Und weil’s so schön war, gleich noch einmal.
Sexbulimie
Es ist spät am Abend.
Ich komme psychisch kaputt von der Arbeit, lege mich auf die Couch, lasse mir von meinem Kater in die Füße beißen und schaue mir eine überflüssige TV-Sendung an, die nicht meinem Geschmack entspricht.
Während ich geistig abschalte, versuche ich ein wenig Vorfreude aufkommen zu lassen, denn mein Freund kommt gleich. Wir haben uns spontan verabredet, da er viel arbeitet und wenig Zeit hat. Meistens arbeitet er nachts.
Bald klingelt es an der Tür und mein Kater ist schneller dort, als ich. Er schaut erwartungsvoll zur Türklinke hoch und wittert Freiheit. Seine Augen werden ganz groß.
Mein erster Gedanke ist Sex.
Als ich die Tür öffne, reicht mir mein Freund zuerst eine Flasche Rotwein entgegen, bevor er mich begrüßt. Mein Kater sieht den offenen Türspalt und ich schiebe ihn leicht mit dem Fuß in Sicherheit. Einmal schaffte er es schon, zu entkommen und war flott auf der Treppe in Richtung Eingangstür unterwegs. Ein ziemlicher Schreck, da ich gleich in der ersten Etage wohne und gerade zur Arbeit musste. Da er damals noch klein war, ließ er sich noch rechtzeitig einfangen. Ein Glück, mein Herz schlug mir in dem Fluchtmoment bis zum Kopf. Die Angst, den halbwüchsigen Kater nicht aufhalten zu können, war riesig. Heute kenne ich sein Verhalten bestens und sehe die Gefahren, bevor sie zur Realität werden.
Ich stelle die Flasche auf der Anrichte in der Küche ab. Ein guter Wein, stelle ich fest, als ich prüfend auf das Etikett sehe, um die Qualität abzuchecken. Aber eigentlich habe ich keine Ahnung, worum es sich tatsächlich handelt. Alkohol ist mir egal, ich probiere alles gerne aus.
Wir sind zum Kochen verabredet, da darf Alkohol natürlich nicht fehlen. Ein Glas Rotwein genügt schon, um den Kochabend zu vergessen und meine Körpertemperatur ansteigen zu lassen. Weiß nur keiner, außer ich.
Ich habe alles für einen perfekten Abend vorbereitet und sogar einen Kuchen gebacken. Einen Schokokuchen aus einer Fertigbackmischung und Muffins. Einfach anspruchslos, aber lecker. Den Unterschied merkt sowieso keiner.
Heute Abend soll es Nudeln geben. Nudeln sind immer gut und können mit viel Fantasie für erotische Assoziationen sorgen, wenn man sie nett anrichtet.
Ansonsten fällt der Rest unserer Begrüßung recht kurz und bescheiden aus.
Wir schauen uns in die Augen und leiten den Abend mit einer eher freundschaftlichen Umarmung ein. Mein Kater beschnuppert meinen Freund ausgiebig am Hosenbein und schleicht um ihn herum. Die beiden kennen sich noch nicht.
Wir gehen in die Wohnstube und unterhalten uns über den Tag. Klar gibt es viel zu erzählen, aber es kommt nicht dazu. Irgendwas steht in der Luft, ich merke es gleich. Nach zehn Minuten fallen wir wild übereinander her. Wahrscheinlich habe ich wieder zu eindeutige Signale durch mein Aussehen gesendet. Mein Freund schwärmt immer von meinen süßen Lippen.
Auf einmal fange ich an zu lachen, obwohl wir uns mitten in einer Knutscherei befinden. Ich sehe, wie mein Kater uns mit weit aufgerissenen Augen beobachtet und ziemlich kritisch dabei aussieht. Oben auf seinem Kratzbaum sitzt er. Ich fühle mich ein bisschen komisch dabei, obwohl ich weiß, dass meinem Kater der menschliche Verstand fehlt. Aber sein feiner Instinkt und sein Geruchssinn überschatten uns. Wir küssen trotzdem weiter, da es Unsinn ist, sich von einem Tier beeinflussen zu lassen.
Irgendwann reicht es mir. Ich schlage vor, ins Schlafzimmer zu gehen, obwohl ich eigentlich noch gar nicht will. Schließlich weiß ich schon, wie es dann weitergeht. Schlafzimmer bedeutet immer Sex, ob man will oder nicht. Ich bin an diesem Abend sowieso nicht der Herr der Lage und habe nichts zu sagen. An diesem Abend werde ich verführt und zwar richtig. Ich kann meinen Freund jetzt nicht daran erinnern, dass wir kochen wollten. Nein, ich gebe mich der Situation so hin, wie sie gerade kommt. Es läuft nicht immer alles nach Plan, es muss auch Platz für Spontanität sein. So wie heute.
Und außerdem habe ich heute schon Mittag gegessen, vor vielen Stunden. Das reicht.
Meinetwegen hätten wir noch eine Weile reden können. Nur über was?
Ein komischer Abend. Wir hatten uns diesmal nichts zu sagen.
Im Schlafzimmer geht es unmittelbar weiter in die nächste Runde.
Das Licht muss ich aus Sicherheitsgründen auslassen, denn mein Zimmer ist nicht erwachsenentauglich eingerichtet. Wozu auch, ist schließlich meine Wohnung und wenn ich einen Spleen für Schafe habe, dann ist das nun mal so. Im Dunkeln sieht sie niemand, höchstens die Leuchtsticker an der Wand, wenn sie vorher lange genug von der Nachttischlampe angestrahlt wurden. Denn damit sie leuchten können, brauchen sie vorher viel Licht. Licht, das es heute nicht mehr geben wird.
Wir küssen uns sehr lange. Ich frage mich, wie lange das noch gehen soll und ob ich nicht vielleicht etwas dagegen tun kann, damit es aufhört. Zu lange Küssen törnt mich ab.
Nach und nach wird aus der Küsserei ein ewiges Vorspiel, das kein Ende nimmt. Ich warte ab, was passiert und verhalte mich so, als ob ich wahnsinnig geduldig wäre. Unsere Hände graben und streicheln sich wild und neugierig über unsere Körper
Irgendwann, nach einer gefühlten Stunde, haben wir Sex. Endlich.
Hart, heftig und voller Hingabe. Beziehungsweise völlige Selbstaufgabe, denn ich kann nicht anders, als in die Passivität abzurutschen.
Endlich werden meine Vergewaltigungsfantasien befriedigt und ich merke, wie ich zeitlich an meine Grenzen komme. Dieses Liebesprogramm dauert mir zu lange. Die pure Leidenschaft die Leiden schafft. Nun weiß ich, was an diesem Spruch dran ist.
Ich hätte nie gedacht, dass Männer ab vierzig noch so viel Ausdauer besitzen. Mit zunehmenden Potenzproblemen hätte ich schon eher gerechnet. Vor allem bei Rauchern. Aber da es überall Ausnahmen gibt, sollte man Männer nicht alle zusammen in einen Topf schmeißen.
Der Sex will kein Ende nehmen. Kaum zu fassen, dass ich solch lustlose Gedanken habe, obwohl ich Sex immer zu meinen Hobbys gezählt habe und überzeugt davon war, Spaß daran zu haben.
Ich fange an, innerlich zu kochen und sage:“Hör‘ sofort auf, sonst scheuer‘ ich dir eine! Ich kann nicht mehr und hätte nie gedacht, dass Männer in deinem Alter noch so viel Energie haben. Das ist echt unmöglich, so ein Endlos-Lover zu sein.“
Mein Freund guckt mich lächelnd an und sagt:“Ich hab‘ dir doch gesagt, dass ich topfit bin, überall.“
Danach dreht er sich ohne weitere Wiederworte auf die Seite und ist nicht einmal böse auf mich. Andere Männer wären sicher eingeschnappt, wenn sie im Liebesspiel unterbrochen werden und wären bestenfalls sogar enorm beleidigt. Mein Freund betrachtet den Abbruch jedoch sehr gelassen und fast ein wenig oberflächlich.
Er hat keine weiteren Argumente mehr und nimmt es so hin, dass ich ihn in seiner maßlosen Erregung gestört und sie beendet habe. Zufrieden wirkt er trotzdem und zeigt sich entspannt.
Danach legt er sich neben mir auf die Seite, mit der schweigenden Andeutung, dass er schlafen will.
Insgesamt ein Abend, an dem wir kaum geredet haben. Ehrlich gesagt fällt mir auch nichts mehr ein, da ich immer noch fassungslos und geflasht bin.
Mein Freund schläft bald laut schnarchend ein. Insgeheim hatte ich gehofft, dass er es nicht tun würde und zu den Nicht-Schnarchern gehört, denn ich wache schon bei jedem leisen Geräusch auf oder kann erst gar nicht einschlafen.
Andererseits versuche ich, mich dem Takt seines Schnarchens anzupassen und dabei einzuschlafen. Es klappt nicht.
