risikobelasteten Job nach, da kann ich es mir nicht leisten, den Bauch voller Kuchen und Muffins zu haben, ganz zu schweigen von den karamellgefüllten Schokoriegeln. Ich hasse Dennis dafür, dass er das sündenbelastete nicht mit genommen hat. Sicher hat er es nur gut gemeint, damit ich auch etwas davon habe. Etwas hätte schon gereicht, aber nicht alles. Ich habe den Kuchen gebacken, damit er sich seine Nachtschicht versüßen kann.

    Kuchen, Zigaretten und Kaffee sind die Ideallösung für lange Nächte, in denen hohe Konzentration gefragt ist. Dazu noch die Packung Schokoriegel und niemand hätte Schaden davongetragen.

    Aber nun ist alles anders.

    Ich bin das geschädigte Opfer. Erst die lange Sexnacht, dann die elendige Kotzerei danach und zum Schluss ein fetter Fressanfall deluxe. Irgendwie ist mir zum Heulen. Aber irgendwie auch nicht. Selbst dran Schuld, sage ich mir auf einmal selbstbewusst ins Gesicht.

    ‚Selbst dran Schuld, junge Frau!

    Warum tun Sie sich das auch an? Sie können doch nicht so unachtsam mit sich umgehen!

    Das haben Sie doch gar nicht verdient! Ihr Körper ist wertvoll, er ist einzigartig. Also fangen Sie an, ihn auch so zu behandeln! Ihr Körper ist der Ausdruck Ihres Innenlebens. Er speichert alles ab, was Sie ihm antun. Nur manchmal ist es nicht gleich sichtbar.

    Ihr Körper vergisst nie. Heilen Sie ihn mit Selbstachtung.‘

    Okay, nun ist es zu spät und das Gefühl, mich übergeben zu müssen, kann ich nicht auf Knopfdruck auslösen. Will ich auch gar nicht, weil ich dann eine krankhafte Ess-Brech-Sucht hätte, die ich nicht gebrauchen kann.

    Ich trinke noch einen Schluck Vanille-Soja-Milch und packe meine Arbeitssachen zusammen.

    Casimir hält seine Ruhezeit ein und bleibt regungslos auf der Couch liegen, während er mich mit halboffenen Augen trotzdem heimlich beobachtet. Er hat genug Futter und Wasser, damit wird er auch ohne meine Gesellschaft über die Runden kommen. Auch, wenn er ungern alleine ist und dann aus purer Rebellion die Tapeten in Fetzen von den Wänden reißt, die ich dann mit Kraftkleber wieder an die Wand puzzeln darf. Seitdem der Balkon mit einem Netz abgesichert ist und er ein Stück Freiheit erleben darf, zeigt er dieses unmögliche Verhalten jedoch seltener, weil er dadurch ausgeglichener geworden ist. Vermute ich.

    Ich ziehe mir nur eine Pulloverjacke über, weil es heute sehr warm ist und binde mir ein blaues Stricktuch um den Hals. Ohne komme ich mir irgendwie nackt vor.

    Auf dem Rad fahre ich zur Arbeit quer durch die Stadt. Ich muss teilweise aufpassen, dass ich niemanden anfahre, denn um die Mittagszeit ist hier viel los und ich muss im Slalom um die Menschen fahren, was mir bisher immer gut gelungen ist, weil ich keine Haftpflichtversicherung habe. Ich vertraue meiner Vorsicht und meinem Gespür für Gefahr.

    Mein Weg zur Arbeit ist nur kurz. Und das ist der Nachteil, denn ich brauche vor und nach der Arbeit immer noch ein wenig Zeit für mich, die ich meist mit Musik hören verbringe. Optimal wäre eine halbe Stunde Fahrtweg. Aber nun sind es gerade mal zehn Minuten, die müssen reichen.

    Okay, was soll’s. In den nächsten Jahren werde ich bestimmt einen Umzug in Erwägung ziehen.

    Als ich meine Arbeitsstelle erreiche und mein Fahrrad anschließe, kann ich den Schichtwechsel live durch die undichten Jalousien der Fenster miterleben.

    Natürlich weiß ich, dass ich weggucken muss und tue es auch anständig. Vor mir liegen genau die Männerumkleiden. Den Männern ist anscheinend nicht bewusst, dass man von draußen in den Raum sehen kann, weil das Licht brennt und den Raum provokant erleuchtet.

    Dann schließe ich die Tür auf und betrete den Eingangsbereich meiner Arbeitsstelle. Gleichzeitig werde ich mit vielen unterschiedlichen Düften Konfrontiert. Deogeruch, Mittagessen und allen Formen von menschlichen Ausscheidungsmöglichkeiten.

    Ich gebe auf der silbernen Mini-Tastatur den Geheim-Code zum Umkleideraum ein, obwohl ich den Raum auch aufschließen könnte, um meine Finger nicht mit etlichen Coli-Bakterien zu kontaminieren.

    Und: Das Licht bleibt aus, denn ich möchte nicht von draußen begafft werden. Ich denke, Männern fällt das Weggucken schwerer. Außerdem weiß ich, dass der Mann von der hausinternen Reinigung auf mich abfährt, weil er in meiner Abwesenheit nach mir fragt. Er versucht sich von meinen Kollegen Infos zu holen, während er mit seinem Putzwagen durch die Flure fährt.

    Nachdem ich mich umgezogen habe, gucke ich wieder auf mein Handy. Immer noch nichts von Dennis. Neben all den anderen Nachrichten fallen mir seinen fehlenden Worte sofort auf.

    Langsam könnte er sich mal melden, finde ich. Ich stecke mein Handy in die Hosentasche und nehme mir vor, mich erst mal auf meine nervlich belastende Arbeit zu konzentrieren, von der ich niemandem etwas erzählen darf, dank Schweigepflicht. Vor allem keine Details.

    Auf Arbeit ist natürlich alles wie sonst, weitestgehend. Jeder Tag ist trotzdem anders. Immer können schlimme Dinge passieren. Aber nichts ist so schlimm, wie letzte Nacht und dieses momentane Nichts. Mein Gesichtsausdruck bleibt heute ziemlich neutral. Ohne Lächeln, ohne Traurigkeit. Obwohl ich meine Mundwinkel schon ein bisschen nach oben ziehe, wenn die Situation gerade passt oder wenn ich freundlich aussehen muss, um keinen Streit zu entfachen.

    Der Tag vergeht ansonsten wie immer.

    Abends fahre ich nach Hause.

    Habe beim Umziehen in der Umkleide extra die Jalousien richtig heruntergezogen.

    Als ich endlich wieder zu Hause bin, kann ich die vor Unaufmerksamkeit brodelnde Drama-Queen in mir nicht mehr stoppen. Mein Freund hat sich bis jetzt immer noch nicht gemeldet und ich beschließe, dass etwas nicht stimmt und dass er mich gar nicht wirklich liebt. Ja, das behaupte ich einfach, aus Trotz. Ich zweifle aus Trotz an seinen Gefühlen für mich. Vielleicht ist er doch oberflächlich. In diese harten Fakten steigere ich mich immer mehr hinein und blühe in dieser negativen Gefühlsflut richtig auf.

    Ich schreibe ihm eine SMS.

    Relativ kurz und knapp. Wie’s ihm geht und was er gerade macht und noch andere Dinge, die ihm zeigen, dass ich sauer bin. Bin gespannt, was er antwortet und ob er überhaupt schreibt. Schließlich sende ich ihm die pure Zickigkeit.

    Bald darauf kommt auch schon die Antwort, auf die ich den ganzen Tag schon warte. Und seine Antwort ist eigentlich sehr plausibel, wenn ich es mir ehrlich eingestehe. Aber im Moment zählt das nicht.

    Er schreibt:

    Ich wollte dich heute Morgen in Ruhe lassen. Mir war nicht klar, dass es dir so schlecht geht. Außerdem wollte ich, dass du dich vor der Arbeit noch ein wenig ausruhst und Zeit für dich hast. Weil es dir nicht gut ging. Tut mir Leid.

    Und ich hatte auch den ganzen Tag zu tun, bis jetzt. Nehm‘ dir das alles bitte nicht so zu Herzen. Ich habe es nur gut gemeint. Kuss und gute Besserung, Babe!

    Klar hat er recht damit. Und trotzdem wollte ich Aufmerksamkeit, weil ich mich manchmal verhalte wie ein Kind. Dagegen kann ich nichts machen, das ist so drin. Ich habe immer meinen Willen gekriegt und jeder hat sich um mich gekümmert – sofort. Nun soll mein Freund gefälligst auch für mich da sein, wenn ihn brauche und wenn’s nur per Handy ist. So what?

    Ich schmolle selbst nach seiner beruhigenden Nachricht noch vor mich hin und komme nicht runter. Wenn ich erst mal richtig koche, kann ich mich nicht so schnell in stilles kristallblaues Wasser verwandeln.

    Ich versuche, mich abzulenken.

    Dennis und ich schreiben Nachrichten, aber ich habe nur inhaltlichen Unsinn im Kopf und schreibe Mist. Nun wird er auf mich genau so sauer sein, wie ich auf ihn. Wegen einer banalen Kleinigkeit, die ich aufgebauscht habe.

    Eigentlich geht es nur um den Kuchen und um die Schokoriegel, die er nicht mitgenommen hat. Deswegen trägt er nun die alleinige Verantwortung für meinen verdammten Fress-Flash.

    Ich frage ihn, warum er den Kuchen nicht mitgenommen hat.

    Und er sagt, dass ihm nicht klar war, dass er alles mitnehmen sollte.

    Okay.

    Eine Antwort, die alles ganz einfach erklärt. Er nahm den Kuchen aus Unwissenheit nicht mit.

    Gut, nun weiß ich Bescheid.

    Und stopfe mir danach die restlichen Muffins in den Mund, weil gerade eh alles zu spät ist.

    Danach ist meine Küche wieder so, wie sie sein muss: sündenfrei.

    Um die Sünden in meinem Körper werde ich mich in den nächsten Tagen kümmern, mein Fahrrad wird mir dabei helfen. Ansonsten stehen erst mal Fitness-Tee und Obst auf dem Plan, um wieder die seelische Balance herzustellen.

    Ich sehe die Flasche Rotwein. Im Kühlschrank befindet sich außerdem noch eine Flasche Vodka.

    Die beiden Flaschen werden diesen Abend feierlich beenden. Heute bin ich einfach in der perfekten Stimmung, um mir völlig die Kante zu geben. Ohne darüber nachzudenken, was morgen ist. Morgen habe ich frei. Also steht mir kein Hindernis im Weg und ich kann machen, was ich will. Tue ich sowieso immer, nur ohne Alkohol, denn der ist nur für besondere Anlässe gedacht.

    Ich nehme die beiden Flaschen mit in mein Schlafzimmer. Den Vodka werde ich nicht pur trinken, sondern mit 100%-Organgensaft, dann ist er wenigstens noch bisschen gesund und schmeckt besser.

    Den verdorbenen Tag mit reichlich Alkohol ausklingen lassen. Wie verzweifelt ich bin. Verzweifelt über all die unklaren Gefühle, die sich in mir auftun. Eigentlich bin ich der einzige Übeltäter dieses ganzen Tages. Wäre ich halbwegs normal, hätte ich mich insgesamt ganz anders gegenüber meinem Freund verhalten. Aber ich bin nicht normal und deswegen das ist unser Beziehungsgeheimnis. Denn er steht auf meine schräge Art und auf die vielen Überraschungen, die mein Charakter liebevoll für jede Situation aufhebt. Ich bin eine lebende Wundertüte und meine Laune ist tagesformabhängig. Aber ich bin froh, dass ich so bin. Ich beneide niemanden, schon gar keine Frauen.

    Nun liege ich also auf dem Bett, mit meinen beiden Flaschen.

    Ich habe die Duftkerzen auf meinem Nachttisch angezündet, die in unterschiedlichen Aromen brennen. Die eine riecht nach milder Zitrone und die andere nach sommerlicher Meeresbrise. Beide Aromen vermischen sich in der Luft miteinander und ergeben ein neues Duftkonzept.

    Ich fühle mich wohl, inmitten dieser Duftwolke, die mein kleines Schlafzimmer lebendiger macht und mit Romantik füllt. Es geht mir gut.

    Trotzdem brauche ich den Alkohol, um zu vergessen. Ich will vergessen, was in den letzten Stunden passiert ist.

    Ich will alles vergessen und mich bitte zuerst.

    Ich möchte vergessen, dass mein Bauch ein Müllschlucker ist.

    Ich möchte vergessen, dass ich nach dem Sex kotzen musste.

    Ich möchte vergessen, dass ich schwächer bin, als mir lieb ist.

    Und ich möchte die nervige Drama-Queen tief in mir drinnen vergessen.

    Die Flasche Rotwein wird Glas für Glas geleert. In nostalgischen Gläsern, verziert mit Ornamenten und einem schimmernden Rand.

    Nein, ich trinke nicht aus der Flasche. Auch nicht, wenn ich alleine bin. Das ist mir zu arm. Ich trinke diese Flasche mit Respekt und Genuss. Danach kommt der Frust und als Ergebnis das Vergessen.

    Mittendrin lege ich mich mit dem Rücken auf das Bett und strecke Arme und Beine von mir.

    Ich spüre, wie der Alkohol anfängt zu wirken.

    Der Alkohol fließt gleichmäßig und langsam durch meine Adern. Ich merke, wie er zuerst in die Beine strömt. Zuerst in die Oberschenkel und dann zieht er weiter in die Unterschenkel. In meinem Körper macht sich eine Wärme breit, die sich gut anfühlt und meine Wangen fangen an zu glühen. Mein Gehirn bleibt allerdings noch verschont, denn auch nach dieser Flasche Rotwein bin ich fähig, vernünftig und klar zu denken. Bin gespannt, wann der Alkohol mein Gehirn und meine Gedanken lahmlegt. Wahrscheinlich wird es nicht lange dauern, denn die Wirkung setzt bei mir meist mit einem Schlag ein. Immer genau dann, wenn ich denke, noch nüchtern und alkohol-resistent zu sein.

    Ich genieße das Feeling, leicht angetrunken zu sein. Alles um mich herum wirkt etwas anders als sonst. Wie in einem Film, den ich aus einer gewissen Ferne betrachte. Ich zwar hier, aber nicht wirklich da. Und ich kann noch denken, allerdings gedämpfter. Ich bin noch in der Lage, Nachrichten zu schreiben, aber ich habe keinen Willen mehr, das zu tun.

    Keinen Willen mehr, nur der vernichtende Alkohol muss runter. Ich brauche diesen Absturz.

    In der Stille meines Zimmers kann ich den Fernseher der Nachbarn hören. Diese diffusen Geräusche aus der Wand bringen mich auf die Idee, eine CD mit derber Hardrockmusik einzulegen, damit diese Musik auf eine intensivere Art in mein verschwommenes Bewusstsein dringt. Ich kann mich gerade noch bewegen, ohne größere Probleme. An Gleichgewicht mangelt es ein wenig, aber ich kann mich gut ausbalancieren. Ist ja nicht das erste Mal, dass ich betrunken bin. Nein, der fast normale Wochenendalltag am Abend ist das sonst.

    Ich krame ein paar CD’s aus dem TV-Schrank in der Wohnstube, denn dort befinden sich nur die besten Exemplare meiner umfangreichen CD-Sammlung, die sich in meiner Wohnung verstreut hat.

    Danach geht es wieder leicht vertaumelt ins Schlafzimmer. Beim Betreten nehme ich zum allerersten Mal den Duft der beiden Kerzen wahr. Sie riechen sehr angenehm und der Raum hat sich durch die Kerzen erwärmt.

    Mein Handy liegt derweil ungeachtet auf dem Küchentisch, glaube ich. Wenn ich es vorher nicht schon in meine Handtasche gepackt habe. Ich brauche jetzt kein Handy, denn es gibt nichts zu sagen. Meine Gedanken dürfen so lange in meinem Kopf herumspinnen, bis ich wieder nüchtern und zu irgend einem Ergebnis gekommen bin. Diese versoffene Nacht soll dazu dienen, bisschen Ordnung in mein Gefühlschaos zu bringen. Wenn man betrunken ist, hat man die aufschlussreichsten Gedanken, sofern man sich am nächsten Tag daran erinnern kann.

    Ich kippe mir die letzten Tropfen des Weines in mein Glas. Prost!

    Angedüselt höre ich der Rockmusik zu und stelle grinsend fest, dass ich seit Jahren ein ausschweifendes Sex-Drugs-Rock’n’Roll leben führe. Bin mir zwar nicht sicher, ob das der beste Weg ist, aber bisher kam es nicht zu ungewollten Komplikationen, sondern nur zu einem minimalen Gehirnschaden, der noch reversibel ist.

    Nach dieser Einsicht ist die Flasche Vodka mit dem Orangensaft dran. Wahrscheinlich schlafe ich eher ein, als die Flasche leer ist. So viel Vodka kann ich nicht trinken und den absoluten Totalausfall möchte ich selbstverständlich rechtzeitig vermeiden. Ich möchte keinen extremen Kater davontragen und meinen eigentlichen Kater vergessen. Das kann ich Casimir nicht antun, der muss auch versorgt werden, obwohl er locker drei Tage nur mit Trockenfutter und Wasser auskommt.

    Ich kippe einen kleinen Schluck Vodka ins Glas und der Rest ist eiskalter Orangensaft. Den Vodka schmecke ich kaum noch heraus, aber ich merke ihn dennoch. Seine Wirkung geht subtil unter.

    Mal abwarten, wie er sich mit dem Rotwein im Magen verträgt und ob die beiden sich zusammen umdrehen.

    Mein Körper hat sich inzwischen dem Alkohol ergeben. Ich bin völlig lahm und ich spüre dieses gewisse Taubheitsgefühl. Wenn ich still liegen bleibe, lässt sich der Zustand gut aushalten. Nur wenn ich mich bewege, fühle ich mich komisch. Ich drifte ab und bin gar nicht mehr wirklich da. Die Realität wird zu einem unwirklichen Traum in rauschender Slow-Motion.

    Nach einigen weiteren Minuten schlafe ich einfach ein. Mein Körper beschließt, dass er nun genug hat und in Ruhe gelassen werden will. Mein Körper und ich sind total geschafft, weil wir alles verloren haben. Verstand, Gefühl und unsere Willkür. We are out of control.

    Der Schlaf dient der Regeneration. Mal abwarten, wie ich mich nachher fühle und ob ich überhaupt aufwache. Aber so wie ich mich kenne, wird mein Körper durchhalten, denn wir haben noch gemeinsame Ziele und noch sehr viel Zeit, bis wir alt werden.

    Dann wache ich auf.

    Irgendwann morgens, das zeigt mir mein Wecker. Die genaue Uhrzeit kann ich aber leider nicht erkennen. Die Sicht ist etwas verschwommen und alles erscheint doppelt.

    Als ich meinen Kopf bewege, fängt das Karussell wieder an, sich zeitlupenartig zu drehen, sodass mir prompt übel wird.

    Oh nein, nicht schon wieder. Das hatte ich doch alles gerade erst erlebt, vor einen Tag. Eigentlich wollte ich das so nicht.

    Ich versuche, mich in der eingerollten Bettdecke nach draußen zu kämpfen. Als ich aufstehe, klappt gar nichts mehr. Meine Beine schlafen noch. Mit viel Mühe bringen sie mich doch ins Bad, wo es schon wieder wahnsinnig kalt ist, trotz meiner Hitzewallungen. Mein Körper zittert noch stärker, als je zuvor. Mir wird schwindlig und mein Herz klopft verboten schnell. Ich habe das Gefühl, als würde sich mein Nacken verkrampfen. All diese Symptome wollen mir sagen, dass vielleicht gleich alles zu spät ist. Als mir auch noch schwarz vor Augen wird, weiß ich, dass ich gleich zusammenbrechen werde und niemand da ist, der mir helfen kann. Mein Handy ist nicht in der Nähe, also hoffe ich, dass alles bald vorübergeht und ich den Kollaps überlebe. Da ich schon des öfteren Kreislaufprobleme hatte, bin ich mir sicher, dass ich wieder heil aus dieser Sache herauskomme. Mein Körper kann das ab.

    Eine Weile hält sich mein Zustand noch, der sich zwischendurch sogar bisschen mildert. Aber ich kann jederzeit das Bewusstsein verlieren, das ist mir klar. Bevor ich in Panik verfalle, versuche ich ruhig zu bleiben, obwohl das recht schwierig ist, wenn man alleine ist.

    Auf einmal steht mein bester Kumpel mit einer Tüte Brötchen im Türrahmen. Er hat den Ersatzschlüssel für meine Wohnung, da bei mir öfter mal alles drunter und drüber geht, emotional. Oder weil er manchmal den Auftrag kriegt, Casimir zu füttern, wenn ich mal über das Wochenende verreise. Ich bin froh, dass er einen Schlüssel hat, denn diese Sicherheit macht mein Leben unbeschwerter. Am Schlüsselbund hängt sogar ein Metallherz.

    Wir kennen uns schon Ewigkeiten und er kennt mich gut genug, um zu wissen, was hier gerade abgeht. Robert ist meine Rettung. Er fragt nicht lange, was passiert ist, sondern er handelt sofort. Ich bin auch gar nicht in der Lage, mit ihm zu sprechen. Meine Zunge liegt völlig passiv im Mund.

    Er trägt mich aus der Wohnung und als er mich in sein Auto bringt, schließen sich meine Augen und alles wird dunkel. Von der Autofahrt bekomme ich nichts mehr mit.

    Ich bin bewusstlos.

    Wann ich aufwache, weiß ich nicht.

    Auf jeden Fall wache ich im Krankenhaus auf, in einem Einzelzimmer mit blassgelben Vorhängen.

    Im Raum ist es hell. Also schlussfolgere ich, dass es Tag ist. Die Wände sind mintgrün und auf dem Tisch steht ein Blumenstrauß, den das Krankenhaus wohl für mich gesponsort hat.

    Eine mickrige Fernsehapparaur soll mir am Bett Gesellschaft leisten und mich vor Langeweile schützen. Nur habe ich keine dazugehörigen Kopfhörer für das Loch mit dem schwarzen Kopfhörersymbol. Wahrscheinlich muss ich die sogar kaufen. Aber Fernsehen spielt erst mal keine Rolle. Viel lieber möchte ich wissen, was genau los ist und wie es nun mit mir weitergeht.

    Eigentlich fühle ich mich im Moment ganz gut und kann mich gar nicht so recht erinnern, warum ich hier gelandet bin. Aber es muss Gründe geben.

    Ich werde nachdenklich und Fragen kommen auf.

    ..Habe ich mein Handy dabei?

    ..Habe ich überhaupt etwas mit?

    ..Klamotten, Schminke, Schlüssel, Portemonnaie?

    ..Wie lange muss ich bleiben?

    ..Was macht Casimir?

    ..Bin ich krank?

    ..Tot?

    Ich denke, ich habe nichts an persönlichen Dingen hier und fühle mich kurzzeitig etwas verloren.

    Schließlich muss ich meinen Chef anrufen und Bescheid sagen, dass ich nicht komme. Ohne zu wissen, welchen Tag wir heute haben und ob ich bald zur Arbeit muss, denn mein Dienstplan ist variabel.

    In meinem linken Arm befindet sich eine Nadel, die zu einer Infusion mit einer Elektrolytlösung gehört. Ich spüre, wie sich die kühle Flüssigkeit in meinen Arm hochzieht und ich finde es unangenehm. Also drehe ich am Rädchen herum, um die Fließgeschwindigkeit zu reduzieren, bis es sich gut aushalten lässt. Ich hasse Schläuche. Es ist nicht gerade prickelnd, ein Patient zu sein, dessen Gesundheit von hängenden Flaschen mit lebensnotwendigen Flüssigkeiten abhängig ist.

    Zum Glück habe ich Ahnung von diesem Zeug und weiß, was da gerade in meinen Körper fließt.

