badredheadlady

Persönlicher Blog

  • Ich texte dich zu.

      
    Ich texte dich zu.

    Morgens.

    Mittags.

    Abends.

    …eventuell auch nachts.

    Je nachdem, wie ich mich gerade fühle und was sich innerlich anbahnt.

    Neugier. Frust. Freude. Lust. Sonstige Minderwertigkeitskomplexe. Und andere Arten von Zuständen.

    Alles muss raus.

    Egal wann, egal wie, egal wo.

    Andauernd schreibe ich dir irgendetwas. Irgendetwas!

    Dinge, die für dich weniger Sinn ergeben, als für mich. Wahrscheinlich.

    Hauptsache, ich fege dir meine Gefühle irgendwie zu.

    Mit meiner Schaufel, die sich Tastatur nennt.

    Notfalls auch mit der Bitte, mich anzurufen. 

    – Bitte!

    Mir geht es dann besser und es herrscht eine kurzfristige Erleichterung mit rasch nachlassender Wirkung. Obwohl ich weiß, was du meinst. Ganz genau. Eigentlich.

    Danach texte ich dich wieder zu.

    Als ob ich dir nie zugehört hätte. 

    Aber doch, das habe ich. Es kommt nur nicht permanent durch. Es stockt. Pause. Dann kommt es wieder. Es sickert zu mir.

    Ich höre dir zu. Es wirkt. Bis es verschwindet. Bald darauf.

    Jedes Mal erinnere ich mich an deine Worte. Aber irgendwie haben sie ihre Wirkung verloren. Weil Worte eine ganz andere Bedeutung kriegen, wenn man länger nachdenkt. Und wenn du nicht da bist.

    Ich texte dich zu. Weil ich an allem zweifele, was gerade ist…war…oder sein könnte oder wird. Dabei gibt es keinen Grund. Eigentlich. 

    Du sagst, es ist wie in einem Kreis. Und du hast Recht. 

    Der Kreis ist rund. Mache ich einen Anfang, ist es auch gleich das Ende. 

    Denn: Für jede Frage gab es bereits eine Antwort. Irgendwann vor etlichen Nachrichten. 

    Einmal reicht. Normalerweise. 

    Die Antworten kenne ich noch. Ich weiß sie. Und ich möchte sie wiederhören. Mit einem süßen Aroma. Nicht so bitter.

    Ich texte dich zu.

    Mit der Bitte, die Vergangenheit zur Gegenwart zu machen. Bevor es den Kreis gab. 

    Mit meinem Versprechen, mich zusammenzureißen. Locker zu bleiben. Frei zu sein. Runter vom Gas. So, wie es sein soll, damit es funktioniert. Endlich.

    Es funktioniert. 

    Einen Tag.

    Zwei Tage.

    Drei Tage.

    Dann fängt es an zu bröckeln. Zuerst ganz langsam, dann immer schneller.

    Zweifel kommen auf.

    Und ich frage mich, ob das alles noch stimmt, was du je gesagt hast.

    Ich fange an zu weinen und bin sogleich wieder gefangen. Im Kreis.

    Aus Sehnsucht und Lust.

    Verzweiflung und falschem Ich-Sein.

    Frigides tragic ending.

  • Verbotenes Wiedersehen

    Ein kurzer Anfang ist schnell gemacht. Aber ein schnelles Ende kann nicht immer kurz sein. 

    Ich stehe unangemeldet vor deiner Tür und weiß nicht, was ich tue. Mein Hirn spielt wieder Verstecke und muss meinen Verstand finden. Unser letztes Treffen ist seit Ewigkeiten blühende Vergangenheit und ich habe keine Ahnung, ob dich mein Besuch erfreuen wird oder ob du dich überhaupt an mich erinnern willst. Es war viel passiert und letztendlich blieb nur ein wirrer Schrotthaufen aus emotionalen Konflikten, der sich irgendwann auflöste und in der Distanz verschwand. Ich war wieder frei und unabhängig. Bis heute.

    Nun stehe ich wartend vor der Klingel, obwohl die Eingangstür offen ist, weil sich dein Haus tagsüber in ein unauffälliges Bürogebäude verwandelt. Eigentlich weiß ich nicht einmal deinen Nachnamen, aber den brauche ich nicht, da es einfach ist, mit dem Fahrstuhl in die letzte Etage zu fahren. Wenn ich es bis dahin erst einmal schaffen würde, denn noch stehe ich mit diffusen Schwarz-Weiß-Gedanken unten. Eigentlich bin ich falsch hier. Aber eigentlich ist es genau richtig so. Weil ich dich wiedersehen möchte. Auch, wenn ich es vielleicht nicht darf oder lieber nicht sollte. Obwohl du auf kleine Mädchen stehst, die manchmal vielleicht ungezogen sind und Quatsch sagen.
    Es ist Freitag, ein guter Zeitpunkt, um einen Abstecher vor deine Haustür zu machen. Dabei bedeuten die Tage gar nichts. Freitag ist ein Tag, wie Montag, Mittwoch oder Sonntag, wenn man so viel arbeitet wie du. Ob ich dich antreffen werde, weiß ich also nicht. Ich hätte dir gerne eine Nachricht geschrieben, aber da du mich seit Monaten aus gutem Grund blockiert hast, geht das leider nicht mehr. Deswegen ist es umso fataler, dass ich mich überhaupt hier her traue. Mein schlechtes Gewissen sollte viel größer sein, als mein Mut.

    Dann gehe ich hinein, geradeaus auf den Fahrstuhl zu. Niemand drin, außer mein Spiegelbild in kurzen gold gepunkteten Hotpants, dunkelblauer Baumwolljacke und schwarzer Glitzermütze. Ansehnlich, denke ich. Keine Zeit für Selbstzweifel, denn der Fahrstuhl ist gleich oben. 

    Innerlich ist alles beim Alten geblieben: Herzrasen, Aufregung mit ein bisschen Angst vor dir. Danach wage ich die letzten Schritte bis zu deiner Tür, setze mich an die Wand und vergrabe meine Hände über den Kopf. 

    Was mache ich hier, frage ich mich wieder. Mit dem Hintergedanken, ob ich schon krank bin. Als ich mein Handy in die Hand nehme, um meine Freundin anzurufen, geht die Tür neben mir plötzlich auf und ich schrecke zusammen.

    Ich sage nur: „Oh“, weil ich nichts anderes herausbringen kann.

    Dir geht es ebenfalls nicht anders, als du überrascht zu mir nach unten auf den Fußboden guckst. Ich hocke dort wie eine erbärmliche Klofrau, die nach dem letzten Rest Trinkgeld sucht, bevor ich mich entschließe, wieder aufzustehen, um auf Augenhöhe zu gelangen, obwohl ich viel kleiner bin, als du. 

    Mein Gesicht fühlt sich knallrot an, als ich dich selbstbewusst im Türrahmen stehen sehe. 

    Du sagst: „Hey, was machst du hier?“ Dabei hörst du dich deutlich entspannter an und gar nicht so empört, wie ich dachte.

    „Ich..wollte dich kurz sehen..kurz…“, stammele ich verlegen, obwohl das längst nicht alles ist, was ich gerade denke.

    „Hast du Zeit oder störe ich“, hake ich schüchtern nach.

    „Eigentlich ist es grad schlecht, ich hab noch einen Termin.“

    Genau der Satz, den ich nicht hören wollte. Nicht jetzt. Aber ich hätte es mir denken können.

    „Nur ganz kurz, bitte“, sage ich, wobei der quengelige Unterton nicht zu überhören ist. Ein Wunder, dass ich mir das noch zutraue. 

    Als du mich von oben bis unten anschaust, ahne ich, was in dir vorgeht. 
    „Na komm“, sagst du entschlossen und schiebst mich einfach in deine Wohnung. Ein angenehmes Gefühl, mal wichtiger als ein Termin zu sein und dennoch nicht selbstverständlich.

    „Alles nach deinen Regeln“, sage ich, während wir uns anschauen. 

    Wir stehen so dicht beieinander, wie damals vor unserem Abschied. 

    Und da ist sie wieder, diese spezielle Anziehung, die mich dazu bringt, meine Arme um dich zu schließen. Diesmal fühlt sich deine Nähe intensiver an, da so viel angestaute Sehnsucht dazwischenliegt. Ich lege meinen Kopf auf deine Brust, mache die Augen zu und höre deinen Atem. Ein unwirklicher Moment, von dem ich lange geträumt habe, wird allmählich wahr. 

    Du bist ruhig und sagst kein Wort. Meine Umarmung erwiderst du nur halb, bis du dich ganz davon löst und dich abwendest. 
    Du gehst zum Kühlschrank, um Alkohol zu holen, aus dem du mit ein paar anderen Getränken deine eigenen Cocktails machst und mir ein Glas hinstellst, um das Eis zwischen uns zu brechen. 

    Wir sitzen uns schweigend gegenüber und trinken. Viele Worte brauchen wir nicht mehr, da schon alles gesagt ist. Vor allem, weil Worte nur kaputtmachen. 

    Ich gehe zu dir, weil ich deine Nähe will. Du sitzt offen und entspannt auf deinem Stuhl, als ich mich provokant zu dir auf den Schoß setze. Deine Hose allerdings ist angespannt, das kann ich durch den dünnen Stoff meiner Hotpants gut spüren und es gefällt mir. Das habe ich vermisst. Weitere Blicke folgen. In dem Moment, als ich dich küssen will, schiebst du mich schroff vom Schoß, packst mich fest am Handgelenk und drückst mich gegen die Wand. 
    „Willst du das wirklich“, fragst du eindringlich.

    „Ja“, antworte ich leise. 

    „Dann komm mit“, sagst du entschieden und ziehst mich energisch an deiner Hand hinterher. 

    Wir gehen zum Fahrstuhl und fahren ganz nach unten ins Untergeschoss, wo sich die Keller befinden. Wir laufen einige Schritte, wobei du mich immer noch fest an der Hand hältst und mich dann in eine dunkle Nische ziehst.
    „Willst du das wirklich“, fragst du wieder und ich merke dir an, dass du dich kaum noch halten kannst.

    „Ja, alles, was du willst“, wobei ich deinem ernsthaften Blick nicht mehr standhalten kann und dir ausweiche.

    „Hey, schau mich an!“

    Dabei umfasst du mein Handgelenk so stark, dass es wehtut und ziehst mein Kinn zu dir hoch, sodass ich dich anschauen muss.

    Dann nimmst du meine Hand und führst sie zu deiner Hose. Jetzt kann ich deine Erregung deutlich spüren und dein Atem wird schneller.

    „Los, knie dich hin“, bestimmst du.

    Mit dem Öffnen der Gürtelschnalle springen auch gleich alle Knöpfe an deiner Jeans auf. Diesen Trick beherrschst du gut. Deine Jeans und Shorts rutschen zu Boden, als du anfängst, dich vor mir zu befriedigen. Teilweise so heftig, dass ich dich am liebsten ablösen würde. Aber du lässt mich nicht. Bei dem Versuch, dir zu helfen, verpasst du mir eine gezielte Ohrfeige, die richtig scheuert.

    „Hey, du machst, was ich dir sage, okay“, flüsterst du barsch.

    Ich nicke eingeschüchtert.

    Dann ziehst du mich zu dir hoch, legst deinen Finger auf meine Lippen und öffnest sie. Du zwingst mich an deinem Finger zu lutschen und bewegst ihn langsam in meinem Mund. Währenddessen guckst du mir die ganze Zeit dabei zu und es macht mich verdammt an. Als du genug hast, drückst du mich erneut auf die Knie.

    „Mach weiter“, lautet deine Aufforderung.

    Danach schiebst du mir dein Glied in den Mund und ich mache weiter, so, wie du es mir vorgibst. Du schiebst ihn immer tiefer rein und ich umschließe ihn fest mit meinem Lippen. Mit deiner Hand fasst du mir grob in den Nacken und gibst den Takt an. Es geht so tief, dass mir fast die Luft wegbleibt. Dann hältst du inne.

    „Los, zier dich nicht“, befiehlst du mir in einem teils abwertenden Ton.

    Ich fange an, dich zu verwöhnen. So gut, wie ich kann und merke, dass du Gefallen daran findest, als ich auf meiner Zunge einen salzig-bitteren Geschmack wahrnehme. Der erste Tropfen hat sich verabschiedet und ich genieße dieses sinnliche Gefühl und mache weiter. Ich umschließe dein Glied fest und lasse meine Zungenspitze über deine Eichel gleiten, als ich in dem Moment ein leichtes Zucken spüre. Du ziehst abrupt meinen Nacken zurück, sodass ich mein Spiel sein lasse. 
    „Steh auf“, verlangst du barsch.
    Ich tue, was du sagst und warte, was du als nächstes willst. Noch etwas zitterig auf den Beinen, stehe ich erwartungsvoll vor dir und schaue dir folgsam in die Augen. Dein Blick tut weh, denn er strahlt Kälte aus und du verziehst keinen Mundwinkel zu einem Lächeln, sondern bleibst rigoros. 

    Meine innere Stimme redet mir ungeduldig zu: Los, küss ihn. Sonst wirst du es später wieder bereuen. Weißt du noch? – Ja, ich weiß es noch. Es fühlt sich schlecht an, einen unvergleichlich erotischen Kuss zu verpassen.

    Ich lege meine Hände auf deine Schultern und lasse deine Wärme durch meinen Körper jagen. Dann berühre ich vorsichtig deinen Hals und streiche mit meinem Zeigefinger zärtlich über deinen Kehlkopf. Du lässt dir nichts anmerken und tolerierst meine Berührungen. Dein Atem erfüllt die Stille und ich höre dir zu. Deine Stimme und dein Atem verschärfen die Situation enorm. 

    Dann streife ich mit meinen Fingern über deinen Bart und bin froh, dass ich dich nicht unrasiert kenne, denn dein Bart passt zu deiner Männlichkeit. Noch immer reagierst du nicht, obwohl ich weiß, dass es in dir kocht.

    Langsam bewege ich mich Richtung Mund und hoffe, dass du meine Andeutung erwiderst. Doch du siehst mich nur an. Als meine Lippen deine berühren, nimmst du meine Hand und ziehst sie an dein hartes Glied. Während ich dich küsse, bewegt sich meine Hand gleichmäßig auf und ab. 

    Dadurch wird mein harmloser Kuss unter deiner Erregung bestätigt und entwickelt sich zu einem wilden. Es ist der geilste Kuss, den ich je erlebt habe. Mein Körper verströmt heiße Wellen, die im Bauch stranden und ein starkes Prickeln hinterlassen. 

    Die Berührung unserer Zungen macht mich wahnsinnig. Ich wünsche mir, dass es weitergeht und dass du mich in die Tiefe ziehst. Vielleicht auch in den Abgrund. Mein Slip ist inzwischen feucht und ich kann es nicht erwarten. 

    Dann fängst du an, mich auszuziehen – komplett. In einem Tempo, das mit langsam nicht viel gemeinsam hat, obwohl du zwischendurch verharrst und kleinere Pausen riskierst, um mich noch verrückter zu machen. Innerhalb weniger Minuten bin ich nackt und wieder guckst du mich prüfend von oben bis unten an, ohne eine Miene zu verziehen.
    Dann ziehst du deine Hose wieder hoch und ich bin mir zuerst nicht sicher, was ich denken soll und bin etwas durcheinander. Was soll das jetzt? Willst du mich etwa zappeln lassen? Ich traue mich nicht zu fragen und warte ab, was geschieht.

    „Komm“, kommandierst du plötzlich und auch diesmal ziehst du mich forsch am Handgelenk hinterher. Weg aus der schützenden Dunkelheit der Kellernische und hinein in einen kühlen Gang, der schwach durch eine blassblaue Deckenleuchte angestrahlt wird. Alles, damit du mich besser betrachten und danach beurteilen kannst, ob ich gut genug für dein Vorhaben bin. 
    In diesem kalten Licht haben deine Blicke eine viel intensivere Wirkung und fühlen sich schmerzhaft an. Es ist wie eine Demütigung. Jetzt merke ich, wie streng du sein kannst und weiß, dass das hier längst nicht alles ist. Du kennst keine Tabus und ich will auch keine kennen. Ich gehe schweigend deinen Wünschen nach.
    Du holst mich zu dir ran und drückst mir mit einer Hand leicht den Hals zu, während deine andere Hand anfängt, mich zu fingern. Ich habe das Gefühl, dass mir gleich schwarz vor Augen wird, da es so einen starken Reiz in mir auslöst. Deine Finger in mir zu spüren ist tatsächlich noch geiler, als der Kuss vorher und du bist nicht gerade einfühlsam, was die Lust noch verstärkt und ausreizt. Am liebsten würde ich dich auch ausziehen. Aber ich habe verstanden, dass ich das nicht darf, weil du das Wort hast. 

    Du fingerst mich so lange, bis ich fast nicht mehr kann und es brennt. Aber ich sage nichts, sondern flehe innerlich, dass du mich endlich flachlegst.

    Hier auf diesem kalten Betonboden oder gleich an der Wand. Es ist mir egal. Während du mich fingerst, löst sich dein Blick nicht von meinen Augen und jedes Mal, wenn ich wegsehe, drehst du meinen Kopf wieder zu dir hin. Ich kann deinen Atem in meinem Gesicht spüren und es macht mich an. Du bist mir so nah, dass ich dir nicht entkommen und mich winden kann. Du drückst dich mit aller Gewalt an die Wand.