Ich liege sehr lange wach im Bett, bis sich ein gewisses Gefühl in mir breitmacht. Es fängt mit leisen Kopfschmerzen an, die nach und nach pochend und penetrant laut werden. Ziemlich lästig, aber ich nehme es hin, weil es nur Kopfschmerzen sind, die wieder vergehen. Bald hoffentlich.
Auch mein Magen meldet sich zu Wort. Aus dem sanften innerlichen Beben wird ein Vulkan, der auf seinen Ausbruch wartet.
Die nächsten Vorboten eines unvermeidbaren Brechanfalls machen sich bemerkbar.
Das Karussell in meinem Kopf dreht sich immer schneller und droht im Speichelfluss zu ertrinken.
Jetzt aber flott flott! Ich muss den Run zum rettenden Klo rechtzeitig schaffen, damit es nicht zu einer ekelhaften Blamage im Bett kommt.
Schnell ziehe ich meine Hotpants und mein Herzchenhemd an, um nicht nackt durch die Wohnung zu laufen.
Ich muss aufpassen, dass ich in der Dunkelheit nicht über meinen Freund stolpere, da ich die Allüren eines Tollpatsches habe. Konzentriert schreite ich fix über ihn hinweg und renne ins Bad, das sich zum Glück gleich neben dem Schlafzimmer befindet.
Das Nachtlicht glimmt in einem sanften Blau vor sich hin und zeigt mir den Weg zur Toilette.
Doch auf einmal geht gar nichts mehr. Noch bevor ich das Klo erreiche, bricht es schon aus mir heraus. Mitten auf dem Teppich vor meiner Dusche.
Scheiße!
Bitte nicht, denke ich im selben Moment, in dem es schon zu spät ist.
Da liegt nun also der Orangenreis mit verkochtem Spargel aus der Kantine in Form von Erbrochenen vor mir. Serviert mit vereinzelt ganzen Stücken. Sieht noch fast genauso aus, wie vorher, nur etwas matschiger.
Ich nehme mir reflexartig einen Waschlappen und wische die Fliesen sauber.
Ohne weiter nachzudenken, rolle ich den Teppich samt Inhalt zusammen und stopfe ihn in die Waschmaschine, die direkt daneben steht. Soll das Zeug dort drinnen stinken, ich werde morgen die Waschmaschine anschmeißen und hoffen, dass danach alles wieder in Ordnung ist. Erbrochenes habe ich noch nie gewaschen. Ich bin gespannt.
Danach hocke ich mich vor die Toilette und warte auf die nächste Ladung, weil ich merke, dass mein Bauch noch mehr Saures übrig hat. Endlich habe ich genug Zeit, in Ruhe meine Klobrille zu betrachten, für die ich mal richtig viel Geld bezahlt habe. Nun bekommt sie meine volle Aufmerksamkeit und Wertschätzung. Ich schaue mir die Muscheln an, den Sand und alle anderen Details, die darin eingearbeitet sind.
In diesem stillen Moment des Bewusstseins merke ich, wie sehr ich zittere. In meinen Fingern habe ich einen nicht-alkoholinduzierten Tremor und ich friere am ganzen Körper. Ich messe meinen Puls, um meinen instabilen Kreislauf abzuchecken. Mein Puls ist schwach und rast, als ginge es um Leben und Tod. Als ich in den Spiegel schaue, sehe ich aus, wie ein Heroin-Chic-Schneewittchen. Blasser als sonst mit verwischter Schminke und ziemlich fertig im Gesicht.
Im Bad ist es kalt, trotz des Sommers draußen und schließe das offene Fenster, um dann die Heizung anzumachen. Danach setze ich mich wieder still vor die Toilette und warte auf Erlösung. Aber im Bauch tut sich vorerst nichts. Ich beschließe, dass es erst mal nichts bringt, die Zeit im Bad zu verschwenden und stehe wieder auf. Meine Beine fühlen sich an, wie warmer Pudding, ganz schwammig und schwach. Aber ich kann laufen, das funktioniert.
Ich gehe in die Küche und als ich die Muffins sehe, spüre ich, dass ich Hunger habe. Schließlich liegt meine letzte Mahlzeit mehr als zwölf Stunden zurück und die Reste davon gammeln in der Waschmaschine vor sich hin.
Ich beiße ein Stück ab und bin nach einem Happs satt, da mein Bauch, trotz Hunger, noch nicht aufnahmefähig ist. Mein Bauch zeigt mir deutlich, was er will. Er hat seinen eigenen Verstand und denkt anders, als mein Gehirn.
Da ich mir sicher bin, dass ich in der Nacht noch mehrmals die Toilette besuchen werde, lege ich mich auf die Couch, um meinen Freund nicht zu stören. Ich wundere mich, dass er nicht wach geworden ist und mich gefragt hat, was los ist. Schließlich war ich ziemlich laut und Bad und habe damit gerechnet, dass er wach wird, bei dem brechenden Krach. Durch die kahlen Fliesen hallt es im Bad schön und die Wände sind nicht gerade schalldicht. Aber was soll’s, ich hätte ich nicht gewusst, wie ich ihm die peinliche Situation erklären soll. Wer muss schon nach dem Sex kotzen. Das ist das Letzte und die beste Demütigung für jeden Mann. Denn Kotzen ist die non-verbale und ehrliche Antwort für Missfallen.
Ich gehe in die Wohnstube und lege mich auf die Couch.
Mein Kater ist wach und schaut mich an, als wüsste er, dass etwas nicht stimmt. Es ist so, als wüsste er genau, was gerade los ist. Er nimmt Sicherheitsabstand und betrachtet mich eingehend aus der Ferne. Ich gucke auf mein Handy, um ein Gefühl für die Uhrzeit zu bekommen, dass ich inzwischen völlig verloren habe.
Es ist nachts um drei, die Nacht wird noch lang sein, wird mir klar.
Mir ist wieder eiskalt und Kälteschauer laufen mir über den Rücken. Außerdem drängen sich die pochenden Kopfschmerzen wieder in den Vordergrund, die stärker geworden sind, nachdem ich mit dem Kopf über dem Klo hing.
Um der elendigen Kälte ein Ende zu setzen, stehe ich auf und suche meinen Kapuzenhoody mit Bandprint, den ich im Flur in der Garderobe finde. Schon beim Anziehen fühle ich mich gleich wie ein Rockstar auf Entzug.
Ich setze mir die Kapuze auf und verkrümel mich zurück auf die Couch, wo ich unter der braunen Fake-Felldecke verschwinde, damit mir endlich warm wird. Das ist die Lieblingsdecke meines Katers und ich beschlagnahme somit sein Eigentum, da er jede Nacht auf dieser Decke schläft. Sie fühlt sich für ihn an, wie eine Katze und er liebt sie.
Als ich unter der Decke liege, merke ich, dass noch etwas fehlt: Mein iPod. Ich muss mich dringend mit Rockmusik ablenken, um diese schreckliche Nacht überleben zu können. Im ersten Moment weiß ich gar nicht, wo er liegt. Zuerst gucke ich in der Kommode im Flur nach. Da ist er nicht.
Dann suche ich in der Küche weiter, denn woanders kann er nicht sein. Sonst liegt er immer bei mir im Bett. Aber auf der Stelle schläft heute mein Freund, der lauter schnarcht, als die Songs auf dem iPod. In der Küche werde ich fündig. Ich finde ihn in meiner Arbeitstasche, die am Stuhl hängt.
Nun kann ich meinen angeschlagenen Allgemeinzustand mit Musik untermalen. Damit dürfte meinem Wohlbefinden nichts mehr im Weg stehen. Bis auf die Übelkeit, die sich wieder anbahnt, als ich gerade bequem auf der Couch liege.
Ab geht es ins Bad. Dort ist es nun wärmer, da die Heizung mittlerweile den Raum mit Wärme gefüllt hat. Ich setze mich vor die Toilette und muss nicht lange warten. Ich spucke die nächste Mittagsportion ins Klo und das Stück vom Muffin ist sicher auch mit dabei.
Früher fand ich Kotzen schlimm und hatte Angst davor. Heute weiß ich, dass dabei nicht viel schiefgehen kann und alles ganz automatisch abläuft. Man wartet auf die Übelkeitswelle, macht den Mund auf und hustet, was das Zeug hält. Nebenbei konzentriert man sich auf die Klobrille und auf den latenten Geruch vom Duftstein, der irgendwo gut sichtbar an der Seite hängt. Gegebenenfalls natürlich. Nicht jeder gibt für solche Extras Geld aus.
Danach herrscht wieder Ruhe. Ich bin geschwächt und frage mich, wie lange dieser Akt noch gehen soll und wie viel mein Magen noch hergibt. Schließlich war die Mittagsmahlzeit nicht besonders groß. Ich habe bisher mehr ausgekotzt, als ich überhaupt gegessen habe, fällt mir auf. Wie kann das sein? Zum Glück haben wir abends nicht mehr gekocht und auch den Wein ungeöffnet stehen gelassen. Sonst wäre alles umsonst gewesen und ich hätte es gar nicht mehr vom Klo geschafft.
