Giftshop

Giftshop.

Bei dem Wort würde wohl so mancher Deutsche komisch gucken, der kein Englisch kann. Im schlimmsten Fall würde sich sogar ein unbehagliches Gefühl bei ihm einschleichen, ohne, dass er sich nach außen etwas anmerken ließe.
Dabei ist ein Giftshop ein ganz normaler Geschenkeshop im englischsprachigen Raum. Ich verstehe aber auch nicht, was Gift mit Geschenken zu tun hat und warum man sich dafür kein anderes Wort ausdenken konnte.

Schottland lebt durch den Tourismus und fängt damit seine Fische. Nämlich all die besorgten Einkäufer, die dringend Souvenire für ihre Liebsten zu Hause brauchen oder um ihr Auto mit einem neuen Reiseaufkleber zu schmücken. Als Andenken für alle Neider und Ehemänner, die ihre Umgebung diskret aus dem Auto beobachten.

Ich staunte nicht schlecht, dass es selbst in den abgelegensten Orten diese speziellen Giftshops gab. In Orten, in denen man diese Shops nie vermuten und finden würde, wenn man keinen persönlichen Reiseführer hätte, der schon mehr als tausend Mal da war.

Zuerst mochte ich die Giftshops. Sie waren neu für mich und hatten ein anderes Angebot, als die Läden in Deutschland – bildete ich mir jedenfalls ein.
Bereits von draußen sahen sie einladend aus und lockten mit ihren tollen Keksen, die in anheimelnden Weiden-Körbchen vor der Tür standen.
Die Läden waren meist klein und gemütlich. Aber es gab auch größere Läden, in denen 20 Minuten Aufenthalt längst nicht reichten, weil sie zu viel interessanten Kram beherbergten. Natürlich handelte es sich dabei oft um Kitsch, aber um schönen Kitsch, an den selbst ich nicht vorbeilaufen konnte. In den großen Läden hätte ich mich mindestens zwei Stunden aufhalten können.

Es gab alles, deswegen war es wie in einem schottischen Paradies.
Für mich waren selbst die harmlosesten Kekse wahre Delikatessen. Ein kurzer Blick reichte und ich hatte eine Vorstellung, wie sie schmeckten. Alle Kekse hatten den selben Ursprung und kamen aus der gleichen Familie. Es gab sie in Packungen, die mit einem rot-karierten Muster bedruckt waren. Man konnte sie aber auch in attraktiven Geschenkdosen aus Blech kaufen. Die Kekse waren alle sehr lecker, gefolgt von den weichen Toffee Bon Bons mit Whisky-Geschmack. Etwas Neues für mich. Für die anderen vielen Köstlichkeiten interessierte ich mich eher weniger.

Man darf in solchen Läden nicht den Fokus aufs Wesentliche verlieren und muss wissen, in welche Richtung die Suche nach dem passenden Andenken geht. Meine Sucht nach Keksen konnte ich befriedigen und kaufte eine große Keks-Collection, darunter auch derbe Butterkekse in Schafform.

Ich mag Schafe und die gab es in jedem Giftshop in vielen Varianten. Schafe waren typisch für Schottland, weswegen sie als Geschenk gut vermarktet wurden. Ich fand schnell viele Schafe, die mir gefielen. Das war kein Problem und da ich mich zügig entschied, blieb mir noch Zeit für all den nebensächlichen Kitsch.
Es gab auch anspruchsvolle Ware, wie teure Pullover aus echter Ziegen- und Schafwolle: Cashmere. Sehr weich und edel. Aber nichts für mich, ich fühlte mich zu jung für eintönige Farben und gediegene Schnitte. Ich entschied mich für einen grauen Cashmereschal mit Schafen und weiche Strümpfe mit Schafmuster. Das entsprach genau meiner Persönlichkeit und meinem Geschmack.