    Dein Gürtel reibt bei jeder Bewegung meinen Bauch und deine Hose spannt. Der Jeansstoff fühlt sich dadurch noch härter und grober an. Warum ziehst du dich nicht endlich aus? Aber der Gedanke will nicht aus meinem Mund rutschen. Obwohl das sonst so leicht ist.

    Auf einmal öffnest du deine Hose und reißt mich rabiat zu Boden. Du dringst mit einem tiefen Stoß fest in mich ein und übernimmst vollständig die Kontrolle. Deine Bewegungen sind teils ruckartig, teils sanft und keineswegs berechenbar. Ganz nach deinem Willen. Es tut weh, weil es heftige Stöße sind, die sehr tief gehen und hart sind. Sobald du zärtlicher wirst, kann ich es kaum ertragen, weil das zu viel für mich ist. Ich will nicht zu viel von deiner zärtlichen Seite, denn vielleicht tut das am Ende noch mehr weh. 
    Ich bin überwältigt. Mit einem Mal sind alle Gedanken verschwunden. Wieder steckst du mir deine Finger in den Mund und beobachtest meine Reaktion. Der Blickkontakt macht mich fertig, da ich das Gefühl habe, mich gleich unendlich zu verlieren, weil du unheimlich scharf aussiehst und dich auch genauso anfühlst. Von wegen, du tust mir nicht gut, wie du oftmals meintest. Wie kann mir jemand nicht guttun, wenn ich mit dieser Person den erregendsten und leidenschaftlichsten Sex habe? 
    Ich umarme dich die ganze Zeit innig und gleite mit meiner Hand über dein Rücken. Dieser Moment ist unwirklich. Allein dich zu spüren kann nicht wahrsein, weil das der tägliche Tagtraum von mir war, dessen Erfüllung immer verzögert wurde. Durch Termine oder von mir verursachten Stress. Wie sehr ich mir diesen Moment gewünscht habe und es immer nahezu unmöglich war.

    Ich genieße jeden deiner kraftvollen Stöße und dein angedeutetes Stöhnen, da wir immer noch im Keller sind und keine weitere Aufmerksamkeit brauchen. Manchmal erinnert mich deine Stimme an die eines Löwen. Ein gar nicht allzu unpassender Vergleich.

    Irgendwo im Hintergrund höre ich hallende Schritte. Sie irritieren mich, weil ich Angst habe, dass wir erwischt werden. Die Schritte kommen zwar nicht auf uns zu, aber sie sind da und wir sind nicht alleine im Keller. Zurück in die Realität. Doch du machst weiter, immer schneller und fordernder. Wieder drückst du mir den Hals zu und küsst mich mit einer Intensität, die mich alles vergessen lässt. Ich gehöre wieder vollkommen dir und lasse mich gehen. 
    Während ich endgültig dahinschwinde, stöhnst du auf und lässt mich los. Dein Hemd ist ganz und gar durchgeschwitzt und du streichst dir eine Strähne aus dem Gesicht. 

    „Alles gut“, fragst du.

    Ich nicke nur. 

    Danach verbringen wir nicht mehr viel Zeit auf dem Boden und ich ziehe meine Sachen an, die noch in der Nische liegen. Du hingegen ziehst dir nur deine Hose an und brauchst ein neues Hemd. 

    Auf dem Weg zum Fahrstuhl begegnen wir niemandem. Wir beide sind noch ganz rot im Gesicht und ziemlich erschöpft. Und wir schweigen wieder. Taten sagen mehr als Worte – es stimmt tatsächlich.

    Als wir zurück in deiner Wohnung sind, verpasst du mir völlig unverhofft eine Ohrfeige und sagst:“Dafür, dass du es gewagt hast, herzukommen.“

    „Entschuldigung“, antworte ich leise und gucke auf den massiven Holztisch.

    Bitte, Herr Maertyrer
     

  • Irgendwann.

     Irgendwann hieß der Tag, an dem wir uns zuletzt sahen. Ganz spontan, an einem Tag, an dem wir für ein paar Stunden frei hatten und die nächsten Termine schon brennend, aber wie im Zeitraffer auf uns warteten. Zeit war nie, wenn genug andere Dinge wichtiger waren, als das eigene Privatleben, das oft genug auf der Strecke blieb. Irgendwie gewollt, um vor zu viel Nähe zu flüchten. Aber irgendwie auch ätzend, manchmal, wenn man denkt, man wäre verknallt oder mehr als das.
    Ich packte meine Sachen, ohne sicher zu sein, was ich alles als bescheidener Gast brauchte. Schließlich wusste ich nicht, wie lange ich diesmal bleiben durfte und wann es mich zurück auf den Bahnhof zog, um dort Stunden auf den Zug zu warten. 

    Vielleicht war die pinke Zahnbürste schon zu viel, wenn unser Abend wieder vor der Nacht enden würde. Ein kurzer Abend braucht keine Zahnbürste und all den anderen Kram, mit dem ich jeden Tag wie ein Ritual beendete. Dennoch, ich hatte keine Ahnung und packte alles ein, was ich für angemessen hielt, um nicht als ungepflegt durchzugehen. Für den Fall falls. Ich konnte nicht wissen, ob ich es dort bis in die Badewanne schaffen würde. Es kam darauf an, wie viele Termine plötzlich unerwartet auftauchten und somit war der nächste Tag wie ein Überraschungspaket mit Stacheldrahtschleife.

    Am Ende entschied ich mich gegen die Bodylotion, weil meine Haut mit einem alten Pfirsich nichts gemeinsam hatte und deshalb gut ohne 24-Stunden-Feuchtigkeit auskam. Trotzdem fiel es schwer, auf die Creme mit dem Erdbeerduft zu verzichten. Aber die Flasche war einfach zu groß für die Tasche. 

    Nach dem Packen ging ich schlafen, ohne viel nachzudenken, weil es nichts brachte. Der erste Eindruck war schon gewonnen und mir war klar, dass die Sache mit dem großen Erwartungen nicht gut ausgehen würde, wenn ich mich zu sehr darauf versteifte. Trotzdem schweifte ich mit Vorliebe in Illusionen ab, die gar nicht mal besonders traumhaft waren. Mit dem Gedanken, für immer Single zu sein, konnte ich an diesem Abend abgeklärt einschlafen. Denn eigentlich war doch alles gut so, wie es bisher war. Wenn da nicht diese undefinierbare Sehnsucht wäre. 

    Deshalb verabredeten wir uns auch nur zum Kaffeetrinken. Nur. 

    Wenn aus viel nur wird, sollte man sich eventuell Gedanken machen. Nur ist harmlos, viel ist wild und vielleicht sogar unberechenbar. Ausschweifend. Nur ist scheiße. Langweilig.

    Aber egal. Vielleicht war das die Alternative, meine Ansprüche zu ignorieren. Kaffeetrinken passte immer, um ein Treffen nicht mit hohen Anforderungen und Erwartungen zu sprengen. Außerdem hatte so ein gemütliches Café den Vorteil, ein unerotischer und somit völlig neutraler Treffpunkt zu sein. Von daher: Kein Platz für Gefühle und dramatische Austicker meinerseits.

    Letztendlich freute ich mich, dass du mich überhaupt noch sehen wolltest, nachdem du andere Versionen meines Charakters erlebt hattest. Ich war glücklich, als ich nochmal die Chance bekam, mich weiter zu verknallen und dich auf deinen Bildern endlich wieder in echt zu erleben. 

    Eigentlich wollte ich einen bunt geblümten Jumpsuit anziehen. Aber als ich merkte, wie unpraktisch diese Dinger waren, entschied ich mich dagegen. Ich wollte mich nicht gleich komplett entblößen, wenn ich nur mal kurz zur Toilette musste. Der Gedanke, nackt in BH auf der Toilette zu sitzen, während der Jumpsuit auf dem Boden liegt, gab mir so ein niederschmetterndes Unbehagen. 

    Ich hatte keine Ahnung, für welche Situation sich dieser Jumpsuit überhaupt einmal in meinem Leben eignen würde. Es würde mich nicht wundern, wenn diese modische Idee ihren Ursprung im Altenheim hätte. Da hießen die Dinger Overalls, deren Aufgabe es war, schlimme Bescherungen zu vermeiden. Dementsprechend sahen sie auch aus. Zerrissen am Reißverschluss, kaputt im Schritt und an den Beinen ausgeleiert. Und das alles in biederen und verwaschenen Farben.

    Ich suchte mir stattdessen ein dezenteres Outfit aus. Schließlich war es nur Kaffeetrinken. Am Ende war es der schwarze Minirock und ein lockerer Kapuzenpullover. Dazu hohe Stiefel, die gleichzeitig bequem genug waren, um damit ein bisschen durch die Stadt zu laufen. Aber hoffentlich nicht zu lange, denn das verursachte böse Flecken an den Füßen.

    Im Laufe des Nachmittags machte ich mich langsam auf den Weg zum Café. Ich hatte noch Zeit, aber zu Hause hielt ich es nicht mehr aus. Dieser Herbsttag war zu schön, um die restliche Stunde vor dem Fernseher zu sitzen. Fernsehen stresste mich sowieso.

    Der Herbst war meine Lieblingsjahreszeit und ich genoss es, draußen zu sein. Mehr als im Sommer. Die Luft war melancholisch kühl, es roch nach Regen und die bunten Blätter tanzten unter meinen Füßen. Endlich Herbst. Die beste Jahreszeit, um wieder für Motörhead zu schwärmen und sich von ‚Killed By Death‘ wecken zu lassen.

    Ich setzte mich auf eine Bank in der Nähe des Cafés und beobachtete andere Leute, wie sie mit vollen Tüten vom Shoppen kamen. Mir fiel es auch jedes Mal schwer, an einem Schmuckladen vorbei zu laufen ohne etwas zu kaufen. Deswegen lief ich auch nie an diesen Läden vorbei, sondern ging hinein. 

    Heute war es anders. Ich wollte mich nicht mit Shoppen ablenken, sondern wollte in Ruhe den Herbst einatmen und abwarten, was passiert. Diesmal malte ich keine Tagträume aus, sondern überließ die nächsten Stunden dem Fragezeichen. Ich hielt mich gedanklich lieber in der Realität. Geträumt hatte ich in den letzten Wochen viel zu viel.

    Zwischendurch schaute ich zum Café herüber. Dort tat sich nicht viel und draußen saß niemand, weil an den Stühlen Regentropfen hingen. Manche Menschen ließen sich dadurch schon verscheuchen, zu ungemütlich und zu nass. Ich konnte da nur lächeln. Selbst bei Regen brauchte ich nie einen Schirm. 

    Dann ging ich zum Café, um nicht zu spät zu kommen und ging hinein, weil ich nicht wusste, was ich dir wettermäßig zumuten konnte. 

    Drinnen war es warm und einige Leute waren wohl auch schon tüchtig am Flirten. Vielleicht war das sonntags so üblich, seinen Kater im Café ausklingen zu lassen und den Restalkohol vom Kuchen aufsaugen zu lassen. 

    Ich suchte mir einen Platz auf einer gepolsterten Eckbank und hatte immer noch zehn Minuten Zeit, obwohl ich mir Überpünktlichkeit schon lange abgewöhnen wollte. In der Zeit würde ich etwas nervös, da Warten nun meine einzige Beschäftigung war. Während die anderen Leute sich in ihren Gesprächen amüsierten, wusste ich nicht, wie ich vorteilhaft sitzen sollte, ohne angespannt zu wirken. Ich rutschte hin und her und wusste nicht, wohin mit meinen Händen. Dann kam zum Glück jemand, der mich fragte, was ich trinken wollte. Kaffee schwarz. Aber eigentlich war es mir ziemlich egal. Hauptsache ich hatte einen Becher zum Festhalten.

    Dann kamst du. Ohne mich richtig gesehen zu haben, bist du gleich in die passende Richtung gelaufen. Als ob du geahnt hättest, dass ich lieber unauffällige Eckplätze bevorzuge. 

    Als ich dich sah, bekam ich schlimmes Herzklopfen. Stärker, als beim letzten Mal und mir wurde sofort heiß in meinem Pullover. Scheiße, was für ein toller Mann. Mehr konnte ich in dem Moment nicht denken. Ich schaute dich mit einem kurzen Hallo an und das war’s. Dass wir uns gerade nur in einem Café trafen, war längst vergessen, denn die Umgebung verschwamm um mich herum, als du da warst. Jetzt befand ich mich in meinem eigenen Taumel aus Gefühlen von Verknalltsein, Angst und sinnlicher Benommenheit. Du saßt mir genau gegenüber, auf einem Holzstuhl, sodass du mich nicht aus den Augen lassen konntest. Und ich klammerte mich an meinen lauwarmen Becher Kaffee, den ich nur in Mini-Schlucken trank, damit er nicht zu schnell leer war. Du hättest dir inzwischen auch einen bestellt, damit es für den Kellner nicht zu doof aussah. Aber eigentlich war der Kaffee Nebensache, das wussten wir beide. 

    Ursprünglich wollten wir beim Kaffeetrinken über unangenehme Themen sprechen, dachte ich. Aber ich fand es unpassend und sagte nichts. Ich nahm unser Treffen so hin, wie es war: extrem reizend. Negative Gespräche hatten keinen Platz. Ich wollte mit dir über gar nichts reden, sondern einfach nur da sein und deine Nähe spüren. Wenn auch nur auf Abstand. Aber ich empfand eine Vorahnung, wie es sein könnte, dir näher zu kommen. Dank dieser Vorahnung hörte mein Herzklopfen gar nicht mehr auf und wurde auch nicht weniger. 

    Dir gegenüber zu sitzen war keine leichte Aufgabe. Es war eine grenzwertige Herausforderung, deine Aura zu spüren. Gerade, wenn man so schüchtern werden konnte, wie ich, wenn gewisse seltene Situationen auftauchten. Dein ständiger Blickkontakt machte mich fertig und die offenen Knöpfe deines Hemdes, aus dem einige Brusthaare hervorstachen, die mich weiter in meinen Taumel zogen. Gewisse äußerliche Kleinigkeiten waren – neben bestimmten Charaktereigenschaften – auch ein gutes Mittel, mich schneller gefügig zu machen.
    Egal, auf welchen Körperteil ich meine Aufmerksamkeit lenkte, du hattest alles zu bieten, was mich schwach machte. Selbst dein Alter war dafür da, mich kleiner wirken zu lassen, was von deiner Körpergröße noch selbstverständlich unterstützt wurde.

    Von daher war ich von deiner Anwesenheit auch im Café vollkommen geliefert. Du hattest aus einem langweiligen Ort etwas ganz anderes gemacht. Plötzlich war das Café so etwas wie eine leidenschaftliche Stromquelle, als du anfingst, zu reden. Über was auch immer, ich sog es auf. Ich hörte dir zu, ohne weitere Zuordnung deiner Worte. Später würde ich mich sowieso daran erinnern. 

    Und wieder ging das Verknalltsein weiter. 

    Mein Kaffee war längst leer, obwohl ich mir Mühe gab, langsam zu trinken. Ich wusste nicht, ob ich einen zweiten Kaffee haben wollte. In Gedanken wäre ich lieber woanders gewesen und hätte inzwischen vielleicht einen Cocktail gebraucht, um die Situation weiter zu verschärfen. Die Sitzecke im Café war nicht der richtige Ort, um mich viel zu nüchtern auf deinen Schoß zu setzen. Ich wollte den anderen Leuten schließlich auch nicht den Nachmittag mit angedeuteten Softpornos verderben. Aber ich traute mich nicht, dir etwas anderes vorzuschlagen. Entscheidungen überließ ich lieber dir. So, wie es zwischen uns abgemacht war. In Texten, die immer weniger wurden, aber deren Inhalt weiterhin blieb. Wahrscheinlich war es besser so, manche Dinge nicht zu oft zu wiederholen, wenn uns durch unterschiedliche Umstände die Zeit geklaut wurde. Und wahrscheinlich wäre es besser so, wenn ich jeden Tag gute Laune hätte. So, wie vorher, als ich noch nicht verknallt war.

    Ich wühlte ziellos in meiner Handtasche, um kurz etwas anderes zu tun, als dir gegenüber zu sitzen. Es wurde mir einfach zu heftig. Die aufsteigende Hitze kam auf keinem Fall vom Kaffee. Den spontanen Weg zum Klo lehnte ich ab. Die Versuchung war zu groß, mich vor lauter Aufregung mit Schnee zu beschäftigen. 

    Also blieb ich und hoffte, dass du bald einen Vorschlag machen würdest. Wobei mein Blick in deine Augen fiel und dort endgültig hängen blieb. Jetzt hattest du mich und du wusstest es.

    Endlich kam der Vorschlag, woanders hinzugehen. Am besten zu dir und so kam es auch. Ab jetzt konnte es ungestört weitergehen, in deiner Wohnung, wo es nur phasenweise Nachbarn gab. 

    Alles war genau wie beim letzten Mal, nur dass diesmal nichts dazwischenkam. Der Kaffee wurde nun durch Gin ersetzt und wir fingen dort an, wo wir damals aufhörten. Ich merkte, wie ich lockerer wurde und mich wohlfühlte in deiner Nähe. Nichts war komisch, sondern vertraut. Trotz unserer seltenen Treffen kamst du mir ganz und gar nicht fremd vor. Und dennoch kannte ich dich bis jetzt kaum. Eigentlich konnte ich nur ahnen, wie du bist und vermutete, dass ich damit mehr richtig als falsch lag. Aber wissen konnte ich nichts. 