Jetzt kann ich wenigstens die Pausen zwischendurch genießen und mich meinem Kopfschmerz widmen.
Mein Freund schläft immer noch tief und fest, der kriegt gar nichts mit. Würde ich einen Kollaps bekommen, könnte niemand mir helfen. Und ich bin sehr anfällig für Kreislaufprobleme, da ich nicht viel Fleisch auf den Rippen habe und nicht viel Stress vertrage. Okay, vertragen schon. Aber ich bin empfindlich, manchmal. Besonders jetzt, wo ich merke, dass mein Freund nicht im geringsten checkt, was los ist. Egal, ich werde ihn deswegen nicht mit Absicht wecken. Er braucht seinen Schlaf, damit er noch mehr vor Energie strotzt.
Soll ich nun neben der Toilette schlafen oder nicht?
Eine Frage, die ihre Berechtigung hat. Theoretisch könnte ich es mir hier gemütlich machen. Der kuschelige Teppich vor dem Klo ist aus weicher Baumwolle in nachtblauer Farbe. Die optimale Einladung für beruhigende Träume. Hätte ich eine Fußbodenheizung, würde ich dies sogar in Erwägung ziehen. Aber die weißen Fließen sind mir zu kalt, zu glatt und zu hart. Die Nacht hat mich schon genug geschunden.
Ich tapse auf wackeligen Beinen zurück zur Couch.
Mein Körper ist ziemlich geschädigt. Trotzdem muss ich am Nachmittag wohl oder übel zur Arbeit. Bis dahin muss alles wieder gut sein. Aber so wie ich mich kenne, werde ich die Kurve kriegen und fit sein. Auf Arbeit darf ich mir nichts anmerken lassen, denn das könnte fatale Folgen haben, bei dem Klientel, mit dem ich arbeite. Die merken alles. Vor allem, wenn etwas nicht stimmt oder anders ist, als sonst. In wenigen Stunden bin ich dem feinen Gespür fremder Leute ausgeliefert, die davon überzeugt sind, mich besser zu kennen, als ich mich selbst kenne. Fremde Leute, die ich jeden Tag sehe und mich persönlich um sie kümmere. Fremde Leute, die auf eine Art von mir anhängig sind, weil ich für sie sorgen muss, da sie es selbst nicht können oder nicht wollen. Wie auch immer.
Auf jeden Fall muss nachher alles mit mir in Ordnung sein. Ein Krankenschein würde den gesamten Arbeitsablauf extrem durcheinander bringen und unmöglich machen. Also bin ich gezwungen, mich auszukotzen und meine Gesundheit wieder zu gewinnen. Ich möchte niemandem detailliert erklären, warum es mir so schlecht geht. Mein Arzt würde bei dieser Story knallrot anlaufen. Oder er müsste sich eventuell das Lachen verkneifen, um einigermaßen ernst zu wirken.
Unter der Kuscheldecke fühle ich mich wohl und denke über den bevorstehenden Tag nach. Letztendlich schließe ich einfach, dass es unnötig ist, weiter darüber nachzudenken. Ich werde alles auf mich zukommen lassen.
Ich höre den dumpfen Geräuschen meines Kopfes stattdessen lieber zu. Achtsamkeitstraining mal anders. Ich konzentriere mich nur auf meinen Kopf. Er pocht und klopft unaufhörlich. Natürlich kann ich auch eine Tablette schlucken, aber allein bei der Vorstellung wird mir übel. Mein Bauch muss erst mal von weiteren Ballast verschont bleiben. Auch eine winzige Tablette ist Ballast. Außerdem haben meine Schmerztabletten das Mindesthaltbarkeitsdatum bereits überschritten, weil ich zu selten krank bin. Würde ich sie einnehmen, könnten sie doppelt so gut wirken oder eben gar nicht. Dennoch denke ich nicht daran, sie wegzuschmeißen.
Ich schließe meine Augen und versuche, in den Schlaf zu finden.
Ja, ich bin müde, aber meine Symptome halten mich davon ab, einzuschlafen. Schließlich darf ich mir diese körperlichen Highlights nicht entgehen lassen, so selten, wie ich sie spüre. Ich fühle mich wie in einem farbenfrohen Feuerwerk aus Gedanken, Schmerzen und anderen Beschwerden.
Vielleicht übertreibe ich auch ein bisschen.
Draußen wird es inzwischen allmählich hell und die Vögel kündigen den Morgen an. Die dunkelbraunen Vorhänge in meinem Wohnzimmer filtern das Licht auf eine dezente Weise. Ich mag es lieber es dunkler und unaufdringlicher in meiner Wohnung.
Irgendwann, wohl gegen sechs Uhr, schlafe ich ein, ohne es zu merken. Ich hätte nicht gedacht, dass ich es noch schaffe, paar Stunden Schlaf abzukriegen. Aber ich bin einfach nebenbei eingeschlummert.
Dann werde ich wieder wach, weil ich ein leises Geräusch hinter mir wahrnehme. Zuerst bin ich mir nicht sicher, ob ich etwas gehört habe und bin ein wenig verwirrt, bis ich meinen Freund an der Wohnstubentür stehen sehe. Er wundert sich bestimmt, was ich hier allein auf der Couch suche und warum ich nicht im Bett bin.
„Guten Morgen“, sagt er und ich antworte mit den gleichen Worten. Ich schaue auf die Uhr. Es ist gerade mal um acht. Dann fällt mir sofort wieder ein, dass ich um dreizehn Uhr arbeiten muss und denke an den fehlenden Schlaf.
Die Kopfschmerzen sind weg, das ist das Erste, was ich spüre. Aber insgesamt fühle ich mich nicht gut.
Mein Freund ist gerade abgelenkt und vergnügt sich mit meinem Kater, der morgens besonders in Spiellaune ist. Nebenbei versuche ich meinem Freund zu erklären, was los ist und versuche, den richtigen Einstieg zu finden.
Ich sage: „Warum bist du schon so früh wach?“
Er sagt: „Ich stehe meistens so früh auf und heute muss ich noch einiges zu Hause tun.“
Ich: „Okay, verstehe. Sorry, wegen letzter Nacht. Ich weiß ja nicht, ob du irgendwas mitgekriegt hast?“
Er: „Nee, warum? Ist was passiert?“
Ich: „Naja, mir ging’s nicht so gut und ich hab‘ die Nacht auf dem Klo verbracht.“
Er: „Oh, das ist aber nicht schön! Hast du vielleicht was Falsches gegessen?“
Ich: „Keine Ahnung. Mir ging’s auf einmal total schlecht. Wurde immer schlimmer.“
Während ich erzähle, freut sich mein Kater über seinen neuen Spielgefährten. Die beiden lassen sich durch meinen angeknacksten Zustand nicht stören. Ich schaue dabei zu, wie sie sich amüsieren und versuche gleichzeitig, mich zu verstecken, weil ich mich so unwohl und hässlich fühle. Wie schlecht ich aussehe, kann ich mir schließlich denken, denn dafür kenne ich mich zu gut.
Dennis sagt: „Okay, dann versuche noch ein bisschen zu schlafen. Schließlich musst du nachher zur Arbeit. Deswegen will ich dich jetzt nicht weiter stören und dich von deinem Tagesablauf abhalten.“,
Das ist ein guter Vorschlag von ihm, obwohl ich mir gestern noch vorgestellt habe, wie wir zusammen frühstücken und noch seine üblichen Standard-Frühstücks-Lebensmittel besorgt habe. Ja, ich habe mir vor dem Treffen richtig Gedanken gemacht. Daran sieht man, dass nichts planbar ist. Es kann immer etwas Unerwartetes dazwischen kommen.
Ich stehe von der Couch auf, um mich gleich von Dennis verabschieden zu können. Meine Beine wollen noch nicht so richtig in die Gänge kommen und insgesamt fühle ich mich wie ein ferngesteuerter Roboter, ohne Herz und Gehirn. Ich stehe völlig neben mir. Alles wirkt unecht, weil alles anders ist, als erwartet.
Da in der Küche noch die Muffins und der Kuchen stehen, biete ich meinen Freund an, alles mit nach Hause zu nehmen. Eigentlich bestehe ich sogar darauf, denn ich habe das Zeug nur für ihn gebacken, weil er so gerne Süßes mag und ich habe schon vorher angekündigt, dass ich eine Überraschung für ihn habe. Auch seine Lieblingsschokoriegel, auf die er sonst so heiß ist, liegen unangerührt auf dem Tablett. Was ist nur los? Ich hätte eher mit einem Fress-Flash gerechnet, als mit Ignoranz.
Wir beide stehen in der Küche und gucken uns das verlassene Backwerk an.
Dennis nimmt ein Stück Kuchen und einen Muffin. Beides wird noch vor Ort verspeist und mit einem ‚Lecker‘ kommentiert.
Ich sage: „Du kannst das alles mitnehmen“
Aber dann steht Dennis schon im Flur und zieht sich seine Schuhe an.