    Es klopft an der Tür und ich bin mir sicher, dass es nur ein Arzt oder das Pflegepersonal sein kann, da ich sonst niemanden hier erwarte, weil ich hoffe, dass niemand von meinem Aufenthalt weiß.

    Auch, wenn mir nicht klar ist, warum ich hier bin. Blackout.

    Der Arzt kommt rein und sieht im ersten Moment recht sympathisch aus. Ich schaue ihn mir genau an, da ich sehr fixiert auf Männer bin. Das war schon immer so, weil ich Männer liebe. Natürlich unterscheide ich aber noch zwischen mögen und lieben.

    Er wirkt so ein bisschen leger, da er noch einigermaßen jung aussieht. Natürlich trägt aber auch er vollkommen weiß. Als erstes fällt mein Blick auf seinen schwarzen Gürtel, der seinen Bauch straff umschließt. Außerdem trägt er ein Hemd mit drei Stiften in der Brusttasche. Alle verschiedenfarbig. Seine Schuhe gefallen mir am meisten, weil er Sportschuhe trägt mit Schnürsenkeln. Nicht diese blöden Krankenhaus-Clogs, mit denen jeder herumläuft, obwohl diese Kunststoffschuhe total dämlich aussehen und manche von denen sogar chemische Substanzen absondern, wenn man sie billig einkauft. Angeblich habe ich das mal in einer TV-Sendung aufgeschnappt.

    Der junge Arzt tritt zu mir ans Bett und stellt mir die ersten wichtigen Fragen.

    „Na, wie geht’s Ihnen denn? Ich hoffe, Sie wissen, wo Sie sind, junge Dame?“

    „Ja, ich denke schon, dass ich das weiß. Sieht aus, wie ein Krankenhaus und außerdem habe ich ein bisschen Ahnung von dem, was in gerade in meinen Arm läuft.

    Mir geht’s eigentlich gut, fühl‘ mich nur bisschen schwach.“

    „Sie hatten zu Hause einen Kreislaufzusammenbruch erlitten, weil Ihr Körper zu viel Flüssigkeit verlor. Ihr Freund meinte, er hätte Sie im Bad vor der Toilette gefunden. Und Sie hatten reichlich Alkohol getrunken.“

    Bei dem Wort ‚Alkohol‘ kam schlagartig wieder mein Gedächtnis zurück. Ich erinnere mich sofort. Vergessen wollte ich und nun erinnert mich der Arzt wieder an alles – so ein Dreck!

    „Ähm ja, stimmt. Aber Kreislaufprobleme hatte ich schon öfter mal, das ist eigentlich nichts Neues, wissen Sie? Nur bisher konnte ich mich immer selber retten.“

    „Sie hatten Glück, dass Ihr Freund gerade kam. Sonst hätte die Sache ziemlich übel ausgehen können. Mit Bewusstlosigkeit ist nicht zu spaßen.“

    „Ja, ich weiß. Wie lange muss ich hier bleiben?“

    „Wir müssen Sie noch einen Tag zur Kontrolle hier behalten. Ihr Kreislauf ist noch nicht völlig stabil und Ihre Blutwerte müssen wir auch wieder in den Normbereich kriegen, denn die sind teilweise etwas im Keller.“

    „Okay, das dachte ich mir fast schon. Ist mir alles bekannt. Bin nur nicht so ein großer Arztgänger.“

    Bevor der Arzt wieder aus dem Zimmer geht, sagt er noch:

    „Übrigens, nettes Shirt“, und grinst dabei breit.

    Ich schaue neugierig an mir herunter, da ich keine Ahnung habe, welches Shirt er überhaupt meint.

    Es ist das schwarze Shirt auf dem in roter Glitzerschrift ‚Fuck You‘ steht.

    Puh, der Arzt hat echt Humor, denn der Aufdruck ist definitiv nicht krankenhausgeeignet!

    Zumal die mir fast das Leben gerettet haben. Anschließend muss ich auch grinsen und gucke dem Arzt beim Herausgehen hinterher. Er muss jetzt bestimmt zum nächsten Patienten.

    Ich frage mich, was ich nun anstellen soll, weil ich so viele Gedanken im Kopf habe, die gleich wieder verschwinden. Wahrscheinlich haben die mir irgend so ein sedierendes Mittel gespritzt, damit ich die Nachwirkungen vom Alkohol nicht so extrem spüre. Mein Gefühlszustand entspricht einem Rausch. Gleichgültig, gelassen und glücklich. Anders kann ich es nicht beschreiben. Aber es ist genau richtig so.

    Beim Versuch, mich leicht auf die Seite zu drehen, merke ich einen harten und flachen Gegenstand in meiner Hose. Ich ahne sofort, dass es nur mein Handy sein kann. Okay, jetzt kann ich endlich Kontakt mit den Personen aufnehmen, die mir etwas bedeuten und diesen paar Leuten schicke ich gleich eine SMS.

    Außerdem rufe ich einen netten Kollegen an, um mich nach dem Dienstplan zu erkundigen.

    Ich habe Glück, dass Mario heute Dienst hat und ans Telefon geht, denn mit dem verstehe ich mich super und ich muss mir in seiner Gegenwart keine Geschichten ausdenken.

    Er geht auch nach dem zweiten Klingeln ran. Seine vertraute Stimme tut meinen Ohren gut, sie klingt wirklich angenehm, aber er ist ja auch Psychotherapeut.

    Nach einer knappen Schilderung meiner Situation, fängt er kurz an zu lachen und rückt den Dienstplan heraus.

    Der Dienstplan ist für meine Umstände sehr vorteilhaft, da ich ab heute fünf Tage frei habe. Ein toller Zufall, so muss ich meinem Chef keine peinlichen Erklärungen schulden und er wird von meinem Krankenhausbesuch nichts erfahren. Mario wird mich sicher nicht verpetzen, denn er strotzt vor Ironie und dunklem Sarkasmus. Deswegen gefällt mir seine Art sehr und wir verstehen uns bestens. Leute ohne Sinn für absurden Humor mag ich nicht besonders, die sind mir zu langweilig und zu penibel.

    Ich bedankte mich bei Mario für die Info.

    Okay, aber was würde ich nun mit dem Resttag anfangen?

    Meine Infusion ist fast durchgelaufen, vielleicht habe ich Glück und sie wird abgestöpselt. Dann kann ich mich zumindest frei bewegen, ohne den Metallständer überall hinterher zu rollen. Das Blöde an den Dingern ist, dass die Räder manchmal in die verkehrte Richtung rollen, die Kontrolle über den Ständer verliert und das Gestell fast umkippt. Tolle Bescherung, wenn die Wucht des Aufpralls einem dann die Nadel aus dem Arm reißt und das Blut durch den Raum spritzt. Meistens sieht es aber schlimmer aus, als es ist. Die kleine blutende Einstichstelle im Arm lässt sich schnell versorgen. Eigentlich hat nur der Arzt ein Problem, in dem er wieder einen neuen Zugang legen muss. Bei älteren Patienten ist das manchmal schon ein Problem, wegen der schlechten Venenverhältnisse und weil sie ohnehin schon an vielen Körperstellen zerstochen sind.

    Aber bei mir wäre das wahrscheinlich ziemlich unproblematisch.

    Ich gucke ständig hoch und warte ungeduldig, bis die Infusion endlich durchgelaufen ist. Danach stelle ich das Rädchen herunter und klingel mir das Pflegepersonal herbei, das auch schnell mit einem zarten Klopfen den Raum betritt.

    Ein Mädel in meinem Alter tritt herein. Es gibt nur zwei Optionen: Entweder ist sie noch Schülerin oder Krankenschwester. Ich schaue auf ihr Schild, das mir bestätigt, dass sie Azubi ist und sie heißt Anja.

    Ja, das ist mir alles noch bekannt. Als Schüler wirst du immer skeptisch angeguckt und jetzt, wo ich ich selber Patient bin, ist mir auch klar, warum.

    Sie wirkt noch ein bisschen schüchtern, aber als Schülerin sollte man auch nicht super arrogant und zu selbstsicher herüberkommen. Also macht sie alles richtig. Damals war ich jedenfalls anders, als sie und bekam eine Menge Ärger für mein Verhalten.

    Als sie näher tritt lächelt sie mich an und schaut hoch an die Flasche.

    „Leer?“, fragt sie, obwohl sie bereits gesehen hat, dass sie leer ist.

    „Ja, ich hab‘ die Infusion schon gestoppt. In welchem Lehrjahr bist du denn?“

    „Im zweiten.“

    Das Gespräch verläuft ein wenig karg, da sie nicht so aufgeschlossen ist, wie ich es mir gewünscht hätte. Mit schüchternen Menschen komme ich nicht immer gut klar. Da ist die zwischenmenschliche Distanz oft sehr weit aufgeklafft, sodass nicht mehr viel Nähe hineinpasst.

    Aber es kann mir auch egal sein, wie Anja sich verhält. Hauptsache, sie ist so schlau und weiß, was zu tun ist, ohne, dass ich ihr Tipps gebe.

    Dennoch helfe ich ihr indirekt auf die Sprünge.

    „Kannst den Arzt mal fragen, ob ich noch eine Infusion brauche? Wenn nicht, dann möchte ich die Flasche gerne loswerden.“

    „Okay“, antwortet sie leise und knapp.

    Danach verschwindet sie flott aus der Tür. Sie ist wirklich niedlich mit ihrem wippenden Stummelzopf, der ihre noch relativ kurzen Haare zusammenhält. Im Krankenhaus sind offene Haare auch nicht erwünscht. Aber die meisten Pflegekräfte sind zu eigensinnig, um auf Dienstanweisungen zu hören. Wer möchte sich schon vorschreiben lassen, wie man auszusehen hat? Und wer möchte sich seine Individualität rauben lassen?

    Keine Schminke, kein Nagellack, keine hängenden Ohrringe und natürlich keine offenen Schuhe ohne Schnalle an den Fersen.

    Am besten Kurzhaarschnitt.

    Als Schüler musst du solche äußerlichen Einschränkungen hinnehmen und dich brav anpassen. Aber danach, wenn du dein Zeugnis in der Tasche hast, kannst du dir dein Ich wieder zurückholen und musste es nur noch gelegentlich verstecken.

  • Irgendwie wusste ich nie, was mich dazu getrieben hatte, dich im Internet anzuschreiben und dir Nachrichten zu schicken, die inhaltlich immer schmutziger wurden, je mehr Lust ich auf dich bekam. Dabei kannte ich dich nicht einmal persönlich, sondern nur unscheinbar aus der Ferne. Aber genau darin lag der Reiz. In der Unnahbarkeit, die sich kalt anfühlte, wenn sie nicht durch flüchtige Aufmerksamkeit für ungewisse Zeit erwärmt wurde.

    Antworten erwartete ich nicht, schließlich schrieb ich dir, ohne zu wissen, ob du es willst und ohne zu wissen, was du davon hältst. Ich rechnete sogar mit Maßnahmen, wie Nachrichtensperre und allgemeine Blockierung. Dazu kam es netterweise nie, denn du warst geduldig mit mir und hattest mein teils aufdringliches Verhalten diplomatisch toleriert. Vielleicht wegen meines Alters und meiner naiven Unbefangenheit.

    • Das Treffen

    Bis wir uns überhaupt zu einem Treffen entschieden, verging sehr viel Zeit. Wir hatten es nicht eilig, denn uns lief nichts davon. Das Leben hatte uns geprägt und uns war klar, dass man nie zu viele und zu hohe Erwartungen haben durfte. Also genossen wir unser Leben vorerst getrennt und auch die Nachrichten, die wir uns schickten, folgten in unregelmäßigen Abständen. Wir fühlten uns voneinander angezogen, aber spürten nicht diesen Druck, gleich alles auf eine Karte zu setzen. Vielleicht lag es daran, dass wir beide zwei vielbeschäftigte Menschen waren, die ein unabhängiges Leben führten und daran, dass die private Situation es nicht zuließ. Nach langer Zeit und einigen Veränderungen in unseren Leben fanden wir jedoch eine passende Gelegenheit für ein Treffen und verabredeten uns. Ich konnte es kaum glauben und meine Vorfreude war unbeschreiblich, sodass ich jenem Tag sehnlichst entgegenfieberte. Mir war von vornherein klar, dass das mit uns nichts Normales werden könnte.

    Nach langem Nachrichtenverkehr vereinbarten wir einen Treffpunkt. Ein feines Hotel direkt am Meer sollte es sein. Du wolltest nicht, dass ich mir wegen dir Umwege machte und deine Entscheidung fiel auf ein Fünf-Sterne-Hotel in meiner Nähe, welches du gut kanntest. Das Hotel befand sich in meinem Wohnort, in dem du bisher jedes Jahr den Sommerurlaub mit deiner Familie verbracht hattest. Deswegen waren dir die Umstände egal und nahmst einen Weg von 200 Km Autobahn auf dich, damit wir eine schöne Zeit haben konnten. (..Ausdruck..+++)

    An diesem Abend war es soweit und ich bereitete mich den ganzen Tag darauf vor, indem ich mich zu Hause entspannte. Ich ließ den Tag ruhig angehen und versuchte, noch ein paar Stunden Schlaf nachzuholen, die mir in der letzten Nacht fehlten. Weil ich an dich dachte, wie in etlichen Nächten, die mich um den Schlaf brachten. Aber es störte mich nie, denn es war schön, dieses seltene Gefühl auszukosten. Oft malte ich mir in Gedanken aus, wie es sein würde, wenn wir uns zum ersten Mal sehen und stellte mir einige Situationen vor, vom Anfang bis zum Ende und manch eine Szene aus der Mitte. Ich hatte keine Zweifel, dass etwas schiefgehen könnte. Dafür war ich zu selbstbewusst verbunden mit einem leichten Hang zur Arroganz, die immer dann zum Vorschein kam, wenn ich mich besonders wohlfühlte.

    Wir wussten schließlich die wichtigsten Dinge voneinander und schickten uns manchmal Bilder. Mit dem Unterschied, dass es von dir genug Bilder im Internet gab, denn dein Name war bekannt. Ich durfte mehr sehen, als nur die Bilder, die für die Öffentlichkeit bestimmt waren. Ich erhielt privatere Einblicke in dein Leben und bekam auch mal einen Schnappschuss direkt nach dem Duschen. Du in Handtuch mit nassen Haaren, wobei das Handtuch nur locker um deine Hüften gewickelt war.

    Auf dem Weg zum Hotel hätte ich vor Aufregung und Herzklopfen zusammenbrechen können. Erst seit diesem Tag wusste ich, wie sich Aufregung wirklich anfühlt. Sie fühlt sich toll an.

    Ich wartete vor dem Hotel in Nähe des Eingangs. Die Luft war warm und das Meer rauschte im Hintergrund friedlich vor sich hin. Kurz zuvor trank ich an der Strandbar zwei Cocktails, um meine Aufregung einzudämmen.

    Aber es brachte nichts. Ich spürte keine der Wirkungen, die sonst üblich waren und ich war trotz Alkohol genauso nüchtern wie ohne.

    Innerlich war ich aufgeheizt ohne Ende und meine dünne Kleidung verschaffte mir nur mäßig Abkühlung.

    Ich trug einen kurzen schwarzen Rock mit dezenter Spitze und ein dunkelblaues Shirt mit goldener Stickerei am Kragen. Wie immer sehr feminin und figurbetont. Hohe Schuhe und Schmuck durften natürlich nicht fehlen, um den Gesamteindruck komplett zu machen. Jedes Detail war auf den Look abgestimmt. Dem Zufall wurde nichts überlassen. Selbst die Wahl der richtigen Strumpfhose war keine Blitzentscheidung. Diese war auf jeden Fall nicht blickdicht. Ich schaute nach unten, um meine hauchdünne Strumpfhose auf Laufmaschen zu testen und betrachtete nebenbei auch gleich noch meine Figur. Mit den Händen Griff ich in meine Taille, die sehr schmal war und meinen Bauch tastete ich auch noch nach möglichen Problemzonen ab, die nicht vorhanden waren. Über meine Oberweite musste ich mir zum Glück keine Gedanken machen, davon hatte ich genug. Die Natur hat es gut mit mir gemeint.

    Meine welligen Haare fielen offen über die Schultern und das Make-Up war verrucht. Ein roter Lippenstift betonte meine vollen Lippen und mein unschuldiger Blick wurde von Smokey-Eyes in der Light-Version umhüllt.

    Mein Gesicht fühlte sich so warm und rot an, dass ich auf das Rouge hätte verzichten können. Vielleicht war der Alkohol doch nicht ganz unschuldig und ließ mir die Röte ins Gesicht steigen.

    Ich fühlte mich wohl in meiner Haut und war zufrieden mit meinem Aussehen. Jetzt musste ich nur noch dir gefallen. Ich hatte keine Ahnung, welche Frauen dir gefallen und was dich persönlich schwach macht. Vielleicht hattest du bestimmte Vorlieben für Aussehen und Charaktereigenschaften. Aber darüber haben wir nie geredet, weil es sich nicht ergeben hat.

    Wahrscheinlich hatte ich dich längst durch meine Art überzeugt und du hast das Schweigen bevorzugt, wie es richtige Männer tun.

    Das weiße Hotel wurde durch viele Laternen hell erleuchtet und wirkte sehr einladend von außen. Man konnte erahnen, wie nobel es von innen erst sein würde. Umgeben wurde das Hotel von einer großen Parkanlage mit vielen Blumenrabatten und kleineren Häusern, die zum Hotel-Grundstück gehörten.

    Mein Blick wanderte verträumt durch die Gegend und hielten an allem fest, was meine Aufmerksamkeit weckte. Schatten an den Fenstern, lachende Möwen und der sanft plätschernde Springbrunnen vor dem Eingangsbereich. Ich setzte mich dort hin und tauchte meine Hand ins Wasser. Es beruhigte mich und ich genoss diesen letzten Moment alleine in der allmählich untergehenden Sonne.

    Ich schaute auf meine Armbanduhr, ich war viel zu früh am Treffpunkt. Aber es war okay, zu Hause wäre das Warten anstrengender gewesen und ich wäre in meiner Wohnung permanent ins Bad gelaufen, um mein Make-Up zu kontrollieren. Draußen an der frischen Luft fühlte ich mich freier und ungezwungener. Meine Aufregung hatte mehr Raum, um sich auszubreiten.

    Nachdem ich einige Minuten in Gedanken vertieft auf den kühlen Steinen des Springbrunnens saß, kamst du in gelassenem Schritt elegant um die Ecke und hast mich mit einem freundlichen Lächeln begrüßt. Zuerst wusste ich gar nicht, was los ist. Plötzlich warst du da, wie aus dem Nichts. Auf einmal war er da, dieser Moment unserer ersten Begegnung.

    Ich war nahezu geschockt, als ich dich sah. Du sahst unglaublich gut aus in deinem dunklen Anzug mit T-Shirt statt Hemd, ganz leger. Schwarze Kleidung an Männern ist wahnsinnig sexy. Außerdem warst du um einiges größer als erwartet, ich reichte dir bis an die Schultern. Mein Herz machte mächtige Sprünge, als ich dich sah. Diesen Zustand kannte es nicht mehr. Nun stieg mir die Röte umso stärker ins Gesicht. Ich freute mich sehr auf dich und war zugleich verlegen. Der erste Moment hat mich völlig aus der Bahn geworfen.

    Zur Begrüßung umarmten wir uns innig, wobei ich mich fast in deinem Parfumgeruch verlor. Es roch exklusiv und unnahbar, es passte zu dir und unterstrich deine Aura.

    Wir gingen an den Strand, der nur wenige Meter von uns entfernt war. Ein Spaziergang lockerte die Stimmung und wir konnten uns unterhalten. Da wir uns kaum richtig kannten, gab es eine Menge Gesprächsstoff. Ich zog meine hohen Schuhe aus, die hohen Absätze störten im Sand. Ich hoffte, dass meine Strumpfhose das auch heil überstehen würde.

    Es gab viel zu erzählen und du warst mir sofort sympathisch. Dein Humor war ansteckend und die Art wie du geredet hast, war anziehend. Ich mochte den Klang deiner tiefen Stimme. Sie wirkte beruhigend auf mich und ich hörte dir gerne zu.

    Wir verstanden uns so gut, dass es kein unangenehmes Schweigen in der Stille des Abends gab. Dann spürte ich auf einmal ein leichtes Pieken im rechten Fuß und konnte mir schon denken, woher das kam. Ich war auf eine spitze Muschel getreten und musste mich hinsetzen, weil es weh tat. Auch die vielen größeren Steine am Strand waren nicht immer angenehm, wenn man beim Barfußlaufen falsch auftrat und mit dem Fuß daran abrutschte. Ich konnte darüber nur lächeln, weil ich diese Erfahrung bereits oft gemacht habe, unvorteilhaft auf Muscheln und Steine zu treten. Selbst deine Anwesenheit konnte daran nichts ändern und auch du musstest über die Situation schmunzeln. Dennoch riss die kleine Muschel mir kein Loch in die Strumpfhose. Danke.

    Es war schön, mit dir im kühlen Sand zu sitzen und das Meer vor sich zu haben. Dann legten wir uns nebeneinander in den Sand und genossen das Meeresrauschen, sowie die abendliche Briese. Wir waren alleine, andere Menschen waren weit und breit nicht zu sehen. Mir war immer noch sehr warm und ich konnte es nicht glauben, dass du nach über einem Jahr endlich neben mir lagst. Surrealistisch, aber wahr. Ich drehte mich langsam zu dir und schaute dich von der Seite an. Der Anblick brachte mich schnell auf andere Gedanken, dagegen konnte ich nichts machen. Schließlich fühlte ich mich schon vorher stark zu dir hingezogen.

    Offensiv und selbstbewusst zu sein, war eine meiner Stärken. Ich nutzte sie und ging einen Schritt weiter. Ich schöpfte den Reiz der Aufregung aus und tat das, wonach ich mich sehnte. Mir stand nichts im Weg. Keine Scheu mehr, keine Verlustängste – nichts. Jetzt, wo du hier warst, war alles möglich und ich konnte meine schmutzigen Nachrichten, die ich dir schrieb, in die Realität umsetzen. Wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Was hatten wir schon zu verlieren, bis auf unseren Verstand?

    Ich rutschte immer näher an dich heran, bis es kaum einen Zwischenraum mehr gab. Du schienst nicht abgeneigt zu sein, da du mir nicht ausgewichen bist. Ganz im Gegenteil, du hast mein Verhalten erwidert. Das war das Einverständnis, dich küssen zu dürfen. Der erste Versuch war nur ein flüchtiges und vorsichtiges Herantasten an den eigentlichen Kuss. Ein kleiner sanfter Kuss auf die Wange, dann auf die Lippen. Kurzes Innehalten. Meine Hitzewallungen sagten mir, dass ich weitermachen sollte. Ein weiterer Kuss folgte, diesmal intensiver und fordernder. Ich merkte, dass es dich genauso sehr anmachte, wie mich. Du erwidertest den Kuss. In mir wurde es abwechselnd heiß und kalt. Ein Wechselbad der Gefühle. Was so ein einziger Kuss anrichten konnte! Alles um uns herum war wie ausgeblendet. Völlig vergessen, wo wir uns befanden, küssten wir uns wild weiter und konnten nicht mehr aufhören. Um dir noch näher zu kommen, legte ich mich auf dich. Wir küssten uns weiter und hatten gleichzeitig engeren Körperkontakt. Deine Hände landeten bei mir auf dem Po und meine Hände waren überall und nirgendwo. Ich konnte nicht mehr klar denken. Dein Anzug gab mir nicht gerade viel Freiraum für intime Berührungen und der Gürtel war die Grenze zwischen Gut und Böse. Durch deine Hose konnte ich deutlich deinen Ständer spüren. Während des Küssens rieb ich mich absichtlich daran und ließ es so wirken, als wäre es nur eine zufällige Berührung.