    Ich mochte das Gefühl von Distanz und dass ich dich kaum kannte, obwohl ich jederzeit bereit war, mehr über dich zu erfahren. Aber auch das war deine Entscheidung. Du durftest Forderungen stellen und bestimmen, wie weit das alles mit uns geht. Ich nicht. 

    Nach zwei Gläsern Gin merkte ich immer noch keine Veränderung in meinem Zustand. Alles war, wie sonst auch, dachte ich. Außer, dass ich weniger redete und nur noch auf dich fixiert war. Ohne mich zu rühren saß ich da. Innerlich war ich inzwischen beim Küssen angelangt, wobei der Drang immer größer wurde, dich wirklich zu küssen und zwar jetzt. Ich wollte es mir nicht länger vorstellen, weil es mich wahnsinnig machte. Der zweite Gin trieb mich an, den nächsten Schritt zu wagen und war vielleicht auch der Grund, warum es mir immer schwerer fiel, mich völlig zurückzuhalten. Wer mich mit Alkohol abfüllt, muss damit rechnen, dass das Zeug auch bei mir enthemmend wirkt. Ich wollte nicht länger auf den Kuss warten. Lieber stürzte ich mich ins Risiko, dadurch kurzzeitig mal nicht devot zu wirken und für einen winzigen Moment die Führung zu übernehmen, die ich dann sofort wieder an dich abgab, denn nur so fühlte es sich richtig an. 

    Ich ging zu dir, setzte mich auf deinen Schoß und küsste dich. Meine Hände strichen über deinen Bart und blieben auf deinen Schultern liegen. Der Kuss war wie eine Erlösung, nach den letzten Wochen voller Chaos. Und dass so ein Kuss noch längst nicht alles war, bekam ich schnell zu spüren in deiner Jeans. Wahrscheinlich war mein kurzer Rock nicht ganz unschuldig und wir waren uns dadurch körperlich gleich viel näher. Meine Hände glitten an deine Kehle und ich wartete auf dem Moment, wo du mich nahmst und stur nach deinen Vorstellungen weitergingst. Mir war klar, dass ich dich mit meinem Verhalten provozierte. Schließlich erwartete ich, dass du den Part übernahmst und endlich die Kontrolle über mich gewannst. So, wie es richtig war.

  • Heute, vor einer Woche, war ein schöner Tag, der eigentlich ein Traum war.Es war ein kurzer Traum, aus dem ich während der Zugfahrt zögerlich erwachte und mich fragte, wie ich nachts noch schlafen sollte. Schließlich gab es keinen schöneren Traum.

    Heute träume ich wieder den Traum von letzter Woche. 

    Dieses Mal ein bisschen abgewandelt, mit Details, die noch fehlen. Details, nach denen ich mich sehne. 

    Wenn ich an dich denke, dann bist du Wärme und Kälte zugleich. Anziehend durch Unnahbarkeit und Stärke.

    Wenn ich an deinen Körper denke, dann spüre ich Männlichkeit. Und Geborgenheit mit einer gewissen Distanz. Halte mich. Ganz fest in deinen Armen.

    Wenn ich mich an deine Stimme erinnere, dann ist sie ruhig, gefährlich und eindringlich. Genau wie dein Blick, der mich auffordert, dir zu gehorchen.

    Wenn ich daran denke, wie du mich küsst, spüre ich etwas, das mit einem lächerlichen Kribbeln nicht zu vergleichen ist. Ich spüre rote Wangen, die vor Überwältigung glühen und mehr wollen. Alles, was du mir antun kannst. Mit deiner Hand, deinen Worten und mit deinem Willen. Oder mit Gewalt.

    Wenn ich mir vorstelle, wie du mich fickst, dann vergesse ich mich und gehöre dir. Vielleicht für einige Stunden oder vielleicht auch länger.   

  • Drei Stunden 

    Die Hummeln in meinem Bauch haben sich schlagartig vermehrt. Genau wie die aufgerauchten Zigaretten in meinem Aschenbecher, die sich nach und nach optisch zu schwarz-weiß gepunkteten Raupen aus Tabakstaub ansammeln. Eine ganze Schachtel goldener Light-Zigaretten hat sich in Asche aufgelöst, die genauso stinkt, wie mein Atem gerade. Ich möchte gar nicht wissen, wie ich momentan rieche oder ob andere Leute meinen Geruch als Gestank wahrnehmen. Auf jeden Fall rieche ich anders als sonst. Vielleicht etwas verbraucht und modrig vom Wochenende und zwei Tage davor. Oder wie ein parfümierter Schornstein, der vom Dach bricht und auf den Rasen knallt. Meine Nervosität der letzten Stunden wurde vom Qualm der Zigaretten halbwegs davongetragen. Zusammen mit ein paar anderen Substanzen, die am Ende doch nichts brachten, als Benommenheit, die viel später heimlich in Übelkeit ausartete. Aber erst zu Hause, als mich niemand mehr sah, bis auf meine vertrauensvolle Toilette, die gerne meinen ausgespuckten Alkohol trank.

    Heute ist ein Tag, an dem meine Hummeln durchdrehen und gar nicht wissen, in welche Richtung sie fliegen sollen. Eigentlich fühlen sie sich zum Fliegen viel zu schwer und sollten lieber auf dem Boden der Tatsachen kriechen. Aber das können sie nicht. Sie sind ziellos, naiv und ein wenig verwirrt, war der letzte Tag doch ein sehr schwerer. 
    Ja, der letzte Tag war hart. Für mich, meine Hummeln und ihn. 

    Dabei fing alles sehr einfach an. Mit einer Lieblings-TV-Sendung in fünfstündiger Wiederholung, zwei Tassen Kaffee und Zigaretten, die mehr auf Backe geraucht wurden, als auf Lunge. Das alles bei geschlossenen Türen und bei Sonnenschein im Wohnzimmer. Mein Rauchmelder durfte schließlich nicht noch einmal schrill lospfeifen und besorgte Nachbarn anlocken. Ich wollte nur meine Ruhe haben und mich in allen möglichen Gefühlen der Vorfreude suhlen. Dabei war es eher Angst, gemischt mit Vorfreude und Selbstkritik, die eventuell nicht einmal angebracht war. Aber ohne Panik wäre die Freude an diesem wichtigen Tag auch zu langweilig gewesen. Ich genoss dieses chaotische Potpourri der Gefühle. Alle Gedanken wirbelten wie ein schimmeliger Apfelstrudel durch meinen Kopf und sorgten somit für innerliche Aufregung, die ich nicht verstecken konnte. In diesem seltsamen Zustand zerfloss die Zeit unheimlich schnell.
    Und ich musste zum Zug.

    Zusammen mit all den anderen Substanzen, die ich kurz vorher im Mischmasch konsumierte und keine Ahnung hatte, was das Zeug noch mit mir anrichten wird. Ich ließ mich überraschen und beschloss, dass mich ein paar kleine bunte Dinger nicht umhauen können. Was gegen Schmerzen gut ist, ist auch gut gegen Gefühle, dachte ich. Sie waren vorerst meine unscheinbaren Helfer, die versuchen sollten, mein negatives Kopfkino zu stoppen. Der Film, der seit einigen Tagen in meinem Kopf lief, hieß ‚Horror-Date der hässlichsten Enttäuschungen‘. Natürlich war der Titel nur auf meine zerbrechliche Persönlichkeit bezogen, die manchmal sehr sensibel und emotional sein kann. Und Angst hat, fallen gelassen zu werden, von jemanden, der gefühlsmäßig etwas in mir bewegt, was sonst starr und eisern ist. Meine unsichtbare Stahlwand, die männliche Fremdkörper von mir abprallen lässt, die nicht zu mir gehören und mich nicht belästigen sollen. 

    Und dann war es soweit. Mit meinem bunten Rucksack und meiner Handtasche, die aussah, wie eine Brotdose aus Plüsch mit Glitzer, machte ich mich auf den Weg zur Straßenbahn. Während ich auf der Bank wartete, fühlte sich mein Kopf an wie Styropor. Irgendwie leer, irgendwie warm, irgendwie weiß und irgendwie trocken. Die bunten Dinger in mir wirkten schon und ich musste aufpassen, dass ich noch genug von meiner Umwelt mitbekam und meine wichtige Brotdose nicht aus den Augen verlor, in der alle organisatorischen Dinge, wie Geld und Handy, untergebracht waren. Alles fühlte sich nur noch dumpf an, an diesem schwül-heißen Sommertag. Meine Jacke war eigentlich nur unnötiger Ballast. Aber ohne konnte ich nicht. Sie gab mir Schutz, ein wenig Halt und ein Versteck für meinen Körper, der es nötig hatte, weil meine Brüste und mein Hintern gerne beobachtet wurden.
    Irgendwann kam die Straßenbahn, die ich am Hauptbahnhof taumelig wieder verließ. Etwas wehleidig, weil es jetzt ernst wurde. Der Hauptbahnhof kam mir plötzlich vor, wie das Tor zur Notschlachtung. 
    Am Automaten tippte ich mir schnell eine passende Fahrkarte aus, ohne wirklich zu sehen, was mit den Buchstaben und Zahlen auf dem Display los war. Mir war schwindlig und meine Sicht war leicht verschwommen. Irgendwas tat sich in mir. Mein angeknackster Kreislauf war dabei, abzusacken. Aber bevor das geschehen konnte, kam auch schon mein Zug herbeigeeilt, der mich mit einem bequemen Einzelsitzplatz auffing und mir aufgesetzte Geborgenheit vermittelte. Mein Magen knurrte und ich war stolz drauf, auch heute nichts gegessen zu haben. Lass mich in Ruhe, Essen. Ich brauche dich nicht mehr. 

    Als ich im Zug saß, spürte ich die Hummeln in meinem Bauch austicken. Sie flogen hin und her. Bald würden sie wissen, ob sie sich vermehren dürfen oder ob sie sterben müssen. Es waren viele Hummeln, von Tag zu Tag wurden es mehr und sie waren alle glücklich. Ein schönes Gefühl, sie so zu spüren, in ihrem Leichtsinn, der durch die Vorfreude enorm angetrieben wurde. Meine Hummeln waren alle so scheiße naiv und das war gut so! Sie freuten sich, ohne zu wissen, was sie in der Wirklichkeit erwartete und sie waren so überzeugt von ihrer Intuition, die immer zu 100% stimmte. Meine Hummeln waren eben genauso, wie ich. Und ich liebte sie. Endlich waren sie wieder da, waren sie doch so lange weg. Ich vermisste sie seit Ewigkeiten. Und nun wollte ich sie nicht mehr fliegen lassen. 
    Hummeln, bitte bleibt!

    Dann fuhr der Zug los und ich sah, dass ich ein Kinderticket ergattert hatte. Egal. Ich war benommen und es gab sowieso kein Zurück mehr. Ich war gespannt, was der Schaffner mit mir anrichten würde und ob er pädophil war. Er kam und nötigte mich nach der Ausweiskontrolle, ein Erwachsenenticket zu kaufen, das zwei Euro teurer war. Ich diskutierte kurz. Aber als ich merkte, dass meine Zunge immer schwerer wurde und mein Gehirn die Gedanken verlangsamte, machte es keinen Sinn mehr. Außerdem überschwappte mich eine große Welle voller Gleichgültigkeit. Alles war egal. Alles. Außer mein Handy, das war momentan immerhin der wichtigste Ansprechpartner in Sachen Sex. 
    Die Zeit verging so wahnsinnig schnell und als ich merkte, dass mir immer schwammiger zu Mute wurde, zog ich noch unbemerkt einen kleinen Helfer aus der Tasche. Mal gucken, ob sich mein gedämpfter Zustand noch steigern konnte. Ich wollte so betäubt wie möglich sein, um meiner Aufregung aus dem Weg zu gehen. Nichts mehr mitzukriegen war mein angestrebter Idealzustand. Irgendwie wollte ich einfach nicht mehr da sein oder mich zumindest nicht mehr spüren. Keine Gefühle haben. Nichts. Ich wollte einfach nichts, außer, das Treffen gut zu überstehen und……..hoffen, dass alles gut wird. #Sternschnuppe #Wunsch #bittebitte

     Aber dieser Rauschzustand zeigte mich wahrscheinlich nicht von meiner besten Seite. Manchmal muss man jedoch Kompromisse machen. Lieber gedämpft und entspannt, als nervös und hysterisch. 

    Der Zug fuhr in den zwei Stunden viel zu schnell. Die zwei Stunden waren schnell um, nachdem ich in den Zug stieg und meinen Zweiteklasse-Platz einnahm. Auf einmal war ich da und konnte es kaum fassen. Ich bekam starkes Herzklopfen in Zeitlupe. Der Zug hielt eine ganze Weile in der Warteschlange vorm Bahnhof. Kurz vorm Ziel noch eine angespannte Pause. Meinetwegen hätte der Zug dort ewig warten können, denn ich wollte noch nicht raus. Zu groß war die Angst, dort direkt abgeholt zu werden. Aber das war zum Glück nicht geplant.
    Dann fuhr der Zug die letzten Meter und ich stolperte unsicher mit all den anderen Fremden hinaus in die Freiheit.

    Überall waren Menschen, hinter denen man sich verstecken konnte und jeder war jedem egal, bei all diesem Gedrängel. Ruppige Ellenbogengesellschaft. 

    Der Hauptbahnhof entpuppte sich als Shopping-Center, so wie ich es in meinen Träumen erwartet hatte. Gerne wäre ich Shoppen gegangen, wenigstens eine Stunde. Aber dafür war diesmal keine Zeit, aus gutem Grund.

    Ich wusste gar nicht, wo ich zuerst hinlaufen sollte. Nichts sah aus, wie ein geeigneter Treffpunkt und ich wusste überhaupt nicht, wo ich war. Überall liefen nur Menschen, die teilweise doof umher guckten. Das war das einzig Witzige in dieser kranken Situation.

    Mein Zeitgefühl war weg und ich wusste nicht, wie lange dieser Moment des Wartens dauerte. Es verschwamm alles ineinander. Zeit, Leben und Gefühl. Mein Bauch war leer und die Beine waren weich. Wie konnte ich überhaupt stehen? Und wie konnte ich nur hier sein? Mein zu Hause war so weit weg und ich kam mir verloren vor.

    Auf einmal ging mein Blick zur Seite in eine Richtung, in der ich Niemanden erwartete. Bis ich ihn auf mich zukommen sah und mich sofort wie erschossen fühlte. Mitten in die obere Bauchgegend links, Herznähe. Mist! Ich wurde von einem Blackout verschlungen, als ER vor mir stand. Ich ließ mich einfach nur noch mitziehen, mehr konnte ich nicht tun. Meine kleinen Helfer halfen nicht, sondern machten mich nervös und schwitzig. Alles, was mir helfen sollte, ließ mich im Stich und ich fühlte ganz klein. 

    Auf dem Weg nach Hause konnten sich meine Hummeln im Eiltempo vermehren. Alles ging so schnell und ich kam mit meinem Gefühlspegel nicht mehr klar. Meine Intuition flüsterte mir dauernd rosa Herzchen ins Ohr und ich war nur noch geplättet. Obwohl unser Treffen in der Wirklichkeit stattfand, war es in diesem Moment so fern im Surrealismus. Das konnte alles nicht wahrsein. Wie konnte es jemand schaffen, meine Stahlwand binnen weniger Minuten zum Schmelzen zu bringen? Ich spürte, wie die Stahlwand mir gemächlich den Rücken hinunterfloss und mich bei der Hitze noch mehr zum Schwitzen brachte, obwohl ich nun ohne Schutzpanzer herumlief. ER brachte mich mit seiner Ausstrahlung zum Schwitzen, in Kooperation mit der Sonne.

    Wie konnte sich ein so surreales Treffen nur so verdammt intensiv anfühlen? Mein Körper nahm alles wie mit einer feinen Antenne wahr.

    Meine Ohren sogen seine Worte auf, wie ein Schwamm.

    Meine Füße taten weh, als ich versuchte, in hohen Schuhen seinem Schritt zu folgen, der viel zu schnell für mich war. 

    Und jeder Blick, der ausgetauscht wurde, sorgte für eine Hummel mehr in meinem Bauch. Und einen Stich irgendwo in der Herzgegend. Er machte mich fertig, ohne mich dabei anfassen zu müssen. 

    Es gab noch viele andere Kleinigkeiten, die sich tief in mein Gedächtnis prägten und nicht gelöscht werden möchten. Mittlerweile weiß ich, dass Blicke reichen können. Zusammen mit weiteren Details.

    Auf eine Art fühlte ich mich angepisst, weil ich ihn gleich mochte und ihm damit freien Eintritt gewährleistete. Die Tür der Verletzbarkeit wurde weit geöffnet. Er konnte mir leicht wehtun, wenn er wollte. Ich hasste es, wenn ich für jemanden mehr empfand und dieser Jemand eine gewisse Schwäche mit Hang zur Ungewissheit in mir auslöste. Aber was ist heute schon sicher – nichts. Und gleichzeitig fand ich es toll, dass jemand es problemlos schaffte, mich zu knacken. Wenigstens ein bisschen. So weit, dass mich das Gefühl überkam, mich komplett bei ihm fallenlassen zu können. Mit Hingabe und der Tendenz zur Selbstaufgabe.

    Für die drei Stunden, die unser Treffen dauerte, gibt es keine passenden Worte, sondern nur Hummeln, die darauf warten, gefüttert zu werden oder zu sterben. 
    Vielleicht warten sie auch darauf, in den Tränen des Abschieds zu ertrinken oder im Rauch der Zigaretten zu ersticken. 

