Dieser Typ


Ich bin auf einem Filmfestival. Einfach nur so, weil ich das schon immer mal wollte. Dabei sein, mitten im bunten Treiben, welches doch so gespielt ist. Irgendwie ist hier nichts echt, denke nicht und spüre, dass ich hier nicht wirklich hingehöre. Falsche Welt. Aber egal, ich möchte diese falsche Welt einmal erlebt haben und nicht immer nur träumen. Das ist langweilig.

Diese Atmosphäre ist bezaubernd und einschüchternd zugleich. Alles neu und fremd. Aber heute bin ich ein Bruchteil dieser Welt und so sehe ich auch aus. Ich passe nicht ins Bild, in meiner Jeans und dem weißen Shirt. Aus Kleidern mache ich mir eben nichts. Ich ziehe nichts an, worin ich mich nicht wohlfühle. Sollen die Leute doch denken, was sie wollen. Ich bleibe authentisch und unverkleidet. Alles andere wäre nur Fake. Dennoch finde ich die schick gekleideten Leute beeindruckend. Alle so anders, als ich. Anderen Frauen stehen Kleider besser, als mir. Denke ich.

Mein Kumpel ist auch mit dabei, bei mir. Er ist auch leger gekleidet, kein Anzug. Sondern auch Jeans und Hemd. Besser so. Wir schauen uns beide um. Überall ist etwas Neues zu entdecken. Ich kenne lange nicht alle Leute aus der Filmszene. Eigentlich nur eine Person und nach der halte ich indirekt Ausschau. Auch wenn ich weiß, wo er persönlich wohnt und ich es deshalb gar nicht nötig habe, mich auf Filmfestivals herumzutreiben. Aber ich möchte seine Welt mal direkt erleben und wissen, wie sich dieses Leben anfühlt. Wissen vielleicht nicht, aber ahnen.

Alles ganz nett, aber bald wird mir das alles zu viel. Überall Kameras und Hektik. Mein Kumpel und ich sind nur unbekannte Gäste, die sich mehr oder weniger in das Geschehen eingeschlichen haben. Und niemanden stört es. Wow! Mein Kumpel ist auch nicht sonderlich begeistert, weil ihn Filme nicht besonders interessieren. Zumindest keine deutschen Filme.

Ich schaue mich um, in der Hoffnung, dass mir nichts Wichtiges entgeht. Insgeheim ist meine Suche auf Tim getrimmt. Die Männer laufen alle in schwarzen Anzügen durch die Gegend. Das macht die Suche nicht leicht und vielleicht ist Tim gar nicht hier, obwohl ich mir das nicht vorstellen kann, weil er quasi immer überall ist.
Ich frage meinen Kumpel: „Kannst du mir einen Gefallen tun?“
„Ja, was denn?“

„Halte mal nach einen blonden Typen Ausschau, der eine sehr markante Nase hat und ziemlich lässig wirkt.“

Sebastian zögert.

„Davon laufen hier ziemlich viele rum, würde ich mal sagen.“

„Naja, eigentlich nicht“, sage ich, weil ich es einfach besser weiß.

„Seine Aura spürt man sofort“, füge ich noch ergänzend hinzu.

„Aha…das klingt ja eindeutig.“

Mir ist schon klar, dass Sebastian das anders sieht, weil er selbst ein Mann ist. Aber ich denke, dass auch Männer eine starke Aura spüren können und automatisch davon angezogen werden.

Sebastian guckt mich noch einmal kurz an und macht sich auf die Suche.

Ich bin gespannt, ob er fündig wird, unter all diesen scheinbar besonderen Menschen, die alle glänzen und glitzern wollen. Aber das kann nur Tim.

Nun stehe ich alleine da und komme mir gleich etwas verloren vor. Ich hoffe, mich spricht keiner an und fragt, wer ich bin. Habe keine Lust auf solche Gespräche, da ich in solchen Momenten wahrscheinlich zur schüchternen Person werde, die zu bescheiden ist, um angehört zu werden. Ich möchte nur beobachten und dieses Flair in mich aufsaugen, damit ich noch lange von diesem Erlebnis zehre. Sebastian sehe ich nicht mehr. Verschwunden in der Menge. Und Tim’s Anwesenheit bleibt fraglich, wobei ich mir sicher bin, dass er irgendwo ist. Er darf nicht fehlen, er ist schließlich für vieles, was hier stattfindet, verantwortlich. Seine Verantwortung sind Filme. Er ist der Geldgeber und der Manager in einer Produktion. In meiner Vorstellung jedenfalls. Von der Realität habe ich keine Ahnung. Ich habe schließlich nicht Filmproduktion studiert. Er hat jedoch schon studiert. Und dann noch paar andere Sachen.
Ich fühle mich weiterhin lost und mache bestimmt einen verunsicherten Eindruck, auf jeden, der mich bemerkt. Bin immerhin die Einzige, die so lässig unterwegs ist. Da zieht man schon ein paar Blicke auf sich. Aber keine Worte, zum Glück. Was die Leute sich privat erzählen, ist mir egal. Das stört mich nicht.
Auf einmal kommt Sebastian wieder und weckt holt mich aus meiner Gedankenwelt heraus.