    Als sich deine Hände plötzlich unter meinem Rock befanden, schlug ich vor, in ein Restaurant oder in eine Bar zu gehen, um die Situation etwas zu entschärfen. Es hatte mich heiß gemacht, aber eine Abkühlung war angebracht, sonst wären wir am Strand übereinander hergefallen, wie wir es fast eh schon taten. Klar hätten wir weitermachen können, nur war es nicht der passende Ort. Nicht heute, an diesem schönen und ersten Abend mit dir. Ich wollte ihn niveauvoller ausklingen lassen, auch, wenn ich alles andere als bieder und konservativ war.

    Außerdem war das schicke Hotel bereits gebucht und es war ziemlich teuer. Irgendwann könnten wir immer noch die Nacht einsam am Strand verbringen.

    Wir entschieden uns für eine Bar, da keiner von uns Appetit hatte. Einen anregenden Cocktail trinken und dann da weitermachen, wo wir aufgehört hatten, Wir gingen am Strand wieder zurück und redeten nicht viel. Ordentlich neben der Spur waren wir und ich war verschossen ohne Ende. Du hattest mich von Anfang an umgehauen, das schafften erfahrungsgemäß nur die Wenigsten und leicht zu haben war ich nicht. Mir fehlten die Worte und dir wahrscheinlich auch, weil du nun mit einem Ständer durch die Gegend laufen musstest. Es tat mir Leid.

    In Nähe des Hotels gab es eine kleine Strandbar mit blauen Strandkörben zum Sitzen. Da es schon spät war, waren wir die einzigen Gäste. Lange würden wir uns dort nicht aufhalten, sodass sie ihre Bar bald schließen konnten. Wir bestellten uns jeweils einen Cocktail und suchten uns zwei Körbe, die ein bisschen abgelegener standen. Nun saßen wir uns direkt gegenüber und schon wieder hätte ich total rot werden können. Eine absolut heiße Situation. Dein Blick war noch leicht weggetreten von vorhin. Immer, wenn sich unsere Blicke trafen, lief mir ein heißkalter Schauer über den Rücken. Das war ein enorm überwältigender Moment. Deine Blicke hatten so viel Tiefe und dennoch strahlten viel Wärme aus. Durch dein Lächeln hattest du noch einen drauf gelegt. Du hattest definitiv eine sehr erotische Ausstrahlung und Charisma, ohne Zweifel.

    • Ein kurzer Abstecher

    Die Cocktails gaben ihr Bestes. Sie lockerten auf, sorgten für zunehmende Wärme und leichte Enthemmung. Das alles in einem ausgeglichenen Verhältnis. Meinetwegen hättest du dein Sakko schon ausziehen können.

    Wir lachten viel über sinnloses Zeug und ließen den Abend langsam ausklingen. Eine lange Nacht wartete auf uns. Es blieb bei einem Cocktail. Danach zogen wir uns gediegen ins Hotel zurück. Ich verschaffte mir einen Überblick in der Suite, um zu sehen, was alles möglich ist. Mir gefiel es und ich fühlte mich wie zu Hause. Meine Ansprüche wurden abgedeckt. Du hattest einen guten Geschmack, diese Suite zu buchen. Ich war mehr als begeistert, das Date und die Location waren perfekt. In der Mini-Bar befand sich gekühlter Alkohol. Während ich mich umschaute, standest du die ganze Zeit dicht hinter mir. Als du deine Arme um meine Hüften schloßt, drehte ich mich zu dir um, deine Blicke fesselten mich mehr denn je. Es kam zum nächsten Kuss. Wir standen mitten im Schlafzimmer und küssten uns ausgiebig. Ich zog dir endlich dein Sakko aus, weil es mich nervte. Nun war klar, dass es nicht beim Küssen blieb. Auch Unterbrechungen würde es keine mehr geben. Wir waren ungestört und konnten machen, was wir wollten und wo wir wollten. Die Suite war groß genug, um sich auszutoben. Meine Hand wanderte unter dein Shirt.

    Es wurde Zeit, dass wir uns in Richtung Bett bewegten. Schließlich stand es genau vor uns. Es war groß und weich, darin konnte man paar schöne Stunden verbringen. Egal, ob wach oder schlafend.

    • Die Ruhe vor dem Sturm

    Ich begleitete ihn an meiner Hand zum Bett. Er ließ sich wirklich gut leiten. Andersherum wäre es auch in Ordnung gewesen. Als wir auf dem Bett lagen, ging es ohne Pause weiter. Ich zog sein Shirt aus, weil auch das mittlerweile immens nervte. Er tat es mir gleich und half mir ebenso beim Ausziehen. Er zog mir das Shirt über den Kopf. Dabei löste sich meine Haarspange, die ich danach gleich entfernte und auf den Nachttisch legte. Nun waren meine Haare offen und hingen mir bis über die Schulter. Ich fand es super, endlich mal ein Date ohne Kerzen und anderen Kitsch. Dafür gedimmtes Licht und indirekte Beleuchtung in den Ecken. Die Reizwäsche kam darin richtig gut zur Geltung. Ich trug einen schwarzen Spitzen-BH mit dezenten Blüten in altrosé und eine Hotpants, die dazugehörte. Strapse hätten das erste Date eindeutig gesprengt. Aber eine Überlegung war es wert. Nächstes Mal.

    Meine Hände strichen über seinen nackten Oberkörper, von der Brust über seine Arme bis hin zu den Fingerspitzen. Unsere Hände umschlossen sich, ließen wieder los und suchten ihren Weg an anderer Stelle. Sein Körper ließ mich schwach werden. Ich fand ihn sehr männlich und unübertroffen sexy. Da war ein ausgedehntes Vorspiel Pflicht, wo der Genuss im Vordergrund stand. Unser Vorspiel zog sich ewig in die Länge, so wie ich es mir wünschte. Wir wälzten uns minutenlang küssend auf dem Bett umher, wobei er längst schon wieder einen Ständer hatte. Innerlich musste ich grinsen, denn ich liebte es, zu spielen. Ich liebte es, Dinge hinauszuzögern, bis es nicht mehr ging. Und ich liebte es, Dinge auf die Spitze zu treiben. Wenn sich der Partner nicht dagegen wehrt, hat er Pech gehabt. Ich konnte ein richtiges Biest sein und das war ich gerne.

    Also berührte ich ihn weiter ganz unschuldig und biss ihn nebenbei sanft in den Hals. Das war der Knackpunkt. Er bekam immer mehr Lust und ich auch. Er öffnete geschickt mit einer Hand meinen BH, als ich auf ihm lag und warf ihn neben das Bett. Daraufhin öffnete ich seinen Gürtel und zog seine Hose aus. Er konnte das nicht auf sich sitzen lassen und zog meinen Rock ebenfalls aus, damit wir Gleichstand hatten und niemand benachteiligt war. Unsere Körper sahen heiß aus in dem schummerigen Licht und sie waren es auch. Geballte Männlichkeit traf auf pure Weiblichkeit. Da wir noch Unterwäsche trugen, war der letzte Reiz noch nicht verschwunden. Unser Kuscheln ging in die letzte Etappe. Mein Körper kochte innerlich und mein Gesicht glühte. Sicher trug der Alkohol auch dazu bei. Dieses Gefühl der Lust hätte Stunden andauern können. In den nächsten Minuten würde ich endlich das kriegen, wonach ich mich lange gesehnt habe. Um mich herum verschwamm wieder alles. Ich nahm gar nichts mehr wahr, außer ihn. Das Gefühl des Kontrollverlustes verstärkte sich zunehmend. Ich spürte, dass es ihm auch so erging. Er lag inzwischen auf mir und küsste mich. Ich spürte seine Wärme und seinen Atem, der immer schwerer wurde. Seine Hände berührten mich überall, keine Stelle wurde ausgelassen. Dann fing er an, den Schlusspart einzuleiten, indem er mir das letzte Stück Unterwäsche auszog. Nun lag ich fast regungslos da, fernab von jener Realität. Das hatte mir noch gefehlt, jetzt war er am Zug. Ich konnte nichts machen, als alles, was er tat über mich ergehen zu lassen. Mist, ich steckte in der Opferrolle. Schnell stellte ich fest, wie reizvoll das sein kann. Er schaute mich von oben bis unten eingehend an. Ich versuchte, seinen Blicken zu entweichen, weil ich es nicht länger ertragen konnte und drehte meinen Kopf zur Seite. Ein Berg von Demut überrollte mich in dem Moment. Noch war es nicht soweit, wieder die Eigeninitiative zu ergreifen. Sondern ich wartete bereitwillig ab, was passiert. Er strich mit seinen Händen durch meine langen Haare und spielte mit einzelnen Strähnen. So ist es, wenn man jemanden um den Finger wickelt.

    Dann legte er seinen Finger auf meine Lippen und öffnete sie zärtlich. Er hatte schöne große gepflegte Hände. Ich schaute ihn mit einem lasziven Lächeln an, weil ich das alles nicht fassen konnte. Innerlich kochte meine Lust inzwischen über und ich wollte mehr. Und zwar von ihm. Zeit für einen Rollentausch. Jetzt war er mal dran, das gefügige Opfer zu sein, das sich dem hingeben muss, was ich ihm antat. Endlich konnte ich wieder ungehemmt tun und lassen, was ich wollte. Ich zog seine Unterhose aus, die schon lange fällig war. Sein Ständer hatte darin kaum noch genug Platz. Einige Lusttropfen hatten ihren Weg nach draußen bereits gefunden. Ich massierte seine Füße und strich leicht über seine Beine, um ihn noch ein wenig mehr zu reizen.

    • Nackte Tatsachen

    Dann legte ich mich mit meinem ganzen Körper auf ihn und küsste ihn wieder leidenschaftlich auf den Mund. Nackt fühlte es sich inniger an. Seine Küsse erwiderten mein Verlangen. Ich spürte bei jeder meiner Bewegungen, wie sein Ständer aufdringlich gegen mich drückte. Nachdem wieder ein Lusttropfen die Freiheit suchte, beschloss ich, seiner Qual ein Ende zu setzen. Die BlowJobs waren mit das Beste am Sex und vervollständigten den Akt. Ich rutschte ein Stück herunter, leckte den Lusttropfen ab und blies ihm einen. Dabei nahm ich ihn ganz weit in den Mund bis er den weichen Gaumen berührte. Dann fing ich vorsichtig an, weiterzumachen. Ich umschloss seinen Ständer fest mit meinen Lippen und bewegte meinen Mund auf und ab. Zwischendurch umspielte ich ihn gefühlvoll mit meiner Zunge. Auch meine Hand kam zum Einsatz, sie unterstützte den BlowJob. In seinem Gesicht konnte seine Erregung erkennen. Er war außer sich. Eine Weile machte ich noch so weiter. Als er vor Lust zusammenzuckte, wusste ich, dass ich aufhören muss. Zwar hätte ich kein Problem damit gehabt, seinen Saft zu schlucken. Aber diesmal bevorzugte ich eher ein anderes Ende. Ich wollte das Gesamtpaket vom Anfang bis zum Ende. Das hieß: Sex. Von hinten und von vorne. Ein letzter fragender Blick war nicht mehr nötig, um zu wissen, ob er bereit ist. Als ich wieder auf ihm lag, hörte und spürte ich, wie schnell sein Herz schlug. Meinem Herz ging es ähnlich. Außerdem war seine Haut ganz warm und schwitzig. Sie fühlte sich an wie Samt.

    Ich lag mit meinem Kopf genau über seinem und er hauchte seinen heißen Atem in mein Gesicht. Diesmal konnten wir unsere Blicke nicht voneinander lassen. Meine Arme umschlossen seinen Kopf und die Luft brannte gewaltig. Auf einmal schob er mich zur Seite und übernahm die Handlung. Wahrscheinlich hielt er diese besinnlichen Pausen nicht länger aus, denn ich zierte mich, den letzten Schritt zu gehen. In dem Augenblick dachte ich: Mach‘ mit mir was auch immer du willst, es ist mir egal. Ich war bereit, mich richtig durchficken zu lassen. Das brauchte ich gerade mehr als alles andere auf der Welt.

    Ohne Worte legte er sich zwischen meine weit gespreizten Beine. Ich war so feucht, dass ich dachte, das Laken unter mir wäre nass. Als er mit einem Stoß tief in mich eindrang, war ich sofort in völliger Ekstase. Wie in einem unbeschreiblichen Rauschzustand, den ich zuvor noch nie erlebt hatte und der mir in dem Ausmaß fremd war. Eigentlich hätte es verboten werden müssen, ihn spüren zu dürfen. Ich fühlte mich machtlos gegenüber dem, was gerade geschah. Es war ein Zustand der alle Träume übertraf. Ich schloss die Augen. Er flüsterte mir etwas ins Ohr, aber ich verstand es nicht. Vielleicht wollte er wissen, ob alles in Ordnung ist. Mir wurde einmal kurz kalt, als sein Atem mein Ohr streifte. Meine Sinne reagierten hochsensibel auf jede Kleinigkeit. Ich fuhr mit meinen Händen durch seine Haare und strich liebevoll über seine Augenbrauen. Danach verweilten meine Hände auf seinen Schultern. Viel mehr als das konnte ich nicht mehr machen. Ich war komplett weg und würde mich so schnell nicht wiederfinden. Ihm erging es sicherlich ähnlich. Ich merkte, dass er glücklich war. Seine Augen waren geschlossen und er war vertieft im Akt der Leidenschaft. Es tat gut, richtig durchgefickt zu werden. Das Tempo variierte, mal langsamer, mal schneller. Ein Limit gab es nicht, ich hätte mir alles gefallen lassen. Wir beide hatten Spaß, das war die Hauptsache. Nach einiger Zeit deutete er einen Positionswechsel an. Ich konnte nur vermuten, was als Nächstes kommt. Er kniete sich hinter mich und somit ging es im DoggyStyle weiter. Daran hatte ich großen Gefallen. Das war genau das, was ich von ihm brauchte. Jetzt wurde es sehr rabiat zwischen uns. Dieser Kontrast zwischen zärtlich und hart war nahezu atemberaubend. So atemberaubend, dass ich kurz die Luft anhielt, als er es mir heftig von hinten besorgte. Ich krallte meine Finger in das Kopfkissen. Und auch mein Kopf verschwand teilweise darin, um mein Stöhnen zu unterdrücken. Das Hotel war zu edel, um die Stille durch lautes Stöhnen zu verschanden. Es fiel mir dennoch schwer, mich zusammenzureißen. Für mich war es eine Herausforderung. Er gab auch keinen Ton von sich. Er blieb dem Spruch treu: Ein richtiger Gentleman genießt und schweigt. In diesem Sinne passte es zu ihm. Der Sex mit ihm erfüllte mich vollkommen. All meine Bedürfnisse wurden ganz und gar befriedigt. Ich konnte mich nicht daran erinnern, schon mal besseren Sex gehabt zu haben. Er war ein toller Mann und im Bett bestätigte er den ersten Eindruck. Er hatte ein gutes Körpergefühl und zudem viel Selbstbewusstsein. Das machte ihn in allem umso attraktiver. Ich schätzte seine knallharte Art genauso wie seine herzliche Seite. Im Bett war er unberechenbar. Er nahm mich so lange von hinten, bis ich nicht mehr konnte. In der Stellung hielt ich es nicht aus, ohne bald aufschreien zu müssen. Es war ein zwiespältiges Gefühl. Lust und Leiden in einem. Ich gab ihm ein Zeichen. Daraufhin beschloss ich, die Sache langsam umzudrehen, indem ich mich auf ihn setzte. Meine Hände legte ich auf seine Brust, um besseren Halt zu haben. Unsere Lust steigerte sich stufenweise weiter nach oben. Wir befanden uns sichtlich erschöpft im Vollrausch. Mir ging es in dieser Nacht so gut wie noch nie, ich genoss jede einzelne Sekunde ohne an die Zukunft zu denken. Diese Nacht war ein Geschenk, was nicht ersetzt werden konnte.

    Ich neigte mich zu ihm nach vorne, um ihn wieder zu küssen. Sein Anblick war so schön und verführerisch. Ich saugte mich förmlich an seinen Lippen fest und meine Zunge trieb ihr eigenes Spiel. Er spielte mit. Küssen und vögeln ist eine gute Kombination. Zwischendurch biss ich leicht an seiner Unterlippe oder an seinen Ohrläppchen, während sich meine Hände irgendwo an seinem Hals oder woanders befanden. Ich konnte nicht von ihm lassen. Auch nahm ich seine Finger in den Mund und lutschte daran, weil mich das scharf machte. Ich legte mich ganz dicht auf ihn, während ich ihn durchritt. Ein bestimmtes Tempo gab es auch bei mir nicht. Ich probierte alles durch. Langsam und bestimmt war genauso reizvoll wie schnell und unbefangen. Wir spielten ein sehr abwechslungsreiches Spiel miteinander, in dem es keinen Verlierer gab. Ich spürte, wie es in mir immer mehr glühte und mir extrem heiß wurde. Jetzt legte ich einen Gang zu und seinerseits bekam ich die Zustimmung, dass das eine gute Idee war. Ich hatte keine Ahnung, wie lange wir uns schon gegenseitig durchfickten. Das Zeitgefühl hatte ich verloren, wie meinen Verstand. Die Dinge spielten in der Nacht keine Rolle. Unser Treffen war zeitlos. Ich ritt ihn so lange durch, bis er zum Orgasmus kam. Es ging auf einmal alles so schnell, dass er nicht mehr dazu kam, sein Zeug in mein Gesicht zu spritzen. Es dauerte nicht lange, bis auch ich am Ende meiner Kräfte war und zum Höhepunkt des Abends kam. Das Gefühl war wahnsinnig befreiend. Die angestaute Lust fiel wie eine Last von mir. Jeder Orgasmus ist anders. Dieser war so anders, dass er unvergleichbar war. Er zog sich in Form einer riesigen sprudelnden Welle durch meinen Körper und nahm alles mit.

    • Zuckerwatte danach

    Danach fühlte ich mich wie in Watte gepackt und von tiefer Geborgenheit umhüllt. Eine Ohnmacht voller Glück folgte. Es gab nichts anderes als Glück und Befreiung. Ich legte mich schweigend an seine Seite. Mein Kopf an seine Schulter gelehnt. Glück brauchte keine Worte, der ganze Raum war damit erfüllt. Die Wellen zogen noch eine Weile angenehm durch meinen Körper und mein Intimbereich pulsierte in regelmäßigen Abständen.

    Ich war zu schwach, um mir noch ein Getränk aus der Mini-Bar zu holen. Er schaffte es zumindest eine Zigarette zu rauchen, die er in vollen Zügen genoss, um runterzukommen. Ich fand selbst seinen qualmigen Atem erotisch, obwohl ich Nichtraucher war. Es passte zu ihm. Er war ein absoluter Genussmann mit gutem Stil, das machte ihn charmant.

    Nach der Zigarette machte er das Licht aus und kündigte damit die Nachtruhe an. Wir schliefen dicht aneinander ein. Sein hörbares Atmen neben mir beruhigte mich zutiefst. Noch immer bestand eine Intensität an Wärme und Wohlbefinden in seiner Nähe. Er hatte eine unglaubliche Aura um sich, die mich in seinen Bann schlang. Wir beide mussten ungefähr zeitgleich eingeschlafen sein. Ich konnte mich nicht daran erinnern, lange wach gewesen zu sein. Am nächsten Morgen wachten wir in fast der gleich Position auf, in der wir eingeschlafen sind. Der Rest der Nacht verlief scheinbar viel unbewegter. Noch immer floss das Glück durch meinen Körper.

    Trotz alledem beschlossen wir, es darauf beruhen zu lassen. Wir aßen nicht gemeinsam Frühstück.

    Unsere Wege trennten sich nach dieser Nacht. Ob es eine einmalige Sache war oder ob es ein Wiedersehen geben würde, das stand ab da an in den Sternen. Das Schicksal würde die richtige Entscheidung treffen. Ich verlies mich darauf.

    Unsere Verabschiedung endete in einer unschuldigen Umarmung und mit einem schüchternen Kuss auf den Mund. Er drehte sich um und zwinkerte mit einem Auge.

    11/2013

  • Seit 2 Wochen mache ich eine Kur, d.h. konsequente Ernährungsumstellung mit Hilfe von 2 Shakes am Tag (leckerer, cremiger Vanille-Mahlzeitersatz), die jetzt jedoch unwichtig sind, um weiter darüber zu reden. Sonst wird der Beitrag ewig lang und verworren. Die ganze Kur ist recht verrückt und nice zugleich.

    Bisher war ich diszipliniert und ich habe mich schnell an das neue wellnessmäßige Lebenskonzept gewöhnt, welches Fitness und Schönheit verspricht, …indirekt. Alles kein Problem. Hätte ich nie gedacht, Shakes als Frühstück und Mittag zu akzeptieren und nichts anderes mehr zu wollen, außer Abnehmen.

    Letzte Nacht war leider anstrengend. Nicht im Sinne von Hunger, sondern im Sinne von großer Angst. Der Sturm von gestern gab auch in der Nacht keine Ruhe und rüttelte stark am Dach und an den Fenstern. Ich war davon überzeugt, dass ich gleich Besuch von draußen bekomme, in dem irgendetwas in mein Schlafzimmer durch die Scheibe fliegt. Selbst die Feuerwehr ließ ihren Alarm 2x ertönen. Es war eine Menge los und ich musste eine kleine, aber enorm wirksame Beruhigungstablette nehmen, um endlich müde zu werden und schlafen zu können. Aber wie ich es schon von mir kannte, passierte nichts. Gegen heftige Tabletten bin ich immun. Ich blieb wach bis 2 Uhr nachts, bis ich dann zufällig doch einschlief. Währenddessen krabbelte der naive Marienkäfer immer noch an der Wand neben mir und wusste nicht, in welcher Gefahr er sich in dieser Nacht befand.

    Nächster Morgen: Die Waage rief mich zum Qualitätscheck.

    Die Waage zeigte morgens 500 g mehr an. Garantiert durch die stressige Nacht…… Da lagerte der Körper gleich mehr schnell verfügbare Energie ein.

    Das machte mich unzufrieden und ich beschloss, heute keine Shakes zu trinken. Einfach um auszutesten, was passiert, wenn ich mal wieder mehr Kohlenhydrate zu mir nehme, denn von denen gab es in letzter Zeit zu wenig. Mein Körper ist eher der Kohlenhydrat-Typ und ich denke, er braucht zwischendurch etwas davon, damit er nicht komplett einschläft.

    Der Stoffwechsel musste angeregt werden. Durch Zucker.

    Da ich heute also eh super matschig war, ernährte ich mich ungesund und das nicht sehr vorbildlich. Obwohl ich immer so wirken möchte.

    Über den Vormittag verteilt aß ich Vollkornkekse, die schon lange offen und alt waren. Aber sie schmeckten durch den Zuckerentzug sogar richtig gut und ganz anders, als damals. Den Zuckerdetox habe ich längst erfolgreich überstanden, vor 2 Wochen…mit Entzugserscheinungen… Deswegen habe ich den Unterschied gleich gemerkt.

    Zu Hause gab es dann Milchreis und viele Gummibärchen zum giftigen Abschluss. Eine totale Sünde, nachdem ich so lange artig war und es war noch nicht einmal ein plötzlicher Fressanfall, der mich überkam. Sondern geplant und die Pläne für den Rest der Woche stehen mittlerweile fest.

    Ich erzähle lieber nicht, was ich vorhabe… Zu ungesund und streng… Aber irgendwie muss ich aus der Sache heil wieder rauskommen, ohne, dass mir meine Waage den Tag vermiest. Morgen stelle ich mich da nicht rauf.

     

  • Des Wahnsinns

    Heute ist mal wieder so ein Tag – ein Tag der Unruhe und der Aufruhr. Gut geschlafen und ab 7 Uhr hellwach. Und das am Wochenende, wo man doch eigentlich die Zeit nutzen könnte, um länger zu schlafen und im Bett zu liegen. Im Bett geblieben bin ich trotzdem, bis kurz nach 10. Aber mit 1000 Gedanken im Kopf. Die sich zum Glück fast alle umsetzen ließen, denn es handelte sich dabei um spontane Kleinigkeiten, die mit dem Internet zu tun hatten. Wenn man damit erstmal angefangen hat, ist man ziemlich drüber und voller Tatendrang, der am Ende dann nirgendwo mehr hinführt, weil alles ineinander verläuft. Aber das ist jetzt egal.