    Das Einzige, was bleibt ist die flehende Stimme in meinem Herzen, die fast verzweifelt darum bittet, mich nicht gehen zu lassen.

    Bitte schreib‘ das Drehbuch weiter.

     

  • Absackerbüro II

    (Anm.: Gekürzte Abwandlung des Originals ‚Absackerbüro‘ – Frida Mai 2/2015)

    Ich schrieb Herrn Steffens an, ohne darüber nachzudenken, ob es ihm gefiel. Schließlich war ich eine fremde Person, die er nicht kannte. Auch ich kannte ihn nicht. Aber ich fand sein Profilbild toll und musste es ihm unbedingt ohne Taktgefühl mitteilen. Dank meiner simplen Anmache kamen wir bald ins Gespräch und bauten virtuelle Nähe auf, die distanziert genug blieb, um mehr Sympathie füreinander zu empfinden, denn das wollten wir verhindern. Es gab genug andere Frauen, die sich für ihn interessierten und nur eine, die alles von ihm bekam.

    Eines Tages entschied ich mich, Herrn Steffens in seinem Klub zu besuchen. Egal, ob er eine Frau hatte und egal, ob ich kilometerweit Autobahn fahren musste, obwohl ich es hasste. Die widrigen Umstände nahm ich jedoch gern auf mich, da ich Herrn Steffens nach all unseren intensiven Textgesprächen endlich kennenlernen wollte. Die Sache mit dem Anrufen lehnte er leider erfolgreich ab. Das war ihm zu persönlich. Na und? Dann kam ich eben selbst, wobei ich mögliche Konsequenzen ignorierte. Ich hatte nicht das Gefühl, als würde er sich mit einem triumphierenden Lächeln in seinem Büro einschließen, sobald sich unerwünschter Besuch anbahnte.

    Mit einem Stadtplan von Berlin setzte ich mich ins Auto und fuhr wie ein naives Mädchen los. Natürlich prägte ich mir vorher lange genug die Route bei Google Maps ein und war mir sicher, dass ich das Ziel ohne Probleme erreichen würde. Während der Fahrt dachte ich nicht viel über die Sache nach, da ich zu konzentriert war. Aber ich spürte ein leichtes Kribbeln im ganzen Körper und wie sich das Innenleben meines Bauches immer wieder zusammenzog. Verbunden mit Kälteschauern, die über meinen Rücken regneten und dann wieder von der Wärme der Vorfreude getrocknet wurden.  

    Als ich in Berlin ankam, suchte ich das Hotel in Berlin-Mitte, welches ich eine Woche zuvor gebucht hatte, denn ein bisschen Planung musste sein. Die Stadt war schon riesig und chaotisch genug, da wollte ich mein Schicksal nicht dem Zufall überlassen. Die Wahl meines Hotels war raffiniert. Es befand sich gleich gegenüber seines Klubs und ich konnte ihm gleich den überraschenden Besuch abstatten. Von meinem durchtriebenen Vorhaben ahnte er nichts. Seitdem bei uns Funkstille herrschte, war die Aktion umso mutiger. Ich fand diese Funkstille dämlich, weil sie mir sinnlos vorkam. Vielleicht war es ihm zu gefährlich nah zwischen uns geworden. Obwohl Herr Steffens bei mir nicht einmal entfernt Angst davor haben musste, dass ich mehr wollte. Deswegen war es nun umso spannender für mich. Ich war neugierig, was passieren würde, wenn er mich sah. Mich reizte diese unvorhersehbare Situation und vor allem seine Reaktion auf mich.  

    Als ich am späten Nachmittag im Hotel eintraf, verlor ich nicht viel Zeit. Damit es für mich nicht zu schwierig wurde, hatte ich meine Lieblingsklamotten eingepackt, in denen ich mich wohlfühlte. Es waren zwar viele, aber ich konnte mich gut zwischen verschiedenen bunten Blumenprinthosen und pastellfarbenen Glitzershirts entscheiden, die zu meinen Favoriten gehörten. Ein kurzer Rock war diesmal nicht drin, weil es nur ein unscheinbarer Besuch werden sollte, bei dem es darum ging, dass ich eventuell einen hauseigenen Cocktail spendiert bekam. Immerhin war er der Chef, der das Sagen hatte. Vielleicht gab er mir die Chance, ein annähernd angenehmer Gast für ihn zu sein, der in guter Erinnerung blieb.

    Am Abend schaute ich einige Male aus dem Fenster, um die Lage einzuschätzen. Aber ein günstiger Zeitpunkt ließ sich nicht ausmachen. Meinen letzten Blick schenkte ich dem beleuchteten Spiegel, bevor ich losging. Ich war mit dem zufrieden, was ich sah. Mein Aussehen ähnelte einer Kopie des Stadtbildes: Ich bot eine Mischung aus auffällig, undurchschaubar und niedlich verpeilt. 

    Dann machte ich mich auf dem Weg und ging die paar Schritte bis zu seiner Bürotür. Der Eingang befand sich gleich neben dem Klub. Meine Knie verwandelten sich in einen matschigen, mit Seife durchtränkten Schwamm. Mein Herz konnte ich unter der geräuschdichten Wolljacke nicht hören. Aber ich spürte, wie es durch die Aufregung vor sich hin holperte. Dieser Zustand machte mich froh. Es war lange her, dass mein Körper die Gelegenheit bekam, mir seine besten Symptome zu offenbaren.

    Als ich vor seinem Büro stand und noch einmal Namen und Adresse abcheckte, verabschiedete sich meine übliche Gelassenheit. ‚Oh Mann, was mache ich hier eigentlich?‘, war einer meiner ersten Gedanken, die mir ziellos durch den Kopf schossen.

    Trotzdem wollte ich nicht mehr umkehren, obwohl mir die ganze Situation auf einmal komisch vorkam und ich diffuse Gefühle zwischen gut und schlecht im Bauch wahrnahm, die mir danach allesamt zu Kopf stiegen und mich an meinen verlorenen Verstand erinnerten.

    „Boah Mädel, geh rein“, flüsterte ich gereizt vor mich hin.

    Ich atmete tief ein, schloss kurz die Augen und öffnete die schwere Bürotür. 

    Es war ein Büro, wie ich es von zu Hause her kannte. Nur etwas anders. Solche vertrauten Räume waren mir nicht fremd und das beruhigte mich. Kurzzeitig musste ich an das Atelier meiner Mutter denken und konnte fast die frischen Ölfarben riechen.

    Danach fiel mein Blick sofort auf Herrn Steffens, was einen kurzen innerlichen Aussetzer bei mir verursachte, bevor ich ihn begrüßte. Herr Steffens sah genauso aus wie auf den Fotos, die er mir zuletzt geschickt hatte. Gekleidet in Sakko, Hemd und Jeanshose – elegant und leger. In seinem Gesicht erkannte ich nichts als neutrale Entspanntheit und ein Lächeln, das sich diskret hinter seinen Mundwinkeln versteckte. Es wirkte nicht so, als wäre er schockiert über meinen Besuch. Der Versuch, weitestgehend ernsthaft und sachlich zu bleiben, gelang ihm. Wahrscheinlich hatte er Übung darin. Da er viel älter war, sprach ich ihn selbstverständlich mit ‚Sie‘ an und es fiel mir bei seinem Anblick nicht schwer. 

    Ich sagte:“Hallo“, wobei ich mir ein breites Grinsen nicht verkneifen konnte, während ich schüchtern auf ihn zustakste.

    Er sagte ebenfalls „Hallo“, weil ihm bei seiner Verwunderung nichts anderes übrig blieb und da er ein Gentleman war, stand formelle Zurückhaltung ohnehin ganz oben. 

    „Sorry, aber können wir gleich was trinken? Ich bin so aufgeregt.“ Meine Nervosität kam offensiv zum Vorschein und ließ sich nicht verbergen. 

    „Natürlich, was möchtest du denn?“

    Da ich alles gern trank, war es mir egal, obwohl in meinem Kopf prompt Captain Morgan mit Cola auftauchte.

    „Machen Sie einfach irgendwas ins Glas. Völlig egal.“

    Dann zuckelte er in seine Abstellkammer und kam mit einer Flasche Wein wieder heraus. Das Etikett erkannte ich nicht.

    „Okay, das ist gut“, sagte ich. „Wenn ich genug getrunken hab, können wir uns gern mal über alles unterhalten, finde ich.“

    Er guckte mich nur an und wusste scheinbar nicht, was er spontan darauf antworten sollte. Im nächsten Moment beurteilte ich meine Aussage als peinlich. 

    Ich beobachtete Herrn Steffens, wie er den Wein in das nostalgische Glas mit dem Goldrand kippte und schweifte gedanklich ab. Mein Blick streifte seine Designer-Uhr, die fest am Handgelenk lag und die silbrigen Manschettenknöpfe seines Sakkos, auf denen sich ein kleines verschnörkeltes Muster befand, welches an eine Blume erinnerte. Die Kleidung sah teuer und stilvoll aus. Er schwamm damit nicht gerade im Mainstream, sondern hob sich optisch von anderen Männern enorm ab.

    Dann schaute ich mir seine Hände an und sah überall kleine dunkle Härchen, die ihn noch männlicher wirken ließen. Nur etwas fehlte: Er trug keinen Ring. 

    Nachdem beide Gläser randvoll mit Wein gefüllt waren, saß er mir direkt gegenüber und ich merkte, wie meine Wangen warm wurden, obwohl ich noch nichts getrunken hatte.

    Seine Nähe war aufregend und ich fühlte mich ihm auf eine Art ausgeliefert, obwohl gar nichts geschah bis auf den Blickkontakt. Seine passive Anwesenheit reichte schon, um mich verlegen zu machen und einzuschüchtern. Die Luft in seinem Büro lud sich spürbar mit Spannung auf. Es fehlte nur der Alkohol, der für eine Explosion der Befangenheit sorgte.

    Wir stießen dezent unsere Weingläser aneinander und tranken den ersten Schluck mit unterschiedlichen Erwartungen. Ein erotischer Moment begann, während die gedämpften Geräusche des Straßenverkehrs uns umgaben und irgendwo ein Handy vibrierte. Natürlich war Herr Steffens ein viel beschäftigter Mann und das machte ihn zusätzlich attraktiv. Er war Chef und hatte die freie Wahl, wie er sein interessantes Leben am besten gestaltete. Genauso gut konnte er mich jede Minute aus seinem Büro schmeißen, wenn ich seinen optischen und persönlichen Anforderungen nicht entsprach. Aber er sagte nichts, da er seine Rolle als Gentleman immer noch sehr gut beherrschte. 

    Als ich ein Gespräch mit ihm beginnen wollte und mir schon alles zurechtgelegt hatte, brachte ich kein vernünftiges Wort heraus. Meine Zunge fühlte sich taub an und mein Gehirn in seiner Gegenwart wie gelähmt. Wahrscheinlich lag das an der ausgeprägten Aura von Herrn Steffens. Er machte einen autoritären Eindruck mit einem Hauch von Gutmütigkeit, wenn ich ihn lange genug mit meinem teils kindlichen Charme weichkochte. 

    Dann brachte ich doch einen Satz heraus:“Sind Sie gar nicht überrascht, dass ich hier bin?“

    „Nein, jeder kann mich besuchen. Schließlich ist mein Büro die zentrale Anlaufstelle für alles. Allerdings habe ich mir gedacht, dass du zu naiv und durchgeknallt bist, um den Besuch wirklich durchzuziehen. Aber eigentlich wollte ich das nicht. Nicht unbedingt.“

    Natürlich rechnete ich mit der Antwort schon vorher. Wer will schon, dass aus Schreiben harte Realität wird? Nichts ist peinlicher, als eine jüngere weibliche Verehrerin zu haben, die nichts weiter will außer reden und eine platonische Affäre mit einem Chef, der die Wahl zwischen Ja und Nein hat. Eigentlich wollte ich wirklich etwas von ihm. Aber das war mein Geheimnis für einsame Nächte.

    Ich fasste den Entschluss, dass ein schweigsames und leicht unterkühltes Treffen besser sei als ein Treffen mit großen Worten und Erklärungen. Wichtiger war es, den Augenblick zu genießen. Es war ein so unwirklicher Moment, dass es mich an einen wunderschönen Traum erinnerte, aus dem ich nie erwachen wollte.

    Hoffentlich blieb es nicht bei einem Treffen.

                  

  • – Ein Brief von Herzen, mit Verstand und ohne –

    Kleine Anmerkung vorweg: Ob diese Person ‚Pephan, der Osterhase‘ in real life tatsächlich existiert, ist übrigens fraglich. Ich schreibe mir nur alles von der Seele, was mir gerade einfällt und denke nicht genauer über meine teils verkorksten Gedanken nach, die nicht immer einen tieferen Sinn ergeben und nicht immer private Einblicke in Bezug auf meine Persönlichkeit gewährleisten.

    Fühlt sich jemand jedoch direkt angesprochenen, sollte er sich wahnsinnig freuen und mich öfter auf ein Bier besuchen kommen oder mir ein Schaumbad mit dem Duft von Wasserlilien in seiner Wanne einlassen. Mit Kerzenschein, Mohnblumen und einer Flasche Maibowle, bitte.

    Fast 10 Jahre kennen wir uns inzwischen. Bis dahin müssen wir uns noch 4 Jahre gedulden, was sicherlich keine große Herausforderung mehr sein wird, nachdem, was wir alles zusammen, wie auch getrennt voneinander erlebt haben. Obwohl ‚alles‘ noch viel mehr sein könnte, denn wir beide wissen: Alles kann, nichts muss. Locker bleiben, kein Zwang und schon gar nicht drängeln. 

    Dein Spruch, auf den ich gerne absichtlich gereizt reagiere – Dinge verändern sich/dich – mag ich dir manchmal nicht glauben, lieber rebellischer Osterhase. Dennoch stimme ich dir in dieser wahren Aussage zu. Schließlich habe auch ich mich verändert – zum Positiven, wie auch zum Negativen, damit die Bilanz zwischen uns stimmt. Wir beide haben uns verändert, was mich trotzdem nicht davon abhält, dich auf einmal nicht mehr zu mögen. Du kannst machen, was du willst, es wird dabei bleiben.

    Du hast mich gefragt, ob ich dich hasse? Nein, wie kommst du darauf. Nur, weil ich dich paar Tage ignoriert habe, da ich viel arbeiten und lernen musste. Egoismus ist eine scheiß Entschuldigung. Aber ich muss gerade lernen, wie man vernünftig Auto fährt, damit ich nicht gleich gegen einen Baum knalle und sich all meine Wünsche für immer in Luft auflösen. 

    Ich habe dich nie wirklich gehasst, auch wenn ich manchmal mit gespielter Überzeugung so getan habe, als ob. 

    Wir sind miteinander verbunden. Mal mehr, mal weniger und manchmal auch wochenlang/monatelang gar nicht. Aber ein kleines Stück in meinem Herzen und deinem Hirn sorgt nach einem gewissen Abstand jedes Mal zaghaft dafür, dass wir uns nicht für ewig vergessen und uns wieder leicht amüsiert aneinander erinnern. Mit einem belustigten Grinsen, wenn man in die Vergangenheit zurückblickt. Oder auch mit einem genervten Augenrollen. Oder diese unangenehmen Gefühle im Bauch, die vom Sterben der Schmetterlinge verursacht wurden, die du in Etappen getötet hast. Erinnerungen können viele Symptome auslösen und Spuren hinterlassen. 

    Egal, ob…

    • Sex oder Enthaltsamkeit.
    • Streit oder Frieden.
    • Liebe oder Hass.
    • Briefe oder Mails.
    • Kompliment oder Beleidigung.
    • Beziehung oder Solo. 
    • Nähe oder Entfernung.
    • Anziehung oder Widerwille.
    • voll oder nüchtern. 
    • glücklich oder traurig.
    • verliebt oder enttäuscht.
    • gelangweilt oder beschäftigt.
    • in der Badewanne oder unter Dusche.
    • im Busch unter der Brücke oder im Zelt am Meer.
    • bei dir oder bei mir.
    • Dominanz oder Dominanz.

    All das haben wir irgendwie überstanden, mit einigen intensiven Auseinandersetzungen mit kritischen Folgen: Verletzungen unterschiedlicher Abstammung. Verbal, körperlich und/oder psychisch. 

    Wir beide haben eine perfekte freundschaftlich-unplatonische Pseudo-Beziehung, die jeden Scheiß mit frigiden Intervallen völliger Funkstille durchhält. Nur, um nach jeden Streit wieder alles mühsam aufzubauen, was wir oder ich zerstört haben. Meistens ist fast alles meine Schuld, wobei du der provozierende Grund dafür bist. Du, lieber Osterhase, hast die großartige Fähigkeit, ein Feuerwerk an Emotionen in mir auszulösen, das gerne als unkontrollierbare Explosion ausartet. Wie kann es dich da noch wundern, wenn dich paar meiner kantigen Gefühlsbrocken im Gesicht und etwas weiter unten treffen?

    Auch damals haben wir schon überlegt, wie wir unsere kuriose Bindung eigentlich nennen sollen. Es gab nie eine wirkliche Definition für uns beide und irgendwann, als du plötzlich eine andere Freundin hattest, war es nicht mehr nötig, weiter darüber nachzudenken. Denn: Sie war eine Freundin, für die es nur eine Erklärung gab -> deine Freundin. 