Die Giftshops geben alles her, was ein Touristen-Laden braucht. Einheimische werden dort vielleicht seltener erscheinen, sofern sie darin nichts verloren haben.
Ich muss gar nicht mehr aufzählen, was es gab. Es gab einfach alles: Essen, Trinken, Kitsch und Kleidung. Sowie all die Dinge, die das Leben fülliger und spaßiger machen. Hauptsache, auf jedem Gegenstand stand ‚Scotland‘ drauf, geziert mit einer Distel (der Nationalblume) oder dem vollständigen Wappen.

Nicht zu vergessen: Schottische Dudelsackmusik, die aus jedem Laden laut ertönte. Am Ende konnte ich es nicht mehr hören und meine Begleitung fing sogar an, in den Läden zu stolpern, als wenn die Musik sie schon duselig machte. Ich musste darüber sehr lachen. Ja, die Musik konnte nach einer Weile besoffen machen. Ich fragte mich, wie es die Verkäufer darin nur so lange aushalten konnten, ohne verrückt zu werden.
Oder waren es vielleicht die Gerüche, die einen ins Taumeln brachten? In jeder Ecke duftete es anders. In der einen nach Heidekraut, in der nächsten nach den Stoffen des schottischen Kilts, in der anderen nach Whisky und nach Gebäck, und in der Mitte roch es nach dem Fell der Plüschtiere, darunter auch Nessie in grün.

Auch, wenn ich die Giftshops am Ende vor lauter Erschlagenheit nicht mehr betreten konnte und fürchtete, davon zu träumen, vermisse ich sie manchmal doch ein wenig.

Die Verkäufer fühlten sich mit ihren Läden sehr verbunden und schafften es, dem Fremden ihre Kultur ein wenig nahezubringen und sie in kleinen Stücken zu verkaufen.

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Anfangsende des Urlaubs

Heute vor genau zwei Wochen ging es los. Die langersehnte Reise nach Schottland, auf die ich knapp ein Jahr wartete. Dank meiner Lebenserfahrung wusste ich, dass die Dinge, auf die man sich am meisten und am längsten freut, fast sofort wieder zu Ende sind.
Deswegen setzte ich den Anfang und das Ende gleich auf eine Stufe.
Am Tag der Abreise wusste ich, dass ich viel zu schnell wieder zu Hause sein würde, obwohl ich acht volle Tage vor mir hatte. Acht Tage sind viel. Das merkt man besonders, wenn man täglich zur Arbeit geht.
Im Urlaub sollte man jeden einzelnen Moment bewusst auskosten, denn dort tickt die Zeit anders.

Meine Taschen waren rechtzeitig gepackt. Bemüht, nur das Nötigste einzupacken, denn die Tasche würde nach dem Urlaub doppelt so schwer werden. So etwas sollte man vorher bedenken. Man braucht genug Platz für landestypische Andenken, Whiskey-Flaschen haben auch ihr Gewicht.
Ich hatte eine bescheidene Teenie-Reisetasche, einen süß bedruckten Beutel als Handgepäck für die Nacht auf der Fähre und meine Handtasche, in der sich reichlich wichtige Dinge befanden. Natürlich hatte ich wie immer nichts vergessen.

Die Reise ging erst um fünf nach Mitternacht los. Deswegen teilte sich meine Aufregung am Tag in kleineren Portionen auf, gut dosiert.
Eine Stunde vor der Abreise war Schluss mit dem Frieden. Ich konnte nicht mehr still vor dem Fernseher sitzen und zog meine neuen Schuhe an, die ich mir am Nachmittag noch spontan kaufte und darüber sehr glücklich war. Sie hatten einen kleinen Absatz und übertrafen meine langweiligen Sneakers, die ich im Sommer noch unentbehrlich fand. Nun hatten sie schon ihren dritten Nachfolger.

Die Abreise sollte bequem per Haustürabholung stattfinden, so war es vereinbart. Eine halbe Stunde vor dem Termin stand ich samt Gepäck vor der Haustür und war angetan von der milden Nachtluft. Kein Hauch Wind, eine laue Spätsommernacht im September.
Ich erwischte mich dabei, wie ich im Minutentakt auf meine Uhr schaute. Warten war nicht unbedingt meine Stärke, sondern eher Ungeduld und Nervosität.

