Der Hinterwäldler 

  
„Rudi, komm wieder zurück“, rief ich meinem Hund zu, der hektisch durch das Herbstlaub auf eine abgelegene Hütte im Wald zulief. Er hörte einfach nicht auf mich, obwohl er gut erzogen war. In dem Moment fragte ich mich, warum ich diesmal diese Strecke zum Spazieren wählte, da mir dieser Wald nie ganz geheuer war, denn hier war wirklich niemand und ich war sehr ängstlich. Inzwischen stand Rudi bellend vor der alten Hütte, die morsch aussah und mit Moos bedeckt war. Die Hütte machte einen verlassenen Eindruck. Wer sollte schon so tief im Wald wohnen, mitten im Nirgendwo?
Rudi scharrte ungeduldig an der Tür, bellte immer wieder und schaute zu mir hoch. Ob er etwas wahrnahm? Ich guckte durch die schmutzigen Fenster, die teilweise eingeschlagen waren und sah nichts, außer finstere Ecken. Trotz meiner Angst trieben mich die Neugier und das Gefühl, hinein zu müssen, voran. Ich wollte wissen, was der Grund für Rudis Unruhe war.

Als ich um die Ecke lief, fand ich eine Tür, die nicht einmal verschlossen war und rutschte fast auf der glitschigen Treppenstufe aus. Es fing wieder an zu regnen, da kam der Unterschlupf gerade richtig.

Ich machte die Tür vorsichtig und leise auf. Rudi drängte sich durch den Schlitz und wedelte über den feuchten Holzfußboden. Scheinbar waren wir alleine. Es hätte mich auch gewundert, hier jemanden mitten im Abseits zu finden. Die Hütte war mit alten abgenutzten Möbeln eingerichtet und überall lagen Dinge herum, die für so einen Ort ungewöhnlich waren. Feuerzeuge, abgebrochene Holzspieße und etliche verrostete Messer. Der Stapel Kleidung in der Ecke löste in mir Unbehagen aus. Ich nahm einen zerfetzten Pullover in die Hand, der mit dunklen großen Flecken übersät war. Was war das? An Blut wollte ich gar nicht denken.

Als Rudi wieder anfing, zu bellen, erschrak ich mich so sehr, dass mein Herz kurz stolperte. Er stand vor einer kaum sichtbaren Tür in einer dunklen Nische. Diese war mit einem schweren Metallriegel versperrt. Gerade, als ich zu dieser Tür wollte, hörte ich schleppende Schritte von draußen. Oh mein Gott, da kam jemand und ich ahnte, dass dieser Mensch nichts Gutes tat, wenn ihm diese seltsame Hütte gehörte.

Ich suchte ein Versteck, während Rudi nicht aufhörte, zu bellen. Voller Panik schob ich mich hinter den schweren Vorhang am Fenster. Dann kam jemand in die Hütte. Ein seltsame Figur, ganz in Schwarz und sehr dick. Es roch nach Verwesung, als er die Kapuze hinunterzog und seine langen verfilzten Haare zum Vorschein kamen. Mich schauderte es, als sein starrer Blick auf Rudi fiel, der ihn verängstigt anschaute und winselte.

„Wie kommst du oller Köter hier rein“, schrie der Mann und knallte die Faust auf den Tisch. „Hast wohl Fleisch gerochen, was? Hahahaha!“

Dann rannte Rudi mit eingezogen Kopf flink aus dem Haus und war weg. Der Mann schaute ihm hinterher und lachte nur dreckig. Mein Herz raste. Ich flehte inständig, dass er mich in der Dunkelheit nicht sah.

Dann ging der Mann zu der verriegelten Tür. Nachdem er sie öffnete, versank der Raum in einem enormen Gestank aus altem Fleisch und Tod. Er kramte in dem Zimmer herum und kam mit einem großen Haarbüschel wieder. Er roch daran und berührte mit dem Büschel sein Gesicht. Mir wurde schlecht bei dem Anblick und hielt mir die Hand vor den Mund. In dem Raum waren scheinbar menschliche Überreste und wahrscheinlich war er der Mörder. Hier konnte ich nicht bleiben, ich musste raus, bevor er mich fand.

Mein Handy hatte keinen Empfang. Also blieb mir nichts anderes übrig, als auf eine günstige Gelegenheit zu warten. Wenige Minuten später ging er wieder in den anderen Raum. Jetzt musste es klappen. Ich nahm all meinen Mut zusammen und floh aus meinem Versteck. Mein Herz raste vor Todesangst, als ich aus der Hütte in den Regen rannte und nicht wusste, wohin. Der Wald war mir fremd. „Hey, bleib stehen, du kleines Ding“, schrie er verärgert. Ich rannte hinaus und ich spürte, dass er dicht hinter mir war, da ich seine Schritte und seinen hektischen Atem genau hörte.

Der Wald sah überall gleich aus. Ich versuchte mich zu erinnern und hoffte, dass es die richtige Richtung war. Als ich mich umdrehte, sah ich, dass er einen langen Holzstab mit Messerspitze in der Hand hielt. Er hielt ihn wie einen Speer. Ich rannte, so schnell ich konnte, in der Hoffnung, dass er wegen seines Übergewichtes aufgab. Dabei konnte ich selber nicht mehr laufen, mein Kreislauf wurde immer schwächer und mein Herz machte Probleme. Es tat unheimlich weh und ich fiel zu Boden. 

Als ich aufwachte, sah ich mich in der Hütte. Wie konnte das sein? Ich stand neben mir und konnte zusehen, wie der Mann meinen Körper in dieses Zimmer voller Fleisch trug. Ich blutete aus einigen Stichwunden stark und war bewusstlos, oder vielleicht sogar tot. Der Mann zog mich aus und schmiss meine Sachen auf den Haufen der anderen Kleidungsstücke. Danach konnte sein makaberes Spiel weitergehen. Ich konnte die Freude in seinen Augen erkennen. Es war eine kranke Freude.

Dann hörte ich wieder Schritte von draußen, kleine schnelle Schritte, die etwas Unerwartetes ankündigten: Rudi kam herein und er trug etwas in seinem Maul. Es war ein schwarzer Haarbüschel. Ich spürte genau, dass Rudi mich suchte. Er stand wartend da, als ob gleich etwas passieren würde. Der Mann hatte ihn noch nicht bemerkt.

Kurz darauf folgten Stimmen, die draußen aufgeregt diskutierten, während der Mann in seinem Raum mit mir beschäftigt war. Am liebsten hätte ich geweint, aber ich spürte keinen körperlichen Schmerz. Nur der grausame Anblick tat unendlich weh.

Plötzlich ging die Tür auf.

Die Polizei und ein Notarzt traten energisch hinein und stürmten die Hütte. Sie stürzten sich auf den Mann und legten ihm Handschellen an. Der Mann versuchte sich mit allen Kräften zu wehren und windete sich stumm. Er sagte kein Wort und wirkte geistig abwesend, wie in einem Trancezustand.

Rudi hatte ihn überführt, indem er mir helfen wollte und all den Leuten zeigte, was er im Wald gefunden hatte.

Der Notarzt tat alles, um mich ins Leben zurückzuholen und ich schaffte es tatsächlich wieder zurück. „Das war sehr knapp, junge Dame“, sagte er freundlich. Erschöpft schlief ich wieder ein. Mit dem Gedanken, dass nach dem Tod nicht alles zu Ende ist und Rudi mir das Leben zurückgeschenkt hat. Danke.

  

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