Okayyy, denke ich. Mein bester Kumpel ist da anders, der nimmt den Kuchen immer mit. Allerdings hat er mich schon als Mutti beschimpft, wenn auch gut gemeint.
Ich gehe mit gesenktem Blick zu Dennis in den Flur, um mich bei ihm zu verabschieden. Mit meinem schrecklichen Aussehen im Hinterkopf. Hoffentlich verträgt er die ungeschminkte Wahrheit, denn ich weiß nicht, ob er mich ungeschminkt schon mal gesehen hat, da ich sonst morgens rechtzeitig im Bad verschwinde.
Der morgendliche Abschied fällt genauso kurz aus wie die abendliche Begrüßung.
Kurze Umarmung, Küsschen und ab geht’s. Blitzschnell ist er weg und lässt mich im Flur zurück.
Mir ist das gerade relativ egal, weil ich nur an mich denke. Meine Bedürfnisse übertrumpfen meine Gefühle gnadenlos.
Dann besuche ich wieder den meist besuchten Ort, das Bad. Die nächtlichen Gerüche sind bereits verflogen und nichts erinnert mehr an das Brech-Massaker, bis ich den fehlenden Teppich vermisse, der mich daran erinnert, die Waschmaschine anzuschalten. Kein Ding, schnell erledigt.
Danach geht es endlich unter die Dusche, die ich dringend brauche, um mir die dreckige Nacht von der Haut zu schäumen. Wenn sie vollständig im Abfluss verschwunden ist, dann ist alles gut.
Ungefähr eine halbe Stunde stehe ich in der Dusche. Zwischendurch setze ich mich hin, um mir das heiße Wasser über den Rücken prasseln zu lassen. Das Wasser ist so heiß, dass es mich normalerweise fast quälen würde. Aber heute tut es gut, da ich lange genug gezittert habe und Wärme brauche. Außerdem hilft mir die hohe Wassertemperatur dabei, meinen Körper so zu spüren, wie er ist: heiß.
Als Ersatz für meinen Duschteppich, habe mir ein Handtuch auf den Fußboden gelegt. Aber das kann den Teppich längst nicht ersetzen. Das Handtuch soll lediglich die Rutschgefahr ein wenig eindämmen und mir die Füße trocknen. In meinem Bad herrschen nun tropische Temperaturen mit einer hohen Luftfeuchtigkeit, die meinen Spiegel beschlägt. Ich ziehe die Klamotten von gestern Abend an, die chaotisch zusammengeworfen auf der Waschmaschine liegen. Meine nassen Haare lasse ich erst mal so trocknen, die kann ich später notfalls immer noch föhnen. Ich habe jetzt keine Lust auf Haare und Schminken, sondern will mich einfach nur von der stressigen Liebesnacht ausruhen. Bevor ich das Bad verlasse, öffne ich wieder das Fenster, um den Dunst in die Freiheit schweben zu lassen, weil ich keinen Schimmel haben will. Wärme und Feuchtigkeit sind das beste Duo, um sich seine Wohnung zu verseuchen. Wer krank werden will, sollte sich daran unbedingt erinnern.
Bevor ich an mich denken kann, springt mir schon mein Kater vor die Füße, der auf sein Frühstück wartet. Also gehe ich dem üblichen Ritual am Morgen nach. Ich wasche sein Porzellan-Napf gründlich aus, mache sein herzhaftes Tüten-Fleisch hinein und streue Trockenfutter als Topping rüber. Mein Kater zeigt mir seine Freude, indem er sich permanent auf den Boden rollt und knurrende, murmelnde Geräusche von sich gibt. So richtig weiß ich aber bis heute nicht, ob das wirklich ein Ausdruck von Freude ist. Vielleicht hat er auch einfach einen Schaden. Kein Wunder, wenn er sich mit mir die Wohnung teilt.
Nachdem er versorgt ist und sein Fressen mit Vorsicht begutachtet, kann ich mich endlich um mich kümmern. Ich bevorzuge lieber die Couch, als das Bett. Kann mir gerade nicht vorstellen, mein Schlafzimmer überhaupt noch mal zu betreten, nach der wilden Aktion. Im Moment will ich gar nicht mehr an Sex denken. Ich bin satt.
Ich verkrieche mich unter die Kuscheldecke und hoffe, dass mein Kater nicht von oben raufspringt. Dadurch gelingt es ihm immer, mich zu erschrecken und wenn er ungünstig landet, ist es sogar unangenehm. Casimir ist aber selber müde und liegt ergeben auf dem Rücken mit zusammengerollten Pfoten am Ende der Couch, wie ich sehe. Alles in Ordnung, keine Gefahr, gestört zu werden.
Endlich Abschalten, die Uhr ist neun. Bis um elf kann ich mich entspannen.
Ich vergewissere mich, ob iPod und Handy griffbereit neben mir liegen. Außerdem stelle ich mir den Wecker, falls ich einschlafen sollte, was gut möglich ist. Wenn ich Kopfhörer in den Ohren habe, werde ich ihn wohl kaum hören, also lege ich meine Handy auf den Bauch, um die Vibration zu spüren. Falls ich nicht zu tief schlafe. Gleichzeitig sehe ich auch, dass ich keine neue Nachricht von Dennis habe. Okay, abwarten. Er wird sich schon noch melden, um sich nach meinem bescheuerten Befinden zu erkundigen. Innerlich macht sich eine Leere breit, die meine Gedanken mit Nichtigkeit überschwemmt. In dem Augenblick weiß ich nur, dass alles egal ist und es sich nicht lohnt, zu denken. Außer an den bevorstehenden Arbeitstag.
Die Musik verwöhnt meine Ohren und meine Seele. Ich schließe die Augen und lege meinen rechten Arm über die Stirn. Nach jedem Song merke ich, wie schnell die Zeit vergeht. Nebenbei kümmere ich mich um die Neuigkeiten auf meinem Handy, aber die Nachricht, auf die ich eigentlich warte, trifft nicht ein. Wir schreiben zwar sonst auch nicht besonders viel, weil wir die Treffen eher vorziehen, als unpersönliche Textnachrichten. Aber er er könnte wenigstens kurz zeigen, dass er da ist. Was soll’s, der Typ ist älter und hat genauso viel um die Ohren, wie ich. Obwohl ich diejenige bin, die am meisten zu tun hat. Beruflich wie privat. Und jetzt, wo es mir schlecht geht, bin ich in meiner Tätigkeit eingeschränkt.
Meine Stunden der Entspannung sind also auch mit Minuten der Warterei gefüllt. Oder wohl eher mit Erwartung, denn Warten an sich tue ich selten. Ich nehme alles so hin, wie es gerade kommt. Ob gut, ob schlecht, nichts passiert ohne Grund.
Gegen elf mache ich mich im Bad fertig, obwohl ich immer noch der Meinung bin, dass es nichts zu retten gibt, wenn ich in mein Gesicht blicke. Inzwischen sieht es wieder lebendiger aus, aber die frische Gesundheit lässt sich darin nicht erkennen. Höchstens, wenn man einen Profi-Make-Up-Artisten an seiner Seite hat, der zaubern kann. Ich wasche mein Gesicht mit kaltem Wasser, um die Durchblutung ein bisschen anzuregen, damit es einen leicht rosigen Teint bekommt. Das anschließende Seesand-Peeling setzt noch einen drauf und sorgt für ein super Ergebnis. Mein Gesicht ist tatsächlich nicht mehr ganz so blass. Dann lasse ich die hautverjüngende Creme einziehen und setzte mit der Schminke die letzten Akzente der Schönheit. Auf der Creme ist nicht einmal eine Altersbegrenzung vermerkt und ich bin noch nicht mal dreißig. Zwar habe ich keine Falten, aber weil ich trotzdem wissen wollte, ob sie wirkt, habe ich sie gekauft. Ich bilde mir ein, jünger zu sein, als ich bin. Aber das funktioniert auch ohne Creme sehr gut.
Danach föhne ich mir die Feuchtigkeit aus den Haaren und stecke sie zu einem Zopf zusammen, damit ich mir das lange Kämmen sparen kann, aus zeitlichen Gründen. Die Musik aus dem Radio, die die ganze Zeit im Hintergrund lief, hat mich geistig richtig auf Trapp gebracht und ich bin wach.
Eigentlich ist nun alles so, wie sonst auch. Nur die Erinnerung bleibt erhalten.
Ich gehe in die Küche, um mein Wohlbefinden kurzzeitig mit Kuchen zu steigern und langfristig zu ruinieren. Der Kuchen und die Muffins wurden von mir für meinen Freund gebacken, nicht für mich.