    Ich hatte mich nach einer langen Zeit des Nachdenkens an diese neue bescheuerte Situation gewöhnt und konnte auch mit deinem Liebeskummer umgehen, als es später wieder mit ihr zu Ende war. 

    Wir hatten drauf getrunken und meinem Bett einen Besuch abgestattet. Danach warst du wieder anständig nach Hause gegangen und ich hatte mich einige Tage nicht mehr gemeldet.

    Am 15.2.09 warst du als verspätetes Valentinstagsgeschenk ganz überraschend in mein Leben getreten. Genau zu dem Zeitpunkt, als ich durch einen blöden Zufall meiner heimlichen Untersuchungen erfuhr, dass mein Ex-Freund ungewollt Vater wurde und ich nichts mehr weiter tun konnte, als stinksauer auf ihn zu sein und ihn mit den bösesten Schimpfwörtern zu überschütten, die ich mir spontan ausdachte.

    Herzlichen Glückwunsch, du Arsch!

    Durch dich war diese üble Sache allerdings bald vergessen und auf einmal warst du einer der bedeutenden Mittelpunkte meiner chaotischen Gedanken. Manchmal warst du für mich sogar der einzige Mittelpunkt und ich hatte mich oft dafür angestrengt, auch deiner zu werden. Vergebens.

    Heute bist du es (leider) nicht mehr. Nur, wenn ich alte Gefühle wieder aufleben lassen möchte und merke, dass es sich lohnt. 

    Alles steht offen, nichts läuft weg, sage ich mir immer.

    Alles kommt, wie es muss und nichts passiert ohne Grund.

    Alles ist so gewollt, auch wenn man es nicht immer wahrhaben und glauben möchte. 

    Interesse an philosophischen Themen ist in der Hinsicht recht hilfreich, spannend und tröstend.

    Wenn man nichts mehr krampfhaft haben will, ist alles einfacher und fühlt sich besser an, weil man sich keine Sorgen mehr macht. 

    Über die ungewisse Zukunft zu grübeln ist Gift. Genau wie das gedankliche Durchwühlen von Erlebnissen aus der Vergangenheit.

    Alles passiert jetzt.

    Jahrelang war ich total in love und du hast mich dankend abgeschoben. Manchmal auch wütend. Manchmal sauer. Dennoch wolltest du mich nicht zum Mond schießen und mochtest meine Art von ‚Humor‘. Ich habe es gut hingekriegt, ein bisschen mehr Stress in dein sonst so entspanntes Leben zu bringen, obwohl du beruflich und privat genug um die Ohren hattest. Jedenfalls warst du nie ein Langweiler und wirst es auch niemals sein. 

    Es war ein ewiges Hin und Her und eine fast jämmerliche Gefühlsverschwendung, weil ich nicht nur eine normale Freundin für dich sein wollte. Sondern bisschen mehr. Oft hatte mein Herz umsonst für dich geschlagen und dennoch wollte es nicht damit aufhören. Trotz gruseligem Herzrasen und nervösem Stolpern im Rhythmus. Manchmal spürte ich ein ekelhaftes Ziehen aus der Mitte meines Herzens bis in die Fingerspitzen meiner linken Hand. Hatte ich womöglich schon einen selbst diagnostizierten Mini-Herzinfarkt überlebt? Oder war es nur dieses moderne Broken-Heart-Syndrom, das mindestens genauso gefährlich werden könnte, wenn man sich sein Herz in Grund und Boden heult?

    Mein Herz ist bisschen daran kaputt gegangen, aber es hat sich mittlerweile gut erholt, woran du wahrscheinlich selber nicht mehr geglaubt hattest, nach all dem kindischen Drama mit mir. Mein Herz hat sich erholt, weil es nicht mehr jeden in sich hineinlässt und mögliche Schadenverursacher vorher gründlich abcheckt. Es fühlt, was richtig und was falsch für mich ist. Ansonsten verharrt es in absoluter Verschlossenheit. 

    Wenn ich an dich denke, leuchtet eine gelb-grüne Lampe auf, die für ’neutral mit Tendenz zum unverhofften Glück‘ steht.

    Heute bin ich froh, dass wir uns unbeschwert sehen können – distanziert von jeglicher Erzwungenheit und frei im Herzen.

    Heute bin ich erleichtert, dass alles entspannter zwischen uns ist und dir nicht mehr beweisen muss, wer ich bin, was ich mache und was ich kann. Dafür habe ich umso mehr erkannt, wer du bist, was du machst und was du kannst. Obwohl ich dich schon immer für all das bewundert habe. Damals nur aus einem anderen Blickwinkel, der heute erwachsener geworden ist. 

    Heute muss ich nichts mehr an mir verändern, um zu gefallen, denn ich weiß, wer ich bin und was mir steht. Wobei du an diesem komplizierten Prozess nicht ganz unbeteiligt warst. Du hast mir einen Schubs gegeben und für einen Anreiz in die richtige Richtung gesorgt. Ich habe keine Ahnung, wie ich ohne dich geworden wäre, wenn wir uns nie kennengelernt hätten. Sicher hätte sich einiges vollkommen anders entwickelt und wir hätten jetzt nicht in der selben Stadt und im selben Stadtteil gewohnt, in nur zehn Minuten Entfernung. Vor paar Jahren war diese Vorstellung noch utopisch, als du mich immer voller Vorfreude mit dem Zug besuchen kamst und durch mich zwei neue Orte im Abseits des Lebens kennengelernt hast, an die du sonst wohl nie gekommen wärst. Jetzt gäbe es noch viele andere Orte, die uns näher bringen könnten.

    Heute bin ich froh, dass wir über alles reden können und ehrlich sind, ohne dass jemand von uns gekränkt ist oder ich wieder ununterbrochen heulen muss, wenn du ein neues Date hattest. Ich kann mir deine Ex-Freundin ansehen, ohne sie zu hassen. Weil es mir egal ist und ich generell niemanden hasse.

    Ich kann mich auf dich freuen, ohne dabei extremes Herzklopfen zu bekommen und total verrückt zu werden. Freude ohne Erwartungshaltung ist die beste Vorsorge gegen Peinlichkeiten und Enttäuschungen.

    Außerdem muss ich nicht mehr ewig vorm Kleiderschrank stehen, um die passendsten Klamotten auszuwählen. Ich trage einfach das, worauf ich Lust habe, ohne daran zu denken, ob es dir gefällt. 

    Heute kann ich dich mögen, ohne verträumte Hintergedanken zu haben, obwohl der runde Geburtstag immer näher rückt und das Ticken bei manchen Mädels gerade in dem Alter immer lauter wird. Bei mir nicht, ich höre nichts, sondern bleibe gelassen.

    Bald können wir wieder gemeinsam Ostern feiern, ganz nach unserer alten Tradition, die schon eine Weile zurückliegt. Kuchen backen, frische Luft, viel Spaß, bisschen Alkohol und der Rest, an dem gearbeitet werden muss, ergibt sich vielleicht von alleine.

    Dann kann ich sagen: Danke für deine Eier, lieber Osterhase! 

  • Perverserkatze

    Es waren einmal eine wunderschöne junge Frau, namens Cindyrella und reicher alter Mann, dessen Name Herr Nahpets war.
    Eines schönen Abends gingen die beiden eng umschlungen am Strand spazieren, wie jeden Abend nach dem obligatorischen Candlelightdinner.
    Obwohl sie schon vor langer Zeit ihren Verstand verloren hatten, wussten sie, dass das gefährlich war.
    Die beiden mussten ständig aufpassen, dass sie nicht von der Öffentlichkeit gesehen wurden und mussten ihre Liebe geheim halten, denn ihre Liebe war streng verboten. Die hübsche Frau war eine Außerirdische, die vom Planeten Venus kam und der edle Mann war ein verwöhnter Perserkater aus Analusien.
    Das Schicksal führte sie eines Tages zusammen, indem Cindyrella dem Herrn Nahpets einen anonymen Brief schrieb und er ganz angetan von der fremden Schönen war. Von dort an wuchs die Zuneigung der beiden und einige Wochen später trafen sie sich zum ersten Mal in der absurden Wirklichkeit.
    Cindyrella war ganz aus dem Häuschen, als Herr Nahpets in seinem teuren Aston Martin vorfuhr und sie zum Essen einlud – ein romantisches Candlelightdinner sollte es sein. Herr Nahpets fuhr mit Cindyrella in seine Villa, dort konnten sie sich ungestört kennenlernen und niemand würde je von ihrem Treffen erfahren. Er nahm Cindyrella an seine Hand und führte sie behutsam in sein Reich. Cindyrella spürte ein starkes Kribbeln im Bauch, als er sie anfasste. Drinnen wurden sie von einem klassischen Orchester empfangen und jeder von ihnen trug eine Augenbinde, damit keiner etwas sah.
    „Ist das etwa eine Vorliebe von dir“, fragte Cindyrella neugierig.
    Herr Nahpets schmunzelte nur bescheiden und sagte:“Du weißt doch, niemand darf uns sehen. Nicht mal meine Frau.“
    Er begleitete sie die Treppe hoch bis sie an einer Tür aus hellem Elfenbein ankamen, die sich wie von Geisterhand öffnete, als Herr Nahpets ‚Fick dich, ich hab Hunger‘ sagte. Hinter der Tür verbarg sich ein großer Speisesaal, in dem viele mit Efeu geschmückte Säulen standen und in dem es stark nach Wermutspirituosen roch. In der Mitte des Raumes stand ein einsamer hochbeiniger Holztisch, der seufzend darauf wartete, seine Gäste mit gutem Essen beglücken zu können. Nicht einmal ein Tischläufer verlief sich auf ihm.
    Herr Nahpets trat dicht an ihn heran, stampfte kraftvoll mit dem Fuß auf den Boden und schrie:“Tischlein deck dich!“
    Auf einmal war der Tisch mit unzähligen Köstlichkeiten gedeckt. Außerdem zierte ein weißer Rosenstrauß die Festtagstafel und auf dem silbernen Besteck lagen duftende Rosenblüten mit frischen Tautropfen. Herr Nahpets zog Cindyrella höflich den Mantel aus und bot ihr den schönsten Stuhl an, der aus dem Barock stammte.
    Cindyrella wusste gar nicht, wo sie zuerst hingucken sollte. Das Essen und der Anblick von Herrn Nahpets machten sie lüstern. Ihre Augen wurden noch größer, als sie die Götterspeise zwischen dem Schokoladen-Fondue entdeckte.
    „Oh, Götterspeise mag ich am liebsten! Besonders die mit Waldmeistergeschmack. Ich liebe das Grün so sehr“, sagte sie freudig, während sich ihre Blicke schon in dem transparenten Grün verloren.
    „Darf ich dich füttern“, fragte Herr Nahpets mit einem Hauch von Erregung in seiner Stimme.
    „Ja, gerne“, hauchte Cindyrella sinnlich und schmolz dahin, als Herr Nahpets anfing, ihr die Speise in den Mund einzuflößen.
    Er fragte:“Schmeckt es?“
    „Du bist der beste Kater der Welt. Und ich liebe unsere optischen Gegensätze so sehr..Oh Mann, das macht mich richtig an. Du hast so viele Haare im Gesicht und überall..Oh Mann..du müsstest mal die außerirdischen Männer sehen, die sind überall blank. Genau wie deren Konto.“
    Herr Nahpets schwieg, so, wie es ein Gentleman eben tat. Er mochte ihre Ehrlichkeit sehr und die Art, wie sie sich ihm gegenüber verhielt. Sie war ihm in allem ergeben und ließ sich gut von ihm leiten. Sie gehorchte ihm und Herr Nahpets konnte alles mit ihr machen, was er wollte. Er liebte das Wechselspiel aus Romantik und Härte. Aber: Keiner davon durfte davon erfahren, welche Spielchen er trieb.
    Nachdem er sie mit der Götterspeise gefüttert hatte, konnte er seine Bedürfnisse nicht mehr zurückhalten.
    „Willst du mehr“, fragte er fordernd.
    „Mehr Götterspeise?“
    „Nein, das meine ich nicht. Komm mit.“
    Wieder nahm Herr Nahpets Cindyrella an die Hand und führte sie nach draußen.
    „Willst du mich entführen“, fragte sie grinsend.
    „Ja, so in etwa. Ich zeige dir mein Haus am Strand.“
    „Du hast noch ’n Haus? Wow!“
    „Ja, hab ich und da findet uns keiner, weil es für andere unsichtbar ist.“
    „Cool“, staunte Cindyrella.
    Es war schon abends und die Sonne war längst im Wasser verschwunden, als sie an den Strand kamen. Es herrschte tiefe Dunkelheit und die Wellen des Wassers sorgten für eine angenehme Brise.
    „Wir müssen noch ein kleines Stück laufen, da hinter dem Wald ist es“, sagte Herr Nahpets und zeigte mit den Finger zum Horizont, der im Dunkeln verschwand.
    „Okay, bin gespannt.“
    „Ein großes Bett hab ich auch, wenn du weißt, was ich meine“, deutete Herr Nahpets vielversprechend an.
    „Oh mein Gott, ich war noch nie mit einem Kater im Bett!“
    „Tja, und ich auch nicht mit einer Außerirdischen. Aber ich kann mich bei dir einfach nicht mehr zusammenreißen, du machst mich so an!“
    Als die beiden endlich das kleine Häuschen am Strand erreicht haben, fielen die beiden wie zwei gegensätzliche Teenies unterschiedlicher Gattung übereinander her.
    Herr Nahpets musste lächeln, als er noch etwas grüne Götterspeise am Dekolleté von Cindyrella kleben sah und sie aus purer Freundlichkeit ableckte, die sich danach in Lust verwandelte.
    Die beiden verbrachten einen wunderschönen Abend im Haus am Strand und wenn sie nicht gestorben sind, dann machen sie das immer noch.

  • Er war besoffen

    Er war besoffen und am Ende beides: besoffen und ekelhaft.

    ‚Ich bin in 15-20 Mins da‘, schrieb ich ihm per SMS.
    ‚Okay, bis gleich‘, war seine Antwort.

    Ich saß im Zug und freute mich auf das Treffen. Dabei hatte ich zuerst keine Lust, weil ich müde und kaputt von der Arbeit war. Während der Zugfahrt wurde ich zum Glück wieder etwas munterer und schaute mir die verschneite Landschaft an, die im Sonnenlicht blitzte.
    Als ich am Bahnhof ankam, ging ich langsamer als sonst, da ich die Winteridylle noch etwas genießen und nicht früher da sein wollte, als abgemacht. Ich hatte mich zeitlich ein wenig verschätzt, 5-10 Minuten wären exakter gewesen.

    Vom Bahnhof war es nicht mehr weit zu ihm – meinem Freund (Kumpel).
    Nachdem ich zwei Mal an der Tür klingelte und seinen Hund schon aufgedreht bellen hörte, machte er endlich die Tür auf. Hatte mich schon gewundert, was da los war.
    Eine richtige Begrüßung gab es in dem Moment nicht, da er damit beschäftigt war, seinen nervigen Hund beiseite zu räumen. Sein Hund begrüßte mich freudig, indem er mich ansprang und mich fröhlich anschaute. Von seinem Herrchen hätte ich das mehr erwartet. Danach passierte erst einmal nichts mehr. Kaffee trinken und TV gucken stand auf dem Programm, schön gemütlich alles und sehr neutral. In einer Wohnung, in der die Heizung auch im Winter aus blieb – trotz Frauenbesuch. Ich musste mir also warme Gedanken machen und die regte ich an, indem ich die ausstehende Begrüßung einfach spontan nachholte und ihn umarmte. Er reagierte eher emotionslos und gelassen, obwohl ich das bei meinem Outfit nicht verstehen konnte. Normalerweise war das die Garantie für ein vielversprechendes Treffen. Statt mit Nähe und Geborgenheit wurde die Leere mit Gesprächen über die vergangenen Wochen gefüllt. Wir sprachen über ganz normale Dinge, als er im Sessel saß und ich neben ihm auf der provisorischen Couch lag. Er fragte mich, ob ich auch was naschen wollte. Er hatte Schokokugeln, die mit Nougat gefüllt waren. Ich mochte Nougat nicht besonders, mir war das zu cremig. Außerdem hatte ich wie immer keinen Appetit auf Ungesundes. Schokolade ging mir schon lange am Arsch vorbei. Selbst an Weihnachten. Er hingegen klagte darüber, wie sehr er über die Festtage zugenommen hatte. Er konnte schlecht damit umgehen, wenn er Süßes im Haus hatte und sah sich gewissermaßen dazu gezwungen, es zu essen. Schlimm. Mir konnte das nicht passieren. Meinen bunten Teller hatte ich immer noch und konnte mich beherrschen.
    Er fragte mich, ob ich ein Glas Sekt trinken wollte und ich verneinte sein Angebot. Mir war es noch zu früh für Alkohol. Dann lieber Kaffee.

    Im Laufe des Nachmittags erledigten wir einige alltägliche Dinge in der Stadt, die alle nichts mit einem romantischen Date zu tun hatten. Schließlich war es auch kein Date, sondern ein freundschaftliches Treffen, bei dem einer verknallt war und der andere nicht. Ich war diejenige, die hierbei die Arschkarte gezogen hatte. Konnte mich aber damit abfinden, wenn ich die Sache mit genug Abstand betrachtete. Sein Hund kam auch mit und drängte sich zwischen unsere Zweisamkeit.
    Er besorgte sich Geld, dann holten wir sein fertiges Auto von der Werkstatt ab und danach fuhren wir billig einkaufen, denn es musste immer gespart werden. Ganz zum Schluss ging es noch in den Getränkeladen, um einen Kasten Bier für die nächste Feierlichkeit zu besorgen.
    Als wir gegen Abend wieder zu Hause waren, ging es zurück auf die Couch und unter die Hundedecke, weil mir langsam kalt wurde. Das Wort ‚Heizung‘ zu erwähnen war mir zu peinlich. Die anfallenden Heizkosten hätten sein Budget gesprengt.