Die Straße war leer und es regte sich nirgendwo etwas um diese Zeit. Auch um Punkt Mitternacht und zehn Minuten später nicht. Meine Ungeduld wuchs und ließ mich bald zur hypochondrischen Drama Queen werden, die nach Gründen für diese Situation suchte.
Was war, wenn sie mich vergessen hatten? Oder die Adresse nicht gefunden wurde? Hatte ich mich vielleicht im Datum geirrt? Warum kam dieser verdammte Zubringermensch nicht? Was war hier nur los?
Hatte der etwa kein Navi? Vielleicht ein Unfall, der die Straßen versperrt?
Oh Mann, ich wurde irre vor Angst, in Vergessenheit geraten zu sein. Schließlich hatte ich mich so auf den Urlaub gefreut, der konnte jetzt nicht platzen! Auf gar keinen Fall! Mir fiel ein, dass solche Vorfälle schon vorkamen. Leute freuten sich auf ihren Urlaub und standen plötzlich vor dem Nichts. Alles umsonst.

Ich starrte dauernd auf die Straße und beobachtete jedes Licht, das in der Ferne erschien und beim Abbiegen wieder erlosch. Das konnte doch alles nicht wahr sein, denn ich verließ mich strikt auf Pünktlichkeit. Verspätung erwartete ich höchstens von der Bahn.
Es fuhren paar Autos an mir vorbei. Jeder auftauchende Scheinwerfer erweckte neue Hoffnung und zerstörte sie gleich danach.
Langsam bekam ich schlechte Laune und regte mich über die Unzuverlässigkeit seriöser Unternehmen auf. Wie konnte das nur sein, was erlauben die sich und so weiter.
Als ich schon fast aufgab und den Urlaub gedanklich halb hingeschmissen hatte, blitzten neue Scheinwerfer auf, die sich verdächtig langsam näherten. Es konnte sich nur um ein Auto handeln, das sich hier nicht auskannte. Als es zögerlich immer näher kam, erkannte ich den Kleinbus und war überglücklich! Ich winkte ihm wild zu.

Ein äußerst temperamentvoller Mann mit polnischem (oder italienischem?) Akzent sprang aus dem Wagen und hievte das Gepäck mit Schwung in den Kofferraum.
Endlich, endlich, endlich! Ich freute mich und begrüßte die anderen Mitreisenden.
Nach dem anfänglichen Schock konnte die Reise beginnen. Eine Reise durch die Nacht, in der ich schon nach einer Stunde die erste Reisetablette gegen Übelkeit schlucken musste. Ohne Wasser, denn das hatte ich vergessen.

Wenn ich nun daran denke, dass all die Freude und Erlebnisse schon zwei Wochen her sind, wird mir komisch. Wo ist die Zeit geblieben?
Sie ist tatsächlich so schnell vergangen, wie ich es hervorgesehen hatte. Schade, dass das Leben keinen Slow-Motion-Modus hat.

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Quengelzone

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Stolz steckt Lucy den hellblauen Chip in den Einkaufswagen.
„Kann ich den Wagen jetz auch schiebem, Mami?“
Katja guckt ihre Tochter entzückt an, die gerade auf Zehenspitzen vor dem Wagen steht.
„Du kommst doch noch gar nicht oben an, Mäuschen. Vielleicht stehen drinnen ja noch die kleinen Wagen für Kinder.“

Als sie den Supermarkt betreten, hält Lucy aufmerksam Ausschau nach einem Kindereinkaufswagen mit Fahne, die normalerweise gleich an der Kasse stehen.
„Alle weg, nix da“, sagt Lucy und guckt sich schmollend um.
„Nächstes Mal nehmen wir deinen Puppenwagen mit und vergessen ihn nicht noch mal Kindergarten.“
„Voll blöd. Puppenwagen is langweilig. Der quietscht am Rad.“