Warum konnte er ihn nicht einfach mitnehmen. Jetzt stopfe ich mir die Hälfte des Kuchens binnen weniger Minuten in den Mund und wie immer fällt der Genuss kürzer aus, als das schlechte Gewissen und der Hass, den Überblick über die Kalorien zu verlieren. Danach nehme ich mir fast zwanghaft noch drei Muffins und verzehre sie, ohne sie zu achten. Ich stehe wie ein gieriger Fresssack in der Küche und fresse mit abgeschalteten Gehirn. Theoretisch ist es richtig, was ich tue, weil mein Körper Energie braucht. Aber diese Energie in Form von Fett und Zucker ist falsch, denn leere Energie macht dick und mein Körper kriegt keine wichtigen Nährstoffe, die er heute gebraucht hätte. Die Obstschale steht auf dem Tisch. Sie steht dort und ich sehe sie. Aber den Kuchen nehme ich intensiver wahr, denn der Kuchen ist meine Obsession, der manchmal besser schmeckt, als Sex.
Bei Kuchen verliere ich den Verstand, egal, wie viel ich über seine Zutaten weiß. Die werden so lange ausgeblendet, bis ich satt bin und zwar erst, wenn der ganze Kuchen in meinem Bauch ist.
Dennis hätte ich diesen Fress-Flash eher gegönnt. Wir sind zwar beide schlank, aber er hat kein schlechtes Gewissen danach. Das ist der Unterschied. Neben dem Kuchen steht noch das Tablett mit den Schokoriegeln. Die Sorte mag ich zwar nicht besonders, aber das zählt gerade nicht. Hauptsache Schokolade, das ist alles, was ich nach dieser Nacht mehr oder weniger brauche. Ich brauche den Schokokram, um seelische Missstände zu begleichen. Die körperlichen Defizite rücken erst mal dezent in den Hintergrund. Morgen werde ich mich um sie kümmern und sie mit Vitaminen versorgen. Aber heute fresse ich mich mit Schokolade voll.
Von den Muffins lasse ich mir ein paar für den Abend übrig. Wenn ich jetzt noch mehr esse, bin ich zu voll, um mich den anspruchsvollen Anforderungen auf Arbeit gerecht zu werden und kann mich nicht mehr schnell genug bewegen, wenn es heikel wird. Bei uns ist es immer heikel und überall lauert die Gefahr. Ich gehe einem risikobelasteten Job nach, da kann ich es mir nicht leisten, den Bauch voller Kuchen und Muffins zu haben, ganz zu schweigen von den karamellgefüllten Schokoriegeln. Ich hasse Dennis dafür, dass er das sündenbelastete nicht mit genommen hat. Sicher hat er es nur gut gemeint, damit ich auch etwas davon habe. Etwas hätte schon gereicht, aber nicht alles. Ich habe den Kuchen gebacken, damit er sich seine Nachtschicht versüßen kann.
Kuchen, Zigaretten und Kaffee sind die Ideallösung für lange Nächte, in denen hohe Konzentration gefragt ist. Dazu noch die Packung Schokoriegel und niemand hätte Schaden davongetragen.
Aber nun ist alles anders.
Ich bin das geschädigte Opfer. Erst die lange Sexnacht, dann die elendige Kotzerei danach und zum Schluss ein fetter Fressanfall deluxe. Irgendwie ist mir zum Heulen. Aber irgendwie auch nicht. Selbst dran Schuld, sage ich mir auf einmal selbstbewusst ins Gesicht.
‚Selbst dran Schuld, junge Frau!
Warum tun Sie sich das auch an? Sie können doch nicht so unachtsam mit sich umgehen!
Das haben Sie doch gar nicht verdient! Ihr Körper ist wertvoll, er ist einzigartig. Also fangen Sie an, ihn auch so zu behandeln! Ihr Körper ist der Ausdruck Ihres Innenlebens. Er speichert alles ab, was Sie ihm antun. Nur manchmal ist es nicht gleich sichtbar.
Ihr Körper vergisst nie. Heilen Sie ihn mit Selbstachtung.‘
Okay, nun ist es zu spät und das Gefühl, mich übergeben zu müssen, kann ich nicht auf Knopfdruck auslösen. Will ich auch gar nicht, weil ich dann eine krankhafte Ess-Brech-Sucht hätte, die ich nicht gebrauchen kann.
Ich trinke noch einen Schluck Vanille-Soja-Milch und packe meine Arbeitssachen zusammen.
Casimir hält seine Ruhezeit ein und bleibt regungslos auf der Couch liegen, während er mich mit halboffenen Augen trotzdem heimlich beobachtet. Er hat genug Futter und Wasser, damit wird er auch ohne meine Gesellschaft über die Runden kommen. Auch, wenn er ungern alleine ist und dann aus purer Rebellion die Tapeten in Fetzen von den Wänden reißt, die ich dann mit Kraftkleber wieder an die Wand puzzeln darf. Seitdem der Balkon mit einem Netz abgesichert ist und er ein Stück Freiheit erleben darf, zeigt er dieses unmögliche Verhalten jedoch seltener, weil er dadurch ausgeglichener geworden ist. Vermute ich.
Ich ziehe mir nur eine Pulloverjacke über, weil es heute sehr warm ist und binde mir ein blaues Stricktuch um den Hals. Ohne komme ich mir irgendwie nackt vor.
Auf dem Rad fahre ich zur Arbeit quer durch die Stadt. Ich muss teilweise aufpassen, dass ich niemanden anfahre, denn um die Mittagszeit ist hier viel los und ich muss im Slalom um die Menschen fahren, was mir bisher immer gut gelungen ist, weil ich keine Haftpflichtversicherung habe. Ich vertraue meiner Vorsicht und meinem Gespür für Gefahr.
Mein Weg zur Arbeit ist nur kurz. Und das ist der Nachteil, denn ich brauche vor und nach der Arbeit immer noch ein wenig Zeit für mich, die ich meist mit Musik hören verbringe. Optimal wäre eine halbe Stunde Fahrtweg. Aber nun sind es gerade mal zehn Minuten, die müssen reichen.
Okay, was soll’s. In den nächsten Jahren werde ich bestimmt einen Umzug in Erwägung ziehen.
Als ich meine Arbeitsstelle erreiche und mein Fahrrad anschließe, kann ich den Schichtwechsel live durch die undichten Jalousien der Fenster miterleben.
Natürlich weiß ich, dass ich weggucken muss und tue es auch anständig. Vor mir liegen genau die Männerumkleiden. Den Männern ist anscheinend nicht bewusst, dass man von draußen in den Raum sehen kann, weil das Licht brennt und den Raum provokant erleuchtet.
Dann schließe ich die Tür auf und betrete den Eingangsbereich meiner Arbeitsstelle. Gleichzeitig werde ich mit vielen unterschiedlichen Düften Konfrontiert. Deogeruch, Mittagessen und allen Formen von menschlichen Ausscheidungsmöglichkeiten.
Ich gebe auf der silbernen Mini-Tastatur den Geheim-Code zum Umkleideraum ein, obwohl ich den Raum auch aufschließen könnte, um meine Finger nicht mit etlichen Coli-Bakterien zu kontaminieren.
Und: Das Licht bleibt aus, denn ich möchte nicht von draußen begafft werden. Ich denke, Männern fällt das Weggucken schwerer. Außerdem weiß ich, dass der Mann von der hausinternen Reinigung auf mich abfährt, weil er in meiner Abwesenheit nach mir fragt. Er versucht sich von meinen Kollegen Infos zu holen, während er mit seinem Putzwagen durch die Flure fährt.
Nachdem ich mich umgezogen habe, gucke ich wieder auf mein Handy. Immer noch nichts von Dennis. Neben all den anderen Nachrichten fallen mir seinen fehlenden Worte sofort auf.
Langsam könnte er sich mal melden, finde ich. Ich stecke mein Handy in die Hosentasche und nehme mir vor, mich erst mal auf meine nervlich belastende Arbeit zu konzentrieren, von der ich niemandem etwas erzählen darf, dank Schweigepflicht. Vor allem keine Details.
Auf Arbeit ist natürlich alles wie sonst, weitestgehend. Jeder Tag ist trotzdem anders. Immer können schlimme Dinge passieren. Aber nichts ist so schlimm, wie letzte Nacht und dieses momentane Nichts. Mein Gesichtsausdruck bleibt heute ziemlich neutral. Ohne Lächeln, ohne Traurigkeit. Obwohl ich meine Mundwinkel schon ein bisschen nach oben ziehe, wenn die Situation gerade passt oder wenn ich freundlich aussehen muss, um keinen Streit zu entfachen.
Der Tag vergeht ansonsten wie immer.
Abends fahre ich nach Hause.
Habe beim Umziehen in der Umkleide extra die Jalousien richtig heruntergezogen.
Als ich endlich wieder zu Hause bin, kann ich die vor Unaufmerksamkeit brodelnde Drama-Queen in mir nicht mehr stoppen. Mein Freund hat sich bis jetzt immer noch nicht gemeldet und ich beschließe, dass etwas nicht stimmt und dass er mich gar nicht wirklich liebt. Ja, das behaupte ich einfach, aus Trotz. Ich zweifle aus Trotz an seinen Gefühlen für mich. Vielleicht ist er doch oberflächlich. In diese harten Fakten steigere ich mich immer mehr hinein und blühe in dieser negativen Gefühlsflut richtig auf.
Ich schreibe ihm eine SMS.