    Abends bot er mir erneut eine Flasche trockenen Rotkäppchensekt an, von der er ein ganzes Six-Pack in der Küche stehen hatte. Das war der Rest von Weihnachten, da er selber keinen Sekt trank, sondern in hasste. Frauenkram eben.
    Da ich den ganzen Tag noch nichts gegessen hatte, war mir klar, dass der Sekt diesmal besonders gut anschlagen würde. Zudem wurde mir auch klar, dass ich Sekt immer sehr gut vertragen hatte, egal unter welchen Umständen. Also trank ich ein Glas nach dem anderen. Aus Frust, aus Langeweile und auf die Hoffnung, dass der Abend nett endet. Geschmeckt hatte er mir jedoch auch. Der Sekt war prickelnd genug und das Erste, was mein Bauch an dem Tag zu sich nahm.
    Wie würde es jetzt wohl weitergehen, dachte ich. Abwarten.
    Er holte in der Zeit seinen konservierten Hechtkopf hervor und fing an, ihn sorgfältig mit Ölfarben anzumalen. Ich schaute weiterhin meine Lieblingssendungen im TV. Wir beide gingen unseren eigenen Beschäftigungen nach, was auch gut war. Man musste ja nicht ständig alles zusammen machen.
    Meine insgeheime Frage wurde nach einer Stunde prompt beantwortet. Es kam der Vorschlag in unsere Lieblingskneipe zu gehen. Davon gab es zwei. Ich ließ mich überraschen.
    Er räumte seinen Hechtkopf wieder weg, dem er die Kiemen knallrot angemalt hatte, sodass es insgesamt ziemlich unecht aussah. Auch mit der weißen Farbe auf der Unterseite hatte er zu sehr übertrieben. Der Hechtkopf sah unnatürlich und plastisch aus, bis er auf die Idee kam, die Farbe nochmals mit Terpentin zu verdünnen. Danach wirkte der Hechtkopf schon etwas echter und transparenter. Mein Vorschlag, ihn pink anzumalen, kam nicht durch. Schade, es wäre mal etwas anderes gewesen.
    Nun musste die Farbe erst einmal trocknen. Wer weiß, wann mein Freund das nächste Mal Zeit für die Bemalung hatte. Irgendwie stand der Hechtkopf schon ewig in der Küche und wartete auf Vollendung. Er fing kurzzeitig sogar schon einmal an zu schimmeln. Mein Freund konnte den Prozess aber noch rechtzeitig aufhalten. Der Hecht hatte also bereits eine Menge durch.

    Wir rauchten noch eine und betrachteten dabei den Hecht aus geringer Entfernung. Eigentlich wusste ich gar nicht, was ich zu dem Teil noch sagen sollte, da ich nicht nachvollziehen konnte, warum man tote Tiere anmalt und sie dann als Deko an die Wand hängt.
    Anschließend ging es raus aus der Wohnung, ohne Hund. Er hatte heute genug Auslauf gehabt und schlief nur noch. Der Hund war fix und fertig, aber zum Kratzen hatte er noch genug Kraft.
    Endlich wieder frische Luft! In seiner Bude hielt ich es kaum aus. Dort roch es undefinierbar nach Hund und ich hatte das Gefühl, dass auch der Geruch von Alkohol in der Luft stand. Aber ich war mir nicht sicher. Auf jeden Fall lag der Geruch nah an der Kopfschmerzgrenze bei längerem Aufenthalt. In meiner Wohnung roch es anders, meist nach Duftölen.
    Draußen war es angenehm mild, trotz Winter und Schnee.
    Bis zur Kneipe war es nicht weit und drinnen war es nicht gerade voll, wie man von außen erkennen konnte. Von daher war auch unser Stammplatz frei.
    Direkt bei uns auf der Bank saß noch ein Typ. Mein Freund fragte, ob wir uns dazusetzen durften. Die beiden kannten sich von irgendwoher flüchtig und fingen gleich ein Gespräch über das Gitarrespielen an. Dort konnte ich mich leider nicht einmischen, da ich keine Ahnung davon hatte. Mein bestelltes Bier kam erst nach einigen Minuten, sodass ich mich kaum ablenken konnte. Aber die Zigaretten taten dafür in der Zwischenzeit ihr Bestes.
    Nachdem mein Bier endlich kam, rauchte und trank ich gleichzeitig. Ich versuchte mit Absicht cool zu wirken, im Halbdunkel der Kneipe. Im Hintergrund lief die ganze Zeit Rockmusik, die meine Grundstimmung unterstützte: Sex, drugs and rock’n’roll. Nur war von Sex momentan nichts zu merken, da auch ans Küssen nicht zu denken war. Unbewusst strahlte mein Freund Lustlosigkeit aus. Ich bemerkte die blaue Lichterkette über ihn.
    „War die letztes Mal auch schon da?“, fragte ich und deutete mit dem Blick an die Decke.
    „Nein, die ist wohl neu“, antwortete mein Freund und fand auch ein wenig Interesse an der Beleuchtung. Sie schimmerte so schön blau.

    Irgendwann unterhielt sich der Typ neben mir mit anderen Leuten, da ihm wohl klar wurde, dass er uns auf eine Art störte. Ich war froh, dass wir nun unsere Ruhe hatten und uns angetrunken unterhalten konnten. Diese Gespräche sind oft sehr ehrlich und sinnvoll, da es immer darum geht, warum wir uns eigentlich treffen.
    Er dachte jedes Mal, dass das keine gute Sache wäre. Weil ich verknallt war und er nicht.
    Aber wir mochten uns trotzdem.
    Er sagte: „Du quälst dich doch nur selber, wenn wir uns treffen. Das ist nicht gut und ich fühl mich auch nicht wohl dabei.“
    „Doch, ist schon okay. Schließlich kann ich das selber entscheiden. Für mich wär’s schlimmer, wenn wir uns gar nicht mehr sehen würden. Dann lieber so wie jetzt. Auch, wenn’s nicht richtig ist. Nichts ist richtig bei uns“, antwortete ich schnell. Dabei wusste ich selber, dass das alles hier nicht in Ordnung und dass es für ihn auch nicht gerade leicht war.
    Dann fragte er mich:“Was wäre, wenn ich jetzt eine Frau treffen würde, die mir gefällt und ich sie hier vor deinen Augen ansprechen würde?“
    Tja, scheiß Frage, dachte ich.
    „Natürlich wäre das scheiße, was sonst?“, sagte ich genervt. „Das kannst du machen, wenn du alleine bist, aber nicht, wenn ich zu Besuch bin.“
    Danach stellte er mir noch einmal diese Was-wäre-wenn-Frage. Da wurde mir bewusst, dass das tatsächlich passieren konnte und ich nicht einmal ein Recht darauf hätte, ihn davon abzuhalten, andere Frauen anzuquatschen, die ich nicht toll fand.
    Trotzdem wollte ich daran nicht denken. Unsere anderen Treffen liefen auch alle entspannt ab, ohne solche Fragen und ohne Dates, die nebenbei liefen.
    Natürlich konnte er machen, was er wollte. Ich war nicht seine Freundin und hatte keinen Anspruch auf ihn. Selbst meine Bedürfnisse musste er nicht befriedigen.
    Es gab immer nur diese eine Antwort auf alles: Wir beide waren kein Paar und eine normale Freundschaft war es auch nicht, wenn wir im Bett landeten. Es war viel mehr ein Gefühlschaos, das ich mir selber eingebrockt hatte, weil ich wahrscheinlich irgendwie masochistisch veranlagt war oder was auch immer. Sonst hätte ich mir so etwas wohl nicht angetan. Welche normale Frau ließ sich so von ihren Gefühlen herunterzuziehen und ausnutzen.

    Unsere angetrunkenen Gespräche hatten also immer den gleichen armseligen Inhalt.
    Die Sache mit uns und der damit verbundenen Hoffnungslosigkeit, die ich mittlerweile einigermaßen akzeptieren konnte.
    Jedes Mal erklärte er mir ausführlich, dass sein Bauch gegen mich war und dass er keine Macht gegen seine Gefühle hatte. Sein Bauch sagte nein und er glaubte ihm fromm. Sein Bauch hatte mehr Macht als sein Herz und sein Gehirn. So kam es mir vor. Das Schlimmste war, dass es danach aussah, als hätte sein Bauch seinen Verstand komplett verloren.
    Aber ich akzeptierte es, was blieb mir anderes übrig. Seine Meinung stand fest. Meine Vorteile konnten ihn nicht überzeugen. Jedes Mal erklärte ich ihm, dass andere Frauen ihn und sein Leben nicht tolerieren könnten und zählte dabei jeden einzelnen Grund auf, warum es mit anderen Frauen auch nicht funktionieren konnte. Ich fand meine Erklärungen gut gelungen und sehr überzeugend. Vor allem war jeder Punkt nachvollziehbar und insgeheim wusste er vielleicht, dass ich recht hatte.
    Aber weil sein Bauch trotz allem nein sagte, blieb er eisern bei seiner Meinung. Schließlich hatte er genug schlechte Erfahrungen mit Frauen gesammelt. Diesmal wollte er vorsichtiger sein und lieber gleich auf sein Gefühl hören, bevor alles zu spät war. Er wurde schon zig Mal verlassen.

    Ich trank nach dem Gespräch artig mein Bier aus ohne zu heulen.
    Die Tränen wären umsonst gewesen, von denen gab es in den letzten Wochen schon genug. Ich konnte nicht immer wegen der gleichen aussichtslosen Sache heulen.
    Als ich mein zweites Bier bestellte, ließ ich es mit Sekt mischen. Ich brauchte das.
    Danach folgten wieder anstrengende Gespräche über Liebe, Zukunft und Familie. Wir schafften es nie, uns über andere Dinge zu unterhalten, da ich noch zu viele offene Fragen hatte, deren Antwort ich eigentlich längst wusste, wenn ich in mich hineinhorchte und mir eingestand, dass wir doch sehr unterschiedlich waren, was gewisse Wünsche anging.
    Es waren lange Gespräche, über die Hoffnung, dass alles besser wird. Wirklich alles. Nichts ist zu spät, alles ist möglich. Ich hörte Sätze, die mir bekannt und egal waren, da ich das alles selber wusste. Dennoch konnte ich damit nichts anfangen. Meine Sturheit war einfach stärker, obwohl mir klar war, wie recht er mit jedem Satz hatte. Ich wollte es nur nicht hören, weil ich ihn wollte, anstatt mit jemand anderem glücklich zu werden, der viel besser zu mir passte.
    Ich hatte mich so in meinen Freund festgebissen, dass ich nicht mehr loslassen wollte. Dabei war mir völlig klar, dass es noch viel bessere Typen da draußen gab. Ich musste sie nur finden, oder sie mich und das war keine leichte Angelegenheit.

    Nun waren auch die Zigaretten im Big-Pack alle, das wir uns beide teilten, weil er keine gekauft hatte. Mein Sekt-Bier stieg mir langsam zu Kopf und ich wollte es nicht mehr trinken. Ich wusste genau, wann Schluss ist und ich war für keinen weiteren Schluck bereit. Das Glas war noch fast voll. Er hingegen trank wohl schon sein 5. Bier. Ich hatte nicht mehr gezählt, weil das Trinken bei ihm schnell ging.
    Kurz nach Mitternacht schlug er vor, noch in die andere Kneipe zu gehen. Ich fand es schon sehr spät und hatte eigentlich ganz andere Gedanken. Ich wollte nach Hause, sagte aber nichts. Er wäre sicher nicht begeistert gewesen. Ich ließ Sekt-Bier stehen, denn er hasste dieses Zeug und konnte mir nicht beim Austrinken helfen. Vielleicht wäre es besser gewesen, wenn ich es nicht bestellt hätte.
    Trotzdem war ich bereit, der Bedienung noch genug Trinkgeld zu geben. Dann gingen wir raus in die Nacht. Auf der Straße war nichts mehr los.
    Ich war etwas wackelig auf den Beinen und meine Zunge war beim Sprechen schon ziemlich lasch. Aber ich hatte noch alles perfekt unter Kontrolle, weil ich mir Mühe gab.

    Die nächste Kneipe befand sich in einer anderen Nebenstraße, die nicht weit entfernt war. Dort war bisschen mehr los.
    Ich sagte gleich, dass ich nur einen Orangensaft will, da ich keinen Bock mehr auf Alkohol hatte. Er bestellte dagegen sein nächstes Bier. O-Saft wurde dort bestimmt sehr selten bestellt.
    In der Kneipe war es bequem, überall standen alte Polstermöbel und abgewetzte Sofas. Vergilbte, angerissene Tapeten an den Wänden und viel Ramsch, der schon einige Jahre hinter sich hatte und teilweise unvorteilhaft im Weg stand. Man konnte sagen, es wirkte schäbig und möhlig. Es war eben eine sehr alternative Kneipe und ich fühlte mich zumindest wohl auf dem Sofa. Die Kerzen waren in Flaschen gesteckt und der mit leeren Bierflaschen zugestellte Tisch vom Vorgänger wurde noch nicht aufgeräumt. Dem Betrieb war das anscheinend egal, da wurde nicht besonders auf Regeln und Sauberkeit geachtet. Voller Aschenbecher? Kümmer‘ dich selber drum!
    Ich hatte nichts dagegen, denn ich hatte diesen Laden nie anders kennengelernt. Von dem Flair war auch ich sehr angetan. Es war eben eine Kneipe, die ich sympathisch fand, weil sie nicht perfekt war.

    Kurz nachdem wir uns auf das Sofa in der Ecke setzten, bekamen wir schon Besuch von einem Typen, der völlig drüber war und binnen weniger Minuten seine ganze verkorkste Lebensgeschichte erzählte, ohne dass es ihm peinlich war. Er merkte nicht, dass seine Anwesenheit unsere Zweisamkeit enorm störte. Der checkte gar nichts mehr, sondern erzählte ohne eine Pause zu machen eine Story nach der anderen. Wir fragten uns, was der wohl genommen hatte? Mit Sicherheit war es nicht nur Alkohol. Der fremde Typ war überdreht und verrückt, wie man an seiner Mimik und Gestik unschwer erkennen konnte. Wir bekamen von ihm auch Getränke und Zigaretten spendiert, einfach so, weil er nicht ganz dicht war.
    Er sagte mir, er hätte einen Psychiatrieüberweisungsschein vom Arzt bekommen und fragte, ob ich ihm ein paar Tipps geben könnte. Beruflich ja, aber privat wollte ich mit solchen Problemen nicht allzu viel zu tun haben. Noch ehe ich antworten konnte, erzählte er schon andere Dinge und schweifte ab.
    Seine Klopausen nutzten wir, um uns über private Dinge zu unterhalten und darüber zu lästern, wie dämlich sich der Typ benahm. Leider kam er jedes Mal zu schnell zurück und nervte uns weiter. Wir ließen uns das sehr lange gefallen. Bis der nächste verrückte Typ dazu kam, der wie eine Kopie des anderen wirkte. Wir wussten nicht, ob die beiden sich kannten. Der neue verrückte Typ war sogar noch härter und prahlte, wie viele Strafen er hatte und zwischendurch auch im Knast saß. Dieser Typ geizte auch nicht mit Komplimenten, die an mich gerichtet waren. Ich ging nicht weiter darauf ein, sondern grinste ihn nur gespielt an. Wahrscheinlich machte er jede Frau mit den gleichen Sprüchen an, da sie altmodisch nach Standard klangen.
    Auf die die Frage:„Wie heißt du?“, entgegnete ich zickig: „Geht dich nichts an.“
    Ich wollte meine Ruhe haben und nicht mit kranken Männern flirten, die notgeil waren.
    Mein Freund hingegen machte kein Geheimnis aus seinem Namen.

    Die beiden Verrückten verwickelten meinen Freund in komplizierte Gespräche, in denen es um Hartz IV und aktuelle Lebenssituationen ging. Anspruchsvolle Themen im betrunkenen Zustand. Ich hatte Angst, dass das ausartet und sich mein Freund um Kopf und Kragen redet. Er versuchte sich zu rechtfertigen, obwohl er das gar nicht nötig hatte. Vor allem ging das niemandem etwas an, wie mein Freund bisher in seinem Leben scheiterte. Er erzählte ihnen einige private Dinge aus seinem Lebenslauf. Ich fand es traurig und musste ohne Worte zugucken. Mir wurde das alles unangenehm und ich spürte, wie ich diesen Abend immer bescheuerter fand. Es kam mir vor, wie in einem Alptraum. Ich war mit einem Freund verabredet, damit wir uns einen schönen Abend machen konnten und andauernd wurden wir von verrückten Fremden, die nicht alle Tassen im Schrank hatten, gestört und angeflirtet. Es konnte nicht wahr sein. Vor allem diese dämlichen Gespräche die ganze Zeit. Ich war wenigstens so schlau, nicht darauf einzugehen.