In der nächsten Sekunde hat Lucy die Enttäuschung schon vergessen und läuft aufgedreht in den Supermarkt.
„Lucy, nicht so schnell. Komm her! Nicht, dass du wieder irgendwas umschmeißt!“
Aber Lucy hört nicht und ist schon längst in ihrer Lieblingsabteilung angelangt: beim Spielzeug.
Gespannt steht sie vor den Regalen und guckt sich alles mit großer Neugier an.
„Ohhhh! Cool! Maaaammii!“

Katja ahnt schon, wo ihre Tochter steckt und hört ihre quirlige Stimme von Weitem. Gezielt läuft Katja durch die Gänge und findet Lucy dort, wo Eltern binnen kurzer Zeit sehr viel Geld loswerden können.
Sie schaut in Lucys blaue Kulleraugen, die sich vor Freude weiten und wird weich bei diesem Anblick.
„Na, was hast du denn gefunden? Du weißt, ich kann dir nicht immer was kaufen.“
„Mami, guck mal! Das Pony hat Kimmy auch. Nur in blau!“
Katja hat geahnt, dass so etwas kommt. Sie kennt Kimmy, die verwöhnte Tochter ihrer besten Freundin, die dem Kind keinen Wunsch abschlagen kann.
„Ja, das ist wirklich schön, Mäuschen. Vielleicht bringt es dir der Weihnachtsmann, wenn du lieb bist.“

Im nächsten Moment ist das Pferd schon wieder vergessen, denn im Spielzeugregal tummeln sich noch viele andere Versuchungen für Kinder.
Lucy nimmt eine kleine Puppe in die Hand und guckt sie skeptisch an.
„Die sieht ja aus wie’n Monster, die is grün im Gesicht“, quiekst Lucy angeekelt.
So müssten Puppen immer aussehen, denkt Katja. Dann würden sie wenigstens nicht ihren Geldbeutel ausreizen und den Kleinen Angst machen.

„Komm, wir gehen weiter. Sonst gibt’s morgen nur trockenes Brot.“
„Iiiihhh, neeeee, kein Brot! Nich schon wieder!“
Lucy bestimmt den weiteren Verlauf beim Einkaufen und weiß genau, wohin sie ihre Mutti als Nächstes führt. Katja gibt sich geschlagen und schiebt den Wagen geduldig ihrer kleinen Tochter hinterher, denn Widerstand ist zwecklos.

„Hier Mami, die Kellogg’s will ich.“
„Die magst du doch gar nicht“, sagt Katja stutzig und fragt: „Warum gerade die?“
„Wegen dem Spielzeug, guck doch! Damit kann man trinken.“
Katja schaut sich das Bild auf der Packung an und sieht einen Strohhalm, der beim Trinken die Farbe wechselt.
Danach guckt sie auf den Preis, der viel höher ist, als bei dem gleichen Produkt der Billigvariante. Mit den Spielzeugen versuchen die Hersteller nur, quengelnde Kinder anzulocken.
„Okay, such dir eine Packung aus. Aber mehr gibt’s heute nicht.“
Lucy schaut sich alle Packungen an und schüttelt sie dabei.
„Naja, hören wirst du wohl nichts.“
„Doch! Die hier is gut“, sagt Lucy überzeugt.
Sie nimmt die Packung und schmeißt sie derb in den Wagen.
Danach führen sie den Einkauf per Notizzettel weiter, damit bei dem Stress nichts untergeht.

„So, Mäuschen, und jetzt bleibst du schön hier bei mir und rennst nicht dauernd umher. Sonst werden wir nie fertig und du kannst nachher nicht Tom und Jerry gucken.“
„Jaaaa, ich bleib hier.“
Katja ist froh, dass nun ein bisschen Ruhe einkehrt, obwohl Lucy immer noch sehr getrieben wirkt. Zu viele Eindrücke kann sie noch nicht verarbeiten und sie lässt sich ständig durch die bunten Farben, die um sie herum erscheinen, ablenken.
Lucy guckt wie gebannt zu dem rot aufblitzenden Leuchtschild über der Kasse.
„Mami, was steht da?“
Katja guckt und muss lächeln. Denn das Schild kündigt für sie das Ende des anstrengenden Einkaufs an.
„Da steht Kasse, und da gehen wir jetzt auch hin. Wir haben alles.“