    Mein nächster Schritt nach dem Aufstehen folgte auf die Waage und die zeigte ein gutes Ergebnis an. Zur Zeit schwankt mein Gewicht echt extrem. Ich kann mich auf diese Zahlen nicht verlassen und ich finde es langsam ein wenig nervig bzw. ärgerlich, dass mein Körper so stur auf seinem Standardgewicht beharrt. Egal, was man macht – er bleibt konsequent zwischen 59 und 60 Kilo. Weiter runter will er nicht.

    Danach gab es meinen morgendlichen Powershake, der mir immer noch gut schmeckt. Was soll an Vanille auch verkehrt sein? Mir kommt noch nicht das Würgen und die Übelkeit lässt sich auch nicht blicken. Jetzt warte ich bis zum nächsten Shake und abends wird dann vernünftig und gesund gegessen. Das wird meiner Waage sicher nicht gefallen, wenn ich sie morgen wieder mit meinen Füßen begrüße.

    Ansonsten ist das angebrochene Tag noch lang. Zum Fahrradfahren ist es mir heute zu kalt, sonst hätte das ganz oben auf der Liste gestanden. Ich liebe Fahrradfahren, nur irgendwie bin ich alt geworden, wenn mir nicht mehr jedes Wetter recht ist. Damals war mir das völlig egal. Hauptsache raus. Aber jetzt? Wahrscheinlich werde ich lesen und Filme gucken, um zur Ruhe zu kommen. Ein lässiger Samstag eben und man muss nicht immer etwas tun. Ich stehe einfach zu sehr unter Strom und das muss man aufhören! Der Frühling kommt schließlich erst. Bis dahin kann ich mir meine Energie noch aufsparen und warten, bis die Sonne wieder nach Usedom kommt, denn die scheint ja hier am meisten!

  • Der Auslöser

    In einem Monat ist viel passiert. Eigentlich schon seit mehreren Monaten. Passiert nicht im Sinne von real, sondern es ist gedanklich sehr viel geschehen. Zuerst war es nur ein undefinierbares Chaos aus vielen kleinen Gedanken, die kein Ganzes ergaben. Aber irgendetwas schlummerte in mir und machte mich unruhig. Das Schlimme daran war, dass ich nicht wusste, was da genau in mir schlummert. Ich spürte nur die Auswirkungen dessen. Es war unangenehm. Da ich mich zuerst um mich selbst kümmern musste, litten mein Blog und meine Energie leider darunter. Ich füllte mich innerlich ziemlich schwarz und taub.

    Ich hatte das Gefühl, etwas völlig Neues im Leben machen zu wollen – aber ich wusste nicht, WAS? Daraus entstand nach und nach eine Art von Getriebenheit, die ins Leere führte… oder eben zum Psychologen. Tausend Gedanken, die zu nichts führten. Nur Unruhe, die mich innerlich mehr und mehr zerfraß und kaputt machte. Unzufriedenheit ist Gift. Dabei war das gar keine richtige Unzufriedenheit, sondern eher eine erfolglose Suche nach meinen wahren Wünschen und Lebenszielen. Irgendwie gab es nichts Konkretes, sondern nur umnebelte Grübeleien.

    Dieses Chaos beherrschte mich ungefähr ein halbes Jahr und vielleicht schon länger. Nur da spürte ich noch nicht bewusst, dass irgendetwas nicht stimmt. Es fing einfach an und ich konnte dieses Gedankenchaos kaum ertragen.

    Viele der Gedanken sind inzwischen wieder vergessen. Im Nachhinein finde auch ich sie absurd und bin froh, daraus nichts gemacht zu haben, da ich Entscheidungen gerne schnell treffe und meine spontanen Ideen aktiv verarbeite.

    Die ersten Gedanken waren:

    Ich muss etwas machen.

    Bloß kein Stillstand.

    Das kann es doch jetzt nicht gewesen sein?

    Ich muss eine tolle Idee haben.

    Mein Leben muss anders werden. Irgendwie.

    So ging das jeden Tag – ich grübelte viel, kaufte Bücher. Teilweise welche, die mich in meinen Gedanken bestärkten (Bücher über Erfolg, Finanzen…) und welche, die mich beruhigen sollten (Bücher über Achtsamkeit, Glück und Spirituelles…). Wenn man täglich den Gegensatz lebt, wird man unruhig, weil die Gefühle nicht zueinanderpassen und sich abstoßen. Ich konnte mich nicht entscheiden zwischen Aktivität und Entspannung. Im Nachhinein fällt es mir schwer, darüber zu schreiben, weil ich nicht beschreiben kann, was vor einigen Monaten in meinem Kopf vorging. Es fühlte sich wie eine Krankheit an. Mein Denken war krank und zerstört. Irgendwie hätte ich mir zu dem Zeitpunkt schon Hilfe suchen sollen, damit es wieder mehr Klarheit in mir gegeben hätte. Meine Begründung für mein Befinden ist, dass ich vielleicht manisch war. Im normalen Leben befinde ich mich ja auch meist an der Grenze zur Manie. Vielleicht erklärt das diese verwirrten Episoden, an die ich mich später kaum richtig erinnern kann, wenn alles wieder in Ordnung ist und Ruhe einkehrt.

    Berufliche Ideen die ich hatte: einen Modeladen haben, Parapsychologe werden, der Traum vom Künstler (wie auch immer), …und zum Schluss Seelsorger… und all das am besten nebenberuflich, da ich mit meinem Hauptjob zufrieden bin oder ab jetzt – war.

    Mir wurde von allem abgeraten und ich stimme dem zu. Auch, wenn es zuerst nicht ganz leicht war und meine Sturheit eine Weile anhielt, bis ich kapierte, dass mein Kopfkino verloren hatte. Manchmal dauert die Einsicht ein wenig länger.

    Dann stand ich völlig ohne Ideen und ohne Ziele da. In mir völlige Leere und wenig Motivation. Wenn ich kein Ziel habe, kehrt die Gleichgültigkeit in mir ein. Alles so zu akzeptieren, wie es ist und damit zufrieden zu sein. […Bloß nicht zu viel nachdenken. ist doch eh egal…] Das ist natürlich nicht verkehrt und man kann damit leben. Aber in mir fehlte trotzdem etwas. So normal kann ich einfach nicht leben. Ohne Ziele fühle ich mich ziemlich tot. Wenn ich mich frage, wohin mich dieses ’normale Leben‘ führt, dann sehe ich da keine große Motivation. Was gibt es da für mich zu erreichen? Antwort: Nichts. Auf meiner Arbeit gibt es nichts mehr zu erreichen. Es gibt keinen Fortschritt, der mich reizen würde. Stationsleitung ist nicht mein Ding und Co-Therapeut auch nicht. Ich arbeite also nur, ohne Steigerung und ohne Happy End. Ich bin Mitarbeiter, Vollzeit bis zur Rente. Wahrscheinlich wird es mit zunehmendem Alter nur viel anstrengender dort. Ich arbeite in der Geronto-Psychiatrie, die in den nächsten Jahren noch erweitert wird. Soll ich da wirklich bis zur Rente bleiben und jeden Tag ungefähr 20 Kilometer mit dem Rad zur Arbeit fahren? Bei Wind und Wetter? Ein Auto will ich nicht, weil ich den Führerschein gar nicht verdient habe und in einer Großstadt eine Gefahr für mich und andere bin. Und öffentliche Verkehrsmittel schließe ich sowieso aus, weil ich es nicht mag, von Zeiten abhängig zu sein und mehrmals umsteigen zu müssen. All das hindert mich nur in meiner Unabhängigkeit. Es passt alles nicht mehr so gut zueinander. Ich sehe da nicht mehr so viel Glücks-Potential.

    Vor einigen Wochen hat sich ein neuer Gedanke unbewusst in mir eingenistet. Ich wusste nicht, welches Ausmaß er noch annehmen wird. Meine Mutter ist Künstlerin und führt den Laden meines Bruders. Sie hat dort etliche selbst gemalte Bilder und vieles anderes. Als ich einmal mit meiner Mutter telefonierte, kamen wir auf das Thema zu sprechen, was eigentlich mit dem Laden und den Bildern passiert, wenn sie in Rente geht. Sie meinte, dann wird es den Laden nicht mehr geben und man muss sehen, was mit den Bildern passiert. Die Vorstellung tat mir sehr Leid, da es den Laden seit fast 30 Jahren gibt und ich damit aufgewachsen bin. Ich kenne die ganze Entstehung und das Wachstum. Daran zu denken, all das in wenigen Jahren aufzulösen, ist Horror für mich. Ich dachte nur: Das geht nicht… Aber über eine Lösung machte ich mir vorerst keine Gedanken, da es noch nicht soweit ist.

    Mir war immer klar, dass die Arbeit als komplett Selbständiger nichts für mich wäre, weil man weniger Sicherheit hat, als wenn man als Angestellter arbeiten würde. Deswegen hatte ich kein Interesse daran, das Gleiche wie meine Eltern zu machen und wurde lieber Krankenschwester. Ein Beruf, mit dem man überall zurecht kommt und keine Angst haben muss, dass man keine Arbeit findet. Sicherheit war mir immer wichtig. Obwohl ich als Krankenschwester zuerst völlig ungeeignet war. Hätte ich mich nicht weiter entwickelt, hätte ich das tatsächlich vergessen könne. Ich war damals extrem schüchtern und hatte Schwierigkeiten, mit fremden Menschen zu reden und offen mit ihnen umzugehen. In meinem ersten Praktikum bekam ich eine sehr schlechte Beurteilung, weil ich mich mehr mit dem Befüllen des Wäschewagens beschäftigte, als mit den Patienten. Ich hatte überhaupt keinen Draht zu hilflosen Menschen, die krank waren. Aber in kurzer Zeit entwickelte ich mich zu einem anderen Menschen, der nicht mehr so schüchtern war und hatte insgesamt weniger Probleme.

    Nach dem Anruf ging alles so weiter wie sonst. Nur dass ich öfter an den Laden dachte. Und dem Untergang der Kunst. Zu einigen Bildern habe ich sogar eine emotionale Bindung. Dass der Laden von jemand anderem übernommen wird, ist für meine Familie bzw. meinem Bruder keine Option. Alles wäre irgendwann weg. Und die 30 Jahre, in denen all das entstand, hätte keine Präsenz mehr. Das wäre so schade. Ich ließ den Gedanken jedoch so stehen.

    Momentan besteht kein Grund zur Sorge, meine Mutti ist noch da, jeden Tag. Das war mein vorletzter Gedanke zu dem Thema.

    Aber meine Einstellung zum Traumjob in der Psychiatrie hat sich an einem Tag schlagartig und auch für mich unerwartet geändert. Auf unserer Station herrscht seit Monaten starke Unruhe, aus diversen Gründen, die ich hier nicht erwähnen muss. Ich möchte mich auch gar nicht weiter über die Situation aufregen.

    Der Auslöser für einen beruflichen Neustart war der Dienstplan und alles, was damit zusammenhängt. Ich habe gemerkt, dass das Privatleben als Angestellter kaum zählt und auf manche Umstände keine Rücksicht genommen wird. Eigentlich ist man nur ein moderner Sklave, der keine Wünsche haben darf. Sollte man z.B. einen Dienstplanwunsch haben, muss man diesen genau erklären und sich dafür rechtfertigen. Man muss seinen Wunsch gut begründen können, damit man ihn sich verdient. Was für ein Scheiß?? Mich hat das absolut fertig gemacht. Wenn man merkt, dass das Privatleben egal ist und man nicht genug Tage am Stück frei bekommt, damit man sich um sein privates Glück kümmern kann. Mich hat das sehr niedergeschlagen. Mir wurde sofort klar: Das will ich nicht.

    Außerdem wurde mir bewusst, dass sich alles, wonach ich insgeheim gesucht habe, bereits in meinem Leben befindet und ich gar nichts Neues erschaffen muss, aus dem sich vielleicht etwas entwickeln könnte. Nein, es ist alles schon da. Auf einmal war es für mich ganz offensichtlich: Ich übernehme in ein paar Jahren den Laden meiner Mutter. Bis dahin ist noch genug Zeit, um sich mit den Vorbereitungen zu beschäftigen. Es wird nichts überstürzt. Auch wenn die Idee sehr überraschend kommt. Aber wahrscheinlich ist das jetzt tatsächlich das Richtige für mich, weil sich die Vorstellung gut anfühlt. Ich sehe darin nichts Negatives.

    Wo vorher Leere war, sind nun ganz viele Ziele. Auf einmal ist alles da, was wichtig ist. Ohne Ziele kein Halt im Leben und das zieht einen runter. Momentan bin ich euphorisch. Ich mag den Gedanken, in wenigen Jahren selbständig zu arbeiten und mein eigenes Ding zu machen. Nur ich allein bin dafür verantwortlich, was passiert. Kein Stress mehr mit Kollegen und unmöglichen Dienstplänen. Keine Feiertagsdiskussionen mehr. Sondern Freizeit und Arbeit wie ich es will. Meine Verantwortung und meine Kreativität sind gefragt und das ist der perfekte Deal.

    Aber letztendlich ist das erst einmal Träumerei. Auch, wenn ich mich bereits entschieden habe, gibt es immer noch zwei andere Personen, die mitentscheiden müssen. Von deren Entscheidung hängt meine Zukunft leider ab. Deswegen hoffe ich, dass sich alles zum Guten entwickelt und mein Wunsch erfüllt wird.

  • Ich sitze fast wie erstarrt und still in meinem Zimmer. Es ist Abend und ich bin allein. Das einzige Geräusch ist der Regen, der gegen das Fenster schlägt. Mein Blick fällt auf einen großen Stapel Zeitungen, die in meinem Schrank ungeordnet aufeinander liegen. Wenn ich auf das Datum schaue, überkommen mich Wehmut und Sehnsucht. Die Zeitungen sind alt, aber wenn ich darin blättere, könnten sie von heute sein. Jedes Bild ist mir bekannt, kein Text ungelesen.

    Das Zimmer ist auf einmal gefüllt mit Melancholie und gemischten Gefühlen. Gefühle von heutigem Zweifel und früherer Vorfreude, sowie Glück. Es gab Zeiten, in denen alles perfekt schien. Diese Zeiten liegen heute in Scherben in der Vergangenheit und existieren nur noch in dunkler Erinnerung.

    Wird es diese Zeiten je wieder geben – zwar in anderer Form, aber vielleicht ähnlich? Ich werde nachdenklich. Schwer, diesen Gedanken zu Ende zu denken. Nichts wird wieder so, wie es mal war. Veränderungen kommen, bleiben und gehen. Nie wieder wird Vorfreude so sein, wie sie einst war, die Enttäuschungen der Zeit hat sie vertrieben.

    Und wo ist die Unbeschwertheit, die mich stets begleitet hat? Auch sie hat sich im Laufe der Erfahrungen schleichend verabschiedet.

    Draußen ist es nass, kalt und bunt. Der Herbst steht vor der Tür. Die Jahreszeit, die trüben Gefühlen die Tür öffnet und sie traurig begrüßt. Ich bin gerne allein und genieße es, mich in meiner Sehnsucht nach dem Vergangenen zu suhlen und alte Jahre wieder aufleben zu lassen.

    Eine einzige Kerze brennt nur noch, die anderen sind bereits abgebrannt. Um mich herum ist es halbdunkel, aber warm.

    Meine Gedanken wechseln zwischen gestern, heute und morgen. Alles ist möglich. Nur ich entscheide in welcher Realität ich leben möchte und was ich will.

    Meine Entscheidung ist: Loslassen und mit einem Lächeln durch den Regen und durch die Pfützen zu springen. Durch das Herbstlaub zu rascheln und mit dem Moment eins zu sein.

    Die Kerze erlischt mit einem Hauch, das Zimmer wird dunkel. In mir kehrt Frieden ein, Zweifel verschwinden in der Dunkelheit und verstecken sich. Es liegt an mir, ob ich sie morgen suchen möchte, um sie dann erneut in mein Leben zu holen.

    Ich werde müde und schaue im silbernen Mondlicht an die runde verzierte Deckenlampe meiner Oma. Draußen bellt ein Hund in der Nacht, während ich in dem alten Gäste-Bett liege und auf meine Eltern warte, die noch spät in der Küche sitzen und sich mit meinen Großeltern über alte Zeiten unterhalten.

    Ich wünschte, die Zeit würde stillstehen oder wiederkommen. Oder wird es eine andere, neue Zeit geben, die dieser ähnelt? Läuft das Leben nicht in einer Endlosschleife, in der sich alles nach einer Weile ähnlich wiederholt?

    Der Gedanke lässt mich hoffen und ich werde müde.

  • Früher, früher,….ich.

    Wieder ein Date vollständig abgeschreckt! Männer kriegen nen Ständer, wenn sie mich sehen und verabscheuen dann meine beruflichen Tätigkeiten!

    PsychiatrieKS // Autor zwiespältiger Texte & Geschichten // dauergeile Zwangsprostituierte meiner Fantasie – die Qualifikationen des Grauens!

    Eifersucht, Humorlosigkeit und Dummheit muss man nicht verstehen, oder?
    Immer die gleichen bescheuerten Fragen, ob die Texte von mir sind – JAAHAA, ihr Arschlöcher!!
    Alles von MIR!!

    Und immer die Frage, ob einer der Patienten mich wieder angemacht hat??JAAHAA, die Männer da sind alle total krank, die dürfen das….!!!

    Der nächste Patient, der mir eine Ohrfeige verpasst, darf mich dann auch richtig hart ficken…

    Neues Alibi: Beruflich engagierte Hausfrau.
    Steh’ vorm Herd und tue so, als ob ich Pudding im Kopf hätte!

    Männer, die mit extremer Eifersucht reagieren, weil ich eine Zusage für die Veröffentlichung einer ErotikStory kriege, ticken doch nicht mehr richtig!!
    Wo bleibt die Freude?? Die Empathie??

    Und wenn mich jemand fragt, ob meine Texte ernst gemeint sind – VIELLEICHT.

    Als nächstes schreibe ich einen kranken Liebesbrief an den Liebeskiller.
    Aber am besten, Mann verbietet mir gleich das Schreiben und sperrt mich zu Hause in der Küche ein.

    Manchmal habe ich das Gefühl, als ob den Leuten die Intelligenz fehlt, versteckte Ironie zu verstehen. Liegt das am Alter, dass die Männer so dumm sind und nix kapieren??

    Fühle mich verarscht, enttäuscht und irgendwie auch verletzt.

    Obwohl ich gerade zu müde zum Nachdenken bin und morgen auf einen Filmriss hoffe.

    Meine Ansprüche möchte ich jedenfalls nicht ändern, da ich mich nicht aufgeben will, nur, um nicht alleine zu sein.
    Wenn man weiß, was man will, wird die Schale immer härter. Das ist das Einzige, was ich gerade spüre. Wie ich zuwachse..

    Nächstes Jahr bin ich dann eine fette männernihilistische Panzerschildkröte mit Bindungsphobie und Penisneurose.
    Sexy, oder?

    Sag Bescheid, wenn du oder ihr irgendwann mal frei sein solltest/solltet.
    Ich brauche einen richtigen Mann..und jemanden, mit dem man jeden Abend nackt ins Bett will..Daran darf ich gerade nicht denken. Wunsch Nummer 1…

    Mies, wenn man sich alles kaufen kann, aber die Liebe nicht im Angebot ist..

    Kann mir nicht vorstellen, dass dich oder euch das hier alles ganz unberührt lässt. Vor allem untenrum.
    Wie wär’s mal wieder mit einem neuen Prestigeobjekt?

    ‚Vergiss nie die vielen aufregenden Vorteile einer jungen Frau, die dich will…‘

    Auf hart und dreckig stehe ich besonders, aber auch nicht immer. Außerdem unterhalte ich mich gern über alles und rede auch über Sex, wenn ich anderen dabei in die Augen schaue.

    Eigentlich bin ich ziemlich tabulos. Aber damit dürftest ja keiner Probleme haben, stimmt’s?

    Und ich habe genug Selbstbewusstsein für…für alles.

    Ich weiß nicht, inwiefern man sich von mir sexuell belästigt fühlt, aber für meine Meinung kann ich mich nicht entschuldigen.
    *Quelle: alter Notizzettel 


  • Dieser Typ

    Ich bin auf einem Filmfestival. Einfach nur so, weil ich das schon immer mal wollte. Dabei sein, mitten im bunten Treiben, welches doch so gespielt ist. Irgendwie ist hier nichts echt, denke nicht und spüre, dass ich hier nicht wirklich hingehöre. Falsche Welt. Aber egal, ich möchte diese falsche Welt einmal erlebt haben und nicht immer nur träumen. Das ist langweilig.

    Diese Atmosphäre ist bezaubernd und einschüchternd zugleich. Alles neu und fremd. Aber heute bin ich ein Bruchteil dieser Welt und so sehe ich auch aus. Ich passe nicht ins Bild, in meiner Jeans und dem weißen Shirt. Aus Kleidern mache ich mir eben nichts. Ich ziehe nichts an, worin ich mich nicht wohlfühle. Sollen die Leute doch denken, was sie wollen. Ich bleibe authentisch und unverkleidet. Alles andere wäre nur Fake. Dennoch finde ich die schick gekleideten Leute beeindruckend. Alle so anders, als ich. Anderen Frauen stehen Kleider besser, als mir. Denke ich.

    Mein Kumpel ist auch mit dabei, bei mir. Er ist auch leger gekleidet, kein Anzug. Sondern auch Jeans und Hemd. Besser so. Wir schauen uns beide um. Überall ist etwas Neues zu entdecken. Ich kenne lange nicht alle Leute aus der Filmszene. Eigentlich nur eine Person und nach der halte ich indirekt Ausschau. Auch wenn ich weiß, wo er persönlich wohnt und ich es deshalb gar nicht nötig habe, mich auf Filmfestivals herumzutreiben. Aber ich möchte seine Welt mal direkt erleben und wissen, wie sich dieses Leben anfühlt. Wissen vielleicht nicht, aber ahnen.

    Alles ganz nett, aber bald wird mir das alles zu viel. Überall Kameras und Hektik. Mein Kumpel und ich sind nur unbekannte Gäste, die sich mehr oder weniger in das Geschehen eingeschlichen haben. Und niemanden stört es. Wow! Mein Kumpel ist auch nicht sonderlich begeistert, weil ihn Filme nicht besonders interessieren. Zumindest keine deutschen Filme.

    Ich schaue mich um, in der Hoffnung, dass mir nichts Wichtiges entgeht. Insgeheim ist meine Suche auf Tim getrimmt. Die Männer laufen alle in schwarzen Anzügen durch die Gegend. Das macht die Suche nicht leicht und vielleicht ist Tim gar nicht hier, obwohl ich mir das nicht vorstellen kann, weil er quasi immer überall ist.
    Ich frage meinen Kumpel: „Kannst du mir einen Gefallen tun?“
    „Ja, was denn?“

    „Halte mal nach einen blonden Typen Ausschau, der eine sehr markante Nase hat und ziemlich lässig wirkt.“

    Sebastian zögert.

    „Davon laufen hier ziemlich viele rum, würde ich mal sagen.“

    „Naja, eigentlich nicht“, sage ich, weil ich es einfach besser weiß.

    „Seine Aura spürt man sofort“, füge ich noch ergänzend hinzu.

    „Aha…das klingt ja eindeutig.“

    Mir ist schon klar, dass Sebastian das anders sieht, weil er selbst ein Mann ist. Aber ich denke, dass auch Männer eine starke Aura spüren können und automatisch davon angezogen werden.

    Sebastian guckt mich noch einmal kurz an und macht sich auf die Suche.

    Ich bin gespannt, ob er fündig wird, unter all diesen scheinbar besonderen Menschen, die alle glänzen und glitzern wollen. Aber das kann nur Tim.