    Als es meinem Freund endgültig zu viel mit den beiden wurde, schlug er vor, dass wir nach vorne an den Tresen gehen. Ich fand die Idee gar nicht gut, da es dort voll war und man nicht sitzen konnte. Die Leute standen alle eng aneinandergequetscht am Tresen, der in einer Ecke endete und ich hatte keine Lust darauf, mich dort auch noch hineinzustopfen und keinen Platz zu haben. Ich hasste sowas! Aber ich ließ nach und ging mit ihm dort hin, obwohl ich mir gewünscht hätte, nach Hause zu gehen, da es fast halb drei war. Wie sollte es hier noch weitergehen? Warum wollte er unbedingt zum Tresen?

    Ich stand doof herum und mein Freund fand schnell Anschluss unter all den anderen Betrunkenen. Er traf einen Bekannten und die beiden starteten eine angeregte Unterhaltung. Mein Freund war angetrunken genug, um seinen Kumpel zu erzählen, wie sympathisch er ihn fand und all solchen Kram. Nebenbei hörte ich die Worte ‚Frauen‘ und ‚Verkupplung‘ heraus und merkte, dass es hier um Sachen ging, die ich nie hören wollte. Obendrein wurde ich in meiner Anwesenheit gar nicht mehr beachtet und kam mir vor, als wäre ich gerade nicht gewollt. Ich beobachtete diese Situation noch ungefähr zwei Minuten, bis ich mich kurz und knapp mit ‚ich gehe‘ verabschiedete. Ohne über die Konsequenzen nachzudenken. Ich hatte schon Minuten davor mit diesem Gedanken gespielt, hatte mir aber eingeredet, mich zusammenzureißen und nicht überzureagieren. Es klappte nicht, weil ich innerlich platzte.
    Ich ging einfach, dabei hatte ich nicht einmal meinen O-Saft bezahlt. Mein Freund würde das schon übernehmen. Wer sonst. Die Apfelsaftschorle hatte mir ja der andere Typ spendiert. Hoffentlich wusste er es noch.

    Ohne einen Schlüssel zu haben ging ich nach Hause.
    Natürlich war ich der Meinung, dass mein Freund mir gleich folgen würde. Auf dem Weg nach Hause dachte ich an gar nichts mehr. Ich war völlig leer und ging wie apathisch durch die ausgestorbene Fußgängerzone. Nicht einmal weinen konnte ich, da ich nichts mehr spürte. Ich merkte nur, wie der Wind an meinen Beinen entlangzog und sah das fahle Licht der Laternen.
    Als ich zu Hause ankam, setzte ich mich auf die kalte Steintreppe vor der Tür, wie ein ausgesetzter Penner. Ich trug nur eine dünne Strumpfhose und Hotpants. In meiner dunkelgrünen Winterjacke sah ich äußerlich aus wie eine Tanne und sie wärmte mich auch so. Ich konnte nicht behaupten, dass mir kalt war. Nach einer Weile zog ich meine Handschuhe an, was sollten die auch länger nutzlos in der Tasche bleiben. Die Kälte des Bodens zog sich allmählich durch die Sohle meiner Boots und ich fing an, leicht zu frösteln. Aber richtig kalt war mir immer noch nicht. Hin und wieder hörte ich Schritte durch die Straßen hallen, es kam aber nie jemand in meine Nähe.
    Ob mich jemand aus dem Haus von gegenüber beobachtete? Mir war es egal. Sollten die anderen Leute denken, was sie wollten. Wahrscheinlich sah mich niemand, um die Zeit schliefen alle.
    Dennoch schaute ich mich suchend nach anderen Menschen um. Aus manchen Fenstern brannte noch Licht. Ansonsten herrschte überall Stille.

    Ich hoffte, dass mein Freund bald auftauchen würde und schaute andauernd auf die Uhr, während die Zeit kaum merkbar voranschritt. Es konnte doch nicht sein, dass er sich keine Sorgen macht? Ich rechnete in jeder Minute mit ihm und versuchte, ob ich seine Stimme aus der Ferne hören konnte. Aber nie war es seine, obwohl ich mir das eine Mal fast sicher war.
    Normalerweise hätte er längst da sein müssen. Er wusste doch, dass ich nicht woanders hinkonnte und keinen Schlüssel hatte. Wie konnte er mich nur so lange sitzen lassen und mich vergessen?
    Ich wartete ungefähr eine Stunde in der Kälte und versuchte ihn zwei Mal anzurufen, wobei ich jedes Mal das Angebot bekam, mit seiner Mailbox zu sprechen. Eine Stunde hatte ich auf der Treppe gesessen, ich konnte es kaum glauben, denn es kam mir gar nicht so lange war. Das lag wohl daran, dass ich selber nicht völlig nüchtern war und sich mein Empfinden verändert hatte.
    Mir reichte es. Das war respekt- und rücksichtslos, mich alleine in der Kälte stehen zu lassen! Sicherlich war das meine eigene Schuld, da ich einfach abgehauen war, aber es gab einen Grund dafür. Ignoranz und zerstörerische Themen, von denen ich nichts wissen wollte. Welche Frau würde sich so etwas antun?

    Ich beschloss, dass ich wieder zurück in die Kneipe musste.
    Hier draußen hatte ich nichts mehr verloren und er würde wahrscheinlich nicht von alleine nach Hause kommen. Also ging ich durch die ganze Stadt und suchte diese verdammte Kneipe, wobei ich mich nicht genau daran erinnern konnte, wo sie war. Mir wurde wieder wärmer, als ich mich bewegte. Ich lief schnellen Schrittes einige Seitenstraßen ab und suchte auf der Straße nach bunten Lichtern, die sich vor der Kneipe befanden. Aber sie waren nirgendwo zu sehen. Vielleicht leuchteten sie nicht die ganze Nacht. Ich lief die Straßen auf und ab. Letztendlich folgte ich meinem Bauchgefühl und bog in eine ganz andere Straße ein. Mehr Möglichkeiten gab es nicht mehr.
    Nachdem ich ungefähr zwanzig Minuten nervös gesucht hatte, fand ich endlich diese beschissene Kneipe und sie war noch geöffnet. Hoffentlich war mein Freund noch da, denn es wäre blöd gewesen, wenn wir uns verfehlt hätten.
    Ich hatte keine Ahnung, was mich dort drinnen erwarten würde und ging mit einem flauen Gefühl in diesen Laden, der inzwischen wieder richtig voll geworden war.
    Was ist in dieser einen Stunde passiert?
    Wo kamen all diese Leute auf einmal her?
    Es war mitten in der Nacht und in dem Laden war mehr Stimmung, als je zuvor. Ich schaute in der Menschenmenge am Tresen nach meinem Freund und sah ihn ganz versteckt in der Ecke stehen, umzingelt von anderen Leuten. Er sah mich wohl auch gleich. Ich drängte mich wütend durch die Enge und mir war es egal, wen ich dabei anrempelte. Pech, wenn kein Platz war, aber ich musste durch. Was mussten die da auch alle dicht an dicht stehen.

    Ich sah, dass er sich mit einem anderen Mädel unterhielt, das am Tresen saß und er nahm einen Zug von ihrer Zigarette, warum auch immer. Sie trug eine hellblaue Jeans, eine schwarze Sweatjacke und eine schwarze Mütze auf ihrem blonden Kurzhaarschnitt. Sehr lässig. Und sie hatte ein hübsches Gesicht, mit einem lieblichen Ausdruck. Ganz entzückend.
    Das Mädel hatte jedoch noch mehr Flirtpartner an jeder Seite, wirkte aber nicht allzu interessiert daran. Als ich bei meinem Freund ankam, fragte er mich nur, wo ich war und ich sagte, dass ich draußen vor der Tür herumgesessen hatte und jetzt nach Hause wollte – schon seit zwei Stunden. Laut seiner Aussage war er mir noch kurz hinterhergelaufen, als ich abhaute und ist dann wieder zurück in die Kneipe gegangen, weil es dort schöner war, als zu Hause im Bett.
    Da er nichts kapierte, fragte er mich gleich noch einmal danach, ob ich nach Hause will. Das passierte noch einige Male und meine Antwort kam nicht im geringsten zu ihm durch, weil sein Hirn schon voll mit Alkohol und er verballert war. Irgendwann ist jedes Bier ein Bier zu viel. Ich schätzte, dass er inzwischen schon zwölf Biere intus hatte.

    Ich stand die ganze Zeit neben all den anderen Leuten angepisst neben ihm und zog eine Fresse, die jeden vernichtete. Als er sah, dass ich nicht glücklich war, zupfte er zuerst ein paar Mal an meiner Mütze, bevor er sie mir vom Kopf zog und stupste mich liebevoll mit seinem Arm an. Das Stupsen wurde nach und nach immer stärker. Ich ignorierte all diese Zeichen und hasste es umso mehr, dass er nichts mehr merkte.
    Die Musik wurde immer lauter und die anderen Leute grölten wie bekloppt und schrien zudem auch noch wie grunzende Schweine. Ich war wahrscheinlich die Einzige, die in diesem Laden noch nüchtern war und die Sache mit Abstand neutral beobachten konnte. Irgendwann wurde ein Sex-Song aus der Anlage geschossen, der alle noch einmal richtig ausrasten ließ. Ein besoffenes Mädel stieg auf den Tresen, zusammen mit einem Typen, der eventuell ihr Freund war und machten sich dort komplett zum Affen, wobei sie nicht die einzigen Affen waren, denn der ganze Laden war voll von ihnen. Mein Freund stand mit einer neuen Flasche Bier in der Hand still da und guckte heimlich zu, wobei er an meiner fiesen Fresse nicht vorbeikam. Mir konnte niemand ein Lächeln von den Lippen locken, ich zog mein Ding durch, die Stimmung wenigstens ein bisschen zu verderben und die Aufmerksamkeit meines Freundes auf mich zu ziehen. Wie konnte er nur dabei zu sehen, wie es mir immer schlechter ging? Warum konnte er nicht endlich einsehen, dass jetzt Schluss war?

    Dann brodelte es wieder in mir und ich lief durch die Masse Richtung Ausgang. Im gleichen Moment wurde mir bewusst, dass ich das vorhin schon einmal gemacht hatte und dass es keine Chance gab, woanders hinzugehen. Ich wollte nicht wieder draußen in der Kälte ausgesetzt auf einer Treppe hocken und alleine sein. Mist.
    Also stopfte ich mich wieder zurück durch die Menge, während mein Freund mit der hübschen Frau redete. Bei dem verletzenden Anblick quetschte ich mich prompt wieder Richtung Ausgang, weil ich keine Ahnung hatte, was ich machen und wie ich damit umgehen sollte.
    Auf halbem Weg nach draußen ging wieder zurück, weil ich leider keine andere Wahl hatte.
    Die anderen Gäste zeigten mir deutlich, dass ihnen dieses Durchgequetsche und Geschubse langsam auf die Nerven ging. Aber mich störte es nicht, wir kannten uns alle nicht und ich konnte mich so daneben benehmen, wie ich wollte. An diese Nacht konnte sich eh niemand mehr erinnern.

    Dann stand ich wieder machtlos neben ihm.
    Mir reichte das alles dermaßen, dass ich ihn erneut darauf ansprach und ihn fast darum anflehte, endlich abzuhauen, es war schon spät. Ein bisschen drang zu ihm durch und er sagte:„Ich bring dich nach Hause.“
    Er ging mit mir Richtung Tür, nahm aber nicht seine Jacke mit.
    „Und was ist mit dir? Du musst deine Jacke doch noch mitnehmen! Mann!“
    „Ich komme nachher nochmal wieder, ich bring dich jetzt nur nach Hause und dann komm ich wieder her.“
    Ich sah ihn mit großen Augen an und wollte ihn fast anspringen.
    „ Du kannst mich doch jetzt nicht alleine zu Hause lassen? Wir beide waren heute verabredet und ich war dein Besuch! Das kannst du doch jetzt nicht machen?! Du kannst mich doch jetzt hier nicht so stehen lassen? Dauernd ignorierst du mich!“, und ich brach in Tränen aus.
    „Ich will aber noch hier bleiben und Spaß haben. Ich will noch nicht nach Hause“, sagte er, wobei er sein Gleichgewicht kaum noch halten konnte, und nach hinten kippte.
    „Du kannst doch gar nicht mehr richtig stehen! Guck dich doch mal an, du bist total dicht!“
    Seine Augen waren schon ganz klein und er hielt sie beim Sprechen geschlossen, weil das alles anstrengend war.
    „Ich will aber noch hier bleiben.“

    So ging unser Gespräch mindestens fünfzehn Minuten. Es war sinnlos und deprimierend.
    Mir schossen immer mehr Tränen in die Augen, weil ich sein Verhalten nicht verstehen konnte. Noch nie hatte er sich bei einem unserer Treffen so verhalten. Inzwischen war es halb fünf und es wäre Zeit gewesen, dass wir beide nach Hause gehen. Aber er wollte noch Spaß haben und trinken.
    Noch mehr! Wie viel wollte er noch trinken, wenn jetzt schon nichts mehr ging?
    Dann kam einer dieser verrückten Typen von vorher auf uns zu, weil er sah, dass wir Stress hatten und erklärte meinem Freund, dass er mich gefälligst nach Hause bringen soll. Er versuchte, auf ihn einzureden, aber erklärte auch deutlich, dass er sich nicht weiter in unsere Beziehungsangelegenheiten einmischen wollte. Er dachte immerhin, dass wir ein Paar wären, das Streit hat. Danach machte er sich mit einem Kompliment an mich langsam vom Acker.
    „Deine Augen sind echt gefährlich“, sagte er mir zum vierten Mal.
    Ich zeigte wütend auf meinen Freund und sagte: „Er ist an allem Schuld“, und schubste ihn.
    „Sorry, was immer da gerade passiert, regel das, mein Freund. Ich kann Frauen nicht weinen sehen“, war sein letzter Satz. Danach war der verrückte Typ weg und stellte sich an den Tresen.

    Mein Freund ging anschließend mit mir nach draußen, wir hatten uns lange genug drinnen angefaucht, sodass es alle mitkriegen konnten. Auf der Straße ging der selbe Alptraum weiter. Er hatte keine Einsichtsfähigkeit und ich versuchte ihm die Situation deutlich zu schildern. Ich wurde dabei sehr laut und teilweise ungehalten, aber es kam bei ihm nichts durch. Er merkte nicht, wie daneben er sich insgesamt verhielt.
    Weitersaufen, obwohl schon längst das Maß überschritten war.
    Weitersaufen, obwohl er eigentlich keine Kohle hatte und das Geld für andere wichtige Dinge brauchte.
    Weitersaufen, obwohl er kaum noch vernünftig stehen und sprechen konnte.
    Was hatte das alles mit Spaß zu tun? Eine Frau, die er im betrunkenen Zustand kennenlernen würde, wäre am nächsten Tag wieder Geschichte, da Betrunkensein mit der Realität nichts zu tun hatte. Alles nur Scheinwelt und noch mehr Probleme.

    „Ich hatte mir den Abend anders vorgestellt und nicht so beschissen“, schrie ich ihn wütend an, „so scheiße hast du dich noch nie verhalten. Du merkst echt gar nichts mehr. Guck dich doch mal an! Das ist total erbärmlich!“
    Er stand regungslos vor mir mit einem gleichgültigen Gesichtsausdruck.
    „Ich will aber noch feiern! Spaß haben, da ist Stimmung.“
    Als er immer wieder den selben Satz sagte und sich unsere Gespräche nur im Kreis drehten, gab ich endgültig auf und wusste, dass ich nicht erwünscht und völlig umsonst hier war. Ich war enttäuscht, so von ihm missachtet zu werden. Keine Spur von Sozialkompetenz und Empathie. Er war völlig anders, als er vorgab, zu sein. Wahrscheinlich war er mehr besoffen, als nüchtern, da die Kneipe sein Lieblingsort war. Ein Ort der Täuschung, nichts Wahres.

    Ich war wütend und traurig auf ihn, aber ich konnte mich nicht ständig wiederholen.
    „Entweder gibst du mir jetzt den Schlüssel oder du kommst mit“, sagte ich entschlossen.
    „Wenn ich mich drauf verlassen kann, dass du mich nachher reinlässt und nicht einfach abhaust, dann ja.“
    Ich wurde immer lauter:„Ich würde gerne sofort abhauen. Komm doch einfach mit jetzt, du Arschloch!“, und stampfte dabei mit den Füßen auf den Boden wie ein kleines Kind.
    Schon blühte die Diskussion erneut auf.
    „Nein“, sagte er emotionslos.
    „Ich hasse besoffene Männer, die sind echt zum Kotzen. Ich hätte echt nie gedacht, dass du genauso scheiße bist. Du bist echt zum Kotzen. Und jetzt gib mir den ollen scheiß Schlüssel!“
    Er war so betrunken, dass es ihn nicht mehr störte, wie ich ihn beleidigte und anschrie. Ich war sogar kurz davor, ihm eine zu knallen. Wäre das besser gewesen? Vielleicht hätte das ein bisschen geholfen, um ihn wach zu kriegen.
    Während unseres Streits wurde er am Anfang eines Wortes kurz laut, um seine Macht kurzzeitig zum Ausdruck zu bringen. Danach wurde er wieder gleichgültig in seinem Suff, leise und fast stumm. Ich konnte ihn mit meinen vernichtenden Worten nicht erschlagen und kränken. Wäre er nüchtern gewesen, hätte er sich das niemals gefallen lassen und hätte sich dagegen gewehrt.
    Dann gab er mir den Schlüssel und ging wankend zurück in die Kneipe.
    An seinem Schlüsselbund hing ein kleines Sorgenfresserplüschtier. Das hatte vorne am Maul einen Reißverschluss und sollte symbolisch all die Sorgen fressen, die man hatte. Wahrscheinlich war dieses Plüschtier längst tot, bei solch gravierenden Sorgen, die mein Freund hatte.
    Wieder einmal überkam mich Mitleid.