Relativ kurz und knapp. Wie’s ihm geht und was er gerade macht und noch andere Dinge, die ihm zeigen, dass ich sauer bin. Bin gespannt, was er antwortet und ob er überhaupt schreibt. Schließlich sende ich ihm die pure Zickigkeit.
Bald darauf kommt auch schon die Antwort, auf die ich den ganzen Tag schon warte. Und seine Antwort ist eigentlich sehr plausibel, wenn ich es mir ehrlich eingestehe. Aber im Moment zählt das nicht.
Er schreibt:
Ich wollte dich heute Morgen in Ruhe lassen. Mir war nicht klar, dass es dir so schlecht geht. Außerdem wollte ich, dass du dich vor der Arbeit noch ein wenig ausruhst und Zeit für dich hast. Weil es dir nicht gut ging. Tut mir Leid.
Und ich hatte auch den ganzen Tag zu tun, bis jetzt. Nehm‘ dir das alles bitte nicht so zu Herzen. Ich habe es nur gut gemeint. Kuss und gute Besserung, Babe!
Klar hat er recht damit. Und trotzdem wollte ich Aufmerksamkeit, weil ich mich manchmal verhalte wie ein Kind. Dagegen kann ich nichts machen, das ist so drin. Ich habe immer meinen Willen gekriegt und jeder hat sich um mich gekümmert – sofort. Nun soll mein Freund gefälligst auch für mich da sein, wenn ihn brauche und wenn’s nur per Handy ist. So what?
Ich schmolle selbst nach seiner beruhigenden Nachricht noch vor mich hin und komme nicht runter. Wenn ich erst mal richtig koche, kann ich mich nicht so schnell in stilles kristallblaues Wasser verwandeln.
Ich versuche, mich abzulenken.
Dennis und ich schreiben Nachrichten, aber ich habe nur inhaltlichen Unsinn im Kopf und schreibe Mist. Nun wird er auf mich genau so sauer sein, wie ich auf ihn. Wegen einer banalen Kleinigkeit, die ich aufgebauscht habe.
Eigentlich geht es nur um den Kuchen und um die Schokoriegel, die er nicht mitgenommen hat. Deswegen trägt er nun die alleinige Verantwortung für meinen verdammten Fress-Flash.
Ich frage ihn, warum er den Kuchen nicht mitgenommen hat.
Und er sagt, dass ihm nicht klar war, dass er alles mitnehmen sollte.
Okay.
Eine Antwort, die alles ganz einfach erklärt. Er nahm den Kuchen aus Unwissenheit nicht mit.
Gut, nun weiß ich Bescheid.
Und stopfe mir danach die restlichen Muffins in den Mund, weil gerade eh alles zu spät ist.
Danach ist meine Küche wieder so, wie sie sein muss: sündenfrei.
Um die Sünden in meinem Körper werde ich mich in den nächsten Tagen kümmern, mein Fahrrad wird mir dabei helfen. Ansonsten stehen erst mal Fitness-Tee und Obst auf dem Plan, um wieder die seelische Balance herzustellen.
Ich sehe die Flasche Rotwein. Im Kühlschrank befindet sich außerdem noch eine Flasche Vodka.
Die beiden Flaschen werden diesen Abend feierlich beenden. Heute bin ich einfach in der perfekten Stimmung, um mir völlig die Kante zu geben. Ohne darüber nachzudenken, was morgen ist. Morgen habe ich frei. Also steht mir kein Hindernis im Weg und ich kann machen, was ich will. Tue ich sowieso immer, nur ohne Alkohol, denn der ist nur für besondere Anlässe gedacht.
Ich nehme die beiden Flaschen mit in mein Schlafzimmer. Den Vodka werde ich nicht pur trinken, sondern mit 100%-Organgensaft, dann ist er wenigstens noch bisschen gesund und schmeckt besser.
Den verdorbenen Tag mit reichlich Alkohol ausklingen lassen. Wie verzweifelt ich bin. Verzweifelt über all die unklaren Gefühle, die sich in mir auftun. Eigentlich bin ich der einzige Übeltäter dieses ganzen Tages. Wäre ich halbwegs normal, hätte ich mich insgesamt ganz anders gegenüber meinem Freund verhalten. Aber ich bin nicht normal und deswegen das ist unser Beziehungsgeheimnis. Denn er steht auf meine schräge Art und auf die vielen Überraschungen, die mein Charakter liebevoll für jede Situation aufhebt. Ich bin eine lebende Wundertüte und meine Laune ist tagesformabhängig. Aber ich bin froh, dass ich so bin. Ich beneide niemanden, schon gar keine Frauen.
Nun liege ich also auf dem Bett, mit meinen beiden Flaschen.
Ich habe die Duftkerzen auf meinem Nachttisch angezündet, die in unterschiedlichen Aromen brennen. Die eine riecht nach milder Zitrone und die andere nach sommerlicher Meeresbrise. Beide Aromen vermischen sich in der Luft miteinander und ergeben ein neues Duftkonzept.
Ich fühle mich wohl, inmitten dieser Duftwolke, die mein kleines Schlafzimmer lebendiger macht und mit Romantik füllt. Es geht mir gut.
Trotzdem brauche ich den Alkohol, um zu vergessen. Ich will vergessen, was in den letzten Stunden passiert ist.
Ich will alles vergessen und mich bitte zuerst.
Ich möchte vergessen, dass mein Bauch ein Müllschlucker ist.
Ich möchte vergessen, dass ich nach dem Sex kotzen musste.
Ich möchte vergessen, dass ich schwächer bin, als mir lieb ist.
Und ich möchte die nervige Drama-Queen tief in mir drinnen vergessen.
Die Flasche Rotwein wird Glas für Glas geleert. In nostalgischen Gläsern, verziert mit Ornamenten und einem schimmernden Rand.
Nein, ich trinke nicht aus der Flasche. Auch nicht, wenn ich alleine bin. Das ist mir zu arm. Ich trinke diese Flasche mit Respekt und Genuss. Danach kommt der Frust und als Ergebnis das Vergessen.
Mittendrin lege ich mich mit dem Rücken auf das Bett und strecke Arme und Beine von mir.
Ich spüre, wie der Alkohol anfängt zu wirken.
Der Alkohol fließt gleichmäßig und langsam durch meine Adern. Ich merke, wie er zuerst in die Beine strömt. Zuerst in die Oberschenkel und dann zieht er weiter in die Unterschenkel. In meinem Körper macht sich eine Wärme breit, die sich gut anfühlt und meine Wangen fangen an zu glühen. Mein Gehirn bleibt allerdings noch verschont, denn auch nach dieser Flasche Rotwein bin ich fähig, vernünftig und klar zu denken. Bin gespannt, wann der Alkohol mein Gehirn und meine Gedanken lahmlegt. Wahrscheinlich wird es nicht lange dauern, denn die Wirkung setzt bei mir meist mit einem Schlag ein. Immer genau dann, wenn ich denke, noch nüchtern und alkohol-resistent zu sein.
Ich genieße das Feeling, leicht angetrunken zu sein. Alles um mich herum wirkt etwas anders als sonst. Wie in einem Film, den ich aus einer gewissen Ferne betrachte. Ich zwar hier, aber nicht wirklich da. Und ich kann noch denken, allerdings gedämpfter. Ich bin noch in der Lage, Nachrichten zu schreiben, aber ich habe keinen Willen mehr, das zu tun.
Keinen Willen mehr, nur der vernichtende Alkohol muss runter. Ich brauche diesen Absturz.
In der Stille meines Zimmers kann ich den Fernseher der Nachbarn hören. Diese diffusen Geräusche aus der Wand bringen mich auf die Idee, eine CD mit derber Hardrockmusik einzulegen, damit diese Musik auf eine intensivere Art in mein verschwommenes Bewusstsein dringt. Ich kann mich gerade noch bewegen, ohne größere Probleme. An Gleichgewicht mangelt es ein wenig, aber ich kann mich gut ausbalancieren. Ist ja nicht das erste Mal, dass ich betrunken bin. Nein, der fast normale Wochenendalltag am Abend ist das sonst.
Ich krame ein paar CD’s aus dem TV-Schrank in der Wohnstube, denn dort befinden sich nur die besten Exemplare meiner umfangreichen CD-Sammlung, die sich in meiner Wohnung verstreut hat.
Danach geht es wieder leicht vertaumelt ins Schlafzimmer. Beim Betreten nehme ich zum allerersten Mal den Duft der beiden Kerzen wahr. Sie riechen sehr angenehm und der Raum hat sich durch die Kerzen erwärmt.
Mein Handy liegt derweil ungeachtet auf dem Küchentisch, glaube ich. Wenn ich es vorher nicht schon in meine Handtasche gepackt habe. Ich brauche jetzt kein Handy, denn es gibt nichts zu sagen. Meine Gedanken dürfen so lange in meinem Kopf herumspinnen, bis ich wieder nüchtern und zu irgend einem Ergebnis gekommen bin. Diese versoffene Nacht soll dazu dienen, bisschen Ordnung in mein Gefühlschaos zu bringen. Wenn man betrunken ist, hat man die aufschlussreichsten Gedanken, sofern man sich am nächsten Tag daran erinnern kann.