    Nun stehe ich alleine da und komme mir gleich etwas verloren vor. Ich hoffe, mich spricht keiner an und fragt, wer ich bin. Habe keine Lust auf solche Gespräche, da ich in solchen Momenten wahrscheinlich zur schüchternen Person werde, die zu bescheiden ist, um angehört zu werden. Ich möchte nur beobachten und dieses Flair in mich aufsaugen, damit ich noch lange von diesem Erlebnis zehre. Sebastian sehe ich nicht mehr. Verschwunden in der Menge. Und Tim’s Anwesenheit bleibt fraglich, wobei ich mir sicher bin, dass er irgendwo ist. Er darf nicht fehlen, er ist schließlich für vieles, was hier stattfindet, verantwortlich. Seine Verantwortung sind Filme. Er ist der Geldgeber und der Manager in einer Produktion. In meiner Vorstellung jedenfalls. Von der Realität habe ich keine Ahnung. Ich habe schließlich nicht Filmproduktion studiert. Er hat jedoch schon studiert. Und dann noch paar andere Sachen.
    Ich fühle mich weiterhin lost und mache bestimmt einen verunsicherten Eindruck, auf jeden, der mich bemerkt. Bin immerhin die Einzige, die so lässig unterwegs ist. Da zieht man schon ein paar Blicke auf sich. Aber keine Worte, zum Glück. Was die Leute sich privat erzählen, ist mir egal. Das stört mich nicht.
    Auf einmal kommt Sebastian wieder und weckt holt mich aus meiner Gedankenwelt heraus.

    „Und?“, frage ich ungeduldig.

    „Also ich glaub, ich hab ihn gesehen. Die anderen Typen passten irgendwie nicht zu der Beschreibung. Deswegen bin ich mir sicher.“

    Mein Herz pocht stark, während er das sagt.

    Ohne es anzukündigen, nimmt er meine Hand und wir schlängeln uns durch die Menge, die aus einzelnen Gesprächsverwicklungen besteht. Smalltalk everywhere.

    Dann bleiben wir stehen und ich sehe Tim sofort. Leider ist auch er nicht alleine. Neben ihn steht eine hübsche junge Frau, die auch mir gefällt. Bitte nicht. Wenn die nicht so hübsch wäre, wäre das für mich ein geringeres Problem. Ich bin wie erstarrt. Tim hat immer noch diese Aura. Aber wer sie hat, wird sie auch nicht verlieren. Scheiße, er sieht so gut aus. Und diese Frau… Aber es war klar, dass es so kommt und er sich irgendwann für eine Neue entscheidet. Der Zeitpunkt kann ja nicht immer falsch bleiben. Ich hatte Pech damals, da kam ich zur falschen Zeit in sein richtiges Leben. Aber sie kommt vielleicht zur richtigen Zeit in sein falsches Leben, wenn er ihr das antut, was er mir auch angetan hat. Egal, zu viele Gedanken auf einmal in dem kurzen Moment.
    Ich bin nicht weit von Tim entfernt und stehe nur da, ohne etwas tun zu wollen.

    Doch dann kriegt er abrupt mit, dass ich da bin und sieht mich an, etwas irritiert, aber dennoch professionell. Wobei die Skepsis in seinem Blick überwiegt. Na toll, wieder alles falsch gemacht, sagt meine innere Stimme. Peinlich. Tim kann eigentlich gar nichts machen in seiner Situation, neben der Frau. Auf jeden Fall ist Tim überrascht, dass ich da bin. Das hätte er wohl nie erwartet, dass ich auch mal so ein Event besuche. Er denkt bestimmt, ich stalke ihn. Aber das tue ich nicht. Ich möchte nur meine Erfahrungen machen und dieser Besuch gehört dazu. Während Tim sich mit der Lady unterhält, guckt er immer wieder zu mir. Ich falle eben auf mit meinem Outfit, das absolut nicht gekünstelt rüberkommt. Nicht so wie die Frau in ihrem Overdressed-Kleid.
    Es passiert nichts mehr. Tim redet mit der Frau und ich stehe schweigend da. Hilflos, etwas zu tun. Ich kann gerade nichts ändern. Dazu habe ich kein Recht. Der Lauf der Dinge und des Lebens.

    Bis sich Tim ganz überraschend von der tollen Frau entfernt. Wohin geht er? Jetzt entsteht in mir der Reflex zu handeln. Ich muss was machen. Sebastian ist mir egal, ich sage nichts und lasse ihn stehen. Da muss ich jetzt alleine durch. Ich folge Tim und versuche mich unauffällig zu verhalten, damit die Frau mich nicht aufhält oder irgendwelche Bodyguards zupacken. Es dauert nicht lange, bis ich bei Tim bin. Aber er ignoriert mich. Kein Wunder, er hat mir den Kontakt damals sozusagen verboten. Aber das ist Jahre her und ich merke, dass Tim innerlich schwächelt, ohne sich diese Schwäche eingestehen zu wollen.
    Okay, inzwischen bin ich auch gut darüber hinweggekommen.

    Aber einmal versuche ich es noch mit den herzergreifenden Worten: „Bitte,..bitte.“

    Tim schenkt mir nur noch einen tiefen Blick und geht entschlossen weiter.

     

  • An dich

    Alles fing damit an, dass ich dich damals mit nur einem Wort und paar Punkten anschrieb: …sexy.

    Ohne dich zu kennen, ohne zu wissen, mit wem ich es zu tun habe. Ich wusste nicht einmal, wie du wirklich aussahst, denn dein Profilbild war recht unscheinbar, aber dennoch irgendwie nach meinem Geschmack.
    Ich hatte einfach überhaupt keine Ahnung von dir. Nichts.
    Du schriebst sofort zurück und eine Tirade von Worten und Andeutungen folgte. Dazu die ersten Fotos von dir. Alles ‚entwickelte‘ sich super, mir gefiel es und dir scheinbar auch. Für jedes noch so schwachsinnige Bild von mir gab es ein Kompliment…von dir. Wenn ich mir die Bilder heute anschaue, könnte ich lachen, da sich einiges geändert hat und ich nicht mehr nachvollziehen kann, warum du die Bilder gut fandest. Es ist viel passiert in nur einem Jahr. Alles, was damals war, ist heute nicht mehr aktuell.

    Wir tauschten gegenseitig zig Fotos aus und du warst perfekt darin, mir fast jeden Tag mehrere Sprachnachrichten zu schicken, die mich erfreuten und gleichzeitig immer eine kleine Spur von Verlegenheit in mir hinterließen. Ich war das alles eigentlich überhaupt nicht gewohnt. Vieles war irgendwie neu für mich. Und du gefielst mir immer mehr, du hattest etwas, was ich bisher woanders nicht fand. Ein passendes Wort dafür gab es nie. Vielleicht trifft ein faszinierendes Charisma es ganz gut..? Sag du es mir.

    Ungefähr zwei Wochen schrieben wir intensiv miteinander, bevor wir uns trafen. Du meintest, ich soll mir keine Platte machen und muss nicht aufgeregt sein. Hast mir gut zugeredet, dass alles gut wird und hast sehr überzeugt gewirkt..von mir. Es hat mich zwar kaum beruhigt, aber ich fühlte mich ganz gut aufgehoben. Irgendwie schlummerte in mir ein Gefühl des Vertrauens. Dir vertrauen zu können.

    Manchmal, als du mir ‚Nacktbilder‘ (du weißt schon, welche) geschickt hast, war ich dennoch ein wenig überfordert, da ich es nicht kannte. Es war neu für mich und gerade an dem Tag, als wir uns treffen wollten, wusste ich für einen kleinen Moment nicht, wie ich damit umgehen sollte. Das waren zu viele Eindrücke auf einmal, da ich ohnehin schon sehr aufgeregt war.
    Ich denke, heute wäre ich damit wohl anders umgegangen und hätte anders reagiert.

    Wenn ich heute, nach fast 1.5 Jahren, zurückdenke, bereue ich es, manchmal nicht gut genug auf deine Fragen eingegangen zu sein. Oder..ich habe dich nicht genug gefragt, obwohl ich so viele Gedanken im Kopf hatte. Aber irgendwann vor vielen Jahren wurde mir mal beigebracht, Männern nicht zu viele Fragen zu stellen. Das war ein guter Rat, den ich im Leben schon oft brauchte. Mein Papa hat mich damals nach einem bestimmten Muster erzogen und ich kriege es bis heute nicht mehr raus, da ich einfach mit gewissen Dingen und Regeln erzogen wurde. Es gibt Dinge, die Frauen nicht tun sollen.

    Dann war der Tag da, an dem wir uns trafen. Genau in der Mitte..vom August. Komischerweise gibt es einen Film von dir, der so ähnlich heißt.
    Ich weiß nicht mehr, wie ich den Vormittag des Tages überstanden habe. Dann kam dein Schwanz-Video und alles wurde in mir irgendwie…chaotischer..?
    Am 15.8. bereute ich, dass ich vor drei Wochen beim Frisör war und mir die Haare abschneiden ließ. Ich wünschte mir, dass ich es nicht getan hätte, weil es auch nur eine Impulshandlung nach dem Urlaub war.
    Heute wünschte ich mir, ich wäre nie beim Frisör gewesen und hätte andere Klamotten angezogen. Wenn ich daran zurückdenke, ist es mir, ganz ehrlich, peinlich. Ich habe es so oft bereut, dass du dadurch wahrscheinlich einen ersten falschen Eindruck von mir bekommen hast..?
    Es muss ziemlich doof ausgesehen haben, wie ich da völlig in blau auf dich gewartet habe und der Tag war obendrein viel zu heiß,…für Jeans-Klamotten und Herbststiefel, in denen ich hinter dir hergestolpert bin, weil du einen echt zügigen Schritt draufhattest.

    Ich kann mich einfach nicht mehr an den allerersten Moment erinnern, als ich dich gesehen hatte. Du warst plötzlich da, mehr nicht. Ich weiß meine ersten Gedanken nicht mehr. Normalerweise stecke ich Leute schon in denen ersten Sekunden in Ja-oder-Nein-Kategorien. Aber bei dir..? Du hattest keine Kategorie. Es war eher so, als wäre ich innerlich irgendwie taub gewesen..oder betäubt..?

    Es ging alles so schnell und ich erinnere mich daran, dass ich die Situation gar nicht sofort einschätzen konnte. Es war ganz einfach: BAAM. Und trotz meiner inneren ‚Sinnesüberforderung‘ war ich nur latent aufgeregt. Ich weiß nicht mehr, wie der Weg zu dir nach Hause war. Ich weiß nur, dass ich an der rechten Seite neben dir herlief und wir irgendwie über normale Sachen redeten, um die Situation aufzulockern. Mehr weiß ich nicht, obwohl der Weg bestimmt 15 Minuten dauerte..? Mein Zeitgefühl war definitiv weg.
    Es war verdammt warm an dem Tag und ich war schnell außer Puste, weil du zu schnell gingst. So schnell konnte ich gar nicht. Dazu hatte ich noch einen vollgepackten Rucksack auf dem Rücken und eine dämliche runde Handtasche, die ich bis heute nie mehr benutzt habe.

    Dann waren wir bei dir. Ich weiß nicht mehr, ob Treppe oder Fahrstuhl. An manche Details erinnere ich mich genau, an manche gar nicht. Ich war ordentlich durchgewitzt, dank Hitze, Aufregung und dem Serotonincocktail in mir. Du hast die Getränke fertiggemacht…und dann saßen wir uns gegenüber. Worüber haben wir geredet?
    Wir…
    Ich habe mehr geredet, als du. Aufregungslaberflash. Erst im Nachhinein wurde mir das klar. Ich hatte dich verbal zugetextet. Danke Aufregung, danke Serotonincocktail. Ich war bei unserem Treffen nicht ganz clean, weil ich vorher bisschen nachhelfen musste. Du möchtest nicht wissen, was ich während der Zugfahrt zu dir getan habe und dein Gin-Apfelsaft wirkte vielleicht nicht gerade neutralisierend.

    Als du mir gegenübersaßt, dachte ich nur: oh Mann. Du hast mich unendlich angezogen, obwohl du nicht viel getan hast. Der Blickkontakt reichte schon. Zwischendurch warst du immer mal wieder weg, um an deinen LapTop zu gucken, weil es um irgendeine Entscheidung ging. Das war ganz angenehm, um kurz Luft zu kriegen. Danach warst du jedes Mal dichter an mir dran und ich war dadurch umso nervöser, obwohl ich es zugleich auch sehr genoss. Du warst wie ein starker Reiz und irgendwie hatte ich das Gefühl, als würde mich deine Aura in deinen Bann ziehen.
    Zwischendurch hattest du mir paar spielerische Befehle erteilt. Ich konnte sie kaum ausführen, weil ich..ja..aufgeregt war…und erstmal lieber mit dir sprechen wollte. Und weil ich so etwas noch nicht erlebt hatte. Unser Körperkontakt war nur kurz, aber ich weiß noch, dass mir ein Schauer über den Rücken lief, als du mich angefasst hast. Das war etwas ganz anderes, auch ein neues Gefühl für mich. Irgendwie war an dem Treffen alles neu. Nichts war so, wie ich es kannte und ich mochte deine Ausstrahlung sehr, mehr als nur anziehend.
    Heute hätte ich vielleicht manches anders gemacht. Aber damals war es das erste Treffen und ich konnte nichts anders machen. Ich war wirklich schüchtern an dem Tag..oder vielleicht ein wenig eingeschüchtert.

    Dann kam der Abschied und ich heulte kontinuierlich los, ohne es kontrollieren zu können. Bei mir immer ein Zeichen, dass mir etwas wichtig ist oder in diesem Fall: Dass jemand etwas in mir ausgelöst hat.
    Ich hatte bisher nur bei einem Mann rumgeheult und das war fast zehn Jahre her. Und nun warst du es und ich wusste, dass etwas von mir an dir hängengeblieben ist. In dem Moment als ich anfing zu weinen wusste ich: Hilfe.
    Wenn ich nicht geweint hätte, wäre es wahrscheinlich eines dieser normalen bedeutungslosen Treffen. Normal, passiv, unbedeutend, langweilig. Ohne Tränen wäre unser Treffen nichts gewesen. Du wärst mir wahrscheinlich nicht einmal lange in Erinnerung geblieben. Unser Treffen hätte dann eigentlich niemals stattgefunden, sondern wäre in meiner Verdrängung gelandet.

    Ich weiß nicht, was du mit mir getan hast, damit all das nicht passiert. Ich weiß überhaupt gar nicht, was du mit mir angestellt hast. Es kratzt jedenfalls nicht nur an der Oberfläche, sondern es geht ganz tief rein. Ich spreche hier nicht von Liebe, falls du davor Angst hast. Es ist eher etwas anderes. Ein Gemisch mit vielen Perspektiven, sozusagen. Ich kann es dir nicht genau sagen. Es ist jedenfalls nichts, was dir Sorgen bereiten sollte.

    Ich habe unseren Abschied sehr intensiv in Erinnerung. Du hattest noch versucht, mich mit Worten und ‚Hoffnung‘ zu beruhigen. Ich sollte dich angucken..Aber ich konnte dennoch nicht aufhören zu weinen. Und dann gab es da noch so eine Regel…mich beruhigen, bis wir uns wiedersehen.
    Dann hast du mich zum Bahnhof gefahren, weil ich nicht in der Lage war, alleine loszugehen, weil ich mich ziemlich verloren fühlte und ich Zeitdruck hatte, wegen des letzten Zuges. Wahrscheinlich hätte ich mich verlaufen. Die Idee, mir ein Hotel zu suchen, wie sonst auch, war total absurd, da ich innerlich völlig abwesend war. Also musstest du mich halb angetrunken..vom Gin…zum Bahnhof fahren. Damals war ich innerlich so abgeschossen, dass mir das gar nicht bewusst war. Was ich noch weiß: ich fühlte mich auf der Rückfahrt mit der Vespa extrem glücklich, obwohl ich währenddessen immer noch heulte. Es war ein komischer Moment. Diese kurze Fahrt zum Bahnhof war voller Glücksgefühle und Tränen. Aber ich dachte ja auch, dass wir uns bald wiedersehen. So wie versprochen.
    Und danach saß ich alleine am Bahnhof, weiterhin am Heulen und egal, was die anderen dachten, die an mir vorbeigingen. Du schriebst noch eine Nachricht, dass alles okay ist. Und dann war’s das auch erst einmal.
    Meine Gefühle waren wie weg, ich saß einfach nur da. Nicht im Hier und Jetzt, nicht in der Vergangenheit und nicht in der Zukunft. Ich fühlte nichts, bis auf Tränen. Manche Menschen nennen das Trauma. Ich erinnere mich an völlige Apathie, weil ich zu überwältigt war, um diese vielen Eindrücke zwischen uns zu verarbeiten, die eigentlich nur kurz waren.

    Nach der Zugfahrt weiß ich nichts mehr. Nur dass ich zu Hause sofort auf die Toilette musste, um mich zu übergeben. Der Gin und der Serotonincocktail vertrugen sich nicht.
    An die folgende Nacht erinnere ich mich nicht und an das unmittelbare Danach auch nicht.

    Bald darauf kam die Zeit, als ich anstrengend wurde. Wir wollten uns wiedersehen. Aber ich schaffte es, das zu verhindern. Durch mein Verhalten. Ich weiß nicht mehr, was in der Zeit mit mir los war, da zwischen uns eigentlich alles in Ordnung war.
    In meiner Erinnerung gab es ständig Missverständnisse. Wir redeten das gleiche, drückten uns aber anders aus.
    Wir wollten uns bald wieder treffen. Dann kam ich mit irgendwelchem Scheiß..und du warst genervt. Wenn ich mir meinen Scheiß heute durchlese, fällt mir dazu nichts mehr ein. Ich weiß nicht, warum ich so war.
    Ein Missverständnis war, dass du dachtest, ich will mehr. Aber das war nicht so.
    Meine Stimmungsschwankungen führten dazu, dass du mir immer weniger vertraut hast und dachtest, ich wäre dem Ganzen nicht gewachsen. Du dachtest, mich würde es völlig aus der Bahn werfen, wenn wir uns sehen.

    Zwischendurch gab es immer wieder Hoffnungsschimmer. Deine Interesse war anscheinend noch da. Du warst weiterhin heiß auf mich…bis zu einem gewissen Punkt, wo ich wieder austickte. Grundlos austickte. Ich verlor schnell die Kontrolle über mich. Wodurch du dich in deiner Vorahnung wieder bestätigt fühltest. Ich sei dem nicht gewachsen, das passt nicht.
    Und ich wusste: doch, es passt.
    Ich konnte es damals nur nicht rüberbringen, Missverständnisse entstehen schnell beim Schreiben. Allerdings nicht in den ersten zwei Wochen, da gab es null Missverständnisse. Wir waren uns einig und vielleicht auch ein wenig…vorfreudig? Es wirkte so. Wir teilten uns beide mit, was wir suchen und konnten uns gut ergänzen. Es gab nichts Negatives.

    Irgendwann, nach diesem Chaos, wurde es dann noch chaotischer. Aber ich möchte nicht weiter darauf eingehen, weil ich keine Ahnung habe, wie es wirklich war oder ist.
    Du warst/bist in einer Beziehung und ich sah das als Grund für dieses Chaos. Ich kann es nicht einordnen. Ich dachte, dass das Grund wäre, warum du auf einmal kein Interesse mehr an mir hattest. Diese Situation war so seltsam, weil ich damit so schlagartig überrumpelt wurde. Für mich fühlte es sich wie Jetzt und Gleich an. Ich konnte nichts mehr zuordnen, in mir brach das totale Chaos aus, weil es viele Widersprüche gab, für die keine Erklärung da war, weil du dich vor mir nicht rechtfertigen musstest.

    Dann war Sendepause, nach einigen Wochen nach meinem ‚Gefühlschaos‘.
    Du konntest meine Bitte-Bitte-Nachrichten nicht mehr ertragen und hattest mich blockiert.
    Das Gefühl danach kann ich dir nicht beschreiben. Dafür gibt es kein Wort.
    Meine neue Arbeitsstelle konnte mich davon nicht komplett ablenken. Zu hause war ich immer alleine damit, mit diesem Zustand, den ich kaum ertragen konnte. Es fühlte sich an, als würde man einem Junky sein Heroin wegnehmen. Und glaube mir, ich übertreibe nicht.
    Auf der Arbeit war alles super, ich kam gut klar, ließ mir nichts anmerken.
    Aber privat sah es anders aus.
    Ich verlor viel Gewicht, hatte keinen Appetit und Schlafstörungen. Starke innere Unruhe.
    Was ich dagegen tat war schreiben. Ich schrieb in der Zeit unendlich viel, wie eine Wahnsinnige. Keine planlosen Gedanken, sondern zwei Bücher. Nur, um mich irgendwie abzulenken und um mir selbst näher zu kommen, wobei ich immer wieder bei dir landete.

    Im Herbst hatte ich einen Autounfall, Totalschaden. Aber ich selbst bin gut davongekommen. Warum auch immer, ich hatte es nicht verstanden. Ich war meiner Meinung nach kaum verletzt, bekam aber dennoch Betäubungsmittel, die ganz nett in ihrer Wirkung waren. Vielleicht bekam ich sie deshalb.

    In der Zeit kam ich ein wenig zur Ruhe, weil mir nicht viel übrig blieb, als das.
    Irgendwie hatte ich mich danach zunehmend mehr unter Kontrolle und die Stimmungsschwankungen wurden immer weniger. Ich musste dafür keine Medikamente nehmen oder Ähnliches. Es ging dann einfach mit mir.

    Ich hatte dir oft Nachrichten geschrieben, bei denen ich nie wusste, ob sie ankommen. Einfach mit der Hoffnung, dass du mich nicht überall blockiert und es dir vielleicht nochmal anders überlegt hast. Mir wurde schnell bewusst, wie konsequent du sein kannst. Aber ich hatte mir nicht gewünscht, dass du so konsequent bleibst, wenn es darum geht, den Kontakt abzubrechen. Ich dachte, du würdest deine Meinung ändern, wenn etwas Zeit vergeht.

    Im Herbst hatte sich einiges geändert. Es gab ein wichtiges Thema, über das ich nicht reden durfte und nicht wollte. Ich möchte darüber auch weiterhin nicht gerne reden. Es sei denn, du fragst mich direkt, dann würde ich dir Antworten geben. Aber von alleine eher nicht.
    Ich erinnere mich nur daran, dass es schon Momente gab, wo dich all sowas interessiert hatte und du nachgefragt hast. Das war auch nach unserem Treffen. Deswegen vermute ich, dass du von mir lange nicht ganz so abgeneigt warst, wie heute.
    Deswegen tut es mir Leid, wenn ich damals auf bestimmte Sachen nicht so eingegangen bin, wie du es gerne gehabt hättest. Oder dass ich deine spontanen Forderungen damals so gut wie gar nicht umgesetzt habe, weil ich es nicht mochte, mal spontan meinen Hintern zu knipsen. Obwohl da kaum etwas dabei ist. Ich glaube, ich war etwas zu ablehnend und auch egoistisch…?
    Du würdest es wahrscheinlich besser beschreiben können. Aber all das ist nun schon eine Weile her.
    Heute hat sich vieles geändert und ich habe nur in diesem Text die Chance, dich ‚umzustimmen‘.

    Ich weiß nicht, was zwischen uns passiert ist, damit es jetzt immer noch so kalt bleibt.
    Als ich vor zwei Wochen die Fotos von meinem Hintern gemacht habe, dachte ich, okay, da kommt noch was. Vielleicht ein neuer Anfang…Ich hatte wirklich den Gedanken, dass es nun besser wird und wir bestenfalls etwas regelmäßiger Kontakt haben. Und ich dir zeigen kann, dass es passt und ich bereit bin, egal für was. Ich bin für alles offen zwischen uns. Egal in welcher Form.