    Die Polizei fuhr im Schneckentempo durch die Fußgängerzone und ich hoffte, dass sie mich nicht aufhalten würden, weil meine Schminke so verwischt war und ich fertig aussah. Ich blickte extra auf den Boden, damit mich niemand sieht.
    Ja, ich war mit den Nerven am Ende. Schließlich hatte in der vorigen Nacht nur zwei Stunden geschlafen, nichts gegessen und mich nur im Toleranzbereich betrunken. Ich hatte die Schnauze voll und wollte, dass alles endlich zu Ende ist und ich wieder nach Hause fahren konnte. Die Bullen hätten meinen Freund mal mitnehmen sollen, dachte ich.

    Als ich in seiner Wohnung war, atmete ich gleich wieder diesen unangenehmen Geruch ein. Was war das nur?
    Dann kam sein Hund bellend auf mich zugerannt und ich stieß ihn abrupt mit dem Fuß weg. Er war das Letzte, was ich jetzt wollte. Oller Köter. Ich hatte nur wenig Liebe für ihn übrig, da er zu der Sorte gehörte, die jeden gleich anbellte und belästigte. Der Hund war ungezogen und böse veranlagt. Ich sperrte ihn in die Wohnstube, damit er mich in Ruhe ließ und nicht mit ins Bett konnte, so, wie er es sonst gewohnt war. Tiere im Bett gingen gar nicht. Er roch nicht gut und kratzte sich ständig wie besessen. Aber das Geld für einen Tierarztbesuch fehlte nun mal und der Hund musste darunter leiden.

    Eigentlich wäre ich gerne Baden gegangen, um mich aufzuwärmen. Zu Hause hatte ich leider keine Wanne. Aber da ich nicht wusste, wann mein Freund kommt, ließ ich es sein. Ich zog meine aufreizenden Klamotten aus und holte mein nächstes Outfit aus dem Rucksack. Eine wärmende schwarze Cordhose, auf der man gut die weißen Haare des Hundes erkennen konnte, die überall herumlagen und einen weichen grauen Wollpullover mit bunten Pailletten. In meinem kurzen Schlafsachen hätte ich nur noch mehr gefroren. Normalerweise hätte ich gehofft, dass ich jetzt jemanden zum Kuscheln gehabt hätte. So war das eigentlich auch geplant.
    Ich ging noch schnell ins Bad und schminkte mich ab, obwohl ich keine Lust hatte, mir die Wahrheit im Spiegel anzugucken. Ich sah blass und traurig aus. Die Haare lagen auch scheiße. Alles an mir wirkte enttäuscht und gestresst. Egal, mich sah sowieso keiner mehr. Dann legte ich mich auf die karge Matratze auf dem Fußboden, denn ein richtiges Bett gab es nicht.
    Viele wichtige Dinge fehlten in seiner Wohnung. Das meiste war vom Sperrmüll oder alte Möbel von der Ex-Ex-Freundin, die kaputt waren. Auch der Lichtschalter war mit Klebeband lose an der Wand befestigt und machte den Eindruck, dass man ihn lieber nicht benutzen sollte.
    Nichts war in der Wohnung perfekt. Nicht mal abwaschen konnte man in der Spüle, da etwas mit der Wasserleitung nicht stimmte und somit nicht funktionierte. Also wurde das winzige Waschbecken im Bad für den Abwasch missbraucht. Das Geschirr wurde dabei auf dem Klodeckel abgelegt. Alles sehr hygienisch. So what, mir war das ziemlich egal, anfangs. Ich hätte sein Leben schließlich komplett verändern können. Alles wäre mit mir anders und schöner gewesen. Aber er hatte mich abgelehnt und somit würde sein Leben vorerst so bemitleidenswert bleiben.

    Ich legte mich erschöpft ins Bett und zog mir die zerlöcherte Decke über den Kopf, die der Hund in seinen Wahn zerbissen hatte. Mir war kalt, trotz der warmen Sachen und mein Kopf tat weh. Ich wusste, dass die Kopfschmerzen von dieser blöden Kneipe kamen und von der fast ausgetrunkenen Flasche Sekt am Abend. Die Kopfschmerzen waren zwar mild, aber sie störten mich trotzdem. Bei jeder Bewegung, die ich langsam ausführte, entwickelte sich ein leichter Schwindel. Ich war froh, nicht mehr getrunken zu haben, denn sonst wäre es mir jetzt richtig schlecht gegangen.
    Schlafen konnte ich nicht. Ich sah ständig auf die Uhr und wartete, bis mein Freund kam. Irgendwann musste dieser Laden doch auch mal dicht machen. Sonst hatten die auch schon eher geschlossen und uns einmal fast herausgeworfen, weil wir um eins die Letzten waren. Nur diesmal waren die Inhaber selber zu besoffen und hatten Spaß an der ausschweifenden Stimmung.

    Ich hatte nur noch einen einzigen Gedanken: Wann fahre ich nach Hause? Schnell überprüfte ich mit dem Handy die Zugverbindungen und musste mich zwischen Ausschlafen mit Wohlbefinden oder Abhauen mit Unwohlsein entscheiden.
    Am liebsten hätte ich ausgeschlafen, da ich es jedes Mal übel fand, mit körperlichen Beschwerden nach Hause zu fahren. Dazu gehörten meist Übelkeit, Kopfschmerzen und starke Müdigkeit.
    Würde ich gleich morgens einen der ersten Züge nehmen, müsste ich diese miesen Gefühle in Kauf nehmen.
    Also stellte ich meinen Wecker vorerst zu um zwölf, das dürfte reichen, um halbwegs fit zu sein.
    Mit den Gedanken, wann ich abhauen will, war ich eine ganze Weile beschäftigt.
    Zwischendurch schloss ich die Augen, die inzwischen vor Müdigkeit wehtaten. Aber schlafen konnte ich trotzdem nicht, bei all der Aufregung.

    Irgendwann, gegen fünf Uhr morgens kam er nach Hause.
    Er musste klingeln, um in seine eigene Wohnung zu kommen und ich sprang sofort auf. Weil er so voll war, klingelte er gleich zwei Mal kurz hintereinander. Er hatte wohl Angst, dass ich nicht die Tür öffnete oder schon weg war. Ich wartete gespannt am Türspalt, während er sich die paar Treppen bis zur zweiten Etage hochschleppte. Aber er schaffte es ohne zu stürzen.
    Als er den Flur betrat, sagte ich nichts und ging wieder angenervt ins Bett. Ich schaute ihn nicht einmal an, darauf konnte ich verzichten.
    Im Bett lauschte ich dem Gepolter in der Wohnung und dachte, er würde jeden Moment hinfallen und sich den Kopf aufschlagen. Dann kam er zu mir ins Schlafzimmer, im Flur brannte noch das Licht und auch der Köter stürzte sich gleich mit ins Bett.
    Mein Freund ließ sich wie ein alter Sack quer auf das Bett fallen, seine Beine gaben nun endgültig nach und konnten ihn nicht mehr halten. Welch Wunder, dass er es überhaupt nach Hause geschafft hatte, denn der Weg war unter diesen Umständen recht weit.
    Da lag er nun, auf meinen Füßen. Er machte auf seine Art eine indirekte Andeutung, dass er mehr wollte. Das erkannte ich daran, wie er sich mit seinem Kopf in meine zugedeckten Füße wühlte und meine Beine über der Decke streichelte. Sehr offensichtlich und ein kleines bisschen offensiv. Merkte der echt gar nichts mehr?
    Ich strampelte meine Füße weg und sagte genervt:„Lass das!“
    Er war nicht in der Lage zu antworten.

    Dann wurde es plötzlich ruhig, es regte sich nichts mehr und ich hörte nichts.
    Das einzige was ich hörte, war ein Atmen gemischt mit einem leisen Schnarchen. Ich fragte mich, von wem das kam. Machte der Hund solche Geräusche oder mein Freund? Nachschauen wollte ich jedenfalls nicht und wartete, bis ich die Geräusche besser identifizieren konnte, da sie sich immer weiter ausprägten in ihrem Sound.
    Dann war mir klar, dass diese Schnarchatmung von meinem Freund kam, der in einer ungünstigen Pose eingeschlafen war. Ich guckte vorsichtig unter der Decke hervor, um das Elend neugierig zu betrachten.
    Mein Freund lag besoffen am Fußende in einer Position, die aussah, als hätte ihn jemand überfahren. Alle Gliedmaßen von sich gestreckt und den Kopf in die Matratze gedreht. Seine langen Haare verdeckten sein Gesicht teilweise. Ich hoffte nur, dass er nicht auch noch eingepullert hatte. Solche Dinge konnten leicht passieren, wenn man unter Kontrollverlust litt.
    Er schnarchte so laut wie noch nie und sein Atem überschlug sich regelrecht. Es machte mir etwas Angst. Die ganze Situation war mir nicht geheuer. Ich guckte wieder dauernd auf die Uhr, an Schlaf war nicht mehr zu denken. Stattdessen stellte ich mir vor, was ich nachher zu Hause mache und wie ich unter meiner Kuscheldecke auf der Couch liege. Außerdem hatte ich Lust auf warme Pizza und Sojamilch mit Vanillegeschmack.
    Der Handywecker von meinem Freund klingelte ab sieben Uhr in regelmäßigen Abständen. Es lag im Flur und ich wollte nicht aufstehen. Beim letzten Treffen erlaubte er mir, dass ich es ausschalten durfte, wenn es mich störte. Er hörte den lauten Wecker nicht und ich hoffte, dass er irgendwann von alleine ausging und das tat er. Paar Minuten später ging das ganze Gedudel von vorne los. Der Wecker stresste mich mit seinem Gute-Laune-Guten-Morgen-Sound, der so gar nicht in diese triste Umgebung passte.

    Ich versuchte trotz Wecker ein wenig zu schlummern und mich auf zu Hause zu freuen.
    Nun war mir klar, dass ich nicht erst mittags fahren wollte, sondern so früh wie möglich. Meine Kopfschmerzen konnte ich später auskurieren, die zwei Stunden Fahrt würde ich noch aushalten, wenn mich niemand ansprach und etwas von mir wollte. Ich hatte schon schlimmere Sachen durch, wie zum Beispiel mich völlig verheult und mit starken Kopfschmerzen in der Öffentlichkeit blicken zu lassen. Mit der Tatsache, dass ich an dem besagten Tag obendrein auf Schienenersatzverkehr angewiesen war. Das war mies.
    Ich stellte meinen überflüssigen Wecker zu um acht, damit ich gegen neun losfahren konnte. Die Zeit davor brauchte ich, um mich zu schminken und um mich eventuell zu verabschieden.

    Mein Freund schnarchte und schnarchte.
    Bis er auf einmal wach wurde, kurz lachte und aufstand.
    Was war jetzt los, dachte ich. Er polterte in der Küche herum und wühlte im Kühlschrank, wobei es teilweise ziemlich klirrte. Bekam er nun einen Fress-Flash, so wie es oft üblich ist, wenn man verkatert ist? Konnte er überhaupt richtig gucken, bei dem verschwommenen Tunnelblick?
    Dann ging er ins Bad und ich hörte, wie er sich seine Jeans auszog. War sie etwa doch vollgepullert? Nein, wahrscheinlich zog er sich nur seine Jogginghose an, damit es bequemer ist, denn die hatte er zu Hause immer an. Die Jeans war nach Weihnachten zu eng geworden und kniff ordentlich am Bauch. Das mochte er gar nicht. Dagegen musste er dringend etwas tun. Deswegen machte er sich jetzt sein Frühstück fertig.
    Ich hörte ein schrilles ‚Ping‘ aus der Küche. Ah ja, er hatte sich Brötchen aus der Tüte warm gemacht. Es gab Frühstück für ihn und er fragte mich diesmal nicht, da ich Nahrung eh immer ablehnte. Heute gab es sowieso keinen Grund mehr, mich nach meinen Wünschen zu fragen. Wir hatten uns nichts mehr zu sagen. Mein Freund hielt sich lange in der Küche auf. Dabei konnte ich mir nicht vorstellen, dass er schon ausgeschlafen hatte.
    Bevor mein Wecker klingelte, stand ich auf und ging ohne eine Begrüßung ins Bad, in dem noch das Licht brannte. Ich fragte nicht, ob er fertig war. Hauptsache, ich konnte bald nach Hause und diese Bude verlassen.
    Ich sah immer noch kacke aus, wie immer, wenn ich ungeschminkt war. Aber das änderte sich gleich und nach ein paar Minuten war ich wieder richtig zufrieden mit mir. Was Schminke alles kann…Auch meine Haare lagen wieder besser, dank Haarspray.

    Als ich aus dem Bad kam, lag mein Freund wieder brav im Bett.
    Wahrscheinlich alles Taktik, damit er mir aus dem Weg gehen konnte. Er lag genau dort, wo ich vorher gelegen hatte. Der Platz war noch warm. Ebenso gut hätte er gleich mit mir kuscheln können, wenn wir beide viel eher nach Hause gegangen wären. Er hätte alles in dieser Nacht haben können. Aber nein, es sollte nicht so sein.
    Nun lag er da, ganz selig mit dem Kopf in sein Kissen gegraben mit dem Blick zur Tür gerichtet. Seine Augen waren geschlossen, damit er mich nicht sehen musste.
    Ich packte meine Schminksachen in den Rücksack und schaute nach, ob ich nichts vergessen hatte. Das wäre ärgerlich gewesen, denn ich wollte nie wieder hier her kommen. In der Dunkelheit konnte ich jedoch nicht allzu viel erkennen. Eigentlich hatte ich ja auch nur mein Ladekabel ausgepackt, sonst nichts. Also, was sollte ich schon vergessen haben.
    Dann ging ich in den Flur und zog mich in Zeitlupe an. In einer Lautstärke, bei der ich mir erhoffte, dass er aufmerksam wird und sich anständig von mir verabschiedete. Ich raschelte und polterte, schlug die Tür von der Schrankgarderobe zu und tritt mit den Schuhen robust auf den Boden. Aber im Schlafzimmer tat sich nichts. Okay.
    Ich schaute nochmal nach, ob ich alles hatte und wühlte meine große Handtasche durch, in der sich nur wenig Inhalt befand.
    Als ich bereit zum Aufbruch war, ging ich in sein Zimmer und sagte energisch:„Ciao. Wir sehen uns nie wieder.“ Danach schlug ich die Zimmertür hastig zu. Aber leider war es nicht laut genug.
    Das mit dem Niewiedersehen hatte ich beim vorletzten Mal zwar auch schon gesagt, aber diesmal meinte ich es ernst. Ich wollte diese Bude nie wieder betreten und von diesem ganzen Elend nichts mehr mitbekommen. Dieses Treffen war eine Schocktherapie.
    Ich hatte mehr Mitleid, als alles andere und mir war klar, dass ich mein Leben mit niemandem tauschen möchte, da ich jetzt einsah, wie viel Glück ich hatte. Es gab keinen Grund, mit dem unzufrieden zu sein, was ich hatte.
    Sein Leben war nicht beneidenswert – nichts davon, nicht einmal im Ansatz. Sein Leben erinnerte mich eher an trauriges Scheitern, fernab von Glück und Gesundheit. Die Freude und der Spaß kamen nur durch das Trinken.
    Ich fragte mich in der schlaflosen Nacht oft, was ich eigentlich so toll an ihm gefunden hatte und ich konnte keine Antwort finden. Ich wusste es nicht. Wahrscheinlich war das alles nur eine Illusion und ich hatte mich in ihm getäuscht.

    Er reagierte nicht auf meine letzten Worte und lag da, ohne sich zu regen.
    Er schaute mich nicht einmal an. Ihm war es egal, dass ich für immer ging. Heute Abend gab es schließlich wieder genug zum Saufen und unser Treffen geriet somit für ihn schnell in Vergessenheit. Vielleicht wusste er dann gar nicht mehr, dass wir uns überhaupt getroffen hatten.
    Ich schlug die Haustür extra laut zu, als letzten Gruß. Meinetwegen hätte es noch lauter sein können, sodass das Schloss kaputt gegangen wäre. Wäre mir egal gewesen, er hatte ja meine Adresse nicht. Zum letzten Mal lief ich diese Treppen hinunter, vorbei an seinem Briefkasten ohne Schloss und raus aus diesem Haus Nummer 11.
    Danach ging ich zum Bahnhof, es war noch viel zu früh. Aber ich konnte nicht mehr bei ihm zu Hause warten. Ich wollte einfach nicht länger dort bleiben und viel wärmer war es in der Wohnung schließlich auch nicht. Also wartete ich eine dreiviertel Stunde in der kühlen Bahnhofshalle und schrieb eine letzte SMS:

    P.S.: Du warst echt ekelhaft letzte Nacht. Unterstes Niveau. Du hast recht, ich gehöre nicht in dein Leben und ich will es auch nicht mehr. Du hast mich völlig abgeschreckt und angewidert in den letzten Stunden. Sorry für meine Ehrlichkeit, aber so jemand passt dann doch tatsächlich gar nicht zu mir.

    Eine Antwort gab es dazu nicht mehr. Er war schon wieder mit Saufen und Party beschäftigt. Auf der Suche nach der perfekten Frau, die er nie fand.