Ich kippe mir die letzten Tropfen des Weines in mein Glas. Prost!
Angedüselt höre ich der Rockmusik zu und stelle grinsend fest, dass ich seit Jahren ein ausschweifendes Sex-Drugs-Rock’n’Roll leben führe. Bin mir zwar nicht sicher, ob das der beste Weg ist, aber bisher kam es nicht zu ungewollten Komplikationen, sondern nur zu einem minimalen Gehirnschaden, der noch reversibel ist.
Nach dieser Einsicht ist die Flasche Vodka mit dem Orangensaft dran. Wahrscheinlich schlafe ich eher ein, als die Flasche leer ist. So viel Vodka kann ich nicht trinken und den absoluten Totalausfall möchte ich selbstverständlich rechtzeitig vermeiden. Ich möchte keinen extremen Kater davontragen und meinen eigentlichen Kater vergessen. Das kann ich Casimir nicht antun, der muss auch versorgt werden, obwohl er locker drei Tage nur mit Trockenfutter und Wasser auskommt.
Ich kippe einen kleinen Schluck Vodka ins Glas und der Rest ist eiskalter Orangensaft. Den Vodka schmecke ich kaum noch heraus, aber ich merke ihn dennoch. Seine Wirkung geht subtil unter.
Mal abwarten, wie er sich mit dem Rotwein im Magen verträgt und ob die beiden sich zusammen umdrehen.
Mein Körper hat sich inzwischen dem Alkohol ergeben. Ich bin völlig lahm und ich spüre dieses gewisse Taubheitsgefühl. Wenn ich still liegen bleibe, lässt sich der Zustand gut aushalten. Nur wenn ich mich bewege, fühle ich mich komisch. Ich drifte ab und bin gar nicht mehr wirklich da. Die Realität wird zu einem unwirklichen Traum in rauschender Slow-Motion.
Nach einigen weiteren Minuten schlafe ich einfach ein. Mein Körper beschließt, dass er nun genug hat und in Ruhe gelassen werden will. Mein Körper und ich sind total geschafft, weil wir alles verloren haben. Verstand, Gefühl und unsere Willkür. We are out of control.
Der Schlaf dient der Regeneration. Mal abwarten, wie ich mich nachher fühle und ob ich überhaupt aufwache. Aber so wie ich mich kenne, wird mein Körper durchhalten, denn wir haben noch gemeinsame Ziele und noch sehr viel Zeit, bis wir alt werden.
Dann wache ich auf.
Irgendwann morgens, das zeigt mir mein Wecker. Die genaue Uhrzeit kann ich aber leider nicht erkennen. Die Sicht ist etwas verschwommen und alles erscheint doppelt.
Als ich meinen Kopf bewege, fängt das Karussell wieder an, sich zeitlupenartig zu drehen, sodass mir prompt übel wird.
Oh nein, nicht schon wieder. Das hatte ich doch alles gerade erst erlebt, vor einen Tag. Eigentlich wollte ich das so nicht.
Ich versuche, mich in der eingerollten Bettdecke nach draußen zu kämpfen. Als ich aufstehe, klappt gar nichts mehr. Meine Beine schlafen noch. Mit viel Mühe bringen sie mich doch ins Bad, wo es schon wieder wahnsinnig kalt ist, trotz meiner Hitzewallungen. Mein Körper zittert noch stärker, als je zuvor. Mir wird schwindlig und mein Herz klopft verboten schnell. Ich habe das Gefühl, als würde sich mein Nacken verkrampfen. All diese Symptome wollen mir sagen, dass vielleicht gleich alles zu spät ist. Als mir auch noch schwarz vor Augen wird, weiß ich, dass ich gleich zusammenbrechen werde und niemand da ist, der mir helfen kann. Mein Handy ist nicht in der Nähe, also hoffe ich, dass alles bald vorübergeht und ich den Kollaps überlebe. Da ich schon des öfteren Kreislaufprobleme hatte, bin ich mir sicher, dass ich wieder heil aus dieser Sache herauskomme. Mein Körper kann das ab.
Eine Weile hält sich mein Zustand noch, der sich zwischendurch sogar bisschen mildert. Aber ich kann jederzeit das Bewusstsein verlieren, das ist mir klar. Bevor ich in Panik verfalle, versuche ich ruhig zu bleiben, obwohl das recht schwierig ist, wenn man alleine ist.
Auf einmal steht mein bester Kumpel mit einer Tüte Brötchen im Türrahmen. Er hat den Ersatzschlüssel für meine Wohnung, da bei mir öfter mal alles drunter und drüber geht, emotional. Oder weil er manchmal den Auftrag kriegt, Casimir zu füttern, wenn ich mal über das Wochenende verreise. Ich bin froh, dass er einen Schlüssel hat, denn diese Sicherheit macht mein Leben unbeschwerter. Am Schlüsselbund hängt sogar ein Metallherz.
Wir kennen uns schon Ewigkeiten und er kennt mich gut genug, um zu wissen, was hier gerade abgeht. Robert ist meine Rettung. Er fragt nicht lange, was passiert ist, sondern er handelt sofort. Ich bin auch gar nicht in der Lage, mit ihm zu sprechen. Meine Zunge liegt völlig passiv im Mund.
Er trägt mich aus der Wohnung und als er mich in sein Auto bringt, schließen sich meine Augen und alles wird dunkel. Von der Autofahrt bekomme ich nichts mehr mit.
Ich bin bewusstlos.
Wann ich aufwache, weiß ich nicht.
Auf jeden Fall wache ich im Krankenhaus auf, in einem Einzelzimmer mit blassgelben Vorhängen.
Im Raum ist es hell. Also schlussfolgere ich, dass es Tag ist. Die Wände sind mintgrün und auf dem Tisch steht ein Blumenstrauß, den das Krankenhaus wohl für mich gesponsort hat.
Eine mickrige Fernsehapparaur soll mir am Bett Gesellschaft leisten und mich vor Langeweile schützen. Nur habe ich keine dazugehörigen Kopfhörer für das Loch mit dem schwarzen Kopfhörersymbol. Wahrscheinlich muss ich die sogar kaufen. Aber Fernsehen spielt erst mal keine Rolle. Viel lieber möchte ich wissen, was genau los ist und wie es nun mit mir weitergeht.
Eigentlich fühle ich mich im Moment ganz gut und kann mich gar nicht so recht erinnern, warum ich hier gelandet bin. Aber es muss Gründe geben.
Ich werde nachdenklich und Fragen kommen auf.
..Habe ich mein Handy dabei?
..Habe ich überhaupt etwas mit?
..Klamotten, Schminke, Schlüssel, Portemonnaie?
..Wie lange muss ich bleiben?
..Was macht Casimir?
..Bin ich krank?
..Tot?
Ich denke, ich habe nichts an persönlichen Dingen hier und fühle mich kurzzeitig etwas verloren.
Schließlich muss ich meinen Chef anrufen und Bescheid sagen, dass ich nicht komme. Ohne zu wissen, welchen Tag wir heute haben und ob ich bald zur Arbeit muss, denn mein Dienstplan ist variabel.
In meinem linken Arm befindet sich eine Nadel, die zu einer Infusion mit einer Elektrolytlösung gehört. Ich spüre, wie sich die kühle Flüssigkeit in meinen Arm hochzieht und ich finde es unangenehm. Also drehe ich am Rädchen herum, um die Fließgeschwindigkeit zu reduzieren, bis es sich gut aushalten lässt. Ich hasse Schläuche. Es ist nicht gerade prickelnd, ein Patient zu sein, dessen Gesundheit von hängenden Flaschen mit lebensnotwendigen Flüssigkeiten abhängig ist.
Zum Glück habe ich Ahnung von diesem Zeug und weiß, was da gerade in meinen Körper fließt.
Es klopft an der Tür und ich bin mir sicher, dass es nur ein Arzt oder das Pflegepersonal sein kann, da ich sonst niemanden hier erwarte, weil ich hoffe, dass niemand von meinem Aufenthalt weiß.
Auch, wenn mir nicht klar ist, warum ich hier bin. Blackout.
Der Arzt kommt rein und sieht im ersten Moment recht sympathisch aus. Ich schaue ihn mir genau an, da ich sehr fixiert auf Männer bin. Das war schon immer so, weil ich Männer liebe. Natürlich unterscheide ich aber noch zwischen mögen und lieben.
Er wirkt so ein bisschen leger, da er noch einigermaßen jung aussieht. Natürlich trägt aber auch er vollkommen weiß. Als erstes fällt mein Blick auf seinen schwarzen Gürtel, der seinen Bauch straff umschließt. Außerdem trägt er ein Hemd mit drei Stiften in der Brusttasche. Alle verschiedenfarbig. Seine Schuhe gefallen mir am meisten, weil er Sportschuhe trägt mit Schnürsenkeln. Nicht diese blöden Krankenhaus-Clogs, mit denen jeder herumläuft, obwohl diese Kunststoffschuhe total dämlich aussehen und manche von denen sogar chemische Substanzen absondern, wenn man sie billig einkauft. Angeblich habe ich das mal in einer TV-Sendung aufgeschnappt.