    Ich dachte immer, wir hätten ähnliche Fantasien und Absichten. Gegenseitige Anziehung…
    Jedes Mal, wenn ich dir heute ein Bild schicke, hoffe ich, dass es dir gefällt.
    Oder wenn nicht, dass du mir sagst, was dir fehlt..wie auch immer.
    Ich hoffe jedes Mal, dass ich die Spannung zwischen uns auflockern kann und dass da nicht mehr diese kalte Sperre ist. Wobei kalt nicht schlecht ist, wenn es zwischendurch immer etwas Wärme gibt.

    Weißt du, was ich am allerallermeisten bereue?
    Dass ich dir im letzten Jahr mein größtes Geheimnis erzählt und mich damit dir gegenüber völlig offengelegt habe. Ich hätte dir niemals sagen dürfen, was mit mir los ist und warum ich so gut darin bin, für echte Dramen zu sorgen. Emotional instabil eben. Und der Stempel von dir: ERLEDIGT.
    Wahrscheinlich warst du dir danach erst recht sicher, dass man mich nur mit Vorsicht genießen kann und dass man mein masochistisches Verhalten mit gewaltätigen Aktionen nicht noch fördern muss.
    Denn nach meinem abschreckenden Statement hast du immer mehr die Distanz gesucht.
    Vielleicht war das der Punkt für dich, rechtzeitig auf Abstand zu gehen, obwohl es dafür längst zu spät war. Aber es wäre immer zu spät gewesen, dass zu tun, nachdem ich wusste, dass du auch auf Gewalt und harten Sex stehst. Unser erstes Treffen hat meine Lust darauf nur bestätigt.
    Damals dachte ich, es wäre besser, dir gegenüber so ehrlich zu sein, damit mein blödes Verhalten wenigstens erklärt ist. Ich dachte, wenn ich dir das anvertraue, verstehst du mich besser. Ich dachte, dass nur dieses eine Wort nötig wäre, um mich meine Persönlichkeit bzw. Charakter ein wenig zu erklären. Weil ich mich anders nicht mehr erklären konnte.
    Was ich damit eigentlich anrichte, war mir in dem Moment nicht klar. Vor allem, dass sich manche Leute schnell überfordert fühlen, wenn sie so etwas hören. Aber ich dachte, du würdest es gut auffassen, weil du es sowieso magst, wenn man durch so einen Charakter noch viel devoter wird. Ich jedenfalls…
    Anziehung macht mich abhängig. Aber längst nicht unfähig, auch eigene Entscheidungen zu treffen.

    Bisher habe ich dir viele Texte und Gedanken mitgeteilt. Ich denke nicht, dass dich das alles so völlig kalt lässt. Aber ich weiß nicht einmal ansatzweise, was in dir wirklich vorgeht, was du denkst. Ich habe nur vage Ahnungen.

    Was denkst du?
    Was denkst du, wenn ich nichts falsch mache?
    Denkst du, ich wäre zu gut..oder vielleicht zu schlau für dich?
    Hast du Angst, mir mit irgendetwas weh zu tun? Mir vielleicht mit der Wahrheit wehzutun?
    Denkst du vielleicht, ich würde es nicht ertragen, wenn du gerade in einer Beziehung bist und ich sozusagen ’nur‘ deine Affäre wäre?
    Denkst du, ich bin sehr eifersüchtig?
    Denkst du, ich hätte jemand ‚Besseren‘ als dich verdient? Weil du dich selber besser kennst, als den Hauch, den ich von dir erahne?
    Denkst du, ich wäre supererfahren, was Affären angeht und hast du Angst, ich hätte zu viel Erfahrung? Wenn du das denkst, könntest du dich gewaltig täuschen.
    Denkst du, ich möchte unbedingt eine Beziehung mit dir und dieser Gedanke macht dir Angst?
    Hast du Angst, mich zu enttäuschen, wenn ich herausfinde, wie du ‚wirklich‘ bist..in der Realität?
    Denkst du, ich würde dich dann weniger mögen..?
    Hast du vielleicht Angst, dich auf etwas einzulassen, weil du mich schon von einer ganz anderen Seite kennengelernt hast und nun vorurteilst?
    Denkst du, ich bin immer noch so wie damals?
    Denkst du, bei/in einem anderen Mädel etwas Besseres zu finden, als in mir?

    Was ich denke…

    Ich denke, dass bei anderen Mädels gewisse Reize schneller vergehen, wenn du herausfindest, wie sie eigentlich ticken. Vielleicht wird es schnell langweilig, oder etwas anderes läuft nicht so.
    Die Anziehung ist immer eine andere. Ich weiß nicht, ob andere Mädels zu schätzen wissen, was sie an dir haben. Sie würden vielleicht ganz anders mit dir umgehen, als ich mit dir. Viele Frauen sind ähnlich..aber auch genauso unterschiedlich. Jeder ist einmalig. Jeder auf eine andere Art. Für mich sind Männer eher mehrmalig. Einmalig fühle ich mich intensiv zu dir hingezogen.
    Dir wird wahrscheinlich nicht bewusst sein, dass das eine Ausnahme ist…? Vielleicht macht genau das dir Angst. Dass ich dir viel mehr ‚Wert‘ gebe, als du dir vielleicht selber gibst..? Vielleicht hast du Angst, dass ich dich völlig überbewerte,..idealisiere..obwohl ich dich gar nicht kenne.
    Und du bist dir sicher, dass ich mich damit täusche..? Ich bin mir sicher, dass ich mich nicht täusche. Ich habe keine Angst vor der Wahrheit.

    Wenn ich wollte, wäre ich mit dir auf Augenhöhe, so, wie es (eigentlich) sein sollte.
    Manchmal denke ich auch, dass ich dir geistig zu hoch bin. Obwohl ich teilweise tatsächlich extrem naiv sein kann, wenn andere sehen, wie ich dir hinterherrenne. Obwohl ich längst in einer Beziehung mit jemand anderen sein könnte. Aber ich will das nicht. Ersetzen in dem Sinne gibt es nicht. Bisher hatte ich nur eine echte Beziehung. Danach habe ich jahrelang das gesucht, was ich in dir gefunden habe. Anziehung und das Gefühl von Hingabe. Viel mehr könnte ich das Gefühl auch als Abhängigkeit bezeichnen. Du könntest mich mit nichts abschrecken. Es gibt einfach nichts, was für dich tabu wäre, obwohl es schon Dinge gibt, die ich kaum mag.
    Ich denke, du wärst perfekt darin, meine Grenzen zu erforschen.
    Du wärst auch perfekt darin, mich unter deine Kontrolle zu kriegen.
    Ich merke es schon jetzt.

    Als du mich heute blockiert hast…
    Diese Apathie war da…und dieses Aus…
    Verzweiflung…
    Tränen…
    Ich fühlte mich aufgelöst..
    Verloren..

    In solchen Momenten versuche ich alles, gerate doch wieder außer Kontrolle, kriege mich dann nach einigen Minuten wieder gebändigt, wenn ich versuche, noch einmal zu…kämpfen.
    Es ist wirklich wie ein Kampf zwischen uns.
    Wenn du mich blockierst, dann verliere ich meine wichtigste Bezugsperson. Es ist ein Verlust für mich.
    Wenn ich so lange versuche, dir irgendwie zu gefallen, deine Aufmerksamkeit zu gewinnen,..dich zu überzeugen…
    Und dann plötzlich blockiert werde. Als wäre ich nichts, als wäre ich nie dagewesen, nach allem, was ich probiert habe.
    Es fühlt sich an wie ein Stich, genau wie damals, als du es getan hast.
    Ich kann auch nicht mehr tun, als dir diesen Text zu schreiben bzw. ich weiß nicht mehr, was ich für dich tun kann, damit wir doch noch einmal anfangen können, nach deinen Vorstellungen, die du mir bisher nie erzählt hast. Dabei gäbe es noch viele offene Themen, die wir ausleben könnten.

    Meine Angst ist einfach, dass du ein falsches Bild von mir hast.
    Dass ich so viel schreibe liegt einfach daran, dass das meine Art ist, mich auszudrücken. Wenn andere Frauen nicht so viel schreiben, ist das eher normal. Aber mir bleibt eben nichts anderes übrig, als diese Texte. Vor allem, wenn es der letzte ist, um Klarheit zu schaffen.

    Ich brauche dich einfach.
    Du meintest einmal, es wäre der falsche Zeitpunkt, für ein Kennenlernen.
    Allerdings hast du zum falschen Zeitpunkt Lust, andere Mädels kennenzulernen.
    Natürlich frage ich mich dann, was los ist.
    Damals war schließlich auch alles gut, obwohl heute alles besser wäre.
    Ich bin mir fast sicher, dass du bei mir alles hättest, was auch du brauchst. Ich bin mir fast sicher, wir würden uns in unseren Vorstellungen ergänzen.

    Gleichzeitig finde ich es krank, dir diesen Text zu schreiben. Er ist lang und klingt eindeutig verzweifelt. Aber hey, ich bin auch wahnsinnig verzweifelt, was uns betrifft. Ich bin extrem verzweifelt. Schreibe diesen Text unter Tränen, weil ich hoffe, dass er etwas in dir bewirkt oder auch, wie in mir, auslöst.
    Du denkst vielleicht, es wäre für mich einfach, sowas zu schreiben, weil ich Autorin bin. Aber gerade dieser Text fällt mir schwer. Weil ich auch nicht einmal weiß, ob du ihn wirklich liest und einfach nur die Schnauze voll hast von mir.
    Ich denke, dass ich mich mit meinem Geschreibe bei dir vielleicht unbeliebt mache.
    Aber was bleibt mir übrig, als Worte…oder Bilder…
    Mir bleibt einfach nichts mehr übrig.

    Du weißt ganz genau, dass ich dich nicht vergessen kann. Sonst hätte ich es doch längst getan. Du kannst mir mit nichts mehr wehtun, als mich zu blockieren. Das ist schmerzhaft für mich. Du kannst auch dadurch nicht dafür sorgen, dich zu vergessen. Es macht es nur umso schlimmer für mich, damit komme ich nicht klar und es bringt mich komplett durcheinander. Ich kann mit allen Umständen zwischen uns leben. Aber nicht damit. Du kannst mich nicht einfach rausschmeißen, als wäre ich Müll. Ich hänge tatsächlich sehr an dir, obwohl ich unabhängig von dir lebe. Deswegen wirst du auch nicht verstehen, wenn ich an dir hänge. Weil wir uns deiner Meinung nach nie gekannt haben. Jetzt würde wieder das Wort ‚Projektion‘ auftauchen, weil alles nur eine Illusion ist. Aber das Gute an mir ist, dass ich mich bisher nie getäuscht habe und manche Dinge einfach weiß, ohne sie jemals in Frage zu stellen. Sehr hilfreich im Job, wie auch privat. Ich lag wirklich niemals falsch mit meinen Gedanken. Ich weiß, was ich will, brauche und suche. Und ich suche seit vielen Jahren das Gleiche, es hat sich nichts geändert. Es ist für mich keine Trend, solche Männer wie dich zu suchen. Manche Frauen sind auf dem Trip, nachdem sie ‚Fifty Shades Of Grey‘ gelesen oder gesehen haben. Ich ticke SO, seitdem ich 13 bin. Damals habe ich wirklich schlimme Tagebucheinträge geschrieben, wenn es um Männer ging. Meine Eltern haben sich furchtbare Sorgen um mich gemacht, weil ich ihnen auch reichlich Gründe dafür gab.
    Und dennoch…am Ende war es mein Papa, der dem Ganzen ein klares Aus setzte. Er ahnte früh genug, in welche Richtung es mich zog. Aber er konnte dagegen erst recht nichts machen, weil ich durch ihn nur so ’schlimm‘ geworden bin. Der ewige Konflikt zwischen uns hieß Hassliebe.
    Als ich mit 17 in meine eigene Wohnung zog, wurde alles nur noch ‚besser‘.

    Warum ich dir all das schreibe, wenn ich doch genau weiß, dass ich mich damit bei dir unbeliebt mache…
    Weil ich möchte, dass du mich verstehst. Damit du verstehst, dass ich einfach so bin und wirklich auf solche Männer wie dich fixiert bin. Ich kann nicht anders. Und es gibt niemanden, der so ist, wie du. Genauso wenig, wie es jemanden gibt, der so ist, wie ich.
    Wieder bei dem Thema…viele sind sich ähnlich…aber keiner ist so ähnlich wie du, oder wie ich. So etwas gibt es kaum.
    Und ich weiß, dass ich dich brauche. Ich spüre das so oft, und du wendest mir einfach den Rücken zu.
    Was ist so verkehrt zwischen uns?
    Ist es, weil ich nicht in der Nähe wohne? Dabei bin ich flexibel und es fühlt sich intensiver an, wenn man sich sieht. Damals war es für dich auch kein Problem.
    Ein wenig später meintest du mal, ab und zu sehen – mehr nicht. Alles Dinge, die für mich okay sind. Du machst die Regeln, ich folge dir. Aber ich kann nicht ohne dich.
    Und dein Rückzug ist mir unbegreiflich.
    Denkst du, du müsstest du komplette Verantwortung für mich übernehmen und überfordert dich der Gedanke? Du kannst so viel ‚Verantwortung‘ haben, wie du willst. Aber ich würde nicht behaupten, ich würde komplett ohne dich klarkommen. Nicht mehr..

    Wie eben schon gesagt, mir ist schwindlig, der Kopf tut weh und mir ist übel. Weil mir viel an dem liegt, was ich dir hier schreibe und weil ich ehrlich gesagt nicht weiß, wie du dann reagierst, weil du sowieso schon nichts von mir wissen willst. Dir wird das alles hier wieder viel zu viel sein.
    Oder du wirst vielleicht drüber nachdenken, worauf du dich hier eigentlich wirklich einlässt.
    Dabei bist ganz allein du derjenige, der das Gesamtkonzept zwischen uns bestimmen würde. Mit Ausnahme von blockiert werden und Kontaktabbruch.
    Ich würde mir wünschen, dass wir es auch irgendwie anders schaffen könnten, als diese drastischen Maßnahmen, die alles nur viel schlimmer machen. Ich wünschte, es würde anders gehen.

    Was wäre so verkehrt daran, mir eine Chance zu geben?
    Warum kein Neuanfang?
    Wenn du jetzt mit anderen schreibst, bist du sicher auch so easy und happy drauf, wie bei mir damals. Bei anderen bist du jetzt so, wie bei mir damals.
    Bei anderen Mädels kannst du locker sein, mich ignorierst du und tust fast so, als wäre ich ein unerträglicher Parasit. Dabei bin ich mir sicher, dass wir beide ähnliche Absichten haben und nicht gegeneinander denken. Sondern auf einer Wellenlänge sind, wo die Pole sehr gut definiert sind.
    Dominant und devot, sowie ähnliche Interessen (wahrscheinlich).

    Ich möchte keine Angst mehr davor haben, dass du mich blockierst.
    Ich möchte, dass wir wieder guten Kontakt miteinander haben. Ich möchte nicht von dir abgewertet werden und auch nicht in die nervig-krank-Schublade gesteckt werden. Ich möchte am liebsten nirgendwo rein und keine Vorurteile in dir auslösen.
    Wenn du sagst, du meinst es nicht böse, dann kommt mir das vor, wie ein Witz.
    Wenn du es nicht böse meist, würde es zwischen uns super funktionieren, ganz ohne Zweifel.
    Jetzt würde es funktionieren. Es gab genug Zeit zum Nachdenken und genug Erlebnisse.
    Warum scheinst du dir also so sicher zu sein, dass es richtig ist, mich zu….ignorieren..?
    Vielleicht ist es für dich ein zu starker Widerspruch, wenn man als zierliche Krankenschwester in der knallharten Forensik arbeitet. Ist es das, was dein Bild von mir gerade am meisten stört?
    Hast du Bedenken, dass ich vielleicht zu selbstbewusst bin und das Devot-Sein nur spiele, weil ich im Grunde genommen extrem dominant bin? Ich bin leider keine Schauspielerin, so wie du es in deinem Umfeld kennst. Ich kann überhaupt nichts spielen und ich spiele auch keine Spielchen mit dir. Ich bin immer authentisch. Leider..vielleicht.
    Manchmal wünschte ich mir, mir würde es besser gelingen, dir gegenüber mal die Klappe zu halten und nicht alles zu erzählen. Vielleicht denkst du, ich wäre dadurch frech und vorlaut. Auf jeden Fall kommt es für dich sicherlich eher negativ rüber.

    Bevor dieser Text zu Ende ist, möchte ich dir noch einmal sagen, dass du dir bei mir alles erlauben kannst. Ich lasse Dinge auch gerne über mich ergehen. Ob es nun Demütigung oder Gewalt ist..oder etwas anderes. Du darfst mich so behandeln, wie du willst. Ich werde auch nicht darüber schreiben, falls du denkst, ich brauche Stoff für neue Geschichten. Nein. Ich brauche dich nicht, um neuen Input dafür zu bekommen. Das wäre nicht der Sinn zwischen uns. Es geht nur um Erfahrungen.
    Ich möchte auf eine Art dir gehören, in sofern, dass du über mich bestimmen kannst, oder was auch immer du selber willst. Bei dir habe ich einfach dieses ausgeprägte Bedürfnis danach.
    Frag mich, warum, und ich gebe dir die genaue Antwort darauf.
    Du brauchst bei mir nichts zu verstecken, nicht mal dein wahres Alter. Ich stehe mehr darauf, dass du NICHT 34 bist. Aber ich bereue es, dass ich zwar aussehe, wie unter 20, ich es aber nicht bin.
    Aber nur weil ich ‚älter‘ bin, bin ich deswegen nicht schlechter. Ich lache gerade selbst darüber, weil nie jemand sagen würde, ich wäre vielleicht zu alt für ihn.
    Uns beide trennen immer noch 14 Jahre, was für die meisten Leute schon zu viel ist.
    Und ich habe längst nicht so viel Erfahrung im Bett wie du. Sex habe ich nur selten, weil ich mich auf niemanden einlassen kann. Ich bin keine Schlampe, die ständig nach neuen Typen sucht. Vielleicht bin ich ziemlich unerfahren, aber auch keine frische Anfängerin.
    Ich weiß also nicht, was dir an mir fehlt und was nicht stimmt.

    Vielleicht haben diese Worte ein wenig Aufklärung in deine Vorstellung von mir gebracht. Ich hoffe, du liest es und denkst darüber ein wenig nach.
    Bitte gebe mich nicht auf. Ich würde auch damit gut zurechtkommen, wenn du ein totales Arschloch wärst oder bist. Du musst keine Angst haben, dass mich das abschreckt oder dass ich dich deswegen nicht verdiene. Du bist nicht zu ’schlecht‘ für mich. Ich habe einfach keine Angst, was dich betrifft. Den Respekt von mir wirst du nicht verlieren. Das würdest du nicht schaffen.
    Ich gehöre nicht zu den Frauen, die sich deswegen von jemanden trennen. Ich weiß nicht, was überhaupt dazu führen könnte, solche Gedanken zu haben.
    Ich würde mich nicht trennen, wenn du fremdgehst oder was auch immer.
    Ich würde nichts tun. Ich würde dich nicht ändern wollen. Du kannst dein Ding machen, meine ‚Erlaubnis‘ brauchst du nicht. Ich würde dich nicht einsperren und dir schon gar keine Vorschriften machen, wie alles zwischen uns laufen soll.
    Ich wäre in dem Sinne vielleicht etwas passiv.
    Mit mir könntest du wahrscheinlich genau das haben, was du dir insgeheim wünschst.

    Es gibt nur eine Sache, die ich nicht will: dich zu verlieren.

  • Manchmal bin ich hochsensibel und emotional.

    Und dennoch bin ich gefasst.

    Manchmal bin ich gelähmt und blockiert.

    Und dennoch bin ich gelöst.

    Manchmal ist mir übel und schwindelig.

    Und dennoch fühle ich mich wohl in meinem Karussell. 

    Manchmal verbinden sich Hirngespinste und Realität.

    Und dennoch liebe ich diffuse Träume, wenn sie wahr werden.

    Manchmal ist mir kalt und warm zur selben Zeit.

    Und dennoch genieße ich es.

    Aber am liebsten bin ich alles gleichzeitig.

    Und ich liebe es, ich zu sein.

    Gin Toxic hat viele Gesichter und die meisten davon sind interessant, wenn man offen für alles ist.

    Jeder Cocktail lässt sich mit dem Inhalt einer Wundertüte vergleichen und jedes weitere Glas bietet die Möglichkeit, alle Gefühle wild miteinander zu kombinieren. 

    Meine alkoholisierten Gefühle lassen sich jedoch leicht auf’s Wesentliche zusammenfassen.

    Ich würde gerne einmal einen Liebesbrief an einen fremden Mann schreiben. Doch momentan sitze ich nur stumm in der Wohnstube und beobachte, wie die Kerze meinen bunt glitzernden Teelichthalter anstrahlt und mich von meinen eigentlichen Gedanken ablenkt, die weitaus ernster sind.
    Ich bin unkonzentriert und komme zu der Annahme, dass Gin Toxic und Cola doch nicht immer gut zusammenpassen, wenn man sein Hirn noch zum Denken braucht. Herumliegen und Nichtstun wäre momentan einfacher. Meinen Gedanken freien Lauf lassen und einfach von den Dingen träumen, an die ich gerade denke. Ich merke, wie mich der Alkohol langsam flachlegt und hoffe, dass sich der Zustand gleich in meinen Träumen widerspiegelt.

    Schnell gehe ich unter die Dusche, bevor ich die ganze Nacht unsachgemäß auf der Couch hängen bleibe und dort neben meinem nachtaktiven Kater einschlafe.
    Ich dusche unter dampfend heißem Wasser, weil mein Wärmeempfinden schon deutlich reduziert ist. Genau wie mein mentaler Allgemeinzustand, in seltenen Situationen. 

    Mir ist kalt und ich habe Gänsehaut. Ich drehe ungeduldig am Wärmeregulierer herum, um das Wasser noch heißer einzustellen. Aber mehr geht nicht, die Armatur ist bereits voll aufgedreht. Dann fällt mir ein, dass ich es als Kind mochte, von einer Wespe gestochen zu werden. Mit dem Wasser ist es wohl genauso. Es gibt kein heiß. 

    Fast zwanzig Minuten sitze ich ruhig unter der Dusche und lasse meinen Rausch vom Wasser bereinigen. Alles fühlt sich intensiver an und ich habe das Gefühl, als würde ich jeden einzelnen Tropfen auf der Haut spüren. Das Wasser ist so heiß, das es Nebelwolken bildet und dafür sorgt, dass sich allmählich die Raufasertapete von der Decke über mir löst. Meine Tapeten kommen mit den tropischen Temperaturen im Bad mittlerweile nicht mehr klar.
    Aber eigentlich ist mir das alles gerade egal. Ich bin mit den Gedanken überall und nirgendwo. Der typische Zustand, wenn ich müde und voll bin. Alles ist so lahm und sinnlos. 

    Die Gedanken, die sich anbahnen, kehren in der Mitte wieder um und verschwinden. Ich erinnere mich an Dinge, nur um sie gleich zu vergessen. 

    Zwischendurch bekomme ich das Bedürfnis, per SMS Streit anzufangen, aber meine Vernunft sagt mir, dass es keinen Grund gibt und dass ich mindestens eine Nacht warten soll, bis ich wieder nüchtern bin. Aber was nützt mir eine Nacht, wenn ich trotz Müdigkeit wahrscheinlich sowieso nicht durchschlafen kann und um vier Uhr morgens hellwach bin. Um die Zeit fängt mein Kater gerne an, die Tapeten von der Wand zu kratzen. Inzwischen nur noch selten bis gar nicht.

    Während ich unter der Dusche nachdenklich abdrifte, fällt mir ein, dass mir mein französisches Glitzerduschbad dabei helfen könnte, mich wieder ins normale Leben zu holen, bevor mich die aktuellen Umgebungsfaktoren völlig abstumpfen. Das Blöde an dem Glitzerduschbad ist, dass man davon körperlich nichts merkt und ich habe keine Ahnung, wonach dieses orange Zeug riecht, weil ich eine Aversion gegen diese Farbe habe. Mit meinem blauen Duschschwamm versuche ich, die unangenehme Farbe zu neutralisieren, was gut gelingt. Blau und orange wird irgendwie zu lila, wenn ich mir das richtig einbilde. Lila mit Glitzer. Ich fühle mich wie ein lila Wattebausch mit Glitzer.