Und schon steht Lucy vor den Süßigkeiten direkt an der Kasse. Das Regal soll Eltern und Kinder noch einmal auf Hochtouren bringen, da Kinder dort immer etwas finden, das sie haben wollen und Eltern sich bei Kleinigkeiten meist großzügig ergeben.
„Ich möcht die Schokolade! Bitte, bitte, Mami! Bitte!“, ruft sie und drückt mit dem Zeigefinger auf eine Schokolade mit Keksen.
Katja kann die Bettelei nicht mit ansehen, da ihre Tochter Schokolade liebt und alles dafür tun würde.
„Okay, nimm sie. Möchtest du sie auch selber bezahlen?“
„Ohh jaaaaa!“

Katja gibt Lucy das Geld und sie stellt sich stolz mit der Schokolade in der Hand an der Kasse an. Lucy hebt den Kopf und benimmt sich plötzlich wie eine feine Lady und ein großes Mädchen zugleich. Selbst die Kassiererin muss lächeln, während sie die Schokolade abscannt und sagt: „Na, kleine Dame? Das macht 80 Cent.“
Lucy legt das Geld selbstsicher in die Schale und sagt: „Stimmt so!“
Katja ist ganz gerührt, dass ihre Tochter schon so erwachsen sein kann und alles andere als schüchtern ist. Sie hofft, dass sie dieses Selbstbewusstsein nie verlieren wird und das Leben später genauso leicht nimmt wie als Kind.
Katja beschließt für sich, dass sie sich wohl an die stressigen Einkäufe mit ihrer aufgeweckten Tochter gewöhnen muss. Denn Kinder werden ja so schnell erwachsen.

Spätzünder

Sarina war immer ein Spätzünder gewesen und langsam machte es sie unglücklich, immer noch Single zu sein. Schließlich war sie schon 18 und hatte vom Küssen keine Ahnung. Deswegen erkundete sie im Internet mit großer Neugier diverse Seiten über Liebe und Partnerschaften. Die Beiträge steigerten ihre Sehnsucht, endlich einen richtigen Freund zu haben, denn für Sarina war das alles Neuland. Früher war ihr die Schule wichtiger, deswegen war die Sache mit den Jungs untergegangen und sie wurden zur Nebensächlichkeit. Aber nun, nach der Schule, hatte sie alle Freiheiten und zudem ein eigenes Leben.
Da Sarina etwas schüchtern und vorurteilsvoll war, hatte sie nie besondere Lust auf Partys gehabt. Das war einfach nicht ihre Sache, all die betrunkenen Leute, die nur Unsinn erzählten und sie sich fehl am Platz fühlte. Nein, das wollte sie sich nicht antun. Somit waren ihre Chancen, jemanden kennenzulernen, leider eingeschränkt. Das dachte sie zumindest.
Ihre Mutti sagte immer: „Du lernst schon jemanden kennen. Manchmal passiert das an ganz komischen Orten wie z.B. in der Kaufhalle.“ Sarina konnte nur augenrollend antworten: „Als ob ich da jemanden ansprechen würde. Das glaube ich eher nicht. So was Blödes!“

Sarina verzichtete auf die nervigen Ratschläge ihrer Mutti. Ihr neuer Ansprechpartner war nun das Internet. Und neben all den Liebesplattformen entdeckte sie auch vielversprechende Datingplattformen. Für Sarina waren sie eine völlig neue Dimension und zugleich Hoffnungsträger für eine schönere Zukunft zu zweit.
Natürlich meldete sie sich sofort an und füllte mit ein paar persönlichen Angaben ihr Profil aus. Zu guter Letzt lud sie einige aktuelle Bilder hoch, die ihr am besten gefielen und ihr Herz fing an zu hüpfen, nachdem ihr Profil freigestellt wurde und für alle sichtbar war.
Jetzt wartete sie ungeduldig, was passierte, und stöberte durch die Profile der Männer, die recht überschaubar waren. Wirkliches Interesse erregte jedoch niemand bei ihr, es kam nur zu oberflächlichen Bekanntschaften und kurzem Nachrichtenverkehr. Die Schmetterlinge blieben stumm.