Der junge Arzt tritt zu mir ans Bett und stellt mir die ersten wichtigen Fragen.
„Na, wie geht’s Ihnen denn? Ich hoffe, Sie wissen, wo Sie sind, junge Dame?“
„Ja, ich denke schon, dass ich das weiß. Sieht aus, wie ein Krankenhaus und außerdem habe ich ein bisschen Ahnung von dem, was in gerade in meinen Arm läuft.
Mir geht’s eigentlich gut, fühl‘ mich nur bisschen schwach.“
„Sie hatten zu Hause einen Kreislaufzusammenbruch erlitten, weil Ihr Körper zu viel Flüssigkeit verlor. Ihr Freund meinte, er hätte Sie im Bad vor der Toilette gefunden. Und Sie hatten reichlich Alkohol getrunken.“
Bei dem Wort ‚Alkohol‘ kam schlagartig wieder mein Gedächtnis zurück. Ich erinnere mich sofort. Vergessen wollte ich und nun erinnert mich der Arzt wieder an alles – so ein Dreck!
„Ähm ja, stimmt. Aber Kreislaufprobleme hatte ich schon öfter mal, das ist eigentlich nichts Neues, wissen Sie? Nur bisher konnte ich mich immer selber retten.“
„Sie hatten Glück, dass Ihr Freund gerade kam. Sonst hätte die Sache ziemlich übel ausgehen können. Mit Bewusstlosigkeit ist nicht zu spaßen.“
„Ja, ich weiß. Wie lange muss ich hier bleiben?“
„Wir müssen Sie noch einen Tag zur Kontrolle hier behalten. Ihr Kreislauf ist noch nicht völlig stabil und Ihre Blutwerte müssen wir auch wieder in den Normbereich kriegen, denn die sind teilweise etwas im Keller.“
„Okay, das dachte ich mir fast schon. Ist mir alles bekannt. Bin nur nicht so ein großer Arztgänger.“
Bevor der Arzt wieder aus dem Zimmer geht, sagt er noch:
„Übrigens, nettes Shirt“, und grinst dabei breit.
Ich schaue neugierig an mir herunter, da ich keine Ahnung habe, welches Shirt er überhaupt meint.
Es ist das schwarze Shirt auf dem in roter Glitzerschrift ‚Fuck You‘ steht.
Puh, der Arzt hat echt Humor, denn der Aufdruck ist definitiv nicht krankenhausgeeignet!
Zumal die mir fast das Leben gerettet haben. Anschließend muss ich auch grinsen und gucke dem Arzt beim Herausgehen hinterher. Er muss jetzt bestimmt zum nächsten Patienten.
Ich frage mich, was ich nun anstellen soll, weil ich so viele Gedanken im Kopf habe, die gleich wieder verschwinden. Wahrscheinlich haben die mir irgend so ein sedierendes Mittel gespritzt, damit ich die Nachwirkungen vom Alkohol nicht so extrem spüre. Mein Gefühlszustand entspricht einem Rausch. Gleichgültig, gelassen und glücklich. Anders kann ich es nicht beschreiben. Aber es ist genau richtig so.
Beim Versuch, mich leicht auf die Seite zu drehen, merke ich einen harten und flachen Gegenstand in meiner Hose. Ich ahne sofort, dass es nur mein Handy sein kann. Okay, jetzt kann ich endlich Kontakt mit den Personen aufnehmen, die mir etwas bedeuten und diesen paar Leuten schicke ich gleich eine SMS.
Außerdem rufe ich einen netten Kollegen an, um mich nach dem Dienstplan zu erkundigen.
Ich habe Glück, dass Mario heute Dienst hat und ans Telefon geht, denn mit dem verstehe ich mich super und ich muss mir in seiner Gegenwart keine Geschichten ausdenken.
Er geht auch nach dem zweiten Klingeln ran. Seine vertraute Stimme tut meinen Ohren gut, sie klingt wirklich angenehm, aber er ist ja auch Psychotherapeut.
Nach einer knappen Schilderung meiner Situation, fängt er kurz an zu lachen und rückt den Dienstplan heraus.
Der Dienstplan ist für meine Umstände sehr vorteilhaft, da ich ab heute fünf Tage frei habe. Ein toller Zufall, so muss ich meinem Chef keine peinlichen Erklärungen schulden und er wird von meinem Krankenhausbesuch nichts erfahren. Mario wird mich sicher nicht verpetzen, denn er strotzt vor Ironie und dunklem Sarkasmus. Deswegen gefällt mir seine Art sehr und wir verstehen uns bestens. Leute ohne Sinn für absurden Humor mag ich nicht besonders, die sind mir zu langweilig und zu penibel.
Ich bedankte mich bei Mario für die Info.
Okay, aber was würde ich nun mit dem Resttag anfangen?
Meine Infusion ist fast durchgelaufen, vielleicht habe ich Glück und sie wird abgestöpselt. Dann kann ich mich zumindest frei bewegen, ohne den Metallständer überall hinterher zu rollen. Das Blöde an den Dingern ist, dass die Räder manchmal in die verkehrte Richtung rollen, die Kontrolle über den Ständer verliert und das Gestell fast umkippt. Tolle Bescherung, wenn die Wucht des Aufpralls einem dann die Nadel aus dem Arm reißt und das Blut durch den Raum spritzt. Meistens sieht es aber schlimmer aus, als es ist. Die kleine blutende Einstichstelle im Arm lässt sich schnell versorgen. Eigentlich hat nur der Arzt ein Problem, in dem er wieder einen neuen Zugang legen muss. Bei älteren Patienten ist das manchmal schon ein Problem, wegen der schlechten Venenverhältnisse und weil sie ohnehin schon an vielen Körperstellen zerstochen sind.
Aber bei mir wäre das wahrscheinlich ziemlich unproblematisch.
Ich gucke ständig hoch und warte ungeduldig, bis die Infusion endlich durchgelaufen ist. Danach stelle ich das Rädchen herunter und klingel mir das Pflegepersonal herbei, das auch schnell mit einem zarten Klopfen den Raum betritt.
Ein Mädel in meinem Alter tritt herein. Es gibt nur zwei Optionen: Entweder ist sie noch Schülerin oder Krankenschwester. Ich schaue auf ihr Schild, das mir bestätigt, dass sie Azubi ist und sie heißt Anja.
Ja, das ist mir alles noch bekannt. Als Schüler wirst du immer skeptisch angeguckt und jetzt, wo ich ich selber Patient bin, ist mir auch klar, warum.
Sie wirkt noch ein bisschen schüchtern, aber als Schülerin sollte man auch nicht super arrogant und zu selbstsicher herüberkommen. Also macht sie alles richtig. Damals war ich jedenfalls anders, als sie und bekam eine Menge Ärger für mein Verhalten.
Als sie näher tritt lächelt sie mich an und schaut hoch an die Flasche.
„Leer?“, fragt sie, obwohl sie bereits gesehen hat, dass sie leer ist.
„Ja, ich hab‘ die Infusion schon gestoppt. In welchem Lehrjahr bist du denn?“
„Im zweiten.“
Das Gespräch verläuft ein wenig karg, da sie nicht so aufgeschlossen ist, wie ich es mir gewünscht hätte. Mit schüchternen Menschen komme ich nicht immer gut klar. Da ist die zwischenmenschliche Distanz oft sehr weit aufgeklafft, sodass nicht mehr viel Nähe hineinpasst.
Aber es kann mir auch egal sein, wie Anja sich verhält. Hauptsache, sie ist so schlau und weiß, was zu tun ist, ohne, dass ich ihr Tipps gebe.
Dennoch helfe ich ihr indirekt auf die Sprünge.
„Kannst den Arzt mal fragen, ob ich noch eine Infusion brauche? Wenn nicht, dann möchte ich die Flasche gerne loswerden.“
„Okay“, antwortet sie leise und knapp.
Danach verschwindet sie flott aus der Tür. Sie ist wirklich niedlich mit ihrem wippenden Stummelzopf, der ihre noch relativ kurzen Haare zusammenhält. Im Krankenhaus sind offene Haare auch nicht erwünscht. Aber die meisten Pflegekräfte sind zu eigensinnig, um auf Dienstanweisungen zu hören. Wer möchte sich schon vorschreiben lassen, wie man auszusehen hat? Und wer möchte sich seine Individualität rauben lassen?
Keine Schminke, kein Nagellack, keine hängenden Ohrringe und natürlich keine offenen Schuhe ohne Schnalle an den Fersen.
Am besten Kurzhaarschnitt.
Als Schüler musst du solche äußerlichen Einschränkungen hinnehmen und dich brav anpassen. Aber danach, wenn du dein Zeugnis in der Tasche hast, kannst du dir dein Ich wieder zurückholen und musste es nur noch gelegentlich verstecken.