    Weitere zehn Minuten vergehen bis ich mit allem fertig bin. Auch nervlich mit mir selber, denn jetzt merke ich, wie der Gin Toxic für labile Stimmungsschwankungen sorgt, auf die ich gar keinen Bock habe. Mit den Gedanken ‚alles scheiße‘ putze ich mir ein paar Sekunden lang grob die Zähne und freue mich auf das Gefühl, alles ins Waschbecken zu spucken. Danach beschließe ich, dass ich morgen mein Bad sauber machen werde, da morgen der einzige Tag sein wird, an dem ich dafür Zeit habe. Aber eigentlich habe ich überhaupt gar keine Stimmungsschwankungen mehr. Ich kann sie super ignorieren, wenn ich will. Das klappt perfekt, wenn ich Lust dazu habe oder mich mit Absicht zusammenreißen muss. Für ganz bestimmte Leute zum Beispiel. Für Leute, die es wert sind, bin ich gerne vernünftig.

    Nachdem ich endlich im Bad fertig bin, obwohl ich längst nicht alle pflegerischen Maßnahmen geschafft habe, gehe ich unrasiert und mit nassen Haaren ins Bett. Es ist schließlich niemand da, der sich dadurch belästigt fühlt.
    Unter der Decke ist es auf einmal viel wärmer, als unter der Dusche. Mir ist heiß und meine Wangen glühen. Danke Gin Toxic, dass du heute so unberechenbar wirkst und mir einen kleinen Einblick in die Wechseljahre gewährleistest. Wobei gerade der Wunsch aufkommt, jetzt richtig flachgelegt zu werden. Von jemanden, der natürlich nicht in meiner Nähe, sondern zig Kilometer weit entfernt ist. Gedanken, wie ich sie fast jeden Abend habe, weil es normal ist, in Fantasien und Sehnsüchten zu schwelgen.

    Benommen wie ich bin beobachte ich den langsamen Farbwechsel meines Nachtlichts – blau, rot, grün, weißgelb. Es leuchtet mir aus der Steckdose sanft ins Gesicht und umrahmt mein Bett. Ohne dieses kindische Beruhigungsmittel gegen Angst vor Dunkelheit würde ich wohl schlechter einschlafen und das nur wegen einigen beschissenen Büchern in meinem Regal, die sämtliche Horrorfilme übertreffen. Seitdem kann ich auf diese kleine Lampe nicht mehr verzichten, die ich zuvor noch nie im Leben gebraucht habe. Am besten wirkt die Lampe jedoch in Kombination mit Alkohol, Schlaftabletten und offenem Fenster. Der Lärm der Autos gibt mir das Gefühl, dass alles in Ordnung ist und die kalte Luft im Zimmer tut ihr Übriges. Das offene Fenster gibt mir das Gefühl, nicht alleine zu sein, da immer einige Autofahrer in der Nähe sind und die Vögel früh über die Wiese fliegen, um ihr Frühstück zu suchen.

    Wenn ich gedanklich schon weit weg genug bin, stelle ich mir vor, dass ich in Berlin bin und nicht alleine im Bett liege. Mit der Hoffnung, dass ich mit dieser Vorstellung meine Träume beeinflussen kann, denn früher gelang mir das sehr häufig. Da konnte ich irgendwie alles.
    Ich mag es nicht, jede Nacht alleine im Bett zu liegen. Aber der Gedanke, jede Nacht nicht alleine zu sein, stört mich noch mehr. Somit stecke wieder im Zwiespalt zwischen Wunsch und Abneigung, was aber nicht besonders schlimm ist, wenn man weiß, wie man damit umgeht.

    Kurz vor dem Einschlafen drängt sich spontan eine absurde Frage in den Vordergrund, die ich im angetrunkenen Zustand nur inadäquat beantworten kann: Was sind eigentlich Gefühle? Warum spüre ich sie nicht (immer)?
    Die anstrengende Frage macht mich müde und führt zu nichts. Die Antwort darauf befindet sich irgendwo in meinem schwammigen Gedankenhaufen im Kopf. 

    Fest steht, dass ich genug Gefühle kriege, wenn ich eine Flasche Sekt ausgetrunken habe. Bei Whiskey klappt das allerdings nicht, denn das Zeug macht zu hart und zu taub. 

    Irgendwann schlafe ich in meinem Gefühlsdusel ein und wünsche mir, dass ich dieser abendlichen Endlosschleife irgendwann entkomme. 

    Diese Endlosschleife besteht aus Träumen und Sehnsüchten in Bezug auf den Mann meiner Tagträume, die mich bis spät in die Nacht verfolgen – der Mann aus Berlin, der momentan nur in meiner lebendigen Erinnerung existiert und zu weit weg wohnt, um sich spontan auf einen Gin Toxic mit Apfelsaft zu verabreden.
    Dabei besteht die größte Anziehung gerade wegen der kilometerweiten Distanz und der damit verbundenen emotionalen Unnahbarkeit. Ständige Verfügbarkeit ist für mich nichts Spannendes, sondern schreckt mich ab.

    Meist ist ein Mann für mich erst dann richtig attraktiv, wenn er mich nicht an sich herankommen lässt und sich mir gegenüber dennoch diplomatisch verhält. 

    Jemand, der nicht anhänglich ist und jemand, mit dem Küssen nicht selbstverständlich ist. 

    Ich stecke im Gefühlstaumel, weil ich Sachen und Eigenschaften liebe, die man besser nicht lieben sollte. Aber ich kann nicht anders, so sehr ich mich auch anstrenge, normal zu sein. Kälte kann viel reizvoller sein, als Wärme. 

    Ehrlich gesagt: Ich will gar nicht normal sein. Mir würde zu viel entgehen.

    Morgens um vier Wache ich auf. Schon wieder höre ich, wie mein Kater in der Wohnstube Unsinn macht. Ich gehe hin und schaue nach, was er diesmal angestellt hat. Er ist tatsächlich mit meiner Tapete beschäftigt, die er mit seinen Krallen immer weiter einreißt, um anschließend mit dem Papierschnipsel zu spielen.
    Während ich den Schaden mit Kleber beseitige, guckt er mich mit groß aufgerissenen Augen an und beobachtet genau, was ich tue. Dann nehme ich ihn mit auf die Couch und rubbele grob sein Fell durch, was ihm sehr gefällt. Er steht auf rabiate Handgriffe. Nach ein paar Minuten reicht es ihm. Er windet sich aus meinen Armen hervor und schüttelt sein Fell zurecht. Danach kratzt er einige Male meinen Teppich, um seine Wut herauszulassen. Man könnte denken, er hat meinen Charakter kopiert.

    Ich gehe wieder ins Bett, obwohl ich gar nicht mehr müde bin. In der Küche steht noch ein angefangenes Glas Gin. Kurz überlege ich, ob ich das noch trinke. Aber dann fällt mir ein, dass ich den Rest vorhin schon in den Abfluss gekippt habe.
    Schlafen muss auch ohne Alkohol gehen und schließlich hatte ich am Abend genug davon. Wobei ich davon gerade nichts mehr merke. 

    Ich schaue auf mein Handy und sehe eine neue Nachricht, die vor zwei Stunden ankam. Sie ist von meinem Lieblingsmann: Wir müssen uns bald treffen.

    Bei dem Gedanken wird mir ganz anders, Aufregung macht sich breit und ein kribbeliges Gefühl durchzieht meinen Körper. Er hat recht, wir müssen uns bald treffen. Wir können nicht noch zig Monate auf den richtigen Zeitpunkt warten und können nicht ewig davon träumen, wie alles wäre. Mir steht nichts im Weg, ich bin frei. Also, warum nicht jetzt? Ich habe keine Lust mehr, in Vorstellungen zu schwelgen und mich nur mit den Filmwiederholungen meines Kopfkinos zufrieden zu geben.
    Ich checke gleich die Zugverbindungen und sehe, dass es keine Probleme gibt.
    Mir müssen uns nur noch auf einen Tag einigen und es kann losgehen.

    Ich schreibe: Wann wollen wir uns treffen? 

    Jetzt kann ich nur abwarten und mich wieder hinlegen. Dauernd muss ich grinsen, weil es nun Schritt für Schritt weiter geht und ich es kaum glauben kann. Mit diesem guten Gefühl schlafe ich wieder ein.

    Doch irgendwann in der Nacht wache ich von einem leisen Piepen auf. Ich bin sofort hellwach und schalte die Lampe auf dem Fensterbrett an. Es ist 2:37 Uhr, als ich auf den Wecker neben mir schaue. Ich wundere mich und weiß im ersten Moment nicht, was das für ein komisches Piepen war. Als ich auf mein Handy gucken möchte, merke ich, dass es nicht angeht, obwohl es am Abend voll aufgeladen war. Vor dem Schlafen zeigte es 100% an. Und jetzt? Ich versuche es mehrmals anzukriegen. Aber es funktioniert nicht und ich vermute, dass der Akku tatsächlich leer ist, ohne Grund. Das Piepen war also nur der Hinweis, dass sich das Handy gleich ausschaltet. 

    Danach fühle ich mich seltsam und mir wird kalt. Mehrere Minuten sitze ich verwundert im Bett und beobachte meine Umgebung. Ich starre zur Tür oder warte darauf, dass ich im Augenwinkel irgendeinen Schatten sehe. Es passiert nichts. Ich denke noch ein paar Minuten darüber nach, dass sich Akkus nicht ohne Grund leerfressen. Aber letztendlich macht es keinen Sinn, weiter darüber nachzudenken. Ich lasse einfach das Licht an, damit das unangenehme Gefühl in mir nicht zu stark wird. Mit Licht fühlt man sich irgendwie besser. Wahrscheinlich brauche ich tatsächlich diesen Marienkäfer, der bunte Sterne an die Wand wirft, damit ich beruhigter einschlafen kann.

    Irgendwie will ich meiner Freundin noch schreiben, dass hier gerade merkwürdige Dinge passieren, aber ich bin schlau genug, um mir die Nachricht zu verkneifen. Erstens, weil sie schläft und zweitens, weil es gar nicht so schlimm ist. Eigentlich wäre es doch super interessant, wenn mal etwas Gruseliges passiert und ich mittendrin bin.

    Am nächsten Morgen frage ich mich, ob das wieder so ein Traum war. Manche Leute klagen ja über mirtazapininduzierte Alpträume und überraschendem Übergewicht. Aber als ich sehe, dass das Handy immer noch leer ist, weiß ich, dass ich nicht geträumt habe. Das heißt, der wahre Traum vom eingebildeten Feueralarm bleibt auf Platz eins.

    Ich hole mein Ladegerät und mein Handy frisst frische Energie aus der Küchensteckdose neben dem Kaffeeautomaten. Ansonsten lasse ich das Handy erst einmal aus. Irgendwie bin ich heute zu entspannt, um neugierig auf neue Nachrichten zu sein. Ich bin froh, wenn mir öfter mal einiges egal ist und ich nicht unter Spannung stehe. Deswegen mache ich heute alles in Ruhe. In Ruhe anziehen, in Ruhe schminken und in Ruhe essen. Vanille-Soyamilch und Kellogg’s, dazu Kaffee und Schokocappuccino. Das Tolle daran: Das Frühstück macht fast den ganzen Tag satt. Oder weil ich einfach nichts brauche. 

    Der Morgen vergeht schnell und gegen Mittag leuchtet die grüne Lampe auf meinem Handy. Fertig geladen. Ich schalte das Handy an, worauf es kurz vibriert und sich langsam hochfährt. Code eingeben, warten. Wenn ich ungeduldig bin, dauert mir all das zu lange. Aber inzwischen habe ich mehr Ahnung von Geduld. 

    Als die Internetverbindung hergestellt ist, treffen viele Nachrichten auf einmal ein. Alle von meinem Lieblingsmann aus Berlin. Ich bin sehr überrascht über die ganzen Nachrichten und freue mich schon, sie zu lesen. Vielleicht weiß er ja nun genau, wann wir uns treffen können oder er hat noch ein paar andere Ideen. Als ich im Chat nachschauen will, ist keine neue Nachricht zu finden. Auch sein Profilbild ist weg. Mir wird ganz anders. Was soll das denn jetzt? Und vor allem: Was ist mit den vielen Nachrichten, die auf dem Display erschienen? Die können doch nicht einfach weg sein. Ich klicke auf die leere Stelle, wo sonst das Profilbild erscheint. Kein Status. Nur die Daten, die ich gespeichert habe. 

    Ich lese die letzte Nachricht: ‚Wann wollen wir uns treffen?‘ Die Nachricht, die ich gestern Abend schrieb. Er hat sie gelesen. Und dann? 

    Ich schreibe eine kurze Nachricht, um zu gucken, ob sie durchkommt.

    ‚Hey‘

    Natürlich erscheint nur ein graues Häkchen, welches auch eine Stunde noch einsam und grau ist.
    Ich rufe meine Freundin an und sie nimmt gleich ab.

    „Hallo?“

    „Hey, hallo…ich bin’s..“

    „Ja, dachte ich mir schon. Ist irgendwas bei dir passiert?“

    „Ja, mir geht’s scheiße.“

    „Was ist denn, Süße?“

    „Ach, ganz komisch alles. Letzte Nacht ist mein Handy einfach so abgekackt. Akku leer…und heute ist der Typ einfach so verschwunden.“

    „Wie jetzt? Was für’n Typ?“

    „Na der, von dem ich dir erzählt hab, letztens..“

    „Ach so, ja, ich weiß. Warum, was ist denn passiert?“

    „Vorhin hatte ich ganz viele Nachrichten von ihm auf dem Display und als ich nachgucken wollte, war alles weg. Total komisch.“

    „Hmm? Wie geht das denn? Bist du sicher, dass die von ihm waren?“

    „Ja, klar…aber nun steht da nur meine letzte Nachricht von gestern. Und anscheinend hat er mich blockiert, ohne Grund. Versteh ich nicht.“

    „Das ist ja komisch. Vielleicht ist es nur eine technische Störung oder so. Warte erstmal ab.“

    „Glaub ich nicht. Das war noch nie so.“

    „Hmm. Aber mehr kannst du wohl erstmal nicht machen. Oder du versuchst mal, ihn anzurufen?“

    „Ja, könnte ich vielleicht noch probieren. Aber bin da nicht so ein Fan von. Du weißt doch, dass ich nicht so auf Telen stehe.“

    „Probier’s doch einfach mal. Dann siehst du, was passiert.“

    „Ja, okay, dann mach ich das gleich mal. Ich schreib dir dann.“

    „Okay, bis gleich. Wird schon!“

    „Ja, hoffe ich…“

    Ich drücke meine Freundin schnell weg, um dann ihren Tipp zu testen und bin dabei ganz aufgeregt. Irgendwie schnürt mir die Situation gerade den Hals gewaltig zu. Auf jeden Fall fühle ich mich unwohl, als ich seine Nummer anklicke. Ich mag sowas nicht. Aber immer noch besser als diese bescheuerte Unwissenheit, auf die ich noch weniger stehe.
    Es klingelt einmal und dann geht sein Anrufbeantworter an. Scheiße! Das ist doch ein eindeutiges Zeichen, dass ich auf der BlackList stehe!

    Ich schreibe meiner Freundin: Blockiert.
    Sie antwortet nur mit: Waaaaaaas???!?!?!??????

    Und ich denke nur: WARUM?

    Ich gehe gedanklich die letzten tollen Wochen durch und ich erinnere mich an nichts Negatives. Es ist nichts passiert. 

    Dann gucke ich mein ganzes Handy durch und versuche die Nachrichten, die kurz auf dem Display erschienen, per Suchfunktion zu finden. Mein Handy findet nur die Texte, die ich schon kannte. Nichts Neues. Ich lese mir die alten Nachrichten durch und komme sofort wieder ins Schwärmen. Umso weniger verstehe ich die Blockierung. Ich starre das leere Profilbild an, als könnte ich damit etwas bezwecken. 

    Impulsgesteuert wie früher, setze ich mich in den nächsten Zug, der alle zwei Stunden nach Berlin durchfährt. Selbst, wenn ich mein Auto im vergangenen Herbst nicht zu Schrott gefahren hätte, hätte ich es heute nicht angerührt. Man sollte die Hände von Autos lassen, so lange man sich angepisst fühlt. Mein Fahrschullehrer konnte mir das damals leider nicht glaubhaft beibringen. 

    Ich sitze im Zug, wie ich gerade bin. Manchmal ist es einfach nicht nötig, sich Gedanken über die passenden Klamotten und Schmuck zu machen. Manchmal reicht es, wenn man einfach so ist, wie man ist. Ohne Gedanken. Zerstreut beschreibt den richtigen Ausdruck für meinen Zustand im Zug. Eigentlich denke ich nichts. Ich denke nicht mehr, als: warum.
    Mein Handy bleibt reaktionslos. Der blockierte Kontakt, alias ich, bewegt sich nun selbständig nach Berlin. Ohne zu wissen, was dann passiert. Naiv ohne Konsequenz. 

    Nach einigen Stunden sitze ich tatsächlich auf einer Bank beim Alexanderplatz. Die wichtigsten Anlaufstellen befinden sich gleich in der Nähe: Essen, Kino und Hotel. Ich weiß noch nicht, ob ich ein Hotel brauche. Aber immerhin ist es schon abends.
    Eigentlich weiß ich nun gar nicht, was ich machen soll. Ein wenig verloren bin ich in Berlin schon. Manchmal. Es dauert nicht lange, bis ich nach und nach von Leuten angesprochen werde, die Geld haben wollen. War ja irgendwie klar. Aber da ich kein Bargeld dabei habe, kann ich nicht viel machen. Im Nachhinein bemerke ich, wie die Leute hübsche Handys aus ihren Hosentaschen ziehen und recht gut angezogen sind. So so.

    Aber was mache ich jetzt? Auf meinem Handy tut sich nichts. Das Einzige, was ich tun kann, ist, mir ein Taxi zu rufen und zu der Adresse zu fahren, wo mein Lieblingsmann wohnt. Aus genau dem Grund bin ich schließlich nach Berlin gefahren. Und jetzt werde ich nervös. Ob das so eine gute Idee ist? Wer weiß, was mich dort erwartet und ob ich das alles sehen will. Aber okay, was habe ich schon zu verlieren? Eventuell meine Hoffnung. Aber die könnte ich auch woanders wiedergewinnen, wenn ich mich mehr anstrengen und mehr Männern ein winzige Chance geben würde. 


    – Zeitverschwendung – 

    Ein Taxifahrer parkt direkt in meiner Nähe und wartet auf mich. Ich sage ihm, wo es hingehen soll und er nickt. Nach zwanzig Minuten sind wir da.
    Ich stehe vor der Tür meiner Zieladresse. 

    Meine innere Stimme sagt: Alles egal, alles egal. Und ich versuche ihr zu glauben. 

    Alles egal. 

    Die Haustür unten ist auf und ich gehe hinein, ohne zu zögern. Es ist nur ein Haus mit Menschen drin. Als ob mich sowas schon jemals gestört hätte. An jeder Tür steht ein Name dran, auch völlig normal. Bis ich vor der wichtigsten Tür stehe – seiner Tür. Mich schaudert es ein wenig. Schließlich bin ich diejenige, die unangemeldet davor steht. Ich komme mir sofort illegal vor und es würde sich verboten anfühlen, wenn ich gleich klingeln würde. Aber wofür habe ich mir sonst den weiten Weg gemacht? Eigentlich ist es doch echt egal, was ich in den nächsten Minuten tun werde. Es kann nur gut oder schlecht werden, denn dazwischen gibt es nichts. Es gibt nur zwei Optionen. 

    Ja oder nein.

    An der Tür hängt nichts weiter, bis auf das Schild mit dem Namen drauf. Die Tür macht auf mich einen kalten Eindruck. Irgendwie versucht sie mich auf Abstand zu halten. Wenn ich mich noch weiter in die Sache hineinsteigere, warnt sie mich sogar davor, zu klingeln. Ich kneife die Augen zusammen und meine Stirn faltet sich automatisch, um meine Mimik noch kritischer darzustellen.
    Dann läuft eine Person aus dem Haus an mir entlang. Es ist ein Mann, er bemerkt wohl meinen Gesichtsausdruck und fragt: „Suchst du irgendwas?“

    Warum du, ist mein erster Gedanke. Sehe ich wie ‚du‘ aus…? Das wäre ja keine Überraschung, nach all den Jahren des Nicht-Alterns.
    „Nein, ich überlege nur.“

    Ich fühle mich gerade wie in einem Laden, in dem mich die Verkäuferin nach meinen Vorlieben fragt und mich dringend beraten möchte.

    Der Mann geht wieder. Er kann nichts für mich tun. 

    Ich bleibe vor der Tür und überlege mir die Fortsetzung. Es liegt an mir, was ich aus dieser Sache mache, denn mein Lieblingsmann ignoriert mich. Auf meinem Handy tut sich weiterhin nichts. 

    Okay, ich bewege meine Finger vorsichtig in Richtung Klingel. Gleich wird alles noch illegaler. Die Klingel ist der letzte Schritt, der mir helfen kann. Mein Zeigefinger berührt den Knopf, nur das Drücken fällt noch schwer. Dann, ganz langsam, drücke ich den Knopf rein und ich weiß nun, wie es sich anfühlt, wenn man bewusst die Backenzähne fest aufeinanderpresst. 

    Irgendwie ist das gerade eine ziemlich unangenehme Situation und mein Herz rebelliert auf jeden Fall. Alles ist ganz leise, ich höre nichts von drinnen. Vielleicht ist er nicht da. Kann sein, dass er arbeitet und nicht zu Hause ist. Ich warte angespannte zwei Minuten, bis mir klar wird, dass niemand zu Hause ist. Klar könnte ich nun etwas durchatmen, aber ich bin dennoch wie erstarrt und mein Herz kriegt sich eh nicht so schnell ein, wenn es aufregend wird. 

    Dann höre ich, wie sich jemand annähert und ich denke, dass es wieder einer der Nachbarn ist. Ich möchte sehen, ob es wieder der Mann von eben ist und drehe mich um. Und dann steht plötzlich der Mann aus Berlin vor mir, wegen dem ich hier bin. 

    Mein Kopf ist kurzzeitig leer, obwohl das alles kein Vergleich zu dem ist, was ich in den letzten sechs Jahren erlebt habe. Es gibt also keinen Grund für Aufregung. Alles ist gut. Ich muss mich nur öfter daran erinnern.
    Er sieht so aus, wie ich ihn in Erinnerung habe. Nur wirkt er etwas überraschter in diesem Moment. Ich bin etwas verlegen, weil ich hier bin. So ganz ohne Erlaubnis.
    Auf einmal sagt er: „Gehen wir doch rein.“

    Auch mal schön, die Begrüßung zu überfliegen. Manchmal reichen Blicke, um ‚Hallo‘ zu sagen. 

    Ich grinse kurz und folge ihm dann in die Wohnung. Vorher noch Schuhe abtreten und dann irgendwo abstellen. Er nimmt mir die Jacke ab, Mütze und Schal stopfe ich in die Handtasche. 

    Andere Wohnungen sind interessant, aber heute ist es mir ausnahmsweise mal unwichtig, wie alles aussieht. Keine Zeit für Interpretationen und Fantasien.
    Ich suche mir einen Platz und warte ab.

    Er bietet mir was zu trinken an, aber ich möchte nichts. Mir ist gerade nicht danach. Stattdessen schwirren mir Fragen im Kopf herum, aber ich denke nicht, dass das der passende Moment dafür ist. Lieber bin ich froh, dass ich hier sein darf.

    Eigentlich müssten wir gar nicht viel reden, wenn wir die gleichen Gedanken hätten. Aber haben wir die? 