Einige Monate später lernte sie jemanden kennen. Jemanden, der sie ohne Foto anschrieb. Sarina schaute sich die Daten in seinem Profil skeptisch an und war trotzdem sehr neugierig. Seine trockenen Profilangaben passten zu ihrem Geschmack. Sie verstanden sich super und jeden Tag wartete sie nervös vor dem Bildschirm auf seine Nachrichten, die meist gegen 18 Uhr eintrafen, nachdem er Feierabend hatte.
Sie schrieben sich schon drei Monate lang, als sie beschlossen, sich zu treffen. Sarina fragte nach einem Foto, da sie jetzt wissen wollte, wie er aussehe. Einen Tag vor dem Treffen bekam sie zwei verwaschene Fotos per Mail und sie war geschockt. Sie konnte es nicht fassen, dass sie auf den Bildern ihren absoluten Traumtypen sah. Sie hätte mit jeder Enttäuschung gerechnet, nur nicht mit so einer Überraschung. Er hatte lange dunkle Haare und stechende meeresblaue Augen mit einem verwegenen Blick.
Damit stieg ihre Aufregung vor dem Treffen immens in die Höhe. Toni war der Jackpot für ihre Gefühle.
Sie verabredeten sich für den nächsten Abend im Foyer eines Kinos.

Es war ein lauer Abend im Mai, als sich Sarina auf den Weg in die Stadt machte. Um ihre wachsende Vorfreude noch länger zu spüren, ging sie knapp eine Stunde zu Fuß und genoss das Kribbeln überall in ihrem Körper, das von der Musik aus ihren Ohrstöpseln untermalt wurde.
Das Kino befand sich in einem großen Kaufhaus, in dem viele junge Menschen umherliefen. Sarina dachte andauernd, dass er schon auf sie wartete und sie heimlich beobachten würde. Aber sie sah niemandem. Als sie das letzte Stück auf der Rolltreppe hochfuhr, überschlug sich ihr Herz vor Aufregung. Gleich würde sie ihn sehen.
Sie stellte sich neben ein Geländer, um ein bisschen Halt zu finden. Überall standen Leute, die sich angeregt unterhielten und Sarina beobachtete ihre Umgebung unsicher. Ihre Knie könnten jeden Moment nachgeben, so schwach war sie auf den Beinen.
Inzwischen war Einlass und Toni hätte längst da sein müssen. Er schickte ihr auch keine SMS. Sarina hatte keine Ahnung, was los war. Aber sie spürte intuitiv, dass heute kein Treffen stattfinden würde. Nach einer halben Stunde ging sie gelassen nach Hause, denn trotz der Enttäuschung überkam sie ein Hauch von Erleichterung, weil sie so aufgeregt war, dass sie fast paar Mal dachte, sie müsste sterben. Sarina dachte, dass er nach der anstrengenden Arbeit vielleicht nur eingeschlafen war.

Zu Hause angekommen, piepte ihr Handy. Eine SMS von Toni. Er schrieb: ‚Tut mir Leid, Sarina. Aber ich hab‘ verpennt! Tut mir wirklich sehr Leid! Wir verschieben das! Bis dann!‘
Sarina freute sich, dass er sich doch noch meldete und sie war nicht sauer. Schließlich wusste sie, dass er ihre erste große Liebe sein würde. Sie war sich sicher, denn ihr Bauch hatte bisher immer die Wahrheit gesagt.
Und so war es auch. Nachdem sie beim zweiten Anlauf mit Puddingbeinen die Treppen ihres Hauses herunterging, sah sie in die Augen ihres Traummannes, der in seinem dunkelblauen Kombi unten auf sie wartete und sie mit einem strahlenden Grinsen ansah.
Das war er.