„Und?“, frage ich ungeduldig.

„Also ich glaub, ich hab ihn gesehen. Die anderen Typen passten irgendwie nicht zu der Beschreibung. Deswegen bin ich mir sicher.“

Mein Herz pocht stark, während er das sagt.

Ohne es anzukündigen, nimmt er meine Hand und wir schlängeln uns durch die Menge, die aus einzelnen Gesprächsverwicklungen besteht. Smalltalk everywhere.

Dann bleiben wir stehen und ich sehe Tim sofort. Leider ist auch er nicht alleine. Neben ihn steht eine hübsche junge Frau, die auch mir gefällt. Bitte nicht. Wenn die nicht so hübsch wäre, wäre das für mich ein geringeres Problem. Ich bin wie erstarrt. Tim hat immer noch diese Aura. Aber wer sie hat, wird sie auch nicht verlieren. Scheiße, er sieht so gut aus. Und diese Frau… Aber es war klar, dass es so kommt und er sich irgendwann für eine Neue entscheidet. Der Zeitpunkt kann ja nicht immer falsch bleiben. Ich hatte Pech damals, da kam ich zur falschen Zeit in sein richtiges Leben. Aber sie kommt vielleicht zur richtigen Zeit in sein falsches Leben, wenn er ihr das antut, was er mir auch angetan hat. Egal, zu viele Gedanken auf einmal in dem kurzen Moment.
Ich bin nicht weit von Tim entfernt und stehe nur da, ohne etwas tun zu wollen.

Doch dann kriegt er abrupt mit, dass ich da bin und sieht mich an, etwas irritiert, aber dennoch professionell. Wobei die Skepsis in seinem Blick überwiegt. Na toll, wieder alles falsch gemacht, sagt meine innere Stimme. Peinlich. Tim kann eigentlich gar nichts machen in seiner Situation, neben der Frau. Auf jeden Fall ist Tim überrascht, dass ich da bin. Das hätte er wohl nie erwartet, dass ich auch mal so ein Event besuche. Er denkt bestimmt, ich stalke ihn. Aber das tue ich nicht. Ich möchte nur meine Erfahrungen machen und dieser Besuch gehört dazu. Während Tim sich mit der Lady unterhält, guckt er immer wieder zu mir. Ich falle eben auf mit meinem Outfit, das absolut nicht gekünstelt rüberkommt. Nicht so wie die Frau in ihrem Overdressed-Kleid.
Es passiert nichts mehr. Tim redet mit der Frau und ich stehe schweigend da. Hilflos, etwas zu tun. Ich kann gerade nichts ändern. Dazu habe ich kein Recht. Der Lauf der Dinge und des Lebens.

Bis sich Tim ganz überraschend von der tollen Frau entfernt. Wohin geht er? Jetzt entsteht in mir der Reflex zu handeln. Ich muss was machen. Sebastian ist mir egal, ich sage nichts und lasse ihn stehen. Da muss ich jetzt alleine durch. Ich folge Tim und versuche mich unauffällig zu verhalten, damit die Frau mich nicht aufhält oder irgendwelche Bodyguards zupacken. Es dauert nicht lange, bis ich bei Tim bin. Aber er ignoriert mich. Kein Wunder, er hat mir den Kontakt damals sozusagen verboten. Aber das ist Jahre her und ich merke, dass Tim innerlich schwächelt, ohne sich diese Schwäche eingestehen zu wollen.
Okay, inzwischen bin ich auch gut darüber hinweggekommen.

Aber einmal versuche ich es noch mit den herzergreifenden Worten: „Bitte,..bitte.“

Tim schenkt mir nur noch einen tiefen Blick und geht entschlossen weiter.

 

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