    Wo ist er eigentlich die ganze Zeit? Ich sehe ihn nicht. Seit ich in seiner Wohnung bin, bin ich alleine. Könnte sein, dass er im Bad ist. Oder im Schlafzimmer. Alles ist leise. Ich spiele nervös an meinem Armband herum. In diesem gedimmten Licht glitzert es nicht so schön. Ich sitze eine ganze Weile alleine am Tisch und finde es merkwürdig. Er behandelt mich wie einen unerwünschten Gast. Eine Tatsache.
    Als ich ihn frage, wo er ist, fühle ich mich, als würde ich ein Selbstgespräch führen. Keine Antwort. Ich stehe auf, und gucke zaghaft in jedes Zimmer. Im Schlafzimmer finde ich ihn vor seinem Notebook sitzend.

    Sieht aus, als würde er arbeiten.

    „Soll ich gehen“, frage ich. 

    Er scheint die Frage zu überhören, weil er sich in seine Arbeit vertieft hat. Ich sehe nur Namen auf dem Bildschirm und kann mir denken, womit er beschäftigt ist. 

    Inzwischen ist es 21 Uhr und ich weiß nicht, was ich tun soll. Ob ich bleiben darf, oder gehen muss. Die Stimmung ist irgendwie angespannt, da er mich auch hier ziemlich ignoriert. 

    „Es ist schon spät“, deute ich an. Mit der Hoffnung, dass er versteht, worauf ich hinaus will. 

    „Du bleibst heute hier“, sagt er nur. 

    Das überrascht mich. Also will er mich doch nicht loswerden. 

    „Mach dich schon mal fertig.“

    „Wie jetzt?“

    „Fertig machen für’s Bett.“ 

    Wie gut, dass ich fast überhaupt nichts dabei habe. Ich habe nur meine Handtasche mit und an Dinge, wie Übernachtung dachte ich überhaupt nicht. So weit war ich mit meinem Plan nicht. 

    „Ich hab nichts mit.“

    „Dann gehst du jetzt baden und schläfst dann nackt. Ganz einfach.“

    Ein erotischer Gedanke, der es schafft, mich trotzdem schüchtern zu machen. Wir beide kennen uns doch noch gar nicht so gut. 

    Ich gehe ins Bad und gucke nochmals meine Handtasche durch. Vielleicht befinden sich darin noch andere Dinge, die ich gebrauchen könnte. Aber nein, leider nicht. Schlüssel, Portemonnaie, zwei Handys, Taschentuch, Ladekabel, rosa Dior Lippenstift und Pillen. Ansonsten nichts. Okay. 

    Baden ist gut, die perfekte Entspannung, wenn ich den Rest des Abends ausblende und nicht weiter denke. Denn wenn ich daran denke, wo ich jetzt bin, macht mich das kribbelig. Und weil ich nicht weiß, was er insgeheim von mir hält. Ob er sich freut? Oder will er mir vielleicht einen Denkzettel verpassen? Ich kann ihn nicht einschätzen, da er abwesend auf mich reagiert. Aber vielleicht hat er einfach nur viel zu tun. Es nützt nichts, weiter darüber nachzudenken. Auf jeden Fall brauche ich für diese Nacht kein Hotel.

    Ich bade lange, genau wie zu Hause. Eine Stunde und paar Minuten und das ganz ohne Buch. Ich träume vor mich hin. Und nein, es muss nicht der gleiche Badeschaum wie zu Hause sein. Aber dieses pinke Duschbad auf dem Wannenrand stört mich. Es flüstert mir provokant ‚Frau‘ entgegen. Ich nehme das Duschbad in die Hand und sage: „Ich mag dich nicht.“ Das Duschbad bleibt stumm und erzählt mir keine Geheimnisse. 

    Aber…was tue ich hier eigentlich? Ich sitze in einer fremden Badewanne und versuche mich mit einem Duschbad zu unterhalten. Niemand sollte mich dabei erwischen, wenn ich gedanklich abdrifte. Das ist zu irre.

    Es klopft an der Tür und ich werde sofort aus meinem Wahnsinn herausgerissen, weil ich mich erschrecke. Zurück in der Realität.
    „Möchtest du jetzt vielleicht was trinken?“, fragt er.

    „Ähm..ja..“

    Die Hitze im Bad macht mich nämlich schon ganz düsig.

    „Was möchtest du denn?“

    Am liebsten würde ich Gin Toxic sagen. Aber das wäre zu viel verlangt, sonst wird mir schwindlig und ich könnte sehr anzüglich werden. Ich weiß nicht, ob das gut ist.

    „….Mineralwasser?“

    „Okay.“

    Dann geht er wieder und ich fixiere wieder das pinke Duschbad.

    „Und was ist mit dir? Vielleicht ein Rosenwasser?“

    Paar Minuten später kommt er einfach ins Bad und stellt mir das Glas auf den Wannenrand. Es ist genug Schaum in der Wanne, sodass ich mich wie angezogen darin fühle. Er sieht nichts.
    „Danke.“

    Dann bleibt er neben der Wanne stehen, als ob er auf irgendetwas warten würde. 

    „Was ist denn“, ich schaue fragend nach oben. 

    „Wenn du das Glas ausgetrunken hast, kommst du aus der Wanne.“ 

    Er wirkt nicht gerade freundlich, als er das sagt. 

    Dann geht er. Anscheinend halte ich mich schon zu lange hier drinnen auf. Gäste müssen sich anpassen. 

    Nach fünf Minuten bin ich draußen. 

    „Du hast dich ja wieder angezogen. So geht das nicht, du kannst hier nicht machen, was du willst. Das müsstest du doch wissen.“

    Mit so einer Bemerkung habe ich nicht gerechnet. Vor allem, weil ich in den letzten Stunden so ignoriert wurde.

    „Du kannst dich gleich wieder ausziehen und dich da hin setzen.“

    Er zeigt auf einen Stuhl, der mitten im Raum steht, wo vorhin noch keiner stand. In der Wanne war es deutlich wärmer. Und die Stimmung im Raum ist herbstlich. Heute ist nicht mein Tag, das wird mir leider viel zu spät klar. Meine Stimmung schlägt abrupt um und ich fühle mich von ihm angegriffen. Ich sage ihm meine aktuelle Meinung. 

    „Ich will heute nichts.“

    Er wird aufmerksam und ich spüre, dass ihm der Satz ganz und gar nicht gefällt.

    „Wie nichts?“

    „Ich will mich jetzt nicht ausziehen. Mir ist kalt und ich glaube, ich krieg meine Tage oder so.“ 

    Die beste Drohung, die immer zieht. Ich kann nichts dafür, dass meine Stimmung jetzt umschlägt. Irgendwie passt das alles gerade nicht. Liegt wahrscheinlich daran, dass Winter ist und ich meine Sachen nicht mit habe. Ich bin ohne alles hier und das geht gar nicht. Und die Klamotten sind auch nicht optimal. Die Leggings und der Strickpullover haben mit meiner Persönlichkeit nichts zu tun. Früher zerriss ich immer T-Shirts, die mir nicht gefielen. Das könnte ich jetzt auch tun. Aber weil ich weiß, dass in zehn Minuten wieder alles toll sein wird, verzichte ich darauf.

    Er guckt mich kritisch an, ohne was zu sagen. Aber es sieht eher so aus, als würde er immer noch warten. Er lässt sich nicht von dem ablenken, was ich sage.
    Ohne einen wirklichen Auslöser fühle ich mich seit wenigen Minuten überfordert. 

    Ich wende mich ab und finde die richtige Tür zum Schlafzimmer wieder. Dort lege ich mich ins Bett und ziehe mir die Decke über den Kopf. 

    So, und jetzt wieder vernünftig sein, rede ich mir ein. Sonst…

    Ich muss lächeln, als ich mich an meine früheren Wutanfälle erinnere, wo ich sämtliche Klamotten zerrissen habe. Am liebsten Unterhemden, weil ich die richtig hasste. Jeder, der mich heute kennenlernt, kann sich glücklich schätzen, dass diese Zeiten vorbei sind und ich andere Bewältigungsmechanismen verwende. Unter anderem Arbeiten. Aber nicht nur das. 

    Türen schlagen ist übrigens auch lange out. Genauso wie eine volle Kellogg’s-Schale auf dem Küchentisch zerschmettern zu lassen. Ich weiß nicht mehr, warum. Eigentlich reichte manchmal nur ein einziges falsches Wort, welches sich dann als Missverständnis entpuppte. Früher konnte ich mit Kritik nicht umgehen, deswegen wurde ich schnell Klassenbeste, damit niemand mehr etwas zu sagen hatte. Perfektion motivierte mich enorm und ich bekam umso mehr Taschengeld, welches ich für Plüschtiere ausgab. Und für Chupa Chups Lutscher, sowie deren Apparaturen, wo man sie reinstecken konnte.

    Die weiße Decke, unter der ich liege, fühlt sich angenehm an. Sie riecht nicht so muffig, wie manch andere Decke, unter der ich schon geschlafen habe. Ich finde die Aura der Decke bezaubernd. Meine Handtasche liegt auf dem Fußboden. Ich krabbel mit der linken Hand rein und versuche blind die Pillendose zu ertasten, weil ich meinen Kopf unter der Decke lasse und nichts sehen kann. Zwischen all dem Kram finde ich sie nicht, weil sie wahrscheinlich ganz unten liegt. Alles liegt unten, wenn man etwas sucht. Das ist mit den Akten auf Arbeit nicht anders.  Aber ich will nicht unter der Decke hervorkommen, um nachzugucken.

    In dem Moment geht das Licht an, meine Hand erstarrt in der Tasche. Dann herrscht einen Atemzug völlige Ruhe.

    „Was machst du denn da“, herrscht er mich an.

    Ich weiß nicht, was er sich bei dem Anblick denkt. Wenn er zehn Minuten später gekommen wäre, wäre vielleicht alles gut. Aber er hat zu früh das Zimmer betreten, weil ich immer noch etwas durcheinander bin und nicht weiß, was mit mir los ist. Deswegen wollte ich meine Pillen haben. Die hätten mich zurück ins Gleichgewicht gebracht.

    „Also, was ist los“, fragt er. 

    Er hat eine logische Antwort verdient. Aber die kann ich ihm jetzt nicht geben.

    „Mein Unterbewusstsein ist los.“

    Für mich die logischste Antwort. Anders lassen sich spontane Stimmungsschwankungen nicht beschreiben. Sie kommen und gehen unangekündigt, wenn irgendwas in mir ausgelöst wird, ohne zu wissen, was.

    „Und was machst du da in deiner Tasche?“

    „Ich suche etwas.“

    Er lacht kurz. Dann macht er das Licht wieder aus und unter der Decke wird es so dunkel, wie vorher.

    Dass er so schnell geht, hätte ich nicht gedacht. Vor allem, weil es inzwischen ziemlich spät sein muss. Irgendwann wird er sicher ins Bett wollen. Als es auf einmal klingelt, werde ich aus meinen Was-wäre-wenn-Gedanken herausgerissen.

    Ich schaue auf mein Handy. Es ist 23 Uhr. Später, als ich dachte. Dass ich schon einige Stunden hier bin, kann ich mir gar nicht vorstellen und ich bin nicht einmal müde.

    Viel wichtiger ist: Wer ist da an der Tür? 

    Ich bleibe im Bett, denn alles andere wäre zu gewagt. Besucher haben sich im Hintergrund zu halten. Ich bilde mir ein, eine Frauenstimme zu hören. Was auch sonst. Zwei Stimmen wechseln sich ab. Er und sie. Ich fühle mich wie ein versteinerter Vulkan, weil ich ausbrechen will und nicht darf. Es wäre ja sowieso viel zu übertrieben, da ich nicht weiß, worum es geht und alles nur Kopfsache ist. Und weil es mich eigentlich absolut nichts angeht. Aber die Neugier bleibt. 

    Ich stelle mich still vor die Schlafzimmertür, um durch den offenen Spalt mehr mitzukriegen. Mein Strickpullover klebt. Entweder habe ich unter der Decke zu sehr geschwitzt oder der Vulkan findet sein Ventil und läuft gerade in Form von Angst an mir hinunter. Wut ist es nicht, sondern Angst vor Verlust.

    Nach ewigen Minuten ist das Gespräch an der Tür vorbei. Es geht mir nicht besser und nicht schlechter. Ich befinde mich nun eher in dieser Egal-Stimmung, die mir ganz gut gefällt. Lieber so, als zu viel Emotionen. Letztendlich kann ich doch sowieso nichts ändern und muss die Dinge so hinnehmen, wie sie sind.
    Ich komme vorsichtig aus dem Zimmer, wie nach einem Streit zwischen zwei Erwachsenen, der gerade an der Haustür beendet wurde. Die Luft ist rein und das nächste Drama könnte beginnen.

    „War das die mit dem Duschbad?“, frage ich zusammenhangslos.

    Er schaut mich irritiert an. 

    „Ich meine, ob das pinke Duschbad auf dem Wannenrand von ihr ist.“

    Irgendwie gibt es dafür wohl keine Antwort, die mich etwas angeht. Oder er weiß nicht, wovon ich rede.

    Ein Glück, dass ich innerlich gerade stumm bin und nicht das Bedürfnis habe, sehr viele Fragen zu stellen. Die beantworte ich mir lieber selber in meiner Fantasie, denn die Wahrheit will ich echt nicht wissen. Ich weiß nicht, wie meine Wohnung dann aussehen würde und ob mich der Gin Toxic aus meiner Küche vernichten könnte, wenn mir vorher nicht schlecht wird. Mit Apfelsaft hätte er gute Chancen, zusammen mit einer anschließenden Zugfahrt. Das hat schon einmal geklappt. 

    Nach meinem Statement gehe ich zurück ins Schlafzimmer. Ich trotte eher lässig zurück. So, als ob ich bei ihm wohnen würde. Dabei könnte er mich immer noch rausschmeißen, wenn ich zu anstrengend werde.
    Wieder liege ich unter der Decke. Bis er sie wegnimmt und es wieder richtig hell wird. 

    „Jetzt ist Schluss. Du machst jetzt, was ich sage. Ist das klar?“

    Er sieht ernst aus und ich spüre sofort, dass es keine leere Drohung ist. Mir ist sowieso schon die ganze Zeit bewusst, dass ich mit meinem Verhalten zu weit gehe. Ich wollte nur testen, wie weit ich gehen kann. Und jetzt muss ich artig sein und mich benehmen. Seine Wohnung, seine Regeln. Ich der Gast.

    Aber wahrscheinlich testet er mich. Er hat solche Sachen schon einmal erwähnt und behauptet, er würde mich testen. Es ist schon länger her, aber ich weiß es.

    Er guckt mich an, ohne seinen Blick aufzulockern und zeigt mir, dass ich Grenzen überschritten habe.
    „Jetzt komm unter der Decke vor, ich will dich sehen, Kleine.“

    Ich mache was er sagt und schaue zu ihm hoch. Alles wie beim letzten Mal, nur dass das hier kein Abschied ist, sondern die Fortsetzung. 

    „Und jetzt zieh dich aus. Das solltest du vorhin schon tun.“

    Ich halte kurz inne, ziehe zuerst die Leggings und dann den Pullover aus. 

    Diesmal trage ich pastellfarbene Reizwäsche in weiß und rosa. Passt ja auch perfekt, wenn man blass und unvorbereitet ist. 

    Er betrachtet mich und sein Blick gleitet von oben nach unten und wieder zurück.

    „Dreh dich mal.“

    Nachdem ich mich einmal gedreht habe, positioniert er mich so, dass ich mit dem Hintern vor ihm stehe. Dann zieht er mir den Slip runter und streichelt meinen Po. Es fühlt sich so angenehm an, dass mir warm wird. Am liebsten würde ich mich umdrehen und ihn umarmen. Aber das geht nicht. Seine Hände zu spüren ist toll. Mein kleiner Po passt genau in seine großen Hände. 

    Dann macht er meinen BH auf. So geschickt und zart, dass ich es kaum bemerke. 

    Ich drehe mich wieder zu ihm, um ihn sehen zu können. Seine Augen sind so faszinierend blau und tief. Ich las einmal ein Buch über Charisma. Er könnte es geschrieben haben, denn er besitzt davon reichlich. 

    Ich liebe es, wie er mich anschaut und dabei ernst bleibt. Er steht selbstbewusst in Jeans und Hemd vor mir und ich bin völlig nackt. Seine Blicke scheinen keine Stelle meines Körpers auszulassen. Er nimmt mich mit zu dem Stuhl, der immer noch mitten im Raum steht.

    „Setz dich dort hin“, befiehlt er. 

    Der Stuhl ist aus Holz und fühlt sich kalt an, unter meiner warmen Haut. Er steht angelehnt an der Tischkante und beobachtet mich, ohne einen Hauch von Mimik. Er hat das Sagen und ich habe nicht mehr das Bedürfnis, etwas zu tun, was dem widerspricht. Ich habe mich wieder unter Kontrolle, so lange er den Ton angibt und direkte Ansagen macht. Ich möchte ihn nicht provozieren. Ich will nichts kaputt machen. Nicht wieder.

    Er sitzt minutenlang einfach nur da und schaut mich an. Ich kann seinen Blick nicht halten und schaue Weg. Dennoch sagt er dazu nichts. 

    Dann kommt er zu mir. 

    „Und jetzt guck mich an!“

    Seine Stimme ist trotzdem leise und ruhig. 

    Während er mich anguckt denke ich ‚fick mich‘. Ich denke es die ganze Zeit, bis ich es ausspreche: „Fick mich.“

    Ich spüre, dass es ihn sofort anmacht. Es ist, als würden seine Augen etwas aufblitzen, ohne dass man es wirklich sieht. Ich kann es nur spüren. Sein Blick wirkt danach noch eindringlicher. 

    „So so“, sagt er nur. „Und wie heißt das richtig?“

    „Fick mich,..bitte.“

    „Schon besser, Kleine.“

    Ich verstehe nicht, warum ich noch auf diesem Stuhl sitze, anstatt mit ihm sofort ins Bett zu gehen. Innerlich bin ich unruhig und heiß geladen. Ich gucke ihn flehend an und merke, dass es ihm nicht anders geht. 

    Ungefähr eine Viertelstunde sitze ich auf diesem Stuhl mit der Hoffnung, dass es gleich weiter geht. Dann klingelt sein Handy. Es ist längst Nacht! Wer ruft denn da noch an? Ich ahne gleich, dass das alles irgendwie nicht gut ist. Er verzieht sich mit dem Handy ins Schlafzimmer, damit ich nicht zu viel mitkriege von seiner Arbeit. Ich höre seine Stimme, aber keine Worte. Inzwischen fühle ich mich unwohl. Meine Sachen liegen direkt vor der Schlafzimmertür und kann sie nicht holen, da ich sonst zu nah am Telefongeschehen wäre. Er würde denken, dass ich neugierig bin.
    Aber weil ich mich zunehmend unbehaglicher fühle, hole ich schnell meine Sachen und entferne mich gleich wieder von der Tür.

    Es dauert nicht lange, bis er fertig ist und ich angezogen auf dem Stuhl warte.
    „Es tut mir Leid, aber du musst gehen. Ich habe noch zu tun.“

    „Wie jetzt? Mitten in der Nacht? Wo soll ich denn hin? Ich kann doch hier bleiben.“

    „Nein, es kommen gleich ein paar Kollegen, wir haben was zu besprechen.“

    Ich kann das fast gar nicht glauben, aber ich versuche es zu verstehen. 

    „Ich weiß nicht, wo ich hin soll.“

    „Nehme dir ein Hotel, ich bezahle es.“

    „Nein, brauchst du nicht. Ich hab genug Geld. Aber ich find es nicht gut, jetzt gehen zu müssen.“

    „Ich auch nicht. Ich habe mir die Nacht auch anders vorgestellt. Aber es ist wichtig. Nehme es bitte nicht persönlich, okay?“

    Ich schweige und gucke betreten weg. Mir gefällt das nicht.

    „Wie soll es denn weitergehen? Sehen wir uns wieder?“

    „Ja, auf jeden Fall. Mach dir keine Gedanken. Versprochen?“

    „Es wird mir schwerfallen. Aber ich versuche es.“

    „Du musst jetzt gehen, Kleine.“

    Ich strenge mich an, die Tränen zu verdrängen. Es fällt mir jedoch enorm schwer. 

    „Meldest du dich dann bitte wieder bei mir? Ich meine, du hast mich blockiert, was ich nicht verstehe.“

    „Ja, dafür gibt es andere Gründe. Ich werde mich bei dir melden, wenn ich mehr Zeit habe. Und bitte warte nicht auf mich, sondern genieße dein Leben bis dahin.“

    „Das macht mich traurig.“

    „Nicht doch, dafür gibt es keinen Grund. Ist doch alles toll!“

    Alles toll. Jaja. Ich hole enttäuscht meine Tasche aus dem Schlafzimmer und ziehe mich an. Mit dem Taschentuch trockene ich mir die Tränen ab, bevor sie sichtbar herunterkullern. Das will ich nicht. Er soll nicht denken, dass ich labil bin oder klammere. Oder sonst was.

    Ich gucke ihn an und es bricht mir fast das Herz, jetzt von ihm nach Hause geschickt zu werden.

    „Darf ich dich umarmen?“, frage ich.

    Und dann tue ich es einfach. Es fühlt sich so gut, wie bei keinem anderen. Ich würde aus diesem Moment gerne eine Stunde machen. Aber es geht nicht, er löst sich aus der Umarmung. 

    „Bis zum nächsten Mal?“, frage ich leise.

    „Ja, bis bald.“

    Ich werde versuchen, mir keine Hoffnungen zu machen, wann bald ist. Bald kann auch irgendwann sein. Oder vielleicht sogar nie. 

    Dann lässt er mich aus der Wohnung und hinaus in die Nacht. Ich drehe mich nicht noch einmal um, denn das würde wehtun. 

    In meiner Tasche liegt mein iPod. Er ist noch an und steht seit dem Lied ‚Never be like you‘ von Flume auf Pause. Schöner Song, der gerade gut passt. In der anderen Jackentasche befindet sich mein kleiner Notizblock, der für unterwegs immer wichtig ist, um Gedanken sofort aufzuschreiben. Leider habe ich diesmal keinen Stift dabei. Mein Ausflug war ja nicht geplant.
    Ansonsten bin ich gerade mitten in Berlin, auf der Suche nach irgendeinem Hotel, welches mir den Abschiedsschmerz nimmt und mir einen verträumten Schlaf schenkt. Leider werde ich so ein Hotel niemals finden. 

    Mein Handy vibriert in der Tasche. Ich hole es sofort heraus und erwache schnell wieder aus meiner Traurigkeit, als ich die Nachricht lese.

    ‚Komm gut nach Hause, Süße. Du warst bezaubernd.‘
    Ich bin glücklich und warte mit Sehnsucht auf unser Wiedersehen. Irgendwann. 

    – Ende –

    What I would do to take away
This fear of being loved, allegiance to the pain
Now I fucked up and I'm missing you
Never be like you
I would give anything to change
This fickle minded heart that loves fake shiny things
Now I fucked up and I'm missing you
Never be like you

I'm only human can't you see
I ma-I made a mistake
Please just look me in my face
Tell me everything's okay
'Cause I got it
Oo ooh
Never be like you

Why do I make you want to stay
Hate sleeping on my own, missing the way you taste
Now I'm fucked up and I'm missing you
Never be like you

Stop looking at me with those eyes
Like I could disappear and you wouldn't care why
Now I'm fucked up and I'm missing you
Never be like you

I'm only human can't you see
I ma-I made a mistake
Please just look me in my face
Tell me everything's okay
'Cause I got it
Oo ooh
Never be like you

I'm falling on my knees
Forgive me, I'm a fucking fool
I'm begging darling please
absolve me of my sins, won't you

Ohoo

I'm falling on my knees
Forgive me, I'm a fucking fool
I'm begging darling please
Absolve me of my sins, won't you

I'm only human can't you see
I ma-I made a mistake
Please just look me in my face
Tell me everything's okay
'Cause I got it
Oo ooh
Never be like you 

[Flume: Never Be Like You]