Inkognito Nachbarn

Da stehen sie, genau vor meiner Tür und tratschen. Zwei ältere Damen die sich im hörbarem Flüsterton auf dem Hausflur miteinander unterhalten und die Pausen mit einem herzlichen Lachen füllen.
So, wie es die Leute früher im Dorf eben taten. Das redselige Verhalten der Frauen ist geblieben, nur findet dieses emsige Gerede heute in moderner Umgebung statt. Nämlich vor meiner Tür in einem Mehrfamilienhaus mit hallenden Betonwänden.

Ich möchte eigentlich gar nicht wissen, worum es geht.
Aber die Neugier treibt mich doch dazu, kurz an der Tür zu lauschen und durch den Spion zu gucken. Die Gesprächspartner wechseln von Woche zu Woche. Mal eine Nachbarin von oben oder mal die adrette Dame von nebenan.
Meine Nachbarn haben eine Gemeinsamkeit – sie alle sind Rentner.
Aber ihre Gesprächsthemen ähneln sich jedes Mal.
Meist geht es um den Untergang der gesitteten Jugend, neue Häuser, Bluthochdruck/Diabetes/Medikamente und tote Leute, die frisch verstorben sind. Und natürlich geht es um Krankenhäuser.
Oder es geht um mich, da ich der Dorn in diesem verblümt betagten Haus bin.
Vor allem sind meine Bekanntschaften der Fokus ihrer abendlichen Fensterrunde. Die sind nämlich spannender, als Rentner-Krimis, wie z.B. die Lindenstraße, Rosamunde Pilcher und der Bergdoktor.

Denn den alten Herrschaften entgeht nichts, so lange sie den ganzen Tag hinter ihrer zugezogenen Küchengardine am Fenster sitzen und freie Sicht auf die Eingangstür haben. Im Sommer sind sie mutiger und stützen sich auf ihrem ergonomisch geformten Ellenbogenkissen weit aus dem Fenster, um auch die anderen Eingangstüren im Blick zu haben.
Da wird keine Rücksicht auf Privatsphäre genommen. Nein, sie mischen sich aus ihrer Beobachterperspektive ordentlich in vage Begebenheiten ein, damit es beim nächsten Tratsch auf dem Flur interessante (aber falsche) Neuigkeiten gibt, die in meiner Abwesenheit unter drei Augen besprochen werden besprochen werden, dank grünem Star.

Manchmal komme ich während ihrer tüchtigen Gespräche überraschend aus der Tür, sage freundlich hallo und bringe eine halbvolle Tüte Müll nach draußen, um ein Alibi zu haben.
Die Aussage ihrer Blicke kann ich schwer zuordnen. Sie versuchen, mich nett und aufrichtig anzuschauen, aber ihr gespielter gut gemeinter Blick bleibt irgendwo bei entsetzt und abwertend stecken.
Aber sie versuchen zumindest, ein gezwungenes Lächeln auf ihre schmalen Lippen bekommen.

In ihren Augen bin ich rund zehn Jahre jünger und schleppe jede Woche einen neuen Typen mit nach Hause, mit dem ich mich bei lauter Musik restlos besaufe, bis mein Bett Probleme mit der Statik kriegt.
Denken sie.
Weil sie nicht in der Lage sind, zwischen Kumpel, Lover und Freund zu unterscheiden. Denn früher gab’s nur den Einen. Den einen Ehemann mit zwanzig, weitere männliche Freundschaften völlig ausgeschlossen.

Deswegen nehmen sie auch keine Pakete für mich an.
Weil ihre festgefahrenen Vorurteile mein wahres Ich sprengen.
Knappe Klamotten, Bandshirts, Schminke, roter Nagellack und dünne Strumpfhosen, teils mit Laufmaschen.
Das reicht für Oma schon aus, um nicht unter die Oberfläche tauchen zu wollen.
Und nicht zu vergessen: Die Mischung aus Zigarettenduft, ein bisschen Chemie und Parfüm.
Fertig ist das Klischee eines fragwürdigen Lebensstils.